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Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen III 1911 1.Hälfte"

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JAHRBUCH 



FÜR 



PSYCHOANALYTISCHE und PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN. 



HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. E. BLEULER und Prof. Dr. S. FREUD 

IN ZÜRICH, IN WIEN. 

REDIGIERT VON 

Dr. CG. JUNG, ^ 

PRIVATDOZENTEN DER PSYCHIATRIE IN ZÜRICH.ru-» „ 

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III. BAND. 






I. HÄLFTE. 



LEIPZIG und WIEN. 

FRANZ DEUTIOKE. 

1911. 




Verlags-Nr. 1848. 



Druck ron Rudolf M. Rohrer in Brunn 



Inhaltsverzeichnis 

der ersten Hälfte des dritten Bandes. 



Seite 
Freud: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Ge- 
schehens 1 

Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) 9 

Bertschinger: Illustrierte Halluzinationen 69 

Ferenczi: Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der 

Paranoia 101 

Jung: Wandlungen und Symbole der Libido 120 

Binswanger: Analyse einer hysterischen Phobie 228 

Jung: Morton Prince M. D.: The Mechanism and Interpretation of Dreams 309 
Spielrein: Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie 

(Dementia praecox) 329 

Rank: Ein Beitrag zum Narcissismus 401 

Pfister: Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie und 

der automatischen Kryptographie 427 

Bleuler: Eine kasuistische Mitteilung zur kindlichen Theorie der Sexual- 
vorgänge 467 

Jung: Kritik über E. Bleuler: Zur Theorie des schizophrenen Negativismus 469 
Bleuler: Antwort auf die Bemerkungen Jungs zur Theorie des Negati- 
vismus 475 

Maeder: Psychoanalyse bei einer melancholischen Depression 479 

Jung: Buchanzeige (Hitschmann, Freud's Neurosenlehre) 481 



Zusendungen an die Redaktion sind zu richten an Dr. C. GJ. Jung, 
Küsnacht-Zürich. 



Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens. 

Von Sig-iu. Freud (Wien). 



Wir haben seit langem gemerkt, daß jede Neurose die Folge, 
also wahrscheinlich die Tendenz habe, den Kranken aus dem realen 
Leben herauszudrängen, ihn der Wirklichkeit zu entfremden. Eine der- 
artige Tatsache konnte auch der Beobachtung P. Janets nicht ent- 
gehen; er sprach von einem Verluste ,,de la fonction du reel" als von 
einem besonderen Charakter der Neurotiker, ohne aber den Zusammen- 
hang dieser Störung mit den Grundbedingungen der Neurose auf- 
zudecken 1 ). 

Die Einführung des Verdrängungsprozesses in die Genese der 
Neurose hat uns gestattet, in diesen Zusammenhang Einsicht zu nehmen. 
Der Neurotiker wendet sich von der Wirklichkeit ab, weil er sie — 
ihr Ganzes oder Stücke derselben — unerträglich findet. Den extrem- 
sten Typus dieser Abwendung von der Eealität zeigen uns gewisse 
Fälle von halluzinatorischer Psychose, in denen jenes Ereignis ver- 
leugnet werden soll, welches den Wahnsinn hervorgerufen hat (Grie- 
singer). Eigentlich tut aber jeder Neurotiker mit einem Stückchen 
der Realität das Gleiche 2 ). Es erwächst uns nun die Aufgabe, die Be- 
ziehung des Neurotikers und des Menschen überhaupt zur Realität 
auf ihre Entwicklung zu untersuchen und so die psychologische Be- 
deutung der realen Außenwelt in das Gefüge unserer Lehren aufzu- 
nehmen. 



*) P. Janet, Les Nevroses. 1909. Bibliotheque de Philosophie scientifique. 

2 ) Eine merkwürdig klare Ahnung dieser Verursachung hat kürzlich Otto 
Rank in einer Stelle Schopenhauers aufgezeigt. (Die Welt als Wille und 
Vorstellung, 2. Bd. Siehe Zentralblatt für Psychoanalyse, Heft 1/2, 1910.) 
Jahrbuch für psjxhoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 1 



2 Sigm. Freud. 

Wir haben uns in der auf Psychoanalyse begründeten Psychologie 
gewöhnt, die unbewußten seelischen Vorgänge zum Ausgang zu nehmen, 
deren Eigentümlichkeiten uns durch die Analyse bekannt worden sind. 
Wir halten diese für die älteren, primären, für Überreste aus einer 
Entwicklungsphase, in welcher sie die einzige Art von seelischen Vor- 
gängen waren. Die oberste Tendenz, welcher diese primären Vor- 
fände gehorchen, ist leicht zu erkennen; sie wird als das Lust-Unlust- 
Prinzip (oder kürzer als das Lustprinzip) bezeichnet. Diese Vorgänge 
streben danach, Lust zu gewinnen; von solchen Akten, welche Unlust 
erregen können, zieht sich die psychische Tätigkeit zurück (Verdrän- 
<mng). Unser nächtliches Träumen, unsere Wachtendenz, uns von 
peinlichen Eindrücken loszureißen, sind Reste von der Herrschaft 
dieses Prinzips und Beweise für dessen Mächtigkeit. 

Ich greife auf Gedankengänge zurück, die ich an anderer Stelle 
(im allgemeinen Abschnitt der Traumdeutung) entwickelt habe, wenn 
ich supponiere, daß der psychische Ruhezustand anfänglich durch die 
gebieterischen Forderungen der inneren Bedürfnisse gestört wurde. In 
diesem Falle wurde das Gedachte (Gewünschte) einfach halluzinatorisch 
gesetzt, wie es heute noch allnächtlich mit unseren Traumgedanken 
geschieht 1 ). Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Ent- 
täuschung, hatte zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf 
halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte 
sich der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse der 
Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. Damit 
war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde 
nicht mehr vorgestellt was angenehm, sondern was real war, auch 
wenn es unangenehm sein sollte 2 ). Diese Einsetzung des Realitäts- 
prinzips erwies sich als ein folgenschwerer Schritt. 

! ) Der Schlafzustand kann das Ebenbild des Seelenlebens vor der An- 
erkennung der Realität wiederbringen, weil er die absichtliche Verleugnung 
derselben (Schlaf wünsch) zur Voraussetzung nimmt. 

2 ) Ich will versuchen, die obige schematische Darstellung durch einige 
Ausfüllrungen zu ergänzen: Es wird mit Recht eingewendet werden, daß eine 
solche Organisation, die dem Lustprinzip fröhnt und die Realität der Außenwelt 
vernachlässigt, sich nicht die kürzeste Zeit am Leben erhalten könnte, so daß sie 
überhaupt nicht hätte entstehen können. Die Verwendung einer derartigen Fiktion 
rechtfertigt sich aber durch die Bemerkung, daß der Säugling, wenn man nur die 
Mutterpflegc hinzunimmt, ein solches psychisches System nahezu realisiert. Er 
halluziniert wahrscheinlich die Erfüllung seiner inneren Bedürfnisse, verrät seine 
"Unlust bei steigendem Reiz und ausbleibender Befriedigung durch che motorische 



.Formulierungen über die zwei Prinzipien des psych. Geschehens. 3 

1. Zunächst machten die neuen Anforderungen eine Eeihe von 
Adaptierungen des psychischen Apparates nötig, die wir infolge von 
ungenügender oder unsicherer Einsicht nur ganz beiläufig aufführen 
können. 

Die erhöhte Bedeutung der äußeren Eealität hob auch die Be- 
deutung der jener Außenwelt zugewendeten Sinnesorgane und des 
an sie geknüpften Bewußtseins, welches außer den bisher allein 
interessanten Lust- und Unlustqualitäten die Sinnesqualitäten auf- 
fassen lernte. Es wurde eine besondere Funktion eingerichtet, welche 
die Außenwelt periodisch abzusuchen hatte, damit die Daten derselben 
im vorhinein bekannt wären, wenn sich ein unaufschiebbares inneres 
Bedürfnis einstellte, die Aufmerksamkeit. Diese Tätigkeit geht 
den Sinneseindrücken entgegen, anstatt ihr Auftreten abzuwarten. 
Wahrscheinlich wurde gleichzeitig damit ein System von Merken 
eingesetzt, welches die Ergebnisse dieser periodischen Bewußtseins- 
tätigkeit zu deponieren hatte, ein Teil von dem, was wir Gedächtnis 
heißen. 

An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auftauchenden 
Vorstellungen als unlusterzeugend von der Besetzung ausschloß, trat 
die unparteiische Urteilsfällung, welche entscheiden sollte, ob eine 
bestimmte Vorstellung wahr oder falsch, d. h. im Einklang mit der 
Realität sei oder nicht, und durch Vergleichung mit den Erinnerungs- 
spuren der Realität darüber entschied. 

Die motorische Abfuhr, die während der Herrschaft des Lust- 
prinzips zur Entlastung des seelischen Apparates von Reizzuwächsen 

Abfuhr des Schreiensund Zappeinsund erlebt darauf die halluzinierte Befriedigung. 
Er erlernt es später als Kind, diese Abfuhräußerungen absichtlieh als Ausdrueks- 
mittel zu gebrauchen. Da die Säuglingspflege das Vorbild der späteren Kinder- 
fürsorge ist, kann die Herrschaft des Lustprinzips eigentlich erst mit der vollen 
psyehisehen Ablösung von den Eltern ein Ende nehmen. — Ein sehönes Beispiel 
eines von den Reizen der Außenwelt abgeschlossenen psyehisehen Systems, welches 
selbst seine Ernährungsbedürfnisse autistisch (nach einem Worte Bleulers) 
befriedigen kann, gibt das mit seinem Nahrungsvorrat in die Eisehalc einge- 
schlossene Vogelei, für das sich dieMutterpflege auf die Wärniezufuhr einschränkt. — 
Ich werde es nicht als Korrektur, sondern nur als Erweiterung des in Rede 
stehenden Schemas ansehen, wenn man für das naeh dem Lustprinzip lebende 
System Einrichtungen fordert, mittels deren es sich den Reizen der Realität 
entziehen kann. Diese Einrichtungen sind nur das Korrelat der „Verdrängung", 
welche innere Unlustreize so behandelt, als ob sie äußere wären, sie also zur Außen- 
welt schlägt. 

1* 



4 Sigm. Freud. 

gedient hatte und dieser Aufgabe durch ins Innere des Körpers ge- 
sandte Innervationen (Mimik, Affektäußerungen) nachgekommen war, 
erhielt jetzt eine neue Funktion, indem sie zur zweckmäßigen Ver- 
änderung der Realität verwendet wurde. Sie wandelte sich zum 
Handeln. 

Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen Abfuhr 
(des Handelns) wurde durch den Denk prozeß besorgt, welcher sich 
aus dem Vorstellen herausbildete. Das Denken wurde mit Eigenschaften 
ausgestattet, welche dem seelischen Apparat das Ertragen der er- 
höhten Reizspannung während des Aufschubes der Abfuhr ermöglichten. 
Es ist im wesentlichen ein Probehandeln mit Verschiebung kleinerer 
Besetzungsquantitäten, unter geringer Verausgabung (Abfuhr) der- 
selben. Dazu war eine Überführung der frei verschiebbaren Besetzungen 
in gebundene erforderlich, und eine solche wurde mittels einer Niveau- 
erhöhung des ganzen Besetzungsvorganges erreicht. Das Denken war 
wahrscheinlich ursprünglich unbewußt, insoweit es sich über das bloße 
Vorstellen erhob und sich den Relationen der Objekteindrücke zu- 
wendete, und erhielt weitere für das Bewußtsein wahrnehmbare Qua- 
litäten erst durch die Bindung an die "Wortreste. 

2. Eine allgemeine Tendenz unseres seelischen Apparates, die man 
auf das ökonomische Prinzip der Aufwandersparnis zurückführen 
kann, scheint sich in der Zähigkeit des Festhaltens an den zur Ver- 
fügung stehenden Lustquellen und an der Schwierigkeit des Verzichtes 
auf dieselben zu äußern. Mit der Einsetzung des Realitätsprinzips 
wurde eine Art Denktätigkeit abgespalten, die von der Realitätsprüfung 
frei gehalten und allein dem Lustprinzip unterworfen blieb 1 ). Es ist 
dies das Phantasieren, welches bereits mit dem Spielen der Kinder 
beginnt und später als Tagträumen fortgesetzt die Anlehnung 
an reale Objekte aufgibt. 

3. Die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip mit 
den aus ihr hervorgehenden psychischen Folgen, die hier in einer schema- 
tisierenden Darstellung in einen einzigen Satz gebannt ist, vollzieht 
sich in Wirklichkeit nicht auf einmal und nicht gleichzeitig auf der 
ganzen Linie. Während aber diese Entwicklung an den Ichtrieben 



J ) Ähnlich wie eine Nation, deren Reichtum auf der Ausbeutung ihrer 
Bodenschätze beruht, doch ein bestimmtes Gebiet reserviert, das im Urzustände 
belassen und von den Veränderungen der Kultur verschont werden soll (Yellow- 
stonepark). 



Formulierungen über die zwei Prinzipien des psych. Geschehens. 5 

vor sich gebt, lösen sich die Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise 
von ihnen ab. Die Sexualtriebe benehmen sich zunächst autoerotisch, 
sie finden ihre Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher nicht 
in die Situation der Versagung, welche die Einsetzung des Realitäts- 
prinzips erzwungen hat. Wenn dann später bei ihnen der Prozeß der 
Objektfindung beginnt, erfährt er alsbald eine lange Unterbrechung 
durch die Latenzzeit, welche die Sexualentwicklung bis zur Pubertät 
verzögert. Diese beiden Momente — Autoerotismus und Latenzperiode 
— haben zur Folge, daß der Sexualtrieb in seiner psychischen Aus- 
bildung aufgehalten wird und weit länger unter der Herrschaft des 
Lustprinzips verbleibt, welcher er sich bei vielen Personen überhaupt 
niemals zu entziehen vermag. 

Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung her 
zwischen dem Sexualtrieb und der Phantasie einerseits, den Ichtrieben 
und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits. Diese Beziehung tritt uns 
bei Gesunden wie Neurotikern als eine sehr innige entgegen, wenngleich 
sie durch diese Erwägungen aus der genetischen Psychologie als eine 
sekundäre erkannt wird. Der fortwirkende Autoerotismus macht es 
möglich, daß die leichtere momentane und phantastische Befriedigung 
am Sexualobjekte so lange an Stelle der realen, aber Mühe und Auf- 
schub erfordernden, festgehalten wird. Die Verdrängung bleibt im 
Reiche des Phantasierens allmächtig; sie bringt es zustande, Vor- 
stellungen in statu nascendi, ehe sie dem Bewußtsein auffallen können, 
zu hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlustentbindung Anlaß geben 
kann. Dies ist die schwache Stelle unserer psychischen Organisation, 
die dazu benutzt werden kann, um bereits rationell gewordene Denk- 
vorgänge wieder unter die Herrschaft des Lustprinzips zu bringen. 
Ein wesentliches Stück der psychischen Disposition zur Neurose 
ist demnach durch die verspätete Erziehung des Sexualtriebes zur Be- 
achtimg der Realität und des weiteren durch die Bedingungen, welche 
diese Verspätung ermöglichen, gegeben. 

4. Wie das Lust-Ich nichts anderes kann als wünschen, nach 
Lustgewinn arbeiten und der Unlust ausweichen, so braucht das 
Real-Ich nichts anderes zu tun als nach Nutzen streben und sich 
gegen Schaden sichern 1 ). In Wirklichkeit bedeutet die Ersetzung des 

x ) Den Vorzug des Real-Ichs vor dem Lust-Ich drückt Bernard Shaw 
treffend in den Worten aus: To be able to choose the line of greatest advan- 
tage instead of yielding in the direction of the least resistance. (Man and 
Superman. A comedy and a philosophy.) 



6 Sigm. Freud. 

Lustprinzips durch das Realitätsprinzip keine Absetzung des Lust- 
prinzips, sondern nur eine Sicherung desselben. Eine momentane, 
in ihren Folgen unsichere Lust wird aufgegeben, aber nur darum, 
um auf dem neuen Wege eine später kommende, gesicherte zu 
gewinnen. Doch ist der endopsychische Eindruck dieser Ersetzung 
ein so mächtiger gewesen, daß er sich in einem besonderen 
religiösen Mythus spiegelt. Die Lehre von der Belohnung im Jen- 
seits für den — freiwilligen oder aufgezwungenen — Verzicht auf 
irdische Lüste ist nichts anderes als die mythische Projektion dieser 
psychischen Umwälzung. Die Religionen haben in konsequenter 
Verfolgung dieses Vorbildes den absoluten Lustverzicht im Leben 
gegen Versprechen einer Entschädigung in einem künftigen Dasein 
durchsetzen können; eine Überwindung des Lustprinzips haben sie 
auf diesem Wege nicht erreicht. Am ehesten gelingt diese Über- 
windung der Wissenschaft, die aber auch intellektuelle Lust während 
der Arbeit bietet und endlichen praktischen Gewinn verspricht. 

5. Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung 
zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung desselben durch das 
Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will also jenem das Ich be- 
treffenden Entwicklungsprozeß eine Nachhilfe bieten, bedient sich 
zu diesem Zwecke der Liebesprämien von Seiten der Erzieher, und 
schlägt darum fehl, wenn das verwöhnte Kind glaubt, daß es diese 
Liebe ohnedies besitzt und ihrer unter keinen Umständen verlustig 
werden kann. 

6. Die Kunst bringt auf einem eigentümlichen Wege eine Ver- 
söhnung der beiden Prinzipien zustande. Der Künstler ist ursprünglich 
ein Mensch, welcher sich von der Realität abwendet, weil er sich mit 
dem von ihr zunächst geforderten Verzicht auf Triebbefriedigung nicht 
befreunden kann, und seine erotischen und ehrgeizigen Wünsche im 
Phantasieleben gewähren läßt. Er findet aber den Rückweg aus dieser 
Phantasiewelt zur Realität, indem er dank besonderer Begabungen 
seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklichkeiten gestaltet, die 
von den Menschen als wertvolle Abbilder der Realität zur Geltung 
zugelassen werden. Er wird so auf eine gewisse Weise wirklich der 
Held, König, Schöpfer, Liebling : der er werden wollte, ohne den ge- 
waltigen Umweg über die wirkliche Veränderung der Außenwelt ein- 
zuschlagen. Er kann dies aber nur darum erreichen, weil die anderen 
Menschen die nämliche Unzufriedenheit mit dem real erforderlichen 
Verzicht verspüren wie er selbst, weil diese bei der Ersetzung des Lust- 



Formulierungen über die zwei Prinzipien des psych. Geschehens. 7 

prinzips durch das Realitätsprinzip resultierende Unzufriedenheit selbst 
ein Stück der Realität ist 1 ). 

7. Während das Ich die Umwandlung vom Lust-Ich zum Real- 
ich durchmacht, erfahren die Sexualtriebe jene Veränderungen, die 
sie vom anfänglichen Autoerotismus durch verschiedene Zwischen- 
phasen zur Objekthebe im Dienste der Fortpflanzungsfunktion führen. 
Wenn es richtig ist, daß jede Stufe dieser beiden Entwicklungsgänge 
zum Sitz einer Disposition für spätere neurotische Erkrankung werden 
kann, liegt es nahe, die Entscheidung über die Form der späteren Er- 
krankung (die Neurosenwahl) davon abhängig zu machen, in welcher 
Phase der Ich- und der Libidoentwicklung die disponierende Entwicklungs- 
hemmung eingetroffen ist. Die noch nicht studierten zeitlichen Cha- 
raktere der beiden Entwicklungen, deren mögliche Verschiebung gegen- 
einander, kommen so zu unvermuteter Bedeutung. 

8. Der befremdendste Charakter der unbewußten (verdrängten) 
Vorgänge, an den sich jeder Untersucher nur mit großer Selbstüber- 
windung gewöhnt, ergibt sich daraus, daß bei ihnen die Realitätsprüfung 
nichts gilt, die Denkrealität gleichgesetzt wird der äußeren Wirklich- 
keit, der Wunsch der Erfüllung, dem Ereignis, wie es sich aus der Herr- 
schaft des alten Lustprinzips ohne weiteres ableitet. Darum wird es 
auch so schwer, unbewußte Phantasien von unbewußt gewordenen 
Erinnerungen zu unterscheiden. Man lasse sich aber nie dazu ver- 
leiten, die Realitätswertung in die verdrängten psychischen Bildungen 
einzutragen und etwa Phantasien darum für die Symptombildung 
gering zu schätzen, weil sie eben keine Wirklichkeiten sind, oder ein 
neurotisches Schuldgefühl anderswoher abzuleiten, weil sich kein 
wirklich ausgeführtes Verbrechen nachweisen läßt. Man hat die Ver- 
pflichtung, sich jener Währung zu bedienen, die in dem Lande, das 
man durchforscht, eben die herrschende ist, in unserem Falle der 
neurotischen Währung. Man versuche z. B. einen Traum wie 
den folgenden zu lösen. Ein Mann, der einst seinen Vater während 
seiner langen und qualvollen Todeskrankheit gepflegt, berichtet, daß 
er in den nächsten Monaten nach dessen Ableben wiederholt geträumt 
habe: der Vater sei wieder am Leben und er spreche mit ihm 
wie sonst. Dabei habe er es aber äußerst schmerzlich emp- 
funden, daß der Vater doch schon gestorben war und es 
nur nicht wußte. Kein anderer Weg führt zum Verständnis des 



x ) Vgl. Ähnliches bei 0. Rank, Der Künstler, Wien 1907. 



8 Sigm. Freud. 

widersinnig klingenden Traumes, als die Anfügung „nach seinem 
Wunsch" oder „infolge seines Wunsches" nach den Worten „daß 
der Vater doch schon gestorben war" und der Zusatz „daß er es wünschte" 
zu den letzten Worten. Der Traumgedanke lautet dann: Es sei eine 
schmerzliche Erinnerung für ihn, daß er dem Vater den Tod (als Er- 
lösung) wünschen mußte, als er noch lebte, und wie schrecklich, wenn 
der Vater dies geahnt hätte. Es handelt sich dann um den bekannten 
Fall der Selbstvorwürfe nach dem Verlust einer geliebten Person, und 
der Vorwurf greift in diesem Beispiel auf die infantile Bedeutung des 
Todeswunsches gegen den Vater zurück. 

Die Mängel dieses kleinen, mehr vorbereitenden als ausführenden 
Aufsatzes sind vielleicht nur zum geringen Anteil entschuldigt, wenn 
ich sie für unvermeidlich ausgebe. In den wenigen Sätzen über die 
psychischen Folgen der Adaptierung an das Eealitätsprinzip mußte 
ich Meinungen andeuten, die ich lieber noch zurückgehalten hätte 
und deren Rechtfertigung gewiß keine kleine Mühe kosten wird. Doch 
will ich hoffen, daß es wohlwollenden Lesern nicht entgehen wird, wo 
auch in dieser Arbeit die Herrschaft des Realitätsprinzips beginnt. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen auto- 
biographisch beschriebenen Fall von Paranoia 
(Dementia paranoides). 



Von Sigui. Freud (Wien). 



Die analytische Untersuchung der Paranoia bietet uns Ärzten, 
die nicht an öffentlichen Anstalten tätig sind, Schwierigkeiten be- 
sonderer Natur. Wir können solche Kranke nicht annehmen oder 
nicht lange behalten, weil die Aussicht auf therapeutischen Erfolg die 
Bedingung unserer Behandlung ist. So trifft es sich also nur ausnahms- 
weise, daß ich einen tieferen Einblick in die Struktur der Paranoia 
machen kann, sei es, daß die Unsicherheit der nicht immer leichten 
Diagnose den Versuch einer Beeinflussung rechtfertigt, sei es, daß ich 
den Bitten der Angehörigen nachgebe und einen solchen Kranken trotz 
der gesicherten Diagnose für eine gewisse Zeit in Behandlung nehme. 
Ich sehe sonst natürlich Paranoiker (und Demente) genug und erfahre 
von ihnen soviel wie andere Psychiater von ihren Fällen, aber das 
reicht in der Regel nicht aus, um analytische Entscheidungen zu 
treffen. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Paranoia wäre über- 
haupt unmöglich, wenn die Kranken nicht die Eigentümlichkeit besäßen, 
allerdings in entstellter Form, gerade das zu verraten, was die anderen 
Neurotiker als Geheimnis verbergen. Da die Paranoiker nicht zur 
Überwindung ihrer inneren Widerstände gezwungen werden können 
und ohnedies nur sagen, was sie sagen wollen, darf gerade bei dieser 
Affektion der schriftliche Bericht oder die gedruckte Krankengeschichte 
als Ersatz für die persönliche Bekanntschaft mit dem Kranken ein- 
treten. Ich halte es darum nicht für unstatthaft, analytische Deutungen 
an die Krankengeschichte eines Paranoikers (Dementia paranoides) zu 



10 Sigm. Freud. 

knüpfen, den ich nie gesehen habe, der aber seine Krankengeschichte 
selbst beschrieben und zur öffentlichen Kenntnis durch den Druck 
gebracht hat. 

Es ist dies der ehemalige sächsische Senatspräsident Dr. jur. 
Daniel Paul Schreber, dessen „Denkwürdigkeiten eines Nerven- 
kranken" im Jahre 1903 als Buch erschienen sind und, wenn ich recht 
berichtet bin, ein ziemlich großes Interesse bei den Psychiatern er- 
weckt haben. Es ist möglich, daß Dr. Schreber heute noch lebt und 
sich von seinem 1903 vertretenen Wahnsystem so weit zurückgezogen 
hat, daß er diese Bemerkungen über sein Buch peinlich empfindet. 
Soweit er aber die Identität seiner heutigen Persönlichkeit mit der 
damaligen noch festhält, darf ich mich auf seine eigenen Argumente 
berufen, die der „geistig hochstehende Mann von ungewöhnlich scharfem 
Verstand und scharfer Beobachtungsgabe" 1 ) den Bemühungen, ihn 
von der Publikation abzuhalten, entgegensetzte: „Dabei habe ich 
mir die Bedenken nicht verfehlt, die einer Veröffentlichung entgegen- 
zustehen scheinen: es handelt sich namentlich um die Kücksicht auf 
einzelne noch lebende Personen. Auf der andern Seite bin ich der 
Meinung, daß es für die Wissenschaft und für die Erkenntnis religiöser 
Wahrheiten von Wert sein könnte, wenn noch bei meinen Lebzeiten 
irgendwelche Beobachtungen von berufener Seite an meinem Körper 
und meinen persönlichen Schicksalen zu ermöglichen wären. Dieser 
Erwägung gegenüber müssen alle persönlichen Kücksichten schweigen" 2 ). 
An einer andern Stelle des Buches spricht er aus, daß er sich entschlossen 
habe, an dem Vorhaben der Veröffentlichung festzuhalten, auch wenn 
sein Arzt Geh. Eat Dr. Flechsig in Leipzig deswegen die Anklage 
gegen ihn erheben würde. Er mutet dabei Flechsig dasselbe zu, 
was ihm selbst jetzt von meiner Seite zugemutet wird: „Ich hoffe, daß 
dann auch bei Geh. Kat Prof. Dr. Flechsig das wissenschaftliche Inter- 
esse an dem Inhalte meiner Denkwürdigkeiten etwaige persönliche 
Empfindlichkeiten zurückdrängen würde." 

Wiewohl ich im folgenden alle Stellen der „Denkwürdigkeiten", 
die meine Deutungen stützen, im Wortlaut anführen werde, bitte ich 
doch die Leser dieser Arbeit, sich vorher mit dem Buche wenigstens 
durch einmalige Lektüre vertraut zu machen. 



*) Diese gewiß nicht unberechtigte Selbstcharakteristik findet sich auf 
S. 35 des Schreberschen Buches. 

2 ) Vorrede der „Denkwürdigkeiten". 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 11 

I. Krankengeschichte. 

Dr. Sclireber berichtet 1 ): „Ich bin zweimal nervenkrank ge- 
wesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das erste 
mal (als Landesgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß einer Reichs- 
tagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der ungewöhnlichen Arbeits- 
last, die ich beim Antritt des mir neu übertragenen Amtes eines Senats- 
präsidenten beim Oberlandesgericht Dresden vorfand." 

Die erste Erkrankung trat im Herbste 1884 hervor und war 
Ende 1885 vollkommen geheilt. Flechsig, auf dessen Klinik der Patient 
damals 6 Monate verbrachte, bezeichnete in einem später abgegebenen 
„Formulargutachten" den Zustand als einen Anfall schwerer Hy- 
pochondrie. Dr. Schreber versichert, daß diese erste Krankheit 
„ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischen- 
fälle" verlief 2 ). 

Über die Vorgeschichte und die näheren Lebensumstände des 
Patienten geben weder seine Niederschriften noch die ihr angefügten 
Gutachten der Ärzte genügende Auskunft. Ich wäre nicht einmal in 
der Lage, sein Alter zur Zeit der Erkrankung anzugeben, wiewohl die 
vor der zweiten Erkrankung erreichte hohe Stellung im Justizdienst 
eine gewisse untere Grenze sichert. Wir erfahren, daß Dr. Schreber 
zur Zeit der „Hypochondrie" bereits lange verheiratet war. Er schreibt: 
„Fast noch inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die 
in Professor Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann 
wiedergeschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang 
auf ihrem Arbeitstische stehen hatte" (S. 36). Und ebenda: „Nach der 
Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im ganzen recht 
glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehrmalige 
Vereitlung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre 
mit meiner Frau verlebt." 

Im Juni 1893 wurde ihm seine bevorstehende Ernennung zum 
Senatspräsidenten angezeigt; er trat sein Amt am 1. Oktober desselben 
Jahres an. In die Zwischenzeit 3 ) fallen einige Träume, denen Bedeutung 
beizulegen er erst später veranlaßt wurde. Es träumte ihm einige Male, 
daß seine frühere Nervenkrankheit zurückgekehrt war, worüber er 

1 ) Denkwürdigkeiten, S. 34. 

2 ) Denkwürdigkeiten, S. 35. 

3 ) Also noch vor der Einwirkung der von ihm beschuldigten Überarbeitung 
in seiner neuen Stellung. 



12 Sigm. Freud. 

sich ira Traume ebenso unglücklich fühlte, wie nach dem Erwachen 
glücklich, daß es eben nur ein Traum gewesen war. Ferner hatte er 
einmal gegen Morgen in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen 
„die Vorstellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein 
Weib zu sein, das dem Beischlaf unterhege" (S. 36), eine Vorstellung, 
die er bei vollem Bewußtsein mit großer Entrüstung zurückgewiesen hätte. 

Die zweite Erkrankung setzte Ende Oktober 1893 mit quälender 
Schlaflosigkeit ein, die ihn die Flechsigsche Klinik von neuem auf- 
suchen ließ, wo sich aber sein Zustand rasch verschlechterte. Die weitere 
Entwicklung derselben schildert ein späteres Gutachten, welches von 
dem Direktor der Anstalt Sonnenstein abgegeben wurde (S. 380): 
„Im Beginn seines dortigen Aufenthaltes 1 ) äußerte er mehr hypochondri- 
sche Ideen, klagte, daß er an Hirnerweichung leide, bald sterben müsse, 
p. p., doch mischten sich schon Verfolgungsideen in das Krankheits- 
bild, und zwar auf Grund von" a Sinnestäuschungen, die anfangs aDer- 
dings mehr vereinzelt aufzutreten schienen, während gleichzeitig hoch- 
gradige Hyperästhesie, große Empfindlichkeit gegen Licht und Ge- 
räusch sich geltend machte. Später häuften sich die Gesichts- und 
Gehörstäuschungen und beherrschten in Verbindung mit Gemein- 
gefühlsstörungen sein ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich 
für tot und angefault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper 
allerhand abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden und 
machte, wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, entsetzlichere Dinge 
durch, als jemand geahnt, und zwar um eines heiligen Zweckes Willen. 
Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so sehr in Anspruch, 
daß er, für jeden andern Eindruck unzugänglich, stundenlang völlig 
starr und unbeweglich da saß (halluzinatorischer Stupor), andererseits 
quälten sie ihn derartig, daß er sich den Tod herbeiwünschte, im Bade 
wiederholt Ertränkungs versuche machte und das „für ihn bestimmte 
Zyankalium" verlangte. Allmählich nahmen die Wahnideen den 
Charakter des Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt mit Gott, 
die Teufel trieben ihr Spiel mit ihm, er sah ,Wundererscheinungcn', 
hörte ,heilige Musik' und glaubte schließlich sogar in einer andern Welt 
zu weilen." 

Fü^en wir hinzu, daß er verschiedene Personen, von denen er 
sich verfolgt und beeinträchtigt glaubte, vor allen seinen früheren 
Arzt Flechsig beschimpfte, ihn „Seelenmörder" nannte und unge- 
zählte Male „kleiner Flechsig", das erste Wort scharf betonend, 

*) Auf der Leipziger Klinik bei Prof. Flechsig. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen .Fall von Paranoia usw. 13 

ausrief (S. 383). In die Anstalt Sonnenstein bei Pirna war er aus 
Leipzig nach kurzem Zwischenaufenthalt im Juni 1894 gekommen 
und verblieb dort bis zur endgültigen Gestaltung seines Zustandes. 
Im Laufe der nächsten Jahre veränderte sich das Krankheitsbild in 
einer Weise, die wir am besten mit den Worten des Anstaltsdirektors 
Dr. Weber beschreiben werden: 

„Ohne noch weiter auf die Einzelheiten des Krankheitsverlaufes 
einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der Folge aus der an- 
fänglichen akuteren, das gesamte psychische Geschehen unmittelbar 
in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, die als halluzinatorischer Wahn- 
sinn zu bezeichnen war, immer entschiedener das paranoische Krank- 
heitsbild sich hervorhob, sozusagen herauskristallisierte, das man 
gegenwärtig vor sich hat" (S. 385). Er hatte nämlich einerseits ein 
kunstvolles Wahngebäude entwickelt, welches den größten Anspruch 
auf unser Interesse hat, anderseits hatte sich seine Persönlichkeit 
rekonstruiert und sich den Aufgaben des Lebens bis auf einzelne Störun- 
gen gewachsen gezeigt." 

Dr. Weber berichtet über ihn im Gutachten von 1899: 

„So erscheint zur Zeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber, ab- 
gesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter unmittelbar als 
krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen Symptomen, weder 
verwirrt, noch psychisch gehemmt, noch in seiner Intelligenz merklich 
beeinträchtigt — , er ist besonnen, sein Gedächtnis vorzüglich, er ver- 
fügt über ein erhebliches Maß von Wissen, nicht nur in juristischen 
Dingen, sondern auch auf vielen anderen Gebieten und vermag es in 
geordnetem Gedankengange wiederzugeben, er hat Interesse für die 
Vorgänge in Politik, Wissenschaft und Kunst usw. und beschäftigt 
sich fortgesetzt mit ihnen . . . , und wird in den angedeuteten Richtungen 
dem von seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten Beobachter 
kaum viel Auffälliges erkennen lassen. Bei alledem ist der Patient von 
krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, die sich zu einem voll- 
ständigen System geschlossen haben, mehr oder weniger fixiert sind 
und einer Korrektur durch objektive Auffassung und Beurteilung der 
tatsächlichen Verhältnisse nicht zugänglich erscheinen" (S. 38G). 

Der so weit veränderte Kranke hielt sich selbst für existenzfähig 
und unternahm zweckmäßige Schritte, um die Aufhebung seiner Kuratel 
und die Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. Dr. Weber wider- 
strebte diesen Wünschen und gab Gutachten im entgegengesetzten 
Sinne ab ; doch kann er nicht umhin, das Wesen und Benehmen des 



14 Sigm. Freud. 

Patienten im Gutachten von 1900 in folgender anerkennender 
Weise zu schildern: „Der Unterzeichnete hat seit 3 / 4 Jahren bei Ein- 
nahme der täglichen Mahlzeiten am Familientisch ausgiebigste Ge- 
legenheit gehabt, mit Herrn Präsidenten Schreber über alle möglichen 
Gegenstände sich zu unterhalten. Welche Dinge nun auch — von seinen 
Wahnideen natürlich abgesehen — zur Sprache gekommen sind, mochten 
die Vorgänge im Bereiche der Staatsverwaltung und Justiz, der Politik, 
der Kunst und Literatur, des gesellschaftlichen Lebens oder was sonst 
berühren, überall bekundete Dr. Schreber reges Interesse, eingehende 
Kenntnisse, gutes Gedächtnis und zutreffendes Urteil und auch in 
ethischer Beziehung eine Aufassung, der nur beigetreten werden konnte. 
Ebenso zeigte er sich in leichter Plauderei mit den anwesenden Damen 
nett und liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung mancher 
Din^e immer taktvoll und dezent, niemals hat er in die harmlose Tisch- 
Unterhaltung die Erörterung von Angelegenheiten hineingezogen, die 
nicht dort, sondern bei der ärztlichen Visite zu erledigen gewesen wären" 
(S. 397). Selbst in eine geschäftliche, die Interessen der ganzen Familie 
berührende Angelegenheit hatte er damals in fachgemäßer und zweck- 
entsprechender Weise eingegriffen (S. 401, 510). 

In den wiederholten Eingaben an das Gericht, mittels deren Dr. 
Schreber um seine Befreiung kämpfte, verleugnete er durchaus nicht 
seinen Wahn und machte kein Hehl aus seiner Absicht, die „Denk- 
würdigkeiten ' der Öffentlichkeit zu übergeben. Er betonte vielmehr 
den Wert seiner Gedankengänge für das religiöse Leben und deren 
Unzersetzbarkeit durch die heutige Wissenschaft; gleichzeitig berief 
er sich aber auch auf die absolute Harmlosigkeit (S. 430) all jener 
Handlungen, zu denen er sich durch den Inhalt des Wahnes genötigt 
wußte. Der Scharfsinn und die logische Treffsicherheit des als Paranoiker 
Erkannten führten denn auch zum Triumph. Im Juli 1902 wurde die 
über Dr. Schreber verhängte Entmündigung aufgehoben, im nächsten 
Jahre erschienen die „Denkwürdigkeiten eines Geisteskranken" als 
Buch, allerdings zensuriert und um manches wertvolle Stück ihres 
Inhaltes geschmälert. 

In der Entscheidung, welche Dr. Schreber die Freiheit wieder- 
gab, ist der Inhalt seines Wahnsystems in wenigen Sätzen zusammen- 
gefaßt: „Er halte sich für berufen, die Welt zu erlösen und ihr die 
verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Das könne er aber nur, 
wenn er sich zuvor aus einem Manne zu einem Weibe verwandelt habe" 
(S. 475). 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 15 

Eine ausführlichere Darstellung des Wahnes in seiner endgültigen 
Gestaltung können wir dem 1899 vom Anstaltsarzte Dr. Weber er- 
statteten Gutachten entnehmen: „Das Wahnsystem des Patienten 
gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu erlösen und der Menschheit 
die verloren gegangene Seligkeit wiederzubringen. Er sei, so behauptet 
er, zu dieser Aufgabe gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebun- 
gen, ähnlich wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade auf- 
geregtere Nerven, wie es die seinigen lange Zeit hindurch gewesen seien, 
hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, es 
handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar nicht oder doch 
nur sehr schwer in menschlicher Sprache ausdrücken lassen, weil sie 
außerhalb aller menschlichen Erfahrung lägen und eben nur ihm offenbart 
seien. Das Wesentlichste bei seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst 
seine Verwandlung zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa, 
daß er sich zum Weibe verwandeln wolle, es handle sich vielmehr 
um ein in der Weltordnung begründetes „Muß", dem er schlechterdings 
nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber gewesen 
wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellung zu verbleiben, 
das Jenseits sei aber nun für ihn und die ganze übrige Menschheit nicht 
anders wieder zu erobern, als durch eine ihm vielleicht erst nach 
Ablauf vieler Jahre oder Jahrzehnte bevorstehende Verwandlung 
in ein Weib im Wege göttlicher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest, 
der ausschließliche Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merk- 
würdigste Mensch, der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder 
Stunde und jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leibe, 
erhalte sie auch durch die Stimmen, die mit ihm sprächen, bestätigt. 
Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen an einzelnen 
Organen seines Körpers erfahren, die jedem andern Menschen längst 
den Tod hätten bringen müssen, habe lange Zeit gelebt ohne Magen, 
ohne Därme, fast ohne Lungen, mit zerrissener Speiseröhre, ohne Blase, 
mit zerschmetterten Rippenknochen, habe seinen Kehlkopf manchmal 
zum Teil mit aufgegessen usf., göttliche Wunder („Strahlen") aber 
hätten das Zerstörte immer wieder hergestellt und er sei daher, so- 
lange er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedrohlichen 
Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei in den \ order- 
grund getreten seine „Weiblichkeit", wobei es sich um einen Ent- 
wicklungsprozeß handle, der wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn 
nicht Jahrhunderte zu seiner Vollendung beanspruche und dessen Ende 
schwerlich einer der jetzt lebenden Menschen erleben werde. Er habe 



16 Sigm. Freud. 

das Gefühl, daß bereits massenhafte „weibliche Nerven" in seinen 
Körper übergegangen seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung 
Gottes neue Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde er wohl 
eines natürlichen Todes sterben können und sich wie alle anderen 
Menschen die Seligkeit wieder erworben haben. Einstweilen sprächen 
nicht nur die Sonne, sondern auch die Bäume und die Vögel, die so 
etwas wie „verwunderte Beste früherer Menschenseelen" seien, in 
menschlichen Lauten zu ihm und überall geschähen "Wunderdinge 
um ihn her" (S. 380). 

Das Interesse des praktischen Psychiaters an solchen Wahn- 
bildungen ist in der Eegel erschöpft, wenn er die Leistung des "Wahnes 
festgestellt und seinen Einfluß auf die Lebensführung des Kranken 
beurteilt hat; seine Verwunderung ist nicht der Anfang seines Ver- 
ständnisses. Der Psychoanalytiker bringt von seiner Kenntnis der 
Psyehoneurosen her die Vermutung mit, daß auch so absonderliche, 
soweit von dem gewohnten Denken der Menschen abweichende Ge- 
dankenbildungen aus den allgemeinsten und begreiflichsten Kegungen 
des Seelenlebens hervorgegangen sind, und möchte die Motive wie 
die "Wege dieser Umbildung kennen lernen. In dieser Absicht wird 
er sich gerne in die Entwicklungsgeschichte wie in die Einzelheiten 
des "Wahnes vertiefen. 

a) Als die beiden Hauptpunkte werden vom ärztlichen Begut- 
achter die Erlöserrolle und die Verwandlung zum "Weibe hervor- 
gehoben. Der Erlöserwahn ist eine uns vertraute Phantasie, er bildet 
so häufig den Kern der religiösen Paranoia. Der Zusatz, daß die Er- 
lösung durch die Verwandlung des Mannes in ein "Weib erfolgen müsse, 
ist ungewöhnlich und au sieh befremdend, da er sich weit von dem 
historischen Mythos entfernt, den die Phantasie des Kranken re- 
produzieren will. Es liegt nahe, mit dem ärztlichen Gutachten an- 
zunehmen, daß der Ehrgeiz, den Erlöser zu spielen, das Treibende 
dieses "Wahnkomplexes sei, wobei die Entmannung nur die Bedeutung 
eines Mittels zu diesem Zweck in Anspruch nehmen könne. Mag sich 
dies auch in der endgültigen Gestaltung des "Wahnes so darstellen, 
so wird uns doch durch das Studium der „Denkwürdigkeiten" eine 
ganz andere Auffassung aufgenötigt. "Wir erfahren, daß die Verwandlung 
in ein Weib (Entmannung) der primäre "Wahn war, daß sie zunächst 
als ein Akt schwerer Beeinträchtigung und Verfolgung beurteilt wurde, 
und daß sie erst sekundär in Beziehung zur Erlöserrolle trat. Auch 
wird es unzweifelhaft, daß sie zuerst zum Zwecke sexuellen Mißbrauches 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 17 

und nicht im Dienste höherer Absichten erfolgen sollte. Formal aus- 
gedrückt, ein sexueller Verfolgungswahn hat sich bei dem Patienten 
nachträglich zum religiösen Größenwahn umgebildet. Als Verfolger 
galt zuerst der behandelnde Arzt Prof. Flechsig, später trat Gott 
selbst an dessen Stelle. 

Ich setze die beweisenden Stellen aus den „Denkwürdigkeiten" 
ungekürzt hierher (S. 56): „Auf diese "Weise wurde ein gegen mich 
gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder April 1894), welches 
dahinging, nach einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit 
meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in der Weise aus- 
zuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber — 
in mißverständlicher Auffassung der oben bezeichneten, der Welt- 
ordnung zugrunde liegenden Tendenz — in einen weiblichen Körper 
verwandelt, als solcher dem betreffenden Menschen 1 ) zum geschlecht- 
lichen Mißbrauch überlassen und dann einfach ,liegen gelassen', also 
wohl der Verwesung anheimgegeben werden sollte." 

(S. 59): „Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkte aus, 
der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl durchaus natür- 
lich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer nur in Professor Flechsig 
oder dessen Seele erblickte (später kam noch die v. W. sehe Seele hinzu, 
worüber weiter unten das Nähere) und Gottes Allmacht als meine 
natürliche Bundesgenossin betrachtete, die ich nur dem Professor 
Flechsig gegenüber in einer Notlage wähnte und deshalb mit allen 
erdenklichen Mitteln bis zur Selbstaufopferung unterstützen zu müssen 
glaubte. Daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar der Anstifter 
des auf den an mir zu verübenden Seelenmord und die Preisgabe meines 
Körpers als weibliche Dirne gerichteten Planes gewesen sei, ist ein Ge- 
danke, der sich mir erst sehr viel später aufgedrängt hat, ja zum Teil, 
wie ich sagen darf, mir erst während der Niederschrift des gegenwärtigen 
Aufsatzes zu ldarem Bewußtsein gekommen ist." 

(S. Gl): „Alle auf Verübung eines Seelenmords, auf Entmannung 
zu weltordnungswidrigen Zwecken 34 ) (d. h. zur Befriedigung der 
geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und später auf Zerstörung 
meines Verstandes gerichteten Versuche sind gescheitert. Ich gehe aus 
dem anscheinend so ungleichen Kampfe eines einzelnen schwachen 
Menschen mit Gott selbst, wennschon nach manchen bitteren Leiden 

x ) Es geht aus dem Zusammenhange dieser und anderer Stellen hervor, 
daß der betreffende Mensch, von dem der Mißbrauch geübt werden sollte, kein 
anderer als Flechsig ist (vgl. unten). 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. ^ 



18 Sigm. Freud. 

und Entbehrungen, als Sieger hervor, weil die Weltordnung auf meiner 
Seite steht." 

In der Anmerkung 34 ) wird dann die spätere Umgestaltung des 
Entmannungswahnes und des Verhältnisses zu Gott angekündigt: 
„Daß eine Entmannung zu einem anderen — weltordnungsgemäßen 
Zweck im Bereich der Möglichkeit liegt, ja sogar vielleicht die wahr- 
scheinliche Lösung des Konfliktes enthält, wird später noch angeführt 
werden." 

Diese Äußerungen sind entscheidend für die Auffassung des Ent- 
mannungswahnes und somit für das Verständnis des Falles überhaupt". 
Fügen wir hinzu, daß die „Stimmen", die der Patient hörte, die Um- 
wandlung in ein Weib nie anders denn als eine sexuelle Schmach be- 
handelten, wegen welcher sie den Kranken höhnen durften. „Gottes- 
strahlen 1 ) glaubten mich nicht selten mit Kücksicht auf die angeblich 
bevorstehende Entmannung als ,Miss Schreber' verhöhnen zu dürfen" 

(S. 127). — „Das will ein Senatspräsident gewesen sein, der sich f 2 ) 

läßt." — „Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?" 

Die primäre Natur der Entmannungsphantasie und ihre an- 
fängliche Unabhängigkeit von der Erlöseridee wird ferner durch die 
eingangs erwähnte, im Halbschlaf aufgetretene „Vorstellung" bezeugt, 
daß es schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unter- 
liege (S. 36). Diese Phantasie war in der Inkubationszeit der Erkrankung, 
noch vor der Einwirkung der Überbürdung in Dresden bewußt worden. 

Der Monat November 1895 wird von Schreber selbst als die 
Zeit hingestellt, in welcher sich der Zusammenhang der Entmannungs- 
phantasie mit der Erlöseridee herstellte und solcher Art eine Ver- 
söhnung mit der ersteren angebahnt wurde. „Nunmehr aber wurde 
mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung, 
möchte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch verlange 
und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts anderes 
übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib 
zu befreunden. Als weitere Folge der Entmannung konnte natürlich 
nur eine Befruchtung durch göttliche Strahlen zum Zwecke der Er- 
schaffung neuer Menschen in Betracht kommen" (S. 177). 



*) Die „Gottesstrahlen" sind, wie sieh ergeben -wird, identisch mit den 
in der „Grundsprache" redenden Stimmen. 

2 ) Diese Auslassung sowie alle anderen Eigentümlichkeiten der Schreib- 
weise kopiere ich nach den „Denkwürdigkeiten". Ich selbst wüßte kein Motiv, 
in ernster Sache so schamhaft zu sein. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 1 9 

Die Verwandlung in ein Weib war das Punctum saliens, der erste 
Keim der Wahnbildung gewesen; sie erwies sich auch als das einzige 
Stück, welches die Herstellung überdauerte und als das einzige, das 
im wirklichen Handeln des Genesenen seinen Platz zu behaupten 
wußte. „Das Einzige, was in den Augen anderer Menschen als etwas 
Unvernünftiges gelten kann, ist der auch von den Herren Sachver- 
ständigen berührte Umstand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem 
Zierat (Bändern, unechten Ketten u. dgl.) bei halb entblößtem Ober- 
körper vor dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen werde. Es ge- 
schieht dies übrigens nur im Alleinsein, niemals, wenigstens soweit 
ich es vermeiden kann, zu Angesicht anderer Personen" (S. 429). Diese 
Spielereien gestand der Herr Senatspräsident zu einer Zeit ein (Juli 1901), 
da er für seine wiedergewonnene praktische Gesundheit den treffenden 
Ausdruck fand: ,, Jetzt weiß ich längst, daß die Personen, die ich vor 
mir sehe, nicht „flüchtig hingemachte Männer", sondern wirkliche 
Menschen sind, und daß ich mich daher ihnen gegenüber so zu ver- 
halten habe, wie ein vernünftiger Mensch im Verkehr mit anderen 
Menschen zu tun pflegt" (S. 409). Im Gegensatz zu dieser Betätigung 
der Entmannungsphantasie hat der Kranke für die Anerkennung 
seiner Erlösermission nie etwas anderes unternommen als eben die 
Veröffentlichung seiner „Denkwürdigkeiten". 

b) Das Verhältnis unseres Kranken zu Gott ist so sonderbar 
und von einander widersprechenden Bestimmungen erfüllt, daß ein 
gutes Stück Zuversicht dazu gehört, wenn man an der Erwartung fest- 
hält, daß in diesem „Wahnsinn" doch „Methode" zu finden sei. Wir 
müssen uns nun mit Hilfe der Äußerungen in den Denkwürdigkeiten 
über das theologisch-psychologische System des Dr. Schreber ge- 
nauere Orientierung schaffen und seine Ansichten über die Nerven, 
die Seligkeit, die göttliche Hierarchie und die Eigenschaften 
Gottes in ihrem scheinbaren (wahnhaften) Zusammenhange darlegen. 
In allen Stücken der Theorie fällt die merkwürdige Mischung von 
Plattem und Geistreichem, von geborgten und originellen Elementen auf. 

Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers enthalten, 
die als Gebilde von außerordentlicher Feinheit — den feinsten Zwirn- 
fäden vergleichbar — vorzustellen sind. Einige dieser Nerven sind 
nur zur Aufnahme sinnlicher Wahrnehmungen geeignet, andere (die 
Verstandesnerven) leisten alles Psychische, wobei das Verhältnis 
stattfindet, daß jeder einzelne Verstandesnerv die gesamte 
geistige Individualität des Menschen repräsentiert und 

2* 



20 Sigm. Freud. 

die größere oder geringere Zahl der vorhandenen Verstandesnerven 
nur von Einfluß ist auf die Zeitdauer, während deren die Eindrücke 
festgehalten werden können 1 ). 

Während die Menschen aus Körper und Nerven bestehen, ist 
Gott von vornherein nur Nerv. Die Gottesnerven sind jedoch nicht 
wie im menschlichen Körper in beschränkter Zahl vorhanden, sondern 
unendlich oder ewig. Sie besitzen alle Eigenschaften der menschlichen 
Nerven in enorm gesteigertem Maße. In ihrer Fähigkeit zu schaffen, 
d. h. sich umzusetzen in alle möglichen Dinge der erschaffenen Welt, 
heißen sie Strahlen. Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel 
oder der Sonne besteht eine innige Beziehung 2 ). 

Nach dem Schöpfungswerk zog sich Gott in ungeheuere Ent- 
fernung zurück (S. 11, 252) und überließ die Welt im allgemeinen ihren 
Gesetzen. Er beschränkte sich darauf, die Seelen Verstorbener zu 
sich heraufzuziehen. Nur ausnahmsweise mochte er sich mit einzelnen 
hochbegabten Menschen in Verbindung setzen 3 ) oder mit einem Wunder 
in die Geschicke der Welt eingreifen. Ein regelmäßiger Verkehr 
Gottes mit Menschenseelen findet nach der Weltordnung erst nach dem 
Tode statt 4 ). Wenn ein Mensch gestorben ist, so werden seine Seelen- 
teile (Nerven) einem Läuterungsverfahren unterworfen, um endlich 
als „Vorhöfe des Himmels" Gott selbst wieder angegliedert zu werden. 
Es entsteht so ein ewiger Kreislauf der Dinge, welcher der Weltordnung 
zugrunde liegt (S. 19). Indem Gott etwas schafft, entäußert er sich 

x ) In der Anmerkung zu dieser von Sckreber unterstrichenen Lehre 
■wird deren Brauchbarkeit zur Erklärung der Erblichkeit betont. „Der männliche 
Samen enthält einen Xerv des Vaters und vereinigt sich mit einem aus dem Leib 
der Mutter entnommenen Xerven zu einer neuentstehenden Einheit." (S. 7) Es 
ist also hier ein Charakter, den wir dem Spermatozoon zuschreiben müssen, auf die 
Xerven übertragen worden und dadurch die Herkunft der Schreberschen 
„Xerven" aus dem sexuellen Vorstellungskreis wahrscheinlich gemacht. In den 
„Denkwürdigkeiten" trifft es sich nicht so selten, daß eine beiläufige Anmerkung 
zu einer wahnhaften Lehre den erwünschten Hinweis auf die Genese und somit 
auf die Bedeutung des Wahnes enthält. 

2 ) Über diese siehe weiter unten: Sonne. — Die Gleichstellung (oder viel- 
mehr Verdichtung) von Xerven und Strahlen könnte leicht deren lineare Erscheinung 
zum Gemeinsamen genommen haben. — Die Strahlen-Xerven sind übrigens 
ebenso schöpferisch wie die Samenfädcn-Xerven. 

3 ) Das wird in der „Grundsprache" (s. u.) als „Xervenanhang bei ihnen 
nehmen" bezeichnet. 

J ) Welche Einwürfe gegen Gott sich hieran knüpfen, werden wir später 
erfahren. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 21 

eines Teiles seiner selbst, gibt einem Teile seiner Nerven eine veränderte 
Gestalt. Der scheinbar hierdurch entstehende Verlust wird wiederum 
ersetzt, wenn nach Jahrhunderten und Jahrtausenden die selig geworde- 
nen Nerven verstorbener Menschen als „Vorhöfe des Himmels" ihm 
wieder zuwachsen. 

Die durch den Läuterungsprozeß gereinigten Seelen befinden 
sich im Genüsse der Seligkeit 1 ). „Sie haben unterdes ihr Selbst- 
bewußtsein abgeschwächt und sind mit anderen Seelen zu höheren 
Einheiten zusammengeschmolzen. Bedeutsame Seelen, wie die eines 
Goethe, Bismarck u. a., haben ihr Identitätsbewußtsein vielleicht 
noch durch Jahrhunderte zu bewahren, bis sie selbst in höheren Seelen- 
komplexen (wie „Jehovastrahlen" für das alte Judentum, „Zoroaster- 
strahlen" für das Persertum) aufgehen können. Während der Läuterung 
lernen die Seelen die von Gott selbst gesprochene Sprache, die so- 
genannte „Grundsprache", ein „etwas altertümliches, aber immerhin 
kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Keichtum 
an Euphemismen auszeichnete" (S. 13) 2 ). 

Gott selbst ist kein einfaches Wesen. „Über den „Vorhöfen des 
Himmels" schwebte Gott selbst, dem im Gegensatze zu diesen „vor- 
deren Gottesreichen" auch die Bezeichnung der „hinteren Gottes- 
reiche" gegeben wurde. Die hinteren Gottesreiche unterlagen (und 
unterliegen noch jetzt) einer eigentümlichen Zweiteilung, nach der 
ein niederer Gott (Aximan) und ein oberer Gott (Ormuzd) unter- 
schieden wurde" (S. 19). Über die nähere Bedeutung dieser Zwei- 
teilung weiß Schreber nichts anderes zu sagen, als daß der 
niedere Gott sich vorzugsweise den Völkern brünetter Rasse 
(den Semiten) und der obere den blonden Völkern (Ariern) zu- 
geneigt hat. Doch wird man von menschlicher Erkenntnis in solchen 
Höhen auch nicht mehr fordern dürfen. Immerhin erfahren wir 
noch, „daß der niedere und der obere Gott ungeachtet der in ge- 
wisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht doch als 
verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen, 
auch im Verhältnis untereinander, ihren besonderen Egoismus 
und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher 



x ) Diese besteht wesentlich in einem Wollustgefühl (s. u.). 

2 ) Es war dem Patienten ein einziges Mal während seiner Krankheit ver- 
gönnt, Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit vor seinem geistigen Auge 
zu sehen. Gott äußerte damals das in der Grundsprache ganz geläufige, kraft- 
volle, aber nicht freundlich klingende Wort: Luder! (S 136). 



22 Sigm. Freud. 

immer wechselseitig vorzuschieben trachten" (S. 140). Die beiden 
göttlichen Wesen benahmen sich auch während des akuten Krank- 
heitsstadiums in ganz verschiedener Weise gegen den unglücklichen 
Schreber 1 ). 

Der Senatspräsident Schreber war in gesunden Tagen ein Zweifler 
in religiösen Dingen gewesen (S. 29, P4); er hatte sich zu einem festen 
Glauben an die Existenz eines persönlichen Gottes nicht aufzuschwingen 
vermocht. Ja er zieht aus dieser Tatsache seiner Vorgeschichte ein 
Argument, um die volle Realität seines Wahnes zu stützen 2 ). Wer 
aber das Folgende über die Charaktereigenschaf ten des Schreber sehen 
Gottes erfährt, wird sagen müssen, daß die durch die paranoische Er- 
krankung erzeugte Umwandlung keine sehr gründliche war, und daß 
in dem nunmehrigen Erlöser noch viel vom vormaligen Zweifler übrig- 
geblieben ist. 

Die Weltordnung hat nämlich eine Lücke, infolge deren die 
Existenz Gottes selbst gefährdet erscheint. Vermöge eines nicht näher 
aufzuklärenden Zusammenhanges üben die Nerven lebender Menschen, 
namentlich im Zustand einer hochgradigen Erregung, eine der- 
artige Anziehung auf die Gottesnerven aus, daß Gott nicht wieder von 
ihnen loskommen kann, also in seiner eigenen Existenz bedroht ist 
(S. 11). Dieser außerordentlich seltene Fall ereignete sich nun bei 
Schreber und hatte die größten Leiden für ihn zur Folge. Gottes 
Selbsterhaltungstrieb wurde dadurch rege gemacht (S. 30) und es ergab 
sich, daß Gott von der Vollkommenheit, die ihm die Religionen bei- 
legen, weit entfernt ist. Durch das ganze Buch Schrebers zieht sich 
die bittere Anklage, daß Gott, nur an den Verkehr mit Verstorbenen 
gewöhnt, den lebenden Menschen nicht versteht. 

(S. 56): „Dabei waltet nun aber ein fundamentales Mißverständnis 
ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben 
hindurchzieht und welches eben darauf beruht, daß Gott nach der 

x ) Eine Anmerkung S. 20 läßt erraten, daß eine Stelle in Byrons Manfred 
für die Wahl der persischen Gottesnamen den Ausschlag gegeben hat. Wir werden 
dem Einflüsse dieser Dichtung noch ein anderes Mal begegnen. 

2 ) „Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir 
schon vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott 
oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füglich nur in solchen 
Menschen entstehen, die in ihren krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen 
sicheren Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben. 
Dies ist aber bei mir, nach dem im Eingang dieses Kapitels Er- 
wähnten gar nicht der Fall gewesen" (S. 79). 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 23 

Weltordnung den lebenden Menschen eigentlich nicht 
kannte und nicht zu kennen brauchte, sondern weltordnungsgemäß 
nur mit- Leichen zu verkehren hatte." — (S. 141): „Daß. . . ., muß nach 
meiner Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht 
werden, daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen nicht um- 
zugehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allenfalls 
mit dem im Schlafe daliegenden (träumenden) Menschen gewöhnt 
war." — (S. 246): ,,Incredibile scriptu, möchte ich selbst hinzufügen, 
und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig andere Menschen den 
Gedanken einer so totalen Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen 
richtig zu beurteilen, werden fassen können, und so langer Zeit es 
auch für mich bedurft hat, um mich an diesen Gedanken nach den unzäh- 
ligen, hierüber gemachten Beobachtungen zu gewöhnen." 

Allein infolge dieses Mißverständnisses Gottes für den lebenden 
Menschen konnte es geschehen, daß Gott selbst der Anstifter des gegen 
Schreber gerichteten Komplottes wurde, daß Gott ihn für blödsinnig 
hielt und ihm die beschwerlichsten Prüfungen auferlegte (S. 264). 
Er unterwarf sich einem höchst lästigen ,, Denkzwange", um dieser Ver- 
urteilung zu entgehen. (S. 206): „Bei jeder Einstellung meiner Denk- 
tätigkeit erachtet Gott augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten 
für erloschen, die von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes (den 
Blödsinn) für eingetreten und damit die Möglichkeit des Rückzuges 
für gegeben." 

Eine besonders heftige Empörung wird durch das Benehmen 
Gottes in der Sache des Entleerungs- oder Seh . . . dranges hervor- 
gerufen. Die Stelle ist so charakteristisch, daß ich sie ganz zitieren 
will. Zu ihrem Verständnis schicke ich voraus, daß sowohl die Wunder 
als auch die Stimmen von Gott (d. h. von den göttlichen Strahlen) 
ausgehen. 

(S. 225): „Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß ich 
der eben erwähnten Frage „Warum seh... Sie denn nicht?" noch 
einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent auch das Thema ist, 
das ich dabei zu berühren genötigt bin. Wie alles andere an meinem 
Körper, wird nämlich auch das Ausleerungsbedürfnis durch Wunder 
hervorgerufen; es geschieht dies, indem der Kot in den Därmen vor- 
wärts (manchmal auch wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn 
infolge bereits geschehener Ausleerungen genügendes Material nicht 
mehr vorhanden ist, wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste 
des Darminhalts, auf meine Gesäßöffnung geschmiert werden. Es 



24 Sigm. Freud. 

handelt sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, das an jedem 
Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen wiederholt wird. Damit 
verbindet sich die für Menschen geradezu unbegreifliche und nur 
aus der völligen Unbekanntschaft Gottes mit dem lebenden Menschen 
als -Organismus erklärliche Vorstellung, daß das „Seh..." gewisser- 
maßen das letzte sei, d. h. mit dem An wundern des Seh . . dranges 
das Ziel der Zerstörung des Verstandes erreicht und die Möglichkeit 
eines endgültigen Kückzuges der Strahlen gegeben sei. Wie mir scheint, 
muß man, um der Entstehung dieser Vorstellung auf den Grund zu 
gehen, an das Vorliegen eines Mißverständnisses in betreff der symboli- 
schen Bedeutung des Ausleerungsaktes denken, daß nämlich derjenige, 
der zu göttlichen Strahlen in ein dem meinigen entsprechendes Ver- 
hältnis gekommen ist, gewissermaßen berechtigt sei, auf alle Welt 

zu seh " 

„Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze Perfidie 1 ) der 
Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, wenn man 
mir das Ausleerungsbedürfnis wundert, schickt man — indem man 
die Nerven des betreffenden Menschen dazu anregt — irgend eine 
andere Person meiner Umgebung auf den Abtritt, um mich am Aus- 
leeren zu verhindern; es ist dies eine Erscheinung, die ich seit Jahren 
in so unzähligen (Tausenden von) Malen und so regelmäßig beobachtet 
habe, daß jeder Gedanke an einen Zufall ausgeschlossen ist. Mir selbst 
gegenüber wird dann aber auf die Frage: „Warum seh.. Sie denn 
nicht V\ mit der famosen Antwort fortgefahren: „Weil ich dumm bin 
so etwa." Die Feder sträubt sich fast dagegen, den formidabeln Unsinn 
niederzuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf Unkenntnis der 
Menschennatur beruhenden Verblendung so weit geht, anzunehmen, 
es könne einen Menschen geben, der — was doch jedes Tier zu tun 
vermag — vor Dummheit nicht seh... könne. Wenn ich dann im 
Fall eines Bedürfnisses wirklich ausleere — wozu ich mich, da ich den 
Abtritt fast stets besetzt finde, in der Kegel eines Eimers bediene — , 
so ist dies jedesmal mit einer überaus kräftigen Entwicklung der Seelen- 
wollust verbunden. Die Befreiung von dem Drucke, der durch den 
in den Därmen vorhandenen Kot verursacht wird, hat nämlich für 
die Wollustnerven ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das Gleiche 
ist auch beim Pissen der Fall. Aus diesem Grunde sind noch stets 



x ) Eine Anmerkung bemüht sieh liier, das harte Wort „Perfidie" zu mildern, 
indem auf eine der noch zu erwähnenden Rechtfertigungen Gottes verwiesen 
wird. 



Psycho analytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 25 

und ohne jede Ausnahme beim Ausleeren und Pissen alle Strahlen 
vereinigt gewesen; aus eben diesem Grunde sucht man auch stets, 
wenn ich mich zu diesen natürlichen Funktionen anschicke, den Aus- 
leernngs- und Pißdrang, wenn auch meist vergeblich, wieder zurück- 
zuwundern" 1 ). 

Der sonderbare Gott Schrebersist auch nicht imstande, etwas aus 
der Erfahrung zu lernen. (S. 186): „Aus der so gewonnenen Erfahrung 
eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, scheint vermöge irgendwelcher, 
in dem Wesen Gottes Hegender Eigenschaften eine Unmöglichkeit zu 
sein." Er kann daher dieselben quälenden Proben, Wunder und Stimm- 
äußerungen Jahre hindurch ohne Abänderung wiederholen, bis er 
dem Verfolgten zum Gespötte werden muß. 

(S. 333): „Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, was mir 
gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere furchtbare 
Wirkung zum größten Teil eingebüßt haben, mir überwiegend lächerlich 
oder kindisch erscheint. Daraus folgt für mein Verhalten, daß ich 
häufig durch die Notwehr gezwungen bin, nach Befinden auch in lauten 
Worten den Gottesspötter zu spielen; . .." 2 ). 

Diese Kritik Gottes und Auflehnung gegen Gott begegnet bei 
Schreber indes einer energischen Gegenströmung, welcher an zahl- 
reichen Stellen Ausdruck gegeben wird. (S. 333): „Auf das Aller- 
entschiedenste habe ich aber auch hier zu betonen, daß es sich dabei 
nur um eine Episode handelt, die, wie ich hoffe, spätestens mit meinem 
Ableben ihre Endschaft erreichen wird, daß daher das Recht, Gottes 
zu spotten, nur mir, nicht aber anderen Menschen zusteht. Für andere 
Menschen bleibt Gott der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde, 
der Urgrund aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem — mögen 
auch einzelne der herkömmlichen religiösen Vorstellungen einer Be- 
richtigung bedürfen — Anbetung und höchste Verehrung gebührt." 
Es wird darum zu wiederholten Malen eine Rechtfertigung Gottes 
wegen seines Benehmens gegen den Patienten versucht, die, ebenso 
spitzfindig wie alle Theodiceen, bald in der allgemeinen Natur der 

1 ) Dies Eingeständnis der Exkretionslust, die wir als eine der autoerotischen 
Komponenten der infantilen Sexualität kennen gelernt haben, möge man mit 
den Äußerungen des kleinen Hans in der „Analyse der Phobie eines 5 jährigen 
Knaben" (Jahrb. f. psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. I, 1909, 
S. 74) zusammenhalten. 

2 ) Auch in der „Grundsprache" war Gott nicht immer der schimpfende 
Teil, sondern gelegentlich auch der beschimpfte, z. B. „Ei verflucht, das sagt 
sich schwer, daß der liebe Gott sich f . . . läßt" (S. 194). 



26 Sigm. Freud. 

Seelen, bald in der Nötigung Gottes sich selbst zu erhalten und in dem 
irreführenden Einflüsse der Fl echsig sehen Seele die Erklärung findet 
(S. CO u. ff., S. 160). Im ganzen aber wird die Krankheit als ein 
Kampf des Menschen Schreber gegen Gott aufgefaßt, in welchem 
der schwache Mensch Sieger bleibt, weil er die Weltordnung auf seiner 
Seite hat (S. 61). 

Aus den ärztlichen Gutachten hätte man leicht schließen können, 
daß man es bei Schreber mit der landläufigen Form der Erlösungs- 
phantasie zu tun habe. Der Betreffende sei Gottes Sohn, dazu bestimmt, 
die Welt aus ihrem Elend oder von dem ihr drohenden Untergang zu 
retten usw. Ich habe es daher nicht unterlassen, die Besonderheiten 
des Schreber sehen Verhältnisses zu Gott ausführlich darzustellen. 
Die Bedeutung, welche diesem Verhältnisse für die übrige Menschheit 
zukommt, wird in den Denk Würdigkeiten nur selten und erst zu Ende 
der Wahnbildung erwähnt. Sie besteht wesentlich darin, daß kein 
Verstorbener selig werden kann, solange seine Person die Hauptmasse 
der Gottesstrahlen durch ihre Anziehungskraft absorbiert (S. 32). 
Auch die unverhüllte Identifizierung mit Jesus Christus kommt erst 
sehr spät zum Vorscheine (S. 338, 431). 

Es wird kein Erklärungsversuch des Falles Schreber Aussicht 
auf Richtigkeit haben, der nicht dieser Besonderheiten seiner Gottes- 
vorstellung, dieser Mischung von Zügen der Verehrung und der Auf- 
lehnung, Rechnung trägt. Wir wenden uns nun einem andern, in inniger 
Beziehung zu Gott stehenden Thema, dem der Seligkeit, zu. 

Die Seligkeit ist auch bei Schreber „das jenseitige Leben", 
zu dem die Menschenseele durch die Läuterung nach dem Tode er- 
hoben wird. Er beschreibt sie als einen Zustand ununterbrochenen 
Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes. Das ist nun wenig 
originell, aber dafür werden wir durch die Unterscheidung überrascht, 
die Schreber zwischen einer männlichen und einer weiblichen Selig- 
keit macht. (S. 18): ,,Die männliche Seligkeit stand höher als die weib- 
liche Seligkeit, welche letztere vorzugsweise iu einem ununterbrochenen 
Wollustgefühle bestanden zu haben scheint 1 )." Andere Stellen ver- 
künden das Zusammenfallen von Seligkeit und Wollust in deutlicherer 
Sprache und ohne Bezug auf den Geschlechtsunterschied, so wie auch 



a ) Es liegt doch ganz im Sinne der Wunscherfüllung vom Leben im Jen- 
seits, daß man dort endlich des Geschleehtsunterschiedes ledig wird. 
„Und jene himmlischen Gestalten 
sie fragen nicht nach Mann und Weib." (Mignon.) 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 27 

von dem Bestandteile der Seligkeit, der Anschauung Gottes ist, weiter 
nicht gehandelt wird. So z. B. (S. 51): „ . . . mit der Natur der Gottes- 
nerven, vermöge deren die Seligkeit ..., wenn auch nicht ausschließ- 
lich, sodoch mindestens zugleich eine hochgesteigerte Wollustemp- 
findung ist". Und (S. 281): „Die Wollust darf als ein Stück Seligkeit 
aufgefaßt werden, das dem Menschen und anderen lebenden Geschöpfen 
gewissermaßen im voraus verliehen ist", so daß die himmlische 
Seligkeit wesentlich als Steigerung und Fortsetzung der irdischen 
Sinneslust zu verstehen wäre! 

Diese Auffassung der Seligkeit ist keineswegs ein aus den ersten 
Stadien der Krankheit stammendes, später als unverträglich eliminiertes 
Stück des Schreberschen Wahnes. Noch in der ,, Beruf ungsbegrün- 
dung" (Juli 1901) hebt der Kranke als eine seiner großen Einsichten 
hervor, „daß die Wollust nun einmal in einer — für andere Menschen 
bisher nicht erkennbar gewordenen — nahen Beziehung zu. der Seligkeit 
der abgeschiedenen Geister steht" 1 ). 

Ja, wir werden hören, daß diese „nahe Beziehung" der Fels ist, 
auf welchem der Kranke die Hoffnung einer endlichen Versöhnung 
mit Gott und eines Aufhörens seiner Leiden gebaut hat. Die Strahlen 
Gottes verlieren ihre feindselige Gesinnung, sobald sie versichert sind, 
mit Seelenwollust in seinem Körper aufzugehen (S. 133); Gott selbst 
verlangt danach, die Wollust bei ihm zu finden (S. 283) und droht 
mit dem Kückzuge seiner Strahlen, wenn er in der Pflege der Wollust 
nachläßt und Gott das Verlangte nicht bieten kann (S. 320). 

Diese überraschende Sexualisierung der himmlischen Seligkeit 
macht uns den Eindruck, als ob Schrebers Seligkeitsbegriff durch die 
Verdichtung der zwei Hauptbedeutungen des deutschen Wortes: 
verstorben und sinnlich glücklich entstanden wäre 2 ). Wir werden 
in ihr aber auch den Anlaß finden, das Verhältnis unseres Patienten 
zur Erotik überhaupt, zu den Fragen des sexuellen Genießens, der 
Prüfung zu unterziehen, denn wir Psychoanalytiker huldigen bis jetzt 
der Meinung, daß die Wurzeln jeder nervösen und psychischen Er- 



*) Über den möglichen Tiefsinn dieses Schreberschen Fundes vgl. unten. 
2 ) „Mein seliger Vater" und der Text der Arie aus dem Don Juan: 
„Ja, dein zu sein auf ewig, 
wie selig werd' ich sein." 
als extreme Vertreter der beiden Bedeutungen. Es kann aber auch nicht ohne 
Sinn sein, daß unsere Sprache dasselbe Wort für so verschiedene Situationen 
verwendet. 



28 Sigm. Freud. 

krankung vorzugsweise im Sexualleben zu finden seien, und zwar die 
einen von uns nur aus Gründen der Erfahrung, die anderen überdies 
noch infolge theoretischer Erwägungen. 

Nach den bisher gegebenen Proben des Schreberschen Wahnes 
ist die Befürchtung, gerade diese paranoide Erkrankung könnte sich 
als der so lange gesuchte „negative Fall" herausstellen, in dem die 
Sexualität eine allzu geringe Eolle spiele, ohne weiters abzuweisen. 
Schreber selbst äußert sich ungezählte Male in solcher Art, als ob er 
ein Anhänger unseres Vorurteiles wäre. Er nennt „Nervosität" und 
erotische Verfehlung stets in einem Atem, als ob die beiden nicht von- 
einander zu trennen wären 1 ). 

Vor seiner Erkrankung war der Senatspräsident Schreber ein 
sittenstrenger Mann gewesen. (S. 281): „Es wird wenige Menschen 
geben" — behauptet er, und ich sehe keine Berechtigung, ihm zu 
mißtrauen — , „die in so strengen sittlichen Grundsätzen aufgewachsen 
sind wie ich und die sich ihr ganzer Leben hindurch, namentlich 
auch in geschlechtlicher Beziehung, eine diesen Grundsätzen ent- 
sprechende Zurückhaltung in dem Maße auferlegt haben, wie ich es 
von mir behaupten darf." Nach dem schweren Seelenkampfe, der sich 
nach außen durch die Erscheinungen der Krankheit kundgab, hatte 
sich das Verhältnis zur Erotik verändert. Er war zur Einsicht gekommen, 
daß die Pflege der Wollust eine Pflicht für ihn sei, deren Erfüllung 
allein den schweren in ihm, wie er meinte, um ihn, ausgebrochenen 
Konflikt beenden könne. Die Wollust war, wie ihm die Stimmen 
versicherten, „gottesfürchtig" geworden (S. 285), und er bedauert 
nur, daß er nicht imstande sei, sich den ganzen Tag über der Pflege 
der Wollust zu widmen 2 ) (S. 285). 

x ) (S. 52): „Wenn auf irgend einem Wcltkörper sittliche Fäulnis 
(„wollüstige Ausschweifungen") oder vielleicht auch Nervosität die ganze 
Menschheit derart ergriffen hatten" — dann meint Schreber, in Anlehnung 
an die biblischen Berichte von Sodom und Gomorrha, von der Sündflut usw., 
könnte es zu einer Weltkatastrophe gekommen sein. — (S. 91.) ,,. . . habe Furcht 
und Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der Religion zer- 
stört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und Un- 
sittlichkeit verursacht, in deren Folge dann verheerende Seuchen über die 
Menschheit hereingebrochen seien". — (S. 1G3): „Als „Höllenfürst" galt daher 
wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen 
Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung in- 
folge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte." 

2 ) Im Zusammenhange des Wahnes heißt es (S. 179): „Die Anziehung 
verlor jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und so weit 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 29 

Das also war das Fazit der Krankheitsveränderung bei Sclireber 
nach den beiden Hauptrichtungen seines Wahnes. Er war vorher ein 
zur sexuellen Askese Geneigter und ein Zweifler an Gott gewesen, 
er war nach Ablauf der Krankheit ein Gottesgläubiger und der Wollust 
Beflissener. Aber wie sein wiedergewonnener Gottesglaube von ab- 
sonderlicher Art war, so zeigte auch das Stück Sexualgenießen, das 
er sich erobert hatte, einen ganz ungewöhnlichen Charakter. Es war 
nicht mehr männliche Sexualfreiheit, sondern weibliches Sexual- 
gefühl, er stellte sich feminin gegen Gott ein, fühlte sich als Gottes 
Weib 1 ). 

Kein anderes Stück seines Wahnes wird von dem Kranken so 
ausführlich, man könnte sagen so aufdringlich behandelt, wie die von 
ihm behauptete Verwandlung in ein Weib. Die von ihm aufgesogenen 
Nerven haben in seinem Körper den Charakter weiblicher Wollust- 
nerven angenommen und demselben auch sonst ein mehr oder weniger 
weibliches Gepräge, insbesondere seiner Haut die dem weiblichen 
Geschlecht eigentümliche Weichheit verliehen (S. 87). Er fühlt diese 
Nerven, wenn er einen leisen Druck mit der Hand an einer beliebigen 
Körperstelle ausübt, als Gebilde von faden- oder strangartiger 
Beschaffenheit unter der Hautoberfläche, dieselben sind namentlich 
an der Brust, da wo beim Weibe der Busen ist, vorhanden (S. 277). 
,, Durch einen auf diese Gebilde auszuübenden Druck vermag ich mir, 
namentlich wenn ich an etwas Weibliches denke, eine der weiblichen 
entsprechende Wollustempfindung zu verschaffen." Er weiß sicher, 
daß diese Gebilde nach ihrer Herkunft weiter nichts sind als ehemalige 
Gottesnerven, die doch durch ihren Übergang in seinen Körper ihre 

sie beim Eingehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust antrafen, 
an dem sie ihrerseits teilnahmen. Sie fanden dann für die verloren gegangene 
himmlische Seligkeit, die wohl ebenfalls in einem wollustartigen Genießen bestand, 
einen ganz oder mindestens annähernd gleichwertigen Ersatz in meinem Körper 
wieder." 

1 ) Anmerkung zu S. 4 der Vorrede: „Etwas der Empfängnis Jesu Christi 
von Seiten einer unbefleckten Jungfrau — d. h. von einer solchen, die niemals 
Umgang mit einem Manne gepflogen hat — Ähnliches ist in meinem eigenen 
Leibe vorgegangen. Ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsig- 
schen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen, wenn auch etwas 
mangelhaft entwickelten weiblichen Geschlechtsteil gehabt und in meinem Leibe 
hüpfende Bewegungen, wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen 
Embryo entsprechen, empfunden: Durch göttliches Wunder waren dem männ- 
lichen Samen entsprechende Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden; 
es hatte also eine Befruchtung stattgefunden." 



30 Sigm. Freud. 

Eigenschaft als Nerven kaum eingebüßt haben können (S. 279). Er ist 
imstande, sich und den Strahlen durch „Zeichnen" (visuelles Vor- 
stellen) den Eindruck zu verschaffen, daß sein Körper mit weiblichen 
Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausgestattet sei. (S. 233): 
„Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an meinen Körper — honny 
soit qui mal y pense — ist mir so zur Gewohnheit geworden, daß ich 
dies beim Bücken jedesmal fast unwillkürlich tue." Er will es „kühn 
behaupten, daß jeder, der mich mit entblößtem oberen Teile des Kumpfes 
vor dem Spiegel sehen würde — zumal wenn die Illusion durch etwas 
weiblichen Aufputz unterstützt wird — , den unzweifelhaften Eindruck 
eines weiblichen Oberkörpers empfangen würde" (S. 280). Er 
fordert die ärztliche Untersuchung heraus, um feststellen zu lassen, 
daß sein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit Wollustnerven 
durchsetzt ist, was nach seiner Meinung nur beim weiblichen Körper 
der Fall ist, während beim Manne, soviel ihm bekannt ist, "Wollust- 
nerven nur am Geschlechtsteile und in unmittelbarer Nähe desselben 
sich befinden (S. 274). Die Seelenwollust, die sich durch diese Anhäufung 
der Nerven in seinem Körper entwickelt hat, ist so stark, daß es nament- 
lich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwandes von Einbildungs- 
kraft bedarf, um sich ein sinnliches Behagen zu schaffen, das eine 
ziemlich deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgenusse 
beim Beischlafe gewährt (S. 269). 

Erinnern wir uns des Traumes, welcher in der Inkubationszeit 
der Erkrankung, noch vor der Übersiedlung nach Dresden, vorfiel, 
so wird es über jeden Zweifel evident, daß der Wahn der Verwandlung 
'in ein Weib nichts anderes ist als die Kealisierung jenes Trauminhaltes. 
Gegen diesen Traum hatte er sich damals mit männlicher Empörung 
gesträubt und ebenso wehrte er sich anfänglich gegen dessen Erfüllung 
während der Krankheit, sah die Wandlung zum Weib als eine Schmach 
an, die in feindseliger Absicht über ihn verhängt werden sollte. Aber 
es kam ein Zeitpunkt (November 1895), in dem er sich mit dieser 
Wandlung zu versöhnen begann und sie mit höheren Absichten Gottes 
in Verbindung brachte. (S. 177 und 178): „Ich habe seitdem die Pflege 
der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne geschrieben." 

Er kam dann zur sicheren Überzeugung, daß Gott selbst zu 
seiner eigenen Befriedigung die Weiblichkeit von ihm verlange. 

(S. 281). „Sobald ich aber — wenn ich mich so ausdrücken darf — 
mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit für mich, mit allen er- 
denklichen Mitteln sowie mit dem vollen Aufgebote meiner Verstandes- 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 31 

kräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, dahin zu wirken, daß 
die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend — oder da 
dies der Mensch einfach nicht kann — wenigstens zu gewissen Tages- 
zeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden 
Weibes empfangen." 

(S. 283): „Auf der andern Seite verlangt Gott ein den welt- 
ordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entsprechendes 
beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, ... 
in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelenwollust zu bieten, 
soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genüsse abfällt, bin ich 
berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß 
der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mit- 
zunehmen; ..." 

(S. 284): ,, . . . ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken 
die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rück- 
zugsaktion vorschreiten würde, wodurch mein körperliches Wohl- 
befinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird, sondern 
ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der An- 
ziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in ge- 
schlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen, 
meinen Blick immer auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer 
weibliche Bilder zu besehen usw." 

Die beiden Haupts tücke des Schreb er sehen Wahnes, die Wand- 
lung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott sind in seinem 
System durch die feminine Einstellung gegen Gott verknüpft. Es wird 
eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesentliche genetische 
Beziehung zwischen diesen beiden Stücken nachzuweisen, sonst wären 
wir mit unseren Erläuterungen zu Schrebers Wahn in die lächerliche 
Rolle geraten, die Kant in dem berühmten Gleichnis der Kritik 
der reinen Vernunft als die des Mannes beschreibt, der das Sieb unter- 
hält, während ein anderer den Bock melkt. 

II. Deutungsversuche. 

Von zwei Seiten her könnte man den Versuch machen, zum 
Verständnis dieser paranoischen Krankengeschichte vorzudringen, 
die bekannten Komplexe und Triebkräfte des Seelenlebens in ihr auf- 
zudecken. Von den wahnhaften Äußerungen des Kranken selbst und 
von den Anlässen seiner Erkrankung. 



32 Sigm. Freud. 

Der erste Weg erschiene verlockend, seitdem C. G. Jung uns 
das glänzende Beispiel der Deutung eines ungleich schwereren Falles 
von Dementia praecox, mit vom Normalen ungleich weiter abhegenden 
Symptomäußerungen gegeben hat 1 ). Auch die hohe Intelligenz und 
Mitteilsamkeit des Kranken scheint uns die Lösung der Aufgabe auf 
diesem Wege zu erleichtern. Gar nicht so selten drückt er uns den 
Schlüssel selbst in die Hand, indem er zu einem wahnhaften Satz eine 
Erläuterung, ein Zitat oder Beispiel, wie beiläufig, hinzufügt oder 
eine ihm selbst auftauchende Ähnlichkeit ausdrücklich bestreitet. Man 
braucht dann nur im letzten Falle die negative Einkleidung wegzulassen, 
wie man es in der psychoanalytischen Technik zu tun gewohnt ist, 
das Beispiel für das Eigentliche, das Zitat oder die Bestätigung für die 
Quelle zu nehmen und befindet sich im Besitze der gesuchten Über- 
setzung aus der paranoischen Ausdrucksweise ins Normale. Ein Beleg 
für diese Technik verdient vielleicht eine ausführlichere Darstellung. 
Schreber beklagt sich über die Belästigung durch die sogenannten 
„gewunderten Vögel" oder „sprechenden Vögel", denen er eine Reihe 
recht auffälliger Eigenschaften zuschreibt (S. 208— 2U). Sie sind nach 
seiner Überzeugung aus Resten ehemaliger „Vorhöfe des Himmels", 
also selig gewesener Menschenseelen, gebildet und mit Leichengift be- 
laden auf ihn gehetzt worden. Sie sind in den Stand versetzt, „sinnlos 
auswendig gelernte Redensarten" herzusagen, die ihnen „eingebläut" 
worden sind. Jedesmal, wenn sie das ihnen aufgepackte Leichengift 
bei ihm abgelagert, d. h. „die ihnen gewissermaßen eingebläuten Phrasen 
abgeleiert haben", gehen sie mit den Worten „Verfluchter Kerl" oder „Ei 
verflucht" einigermaßen in seiner Seele auf, den einzigen Worten, 
deren sie im Ausdruck einer echten Empfindung überhaupt noch fähig 
sind. Den Sinn der von ihnen gesprochenen Worte verstehen sie 
nicht, haben aber eine natürliche Empfänglichkeit für den Gleich- 
klang der Laute, der kein vollständiger zu seiu braucht. Es verschlägt 
daher für sie wenig, ob man sagt: 

„Santiago" oder „Karthago", 
„Chinesentum" oder „Jesum Christum", 
„Abendrot" oder „Atemnot", 
„Ariman" oder „Ackermann" usw. (S. 210). 

Während man diese Schilderung liest, kann man sich des Ein- 
falles nicht erwehren, daß mit ihr junge Mädchen gemeint sein 

a ) C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. 1907. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen fall von Paranoia usw. 3o 

müssen, die man in kritischer Stimmung gerne mit Gänsen vergleicht, 
denen man imgalanterweise ein „Vogelgehirn" zuschreibt, von denen 
man behauptet, daß sie nichts zu reden wissen als eingelernte Phrasen, 
und die ihre Unbildung durch die Verwechslung ähnlich klingender 
Fremdwörter verraten. Das „Verfluchter Kerl", mit dem es ihnen 
allein Ernst ist, wäre dann der Triumph des jungen Mannes, der ihnen 
zu imponieren verstanden hat. Und siehe da, einige Seiten später 
(S. 214) stößt man auf die Sätze Schrebers, welche eine solche Deutung 
sicherstellen. „Einer großen Anzahl der übrigen Vogelseelen habe 
ich scherzweise zur Unterscheidung Mädchennamen beigelegt, da sie 
sich sämtlich nach ihrer Neugier, ihrem Hange zur Wollust usw. am 
ersten mit kleinen Mädchen vergleichen lassen. Diese Mädchennamen 
sind dann zum Teil auch von den Gottesstrahlen aufgegriffen und zur 
Bezeichnung der betreffenden Vogelseelen beibehalten worden". Aus 
dieser mühelosen Deutung der „gewunderten Vögel" entnimmt man 
dann einen Wink fürs Verständnis der rätselhaften „Vorhöfe des 
Himmels". 

Ich verkenne nicht, daß es eines guten Stückes Takt und Zurück- 
haltung jedesmal bedarf, wenn man die typischen Fälle der Deutung 
in der psychoanalytischen Arbeit verläßt, und daß der Hörer oder Leser 
nur so weit mitgeht, als die von ihm gewonnene Vertrautheit mit der 
analytischen Technik ihm gestattet. Man hat also allen Grund vor- 
zusorgen, daß nicht dem gesteigerten Aufwand von Scharfsinn ein 
gemindertes Maß von Sicherheit und Glaubwürdigkeit parallel gehe. 
Es liegt dann in der Natur der Sache, daß der eine Arbeiter die Vorsicht, 
der andere die Kühnheit übertreiben wird. Die richtigen Grenzen der 
Berechtigung zur Deutung wird man erst nach vielerlei Versuchen 
und besserer Bekanntschaft mit dem Gegenstand abstecken können. 
Bei der Bearbeitung des Falles Schreber wird mir die Zurückhaltung 
durch den Umstand vorgeschrieben, daß die Widerstände gegen die 
Publikation der Denkwürdigkeiten doch den Erfolg gehabt haben, 
einen beträchtlichen Anteil des Materials und wahrscheinlich den für 
das Verständnis bedeutsamsten unserer Kenntnis zu entziehen 1 ). 



J ) Gutachten des Dr. Weber (S. 402): „Überblickt man den Inhalt seiner 
Schrift, berücksichtigt man die Fülle der Indiskretionen, die in bezug auf ihn 
und andere in ihr enthalten sind, die ungenierte Ausmalung der bedenklichsten 
und ästhetisch geradezu unmöglichen Situationen und Vorgänge, die Verwendung 
der anstößigsten Kraftausdrücke usw., so würde man es ganz unverständlich 
finden, daß ein Mann, der sich sonst durch Takt und Feingefühl ausgezeichnet 
Jahrbuch für psychoanaTyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 3 



34 Sigrn. Freud. 

So z. B. schließt das Kapitel III des Buches, das mit der vielver- 
sprechenden Ankündigung begonnen hat: „Ich behandle nun zunächst 
einige Vorkommnisse an anderen Mitgliedern meiner Familie, 
die denkbarerweise in Beziehung zu dem vorausgesetzten Seelen- 
morde stehen könnten, und die jedenfalls alle ein mehr oder weniger 
rätselhaftes, nach sonstigen menschlichen Erfahrungen schwer zu 
erklärendes Gepräge an sich tragen" (S. 33) unmittelbar darauf mit 
dem Satze: Der weitere Inhalt des Kapitels kommt als zur Veröffentli- 
chung ungeeignet für den Druck in Wegfall. Ich werde also zufrieden 
sein müssen, wenn es mir gelingt, gerade den Kern der Wahnbildung 
mit einiger Sicherheit auf seine Herkunft aus bekannten menschlichen 
Motiven zurückzuführen. 

Ich werde in dieser Absicht ein Stückchen der Krankengeschichte 
nachtragen, welches in den Gutachten nicht entsprechend gewürdigt 
wird, obwohl der Kranke selbst alles dazu getan hat, es in den Vorder- 
grund zu drängen. Ich meine das Verhältnis Schrebers zu seinem 
ersten Arzte, dem Geheimrate Prof. Flechsig in Leipzig. 

Wir wissen bereits, daß der Fall Schrebers zu Anfang das Ge- 
präge des Verfolgungswahnes an sich trug, welches erst von dem Wende- 
punkte der Krankheit an (der „Versöhnung") verwischt wurde. Die 
Verfolgungen werden dann immer erträglicher, der weltordnungs- 
mäßige Zweck der angedrohten Entmannung drängt das Schmach- 
volle, derselben zurück. Der Urheber aller Verfolgungen aber ist Flech- 
sig und er bleibt ihr Anstifter über den ganzen Verlauf der Krankheit 1 ). 

Was nun eigentlich die Untat Flechsigs und welches seine 
Motive dabei waren, das wird von dem Kranken mit jener charakteristi- 
schen Unbestimmtheit und Unfaßbarkeit erzählt, welche als Kenn- 
zeichen einer besonders intensiven Wahnbilduns;sarbeit angesehen 



hat, eine ihn vor der Öffentlichkeit so schwer kompromittierende Handlung be- 
absichtigen könne, wenn eben nicht usw." — Von einer Krankengeschichte, 
die die gestörte Menschlichkeit und deren Ringen nach Wiederherstellung schildern 
soll, wird man eben nicht fordern dürfen, daß sie „diskret" und „ästhetisch" 
ansprechend sei. 

x ) Vorrede S. VIII: „Noch jetzt wird mir an jedem Tage Ihr Name von 
den mit mir redenden Stimmen in stets wiederkehrenden Zusammenhängen 
insbesondere als Urheber jener Schädigungen zu Hunderten von Malen zugerufen, 
obwohl die persönlichen Beziehungen, die eine Zeitlang zwischen uns bestanden 
haben, für mich längst in den Hintergrund getreten sind und ich selbst daher 
schwerlich irgendwelchen Anlaß hätte, mich Ihrer immer von neuem, insbesondere 
mit irgendwelcher grollenden Empfindung zu erinnern." 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 35 

werden dürfen, wenn es gestattet ist, die Paranoia nach dem Vorbilde 
des um so viel besser bekannten Traumes zu beurteilen. Flechsig 
hat an dem Kranken einen „Seelenmord" begangen oder versucht, 
ein Akt, der etwa den Bemühungen des Teufels und der Dämonen, 
sich einer Seele zu bemächtigen, gleichzustellen ist, und der vielleicht 
in Vorgängen zwischen längst verstorbenen Mitgliedern der Familien 
Flechsig und Schreber vorgebildet war 1 ). Gerne möchte man über 
den Sinn dieses Seelenmordes mehr erfahren, aber hier versagen wiederum 
in tendenziöser Weise die Quellen. (S. 28): „Worin das eigentliche 
Wesen des Seelenmordes und sozusagen die Technik desselben besteht, 
vermag ich außer dem im obigen Angedeuteten nicht zu sagen. Hinzu- 
zufügen wäre nur noch etwa (folgt eine Stelle, die sich zur Veröffent- 
lichung nicht eignet)". Infolge dieser Auslassung bleibt es für uns 
undurchsichtig, was unter dem „Seelenmord" gemeint ist. Den ein- 
zigen Hinweis, welcher der Zensur entgangen ist, werden wir an anderer 
Stelle erwähnen. 

Wie dem immer sei, es erfolgte bald eine weitere Entwicklung 
des Wahnes, welche das Verhältnis des Kranken zu Gott betraf, ohne 
das zu Flechsig zu ändern. Hatte er bisher seinen eigentlichen Feind 
nur in Flechsig (oder vielmehr in dessen Seele) erblickt und Gottes 
Allmacht als seine Bundesgenossin betrachtet, so konnte er dann den 
Gedanken nicht abweisen, daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht 
gar Anstifter des gegen ihn gerichteten Planes sei (S. 59). Flechsig 
aber blieb der erste Verführer, dessen Einfluß Gott unterlegen war 
(S. 60). Er hatte es verstanden, sich mit seiner ganzen Seele oder einem 
Teile derselben zum Himmel aufzuschwingen und sich damit selbst — 
ohne Tod und vorgängige Peinigung — zum „Strahlenführer" zu 
machen (S. 56) 2 ). Diese Rolle behielt die Flechsigsche Seele bei, 
auch nachdem der Kranke die Leipziger Klinik mit der Piersonschen 
Anstalt vertauscht hatte. Der Einfluß der neuen Umgebung zeigte 

!) S. 22 und ff. 

2 ) Nach einer anderen bedeutungsvollen, aber bald abgewiesenen Version 
hatte sich Prof. Flechsig entweder zu Weißenburg im Elsaß oder im Polizei - 
gefängnis zu Leipzig erschossen. Patient sah seinen Leichenzug, der sich aber 
nicht in der Richtung bewegte, die man nach der Lage der Universitätsklinik 
zum Friedhof erwarten sollte. Andere Male erschien ihm Flechsig in Begleitung 
eines Schutzmannes oder in der Unterhaltung mit seiner Frau, deren Zeuge 
er im Wege des Nervenanhanges wurde, und wobei sich Prof. Flechsig seiner 
Frau gegenüber „Gott Flechsig" nannte, so daß diese geneigt war, ihn für ver- 
rückt zu halten (S. 82). 

3* 



36 Sigm. Freud. 

sich dann darin, daß zu ihr die Seele des Oberwärters, in dem der Kranke 
einen ehemaligen Hausgenossen erkannte, als v. W.sche Seele hinzu- 
trat 1 ). Die Flechsigsche Seele führte dann die „Seelenteilung" ein, 
die große Dimensionen annahm. Zu einer gewissen Zeit gab es 40 bis 60 
solcher Abspaltungen der Flechsigschen Seele; zwei größere Seelen- 
teile wurden der „obere Flechsig" und der „mittlere Flechsig" 
genannt (S. 111). Ebenso verhielt sich die v. W.sche Seele (die des 
Oberwärters). Dabei wirkte es zuweilen sehr drolhg, wie die beiden 
Seelen sich trotz ihrer Bundesgenossenschaft befehdeten, der Adels- 
stolz der einen und der Professorendünkel der anderen sich gegenseitig 
abstießen (S. 113). In den ersten Wochen seines endgültigen Auf- 
enthaltes auf dem Sonnenstein (Sommer 1894) trat die Seele des neuen 
Arztes Dr. Weber in Aktion, und bald darauf kam jener Umschwung 
in der Entwicklung des Wahnes, den wir als die „Versöhnung" kennen 
gelernt haben. 

Während des späteren Aufenthaltes auf dem Sonnenstein, als 
Gott den Kranken besser zu würdigen begann, kam eine Razzia unter 
den lästigerweise vervielfältigten Seelen zustande, infolge deren 
die Fl echsig sehe Seele nur in ein oder zwei Gestalten, die v. W.sche 
in einziger Gestalt übrig blieb. Die letztere verschwand bald völlig; 
die Flechsigschen Seelenteile, oie langsam ihre Intelligenz wie ihre 
Macht einbüßten, wurden dann als der „hintere Flechsig" und als 
die „Je-nun-Partei" bezeichnet. Daß die Flechsigsche Seele ihre 
Bedeutung bis zum Ende beibehielt, wissen wir aus der Vorrede, dem 
„offenen Brief an Herrn Geh. Eat Prof. Dr. Flechsig". 

Dieses merkwürdige Schriftstück drückt die sichere Überzeugung 
aus, daß der ihn beeinflussende Arzt auch selbst die gleichen Visionen 
gehabt und dieselben Aufschlüsse über übersinnliche Dinge erhalten 
habe wie der Kranke, und stellt die Verwahrung voran, daß dem Autor 
der Denkwürdigkeiten die Absicht eines Angriffes auf die Ehre des Arztes 
ferneliege. Dasselbe wird in den Eingaben des Kranken (S. 343, 445) 
mit Ernst und Nachdruck wiederholt ; man sieht, er bemüht sich, die 
„Seele Flechsig" von dem Lebenden dieses Namens, den wahnhaften 
von dem leibhaften Flechsig zu trennen 2 ). 



*) Von diesem v. W. sagten ihm die Stimmen, er habe bei einer Enquete 
vorsätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über ihn ausgesagt, namentlich 
ihn der Onanie beschuldigt; zur Strafe sei ihm jetzt die Bedienung des Patienten 
auferlegt worden (S. 10S). 

2 ) „Ich habe demnach auch als möglich anzuerkennen, daß alles, was in 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 37 

Aus dem Studium einer Keine von Fällen des Verfolgungs- 
wahnes habe ich und haben andere den Eindruck empfangen, die 
Eelation des Kranken zu seinem Verfolger sei durch eine einfache 
Formel aufzulösen 1 ). Die Person, welcher der Wahn so große Macht 
und Einfluß zuschreibt, in deren Hand alle Fäden des Komplotts 
zusammenlaufen, sei, wenn sie bestimmt genannt wird, die nämliche, 
der vor der Erkrankung eine ähnlich große Bedeutung für das Gefühls- 
leben des Patienten zukam, oder eine leicht kenntliche Ersatzperson 
derselben. Die Gefühlsbedeutung wird als äußerliche Macht projiziert, 
der Gefühlston ins Gegenteü verkehrt; der jetzt wegen seiner Verfolgung 
Gehaßte und Gefürchtete sei ein einstiger Geliebter und Verehrter. 
Die vom Wahne statuierte Verfolgung diene vor allem dazu, die Ge- 
fühlsverwandlung im Kranken zu rechtfertigen. 

Wenden wir uns mit diesem Gesichtspunkte zu den Beziehungen, 
die zwischen dem Patienten und seinem Arzte und Verfolger Flechsig 
früher bestanden hatten. Wir wissen bereits, daß Schreber in den 
Jahren 1884 bis 1885 eine erste nervöse Erkrankung durchmachte, 
„die ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischen- 
fälle" (S. 35) verlief. Während dieses als „Hypochondrie" bezeichneten 
Zustandes, der anscheinend die Grenzen einer Neurose einhielt, war 
Flechsig der Arzt des Kranken. Schreber brachte damals 6 Monate 
in der Leipziger Universitätsklinik zu. Man erfährt, daß der Wieder- 
hergestellte seinen Arzt in guter Erinnerung behielt. „Die Hauptsache 
war, daß ich schließlich (nach einer längeren Rekonvaleszenzreise) 
geheilt wurde und ich konnte daher damals nur von Gefühlen lebhaften 
Dankes gegen Prof. Flechsig erfüllt sein, denen ich auch durch einen 
späteren Besuch und ein nach meinem Dafürhalten angemessenes 
Honorar noch besonderen Ausdruck gegeben habe." Es ist richtig, 
daß Schreber in den „Denkwürdigkeiten" die Lobpreisung der ersten 
Behandlung Flechsigs nicht ohne einige Verklausulierungen vor- 
bringt, aber dies mag sich leicht aus der nun zum Gegensatze Ver- 
den ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge berichtet worden 
ist, die mit dem Namen Flechsig in Verbindung stehen, nur auf die von dem 
lebenden Menschen zu unterscheidende Seele Flechsig sich bezieht, deren be- 
sondere Existenz zwar gewiß, auf natürlichem Wege aber nicht zu erklären ist" 
(S. 342). 

x ) Vgl. K. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und 
der Dementia praecox. Zentralblatt f. Nervenh. u. Psychiatrie. Juliheft 1908. — 
In dieser Arbeit räumt mir der gewissenhafte Autor einen aus unserem Brief- 
verkehr stammenden Einfluß auf die Entwicklung seiner Ansichten ein. 



38 Sigm. Freud. 

änderten Einstellung verstehen lassen. Auf die ursprüngliche Wärme 
der Empfindung für den erfolgreichen Arzt läßt die Bemerkung schließen, 
welche die angeführte Äußerung Schrebers fortsetzt. „Fast noch 
inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die in Prof. 
Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann wieder- 
geschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf 
ihrem Arbeitstische stehen hatte" (S. 36). 

Da uns der Einblick in die Verursachung der ersten Erkrankung 
verwehrt ist, deren Verständnis für die Aufklärung der schwereren 
zweiten Krankheit gewiß unentbehrlich wäre, müssen wir jetzt aufs 
Geratewohl in einen uns unbekannten Zusammenhang hineingreifen. 
Wir wissen, in der Inkubationszeit der Krankheit (zwischen seiner 
Ernennung und seinem Amtsantritt, Juni bis Oktober 1893) fielen 
wiederholt Träume des Inhalts vor, daß die frühere Nervenkrankheit 
wiedergekehrt sei. Ferner trat einmal in einem Zustande von Halb- 
schlaf die Empfindung auf, es müsse doch schön sein, ein Weib zu sein, 
das dem Beischlaf unterliege. Bringen wir diese Träume und diese 
Phantasievorstellung, die bei Schreber in nächster Kontiguität 
mitgeteilt werden, auch in inhaltlichen Zusammenhang, so dürfen wir 
schließen, mit der Erinnerung an die Krankheit wurde auch die an 
den Arzt geweckt und die feminine Einstellung der Phantasie galt 
von Anfang an dem Arzte. Oder vielleicht hatte der Traum, die Krank- 
heit sei wiedergekehrt, überhaupt den Sinn einer Sehnsucht : Ich möchte 
Flechsig wieder einmal sehen. Unsere Unwissenheit über den psy- 
chischen Gehalt der ersten Krankheit läßt uns da nicht weiter kommen. 
Vielleicht war von diesem Zustande eine zärtliche Anhänglichkeit an 
den Arzt übrig geblieben, die jetzt — aus unbekannten Gründen — 
eine Verstärkung zur Höhe einer erotischen Zuneigung gewann. Es 
stellte sich sofort eine entrüstete Abweisung der noch unpersönlich 
gehaltenen femininen Phantasie — ein richtiger „männlicher Protest" 
nach dem Ausdrucke, aber nicht im Sinne Alf. Adler's 1 ) — ein; 
aber in der nun bald ausbrechenden schweren Psychose setzte sich 
die feminine Phantasie unaufhaltsam durch, und man braucht die 
paranoische Unbestimmtheit der Schreber sehen Ausdrucksweise nur 
um Weniges zu korrigieren, um zu erraten, daß d(jr Kranke einen 



*) Adler, Der psychische Hermaphrodit ismus im Leben und in der Neurose. 
Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 10. — Nach Adler ist der männliche Pro- 
test an der Entstehung des Symptoms beteiligt, im hier besprochenen Fall© 
protestiert die Person gegen das fertige Symptom. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 39 

sexuellen Mißbrauch von Seiten des Arztes selbst befürchtete. Ein 
Vorstoß homosexueller Libido war also die Veranlassung dieser Er- 
krankung, das Objekt derselben war wahrscheinlich von Anfang an der 
Arzt Flechsig, und das Sträuben gegen diese libidinöse Regung er- 
zeugte den Konflikt, aus dem die Krankheitserscheinungen entsprangen. 

Ich mache vor einer Flut von Anwürfen und Einwendungen 
einen Augenblick Halt. Wer die heutige Psychiatrie kennt, darf sich 
auf Arges gefaßt machen. 

Ist es nicht eine unverantwortliche Leichtfertigkeit, Indiskretion 
und Verleumdung, einen ethisch so hochstehenden Mann wie den 
Senatspräsidenten a. D. Schreber der Homosexualität zu bezichtigen? 
Nein, der Kranke hat seine Phantasie der Verwandlung in ein Weib 
selbst der Mitwelt kundgegeben und sich aus Interessen höherer Einsicht 
über persönliche Empfindlichkeiten hinweggesetzt. Er hat uns also 
selbst das Recht gegeben, uns mit dieser Phantasie zu beschäftigen, 
und unsere Übersetzung in die medizinischen Kunstworte hat dem 
Inhalte derselben nicht das Mindeste hinzugefügt. — Ja, aber das tat 
er als Kranker; sein Wahn, in ein Weib verwandelt zu werden, war 
eine krankhafte Idee. — Das haben wir nicht vergessen. Wir haben es 
auch nur mit der Bedeutung und der Herkunft dieser krankhaften 
Idee zu tun. Wir berufen uns auf seine eigene Unterscheidung zwischen 
dem Menschen Flechsig und der „Flechsig- Seele". Wir werfen 
ihm überhaupt nichts vor, weder daß er homosexuelle Regungen hatte, 
noch daß er sich bestrebte, sie zu verdrängen. Die Psjxhiater sollten 
endlich von diesem Kranken lernen, wenn er sich in all seinem Wahn 
bemüht, die Welt des Unbewußten nicht mit der Welt der Realität 
zu verwechseln. 

Aber es wird an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, daß die 
gefürchtete Verwandlung in ein Weib zum Vorteile Flechsigs erfolgen 
solle! — Das ist richtig, und es ist nicht schwer zu verstehen, 
daß in den für die öffentlichkeit bestimmten Denkwürdigkeiten, 
die den Menschen „Flechsig" nicht beleidigen wollten, eine so 
grelle Beschuldigung vermieden wird. Die durch solche Rücksicht 
hervorgerufene Milderung des Ausdruckes reicht aber nicht so weit, daß 
sie den eigentlichen Sinn der Anklage verdecken könnte. Man darf 
behaupten, es ist doch auch ausdrücklich gesagt, z. B. in folgender 
Stelle (S. 5G): „Auf diese Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Kom- 
plott fertig (etwa im März oder April 1894), welches dahin ging, nach 
einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner Nerven- 



40 Sigm. Freud. 

krankheit mich einem Menschen in der Weise auszuliefern, 
daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber, .... 
in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem betreffen- 
den Menschen zum geschlechtlichen Mißbrauch überlassen.... 
werden sollte" 1 ). Es ist überflüssig zu bemerken, daß keine andere 
Einzelperson je genannt wird, die man an die Stelle Flechsigs treten 
lassen könnte. Zu Ende des Aufenthaltes in der Leipziger Klinik taucht 
die Befürchtung auf, daß er zum Zwecke geschlechtlichen Mißbrauches 
„den "Wärtern vorgeworfen werden sollte" (S. 98). Die in der weiteren 
Entwicklung des Wahnes ohne Scheu bekannte feminine Einstellung 
gegen Gott löscht dann wohl den letzten Zweifel an der ursprünglich 
dem Arzte zugedachten Eolle aus. Der andere der gegen Flechsig 
erhobenen Vorwürfe hallt überlaut durch das Buch. Er habe Seelenmord 
an ihm versucht. Wir wissen bereits, daß der Tatbestand dieses Ver- 
brechens dem Kranken selbst unklar ist, daß er aber mit diskreten 
Dingen in Beziehung steht, die man von der Veröffentlichung aus- 
schließen muß. (Kapitel III.) Ein einziger Faden führt hier weiter. 
Der Seelenmord wird durch die Anlehnung an den Sageninhalt von 
Goethes „Faust", Lord Byrons „Manfred", Webers „Freischütz" usw. 
erläutert (S. 22) und unter diesen Beispielen wird eines auch an anderer 
Stelle hervorgehoben. Bei der Besprechung der Spaltung Gottes in zwei 
Personen werden der „niedere" und der ,, obere" Gott von Schreber 
mit Ariman und Ormuzd identifiziert (S. 19) und etwas später steht die 
beiläufige Bemerkung: „Der Name Ariman kommt übrigens auch z. B. 
in Lord Byrons „Manfred" im Zusammenhang mit einem Seelenmord 
vor" (S. 20). In der so ausgezeichneten Dichtung findet sich kaum 
etwas, was man dem Seelenpakt im „Faust" an die Seite stellen könnte, 
auch den Ausdruck „Seelenmord" suchte ich dort vergeblich, wohl 
aber ist der Kern und das Geheimnis des Gedichtes ein — Geschwister- 
inzest. Hier reißt der kurze Faden wieder ab 2 ). 



x ) Diese Hervorhebungen habe ich angebracht. 

2 ) Zur Erhärtung der obenstehenden Behauptung: Manfred sagt dem 
Dämon, der ihn aus dem Leben holen will (Schlußszene): 

,,. . . my past power 
was purehased by no compact with thy erew." 
Es wird also dem Seelenpakte direkt widersprochen. Dieser Irrtum Sehrebers 
ist wahrscheinlich nicht tendenzlos. — Es lag übrigens nahe, diesen Inhalt des 
Manfred mit der wiederholt behaupteten inzestuösen Beziehung des Dichters 
zu seiner Halbschwester in Zusammenhang zu bringen, und es bleibt auffällig, 
daß das andere Drama Byrons, der großartige Cain, in der Urfamilie spielt, in 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 41 

Indem wir uns vorbehalten, auf weitere Einwendungen im Ver- 
laufe dieser Arbeit zurückzukommen, wollen wir uns nun für berechtigt 
erklären, an einem Ausbruch einer homosexuellen Regung als Grund- 
lage der Erkrankung Schrebers festzuhalten. Zu dieser Annahme 
stimmt ein beachtenswertes, sonst nicht zu erklärendes Detail der 
Krankengeschichte. Ein weiterer und für den Verlauf entscheidender 
„Nervensturz" trat bei dem Kranken ein, während seine Frau einen 
kurzen Urlaub zu ihrer eigenen Erholung nahm. Sie hatte bis dahin 
täglich mehrere Stunden bei ihm verbracht und die Mittagsmahlzeiten 
mit ihm eingenommen. Als sie nach viertägiger Abwesenheit zurück- 
kam, traf sie ihn aufs Traurigste verändert, so daß er selbst sie nicht 
mehr zu sehen wünschte. „Entscheidend für meinen geistigen Zusammen- 
bruch war namentlich eine Nacht, in welcher ich eine ganz ungewöhn- 
liche Anzahl von Pollutionen (wohl ein halbes. Dutzend) in dieser einen 
Nacht hatte" (S. 44). Wir verstehen es wohl, daß bloß von der Anwesen- 
heit der Frau schützende Einflüsse gegen die Anziehung der ihn um- 
gebenden Männer ausgingen, und wenn wir zugeben, daß ein Pollutions- 
vorgang bei einem Erwachsenen nicht ohne seelische Mitbeteiligung 
erfolgen kann, werden wir zu den Pollutionen jener Nacht unbewußt 
gebliebene homosexuelle Phantasien ergänzen. 

Warum dieser Ausbruch homosexueller Libido den Patienten 
gerade zu jener Zeit, in der Situation zwischen der Ernennung und der 
Übersiedlung traf, das können wir ohne genauere Kenntnis seiner 
Lebensgeschichte nicht erraten. Im allgemeinen schwankt der Mensch 
sein Leben lang zwischen heterosexuellem und homosexuellem Fühlen, 
und Versagung oder Enttäuschung von der einen Seite pflegt ihn zur 
anderen hinüberzudrängen. Von diesen Momenten ist uns beiSchreber 
nichts bekannt; wir wollen aber nicht versäumen, auf einen somatischen 
Faktor aufmerksam zu machen, der sehr wohl in Betracht kommen 
könnte. Dr. Schreber war zur Zeit dieser Erkrankung 51 Jahre alt, 
er befand sich in jener für das Sexualleben kritischen Lebenszeit, 
in welcher nach vorheriger Steigerung die sexuelle Funktion des Weibes 
eine eingreifende Rückbildung erfährt, von deren Bedeutsamkeit aber 



welcher der Inzest unter Geschwistern vorwurfsfrei bleiben muß. — Auch 
wollen wir das Thema des Seelenmordes nicht verlassen, ohne noch folgender 
Stelle zu gedenken (S. 23): „wobei in früherer Zeit Flechsig als Urheber des 
Seelenmords genannt wurde, während man jetzt schon seit längerer Zeit in be- 
absichtigter Umkehr des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord 
getrieben habe, „darstellen" will, . . . . " 



42 Sigm. .Freud. 

auch der Mann nicht ausgenommen zu sein scheint; es gibt auch für den 
Mann ein „Klimakterium" mit den abfolgenden Krankheitsdispositionen 1 ). 

Ich kann es mir denken, wie mißlich die Annahme erscheinen muß, 
daß eine Empfindung von Sympathie für einen Arzt bei einem Manne 
acht Jahre später 2 ) plötzlich verstärkt hervorbrechen und zum Anlaß 
einer so schweren Seelenstörung werden kann. Ich meine aber, wir haben 
nicht das Recht, eine solche Annahme, wenn sie uns sonst empfohlen 
wird, ihrer inneren Unwahrscheinlichkeit wegen fallen zu lassen, anstatt 
zu versuchen, wie weit man mit ihrer Durchführung kommt. Diese 
Unwahrscheinlichkeit mag eine vorläufige sein und daher rühren, daß 
die fragliche Annahme noch in keinen Zusammenhang eingereiht ist, 
daß sie die erste Annahme ist, mit welcher wir an das Problem heran- 
treten. Wer sein Urteil nicht in der Schwebe zu halten versteht und unsere 
Annahme durchaus unerträglich findet, dem können wir leicht eiue 
Möglichkeit zeigen, durch welche dieselbe ihren befremdenden Charakter 
verliert. Die Sympathieempfindung für den Arzt kann leicht einem 
„Übertragungsvorgang" entstammen, durch welchen eine Gefühls- 
besetzung beim Kranken von einer für ihn bedeutsamen Person auf die 
eigentlich indifferente des Arztes verlegt wird, so daß der Arzt zum 
Ersatzmann, zum Surrogat, für einen dem Kranken weit näher Stehen- 
den erwählt erscheint. Konkreter gesprochen, der Kranke ist durch 
den Arzt an das Wesen seines Bruders oder seines Vaters erinnert 
worden, hat seinen Bruder oder Vater in ihm wiedergefunden, und dann 
hat es unter gewissen Bedingungen nichts Befremdendes mehr, wenn 
die Sehnsucht nach dieser Ersatzperson bei ihm wieder auftritt und 
mit einer Heftigkeit wirkt, die sich nur aus ihrer Herkunft und ur- 
sprünglichen Bedeutung verstehen läßt. 

Im Interesse dieses Erklärungsversuches mußte es mir wissens- 
wert erscheinen, ob der Vater des Patienten zur Zeit seiner Erkrankung 
noch am Leben war, ob er einen Bruder gehabt, und ob dieser zur 
gleichen Zeit ein Lebender oder ein „Seliger" war. Ich war also befriedigt, 
als ich nach langem Suchen in den Denkwürdigkeiten endlich auf eine 
Stelle stieß, in welcher der Kranke diese Unsicherheit durch die Worte 



*) Ich verdanke die Kenntnis des Alters Schrebers bei seiner Erkrankung 
einer freundlichen Mitteilung von Seiten seiner Verwandten, die Herr Dr. Steg- 
mann in Dresden für mich eingeholt hat. In dieser Abhandlung ist aber sonst 
nichts anderes verwertet, als was aus dem Text der „Denkwürdigkeiten" selbst 
hervorgeht. 

2 ) Daslntervall zwischen der ersten und der zweiten Erkrankung Schrebers. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 43 

behebt (S. 442): „Das Andenken meines Vaters und meines Bruders 

ist mir so heilig wie usw.' - ' Beide waren also zur Zeit der zweiten Er- 
krankung (vielleicht auch der ersten?) schon verstorben. 

Ich denke, wir sträuben uns nicht weiter gegen die Annahme, 
daß der Anlaß der Erkrankung das Auftreten einer femininen (passiv 
homosexuellen) Wunschphantasie war, welche die Person des Arztes 
zu ihrem Objekte genommen hatte. Gegen dieselbe erhob sich von Seiten 
der Persönlichkeit Schrebers ein intensiver Widerstand, und der Ab- 
wehrkampf, der vielleicht ebensowohl in anderen Formen sich hätte 
vollziehen können, wählte aus uns unbekannten Gründen die Form des 
Verfolgungswahnes. Der Ersehnte wurde jetzt zum Verfolger, der Inhalt 
der Wunschphantasie zum Inhalte der Verfolgung. Wir vermuten, 
daß diese schematische Auffassung sich auch bei anderen Fällen von 
Verfolgungswahn als durchführbar erweisen wird. Was aber den Fall 
Schreb er vor anderen auszeichnet, das ist die Entwicklung, die er nimmt, 
und die Verwandlung, der er im Laufe dieser Entwicklung unterliegt. 

Die eine dieser Wandlungen besteht in der Ersetzung Flechsigs 
durch die höhere Person Gottes; sie scheint zunächst eine Verschärfung 
des Konfliktes, eine Steigerung der unerträglichen Verfolgung zu 
bedeuten, aber es zeigt sich bald, daß sie die zweite Wandlung und mit 
ihr die Lösung des Konfliktes vorbereitet. Wenn es unmöglich war, 
sich mit der Rolle der weiblichen Dirne gegen den Arzt zu befreunden, 
so stößt die Aufgabe, Gott selbst die Wollust zu bieten, die er sucht, 
nicht auf den gleichen Widerstand des Ichs. Die Entmannung ist kein 
Schimpf mehr, sie wird „weltordnungsgemäß", tritt in einen großen 
kosmischen Zusammenhang ein, dient den Zwecken einer Neuschöpfung 
der untergegangenen Menschenwelt. „Neue Menschen aus Schreb er- 
schein Geist" werden in dem sich verfolgt Wähnenden ihren Ahnen ver- 
ehren. Somit ist ein Ausweg gefunden, der beide streitenden Teile be- 
friedigt. Das Ich ist durch den Größenwahn entschädigt, die feminine 
Wunschphantasie aber ist durchgedrungen, akzeptabel geworden. Kampf 
und Krankheit können aufhören. Nur daß die unterdes erstarkte Rück- 
sicht auf die Wirklichkeit dazu nötigt, diese Lösung aus der Gegenwart 
in die fernere Zukunft zu verschieben, sich mit einer sozusagen assymp- 
totischen Wunscherfüllung zu begnügen 1 ). Die Verwandlung in ein 

J ) „Nur als Möglichkeiten, die hierbei in Betracht kämen, erwähne ich 
eine doch noch etwa zu vollziehende Entmannung mit der Wirkung, daß im Wege 
göttlicher Befruchtung eine Nachkommenschaft aus meinem Schoß hervorginge" 
heißt es gegen Ende des Buches, S. 290. 



44 Sigm. Freud. 

Weib wird voraussichtlich irgend einmal eintreten; bis dahin wird die 
Person des Dr. Schreber unzerstörbar bleiben. 

In den Lehrbüchern der Psychiatrie ist häufig die Rede von 
einer Entwicklung des Größenwahnes aus dem Verfolgungswahn, die 
auf folgende Art vor sich gehen soll: Der Kranke, der primär vorn Wahn9 
befallen worden ist, Gegenstand der Verfolgung von Seiten der stärksten 
Mächte zu sein, fühlt das Bedürfnis, sich diese Verfolgung zu erklären, 
und gerät so auf die Annahme, er sei selbst eine großartige Persönlich- 
keit, einer solchen Verfolgung würdig. Die Auslösung des Größen- 
wahnes wird somit einem Vorgange zugeschrieben, den wir nach einem 
guten Wort von E. Jones „Rationalisierung" heißen. Wir halten 
es aber für ein ganz und gar unpsychologisches Vorgehen, einer Ratio- 
nalisierung so stark affektive Konsequenzen zuzutrauen, und wollen 
unsere Meinung daher scharf sondern von der aus den Lehrbüchern 
zitierten. Wir behaupten zunächst nicht, die Quelle des Größenwahnes 
zu kennen. 

Wenn wir nun zum Falle Schreber zurückkehren, müssen wir 
gestehen, daß die Durchleuchtung der Wandlung in seinem Wahn ganz 
außerordentliche Schwierigkeiten bietet. Auf welchen Wegen und 
mit welchen Mitteln vollzieht sich der Aufstieg von Flechsig zu Gott? 
Woher bezieht er den Größenwahn, der in so glücklicher Weise eine Ver- 
söhnung mit der Verfolgung ermöglicht, analytisch ausgedrückt, die 
Annahme der zu verdrängenden Wunschphantasie gestattet? Die 
Denkwürdigkeiten geben uns hier zunächst einen Anhaltspunkt, indem 
sie uns zeigen, daß für den Kranken „Flechsig" und „Gott" in einer 
Reihe hegen. Eine Phantasie läßt ihn ein Gespräch Flechsigs mit 
seiner Frau belauschen, in dem dieser sich als „Gott Flechsig" vor- 
stellt und darob von ihr für verrückt gehalten wird (S. 82), ferner aber 
werden wir auf folgenden Zug der Schreber sehen Wahnbildung auf- 
merksam. Wie der Verfolger sich, wenn wir das Ganze des Wahnes 
überblicken, in Flechsig und Gott zerlegt, so spaltet sich Flechsig 
selbst später in zwei Persönlichkeiten, in den „oberen" und den „mitt- 
leren" Flechsig und Gott in den „niederen" und den „oberen" Gott. 
Bei Flechsig geht die Zerlegung in späten Stadien der Krankheit noch 
weiter (S. 193). Eine solche Zerlegung ist für die Paranoia recht charak- 
teristisch. Die Paranoia zerlegt sowie die Hysterie verdichtet. Oder 
vielmehr die Paranoia bringt die in der unbewußten Phantasie vor- 
genommenen Verdichtungen und Identifizierungen wieder zur Auf- 
lösung. Daß diese Zerlegung bei Schreber mehrmals wiederholt wird, 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 45 

ist nach C. G. Jung 1 ) Ausdruck der Bedeutsamkeit der betreffenden 
Person. Alle diese Spaltungen Flechsigs und Gottes in mehrere Per- 
sonen bedeuten also das nämliche wie die Zerteilung des Verfolgers 
in Flechsig und Gott. Es sind Doublierungen desselben bedeutsamen 
Verhältnisses, wie sie O.Rank in den Mythenbildungen erkannt hat 2 ). 
Für die Deutung all dieser Einzelzüge erübrigt uns aber der Hinweis 
auf die Zerlegung des Verfolgers in Flechsig und Gott und die Auf- 
fassung dieser Zerlegung als paranoide Reaktion auf eine vorhanden 
gewesene Identifizierung der beiden oder ihre Zugehörigkeit zur näm- 
lichen Reihe. Wenn der Verfolger Flechsig einstmals eine geliebte 
Person war, so ist Gott auch nur die Wiederkehr einer anderen ähnlich 
geliebten, aber wahrscheinlich bedeutsameren. 

Setzen wir diesen berechtigt scheinenden Gedankengang fort, 
so müssen wir uns sagen, diese andere Person kann niemand anderer 
als der Vater sein, womit ja Flechsig um so deutlicher in die Rolle 
des (hoffentlich älteren) 3 ) Bruders gedrängt wird. Die Wurzel jener 
femininen Phantasie, die so viel Widerstreben beim Kranken entfesselte, 
wäre also die zu erotischer Verstärkung gelangte Sehnsucht nach 
Vater und Bruder gewesen, von denen die letztere durch Übertragung 
auf den Arzt Flechsig überging, während mit ihrer Zurückführung 
auf die erstere ein Ausgleich des Kampfes erzielt wurde. 

Soll uns die Einführung des Vaters in den Schreb er sehen Wahn 
gerechtfertigt erscheinen, so muß sie unserem Verständnis Nutzen 
bringen, uns noch unbegreifliche Einzelheiten des Wahnes aufklären 
helfen. Wir erinnern uns ja, welche sonderbaren Züge wir an dem Schre- 
berschen Gott und an Schrebers Verhältnis zu seinem Gott fanden. 
Es war die merkwürdigste Vermengung von blasphemischer Kritik 
und rebellischer Auflehnung mit verehrungsvoller Ergebenheit. Gott, 

x ) C. G. Jung, Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. Zentralblatt 
für Psychoanalyse Nr. 3, 1910. Es ist wahrscheinlich richtig, wenn Jung 
fortfährt, daß diese Zerlegung, der allgemeinen Tendenz der Schizophrenie ent- 
sprechend, eine analytisch depotenzierende ist, welche das Zustandekommen 
zu starker Eindrücke verhindern soll. Die Rede einer seiner Patientinnen: „Ah, 
sind Sie auch ein Dr. J., heute morgen war schon einer bei mir, der sich für Dr. J. 
ausgab," ist aber zu übersetzen durch ein Geständnis: Jetzt erinnern Sie mich 
wieder an einen anderen aus der Reihe meiner Übertragungen als bei Ihrem 
vorigen Besuch. 

2 ) 0. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. Schriften zur an- 
gewandten Seelenkunde Nr. V, 1909. 

3 ) Es ist hierüber aus den Denkwürdigkeiten kein Aufschluß zu gewinnen. 



46 Sigm. Freud. 

der dem verfahrenden Einfluß Flechsigs unterlag, war nicht fähig, 
etwas aus der Erfahrung zu lernen, kannte den lebenden Menschen nicht, 
weil er nur mit Leichen umzugehen verstand, und äußerte seine Macht 
in einer Eeihe von Wundern, die auffällig genug, dabei aber insipid 
und läppisch waren. 

Nun war der Vater des Senatspräsidenten Dr. Schreber kein 
unbedeutender Mensch gewesen. Es war der Dr. Daniel Gottlieb 
Moritz Schreber, dessen Andenken heute noch von den besonders 
in Sachsen zahlreichen Schreber-Vereinen festgehalten wird, ein — 
Arzt, dessen Bemühungen um die harmonische Ausbildung der Jugend, 
um das Zusammenwirken von Familien- und Schülererziehung, um die 
Verwendung der Körperpflege und Körperarbeit zur Hebung der 
Gesundheit nachhaltige Wirkung auf die Zeitgenossen geübt haben 1 ). 
Von seinem Euf als Begründer der Heilgymnastik in Deutschland 
zeugen noch die zahlreichen Auflagen, in denen seine „Arztliche Zimmer- 
gymnastik" in unseren Kreisen verbreitet ist. 

Ein solcher Vater war gewiß nicht ungeeignet dazu, in der zärt- 
lichen Erinnerung des Sohnes, dem er so früh durch den Tod entzogen 
wurde, zum Gotte verklärt zu werden. Für unser Gefühl besteht zwar 
eine unausfüllbare Kluft zwischen der Persönlichkeit Gottes und der 
irgend eines, auch des hervorragendsten Menschen. Aber wir müssen 
daran denken, daß dies nicht immer so war. Den alten Völkern standen 
ihre Götter menschlich näher. Bei den Hörnern wurde der verstorbene 
Imperator regelrecht deifiziert. Der nüchterne und tüchtige Vespasianus 
sagte bei seinem ersten Krankheitsanfall: Weh mir, ich glaube, ich werde 
ein Gott 2 ). 

Die infantile Einstellung des Knaben zu seinem Vater ist uns genau 
bekannt; sie enthält die nämliche Vereinigung von verehrungsvoller 
Unterwerfung und rebellischer Auflehnung, die wir im Verhältnisse 
Schrebers zu seinem Gott gefunden haben, sie ist das unverkennbare, 

x ) Ich verdanke der gütigen Zusendung meines Kollegen Dr. Steg mann 
in Dresden die Einsicht in eine Nummer einer Zeitschrift, die sich „Der Freund 
der Sehreber-Vereine" betitelt. Es sind in ihr (II. Jahrgang, Heft X) zur 
einhundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages Dr. Sehrebers biographische 
Daten über das Leben des gefeierten Mannes gegeben. Dr. Schreber sen. wurde 
1S08 geboren und starb 1861, nur 53 Jahre alt. Ich weiß aus der früher erwähnten 
Quelle, daß unser Patient damals 19 Jahre alt war. 

2 ) Suetonius' Kaiserbiographien, Kap. 23. Diese Vergottung nahm mit 
C. Julius Caesar ihren Anfang. Augustus nannte sich in seinen Inschriften ,,Divi 
filius". 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 47 

getreulich kopierte Vorbild dieses letzteren. Daß aber der Vater Schre- 
bers ein Arzt und zwar ein hochangesehener und gewiß von seinen 
Patienten verehrter Arzt war, erklärt uns die auffälligsten Charakter- 
züge, die Schreber an seinem Gotte kritisch hervorhebt. Kann es 
einen stärkeren Ausdruck des Hohnes auf einen solchen Arzt geben, 
als wenn man von ihm behauptet, daß er vom lebenden Menschen nichts 
versteht und nur mit Leichen umzugehen weiß? Es gehört gewiß zum 
Wesen Gottes, daß er Wunder tut, aber auch ein Arzt tut Wunder, 
wie ihm seine enthusiastischen Klienten nachsagen, er vollbringt wunder- 
bare Heilungen. Wenn dann gerade diese Wunder, zu denen die Hypo- 
chondrie des Kranken das Material geliefert hat, so unglaubwürdig, 
absurd und teilweise läppisch ausfallen, so werden wir an die Behaup- 
tung der „Traumdeutung" gemahnt, daß die Absurdität im Traume 
Spott und Hohn ausdrücke 1 ). Sie dient also denselben Darstellungs- 
zwecken bei der Paranoia. Für andere Vorwürfe, z. B. den, daß Gott 
aus Erfahrung nichts lerne, liegt die Auffassung nahe, daß wir es mit dem 
Mechanismus der infantilen „Ketourkutsche" zu tun haben 2 ), der einen 
empfangenen Vorwurf unverändert auf den Absender zurückwendet, 
ähnlich wie die S. 23 erwähnten Stimmen vermuten lassen, daß die gegen 
Flechsig erhobene Anschuldigung des ,, Seelenmordes" ursprünglich 
eine Selbstanklage w«r 3 ). 

Durch diese Brauchbarkeit des väterlichen Berufes zur Aufklärung 
der besonderen Eigenschaften des Schreber sehen Gottes kühn gemacht, 
können wir es nun wagen, die merkwürdige Gliederung des göttlichen 
Wesens durch eine Deutung zu erläutern. Die Gotteswelt besteht be- 
kanntlich aus den „vorderen Gottesreichen", die auch „Verhöfe des 
Himmels" genannt werden und die abgeschiedenen Menschenseelen 
enthalten, und aus dem „niederen" und „oberen" Gott, die zusammen 
„hintere Gottesreiche" heißen (S. 19). Wenn wir auch darauf gefaßt 
sind, eine hier vorliegende Verdichtung nicht auflösen zu können, so 
wollen wir doch den früher gewonnenen Fingerzeig, daß die „gewun- 
derten", als Mädchen entlarvten Vögel von den Vorhöfen des Himmels 

x ) Traumdeutung, 2. Auflage, S. 267. 

2 ) Einer solchen Revanche sieht es außerordentlich ähnlich, -wenn der 
Kranke sich eines Tages den Satz aufzeichnet: „Jeder Versuch einer er- 
zieherischen Wirkung nach außen muß als aussichtslos aufge- 
geben werden" (S. 188). Der Unerziehbare ist Gott. 

3 ) „Während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr 
des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe, 
, darstellen' will," usw. 



48 Sigm. Freud. 

abgeleitet werden, dazu verwenden, um die vorderen Gottesreiche 
und Vorhöfe des Himmels als Symbolik für die Weiblichkeit, die 
hinteren Gottesreiche als eine solche für die Männlichkeit in Anspruch 
zu nehmen. Wüßte man sicher, daß der verstorbene Bruder Schrebers 
ein älterer war, so dürfte man die Zerlegung Gottes in den niederen 
und oberen Gott als den Ausdruck der Erinnerung ansehen, daß 
nach dem frühen Tode des Vaters der ältere Bruder die Stellung des 
Vaters übernahm. 

Endlich will ich in diesem Zusammenhange der Sonne ge- 
denken, die ja durch ihre „Strahlen" zu so großer Bedeutung für 
den Ausdruck des Wahnes geworden ist. Schreber hat zur Sonne 
ein ganz besonderes Verhältnis. Sie spricht mit ihm in menschlichen 
Worten und gibt sich ihm damit als belebtes Wesen oder als Organ eines 
noch hinter ihr stehenden höheren Wesens zu erkennen (S. 9). Aus 
einem ärztlichen Gutachten erfahren wir, daß er sie „geradezu brüllend 
mit Droh- und Schimpfworten anschreit" (S. 382) l ), daß er ihr 
zuruft, sie müsse sich vor ihm verkriechen. Er teilt selbst mit, daß 
die Sonne vor ihm erbleicht 2 ). Der Anteil, den sie an seinem Schick- 
sale hat, gibt sich dadurch kund, daß sie wichtige Veränderungen 
ihres Aussehens zeigt, sobald bei ihm Änderungen im Gange sind, z. B. in 
den ersten Wochen seines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein (S. 135). 
Die Deutung dieses Sonnenmythus macht uns Schreber leicht. Er 
identifiziert die Sonne geradezu mit Gott, bald mit dem niederen 
Gott (Ariman) 3 ), bald mit dem oberen (S. 137). „An dem darauffolgenden 
Tage .... sah ich den oberen Gott (Ormuzd) diesmal nicht mit meinem 
geistigen Auge, sondern mit meinem leiblichen Auge. Es war die Sonne, 
aber nicht die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen Menschen bekannten 
Erscheinung, sondern usw." Es ist also nur folgerichtig, wenn er sie 
nicht anders als Gott selbst behandelt. 

Ich bin für die Eintönigkeit der psychoanalytischen Lösungen 



*) „Die Sonne ist eine Hure" (S. 384). 

2 ) (S. 139, Anmerkung): „Übrigens gewährt mir auch jetzt noch die Sonne 
zum Teil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krankheit von ihr 
hatte. Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn ich gegen dieselbe gewendet laut 
spreche. Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde davon nur in sehr bescheide- 
nem Maße geblendet, während in gesunden Tagen bei mir, wie wohl bei anderen 
Menschen, ein minutenlanges Hineinsehen in die Sonne gar nicht möglieh ge- 
wesen wäre." 

3 ) (S. 8S): „Dieser wird jetzt (seit Juli 1894) von den zu mir redenden 
Stimmen mit der Sonne geradezu identifiziert." 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 49 

nicht verantwortlich, wenn ich geltend mache, daß die Sonne nichts 
anderes ist als wiederum ein sublimiertes Symbol des Vaters. Die Sym- 
bolik setzt sich hier über das grammatikalische Geschlecht hinaus; 
wenigstens im Deutschen, denn in den meisten anderen Sprachen ist 
die Sonne ein Maskulinum. Ihr Widerpart in dieser Spiegelung des 
Elternpaares ist die allgemein so bezeichnete „Mutter Erde". In der 
psychoanalytischen Auflösung pathogener Phantasien bei Neurotikern 
findet man oft genug die Bestätigung für diesen Satz. Auf die Beziehung 
zu kosmischen Mythen will ich nur mit diesem einen Wort verweisen. 
Einer meiner Patienten, der seinen Vater früh verloren hatte und ihn 
in allem Großen und Erhabenen der Natur wiederzufinden suchte, 
machte es mir wahrscheinlich, daß der Hymnus Nietzsches , , Vor Sonnen- 
aufgang" der gleichen Sehnsucht Ausdruck gebe 1 ). Ein anderer, der in 
seiner Neurose nach dem Tode des Vaters den ersten Angst- und Schwindel- 
anfall bekam, als ihn die Sonne während der Gartenarbeit mit dem 
Spaten beschien, vertrat selbständig die Deutung, er habe sich geängstigt, 
weil ihm der Vater zugeschaut, wie er mit einem scharfen Instrument 
die Mutter bearbeitete. Als ich nüchternen Einspruch wagte, machte 
er seine Auffassung durch die Mitteilung plausibler, er habe den Vater 
schon bei Lebzeiten mit der Sonne verglichen, allerdings damals in 
parodierender Absicht. So oft er gefragt worden sei, wohin sein Vater 
in diesem Sommer gehe, habe er die Antwort mit den tönenden Worten 
des „Prologs im Himmel" gegeben: 

„Und seine vorgeschriebene Reise, 
Vollendet er mit Donnergang". 

Der Vater pflegte jedes Jahr auf ärztlichen Rat den Kurort Marien- 
bad zu besuchen. Bei diesem Kranken hatte sich die infantile Ein- 
stellung gegen den Vater zweizeitig durchgesetzt. Solange der Vater 
lebte, volle Auflehnung und offenes Zerwürfnis; unmittelbar nach 
seinem Tode eine Neurose, die sich auf sklavische Unterwerfung und 
nachträglichen Gehorsam gegen den Vater gründete. 

Wir befinden uns also auch im Falle Schreber auf dem wohl- 
vertrauten Boden des Vaterkomplexes 2 ). Wenn sich dem Kranken der 
Kampf mit Flechsig als ein Konflikt mit Gott enthüllt, so müssen wir 
diesen in einen infantilen Konflikt mit dem geliebten Vater übersetzen, 

x ) „Also sprach Zarathustra". Dritter Teil. — Auch Nietzsche hatte seinen 
Vater nur als Kind gekannt. 

2 ) Wie auch die „feminine Wunschphantasie" Schrebers nur eine der 
typischen Gestaltungen des infantilen Kernkomplexes ist. 

Jahrbuch für psyehoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 4 



50 Sigm. Freud. 

dessen uns unbekannte Einzelheiten den Inhalt des Wahnes bestimmt 
haben. Es fehlt nichts von dem Material, das sonst durch die Analyse 
in solchen Fällen aufgedeckt wird, alles ist durch irgendwelche An- 
deutungen vertreten. Der Vater erscheint in diesen Kindererlebnissen als 
der Störer der vom Kinde gesuchten, meist autoerotischen Befriedigung, 
die in der Phantasie später oft durch eine minder ruhmlose ersetzt 
wird 1 ). Im Ausgang des S ehr eb ersehen Wahnes feiert die infantile 
Sexualstrebung einen großartigen Triumph ; die Wollust wird gottes- 
fürchtig, Gott selbst (der Vater) läßt nicht ab, sie von dem Kranken 
zu fordern. Die gefürchtetste Drohung des Vaters, die der Kastration, 
hat der zuerst bekämpften und dann akzeptierten Wunschphantasie 
der Verwandlung in ein Weib geradezu den Stoff geliehen. Der Hinweis 
auf eine Verschuldung, die durch die Ersatzbildung „Seelenmord" 
gedeckt wird, ist überdeutlich. Der Oberwärter wird mit jenem Haus- 
genossen v. W. identisch gefunden, der ihn nach Angabe der Stimmen 
fälschlich der Onanie beschuldigt hat (S. 108). Die Stimmen sagen, 
gleichsam in der Begründung der Kastrationsdrohung (S. 127): „Sie 
sollen nämlich als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt 
werden" 2 ). Endlich ist der Denkzwang (S. 47), dem sich der Kranke 
unterwirft, weil er annimmt, Gott werde glauben, er sei blödsinnig 
geworden und sich von ihm zurückziehen, wenn er einen Moment zu 
denken aussetze, die uns auch anderswoher bekannte Reaktion gegen 
die Drohung oder Befürchtung, man werde durch sexuelle Betätigung, 
speziell durch Onanie, den Verstand verlieren 3 ). Bei der Unsumme 
hypochondrischer Wahnideen 4 ), die der Kranke entwickelt, ist vielleicht 
kein großer Wert darauf zu legen, daß sich einige derselben mit den 
hypochondrischen Befürchtungen der Onanisten wörtlich berühren 5 ). 

x ) Vgl. die Bemerkungen zur Analyse des „Rattenmannes". Dieses Jahr- 
buch I., 1909, S. 393. 

2 ) Die Systeme des „Darstellens und Aufsehreibens" (S. 120) deuten in 
Verbindung mit den „geprüften Seelen" auf Sehulerlebnisse hin. 

3 ) (S. 206): „Daß dies das erstrebte Ziel sei, wurde früher ganz offen in der 
vom oberen Gott ausgehenden, unzählige Male von mir gehörten Phrase ,Wir 
wollen Ihnen den Verstand zerstören' eingestanden." 

4 ) Ich will es nicht unterlassen hier zu bemerken, daß ich eine Theorie 
der Paranoia erst dann für vertrauenswert halten werde, wenn es ihr gelungen 
ist, die fast regelmäßigen hypochondrischen Bcgleitsymptome in ihren Zu- 
sammenhang einzufügen. Es scheint mir, daß der Hypochondrie dieselbe Stellung 
zur Paranoia zukommt wie der Angstneurose zur Hysterie. 

6 ) (S. 154): „Man versuchte mir daher das Rüekenmark auszupumpen, 
was durch sogenannte „kleine Männer", die man mir in die Füße setzte, geschah. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 51 

Wer in der Deutung dreister wäre als ich. oder durch Beziehungen 
zur Familie Seh rebers mehr von Personen, Milieu und kleinen Vor- 
fällen wüßte, dem müßte es ein leichtes sein, ungezählte Einzelheiten 
des S ehr eb er sehen Wahnes auf ihre Quellen zurückzuführen und somit 
in ihrer Bedeutung zu erkennen, und dies trotz der Zensur, der die „Denk- 
würdigkeiten" unterlegen sind. Wir müssen uns notgedrungen mit einer 
so schattenhaften Skizzierung des infantilen Materiales begnügen, in wel- 
chem die paranoische Erkrankung den aktuellen Konflikt dargestellt hat. 

Zur Begründung jenes um die feminine Wunschphantasie aus- 
gebrochenen Konfliktes darf ich vielleicht noch ein Wort hinzufügen. 
Wir wissen, daß wir die Aufgabe haben, das Hervortreten einer Wunsch- 
phantasie mit einer Versagung, einer Entbehrung im realen Leben 
in Zusammenhang zu bringen. Nun gesteht uns Sehr eher eine solche 
Entbehrung ein. Seine sonst als glücklich geschilderte Ehe brachte 
ihm nicht den Kindersegen, vor allem nicht den Sohn, der ihn für den 
Verlust von Vater und Bruder getröstet hätte, auf den die unbefriedigte 
homosexuelle Zärtlichkeit hätte abströmen können 1 ). Sein Geschlecht 
drohte auszusterben und es scheint, daß er stolz genug war auf seine 
Abstammung und Familie (S. 24). „Die Flechsigs und die Schrebers 
gehörten nämlich beide, wie der Ausdruck lautete, „dem höchsten 
himmlischen Adel" an. Die Schrebers führten insbesondere den 
Titel „Markgrafen von Tuscien und Tasmanien", entsprechend einer 
Gewohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitelkeit folgend, 
mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu schmücken" 2 ). Der große 



Über diese „kleinen Männer", die mit der bereits in Kap. VI besprochenen Er- 
scheinung einige Verwandtschaft zeigten, werde ich später noch Weiteres mitteilen; 
in der Regel waren es je zwei, ein »kleiner Flechsig' und ein .kleiner v. W.', deren 
Stimme ich auch in meinen Füßen vernahm." — v.W. ist der nämliche, von dem 
die Onaniebeschuldigung ausging. Die „kleinen Männer" bezeichnet Sehr eb er 
selbst als eine der merkwürdigsten und in gewisser Beziehung rätselhaftesten 
Erscheinungen (S. 157). Es scheint, daß sie einer Verdichtung von Kindern und — 
Spermatozoen entsprungen sind. 

x ) (S. 3G): „Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich 
acht, im ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die 
mehrmalige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre 
mit meiner Frau verlebt." 

2 ) Im Anschluß an diese Äußerung, die den liebenswürdigen Spott gesunder 
Tage im Wahne bewahrt hat, verfolgt er die Beziehungen zwischen den Familien 
Flechsig und Schreber in frühere Jahrhundertc zurück, wie ein Bräutigam, 
der nicht begreifen kann, wie er so lange Jahre ohne Beziehung zur Geliebten leben 
konnte, ihre Bekanntschaft durchaus schon in früheren Zeiten gemacht haben will. 

4* 



52 Sigm. Freud. 

Napoleon ließ sich, wiewohl erst nach schweren inneren Kämpfen, von 
seiner Josefine scheiden, weil sie die Dynastie nicht fortsetzen konnte 1 ) ; 
Dr. Schreber mochte die Phantasie gebildet haben, wenn er ein Weib 
wäre, würde er das Kinderbekommen besser treffen, und fand so den 
Weg, sich in die feminine Einstellung zum Vater in den ersten Kinder- 
jahren zurück zu versetzen. Der später immer weiter in die Zukunft 
geschobene Wahn, daß die Welt durch seine Entmannung mit „neuen 
Menschen aus Schreberschem Geist" (S. 288) bevölkert würde, 
war also auch zur Abhilfe seiner Kinderlosigkeit bestimmt. Wenn die 
„kleinen Männer", die Schreber selbst so rätselhaft findet, Kinder 
sind, so finden wir es durchaus verständlich, daß sie auf seinem Kopfe 
in großer Anzahl versammelt stehen (S. 158); es sind ja wirklich die 
„Kinder seines Geistes". (Vgl. die Bemerkung über die Darstellung der 
Abstammung vom Vater und über die Geburt der Athene in der Kranken- 
geschichte des „Rattenmannes". Dieses Jahrbuch I., S. 410.) 

III. Über den paranoischen Mechanismus. 

Wir haben bisher den den Fall Schreber beherrschenden Vater- 
komplex und die zentrale Wunschphantasie der Erkrankung behandelt. 
An alledem ist nichts für die Krankheitsform der Paranoia Charakteristi- 
sches, nichts was wir nicht bei anderen Fällen von Neurose finden 
könnten und auch wirklich gefunden haben. Die Eigenart der Paranoia 
(oder der paranoiden Demenz) müssen wir in etwas anderes verlegen, 
in die besondere Erscheinungsform der Symptome, und für diese wird 
unsere Erwartung nicht die Komplexe, sondern den Mechanismus 
der Symptombildung oder den der Verdrängung verantwortlich machen. 
Wir würden sagen, der paranoische Charakter liegt darin, daß zur 
Abwehr einer homosexuellen Wunschphantasie gerade mit einem 
Verfolgungswahn von solcher Art reagiert wird. 

Um so bedeutungsvoller ist es, wenn wir durch die Erfahrung 
gemahnt werden, gerade der homosexuellen Wunschphantasie eine 
innigere, vielleicht eine konstante, Beziehung zur Krankheitsform 
zuzusprechen. Meiner eigenen Erfahrung hierüber mißtrauend, habe 

x ) In dieser Hinsicht ist eine Verwahrung des Patienten gegen Angaben 
des ärztlichen Gutachtens erwähnenswert: (S. 48G). „Ich habe niemals mit dem 
Gedanken einer Scheidung gespielt oder Gleichgültigkeit gegen das Fort- 
bestehen des ehelichen Bandes zu erkennen gegeben, wie man nach der Aus- 
drucksweise des Gutachtens, ,ich sei alsbald mit der Andeutung bei der Hand, 
daß meine Frau sich scheiden lassen könne', annehmen möchte". 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 53 

ich in den letzten Jahren mit meinen Freunden C. G. Jung in Zürich 
und S. Ferenczi in Budapest eine Anzahl von Fällen paranoider 
Erkrankung aus deren Beobachtung auf diesen einen Punkt hin unter- 
sucht. Es waren Männer wie Frauen, deren Krankengeschichten uns 
als Untersuchungsmaterial vorlagen, verschieden durch Rasse, Beruf 
und sozialen Rang, und wir sahen mit Überraschung, wie deutlich 
in all diesen Fällen die Abwehr des homosexuellen Wunsches im Mittel- 
punkte des Krankheitskonfliktes zu erkennen war, wie sie alle an der 
Bewältigung ihrer unbewußt verstärkten Homosexualität gescheitert 
waren 1 ). Es entsprach gewiß nicht unserer Erwartung. Gerade bei der 
Paranoia ist die sexuelle Aetiologie keineswegs evident, dagegen 
drängen sich soziale Kränkungen und Zurücksetzungen, besonders 
für den Mann, in der Verursachung der Paranoia auffällig hervor. 
Es wird nun aber nur geringe Vertiefung erfordert, um an diesen 
sozialen Schädigungen die Beteiligung der homosexuellen Komponente 
des Gefühlslebens als das eigentlich Wirksame zu erkennen. So lange 
die normale Betätigung den Einblick in die Tiefen des Seelenlebens 
verwehrt, darf man es ja bezweifeln, daß die Gefühlsbeziehungen 
eines Individuums zu seinen Nebenmenschen im sozialen Leben faktisch 
oder genetisch mit der Erotik etwas zu schaffen haben. Der Wahn 
deckt diese Beziehungen regelmäßig auf und führt das soziale Gefühl 
bis auf seine Wurzel im grobsinnlichen erotischen Wunsch zurück. 
Auch Dr. Schreb er, dessen Wahn in einer unmöglich zu verkennenden 
homosexuellen Wunschphantasie gipfelt, hatte in den Zeiten der Gesund- 
heit — allen Berichten zufolge — kein Anzeichen von Homosexualität 
im vulgären Sinne geboten. 

Ich meine, es ist weder überflüssig noch unberechtigt, wenn ich 
zu zeigen versuche, daß unser heutiges, durch Psychoanalyse gewonnenes 
Verständnis der Seelenvorgänge uns bereits das Verständnis für die 
Rolle des homosexuellen Wunsches bei der Erkrankung an Paranoia 
vermitteln kann. Untersuchungen der letzten Zeit 2 ) haben uns auf ein 
Stadium in der Entwicklungsgeschichte der Libido aufmerksam gemacht, 



x ) Eine weitere Bestätigung findet sich in der Analyse des Paranoiden 
J. B. von A. Maeder (Psychologische Untersuchungen an Dementia praecox- 
Kranken. Dieses Jahrbuch II. B. 1910). Ich bedauere, daß ich diese Arbeit zur 
Zeit der Abfassung der meinigen noch nicht lesen konnte. 

2 ) J. Sadger, Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Ab- 
senzen. Dieses Jahrbuch IL B. 1910. — Freud, Eine Kindheitserinnerung des 
Leonardo da Vinci. Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft VII, 1910. 



54 Sigm. Freud. 

welches auf dem Wege vom Autoerotismus zur Objektliebe durch- 
schritten wird 1 ). Man hat es als Narzissismus bezeichnet; ich ziehe 
den vielleicht minder korrekten, aber kürzeren und weniger übelklin- 
genden Namen Narzißmus vor. Es besteht darin, daß das in der Ent- 
wicklung begriffene Individuum, welches seine autoerotisch arbeitenden 
Sexualtriebe zu einer Einheit zusammenfaßt, um ein Liebesobjekt 
zu gewinnen, zunächst sich selbst, seinen eigenen Körper zum Liebes- 
objekt nimmt, ehe es von diesem zur Objektwahl einer fremden Person 
übergeht. Eine solche zwischen Autoerotismus und Objektwahl ver- . 
mittelnde Phase ist vielleicht normalerweise unerläßlich; es scheint, 
daß viele Personen ungewöhnlich lange in ihr aufgehalten werden, und 
daß von diesem Zustande viel für spätere Entwicklungsstufen erübrigt. 
An diesem zum Liebesobjekt genommenen Selbst können bereits die 
Genitalien die Hauptsache sein. Der weitere Weg führt zur Wahl eines 
Objektes mit ähnlichen Genitalien, also über die homosexuelle Objekt- 
wahl, zur Heterosexualität. Wir nehmen an, daß die später manifest 
Homosexuellen sich von der Anforderung der den eigenen gleichen 
Genitalien beim Objekt nie frei gemacht haben, wobei den kindlichen 
Sexualtheorien, die beiden Geschlechtern zunächst die gleichen Geni- 
talien zuschreiben, ein erheblicher Einfluß zukommt. 

Nach der Erreichung der heterosexuellen Objektwahl werden die 
homosexuellen Strebungen nicht etwa aufgehoben oder eingestellt, 
sondern bloß vom Sexualziel abgedrängt und neuen Verwendungen 
zugeführt. Sie treten nun mit Anteilen der Ichtriebe zusammen, um 
mit ihnen als „angelehnte" Komponenten die sozialen Triebe zu kon- 
stituieren imd stellen so den Beitrag der Erotik zur Freundschaft, 
Kameradschaft, zum Gemeinsinn und zur allgemeinen Menschenliebe 
dar. Wie groß diese Beiträge aus erotischer Quelle mit Hemmung des 
Sexualzieles eigentlich sind, würde man aus den normalen sozialen 
Beziehungen der Menschen kaum erraten. Es gehört aber in den gleichen 
Zusammenhang, daß gerade manifest Homosexuelle und unter ihnen 
wieder solche, die der sinnlichen Betätigung widerstreben, sich durch 
besonders intensive Beteiligung an den allgemeinen, an den durch 
Sublimierung der Erotik hervorgegangenen Interessen der Menschheit 
auszeichnen. 

Ich habe in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" die 
Ansicht ausgesprochen, daß jede Entwicklungsstufe der Psychosexualität 

J ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Auflage, 1910. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 55 

eine Möglichkeit der „Fixirung" und somit eine Dispositionsstelle ergibt. 
Personen, welche nicht völlig vom Stadium des Narzißmus losgekommen 
sind, also dort eine Fixierung besitzen, die als Krankheitsdisposition 
wirken kann, sind der Gefahr ausgesetzt, daß eine Hochflut von Libido, 
die keinen anderen Ablauf findet, ihre sozialen Triebe der Sexualisierung 
unterzieht und somit ihre in der Entwicklung gewonnenen Sublimierungen 
rückgängig macht. Zu einem solchen Erfolg kann alles führen, was eine 
rückläufige Strömung der Libido („Kegression") hervorruft, sowohl 
auf der einen Seite eine kollaterale Verstärkung durch Enttäuschung 
beim Weibe, eine direkte Eückstauung durch Mißglücken in den sozialen 
Beziehungen zum Manne — beides Fälle der „Versagung" — , als auch 
eine allgemeine Libidosteigerung, die zu gewaltig ist, als daß sie auf den 
bereits eröffneten Wegen Erledigung finden könnte, und die darum an der 
schwachen Stelle des Baues den Damm durchbricht. Da wir in unseren 
Analysen finden, daß die Paranoiker sich einer solchen Sexuali- 
sierung ihrer sozialen Triebbesetzungen zu erwehren suchen, 
werden wir zur Annahme gedrängt, daß die schwache Stelle ihrer 
Entwicklung in dem Stück zwischen Autoerotismus, Narzißmus und 
Homosexualität zu suchen ist, daß dort ihre, vielleicht noch genauer 
zu bestimmende, Krankheitsdisposition liegt. Eine ähnliche Disposition 
müßten wir der Dementia praecox Kraepelins oder Schizophrenie 
(nach Bleuler) zuschreiben, und hoffen im weiteren Anhaltspunkte 
zu gewinnen, um die Unterschiede in Form und Ausgang der beiden 
Aifektionen durch entsprechende Verschiedenheiten der disponierenden 
Fixierung zu begründen. 

Wenn wir so die Zumutung der homosexuellen Wunschphantasie, 
den Mann zu lieben, für den Kern des Konfliktes bei der Paranoia 
des Mannes halten, so werden wir doch gewiß nicht daran vergessen, 
daß die Sicherung einer so wichtigen Annahme die Untersuchung 
einer großen Anzahl aller Formen von paranoischer Erkrankung zur 
Voraussetzung haben müßte. Wir müssen also darauf vorbereitet sein, 
unsere Behauptung eventuell auf einen einzigen Typus der Paranoia 
einzuschränken. Immerhin bleibt es merkwürdig, daß die bekannten 
Hauptformen der Paranoia alle als Widersprüche gegen den einen Satz: 
Ich (ein Mann) liebe ihn (einen Mann) dargestellt werden können, 
ja daß sie alle möglichen Formulierungen dieses Widerspruches erschöpfen. 

Dem Satze: Ich liebe ihn (den Mann) widerspricht a) der Ver- 
folgungswahn, indem er laut proklamiert: 

Ich liebe ihn nicht — ich hasse ihn ja. Dieser Widerspruch, 



56 Sigm. Freud. 

der im Unbewußten 1 ) nicht anders lauten könnte, kann aber beim 
Paranoiker nicht in dieser Form bewußt werden. Der Mechanismus 
der Symptombildung bei der Paranoia fordert, daß die innere Wahr- 
nehmung, das Gefühl, durch eine Wahrnehmung von außen ersetzt 
werde. Somit verwandelt sich der Satz: Ich hasse ihn ja, durch Pro- 
jektion in den anderen: Er haßt (verfolgt) mich, was mich dann 
berechtigen wird, ihn zu hassen. Das treibende unbewußte Gefühl 
erscheint so als Folgerung aus einer äußeren Wahrnehmung: 

Ich liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn ja — weil er mich verfolgt. 

Die Beobachtung läßt keinen Zweifel darüber, daß der Verfolger kein 
anderer ist als der einst Geliebte. 

b) Einen anderen Angriffspunkt für den Widerspruch nimmt 
die Erotomanie auf, die ohne diese Auffassung ganz unverständlich 
bliebe. 

Ich hebe nicht ihn — ich liebe ja sie. 

Und der nämliche Zwang zur Projektion nötigt dem Satz die 
Verwandlung auf: Ich merke, daß sie mich liebt. 

Ich hebe nicht ihn — ich hebe ja sie — weil sie mich liebt. 
Viele Fälle von Erotomanie könnten den Eindruck von übertriebenen 
oder verzerrten heterosexuellen Fixierungen ohne andersartige Be- 
gründung machen, wenn man nicht aufmerksam würde, daß alle diese 
Verliebtheiten nicht mit der internen Wahrnehmung des Liebens, 
sondern der von außen kommenden des Gelieb twerdens einsetzen. 
Bei dieser Form der Paranoia kann aber auch der Mittelsatz : Ich liebe 
sie, bewußt werden, weil sein Widerspruch zum ersten Satz kein kontra- 
diktorischer, kein so unverträglicher ist wie der zwischen Lieben und 
Hassen. Es bleibt ja immerhin möglich, neben ihm auch sie zu lieben. 
Auf diese Art kann es geschehen, daß der Projektionsersatz sie liebt 
mich wieder gegen das „grundsprachliche" ich liebe ja sie zurücktritt. 

c) Die dritte noch mögliche Art des Widerspruches wäre jetzt der 
Eifersuchtswahn, den wir in charakteristischen Formen bei Mann und 
Weib studieren können. 

a) Der Eifersuchtswahn des Alkoholikers. Die Rolle des Alkohols 
bei dieser Affektion ist uns nach allen Richtungen verständlich. Wir 
wissen, daß dies Genußmittel Hemmungen aufhebt und Sublimierungen 
rückgängig macht. Der Mann wird nicht selten durch die Enttäuschung 



*) In seiner „grundsprachlichen" Fassung nach Schreber. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 57 

beim Weibe zum Alkohol getrieben, das heißt aber in der Regel, er 
begibt sich ins Wirtshaus und in die Gesellschaft der Männer, die ihm 
die in seinem Heim beim Weibe vermißte Gefühlsbefriedigung gewährt. 
Werden nun diese Männer Objekte einer stärkeren libidinösen Besetzung 
in seinem Unbewußten, so erwehrt er sich derselben durch die dritte 
Art des Widerspruches: 

Nicht ich liebe den Mann — sie liebt ihn ja, und verdächtigt 
die Frau mit all den Männern, die er zu lieben versucht ist. 

Die Projektionsentstellung muß hier entfallen, weil mit dem 
Wechsel des liebenden Subjekts der Vorgang ohnedies aus dem Ich 
herausgeworfen ist. Daß die Frau die Männer liebt, bleibt eine An- 
gelegenheit der äußeren Wahrnehmung; daß man selbst nicht liebt, 
sondern haßt, daß man nicht diese, sondern jene Person liebt, das sind 
allerdings Tatsachen der inneren Wahrnehmung. 

ß) Ganz analog stellt sich die eifersüchtige Paranoia der Frauen her. 

Nicht ich liebe die Frauen — sondern er liebt sie. Die Eifer- 
süchtige verdächtigt den Mann mit all den Frauen, die ihr selbst gefallen 
infolge ihres überstark gewordenen, disponierenden Narzißmus und ihrer 
Homosexualität. In der Auswahl der dem Manne zugeschobenen Liebes- 
objekte offenbart sich unverkennbar der Einfluß der Lebenszeit, in 
welcher die Fixierung erfolgte; es sind häufig alte, zur realen Liebe 
ungeeignete Personen, Auffrischungen der Pflegerinnen, Dienerinnen, 
Freundinnen ihrer Kindheit oder direkt ihrer konkurrierenden Schwe- 
stern. 

Man sollte nun glauben, ein aus drei Gliedern bestehender Satz, 
wie: Ich liebe ihn, ließe nur drei Arten des Widerspruches zu. Der 
Eifersuchtswahn widerspricht dem Subjekt, der Verfolgungswahn 
dem Verbum, die Erotomanie dem Objekt. Allein, es ist wirklich noch 
eine vierte Art des Widerspruches möglich, die Gesamtablehnung des 
ganzen Satzes: 

Ich liebe überhaupt nicht und niemand, und dieser Satz 
scheint psychologisch äquivalent, da man doch mit seiner Libido 
irgendwohin muß, mit dem Satze: Ich liebe nur mich. Diese Art des 
Widerspruches ergäbe uns also den Größenwahn, den wir als eine 
Sexualüberschätzung des eigenen Ichs auffassen und so der be- 
kannten Überschätzung des Liebesobjektes an die Seite stellen können 1 ). 

Es wird nicht ohne Bedeutung für andere Stücke der Paranoialehre 

2 ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Auflage, 1910, S. 18. — Die- 
selbe Auffassung und Formel bei Abraham (1. c.) und Maeder (1. c.) 



58 Sigm. Freud. 

bleiben, daß ein Zusatz von Größenwahn bei den meisten anderen Formen 
paranoischer Erkrankung zu konstatieren ist. Wir haben ja das Eecht 
anzunehmen, daß der Größenwahn überhaupt infantil ist, und daß er 
in der späteren Entwicklung der Gesellschaft zum Opfer gebracht wird, 
so wie er durch keinen anderen Einfluß so intensiv unterdrückt wird 
wie durch eine das Individuum mächtig ergreifende Verliebtheit. 

„Denn wo die Lieb' erwachet, stirbt 
das Ich, der finstere Despot." 

(Dsckelaledin Rumi, übersetzt von Rücker t; zitiert nach Kuhlen-" 
becks Einleitung zum V. Band der Werke von Giordano Bruno.) 

Nach diesen Erörterungen über die unerwartete Bedeutung der 
homosexuellen Wunschphantasie für die Paranoia kehren wir zu jenen 
beiden Momenten zurück, in welche wir das Charakteristische dieser 
Erkrankungsform von vornherein verlegen wollten: zum Mechanismus 
der Symptombildung und zu dem der Verdrängung. 

Wir haben zunächst gewiß kein Kecht anzunehmen, daß diese 
beiden Mechanismen identisch seien, daß die Symptombildung auf dem- 
selben Wege vor sich gehe wie die Verdrängung, etwa indem der näm- 
liche Weg dabei in entgegengesetzter Eichtung beschritten werde. 
Eine solche Identität ist auch keineswegs sehr wahrscheinlich; doch 
wollen wir uns jeder Aussage hierüber vor der Untersuchung enthalten. 

An der Symptombildung bei Paranoia ist vor allem jener Zug 
auffällig, der die Benennung Projektion verdient. Eine innere Wahr- 
nehmung wird unterdrückt und zum Ersatz für sie kommt ihr Inhalt, 
nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren hat, als Wahrnehmung 
von außen zum Bewußtsein. Die Entstellung besteht beim Verfolgungs- 
wahn in einer Affektverwandlung; was als Liebe innen hätte verspürt 
werden sollen, wird als Haß von außen wahrgenommen. Man wäre 
versucht, diesen merkwürdigen Vorgang als das Bedeutsamste der 
Paranoia und als absolut pathognomonisch für dieselbe hinzustellen, 
wenn man nicht rechtzeitig daran erinnert würde, daß 1. die Projektion 
nicht bei allen Formen von Paranoia die gleiche Rolle spielt, und 2. daß 
sie nicht nur bei Paranoia, sondern auch unter anderen Verhältnissen 
im Seelenleben vorkommt, ja daß ihr ein regelmäßiger Anteil an unserer 
Einstellung zur Außenwelt zugewiesen ist. Wenn wir die Ursachen ge- 
wisser Sinnesempfindungen nicht wie die anderer in uns selbst suchen, 
sondern sie nach außen verlegen, so verdient auch dieser normale 
Vorgang den Namen einer Projektion. So aufmerksam geworden, daß 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 59 

es sich beim Verständnis der Projektion um allgemeinere psychologische 
Probleme handelt, entschließen wir uns, das Studium der Projektion 
und damit des Mechanismus der paranoischen Symptombildung über- 
haupt, für einen anderen Zusammenhang aufzusparen, und wenden 
uns der Frage zu, welche Vorstellungen wir uns über den Mechanismus 
der Verdrängung bei der Paranoia zu bilden vermögen. Ich schicke 
voraus, daß wir zur Kechtfertigung unseres vorläufigen Verzichtes 
finden werden, die Art des Verdrängungsvorganges hänge weit inniger 
mit der Entwicklungsgeschichte der Libido und der in ihr gegebenen 
Disposition zusammen als die Art der Symptombildung. 

Wir haben in der Psychoanalytik die pathologischen Phänomene 
ganz allgemein aus der Verarängimg hervorgehen lassen. Fassen wir 
das Verdrängung Benannte schärfer ins Auge, so finden wir Anlaß, den 
Vorgang in drei Phasen zu zerlegen, die eine gute begriffliche Sonderung 
gestatten. 

1. Die erste Phase besteht in der Fixierung, dem Vorläufer 
und der Bedingung einer jeden „Verdrängung". Die Tatsache der 
Fixierung kann dahin ausgesprochen werden, daß ein Trieb oder Trieb- 
anteil die als normal vorhergesehene Entwicklung nicht mitmacht 
und infolge dieser Entwicklungshemmung in einem infantileren Stadium 
verbleibt. Die betreffende libidinöse Strömung verhält sich zu den 
späteren psychischen Bildungen wie eine dem System des Unbewußten 
angehörige, wie eine verdrängte. Wir sagten schon, daß in solchen 
Fixierungen der Triebe die Disposition für die spätere Erkrankung 
liege und können hinzufügen, die Determinierung vor allem für den 
Ausfall der dritten Phase der Verdrängung. 

2. Die zweite Phase der Verdrängung ist die eigentliche Ver- 
drängung, die wir bisher vorzugsweise im Auge gehabt haben. Sie geht 
von den höher entwickelten bewußtseinsfähigen Systemen des Ichs 
aus und kann eigentlich als ein „Nachdrängen" beschrieben werden. 
Sie macht den Eindruck eines wesentlich aktiven Vorganges, während 
sich die Fixierung als ein eigentlich passives Zurückbleiben darstellt. 
Der Verdrängung unterliegen entweder die psychischen Abkömmlinge 
jener primär zurückgebliebenen Triebe, wenn es durch deren Erstarkung 
zum Konflikt zwischen ihnen imd dem Ich (oder den ichgerechten 
Trieben) gekommen ist, oder solche psychische Strebungen, gegen 
welche sich aus anderen Gründen eine starke Abneigung erhebt. Diese 
Abneigung würde aber nicht die Verdrängung zur Folge haben, wenn 
sich nicht zwischen den unliebsamen, zu verdrängenden Strebungen 



60 Sigm. Freud. 

und den bereits verdrängten eine Verknüpfung herstellen würde. Wo 
dies der Fall ist, wirken die Abstoßung der bewußten und die Anziehung 
der unbewußten Systeme gleichsinnig für das Gelingen der Verdrängung. 
Die beiden hier gesonderten Fälle mögen in Wirklichkeit weniger 
scharf geschieden sein und sich nur durch ein Mehr oder Minder an 
Beitrag von Seiten der primär verdrängten Triebe unterscheiden. 

3. Als dritte, für die pathologischen Phänomene bedeutsamste 
Phase ist die des Mißlingens der Verdrängung, des Durchbruches, 
der Wiederkehr des Verdrängten anzuführen. Dieser Durchbruch 
erfolgt von der Stelle der Fixierung her und hat eine Kegression der 
Libidoentwicklung bis zu dieser Stelle zum Inhalte. 

Die Mannigfaltigkeiten der Fixierung haben wir bereits erwähnt; 
es sind ihrer soviele als Stufen in der Entwicklung der Libido. Wir 
müssen auf andere Mannigfaltigkeiten in den Mechanismen der eigent- 
lichen Verdrängung und in denen des Durchbruches (oder der Symptom- 
bildung) vorbereitet sein und dürfen wohl bereits jetzt vermuten, daß 
wir nicht alle diese Mannigfaltigkeiten allein auf die Entwicklungs- 
geschichte der Libido werden zurückführen können. 

Es ist leicht zu erraten, daß wir mit diesen Erörterungen das 
Problem der Neurosenwahl streifen, welches indes nicht ohne Vorarbeiten 
anderer Art in Angriff genommen werden kann. Erinnern wir uns jetzt, 
daß wir die Fixierung bereits behandelt, die Symptombildung zurück, 
gestellt haben, und beschränken wir uns auf die Frage, ob sich aus 
der Analyse des Falles Schreber ein Hinweis auf den bei der 
Paranoia vorwaltenden Mechanismus der (eigentlichen) Verdrängung 
gewinnen läßt. 

Auf der Höhe der Krankheit bildete sich bei Schreber unter dem 
Einfluß von Visionen von „zum Teil grausiger Natur, zum Teil aber 
wiederum von unbeschreiblicher Großartigkeit" (S. 73) die Überzeugung 
einer großen Katastrophe, eines Weltunterganges. Stimmen sagten ihm, 
jetzt sei das Werk einer 14.000 jährigen Vergangenheit verloren (S. 71), 
der Erde sei nur noch die Dauer von 212 Jahren beschieden; in der 
letzten Zeit seines Aufenthaltes in der Fl echsig sehen Anstalt hielt 
er diesen Zeitraum für bereits abgelaufen. Er selbst war der „einzige 
noch übrig gebliebene wirkliche Mensch", und die wenigen menschlichen 
Gestalten, die er noch sah, den Arzt, die Wärter und Patienten, erklärte 
er als „hingewunderte flüchtig hingemachte Männer". Zeitweilig brach 
sich auch die reziproke Strömung Bahn; es wurde ihm ein Zeitungsblatt 
vorgelegt, in dem seine eigene Todesnachricht zu lesen war (S. 81), 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 61 

er war selbst in einer zweiten, minderwertigen Gestalt vorhanden und 
in dieser eines Tages sanft verschieden (S. 73). Aber die Gestaltung des 
Wahnes, die das Ich festhielt und die Welt opferte, erwies sich als die 
bei weitem stärkere. Über die Verursachung dieser Katastrophe machte 
er sich verschiedene Vorstellungen; er dachte bald an eine Vereisung 
durch Zurückziehen der Sonne, bald an eine Zerstörung durch 
Erdbeben, wobei er als „Geisterseher" zu einer ähnlichen Urheber- 
rolle gelangte wie ein anderer Geisterseher angeblich beim Erd- 
beben von Lissabon im Jahre 1755 (S. 91). Oder aber Flechsig 
war der Schuldige, indem er durch seine Zauberkünste Furcht und 
Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der Eehgion 
zerstört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und 
Unsittlichkeit verursacht hatte, in deren Folge dann verheerende 
Seuchen über die Menschen hereingebrochen seien (S. 91). Jedenfalls 
war der Weltuntergang die Folge des zwischen ihm und Flechsig 
ausgebrochenen Konfliktes, oder wie sich die Ätiologie in der zweiten 
Phase des Wahnes darstellte, seiner unlösbar gewordenen Verbindung 
mit Gott, also der notwendige Erfolg seiner Erkrankung. Jahre später, 
als Dr. Schreber in die menschliche Gemeinschaft zurückgekehrt 
war, und an den in seine Hände zurückgelangten Büchern, Musikalien 
und sonstigen Gebrauchsgegenständen nichts entdecken konnte, was 
mit der Annahme einer großen zeitlichen Kluft in der Geschichte 
der Menschheit verträglich wäre, gab er zu, daß seine Auffassung nicht 
mehr aufrecht zu halten sei. (S. 85) ,,.... kann ich mich der An- 
erkennung nicht entziehen, daß äußer lieh betrachtet alles beimalten 
geblieben ist. Ob nicht gleichwohl eine tiefgreifende innere 
Veränderung sich vollzogen hat, wird weiter unten besprochen 
werden". Er konnte nicht daran zweifeln, daß die Welt während seiner 
Erkrankung untergegangen war, und die er jetzt vor sich sah, war 
doch nicht die nämliche ! 

Eine solche Weltkatastrophe während des stürmischen Stadiums 
der Paranoia ist auch in anderen Krankengeschichten nicht selten 1 ). 
Auf dem Boden unserer Auffassung von der Libidobesetzung wird uns, 
wenn wir uns von der Wertung der anderen Menschen als „flüchtig 
hingemachte Männer" leiten lassen, die Erklärung dieser Katastrophen 

J ) Eine anders motivierte Art des „Weltunterganges" kommt auf der 

Höhe der Liebesekstase zustande (Wagners Tristan und Isolde); liier saugt 

nicht das Ich, sondern das eine Objekt alle der Außenwelt geschenkten Be- 
setzungen auf. 



62 Sigin. Freud. 

nicht schwer 1 ). Der Kranke hat den Personen seiner Umgebung und der 
Außenwelt überhaupt die Libidobesetzung entzogen, die ihnen bisher 
zugewendet war; damit ist alles für ihn gleichgültig und beziehungslos 
geworden und muß durch eine sekundäre Rationalisierung als „hin- 
gewundert, flüchtig hingemacht'' erklärt werden. Der Weltuntergang 
ist die Projektion dieser innerlichen Katastrophe; seine subjektive 
Welt ist untergegangen, seitdem er ihr seine Liebe entzogen hat 2 ). 

Nach dem Fluche, mit dem Faust sich von der Welt lossagt, 
singt der Geisterchor: 

Weh! Weh! 

Du hast sie zerstört, 

die schöne Welt, 

mit mächtiger Faust; 

sie stürzt, sie zerfällt! 

Ein Halbgott hat sie zerschlagen! 



Mächtiger 

der Erdensöhne. 

Prächtiger 

baue sie wieder, 

in deinem Busen baue sie auf! 



Und der Paranoiker baut sie wieder auf, nicht prächtiger zwar, 
aber wenigstens so, daß er wieder in ihr leben kann. Er baut sie auf durch 
die Arbeit seines Wahnes. Was wir für die Krankheitsproduktion 
halten, die Wahnbildung ist in Wirklichkeit der Heilungs- 
versuch, die Rekonstruktion. Diese gelingt nach der Katastrophe 
mehr oder minder gut, niemals völlig ; eine „tiefgreifende innere Verände- 
rung" nach den Worten Schrebers hat sich mit der Welt vollzogen. 
Aber der Mensch hat eine Beziehung zu den Personen und Dingen der 
Welt wiedergewonnen, oft eine sehr intensive, wenn sie auch feindlich 
sein mag, die früher erwartungsvoll zärtlich war. Wir werden also 



x ) Vgl. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der 
Dementia praecox. Zcntralbl. f. Xervenh. und Psych., 1908. — Jung, Zur Psy- 
chologie der Dementia praecox, 1907. — In der kurzenArbeit von Abraham sind 
fast alle wesentlichen Gesichtspunkte dieser Studie über den Fall Schreber 
enthalten. 

a ) Vielleicht nicht nur die Libidobesetzung, sondern das Interesse überhaupt, 
also auch die vom Ich ausgehenden Besetzungen. Siehe weiter unten die 
Diskussion dieser Frage. 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 



63 



sagen: der eigentliche Verdrängungsvorgang besteht in einer Ablösung 
der Libido von vorher geliebten Personen — und Dingen. Er vollzieht 
sich stumm; wir erhalten keine Kunde von ihm, sind genötigt, ihn aus 
den nachfolgenden Vorgängen zu erschließen. Was sich uns lärmend 
bemerkbar macht, das ist der Heilungs Vorgang, der die Verdrängung 
rückgängig macht und die Libido wieder zu den von ihr verlassenen 
Personen zurückführt. Er vollzieht sich bei der Paranoia auf dem Wege 
der Projektion. Es war nicht richtig zu sagen, die innerlich unterdrückte 
Empfindung werde nach außen projiziert; wir sehen vielmehr ein, 
daß das innerlich Aufgehobene von außen wiederkehrt. Die gründliche 
Untersuchung des Prozesses der Projektion, die wir auf ein anderes 
Mal verschoben haben, wird uns hierüber die letzte Sicherheit bringen. 

Nun aber wollen wir nicht unzufrieden sein, daß uns die neu- 
gewonnene Einsicht zu einer Eeihe von weiteren Diskussionen nötigt. 

1. Die nächste Erwägung sagt uns, daß eine Ablösung der Libido 
weder ausschließlich bei der Paranoia vorkommen, noch dort, wo sie 
sonst vorkommt, so unheilvolle Folgen haben kann. Es ist sehr wohl 
möglich, daß die Ablösung der Libido der wesentliche und regelmäßige 
Mechanismus einer jeden Verdrängung ist; wir wissen nichts darüber, 
solange nicht die anderen Verdrängungsaffektionen einer analogen 
Untersuchung unterzogen worden sind. Es ist sicher, daß wir im nor- 
malen Seelenleben (und nicht nur in der Trauer) beständig solche 
Loslösungen der Libido von Personen oder anderen Objekten voll- 
ziehen, ohne dabei zu erkranken. Wenn Faust sich von der Welt 
mit jenen Verfluchungen lossagt, so resultiert daraus keine Para- 
noia oder andere Neurose, sondern eine besondere psychische 
Gesamtstimmung. Die Libidolösung an und für sich kann also 
nicht das Pathogene bei der Paranoia sein, es bedarf eines be- 
sonderen Charakters, der die paranoische Ablösung der Libido von 
anderen Arten des nämlichen Vorganges unterscheiden kann. Es ist 
nicht schwer, einen solchen Charakter in Vorschlag zu bringen. Welches 
ist die weitere Verwendung der durch die Lösung frei gewordenen 
Libido? Normalerweise suchen wir sofort einen Ersatz für die auf- 
gehobene Anheftung; bis dieser Ersatz geglückt ist, erhalten wir die 
freie Libido in der Psyche schwebend, wo sie Spannungen ergibt und 
die Stimmung beeinflußt; in der Hysterie verwandelt sich der befreite 
Libidobetrag in körperliche Innervationen oder in Angst. Bei der Paranoia 
aber haben wir ein klinisches Anzeichen dafür, daß die dem Objekt 
entzogene Libido einer besonderen Verwendung zugeführt wird. Wir 



64 Sigm. Freud. 

erinnern uns daran, daß die meisten Fälle von Paranoia ein Stück 
Größenwahn zeigen, und daß der Größenwahn für sich allein eine Paranoia 
konstituieren kann. Daraus wollen wir schließen, daß die frei gewordene 
Libido bei der Paranoia zum Ich geschlagen, zur Ichvergrößerung 
verwendet wird. Damit ist das aus der Entwicklung der Libido bekannte 
Stadium des Narzißmus wieder erreicht, in welchem das eigene Ich das 
einzige Sexualobjekt war. Dieser klinischen Aussage wegen nehmen 
wir an, daß die Paranoischen eine Fixierung im Narzißmus mit- 
gebracht haben, und sprechen wir aus, daß der Rückschritt von der 
sublimierten Homosexualität bis zum Narzißmus den Betrag 
der für die Paranoia charakteristischen Regression angibt. 

2. Eine gleichfalls nahehegende Einwendung kann sich auf die 
Krankengeschichte Schrebers (wie auf viele andere) stützen, indem 
sie geltend macht, daß der Verfolgungswahn (gegen Flechsig) unver- 
kennbar früher auftritt als die Phantasie des Weltunterganges, so daß die 
angebliche Wiederkehr des Verdrängten der Verdrängung selbst vorher- 
ginge, was offenbar widersinnig ist. Diesem Einwand zuliebe müssen 
wir von der allgemeinsten Betrachtung zur Einzelwürdigimg der gewiß 
sehr viel komplizierteren realen Verhältnisse herabsteigen. Die Mög- 
lichkeit muß zugegeben werden, daß eine solche Ablösung der Libido 
ebensowohl eine partielle, ein Zurückziehen von einem einzelnen Kom- 
plex, wie eine allgemeine sein kann. Die partielle Lösung dürfte die 
bei weitem häufigere sein und diejenige, die die allgemeine einleitet, 
weil sie ja durch die Einflüsse des Lebens zunächst allein motiviert 
wird. Es kann dann bei der partiellen Lösung bleiben oder dieselbe zu 
einer allgemeinen vervollständigt werden, die sich durch den Größen- 
wahn auffällig kundgibt. Im Falle Schrebers mag die Ablösung der 
Libido von der Person Flechsigs immerhin das Primäre gewesen sein; 
ihr folgt alsbald der Wahn nach, weicher die Libido wieder zu Flechsig 
(mit negativem Vorzeichen als Marke der stattgehabten Verdrängung) 
zurückführt und so das Werk der Verdrängung aufhebt. Nun bricht 
der Verdrängungskampf von neuem los, bedient sich aber diesmal 
stärkerer Mittel; in dem Maße, als das umstrittene Objekt das wichtigste 
in der Außenwelt wird, einerseits alle Libido an sich ziehen will, ander- 
seits alle Widerstände gegen sich mobil macht, wird der Kampf ums 
einzelne Objekt mit einer allgemeinen Schlacht vergleichbar, in deren 
Verlauf sich der Sieg der Verdrängung durch die Überzeugung ausdrückt, 
die Welt sei untergegangen und das Selbst allein übrig geblieben. 
Überblickt man die kunstvollen Konstruktionen, welche der Wahn 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 65 

Sch rebers auf religiösem Boden aufbaut (die Hierarchie Gottes — 
die geprüften Seelen — die Vorhöfe des Himmels — den niederen und 
den oberen Gott), so kann man rückschließend ermessen, welcher 
Keichtum von Sublimierungen durch die Katastrophe der allgemeinen 
Libidoablösung zum Einsturz gebracht worden war. 

3. Eine dritte Überlegung, die sich auf den Boden der hier ent- 
wickelten Anschauungen stellt, wirft die Frage auf, ob wir die all- 
gemeine Ablösung der Libido von der Außenwelt als genügend wirksam 
annehmen sollen, um aus ihr den „Weltuntergang" zu erklären, ob nicht 
in diesem Falle die festgehaltenen Ichbesetzungen hinreichen müßten, 
um den Rapport mit der Außenwelt aufrecht zu halten. Man müßte 
dann entweder das, was wir Libidobesetzung (Interesse aus erotischen 
Quellen) heißen, mit dem Interesse überhaupt zusammenfallen lassen, 
oder die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß eine ausgiebige Störung 
in der Unterbringung der Libido auch eine entsprechende Störung 
in den Ichbesetzungen induzieren kann. Nun sind dies Probleme, zu 
deren Beantwortung wir noch ganz hilflos und ungeschickt sind. Könnten 
wir von einer gesicherten Trieblehre ausgehen, so stünde es anders. 
Aber in Wahrheit verfügen wir über nichts dergleichen. Wir fassen 
den Trieb als den Grenzbegriff des Somatischen gegen das Seelische, 
sehen in ihm den psychischen Repräsentanten organischer Mächte und 
nehmen die populäre Unterscheidung von Ichtrieben und Sexualtrieb 
an, die uns mit der biologischen Doppelstellung des Einzelwesens, 
welches seine eigene Erhaltung wie die der Gattung anstrebt, überein- 
zustimmen scheint. Aber alles weitere sind Konstruktionen, die wir 
aufstellen und auch bereitwillig wieder fallen lassen, um uns in dem 
Gewirre der dunkleren seelischen Vorgänge zu orientieren, und wir 
erwarten gerade von psychoanalytischen Untersuchungen über krank- 
hafte Seelenvorgänge, daß sie uns gewisse Entscheidungen in den 
Fragen der Trieblehre aufnötigen werden. Bei der Jugend und Ver- 
einzelung solcher Untersuchungen kann diese Erwartung noch nicht 
Erfüllung gefunden haben. Die Möglichkeit von Rückwirkungen der 
Libidostörungen auf die Ichbesetzungen wird man so wenig von der 
Hand weisen dürfen wie die Umkehrung davon, die sekundäre oder 
induzierte Störung der Libidovorgänge durch abnorme Veränderungen 
im Ich. Ja, es ist wahrscheinlich, daß Vorgänge dieser Art den unter- 
scheidenden Charakter der Psychose ausmachen. Was hiervon für die 
Paranoia in Betracht kommt, wird sich gegenwärtig nicht angeben 
lassen. Ich möchte nur einen einzigen Gesichtspunkt hervorheben. 

Jahrbuch für psychoanalyt. n. psychopathol. Forschungen. III. 5 



66 Sigm. Freud. 

Man kann nicht behaupten, daß der Paranoiker sein Interesse von der 
Außenwelt völlig zurückgezogen hat, auch nicht auf der Höhe der Ver- 
drängung, wie man es etwa von gewissen anderen Formen von halluzina- 
torischen Psychosen beschreiben muß (Meynerts Amentia). Er nimmt 
die Außenwelt wahr, er gibt sich Rechenschaft über ihre Veränderungen, 
wird durch ihren Eindruck zu Erklärungsleistungen angeregt (die „flüchtig 
hingemachten" Männer), und darum halte ich es für weitaus wahr- 
scheinlicher, daß seine veränderte Relation zur Welt allein oder vor- 
wiegend durch den Ausfall des Libidointeresses zu erklären ist. 

4. Bei den nahen Beziehungen der Paranoia zur Dementia praecox 
kann man der Frage nicht ausweichen, wie eine solche Auffassung der 
ersteren Affektion auf die der letzteren zurückwirken muß. Ich halte es 
für einen wohlberechtigten Schritt Kraepelins, vieles, was man vorher 
Paranoia geheißen hat, mit der Katatonie und anderen Formen zu einer 
neuen klinischen Einheit zu verschmelzen, für welche der Name De- 
mentia praecox allerdings besonders ungeschickt gewählt ist. Auch 
gegen die Bl e ul er sehe Bezeichnung des gleichen Formenkreises als Seh i- 
zophrenie wäre einzuwenden, daß der Name nur dann gut brauchbar 
erscheint, wenn man sich an seine "Wortbedeutung nicht erinnert. Er 
ist sonst allzu präjudizierlich, indem er einen theoretisch postulierten 
Charakter zur Benennung verwendet, überdies einen solchen, welcher 
der Affektion nicht ausschließend zukommt und im Lichte anderer An- 
schauungen nicht für den wesentlichen erklärt werden kann. Es ist aber 
im ganzen nicht sehr wichtig, wie man Krankheitsbilder benennt. 
Wesentlicher erschiene es mir, die Paranoia als selbständigen klinischen 
Typus aufrecht zu halten, auch wenn ihr Bild noch so häufig durch 
schizophrene Züge kompliziert wird, denn vom Standpunkte der Libido- 
theorie ließe sie sich durch eine andere Lokalisation der disponierenden 
Fixierung und einen anderen Mechanismus der Wiederkehr (Symptom- 
bildung) von der Dementia praecox sondern, mit welcher sie den Haupt- 
charakter der eigentlichen Verdrängung, die Libidoablösung mit Regres- 
sion zum Ich gemeinsam hätte. Ich hielte es für das zweckmäßigste, wenn 
man die Dementia praecox mit dem Namen Paraphrenie belegen 
wollte, welcher an sich unbestimmten Inhalts ihre Beziehungen zu der 
unabänderlich benannten Paranoia zum Ausdruck bringt und überdies 
an die in ihr aufgegangene Hebephrenie erinnert. Es käme dabei nicht 
in Betracht, daß dieser Name bereits früher für anderes vorgeschlagen 
wurde, da sich diese anderen Verwendungen nicht durchgesetzt haben. 

Daß bei der Dementia praecox der Charakter der Abkehr der Libido 



Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw. 67 

von der Außenwelt ganz besonders deutlich ist, hat Abraham (1. c.) 
auf sehr eindringliche Weise auseinandergesetzt. Aus diesem Charakter 
erschließen wir die Verdrängung durch Libidoablösung. Die Phase 
der stürmischen Halluzinationen fassen wir auch hier als eine des 
Kampfes zwischen der Verdrängung und einem Heilungs versuch, 
der die Libido wieder zu ihren Objekten bringen will. In den Delirien 
und motorischen Stereotypien der Krankheit hat Jung mit außer- 
ordentlichem analytischem Scharfsinn die krampfhaft festgehaltenen 
Reste der einstigen Objektbesetzungen erkannt. Dieser vom Beobachter 
für die Krankheit selbst gehaltene Heilungsversuch bedient sich aber 
nicht wie bei der Paranoia der Projektion, sondern des halluzinatorischen 
(hysterischen) Mechanismus. Dies ist der eine der großen Unterschiede 
von der Paranoia; er ist einer genetischen Aufklärung von anderer 
Seite her fähig. Der Ausgang der Dementia praecox:, wo die Affektion 
nicht allzusehr partiell bleibt, bringt den zweiten Unterschied. Er ist 
im allgemeinen ungünstiger als der der Paranoia ; der Sieg bleibt nicht 
wie bei letzterer der Eekonstruktion, sondern der Verdrängung. Die Re- 
gression geht nicht nur bis zum Narzißmus, der sich in Größenwahn 
äußert, sondern bis zur vollen Auflassung der Objektliebe und Rückkehr 
zum infantilen Autoerotismus. Die disponierende Fixierung muß also wei- 
terzurückliegen als die der Paranoia, im Beginn der Entwicklung, die vom 
Autoerotismus zur Objektliebe strebt, enthalten sein. Es ist auch keines- 
wegs wahrscheinlich, daß die homosexuellen Anstöße, die wir bei der Para- 
noia so häufig, vielleicht regelmäßig finden, in der Ätiologie der weit unein- 
geschränkteren Dementia praecox eine ähnlich bedeutsame Rolle spielen. 
Unsere Annahmen über die disponierenden Fixierungen bei 
Paranoia und Paraphrenie machen es ohne weiteres verständlich, daß 
ein Fall mit paranoischen Symptomen beginnen und sich doch zur 
Demenz entwickeln kann, daß paranoide und schizophrene Erscheinungen 
sich in jedem Ausmaße kombinieren, daß ein Krankheitsbild wie das 
Schrebers zustande kommen kann, welches den Namen einer para- 
noiden Demenz verdient, durch das Hervortreten der Wunschphantasie 
und der Halluzinationen dem paraphrenen, durch den Anlaß, den Pro- 
jektionsmechanismus und den Ausgang dem paranoischen Charakter 
Rechnung trägt. Es können ja in der Entwicklung mehrere Fixierungen 
zurückgelassen worden sein und der Reihe nach den Durchbruch der ab- 
gedrängten Libido gestatten, etwa die später erworbene zuerst und im 
weiteren Verlaufe der Krankheit dann die ursprüngliche, dem Ausgangs- 
punkt näher liegende. Man möchte gerne wissen, welchen Bedingungen 

5* 



68 Sigirt. Freud. 

dieser Fall die relativ günstige Erledigung verdankt, denn man wird sich 
nicht gerne entschließen, etwas so Zufälliges wie die „Versetzungsbesse- 
run<*", die mit dem Verlassen der Flechsigschen Anstalt eintrat 1 ), allein 
für den Ausgang verantwortlich zu machen. Aber unsere unzulängliche 
Kenntnis der intimen Zusammenhänge in dieser Krankengeschichte macht 
die Antwort auf diese interessante Frage unmöglich. Als Vermutung könnte 
man hinstellen, daß die wesentlich positive Tönung des Vaterkomplexes, 
das in derKealität späterer Jahre wahrscheinlich ungetrübte Verhältnis 
zu einem vortrefflichen Vater die Versöhnung mit der homosexuellen 
Phantasie und damit den heilungsartigen Ablauf ermöglicht hat. 

Da ich weder die Kritik fürchte, noch die Selbstkritik scheue, 
habe ich kein Motiv, die Erwähnung einer Ähnlichkeit zu vermeiden, 
die vielleicht unsere Libidotheorie im Urteile vieler Leser schädigen 
wird. Die durch Verdichtung von Sonnenstrahlen, Nervenfasern und 
Samenfäden komponierten „Gottesstrahlen" Schrebers sind eigent- 
lich nichts anderes als die dinglich dargestellten, nach außen pro- 
jizierten Libidobesetzungen und verleihen seinem Wahn eine auf- 
fällige Übereinstimmung mit unserer Theorie. Daß die Welt untergehen 
muß, weil das Ich des Kranken alle Strahlen an sich zieht, daß er später 
während des Kekonstruktions Vorganges ängstlich besorgt sein muß, 
daß Gott nicht die Strahlenverbindung mit ihm löse, diese und manche 
andere Einzelheiten der Schreb er sehen Wahnbildung klingen fast wie 
endopsychische Wahrnehmungen der Vorgänge, deren Annahme ich hier 
einem Verständnis der Paranoia zugrunde gelegt habe. Ich kann aber das 
Zeugnis eines Freundes und Fachmannes dafür vorbringen, daß ich die 
Theorie der Paranoia entwickelt habe, ehe mir der Inhalt des Schre- 
b ersehen Buches bekannt war. Es bleibt der Zukunft überlassen zu ent- 
scheiden, ob in der Theorie mehr Wahn enthalten ist, als ich möchte, 
oder in dem Wahn mehr Wahrheit, als andere heute glaublich finden. 

Endlich möchte ich diese Arbeit, die doch wiederum nur ein 
Bruchstück eines größeren Zusammenhanges darstellt, nicht beschließen, 
ohne einen Ausblick auf die beiden Hauptsätze zu geben, auf deren 
Erweis die Libidotheorie der Neurosen und Psychosen hinsteuert, 
daß die Neurosen im wesentlichen aus dem Konflikte des Ichs mit dem 
Sexualtrieb hervorgehen, und daß ihre Formen die Abdrücke der Ent- 
wicklungsgeschichte der Libido — uud des Ichs bewahren. 

a ) Vgl. Riklin, Über Versetzungsbesser ungen. Psychiatrisch-neurologische 
Wochenschrift 1905, Nr. 16—18. 



Illustrierte Halluzinationen . 

Von Dr. H. Bertschinger, Direktor der kantonalen Irrenanstalt ßreitenau 

in Schaffhausen. 



Die Kranke, die mir die hier veröffentlichten Illustrationen 
lieferte, war etwas mehr als 1 Jahr in meiner Behandlung. Während 
zirka 8 Monaten habe ich mich täglich mindestens 1 Stunde mit ihr 
abgegeben. Das in dieser Zeit gesammelte Material, meine Notizen 
und die Aufzeichnungen der Kranken, hat einen solchen Umfang er- 
reicht, daß es kaum möglich wäre, den Fall in extenso zu veröffentlichen. 
In sehr abgekürzter Form machte ich ihn zum Gegenstand einer Mit- 
teilung im psychoanalytischen Verein in Zürich. Ich fand dort so 
großes Interesse, daß ich mich schließlich doch dazu verstehen konnte, 
von den etwa 100 Zeichnungen eine kleine Auslese einem größeren 
Publikum zugänglich zu machen. 

Von der Krankengeschichte des Falles teile ich nur das zum Ver- 
ständnis unbedingt Notwendige mit. 

Die Kranke, jetzt 28jährig, ist schwer erblich belastet. Bis zum 
Jahre 1904 war sie immer gesund. 

Damals erkrankte sie an Influenza und Hämoptoe und brachte 
deshalb 2 Jahre an einem klimatischen Kurort ihres Heimatlandes zu. 
Dort entwickelte sich eine hochgradige Nervosität, die ihre Versorgung 
in ein Nervensanatorium nötig machte. „Halbtot", wie ihr Vater 
sagte, wurde sie schließlich nach Hause geschoben und auf Hat eines 
Nervenarztes in die Schweiz verbracht, wo man solche Zustände in 
4 "Wochen radikal zu heilen wisse! 

Das Arztzeugnis teilte mit, daß sie 7 Monate lang an Astasie 
Abasie gelitten hatte und noch jeden Abend Punkt 9 Uhr aufgeregt 
und verwirrt werde, den Teufel und Schlangen sehe. 

Sie war bei ihrem Eintritt am 19. Juni 19.. körperlich sehr 
reduziert, hatte den ganzen Rücken voller Schröpfnarben und brachte 



70 H. Bertschinger. 

ein kleines Arsenal an Spritzen, Schröpfapparaten u. dgl. mit, eine 
Unmenge Pulver, Salben, Flaschen und eine große Pappschachtel voll 
Papiere, Bleistifte, lange dünne und kleine runde Blechdosen, die man 
ihr abends ins Bett mitgeben mußte, damit sie nach Art eines zwei- 
bis dreijährigen Kindes damit spielen konnte. 

Am Tage war sie anfangs ruhig, scheinbar Mar, benahm sich 
geordnet, schützte aber großes Kuhebedürfnis vor und wollte keine Aus- 
kunft geben. Sie erklärte rundweg, sich nicht analysieren zu lassen, 
da sie nie etwas Besonderes erlebt habe und „nur" Ruhe, Bäder, Massage, . 
Elektrotherapie und Proponal brauche. 

Von 9 Uhr abends ab wurde sie unruhig, benahm sich in Gebärden 
und Sprache wie ein kleines Kind und konnte nur wenige Worte ihrer 
uns unverständlichen Muttersprache sprechen. 

Am 25. Juni bequemte sie sich zu folgenden Angaben: Ihre 
Krankheit beruhe auf einem unglücklichen Liebesverhältnis zu einem 
Manne, der sich wie ein Teufel benommen habe, ihr eines Abends 
6 Uhr den Revolver über dem rechten Auge angesetzt und sie habe 
erschießen wollen, weil sie die „schrecklichen, unmöglichen Dinge" 
nicht habe tun wollen, die er von ihr verlangte. Seither sehe sie jeden 
Abend Punkt 6 Uhr rot und Schlangen und Teufel. Seit einiger Zeit 
könne sie den Eintritt dieses Zustandes bis 9 Uhr hinausschieben; 
früher habe es genügt, „sechs" zu sagen, um sie hinein zu versetzen. 

Vom 3. bis 7. August befand sie sich dauernd in tiefem Dämmer- 
zustande, klagte über Schmerzen in der rechten Schulter, behauptete, 
geprügelt worden zu sein, rief immer „Brief, Brief". 

Am 21. August zeichnete sie abends ein von 2 Pfeilen durch- 
bohrtes Herz an die Wand, schrieb in den oberen Pfeil 1902 und band 
sich mit einem Tuche die Hände zusammen. 

Beim Assoziationsexperimente zeigten sich bei jedem Reizworte 
schwere Komplexreaktionen. Die Anatyse ergab folgendes: Sie lernte 
„ihn", d. h. „den Teufel", an einem Balle kennen, nahm Reitstunden 
mit ihm, ritt mit ihm aus, verlobte sich mit ihm. 1902 vernahm sie, 
daß er noch mit einer andern verlobt sei. Es gab bei einem Ausritt 
eine heftige Auseinandersetzung. Sie warf ihren Verlobungsring in 
den Fluß, er ritt im Zorne von ihr weg, durch den Fluß. Das sei die 
Bedeutung des oberen Pfeiles. 1905 kam es zu einer zweiten heftigen 
Szene, abends G Uhr, am Waldrande, beim Sonnenuntergang, wo 
er ihr mit Erschießen drohte, daher der zweite Pfeil. Er, der Teufel, 
habe sich dann verheiratet, habe Kinder, lasse sie, die Patientin, aber 



Illustrierte Halluzinationen. 71 

nicht aus seinen Banden, verfolge sie, schreibe ihr, er sei unglücklich 
verheiratet, die Bande zwischen ihm und ihr seien noch nicht gelöst, 
habe ihr auch hierher geschrieben. 

Vom 9. bis 11. September war sie schwer verwirrt, immer im 
Dauerbade. Sie machte Papierkugeln, netzte sie, schmiß sie an die 
Wand, daß sie kleben blieben, behauptete, sie sei ein Maurer, heiße 
Ignatius. 

Einen Blechdeckel vom Kehrichtkübel band sie sich bald vorn auf 
die Brust als Panzer, bald hinten auf die Schultern als Flügel und 
erklärte, sie sei Amor und Psyche. Sie band sich mit einem Hand- 
tuche die Beine zusammen und schrie: ,,Ich bin in den Banden des 
Teufels, lösen sie mich!" Dann wieder: „Nehmen Sie mir die 
glühende Kugel weg !" 

Am 3. Tage wurde sie plötzlich klar und war für ihr Benehmen 
im Bade amnestisch. 

"Während fast eines Monates hielt sie sich dann tagsüber gut, 
spazierte, machte Aufzeichnungen über ihr Vorleben, schrieb Träume 
auf, verfiel aber jeden Abend Punkt 9 Uhr in einen Dämmerzustand, 
der bis gegen 12 Uhr anhielt und in dem sie nur wenig Auskunft gab 
und lebhaft halluzinierte. Sie sah schwarze Särge, Feuer, Zigeuner, 
behauptete nur 4 Finger zu haben und war am linken Ringfinger anästhe- 
tisch. Sie sah einen großen Sarg mit „ihm", einen kleinen mit ihrer 
Schwester darin, ließ die ganze Nacht das elektrische Licht brennen, 
weil sie sich vor dem Dunkel fürchte, duldete kein Nachtlicht, weil 
sie sich vor Kerzen fürchte, schrie oft; „Ich muß in die Schule, ich 
fürchte mich vor Dionys!" 

Aus späteren Aufzeichnungen der Kranken, die sie mit dem 
Titel „Klagen einer leidenden Seele" versah, ging hervor, daß sie unter 
Dionys ihren Vater verstand. Er sei gegen sie und ihre Mutter ein 
wahrer Tyrann gewesen, grob, lieblos, geizig bis zum Schmutz und 
bis zur Grausamkeit streng. Ganz besonders heftige Vorwürfe machte 
sie ihm darüber, daß er sie zwang, in eine nur von Judenkindern be- 
suchte Schule zu gehen und sie später nicht ihrer Neigung gemäß 
studieren lassen wollte. 

Gleich zu Anfang der Behandlung erzählte sie ausführlich ihre 
Träume. Die Traumanalyse ergab aber nur ein einziges Mal Bruch- 
stücke wichtiger Erlebnisse, die aber erst viel später in ihren richtigen 
Zusammenhang eingefügt werden konnten. Die meisten ihrer Träume 
waren nur Wiederholungen angeblich realer Begebenheiten aus ihrer 



72 H. Bertschinger. 

Kindheit, die vom manifesten Trauminhalte nur wenig verschieden 
waren, gefährliche Situationen beim Baden und Kahnfahren, rohe, 
blutige Szenen aus Irrenhäusern, Kasernen u. dgl. 

Eines Abends mußte sie zwangsweise immer „warum, darum" 
denken. Ein anderes Mal sagte sie fortwährend „damals". Der Ver- 
such, sie im Dämmerzustande durch freie Assoziationen auszufragen, 
förderte eine Keihe trauriger Familienereignisse zutage, die auf sie 
einen tiefen Eindruck gemacht hatten und an denen sie zum Teil mit 
schuld war. So z. B. wurde ihr Vetter durch ihre Schuld mit ihrem 
zweiten Geliebten, dem sogenannten Teufel, in ein Duell verwickelt 
und starb später infolge einer dabei erlittenen Verletzung. 

Am 17. November gelang es zum ersten Male, sie zu veranlassen, 
im hypnoiden Zustande ihre Halluzinationen zu zeichnen. Damit war 
dann der Weg gegeben, auf dem ich mich mit der Kranken verständigen 
konnte. Sie behauptete, noch jeden Abend zwei verschiedene Teufel 
zu sehen, oben Mensch, unten Tier, teilweise Schlange. Nach einigen 
rohen, wenig deutlichen Versuchen gelang ihr eine Illustration dieses 
Themas, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt (Fig. 1). 
Am nächsten Tage gab sie dazu noch folgende Erklärung: „Das Tier 
ist grau, ist ein Bock, ein Tier, Satyr, bezeichnet die Gesinnung des 
Menschen, von dem es ein Teil ist. Es hat zwei Köpfe, einen „Pfarrer-" 
und einen „Nichtpfarrerkopf". 

Es ist ohne weiteres deutlich, daß das ganze Bild eine aDegorische 
Darstellung der tierischen Sinnlichkeit des Menschen und eine nur 
sehr wenig verdeckte Koitusillustration ist. Die Schlange in der rechten 
Hand des menschlichen Teiles der Figur ist ein deutliches Phallus- 
symbol, der am Unterleibe der Menschengestalt festgewachsene Bock 
ist selbstverständlich das Symbol der männlichen Zeugungskraft. 
Wie alle Halluzinationen unserer Kranken, ist aber auch dieser Ziegen- 
bock mehrfach überdeterminiert. 

Den größten Teil ihrer eigentlichen Kindheit verlebte sie in einer 
fast nur von Juden bewohnten Vorstadt, in einem kasemenartigen 
Miethause, das sie die „Judenhölle" nannte. Im Souterrain dieses 
Hauses hatten sich verschiedene gewerbetreibende Juden eingemietet, 
denen das Kind häufig Besuche abstattete. Im Parterre befand sich 
eine Soldatenkneipe, wo es nur zu oft Gelegenheit hatte, Augen- und 
Ohrenzeuge roher und widerlicher Szenen zu sein. Der von allen Mietern 
gemeinsam benutzte Estrich war der bevorzugte Spielplatz aller Kinder 
des Hauses. 



Illustrierte Halluzinationen. 



73 







Fisr. 1. 




Fisr. 2. 



In diesen Räumlichkeiten spielten sich denn auch die wichtigsten 
Kindheitserlebnisse ab, welche die Kranke in den hypnoiden Dämmer- 
zuständen bei uns wieder durchlebte. 



/4 H. Bertschinger. 

Im Souterrain wurde sie zum ersten Male Zeuge einer Koitus- 
szene. Sie wollte ein Paar Schuhe zu einem jüdischen Schuhmacher 
tragen, fand ihn im Streite mit seiner Frau, sah zu, wie er sie prügelte 
bis sie blutete, wie sie sich wieder versöhnten, küßten, wie er sie in 
eine Ecke warf, auf sie kniete usw. Dieser Schuhmacher habe ein Gesicht 
gehabt wie ein Ziegenbock. Von seinem Weibe 'aber habe sie nichts 
mehr gesehen als die Haare, und sie war der Meinung, er habe es um- 
gebracht, und glaubte sogar, ein blutiges Messer zu sehen. Dieser Schuh- 
macher ist in Fig. 2 dargestellt, einer vereinfachten Variation des 
Themas von Fig. 1. 

Ihre Schulferien brachte sie auf dem großen, ausgedehnten Land- 
gute ihres Oheims zu. Hier streifte sie, wenig beaufsichtigt, durch 
Feld und Wald, Scheune und Stallung und hatte besondere Freude 
an den vielen Haustieren. Hier war es auch, wo sie, beim Spiele mit 
ihrem Liebimgsziegenbocke, zum ersten Male „die Schlange", d. h. das 
erigierte Membrum des Ziegenbockes zu sehen bekam. Viel später, im 
Zusammenhange mit einer Reihe anderer Reminiszenzen, tauchte 
dieser Ziegenbock wieder in ihren Halluzinationen auf und wurde von 
ihr im Bilde Fig. 3 festgehalten. 

Die Ferienaufenthalte auf dem Lande bilden einen der Gründe 
dafür, daß Tiere in der Symbolik der Kranken eine so hervorragende 
Rolle spielen. 

Als weitere Erklärung für die Fig. 1 gab sie noch an, daß der 
,, Pfarrerkopf" früher langes Haar getragen, zuerst Medizin, dann Theo- 
logie studiert habe, an Schwindsucht gestorben sei, mit ihr mediumi- 
stische Studien mit einem „abgebrochenen Spiegel" gemacht habe 
und in einem Heuschober „unbescheiden" geworden sei. 

Erst nach langer Zeit und mit vieler Mühe gelang es, diese Bruch- 
stücke von Reminiszenzen zu einem verständlichen Ganzen zusammen- 
zufügen: Nach langen Kämpfen mit dem Vater hatte sie es durch- 
gesetzt, studienhalber in eine größere Universitätsstadt überzusiedeln. 
Sie lernte dort zwei junge Medizinstudenten kennen, welche sich an- 
erboten, sie für die Maturität vorzubereiten. Sie nahm bei ihnen Privat- 
unterricht, besuchte mit ihnen Vorlesungen und physiologische Laborato- 
rien und verliebte sich in einen von ihnen. Die jungen Leute benutzten 
ihre Unerfahrenheit und brachten sie soweit, daß sie sich unter der 
Vorgabe wissenschaftlicher Versuche von ihnen narkotisieren und 
gynäkologisch untersuchen ließ. Sie brach hernach den Verkehr mit 
ihnen ab; aber der eine von ihnen näherte sich ihr wieder, erhielt ihre 



Illustrierte Halluzinationen. 



75 



Verzeihung und verlobte sich mit ihr. Auf einer Landpartie, wo sie, 
von einem Unwetter überrascht, in einem Heuschober übernachten 
mußten, vergewaltigte und schwängerte er sie. Aus Verzweiflung 
stürzte sie sich in einen Fluß. Ihr Geliebter sprang ihr nach und rettete 
sie unter eigener Lebensgefahr. Dabei zog er sich aber eine Erkältung 
zu, an deren Folgen er mehrere Jahre später in einem Lungenkurort 
starb. Dies ist einer der vielen Gründe, warum die Kranke glaubte, 
lungenkrank zu sein. 







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Fiar. 3. 



In der gleichen Universitätsstadt lernte sie einen Maler kennen, 
der hauptsächlich Tierszenen darstellte. Sie nahm bei ihm Zeichen- 
unterricht und saß ihm als Nymphemodell. Eines Tages lockte er 
sie unter dem Vorwande, ihr seine neueste Schöpfung, eine Tigerjagd 
zeigen zu wollen, in ein Nebengemach „und wurde dort selber plötzlich 
zum blutdürstigen Tiger", d. h. er versuchte sie zu vergewaltigen. 
Auch diese Bekanntschaft wirkte bestimmend auf die Vorliebe der 
Kranken für Tiersymbole. Fig. 4 a und 4Z> stellt sie als Modell und 
den Maler als Tiger dar. 

Alle diese hier im Zusammenhang erzählten Erlebnisse tauchten 
bruchstückweise in der Erinnerung der Kranken auf und wurden in 
ihren, jeden Abend spontan auftretenden, hypnoiden Zuständen wieder 
durchlebt. Sie wurden ergänzt durch Ausfragen der Kranken im 
Dämmerzustande selber, durch Erklärungen, welche sie mir in den 
klaren Zwischenzeiten zu ihren Illustrationen und zu den eigentüm- 
lichen Handlungen gab, die sie in ihrem Dämmerzustande ausführte. 



76 



H. Bertschinger. 




Fig. 4 a. 



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Fig. 4 6. 



Oft war es tage- und wochenlang unmöglich, von ihr etwas zu er- 
halten, als einzelne immer wiederkehrende, uns unverständliche Worte. 



Illustrierte Halluzinationen. 77 

Sehr häufig ließ sich das banale, rezente Erlebnis nachweisen, das 
den Anstoß zum Wiederauftauchen verdrängter Erinnerungen gab. 
Längere Zeit erzählte sie zuerst immer eine meist harmlose Ge- 
schichte, die ihr in ihrer Kindheit auf dem Lande mit ihren Tieren 
passiert war, bis dann plötzlich aus den Tieren Menschen wurden 
und aus der harmlosen Tier- sich eine im äußeren Aufbau ähn- 
liche, aber gar nicht harmlose Menschengeschichte entwickelte. 

Am 23. November sah sie abends im Dämmerzustand einen Kaub- 
vogel, machte mit ihren Fingern Vogelkrallen, lachte, verkroch sich 
dann wieder mit allen Zeichen der Angst unter die Bettdecke. 






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Fig. 5. 

Am 26. November hatte sie wieder die gleiche Erscheinung, ein 
Wesen halb Mensch, halb Vogel. Sie glaubte in der Schule zu sein und 
den Eaubvogel auf einem langen, niedrigen, grünen Gegenstande 
sitzen zu sehen. Sie lieferte dazu Fig. 5. In der gleichen Nacht träumte 
sie, sie müsse zu einem bestimmten Professor, um für ihren Bruder 
ein Stipendium zu erbitten. Der Professor sah sie unfreundlich an 
und sagte: ,, Bevor das Gebäude fertig ist, kann ich nichts geben." 

Zur Erklärung des Traumes teilte sie später mit, daß der Professor 
für „Gebäude" einen zweideutigen Ausdruck gebraucht habe, der 
auch „körperliche Entwicklung" bedeuten könne, und daß es sich 
um einen Professor handelte, der seine Gunst nur solchen Schülerinnen 
zugewandt habe, die ihm in geschlechtlicher Beziehung gefällig waren. 
Sie habe er nicht gemocht, weil sie ihm noch zu jung war. Später habe 
sie mit ihm folgendes Erlebnis gehabt. Er habe sie unter allerlei Vor- 
spiegelungen in sein Bibliothekszimmer gelockt, habe sie dort auf 
eine lange, niedrige, grün verhängte Bank oder Kiste gelegt und vex 



78 



H. Bertschinger. 



langt, daß sie ihm seine Knie zeige. Als sie sich wehrte, habe er sie, 
wie ein Raubvogel seine Beute mit den Krallen faßt, mit seinen langen 
knochigen Fingern an einem Arm und den Beinen gepackt. Dieser 
Professor sei ihr in Gestalt eines Raubvogels in ihrem Dämmerzustande 
wieder erschienen. Die unverkennbare Ähnlichkeit der Raubvogel- 
zeichnung mit einer schematischen Darstellung weiblicher Genitalien 
erklärt sich leicht aus dem Inhalte des oben skizzierten Traumes. 

Am 30. November war es ihr, wie wenn ihr ein Pferd nachrenne 
und jemand auf ihr liege. Sie sah ein Pferd mit Menschenkopf , behauptete, 
sie sei 10 Jahre alt, es sei Sommer und sehr heiß, sie sei in einer Laube 



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Fiff. 6. 



auf einem Landgut. Dann fing sie unbändig zu lachen an, sagte, sie sei 
tot vor Lachen, könne nichts mehr sehen. Sie kitzelte sich selber unter 
den Ärmeln und sagte, „der Zentaur" habe sie mit seinem „Kitzli Katzli, 
Fitzli-Fatzli" tot gemacht. Hierzu lieferte sie Bild Fig. 6, zu dem sie 
am nächsten Tage folgende Erklärung gab: 

In ihrem 10. bis 12. Jahre sei sie wegen Blutarmut zu ihrem 
Onkel aufs Land verbracht worden. Ein junger Ingenieur kam zur 
Leitung von Bachkorrektionen viel in die Ortschaft, und zwar zu Pferd, 
weshalb die Kranke ihn im Dämmerzustände „Zentaur" nannte. Er 
war sehr freundlich zu ihr, schenkte ihr Zuckertäfelchen, lockte sie in 
die Laube und kitzelte sie, bis sie Lachkrämpfe und Konvulsionen bekam, 
ja das Bewußtsein verlor. Nachher habe sie Schmerzen im Bauche 
bekommen und zwischen den Beinen, hatte Erbrechen, mußte lange 



Illustrierte Halluzinationen. 



79 



im Bette bleiben, bekam Umschläge auf den Leib und hatte immer 
Konvulsionen. Noch längere Zeit verband sie jeden Abend die linke 
Hand mit dem Taschentuche und erklärte, der Zentaur habe sie ge- 
bissen, „hier ist Blut" (zwischen den Fingern), ,,hier ist es, da" (über 
dem Handgelenk), der Zentaur hat mich aufs Pferd gehoben". 

Anfangs Dezember war sie mehrere Tage lang ganz verzweifelt, 
aß beinahe nichts, sprach nichts, seufzte jämmerlich, stöhnte hie und da : 
,,Ach Gott, ach Gott". Eines Abends behauptete sie, Wespen zu sehen; 
dann spürte sie Hämmern im Kopf, sah einen Hammer glänzen, hatte 
den Tod vor den Augen, behauptete eine gefleckte Hyäne zu sehen, 
sagte, sie sei 11 Jahre alt, in einem Kohlenkeller, die Hyäne habe 




Blut und Kohlen an den Händen, sie mache bei Laternenschein eine 
Grube in den Boden und wickele etwas ein. Dabei wischte sich die Kranke 
voll Grauen die Hände ab und wickelte einen Schal zu einem Bündel 
zusammen. Am gleichen Abend verfertigte sie Fig. 7 ,,die getupfte 
Hyäne". Am nächsten Tage gab sie dann folgende Erklärungen: 

Geärgert durch das fortwährende Schreien der Kranken gab 
ihr ihre Wärterin mit der flachen Hand eines auf den Mund, nahm ihr 
aber nachher das Versprechen ab, niemandem etwas davon zu sagen. 
Sie fürchtete sich nun schrecklich vor der Wärterin, wollte aber doch 
ihr Versprechen halten und schweigen. Da die Wärterin, als sie sie 
schlug, so böse, grüne Augen machte und eine getupfte Bluse trug, 
verglich sie die Kranke mit einer gefleckten Hyäne. Zugleich kam ihr 
noch eine weit schrecklichere Geschichte in den Sinn, wo ihr auch 
jemand Schweigen befahl und mit Schlägen drohte, und zwar auch eine 
junge Frauensperson mit grünen Augen und getupfter Bluse. Es war im 



80 



H. Bertschinger. 



Keller der Judenhölle, wo sie als 11 jähriges Kind etwas holen sollte. 
Sie hörte ein eigentümliches Summen wie von Wespen, ein Wimmern 
wie von jungen Katzen, ging dem Geräusch nach, kam in einen Kohlen- 
keller und sah dort, wie ein junges Dienstmädchen beim Schein einer 
Laterne eine Grube machte und ein Bündel, indem sich etwas bewegte 
und schrie, hineinlegte und verscharrte. Als die Magd des Kindes ansichtig 
wurde, schrie sie es an: „Was hast du gehört, was hast du gesehen?" 
und schwang zugleich ein Instrument in der Luft, das auf einer Seite 
aussah wie ein Hammer, auf der andern wie eine Spitzhaue. In Todes- 
angst schrie das Kind: „Ich habe nichts gesehen!", worauf es die Magd 
laufen Heß. Der ausgestandene Schrecken habe ihm aber für mehrere 
Tage die Sprache gelähmt. 




Fig. 8. 



Wie in Fig. 7, so ist auch in Fig. 8 „beim Krokodil" sehr schön 
angedeutet, wie in den Halluzinationen der Kranken hinter der hallu- 
zinierten Tierfigur plötzlich der Kopf des Menschen auftaucht, welcher 
die Hauptrolle in der den hypnoiden Erscheinungen zugrunde liegenden 
Begebenheit spielte. Der Krokodilvision liegt folgende Geschichte zu- 
grunde : 

Die Kranke war 7 jährig, als sie einmal barfuß schnell die Keller- 
treppe hinunter rannte. Unten angelangt, stolperte sie über irgend 
etwas weiches, rundes, fiel hin und kam dabei auf etwas nasses, kaltes 
zu liegen, wie auf ein Krokodil. Als sie wieder aufstehen wollte, packte 
sie dieses Etwas lachend und brummend am Fuß und es zeigte sich, 
daß das Krokodil ein betrunkener Kellner war, der mit einem Mädchen 
neben der Kellertreppe am Boden lag. 

Auffallenderweise hörte sie auch nach Erzählung der Krokodil- 
geschichte noch längere Zeit jeden Abend Wespen summen. Dabei 
klagte sie über Schmerzen in den Händen, die vom Reiben herrühren. 
Sie behauptete, 5 Jahre alt zu sein, auf einem fremden Bett auf einer 



Illustrierte Halluzinationen. 



81 



Decke zu sitzen, einen Bären zu sehen, einen Bären im Bett zu haben, 
viele Kirschen zu sehen, an denen Wespen nagen. Sie zeichnete dann 
den Bären, siehe Fig. 9, wie er auf einem Kopfkissen liegt, und er- 
zählte dazu folgende Geschichte: 

Als Amtsstellvertreter ihres Vaters wohnte einmal im Dach- 
zimmer ihres Hauses ein junger Mann, der sich ins Deutsche übersetzt 
„Bär" nannte. Er gab der Kranken, die damals 5 Jahre alt war, viele 
gute Sachen, besonders Kirschen und nahm sie oft abends mit in sein 
Zimmer. Dort legte er sich zu Bett und ließ sich von dem Kinde zuerst 
über der Decke, dann ohne Decke am ganzen Leibe kratzen, je mehr 




Fiff. 9. 



desto besser, weil er am ganzen Leibe einen Ausschlag hatte, der ihn 
heftig juckte. Anfangs machte das dem Kinde Spaß, dann aber schmerz- 
ten sie von dem heftigen Frottieren die Hände. Der Bär führte ihr auch 
die Hände an Körperteile, vor denen ihr ekelte und bekam hie und da 
einen so tierischen Gesichtsausdruck, der ihr gar nicht gefiel. Um deshalb 
nicht mehr zu ihm ins Zimmer gehen zu müssen, gab sie vor, sich vor den 
Wespen zu fürchten, die sie dort gesehen habe. 

Am 10. Dezember verfiel sie mitten im Gespräch aus dem besten 
Wohlbefinden plötzlich in einen schweren Dämmerzustand, als ihr 
Blick zufällig auf den Wandkalender fiel. Sie behauptet, einen Höcker 
zu bekommen, hörte wieder Wespen summen, sah ein Tier am Boden, 
dann zwei Tiere, gute Tiere, mit Blut auf den Füßen, die jammern 
und jammern und plötzlich still werden. Es seien zwei Kamele auf einem 
Estrich. Zu der noch im Dämmerzustande ausgeführten Zeichnung, 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 6 



82 H. Bertschinger, 

Fig. 10 und ihr sonderbares Benehmen gab sie am nächsten Tage fol- 
gende Erklärungen: 

Als ihr Blick auf den Wandkalender fiel, gedachte sie plötzlich 
einer weiten Reise, die sie seinerzeit mit einem Cousin hätte machen 
können, aber aus moralischen Bedenken nicht machte. Die Reise hätte 
nach Asien gehen sollen, das Schiff fuhr am 10. Dezember ab. In Asien 
hatte sie aber später eine weit bedeutungsvollere Reise auf einem Schiff 
der Wüste, einem Kamel gemacht. „Kamelspiel" nannten es ihre 
Jugendgespielen, die Judenbuben, wenn sie mit ihr im Estrich Hucke- 
pack spielten. Um den Höcker zu markieren, stopften sie sich Kleider 




Fig. 10. 

unter die Röcke, aber manchmal wurden sie bei diesem Spiele „un- 
bescheiden", d. h. sie machten allerlei unanständige Sachen mit ihr. 
Die Kamelhöcker wurden von den Kindern auch mit dem dicken Leibe 
schwangerer Frauen verglichen. Einmal, als sie im Estrich der Juden- 
hölle eben das Kamelspiel machten, hörten sie in einer Ecke ein lautes 
Jammern. Voll Schreck liefen alle Kinder fort; unsere Kranke aber 
mit ihrer ausgesprochenen Traumatophylie, ging dem Jammern nach 
und fand in einer Ecke ein Mädchen, das eben frisch geboren hatte, 
im Blute liegend. Sie schrie um Hilfe. Es kamen dann auch von allen 
Seiten Leute, aber zu spät, das Mädchen und sein Neugeborenes waren 
schon tot, als Hilfe kam. Das Sprechen der vielen Leute, die sich nach 
und nach ansammelten, hörte sich an wie Wespensummen und tönte 
der Kranken noch lange in den Ohren. Die in Fig. 10 vom Halse des 
jungen Kameles zum Höcker des alten gehende Schnur bedeutet natürlich 
die Nabelschnur, welche die Kranke bei diesem Anlasse zum ersten 
Male gesehen hatte. 



Illustrierte Halluzinationen. 



83 



Kamele tauchten noch hie und da in den Halluzinationen der 
Kranken auf und bedeuteten immer Erinnerungen an schwangere, 
mißhandelte Frauen, wie sie denn überhaupt für dem Inhalt nach 
ähnliche Begebenheiten immer wieder die gleichen Tiere als Symbole 
benutzte, so daß es mir nach und nach möglich wurde, mit einem 
Blick auf eine neue Zeichnung wenigstens die Art des Erlebnisses 
festzustellen, welches die Kranke damit zur Darstellung bringen wollte. 

Affen z. B. bedeuteten immer nackte Mädchen zweifelhaften 
Eufes. Die Abbildung in Fig. 11 bezieht sich auf eine Szene zwischen 





tfiff. 11. 



ihrem Vetter und zwei Dienstmädchen, die sie eines Nachts im para- 
diesischen Zustand in der Küche überraschte. Der Apfel in der Hand 
des einen der kleinen Affen ist natürlich der Paradiesapfel, das Symbol 
des Liebesspieles. Das ganz gleiche Bild könnte aber auch zur Illu- 
stration von mehr als einem Dutzend anderer Erinnerungen der Kranken 
dienen, bei deren Wiederauftauchen im Dämmerzustande sie Affen 
halluzinierte. 

Auch der Elefant ist eine typische Erscheinung in ihren Hallu- 
zinationen. Er erscheint immer dann, wenn ihr eine Notzuchtsgeschichte 
in den Sinn kommt, der sie als Augenzeuge beigewohnt hatte. 

Das erste Mal erschien er zusammen mit einem „Zwerglein im 
Särglein" und mit „Blut im Walde". Sie hatte diese Erscheinungen 
mehrere Abende in ganz gleicher Weise. Dazu klagte sie über Schmerzen 
in der linken Hand, hörte wieder Wespen summen und träumte von 

6* 



84 



H. Bertschingfer. 



einem Riesen, der ihr im Walde den "Weg versperre, mit einem Messer 
den Bauch aufschlitzen wollte, aber fortlief, als er einen Wagen rollen 
hörte. Sie zeichnete dann den Elefanten mit dem Kinde auf dem Nacken, 
Fig. 12, und erzählte dazu folgende Geschichte: 

Im Alter von etwa 5 Jahren spielte sie mit dem gleichaltrigen 
Mädchen eines Knechtes zusammen an einem Waldrande. Da kam 
ein großer starker Mann, der sich auffallend plump und langsam bewegte, 
ganz wie ein Elefant. Er spielte mit den Kindern, lockte sie tiefer in 
den Wald hinein, ließ die Gespielin unserer Kranken rittlings auf seinem 




Fiff. 12. 



Nacken reiten, legte sie dann zu Boden, kitzelte sie, malträtierte sie, 
zuerst „mit etwas anderem", dann mit einem Messer, mit dem er ihr 
den Bauch aufschlitzte. Als die Kranke Blut sah, fing sie an zu schreien 
und lief fort, der Mann ihr nach. Er wollte sie greifen, dabei stolperte 
sie über eine Wurzel, fiel auf die linke Hand, die ihr sehr weh tat. In 
diesem Augenblicke hörte man einen Wagen rollen, worauf der Mann 
sich aus dem Staube machte. Das andere kleine Mädchen war inzwischen 
gestorben. Die Kranke sah es später noch einmal, bei den Gerichts- 
verhandlungen, im Sarge liegend. Es sah aus wie ein Zwerglein. 

Wespen hörte sie beim Auftauchen dieser Erinnerung deswegen 
wieder summen, weil der Familienname ihrer Gespielin zu deutsch 
„Wespe" hieß. 



Illustrierte Halluzinationen. 85 

Um die eine Bedeutung des Elefantenrüssels noch besser hervor- 
zuheben, hat sie ihm in der Zeichnung noch eine Schlange beigefügt. 

Um die Weihnachtszeit herum befand sich die Kranke in einem 
Dämmerzustande mit leicht manischer Färbung. Sie tanzte im Zimmer 
herum, rief in einem fort: ,,Bäumli, Bäuinli", sah einen weißen Hirsch, 
der sie „überhüpfen" und mit dem Hörn stoßen wollte. Sie sagte, der 
Hirsch sei ein liebes, gutes Tier, aber er habe ihr das ,,Bäumli der Liebe 
und Kindheit kaput gemacht". Dann sah sie wieder zwei Türken, die 
sich in Wölfe verwandelten, einen schlauen roten Fuchs, der ihr die 
Decke wegziehen, den Apfel rauben wollte, eine Schlange, den blut- 
dürstigen Königstiger. Sie glaubte, Flügel an den Schultern zu haben, 
fühlte sich als Nymphe, behauptete, Kratzwunden an der Brust und 
Brandwunden an den Händen zu haben, im Rauch ersticken zu müssen 
usw. Aus dieser Zeit stammen u. a. Fig. 4, ferner Fig. 13 und 14, der 
Hirsch und der Wolf. 

Hirsch und Wolf sind zwei der Verkleidungen, unter denen der 
erste Geliebte, der mehrfach erwähnte Pfarrerskopf, in ihren Visionen 
auftauchte. Sie verlobte sich bei einem Weihnachtsfeste mit ihm, 
aber schon damals wurde er beim Tanzen etwas ausgelassen; hob sie 
in die Höhe, sprang über sie weg, „überhüpfte" sie, und zeigte Lust, 
sie „mit seinem Hörn zu stoßen". 

Bei einem andern Weihnachtsfest spielte sie mit ihm und dem Tier- 
maler zusammen in einem kleinen Theaterstück. Sie stellte ein zu 
Teuerungszeiten an die Türken verkauftes Mädchen vor, die beiden 
Herren zwei Türken, die sich ihretwegen im Spiel in die Haare gerieten. 
Da sie aber auch in Wirklichkeit ihretwegen aufeinander eifersüchtig 
waren, benahmen sie sich nicht nur auf der Bühne „wie zwei wilde 
Wölfe, die einander die Beute streitig machen". 

Später, bei dem Gewitter in der Scheune, verwandelte sich der 
Hirsch vollends in einen blutdürstigen Wolf. Was für eine Art Blutgier 
damit gemeint ist, zeigt deutlich die penisartig vorgestreckte Zunge 
des Wolfes in Fig. 14. 

Nachdem sie ihr Geliebter aus dem Wasser gezogen hatte, brachte 
er sie zu Zigeunern, die bei ihr künstlichen Abort einleiteten und bei denen 
sie mehrere Wochen zubrachte. In dieser Zeit erlebte sie wieder eine 
Menge der abenteuerlichsten Dinge, die sie in ihren hypnoiden Zu- 
ständen bruchstückweise und vermengt mit anderen Zigeunererleb- 
nissen aus früherer Kindheit wieder durchlebte. Wochenlang klagte sie 
immer und immer wieder über Bauchweh, hatte Anästhesie des linken 



£6 



H. ßertschinger. 




Fig. 13. 




Fiff. 14. 



Ringfingers, der rechten Hand, schmückte sich mit Blätterkränzen, 
schwatzte von Eiern, machte aus Papier und Tüchern fächerförmige 
Gebilde, die bald ein Zauberrad, bald ein Kartenspiel vorstellen 



Illustrierte Halluzinationen. 87 

sollten usw. Eines der Zigeunererlebnisse, welches ihr mit den größten 
Eindruck gemacht hatte, war folgendes: 

Als sie von ihrem Geliebten in das Zigeunerlager gebracht worden 
war, wurde ein großer eiserner Kessel über Feuer gehängt und ver- 
schiedene Drogen hineingetan. Mit einem Zauberrad wurden zwei 
Sorten Samen, gröberer und feinerer, mit Eiern gemischt. Ihr Geliebter 
mußte den Samen zwischen den Eiern heraussuchen. Hierauf mußte 
sie die beiden Samenarten sortieren. Die feinere Sorte wurde mit Schleim 
oder Eiweiß gemischt ihrem Geliebten zu trinken gegeben, die gröbere 
mit dem Zauberrad in alle Winde zerstreut. Dann mußte sie einen 
abscheulich schmeckenden Kräutertrank schlucken und sich über 
den Topf mit den Drogen setzen. Eine alte Zigeunerin hielt in einer 
Schürze 10 Eier verborgen, ging damit rings um sie herum, murmelte 
Zaubersprüche und ließ ein Ei nach dem andern unter die Kranke in 
den Kessel hineingleiten, in dem sie sagte: ,,So "wie diese Eier ver- 
schwinden, wird auch das Ei dieser Frau (der Patientin) zurückkehren 
in die Tasche dieses Herrn" (ihres Geliebten). Unter starker Blutung 
ging endlich die Frucht von ihr ab und habe ausgesehen wie ein Frosch. 
Die Blutung wollte aber nicht zum Stehen kommen, die Kranke wurde 
ohnmächtig. Um sie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken, brannte sie einer 
der Zigeuner an den Fußsohlen mit glühendem Draht. 

Der gleiche Zigeuner, den sie Kaisuli nannte, verliebte sich später 
in sie. Eines Nachts, als sie auf einem Wagen im Freien schlief, hatte 
sie mit ihm ein höchst affektvolles Erlebnis, das sie im Bilde Fig. 15 
darstellte. Sie war nie dazu zu bringen, es ganz genau "wieder zu erzählen, 
gab aber doch an, daß das, was sie beim Erwachen zuerst für den Voll- 
mond angesehen habe, ein runder, unbedeckter Körperteil Raisulis 
gewesen sei. Die „tropfenden Heringe" auf dem Bilde bedeuten, daß 
sie etwas sah, das einem aufgehängten Hering ärmlich sah, nach Fischen 
roch und tropfte. 

Ungefähr zur gleichen Zeit tauchten auch wieder Bruchstücke 
einer Fabel über die Entstehung des Menschen auf, welche sie als kleines 
Kind von einer alten Zigeunerin hatte erzählen hören. Zusammen 
mit Reminiszenzen aus zoologischen und entwicklungsgeschichtlichen 
Vorlesungen bildete sie den Hauptinhalt ihrer Erlebnisse während 
eines außerordentlich schweren, mehr als 3 Wochen dauernden 
Dämmerzustandes, im Verlaufe dessen die Kranke aphonisch und 
am ganzen Leibe anästhetisch wurde, nichts aß, in erschreckender 
Weise abmagerte, vollständige Astasie -Abasie bekam und häufig in 



88 



H. Bertschinger. 



tiefe Ohnmacht verfiel. "Während dieser ganzen Zeit war sie mutazi- 
stisch. Erst bei dem ganz allmählich erfolgenden Erwachen fing sie 
wieder an, einzelne, uns unverständliche Worte zu flüstern. Als sie 




Fig. 15. 

zum erstenmal wieder laut sprach, erwies sie sich als vollständig des- 
orientiert. Nach einem etwa 3 Tage dauernden Stadium auffallender 
zorniger Gereiztheit verblieb sie noch wochenlang an beiden Füßen 
paretisch und konnte kein Brot essen. Bald nach dem Erwachen aus 
diesem schweren Dämmerzustande lieferte sie die Bilder Fig. 16 bis 20. 




Fig. 16. 

Die Eatten in Fig. 16 habe sie in einem physiologischen Laborato- 
rium gesehen, sie seien operiert worden und immer im Kreise herum- 
gegangen. Fig. 17 stelle eine „Schlange" vor und entspreche einem 



Illustrierte Halluzinationen. 



89 



Bilde, das ihr seinerzeit ein Student in einem Zoologielehrbuche gezeigt 
habe. Fig. 18, ,, Frosch mit Schlangen", erinnert lebhaft an eine schemati- 
sche Zeichnung weiblicher innerer Sexualorgane und Samenfäden, 
gehört aber nach Aussage der Kranken zu den Illustrationen der 
Zigeunerfabel. 




Fig. 17 



Fig. 18. 

Die Fig. 19 und 20 stellen den „großen roten Krebs" vor, von dem 
sie im Beginn ihres Traumzustandes behauptete, er habe ihr den Ring- 
finger abgebissen und, vor Wut ganz rot, mit der Schlange gekämpft, 
die zusammengerollt auf ihrem Herzen lag. Über die weiteren Erlebnisse 
der Kranken während dieses Traumzustandes und über die Zigeuner- 
fabel geben die authentischen Aufzeichnungen der Kranken die beste 
Auskunft. Sie schrieb darüber: 

„Ich war Zeuge des blutigen Tierkampfes im Walde, nicht nur als 



90 



H. Bertschinger. 



Zeuge aber hatte ich in diesem Kampfe teilgenommen, denn obwohl 
mich der Wolf auf die Seite getragen hat, habe ich mich wieder in den 
Kampf eingemischt und auf einmal bin ich versunken in den, wie ich 
gemeint habe, eigentlichen Schlaf. War das aber ein schwerer Traum, 

nicht der Schlaf, von dem ich so lange 
nicht erwachen konnte. In diesem 
Traum ist mir gewesen, als wenn alle 
diese Tiere in der Schlacht den Tod 
gefunden hätten und die ganze Natur 
wie nach einem großen Brande 





Fiar. 20. 



abgestorben wäre, so auf einmal 
war's ringsum still. Auf einmal 
befand ich mich über einem tiefen, 
dunkeln Abgrunde, in welchem ich 
lauter Skelette von allen diesen 
Tieren gesehen habe. Das Skelett 
des Elefanten hat sich in das des ur- 
sprünglichen Mammut umgewandelt. 
Dieser hat die größte Angst in mir 
erweckt. Dann die Skelette von 
jeder Gattung der Tiere, vom Tiger, Löwen, Wolf imd Renntiere, vom 
Känguruh, von dem armen Rosse und auch vom großen Oran-Utan, 
der mich an Menschenleben erinnert hat. Zuletzt auch die Skelette 
der Kreuchtiere wie Fröschen und Eidechsen, nur der Krebs ist so 
geblieben, wie ich ihn lebend gesehen habe. Das war der erste Traum, 
in dem ich der Meinung war, ich sei auf der andern Welt und 
nicht mehr leben werde. 

Diese Skelette habe ich mir als Seelen der Tiere vorgestellt, die 
bald eine frische Tiergestalt annehmen würden. Aber bevor sie als 



Illustrierte Halluzinationen. "1 

einzelne Tiere entstanden sind, habe ich viele Tiere in einem gesehen, 
den ich mir als widrigen Drachen vorgestellt habe. Später hatte ich 
den Eindruck, als wenn diese Tiere, die wieder nacheinander entstanden 
sind, sich verständigt hätten, den Wohnsitz zu wechseln. Da sah ich 
die ganze Wanderung der Tiere, wie eines nach dem andern, vom größten 
bis zum kleinsten vor meinen Augen verschwunden sind und mit mir 
als kleiner Hase auf einen andern Planet gekommen sind, denn die 
Atmosphäre, in der ich bis jetzt war, hat sich geändert; ich konnte schon 
besser atmen, spüren und sehen, was rings um mich geschah. In diesem 
zweiten Stadium fühlte ich mich viel besser. Ich wollte aber immer 
diese Hasenhaut ablegen, aus Angst vor den anderen Tieren, die mich 
nicht gut angeschaut haben, nur ein treuer Hund hat mich von allen 
Seiten geschützt. Aber während einer großen Jagd wurde ich wieder 
als Hase erschossen und diese Kugel habe ich in der Stirn gespürt und, 
obwohl mich der treue Hund geschützt hat, haben mich die anderen 
Hunde genommen und nach einer Zeit hat mir jemand die Hasenhaut 
abgezogen. Doch konnte ich noch nicht erwachen und zu vollem Bewußt- 
sein kommen, denn wieder bin ich in einen Traum versunken, in dem 
ich ein armer, schrecklich geplagter Frosch war. In einem großen Blut- 
flecke liegend, war ich ein Gegenstand der Überfälle zahlreicher 
Schlangen, die mich als ein wunderbares Wesen behandelten. Sie haben 
mich nicht gebissen und nichts Böses getan, aber haben mich mit ihren 
kalten, ekelhaften Körpern berührt und fast ganz zugedeckt, daß ich 
mich gar nicht rühren konnte. Diese Schlangen sind mir so komisch 
vorgekommen, denn immer habe ich nur die Schwänze von ihnen und 
selten einen Kopf gesehen, als wenn sie alle von einem Punkt ausgingen 
und nur einen Kopf hätten und mich zum Leben und Wirken wecken 
wollten und durch dieses Wecken in mir ein frisches Wesen entstehen 
sollte. Wegen diesen Schlangen bin ich wieder ein Ei geworden und 
habe über mir eine dicke Schale gehabt, hinter welcher ich gar nichts 
sah und spürte. Dann machte ich mich aber von der Schale frei und be- 
fand mich in einem noch dunkeln Nest und bei mir im Korbe habe ich 
viele andere Eier gesehen und dabei eine große Schlange, die diese Eier 
gehütet hat. Zu beiden Seiten des Korbes zwei Eidechsen, die die Eier 
wunderlich anschauten und daran rochen. Hier ist mir die Fabel in den 
Sinn gekommen, die mir einmal als kleines Kind eine alte Zigeunerin 
erzählte. Sie lautet: Es war einmal ein Fuchs, der in seiner Heimat 
nicht zufrieden war und die Welt etwas kennen lernen wollte. Da ist 
er auf die Wanderschaft gegangen und in eine ganz fremde Gegend 



92 H. Bertschinger. 

gekommen, wo er sich in einer großen tiefen Schlucht ein Nest suchen 
wollte. Er hat lange nach einem günstigen Orte gesucht, aber überall 
war es ihm für seine Jungen zu wenig sicher. Endlich hat er ein Loch 
gefunden, wo er sich einquartieren wollte. Er guckte hinein, aber wie 
war er erstaunt, dort im Neste viele Eier zu finden, wie er solche früher 
niemals gesehen hat und noch dazu über diesen Eiern eine Schlange, 
die ihn surrend begrüßt hat, den Eintritt verbietend. Er wunderte sich, 
warum die Schlange diese Eier schütze, denn diese Eier waren ihm 
für die Schlange zu groß und für die Waldvögel zu klein. Lange stand 
er an der Öffnung, um dieses Wunder anzuschauen ; die Schlange wollte 
ihn um keinen Preis ins Nest lassen, obwohl er ihr mit den Zähnen drohte. 
Da hat er mit ihr ein Gespräch angefangen, um zu erfahren, was für 
Eier das seien. Unterdessen sind zwei Eidechsen ins Loch gekrochen 
und sich den Eiern genähert. Diesen hat die Schlange erlaubt, die Eier 
zu riechen und anzuschauen. Zum Fuchse sagte die Schlange, er solle 
nach einer Zeit kommen, da werde er sehen, was aus den Eiern entstehe, 
kein Tier, sondern etwas Größeres und Mächtigeres. Der Fuchs hat 
sich vom Nest entfernt und sich tief in den Wald begeben, um anderswo 
ein Nest für sich zu bauen. Unterwegs hat er andere Waldtiere getroffen 
und konnte nicht verschweigen, was er in der Schlucht gesehen. Die 
Tiere waren verwundert und wollten dieses Wunder der Natur auch 
ansehen. Eines nach dem andern ging hin, aber jedes hielt es vor dem 
andern geheim. So haben sich viele wilde Tiere bei dem Schlangenloch 
getroffen und die Eier angeschaut. Jedes wollte das erste sein, darob 
zwischen ihnen ein Streit und Kampf entstanden ist, bei dem viele von 
ihnen den Tod gefunden haben. Die Schlange hat aber die Eier tüchtig 
geschützt, so daß ihnen nichts geschehen ist. Die Tiere durften nach- 
einander die Eier anschauen, aber nicht anrühren und so blieben sie in 
ungestörter Wärme. Der Fuchs war bei diesem Tierkampfe nicht zu- 
gegen ; erst nach längerer Zeit kam er wieder in die Schlucht, um zu sehen, 
was mit den Eiern im Schlangenloch geschehen sei. Da war er noch 
mehr erstaunt, als er aus dem Loch eine bis jetzt niemals gehörte, un- 
bekannte Stimme vernahm und ein ganz fremdes und wunderbares 
Wesen sah, das gar nicht dem Tier ähnlich war. Die Schlange war schon 
verschwunden und er konnte ganz gut ins Loch hineinkriechen, zwar 
mit riesigem Kespekte vor diesem Wesen, welches ein Mensch war. 
So hat die Zigeunerin die Fabel erzählt, daß der Mensch die Macht über 
die Tiere hat und so wie diese und andere Wesen aus einem Ei entstehe. 
Diese Macht des Menschen über die Tiere kann ich mir aber nicht 



Illustrierte Halluzinationen. 93 

richtig erklären, denn im nächsten Traume habe ich wieder den Mensch 
als einen Satyr gesehen, also als halb Tier und halb Mensch, der die 
wilden Tiere zähmen will und sich selbst noch nicht von den tierischen 
Instinkten befreien kann. Zu der Zigeunerfabel gehörte noch, daß vor 
all den Tieren, die ins Schlangenloch kamen, viele wilde Waldvögel 
auf die Eier sich setzen wollten, denn diese waren in verschiedener Gat- 
tung gemischt als stammten manche von ihnen auch von den Vögeln. 
Aber die Schlange hat keinen von ihnen zugelassen. Es waren neun 
Eier im Nest; da kam der stolze Storch mit dem zehnten Ei, legte 
es hinzu und empfahl der Schlange dieses Ei zur außergewöhnlichen 
Pflege. Diese hat es alsobald unter ihren Schutz genommen, mit den 
anderen vermischt und aus diesem Ei ist nach längerer Zeit der Mensch 
entstanden, welcher schon im Ei mit verschiedenen Wesen kämpfen 
mußte ums Dasein und die er doch nach seiner Entstehung besiegt hat. 
Später im Leben sind mir oft diese Eier und diese Schlange in den Träu- 
men vorgekommen, denn diese Fabel habe ich damals als Kind nicht 
gut verstanden und sehr oft darüber nachgedacht, von wo der Storch 
wieder dies Ei genommen und was die Schlange damit zu tun hat. 
Da der Storch ein Wasser vogel sei, wie ich später in der Schule lernte, 
habe ich in meiner jugendlichen Phantasie gedacht, der Storch fische 
die Menscheneier im Wasser, bringe sie der Schlange in ihr Nest und 
nachdem ein menschliches Wesen daraus entstanden sei, bringe er das 
Kind den Eltern nach Hause." 

Die Bilder Fig. 21 bis 23 sind Illustrationen zu dieser Zigeuner- 
fabel. 

Eine Keine von Elementen ihrer Dämmerzustandserlebnisse 
ließen sich aus diesen Aufzeichnungen und dem, was ich von früher her 
von der Kranken wußte, nicht erklären. Sie entpuppten sich später 
als Bruchstücke einer ganz anderen Serie von Pseudoreminiszenzen der 
Kranken an eine Keise, welche sie mit dem zweiten Geliebten, dem 
sogenannten Teufel, gemacht haben wollte. Alles, was sie in ihrem 
Leben von schauerlichen, abenteuerlichen, grausamen und blutdürstigen 
Mord- und Sexualgeschichten gelesen und gehört haben mochte, ge- 
staltete sie mit überschwenglicher sadistisch-masochistischer Phantasie 
zu den unglaublichsten Abenteuern aus, die sie in ihren hypnoiden Zu- 
ständen wieder durchlebte, illustrierte und mir später als reale Er- 
lebnisse wieder erzählte. 

Fig. 24 stellt ihren Keisebegleiter vor, versehen mit seinen Haupt- 
attributen, der Schlange und der Pistole. 



94 



H. Bertschinger. 




Fig. 21. 




Fiff. 22. 



Fig. 25 ist wieder sein Porträt. Er ist diesmal aber als „Sat)T" 
dargestellt, d. h. als „ein Mensch, der das Schwein (die Sexualbegierde) 
zähmen will, selber aber noch ein halbes Tier ist". Fig. 26 stellt den 
Teufel als „fliegenden Drachen" vor. „Die Drache" war sonst in der 



Illustrierte Halluzinationen. 



95 



Nomenklatur der Kranken die Mutter des Teufels. Fig. 26 soll aber auch 
eine Darstellung der phylogenetischen Entwicklungsreihe bedeuten. 
Der Drache sei hier zusammengesetzt aus Körperbestandteilen von 




Os 




Fig. 23. 




Fi». 24. 



sieben verschiedenen Tieren, wie folgt: Die Zunge ist eine Schlange, 
die Augen seien von einem Pferd oder Esel, der Kopf von einem 
Stier, die Ohren von einem Ziegenbock, die Hörner von einem Schaf- 
bock, der Schwanz von einem Fisch, der Leib vom Drachen selber. 



96 



H. Bertschinger. 



Es sind also wieder die aus den anderen Phantasien der Kranken be- 
kannten Sexualtiere, welche diesen Drachen zusammensetzen. 

Ihre Reise führte sie durch ganz Asien und die Zeichnungen, 
die sie von ihren Erlebnissen in den verschiedenen Ländern anfertigte, 
zeigen bemerkenswerterweise ein deutliches Lokalkolorit. Der Drache 
in Fig. 27 z. B. entstand im Anschluß an die Reproduktion verschiedener 
Erlebnisse, die sie in Persien gehabt haben will. 







Fisr. 25. 



Fig. 28 und 29 führen uns wieder in eine ganz andere Gegend, 
in ein „Kamedulenkloster" im Norden Rußlands. Die Kranke erzählte, 
daß sie von zwei Offizieren mit Gewalt in einem Automobil entführt 
worden sei. Sie führten sie aufs freie Feld hinaus, zogen sie nackt aus 
und ließen sie dort stehen. Am nächsten Morgen wurde sie halbtot von 
einem Barfüßer-Mönch aufgefunden und in sein Kloster verbracht. 
Dort erlebte sie wieder eine Unmenge der tollsten Geschichten. Um 
sie an der Flucht zu hindern, wurde sie beständig von einem Mönch 
überwacht. Einmal aber schlief der Wächter ein und es gelang ihr 
beinahe, über eine Mauer zu steigen. Da aber erwachte der Mönch, 
sah sie an der Mauer hinauf klettern und zwang sie durch Übergießen 
mit heißem Wasser zu schleunigem Rückzuge (Fig. 28). 



Illustrierte Halluzinationen. 



97 



Zur Strafe für seine Unachtsamkeit wurde er aber dann im Kloster- 
hofe nackt mit Euten gepeitscht, wobei sie sah, daß er ein Ochse, d. h. 
kastriert war. 

Diese phantastische Erzählung der Kranken enthielt übrigens 
eine gegen mich persönlich gerichtete Eachephantasie. 




Fig. 26. 




wmm^ 



Fig. 27. 

Ich hatte kurz vorher versucht, sie durch kalte Übergießungen 
im Bade aus einem schweren Stupor zu erwecken. In ihrer Traum- 
phantasie verwandelte sie die Anstalt in ein Kloster, mich in einen 
Kamedulen, das kalte in heißes Wasser und zur Strafe dafür, daß ich 
ihren oft recht stürmischen Liebeswerbungen nicht entgegen kam, 
verwandelte sie mich in einen Ochsen, d. h. sie machte mich zum 
Kastraten und ließ mich peitschen. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. ' 



98 



H. Bertschinger. 



Ähnliche Rachephantasien gegen andere, ihr mißliebige Personen 
ihrer Umgebung ließen sich noch in mehreren ihrer Erzählungen nach- 



weisen. 




Fig. 28. 



Trotzdem es mir schon bald klar wurde, daß die hypnoiden Phan- 
tasien der Kranken nur zum geringsten Teil auf wirkliche Erlebnisse 




Fig. 29. 



der Kranken selber zurückzuführen seien, setzte ich die Analyse lange 
Zeit fort, da jedesmal, wenn eine Geschichte erledigt war, das eine oder 
andere der oft recht lästigen körperlichen Symptome verschwand. 
Es schien also in diesem Falle gar nicht so sehr auf die objektive 



Illustrierte Halluzinationen. 99 

Realität der Erlebuisse anzukommen; Gehörtes, Gelesenes, Geträumtes 
wirkte ebenso stark komplexbildend wie reelle Erlebnisse, sofern es 
nur assoziative Verbindungen mit solchen eingehen konnte. 

Für jedes gelöste Symptom traten aber immer und immer wieder 
neue auf, und jede erledigte Geschichte gab Anlaß zur Entstehung von 
einem halben Dutzend neuer, immer absurderer Phantasiegebilde. 

Da die Kranke jeden Versuch, ihr klar zu machen, daß sie die 
von ihr erzählten Erlebnisse unmöglich selber gehabt haben könne, 
mit schweren Dämmerzuständen beantwortete und ihre Phantasie 
in der Erfindung neuer Pseudoreminiszenzen unerschöpflich war, ent- 
schloß ich mich schließlich, die Analyse ganz abzubrechen. Sie ver- 
suchte aber noch lange auf alle mögliche Weise mich zum Fortsetzen 
zu bewegen. Sobald sie mich nur in der Nähe wußte, geriet sie in 
phantastische Dämmerzustände, in denen sie allerlei interessante Rollen 
spielte. Sie ließ mir durch ihre Wärterin sagen, daß sie bis zu einem 
ganz bestimmten Termin wieder völlig gesund werden könnte, weil 
sie bis dahin alle Erlebnisse des Reisejahres wieder durchmachen könnte, 
für welches ihr jetzt die Erinnerung noch fehle. Sie zeichnete und schrieb 
massenhaft und ließ ihre Zeichnungen und Memoiren scheinbar zufällig 
herumliegen, immer in der Hoffnung, daß ich wieder mit ihr darüber 
zu sprechen anfange. 

Als sie sah, daß das alles nichts nutzte, bot sie Beweise für die 
Realität ihrer Reiseabenteuer an, Tagebücher u. dgl., die aber natürlich 
nie hergeschafft werden konnten. Dann wurde sie wieder krank, aß 
nichts, hustete, klagte über Stechen in der Lunge, über Leib- 
schmerzen usw. 

Durch konsequentes Ignorieren und bewußte Vernachlässigung 
Avurde sie allmählich wieder trätabler. Aber erst die kategorische Ver- 
sicherung, daß ich sie auf einen bestimmten Zeitpunkt ganz ohne Rück- 
sicht auf ihren dazumaligen Zustand unfehlbar entlassen werde, führte 
die endgültige Besserung herbei. Wahrscheinlich hätte aber auch das 
nicht genügt, sie entlassungsfähig zu machen, wenn es nicht gelungen 
wäre, ihren Vater zur Aufgabe der Wohnung zu bewegen, in welcher 
die Kranke die schwersten ihrer wirklichen affektvollen Erlebnisse 
durchgemacht hatte. 

Die ersten Berichte nach ihrer Entlassung lauteten nicht sehr 
zuversichtlich. Nach und nach aber besserte sich ihr Zustand noch be- 
deutend und sie soll jetzt so gesund imd arbeitsfähig sein, wie noch 
nie in ihrem Leben. 



100 H. Bertschinger. 

Dem Verlaufe der Krankheit nach scheint es sich um eine schwere 
Form von Hysterie gehandelt zu haben. Verschiedene Details im 
psychologischen Aufbau ihrer Wahngebilde lassen aber auch den Ver- 
dacht aufkommen, daß die Krankheit zur Dementia praecox-Gruppe 
gehört. Ein ganz ähnlicher, noch nicht veröffentlichter Fall läßt mich 
vermuten, daß es sich beide Male um hysteriforme Krankheitsbilder 
auf schwer degenerativer Grundlage handelt 1 ). 

*) Anmerkung der Redaktion: Wie ein Blick auf die obiger Arbeit 
beigegebenen Zeichnungen lehrt, handelt es sich in diesen Symbolen um eine ganz 
unzweideutige Wiederbelebung von symbolischen Ausdrucksmitteln, welche eine 
ferne Vergangenheit eigentlich zur Institution erhoben hatte, ich meine in erster 
Linie die Halb- und Mischwesen. Dieser Vorgang einer Regression auf Erinnerun- 
gen der Rasse, wenn mir dieser Ausdruck gestattet ist, erfährt eine ausführliche 
Darstellung in meiner gleichzeitig publizierten Arbeit: Wandlungen und Symbole 
der Libido. Was die symbolgeschichtliche Bedeutung der Bertschinger- 
schen Zeichnungen betrifft, so habe ich mir vorbehalten, später ausführlich darauf 
zurückzukommen. C. G. Jung. 



Über die Kolle der Homosexualität 
in der Pathogenese der Paranoia. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 



Im Sommer 1908 hatte ich Gelegenheit, das Problem der Paranoia 
in längeren Unterredungen mit Prof. Freud aufzurollen. Wir kamen zur 
Festlegung gewisser Erwartungsvorstellungen, die im wesentlichen von 
Prof. Freud entwickelt wurden, während ich mit einzelnen Vorschlägen 
und Einwendungen zur schließlichen Gestaltung des Gedankenganges 
beitrug. Wir konstatierten zunächst, daß der Mechanismus der Pro- 
jektion, wie es in dem damals einzigen analysierten Paranoiafalle 
von Freud dargelegt wurde, für die Paranoia überhaupt bezeichnend 
ist. Wir nahmen ferner an, daß der paranoische Mechanismus eine Mittel- 
stellung zwischen den gegensätzlichen Mechanismen der Neurose und 
der Dementia praecox einnimmt. Der Neurotische entledigt sich seiner 
unliebsam gewordenen Affekte durch die verschiedenen Arten der 
Verschiebung (Konversion, Übertragung, Substitution), der Demente 
löst sein Interesse von den Objekten ab 1 ) und zieht es auf das Ich 
zurück (Autoerotismus, Größenwahn). Auch der Paranoische möchte 
es mit der Entziehung seiner Anteilnahme versuchen, sie gelingt ihm 
aber nur zum Teil. Ein Teil der Begierde wird glücklich in das Ich 
zurückgezogen — Größenwahn fehlt in keinem Falle von Paranoia — , 
aber ein mehr oder minder großer Teil des Interesses kann sich von 
seinem ursprünglichen Gegenstand nicht loslösen oder kehrt zu ihm 
zurück. Dieses Interesse ist aber mit dem Ich derart unverträglich 
geworden, daß es (mit Affektverkehrung, d. h. mit „negativem Vor- 
zeichen") objektiviert und so aus dem Ich ausgestoßen wird. Die 
unerträglich gewordene und dem Objekt entzogene Neigung kehrt also 
als Wahrnehmung seines Negativs von Seiten des Liebesobjektes zurück. 
Aus dem Gefühl der Liebe wird die Empfindung seines Gegenteils. 

*) Vgl. Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie u. d. 
Dem. praecox. (Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, Juli, 1908.) 



102 S. Ferenczi. 

Die Erwartung, daß die weitere Beobachtung die Richtigkeit 
dieser Annahmen bewahrheiten wird, hat sich erfüllt. Die Fälle von 
paranoider Demenz, die Mae der im letzten Bande dieses Jahrbuches 
veröffentlichte, bestätigen die Annahmen Freuds in weitgehendem 
Maße. Freud selbst hat durch weitere Studien nicht nur diese Grund- 
formel der Paranoia, sondern auch gewisse feinere Einzelheiten, die wir 
im psychischen Mechanismus der verschiedenen Formen der Paranoia 
voraussetzten, bestätigen können. 

Der Zweck dieser Veröffentlichung ist aber nicht die Aufrollung 
der ganzen Paranoiafrage (der Prof. Freud selbst eine größere Arbeit 
widmet), sondern nur die Mitteilung einer Erfahrungstatsache, die 
sich mir aus der Analvse mehrerer Paranoiker über die erwähnten 
Erwartungsvorstellungen hinaus ergeben hat. 

Es stellte sich nämlich heraus, daß der paranoische Mecha- 
nismus nicht zur Abwehr aller möglichen Libidobesetzungen in Gang 
gesetzt wird, sondern nach den bisherigen Beobachtungen nur gegen 
die homosexuelle Objektwahl gerichtet ist. 

Schon im Falle der von Freud analvsierten Paranoischen spielte 
die Homosexualität eine auffallend große, vom Verfasser wohl damals 
noch nicht genügend gewürdigte Rolle 1 ). 

Auch in Maeders Untersuchungen an paranoid Dementen 1 ) 
wurden „unzweifelhafte homosexuelle Tendenzen" hinter den Ver- 
folgungswahnideen des einen Kranken aufgedeckt. 

Die Beobachtung mehrerer Fälle, die ich im folgenden mitteilen 
will, läßt aber die Annahme gerechtfertigt erscheinen, daß die Homo- 
sexualität in der Pathogenese der Paranoia nicht eine zufällige, sondern 
die bedeutsamste Rolle spielt, und daß die Paranoia vielleicht überhaupt 
nichts anderes ist, als entstellte Homosexualität. 



x ) „Als sie mit dem Stubenmädchen allein war" hat sie „eine Empfindung 
im Sehoße bekommen und dabei gedacht, das Mädchen habe jetzt einen un- 
anständigen Gedanken." — Sie hatte „Halluzinationen von weiblichen Nackt- 
heiten, besonders eines entblößten weiblichen Schoßes mit Behaarung, gelegentlich 
auch männlicher Genitalien". — „Wenn sie in Gesellschaft einer Frau war, bekam 
sie regelmäßig die quälende Empfindung, woran sich die Deutung schloß, sie 
sehe jetzt die Frau in unanständiger Blöße, aber im selben Moment habe die Frau 
dieselbe Empfindung von ihr." — ,,Die ersten Bilder von weiblichen Schößen 
kamen wenige Stunden nachdem sie eine Anzahl von Frauen tatsächlich im Bade- 
raum entblößt gesehen hatte." — „Es wurde ihr , alles klar', als die Schwägerin 
eine Äußerung tat" usw. (Freud. Sammlung kleiner Schriften, I. Folge, S. 124.) 

2 ) Dieses Jahrbuch, II. Bd., I. HÄlfte, S. 237. 



Über die Eolle der Homosexualität usw. 103 

I. 

Der erste Fall betraf den Mann meiner eigenen Bedienerin, 
einen etwa 38 Jahre alten, robusten Menschen, den ich mehrere Monate 
lang sehr eingehend zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Er und seine nicht schön zu nennende Frau, die unmittelbar 
vor dem Eintritt in meine Dienste heirateten, bewohnten eine aus einem 
Zimmer und der Küche bestehende Abteilung meiner Wohnung 1 ). 
Der Mann arbeitete den ganzen Tag in seinem Amte (er war Bedienter 
bei der königl. Post), kam Abends pünktlich nach Hause und gab in der 
ersten Zeit keinen Anlaß zur Klage. Im Gegenteil, er fiel mir durch 
seinen außerordentlichen Fleiß und durch die große Höflichkeit mir 
gegenüber auf. Immer fand er etwas an meinen Zimmern zu reinigen 
und zu verschönern. Ich traf ihn manchmal spät in der Nacht dabei an, 
daß er die Türen oder den Fußboden frisch lackierte, die schwer 
zugänglichen oberen Fensterscheiben putzte oder im Badezimmer 
irgend eine geschickte Neuerung einrichtete. Er legte großes Gewicht 
darauf, mich zufriedenzustellen, gehorchte mit militärischer Strammheit 
und Pünktlichkeit allen meinen Anordnungen, nahm aber jede Kritik 
meinerseits mit großer Empfindlichkeit hin, wozu sich allerdings nur 
selten Anlaß bot. 

Eines Tages erzählt mir die Bedienerin weinend, daß sie mit dem 
Manne sehr unglücklich lebe. Er trinke in letzter Zeit viel, komme spät 
nach Hause, schelte und beschimpfe sie fortwährend ohne Anlaß. Ich 
wollte mich in diese Eheangelegenheit anfangs nicht mischen, als ich 
aber zufällig hörte, daß er die Frau prügelte (was mir die Frau aus Angst, 
die Stellung zu verlieren, verheimlichte), machte ich ihm ernste Vor- 
stellungen, forderte von ihm Alkoholabstinenz und gute Behandlung der 
Frau, was er mir unter Tränen versprach. Als ich ihm meine Eechte 
zum Handschlag bot, konnte ich es nicht verhindern daß er mir die 
Hand stürmisch küßte. Ich schrieb dies aber damals seiner Rührung und 
meiner „väterlichen" Haltung zu (obzwar ich jünger war als er). 

Nach dieser Szene herrschte eine Weile Ruhe im Hause. Aber schon 
nach wenigen Wochen wiederholten sich dieselben Szenen und als ich 
mir nun den Mann genauer ansah, stellte ich bei ihm Anzeichen des 
chronischen Alkoholismus fest. Daraufhin fragte ich die Frau aus und 
erfuhr von ihr, daß sie von ihrem Manne fortwährend, und zwar voll- 

x ) Hier in Budapest ist es eine verbreitete Sitte, die Besorgung der Wohnung 
einem verläßlichen Ehepaare zu überlassen. 



104 S. Ferenczi. 

kommen grundlos, der ehelichen Untreue verdächtigt wird. Natürlich 
stieg in mir sofort der Verdacht auf, daß es sich beim Manne um alko- 
holischen Eifersuchtswahn handelt, umsomehr, als ich die Bedienerin 
als eine sehr anständige und sehr schamhafte Person kannte. "Wieder 
gelang es mir, den Mann vom Trinken abzubringen und den Hausfrieden 
für eine Weile herzustellen. 

Bald stellte sich aber Verschlimmerung ein. Es wurde klar, daß 
es sich um Alkoholparanoia handelte. Der Mann vernachlässigte seine 
Frau und trank im "Wirtshause bis Mitternacht. Heimgekehrt prügelte, 
er die Frau, beschimpfte sie unablässig und verdächtigte sie mit jedem 
Patienten, der mich besuchte. Nachträglich erfuhr ich, daß er schon 
um diese Zeit auch auf mich eifersüchtig war, was aber seine Frau aus 
begreiflicher Angst, vor mir verheimlichte. Ich konnte das Ehepaar 
natürlich nicht länger bei mir behalten, sagte aber der Frau auf ihre Bitte 
zu, sie bis zum Ablauf des Vierteljahres in ihrer Stelle zu belassen. 

Nun erst erfuhr ich alle Einzelheiten jener häuslichen Szenen. 
Der Mami, den ich zur Rede stellte, leugnete entschieden die Frau 
geprügelt zu haben, obzwar das auch durch Augenzeugen bestätigt 
wurde. Er behauptete, seine Frau sei eine ,,Frau mit weißer Leber", 
eine Art Vampyr, „die die Männerkraft aussaugt". Er verkehre mit ihr 
fünf- bis sechsmal jede Nacht, das sei ihr aber immer noch nicht genug, 
sie lasse sich von jedem Manne begatten. Bei dieser Aussprache wieder- 
holte sich die Rührszene, die ich oben beschrieb. Er bemächtigte sich 
wieder meiner Hand und küßte sie unter Tränen. Er behauptete, noch 
nie einen lieberen und freundlicheren Menschen als mich gekannt zu 
haben. 

Als mich sein Fall auch psychiatrisch zu interessieren begann, 
erfuhr ich von der Frau, daß der Mann mit ihr seit der Trauung 
überhaupt nur 2- bis 3 mal den Beischlaf ausgeübt habe. Hie und da 
mache er dazu Veranstaltungen — meist a tergo — , dann stoße er sie 
fort und erkläre unter Geschimpfe, sie sei eine Hure, sie könne es mit 
jedem, nur mit ihm nicht. 

Ich fing an, eine immer größere Rolle in seinen "Wahnideen 
zu spielen. Er wollte unter Androhung des Erstechens von seiner 
Frau das Geständnis erpressen, sie habe mit mir geschlechtlich ver- 
kehrt. Jeden Morgen, wenn ich fortging, drang er in mein Schlaf- 
zimmer ein, schnüffelte an meiner Bettwäsche und prügelte dann die 
Frau, indem er behauptete, am Bettzeug ihren Geruch erkannt zu 
haben. Ein Kopftuch, das ich der Frau von der Ferienreise mitbrachte, 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 105 

nahm er gewaltsam an sich, streichelte es täglich mehrere Male, dabei 
war er auch von einer Tabakspfeife, die ich i h m zum Geschenk machte, 
unzertrennlich. War ich am Abort, so lauschte er stets im Vorzimmer, 
erzählte dann seiner Frau mit obszönen Worten, was er gehört habe 
und frug sie, ,,ob es ihr gefalle". Sofort nach mir eilte er dann in das 
Klosett, nachzuschauen, ob ich alles „richtig weggespült" habe. 

Bei alldem blieb er der eifrigste Bediente, den man sich denken 
kann und war mir gegenüber von übertriebener Liebenswürdigkeit. 
Er benutzte meine Abwesenheit von Budapest und strich ohne Auftrag 
den Abort frisch mit Ölfarbe an, zierte die Wand sogar mit farbigen 
Strichen. 

Eine Zeitlang wurde die erfolgte Kündigung vor ihm geheim- 
gehalten. Als er aber davon erfuhr, wurde er schwermütig, ergab sich 
vollends dem Trünke, beschimpfte und schlug seine Frau, drohte ihr, 
daß er sie auf die Gasse werfen und mich, „ihren Liebling" erstechen 
wird. Auch jetzt noch blieb er mir gegenüber artig und ergeben. Als ich 
aber erfuhr, daß er bei Nacht mit einem scharfgeschliffenen Küchen- 
messer schlafe und einmal ernstlich Miene machte in mein Schlafzimmer 
zu dringen, konnte ich auch die bis zum Ablaufe der Kündigungsfrist 
noch übrigen 2 bis 3 Tage nicht abwarten. Die Frau verständigte die 
Behörde, die ihn auf Grund des gemeindeärztlichen Untersuchungs- 
ergebnisses in die Landesirrenanstalt brachte. 

Zweifellos handelt es sich in diesem Falle um alkoholischen Eifer- 
suchtswahn. Die hervorstechenden Züge homosexueller Übertragung 
auf mich lassen aber die Deutung zu, daß diese Eifersucht auf die 
Männer nur die Projektion seines eigenen erotischen Gefallens am 
männlichen Geschlecht bedeutete. Auch die Abneigung gegen den 
Geschlechtsverkehr mit seiner Frau dürfte nicht einfach Impotenz 
gewesen, sondern durch seine unbewußte Homosexualität bestimmt 
gewesen sein. Offenbar hat der Alkohol, den man wohl mit Eecht 
ein Zensurgift nennen könnte, seine zu Freundschaftlichkeit, Dienst- 
fertigkeit und Ergebenheit vergeistigte Homosexualität ihrer Subli- 
mierungen zum großen Teile (aber nicht ganz) beraubt und die so zu- 
tage getretene rohe homosexuelle Erotik — als solche dem Bewußt- 
sein des ethisch hochstehenden Menschen unerträglich — einfach 
seiner Frau angedichtet. 

Der Alkohol spielt hier meines Erachtens nur die Bolle des Sub- 
limierungszerstörers, durch dessen Werk die wahre Sexualkonstitution 
des Mannes, nämlich die gleichgeschlechtliche Objektwahl, offenbar wurde. 



106 S. Ferenczi. 

Die sichere Bestätigung dafür erhielt ich erst nachträglich. Ich 
erfuhr, daß er vor Jahren schon einmal verheiratet gewesen ist. Auch 
mit dieser ersten Frau lebte er nur kurze Zeit in Frieden, begann bald 
nach der Eheschließung zu trinken, dann seine Frau mit Eifersuchts- 
szenen zu quälen, zu beschimpfen, bis sie ihm davonging und bald auch 
die gerichtliche Scheidung durchsetzte. 

In der Zeit zwischen beiden Eheschließungen soll er ein mäßiger, 
verläßlich-nüchterner Mensch gewesen sein und erst nach der zweiten 
Verehelichung wieder zu trinken angefangen haben. 

Nicht der Alkoholismus war also die tiefere Ursache der Paranoia, 
sondern im unlösbaren Konflikt zwischen seiner bewußten heterosexuellen 
und seiner unbewußten homosexuellen Begierde griff er zum Alkohol, 
der dann durch Zerstörung der Sublimierungen die gleichgeschlechtliche 
Erotik zum Vorschein brachte, deren sich sein Bewußtsein auf dem Wege 
der Projektion, des Eifersuchtswahnes, entledigte. 

Die Zerstörung der Sublimierung war aber keine vollständige. 
Er konnte einen Teil seiner homosexuellen Neigung noch in vergeistigter 
Form, als liebevoll ergebener Diener seines Herrn, als strammer Unter- 
gebener im Amt und als tüchtiger Arbeiter in beiden Stellungen be- 
tätigen. Wo aber die Verhältnisse erhöhte Anforderungen an die Sub- 
blimierungsfähigkeit stellten — z. B. bei Beschäftigung mit dem Schlaf- 
zimmer und dem Klosett — war er gezwungen, seine Begierde der Frau 
anzuhängen und sich durch die Eifersuchtsszenen zu versichern, daß 
er in seine Frau verliebt sei. Das Prahlen mit der ungeheueren Potenz 
der Frau gegenüber war gleichfalls eine der Selbstberuhigung dienende 
Entstellung der Tatsachen 1 ). 

II. 

Als zweiten Fall will ich den einer noch jugendlichen Dame an- 
führen, die, nachdem sie mit ihrem Manne jahrelang in ziemlicher 
Eintracht lebte und ihm Töchter gebar, nicht lange nach der Geburt 

x ) Die einseitig agitatorische Tätigkeit der Antialkokolisten sucht die 
Tatsache, daß der Alkoholisruus in den allermeisten Fällen eine, aller- 
dings unheilvolle Folge und nicht dieUrsacbe der Neurosen ist, zu versehleiern. 
Den individuellen wie den sozialen Alkoholismus kann nur die Analyse heilen, 
die die Ursachen der Flucht in die Narkose aufdeckt und neutralisiert. Ober- 
stabsarzt Dr.Drenkhahn hat aus der Morbiditätsstatistik der deutschen Armee 
nachgewiesen, daß infolge der antialkoholistisehen Propaganda der letzten Jahre 
die Zahl der „Alkoholerkrankungen" in der Armee von 4.-19 : 10000 
rasch auf 0-7 : 10000 gesunken ist, daß aber dafür die Zahl der Er- 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 107 

eines Sohnes an Eifersuchtswahn erkrankte. In ihrem Falle spielte der 
Alkohol keine Rolle 1 ). 

Sie begann beim Manne alles verdächtig zu finden. Eine Köchin 
und ein Stubenmädchen nach der anderen wurde weggeschickt, schließ- 
lich setzte sie durch, daß im Hause nur noch männliche Bedienung 
geduldet wurde. Aber auch das half nicht. Der Mann, der allgemein für 
einen Mustergatten galt und der mir heilig versicherte, noch nie die 
eheliche Treue gebrochen zu haben, konnte keinen Schritt gehen, keine 
Zeile schreiben, ohne von der Frau beobachtet, verdächtigt, ja be- 
schimpft worden zu sein. Merkwürdigerweise verdächtigte sie den Mann 
immer nur mit ganz jungen, 12- bis 13 jährigen — oder ganz alten, 
häßlichen Frauenspersonen, während sie auf die Damen aus der Gesell- 
schaft, auf Freundinnen oder bessere Gouvernanten, auch wenn sie 
anziehend oder schön waren, nicht einfersüchtig war. Mit diesen 
konnte sie freundschaftlich verkehren. 

Immerhin wurde ihr Betragen zu Hause immer auffälliger, ihre 
Drohungen gefährlicher, so daß sie in ein Sanatorium gebracht werden 
mußte. (Vor der Internierung ließ ich die Patientin auch Prof. Freud 
in Wien zu Rate ziehen, der meine Diagnose und den Versuch der 
Analyse guthieß.) 

Bei dem ungeheueren Mißtrauen und dem Scharfsinn der Kranken 
war es nicht leicht, mit ihr in Fühlung zu treten. Ich mußte mich auf 
den Standpunkt stellen, als wäre ich von der Unschuld des Mannes 
nicht vollkommen überzeugt und brachte auf diese Art die sonst un- 
zugängliche Kranke dazu, mir auch die bisher verheimlichten Wahn- 
ideen preiszugeben. 

Unter diesen fanden sich ausgesprochene Größen- und Beziehungs- 
wahnideen. Zwischen den Zeilen der Lokalzeitung wimmelte es von 
Anspielungen auf ihre angebliche moralische Verdorbenheit, auf ihre 
lächerliche Stelluno; als betrogene Gattin, die Artikel seien bei den 



krankungen an sonstigen Neurosen und Psyehosen in demselben 
Maße gestiegen sind. (Deutsehe Militärärztliehe Zeitschrift vom 20. Mai 1909.) 
Die Ausrottung des Alkoholismus ist also nur scheinbar eine Verbesserung der 
Hygiene. Der Psyehe, wenn ihr der Alkohol entzogen wird, stehen zahlreiche 
andere Wege der Flucht in die Krankheit zu Gebote. Und wenn dann die Psyeho- 
neurotiker, statt an Alkoholismus, an Angsthysterie oder Dementia praeeox 
erkranken, bedauert man den riesigen Aufwand an Energie, der gegen den Al- 
koholismus an der unrechten Stelle in Gang gesetzt wurde. 

*) Den Fall habe ich bereits in anderem Zusammenhange kurz mitgeteilt. 
Siehe dieses Jahrbuch, I. Bd., II. Hälfte, „Introjektion und Übertragung". 



108 S. Ferenczi. 

Zeitungsschreibern von ihren Feindinnen bestellt. Aber auch aller- 
höchste Persönlichkeiten (z. B. der bischöfliche Hof) wußten um diese 
Machenschaften und daß die Königsmanöver in jenem Jahre gerade 
in der Gegend ihres Wohnsitzes stattfanden, sei nicht ohne Beziehung 
zu gewissen geheimen Absichten jener Feindinnen. Als Feindinnen 
entpuppten sich im Laufe der weiteren Gespräche die entlassenen 
Dienstboten. 

Ich erfuhr dann von ihr allmählich, daß sie seinerzeit nur wider- 
willig, auf Wunsch der Eltern, besonders des Vaters, die Werbung ihres 
Mannes annahm. Er kam ihr damals zu gewöhnlich, unfein vor. Aber 
nach der Eheschließung gewöhnte sie sich angeblich an ihn. Nach der 
Geburt der ersten Tochter kam es zu einer merkwürdigen Szene im 
Hause. Der Mann soll unzufrieden darüber gewesen sein, daß sie ihm 
nicht einen Sohn gebar und auch sie empfand darüber förmliche Gewissens- 
bisse; daraufhin traten in ihr Zweifel auf, ob sie recht getan habe, diesen 
Mann zu heiraten. Zu gleicher Zeit begann sie auf die 13jährige, 
angeblich sehr hübsche Aushilfsmagd eifersüchtig zu sein. Sie lag noch 
im Wochenbette, als sie die kleine Person einmal zu sich beschied, sie 
niederknien und beim Leben ihres Vaters schwören ließ, daß der Hausherr 
ihr nichts angetan hätte. Dieser Schwur beruhigte sie damals. Sie dachte 
sich, sie könnte sich geirrt haben. 

Nach der endlichen Geburt eines Sohnes fühlte sie sich, als hätte 
sie ihre Pflicht dem Manne gegenüber erfüllt und sei nunmehr frei. 
Es begann ein zwiespältiges Verhalten bei ihr. Sie wurde auf ihren 
Mann wieder eifersüchtig, anderseits benahm sie sich Männern 
gegenüber manchmal auffällig. „Allerdings nur mit den Augen," sagte 
sie. Folgte aber jemand ihrem Winke, so wies sie ihn stets energisch ab. 

Diese „harmlose Spielerei", die von ihren „Feindinnen" gleichfalls 
falsch ausgelegt wurde, verschwand aber bald hinter den immer ärger 
werdenden Eifersuchtszenen. 

Um ihren Mann anderen Frauen gegenüber impotent zu machen, 
ließ sie ihn jede Nacht mehrmals den Beischlaf ausführen. Doch wenn 
sie sich auf einen Augenblick aus dem Schlafzimmer (zur Verrichtung 
körperlicher Bedürfnisse) entfernte, sperrte sie das Zimmer hinter sich 
zu. Sie eilte sofort zurück, wenn sie aber an der Bettdecke etwas 
nicht in Ordnung fand, verdächtigte sie den Mann, daß die entlassene 
Köchin, die sich einen Schlüssel hätte machen lassen, inzwischen bei 
ihm gewesen sei. 

Wie wir sehen, verwirklichte die Kranke die geschlechtliche Un- 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 109 

ersättlichkeit, die der vorerwähnte Alkoholparanoiker nur erdichtete, 
aber nicht ausführen konnte. (Allerdings kann die Frau viel eher als 
der Mann den Geschlechtsverkehr auch ohne wirkliche Lust nach 
Belieben steigern.) Auch die scharfe Überwachung des Zustandes 
der Bettwäsche wiederholte sich hier. 

Das Benehmen der Kranken im Sanatorium war sehr widerspruchs- 
voll. Sie kokettierte mit allen Männern, ließ sich aber keinen nahekom- 
men. Dafür ging sie innige Freundschaften und Feindschaften mit allen 
weiblichen Bewohnern des Hauses ein. Die Gespräche, die sie mit mir 
führte, drehten sich zum größten Teil um diese. Sie nahm sehr gerne 
die ihr vorgeschriebenen lauwarmen Bäder, benutzte aber die Ge- 
legenheit des Badens dazu, um eingehende Beobachtungen über die 
Körperfülle und Körperformen der übrigen Patientinnen zu sammeln. 
Mit allen Zeichen des Ekels und Abscheus beschrieb sie mir die runzlige 
Bauchhaut einer schwerkranken, älteren Patientin. Bei der Erzählung 
der Beobachtungen an hübscheren Patientinnen war aber der lüsterne 
Ausdruck ihres Gesichtes nicht zu verkennen. Eines Tages, als sie 
mit diesen jüngeren allein war, veranstaltete sie eine „Wadenausstellung" ; 
sie behauptete, bei der Konkurrenz den ersten Preis gewonnen zu 
haben. (Narzißmus.) 

Mit großer Vorsicht versuchte ich etwas über die homosexuelle 
Komponente ihrer Sexualentwicklung zu erfahren, indem ich sie frug, 
ob sie, wie so viele junge Mädchen, ihre Freundinnen leidenschaftlich 
liebte. Doch sie erkannte sofort meine Absicht, wies mich derb zurück, 
behauptete, ich wolle ihr Scheußlichkeiten einreden. Es gelang mir, 
sie zu beruhigen, worauf sie mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit 
gestand, als ganz junges Kind, jahrelang mit einem kleinen Mädchen, 
das sie dazu verführte, gegenseitig masturbiert zu haben. (Die Kranke 
hat nur Schwestern, keinen Bruder.) Ferner ließen sich den — aller- 
dings immer spärlicher werdenden — Mitteilungen der Kranken An- 
zeichen überstarker sexueller Fixierungen an die Mutter und an weib- 
liche Wartepersonen entnehmen. 

Die ziemliche Ruhe der Patientin wurde erst durch den Besuch 
des Gatten ernstlich gestört. Der Eifersuchtswahu entflammte von 
neuem. Sie verdächtigte den Gatten, ihre Abwesenheit zu allen mög- 
lichen Schandtaten benutzt zu haben. Namentlich richtete sich ihr 
Verdacht gegen die greise Hausbesorgerin, die — wie sie erfuhr — 
beim Reinemachen geholfen haben soll. Im geschlechtlichen Verkehr 
wurde sie immer unersättlicher. Verweigerte ihr der Mann den Beischlaf, 



110 S. Ferenczi. 

so drohte sie ihn umzubringen. Sie warf ihm einmal tatsächlich ein 
Messer nach. 

Auch die anfänglich noch vorhandenen geringen Spuren der Über- 
tragung auf den Arzt wichen in diesen stürmischen Zeiten einem immer 
heftigeren "Widerstände, so daß die Aussichten der Analyse auf den Null- 
punkt sanken. So sahen wir uns genötigt, die Kranke in einer entfernte- 
ren Anstalt unter strengerer Aufsicht unterzubringen. 

Auch dieser Fall von Eifersuchtswahn wird erst erklärlich, wenn 
wir annehmen, daß es sich hier um die Projektion des Gefallens am 
eigenen Geschlecht auf den Mann handelt. Ein in fast ausschließlich 
weiblicher Umgebung aufgewachsenes Mädchen, das als Kind zu stark an 
die weiblichen Wartepersonen fixiert war und dazu jahrelang mit einer 
Altersgenossin sexuellen Umgang pflog, wird plötzlich in eine Kon- 
venienzehe mit einem „unfeinen Manne" gezwungen. Sie fügt sich aber 
und empört sich nur einmal gegen eine besonders krasse Unliebens- 
würdigkeit des Mannes, indem sich ihre Begierde ihrem Kindheitsideal 
(einem kleinen Dienstmädchen) zuwendet. Der Versuch mißlingt, sie 
kann die Homosexualität nicht mehr ertragen und muß sie auf den Mann 
projizieren. Das war der erste, kurzdauernde Eifersuchtsanfall. Endlich 
als sie ihre „Pflicht" erfüllt und dem Manne den von ihm geforderten 
Sohn geboren hat, fühlt sie sich frei. Die bis dahin gebändigte Homo- 
sexualität bemächtigt sich stürmisch aller Objekte, die zur Sublimierung 
keine Möglichkeit bieten (ganz junge Mädchen, Greisinnen, Dienst- 
boten) in roh-erotischer Form, doch diese ganze Erotik wird, mit Aus- 
nahme jener Fälle, wo sie es unter der Maske des harmlosen Spieles 
verbergen kann, dem Mann angedichtet. Um sich in dieser Lüge zu be- 
stärken, ist die Kranke gezwungen, dem ihr ziemlich gleichgültig ge- 
wordenen männlichen Geschlechte gegenüber gesteigerte Koketterie 
zur Schau zu tragen, ja sich wie eine Nymphomanische zu gebärden. 

III. 

Eines Tages wurde ich von einem Advokaten aufgefordert, einen 
seiner Klienten, den Syndikus der Stadt X., der von seinen Lands- 
leuten ungerechterweise verfolgt werde, zu untersuchen und gesund zu 
erklären. Dieser meldete sich bald darauf bei mir. Schon daß er mir eine 
Menge Zeitungsausschnitte, Aktenkopien, Flugschriften, die er alle 
selbst verfaßte, in so musterhafter Ordnung, numeriert, sortiert, über- 
reichte, war mir verdächtig. Ein Blick in die Schriften überzeugte mich, 
daß er ein Paranoiker der Verfolgung ist. Ich berief ihn erst für den 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 111 

andern Morgen zur Untersuchung, aber schon das Durchlesen seiner 
Schriften zeigte mir die homosexuelle Wurzel seiner Paranoia. 

Seine Streitigkeiten begannen damit, daß er einem Hauptmanne 
brieflich mitteilte, daß sein Vis-a-vis, ein Offizier des . . . .-Regiments, 
„sich am Fenster teils im Hemd, teils mit nacktem Ober- 
körper rasiert". „Zweitens läßt er an einer Schnur seine Handschuhe 
am Fenster trocknen, wie ich es in kleinen italienischen Dörfern ge- 
sehen habe." Der Kranke ersucht den Hauptmann, „die Abstellung 
dieser Mißstände zu bewerkstelligen". Die abweisende Antwort des 
Hauptmannes beantwortet er mit Angriffen auf diesen. Dann folgt eine 
Anzeige an den Obersten, worin er schon von den „Unterhosen" des 
Gegenüber spricht. Wieder beklagt er sich auch der Handschuhe wegen. 
Mit riesengroßen Buchstaben hebt er hervor, daß ihm ja die Sache gleich- 
gültig wäre, wenn er die Gassenzimmer nicht mit seiner Schwester 
bewohnen würde. „Ich glaubte eine ritterliche Pflicht der Dame gegen- 
über zu erfüllen." Zugleich macht sich eine furchtbare Empfindlichkeit 
und alle Zeichen des Größenwahns in den Schriften bemerkbar. 

In den späteren Schriften wird die Erwähnung jener Unterhose 
immer häufiger. In fetten Lettern wird oft vom „Schutz der Damen" 
gesprochen. 

Eine nachträgliche Eingabe bringt den Zusatz, er habe in der 
vorigen Eingabe zu erwähnen vergessen, daß sich der Herr Oberleutnant 
abends am hellbeleuchteten Fenster, ohne die Rouleaux herunterzu- 
lassen, anzuziehen pflegte. „Mir wäre das gleichgültig (das mit Petit): 
„Ich muß aber im Namen einer Dame um Schutz gegen einen 
derartigen Anblick bitten." 

Dann kommen Eingaben an das Korpskommando, das Kriegs- 
ministerium, die Kabinettskanzlei usw., in allen sind die kleingedruckten 
Worte Hemd, Unterhose, nackter Oberkörper usw. — und diese 
allein — nachträglich rot unterstrichen. (Der Kranke ist Besitzer 
einer Zeitung und kann nach Herzenslust alles drucken lassen.) 

Aus einem Aktenstücke des Korpskommandos stellt es sich heraus, 
daß Vater und Bruder des Kranken im Wahnsinne durch Selbstmord 
geendet haben. Der Vater war, wie der Kranke sich ausdrückt, „Landes- 
advokat und Orator" (auch Patient ist Advokat), der Bruder war Ober- 
leutnant. Man erfährt dann, daß der Patient Kneippianer ist, ja er 
erschien einmal beim Obergespan zur Audienz barfuß in 
Sandalen, wofür er einen Verweis erhielt. (Exhibition?) 

Dann verschiebt er die Angelegenheit auf den ritterlichen 



112 S. Ferenczi. 

Weg, kneift aber im kritischen Augenblicke immer aus, unter 
Berufung auf irgend einen Paragraphen des Duellkodexes, den er voll- 
kommen beherrscht. Es unterläuft ihm dabei die halb absichtliche Über- 
treibung, daß er so spricht, als wäre sein Brief eine tätliche Beleidigung 
des Offiziers gewesen. An anderen Orten sagt er (mit Kiesenbuchstaben), 
er habe dem Offizier in der denkbar schonendsten Form nur Tat- 
sachen angeführt. Er unterschiebt den militärischen Behörden die An- 
sicht über sich selbst, er sei „eine alte Frau, die gar nichts anderes 
zu tun habe, als Objekte ihrer Neugierde zu entdecken".. 
Er zitiert unzählige Beispiele, wie im Ausland Offiziere, die auf offener 
Straße ein Mädchen beleidigen, bestraft werden. Er verlangt überhaupt 
Schutz für wehrlose Frauen gegen rohe Angriffe usw. In einer seiner 
Eingaben beklagt er sich, der zu Anfang erwähnte Hauptmann habe 
„wütend, ostentativ sein Gesicht von ihm weggewendet". 

Die Zahl der von ihm angehängten Prozesse häuft sich lawinen- 
mäßig an. Am meisten ärgert ihn, daß die Militärbehörden seine Ein- 
gaben ignorieren. Die Zivilisten schleppt er vor das Zivilgericht; bald 
verschiebt er die Sache auf politisches Gebiet, hetzt in seiner Zeitung 
Soldaten und Stadtverordnete gegeneinander, den ungarischen Zivil- 
behörden gegenüber spielt er den „Pangermannen" aus und tat- 
sächlich melden sich bald beinahe 100 „Genossen", die ihm öffentlich 
und schriftlich Beifall zollen. 

Dann folgt eine merkwürdige Episode. 

Eines Tages klagt er einen andern Offizier beim neuen Obersten 
an. jener habe seiner Schwester auf der Straße „Pfui, schäbige 
Sächsin" zugerufen. Die Schwester bestätigt das in einem Briefe, der 
sicher vom Patienten selbst verfaßt ist. 

Er verlegt sich dann auf Zeitungsartikel, in denen er schwer 
auflösbare Rätsel durch das Punktieren „gefährlicher" Stellen aufgibt. 
Er spricht z. B. von einem französischen Sprichwort, das zu deutsch 

„das L t...." heißt. Ich hatte Mühe das „Lächerliche 

tötet" herauszufinden. 

Eine neuerliche Anklage gegen den Hauptmann Nr. I erwähnt 
„Grimassen, Gebärden, Bewegungen, herausfordernde 
Blicke". Er würde sich nicht kümmern, aber es handelt sich um eine 
Dame. Der Offizier sei bubenhaft. Er und seine Schwester werden 
ihm rücksichtslos den Standpunkt klar machen. 

Neuerliche Ehrenangriffe mit Rückzug des Kranken, der unter 
Advokatenkniffen den Duellkodex ins Treffen führt. 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 113 

Dann folgen Drohbriefe, in denen er wie die Schwester viel von 
„Selbsthilfe" sprechen; lange Erklärungen ; 100 Zitate über Duell usw. 
Z. B. „Nicht Kugeln, Degenspitzen töten, sondern die Sekundanten". 
„Mann", „Männer", „mannhaft", kehren immer wieder. Er läßt sich 
von Mitbürgern Lobhymnen unterschreiben, die ihn selbst zum Ver- 
fasser haben. Einmal behauptet er ironisch, man wolle vielleicht, 
daß er „jenen Herren Hände und Füße küssen soll in Liebedienerei". 

Jetzt kommt der Kampf mit der Stadtbehörde, an die sich das 
Militär gewendet hat. 42 Stadtverordnete verlangen seine Bestrafung. 
Er greift von diesen einen heraus, der Dahinten heißt, und verfolgt 
ihn öffentlich bis aufs Blut. Durch die Zustimmungskundgebungen 
und die „Wacker! "Rufe eines Wiener Hetzblattes ermutigt, bewirbt 
er sich um die Stelle des Vizegespans und gibt aller Welt Schuld 
an seinem ungerechten Durchfall. Natürlich arbeitet er auch in Anti- 
semitismus. 

Er will dann das gute Verhältnis zwischen Zivil und 
Militär herstellen, diese Worte unterstreicht er immer. 

Endlich gelangt die Sache vor eine höhere Zivilbehörde, die den 
Geisteszustand des Kranken untersuchen ließ. Er kam mit der Hoffnung 
zu mir, daß ich ihn für gesund erklären werde. 

Vorhergegangene Erfahrungen bei Paranoischen machten es mir 
leicht, in diesem Falle die außerordentlich bedeutsame Rolle der Homo- 
sexualität schon aus diesen Tatsachen zu erschließen. Der Ausbruch 
des — bislang vielleicht versteckten — Verfolgungswahnes wird durch 
den Anblick eines halbnackten Offiziers ausgelöst, auch dessen Hemd, 
Unterhosen und Handschuhe scheinen auf den Kranken großen Ein- 
druck gemacht zu haben. (Ich verweise auf die Rolle der Bettwäsche 
bei beiden vorerwähnten Eifersuchts wahnkranken.) Niemals werden 
Frauenspersonen angeklagt oder beschuldigt, immer nur rauft und zankt 
er mit Männern, zumeist Offizieren oder höheren Würdenträgern, 
Vorgesetzten. Ich deute das als Projizierung seines eigenen homo- 
sexuellen Gefallens mit negativen Vorzeichen auf jene Personen. Seine 
aus dem Ich ausgestoßene Begierde kehrt als Wahrnehmung der Ver- 
folgungstendenz seitens der Objekte seines unbewußten Gefallens ins 
Bewußtsein weder. Er sucht solange, bis er sich überzeugt hat, daß 
man ihn haßt. Nun kann er in Form des Hasses seine eigene Homo- 
sexualität ausleben und zugleich vor sich selbst verstecken. Die Be- 
vorzugung des Verfolgtwerdens durch Offiziere und Beamten dürfte 
durch den Beamtenstand des Vaters und den Offiziersstand seines 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 8 



114 S. Eerenczi. 

Bruders bestimmt gewesen sein; ich vermute, daß diese die ur- 
sprünglichen, infantilen Objekte seines homosexuellen Phantasierens 
waren. 

Der erlogenen riesigen Potenz des Alkoholwahnsinnigen und der 
geheuchelten Nymphomanie der eifersüchtig Paranoischen entspricht 
hier die übertriebene Ritterlichkeit und das Zartgefühl, das er von 
den Männern Damen gegenüber fordert. Dasselbe fand ich bei 
den meisten manifest homosexuellen Männern. Diese Hoch- 
achtung hat einen Anteil daran, daß die Homosexuellen, wie viele 
psychisch Impotente, unfähig sind, das "Weib zum Liebesobjekt zu 
nehmen. Die Homosexuellen „achten das Weib hoch", heben aber den 
Mann. So auch unser Paranoiker, nur ist sein Lieben durch Affekt- 
verkehrung in Verfolgungswahn und Haß verwandelt worden. 

Daß er seine Schwester als beleidigte Person in den Vordergrund 
schiebt, dürfte aber auch durch passiv-homosexuelle Phantasien, in 
denen er sich mit dieser Schwester identifiziert, mitbegründet sein. Dafür 
spricht auch seine Klage, man halte ihn für eine alte Frau, die die 
Objekte ihrer Neugierde in nackten Offizieren und deren Unterwäsche 
suche. "Wenn er also fortwährend über Beleidigungen seitens der ihn 
verfolgenden Männer klagt, meint er unbewußt sexuelle Angriffe, deren 
Gegenstand er selber sein möchte. 

Es ist in diesem Falle schön zu sehen, wie die mühsam aufgebaute 
soziale Sublimierung der Homosexualität, wahrscheinlich unter dem 
Drucke der überwuchernden infantilen Phantasien, vielleicht auch 
infolge anderer, mir unbekannter Gelegenheitsursachen, zusammen- 
bricht und in den "Wahnideen die kindisch-perverse Grundlage dieser 
Vergeistigungen (z. B. Voyeurtum, Exhibition) durchbricht. 

Zur Kontrolle meiner Auffassung über diesen Fall nahm ich beim 
Patienten die Reaktionen auf die 100 Reizworte des J u ng sehen Schemas 
auf und analysierte die Einfälle. Das Lehrreiche an dieser Analyse 
war, daß sie sehr mager ausgefallen ist. Der Paranoische entledigt-sich 
der ihn belästigenden Affekte so gründlich, daß sie ihn, wie er glaubt, 
gar nichts angehen, darum erzählt er in seinen Handlungen und Reden 
alles, was die Hysterischen aus Gewissensangst tief verdrängen. Auf- 
fällig und für die echte Paranoia offenbar charakteristisch ist ferner, 
daß von den „Komplexmerkmalen" Jungs die gestörte Re- 
produktion fast ganz fehlt. Der Patient erinnert sich ausgezeichnet 
auch an die Reaktionen auf die den Komplexen naheliegenden, „kriti- 
schen" Reizworte. Die Projektion schützt den Paranoischen vor Affekten 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 115 

so gut, daß er der hysterischen Amnesie nicht bedarf. Die Komplex- 
nähe scheint sich hier eher durch Redseligkeit und Eigenbeziehung zu 
verraten. Überhaupt sind die Reaktionen durchweg egozentrisch. 
Klang- und Reimreaktionen sowie witzige Reaktionen sind sehr häufig. 
Soviel über das Formale. Ich will hier beispielsweise einzelne Reaktionen 
samt der anschließenden Analyse mitteilen. 

Rw: 1 ) Kochen. Ra: Köche, Köchinnen. A: Kochen macht das 
Weib zänkisch. Das Weib wird beim Herd inflammiert, erhitzt. Mutter 
war auch erhitzt. Heute würde ich ihr das Kochen nicht gestatten. 
Ein Mann kann viel mehr aushalten. Goethe sagte allerdings: Sieben 
Männer ertrügen es nicht, was eine Frau. Meine Mutter hatte sechs 
Kinder. Der Mann wäre zum Gebären besser geeignet. (In 
dieser Reaktion finden wir die Schonung der Frau und die Überschätzung 
des Mannes wieder, dazu eine Phantasie: als Mann Kinder zu gebären.) 

Rw: Fluß. Ra: Im Flusse möcht ich baden. A: Ich bade leiden- 
schaftlich gerne ; habe mit einem Cousin täglich bis Oktober in Fluß- 
wasser gebadet. Dieser hat sich erschossen, wegen Überanstrengung. 
Ich meide Überanstrengung, darum verkehre ich wenig mit Weibern. 
(Versuch, die sexuelle Abkehr vom Weibe hygienisch zu begründen. 
Der Cousin ist ein Offizier.) 

Rw: Salz. Ra: Das Salz erinnert mich an das Salz der Ehe. A: Ich 
bin ehefeindlich. Da gibts tägliche „Reibungen". (Er meint vielleicht 
auch den Koituszwang in der Ehe.) 

Rw: Schrift. Ra: „ ... gefällt mir die von dem Künstler in Berlin, 
der gestorben ist, Begründer des Kunstgewerbes. . . . Eckmann heißt 
er . . ." A: Eine solche monumentale, auffallende Schrift gefällt mir. 
Wie die meines Vaters. Meine ähnelt der meines Vaters, ist aber nicht 
so schön. Meine Buchstaben sind aber auch groß. (Die Hochachtung 
des Vaters und seiner körperlichen Überlegenheit äußert sich wie so oft 
in der Tendenz, seine Schrift zu kopieren. Das Gefallen an der Größe 
der Buchstaben dürfte symbolisch zu nehmen sein.) 

Rw: Kork. Ra: „Bringt den Knalleffekt beim Champagner hervor." 
A: Die Natur hat es mit den Frauen auf einen Knalleffekt abgesehen. 
Dann aber kommt der Verfall. Der Vater war selbst in hohem Alter 
schön. 

Rw: Schlagen. Ra: Schläge verdienen meine Gegner, gelinde ge- 
sagt. A: Am liebsten möchte ich sie pudelnaß angießen, mit einer Feuer- 



J ) Rw = Reizwort, Ra = Reaktion, A = Analyse. 



116 S. Ferenczi. 

spritze. Das wäre lustig ! Die Feuerwehr hat mich schon als Kind interes- 
siert. (Feuerspritze ist eines der universellsten Symbole für das männ- 
liche Glied.) 

Rw: Rein. Ra: Dem Reinen ist alles rein. A: Ich war immer ein 
reinliches Kind; bin dafür vom Onkel belobt worden. Mein älterer 
Bruder ist unordentlich gewesen. (Übertriebene oder vorzeitig auf- 
tretende Unverträglichkeit des Kindes gegenüber Schmutz und Un- 
ordnung ist ein Symptom der homosexuellen Fixierung.) (Sadger.) 

IV. 

Der vierte Fall, den ich kurz mitteilen möchte, ist keine reine 
Paranoia, sondern eine Dementia praecox mit starkem paranoischen 
Einschlag. 

Es handelt sich hier um einen noch jungen Gemeindeschul- 
lehrer, der — wie mir seine etwas ältlich aussehende Frau erzählte — 
seit etwa einem Jahre fortwährend von Selbstmordgedanken gequält 
wird, sich von aller Welt verfolgt und angeklagt glaubt und stunden- 
lang vor sich hinbrütet. 

Ich fand den zu Bette liegenden Kranken wach, aber den Kopf 
unter der Bettdecke versteckt. Kaum daß ich mit ihm einige Worte 
wechselte, fragte er mich, ob ich als Arzt die Geheimnisse der Kranken 
hüten muß. Nachdem ich dies bejahte, erzählte er mir unter Anzeichen 
heftiger Angst, er habe bei seiner Frau dreimal denCunnilingus ausgeführt. 
Er wisse, daß er wegen dieser Untat von der Menschheit zu Tode verur- 
teilt sei, seine Hände und Füße werden abgehauen werden, seine Nase wird 
verfaulen, seine Augen ausgestochen. Er zeigt mir eine defekte, aber 
vermauerte Stelle am Plafond, durch welche man seine Untat beobachtet 
haben muß. Sein größter Feind, der Schuldirektor, sei mit Hilfe von 
komplizierten Spiegeln und elektrisch-magnetischen Apparaten über 
alles unterrichtet. Durch seine perverse Tat wurde er eine die (d. h. 
eine Frau). Denn ein Mann koitiert ja mit dem Penis und nicht mit 
dem Mund. Man werde ihm den Penis und die Hoden abschneiden — 
oder aber den ganzen „Kürbiskopf" (Kürbiskopf = Dummkopf; 
Kürbis = ung. Volksausdruck für Testikel). 

Als ich zufällig meine Nase berührte, sagte er: „Ja, meine Nase 
verfault, wollen Sie sagen." Ich sagte beim Eintreten: „Sind Sie Herr 
Kugler?" Darauf zurückkommend erklärt er: „In meinem Namen ist 
alles erzählt; ich bin: die Kugel + er (= Kugl-er), d. h. ein die + er, 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 117 

ein Mannweib". Im Vornamen Sändor bedeutet ihm d'or das 
Gold, d. h. er wurde zum Neutrum gemacht. Er wollte einmal schon 
zum Fenster hinausspringen, da fiel ihm aber das Wort Hunyad ein 
(huny = Auge schließen, ad = geben), d. h. er schließt das Auge (stirbt), 
damit seine Frau einem anderen gibt (den Koitus zuläßt). Damit 
man nicht so was über ihn denke, ist er am Leben geblieben. Man könnte 
sich übrigens auch zu seinen Lebzeiten denken, er wolle ein Auge 
zumachen, wenn seine Frau jemand anderem „gibt". 

Er ist schrecklich schuldbewußt ob seiner perversen Tat. Es 
sei ihm solche Perversität stets fremd gewesen und auch jetzt ver- 
abscheut er sie. Sein Feind habe es veranlaßt, durch Suggestion 
vielleicht. 

Auf eindringlicheres Befragen erfahre ich von ihm, daß er sich 
für seinen Direktor („ein schöner, stattlicher Mensch") geopfert hat; 
jener war aber auch mit ihm sehr zufrieden und sagte oft: „Ohne Sie 
könnte ich nichts anfangen, Sie sind meine rechte Hand." (Das erinnert 
an die „bessere Hälfte".) Seit fünf Jahren etwa quält ihn der Direktor, 
stört ihn mit Aktenstücken, wenn er beim Unterricht am tiefsten 
in die Erklärung eines Gedichtes vor der Klasse versunken ist usw. 

Bei der Frage: „Sprechen Sie deutsch" (tud nemetül), zerlegt 
und übersetzt er das Wort nemetül (d. h. „deutsch") in die Silben: 



nem 


= 


(nimm) 


et 


— 


(und) 




ül 


= 


(sitz), 


(ül 



sitzen) ; 

d. h.: ich meine mit meiner Frage, er soll seinen Penis in die Hand 
nehmen und dafür sitzen (ins Loch gesperrt werden). Er meint damit 
ausdrücklich seinen eigenen Penis, den er nach der Anklage seiner 
Feinde in ein „anderes Loch" stecken möchte. Ein anderes Loch: das 
seien andere, fremde Frauen. 

Er beteuert heilig, daß er seine Frau anbetet. 

Sein Vater sei ein armer Diener gewesen (das entspricht der Wahr- 
heit) und ihm gegenüber streng. Er saß als Student stets zu Hause 
und las der Mutter Gedichte vor. Die Mutter sei immer sehr gütig 
gewesen. 

Es handelt sich hier um einen Mann, der seine Homosexualität 
lange Zeit hindurch glücklich sublimierte, seit der Enttäuschung mit 
dem früher angebeteten Direktor aber alle Männer hassen und zur 
Begründung seines Hasses jede Äußerung, jede Gebärde, jedes Wort 



118 S. Ferenezi. 

im Sinne des Verfolgen wollens auslegen muß. Auch mich haßte er schon: 
jedes meiner Worte und Gebärden legte er feindlich aus und zerlegte, 
übersetzte, entstellte jedes Wort solange, bis es zu einer feindlichen 
Anspielung wurde. 

Die Mutter des Patienten erzählte mir, ihr Sohn sei stets ein 
braves Kind gewesen. Statt mit anderen Kindern zu spielen, las er der 
Mutter Bücher, besonders Gedichte vor, deren Inhalt er ihr erklärte. 
Der Vater war einfacher Arbeiter, wohl manchmal etwas derb mit dem 
Jungen, den es oft ärgerte, wenn sie beim gemeinsamen Lesen' 
durch den Vater gestört wurden 1 ). 

Kein Zweifel, der Patient schätzte seinen Vater — den er geistig 
überragte — gering und sehnte sich nach einem ansehnlicheren Vater. 
Diesen fand der später in der Person des ihm vorgesetzten Schuldirektors, 
dem er jahrelang mit unermüdlichem Fleiß diente, — der aber die 
(sicherlich zu hoch gespannten) Erwartungen des Kranken nicht erfüllte. 
Nun wollte er mit seiner Liebe wieder zur Frau zurück, — doch sie wurde 
für ihn inzwischen ein „Neutrum". Die heterosexuelle Übertreibung 
und der Kunnilingus konnten den Patienten über die mangelnde Be- 
gierde nach der Frau hinwegtäuschen, aber die Sehnsucht nach dem 
männlichen Geschlechte hörte nicht auf, sie wurde nur aus dem Ich- 
Bewußtsein ausgestoßen und kehrte als Projektion mit negativem 
Lustvorzeichen in dasselbe zurück; er wurde ein Verfolgter. 



Ich habe außer den hier mitgeteilten, noch bei drei Paranoischen 2 ) 
die „analytische Anamnese" aufgenommen. In allen dreien spielte die 
projizierte homosexuelle Begierde die bedeutsamste Eolle. Da ich aber 
aus diesen Fällen nichts wesentlich Neues lernte, machte ich keine 
genauen Aufzeichnungen über sie. 

Schon die hier veröffentlichten Krankengeschichten berechtigen 
aber zur Vermutung, daß es sich bei der Paranoia im wesent- 
lichen um die Wiederbesetzung der gleichgeschlechtlichen 
Lustobjekte mit unsublimierter Libido handelt, deren sich 
das Ich mit Hilfe des Projektionsmechanismus erwehrt. 

x ) Daher die traumatische Kraft der späteren Störung seines Vortrages 
durch den Direktor. 

2 ) Eine Eifersuchtswahnsinnige und zwei Quärulanten. Einer der letzteren, 
ein Ingenieur, führte sich bei mir mit der Klage ein, „es werde ihm von gewissen 
Männern auf unbekannte Weise die Manneskraft aus den Genitalien gesogen". 



Über die Rolle der Homosexualität usw. 119 

Die Feststellung dieses Vorganges würde uns natürlich vor ein 
größeres Problem, vor das der „Neurosenwahl" (Freud), stellen, 
vor die Frage nämlich: welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit 
aus der infantilen Doppel tgeschlechtlichkeit, der Ambisexualität 1 ), 
das normale Überwiegen der Heterosexualität, die homosexuelle 
Neurose oder die Paranoia hervorgehe. 

x ) Ich schlage vor, anstatt des Ausdrucks „bisexuelle Anlage" in der Psy- 
chologie den Terminus Ambisexualität zu gebrauchen. Dadurch wäre es 
angedeutet, daß wir unter dieser Disposition nicht das Vorhandensein männ- 
licher und weiblicher Materie (Fließ) im Organismus, oder männlicher und weib- 
licher Libido in der Psyche verstehen, sondern die psychische Fähigkeit desKindes, 
se i ne — ursprünglich objektlose — Erotik dem männlichen oder dem weib- 
lichen oder beiden Geschlechtern zuzuwenden, sich an eines der Geschlechter 
oder an beide zu fixieren. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 

Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. 

Von C. G. Jung. 



ERSTER TEIL. 

I. 

Einleitung. 

Donc comme c'est la theorie qui donne leur valeur et leur 
signification aux faits, eile est souvent tres utile, meme si eile est 
partiellement fausse; car eile jette la lumiere sur des phenomenes 
auxquels personne ne faisait attention, force ä examiner sous 
plusieurs faces des faits que personne n'etudiait auparavant, et 
donne l'impulsion ä des recherches plus etendues et plus lieureuses. 

— C'est donc un devoir moral de l'homme de science de 
s'exposer ä commettre des erreurs et ä subir des critiques, pour 
que la science avance toujours. — Un ecrivain — a vivement 
attaque l'auteur en disant que c'est lä un ideal scientifique bien 
restreint et bien mesquin. Mais ceux qui sont doues d'un esprit 
assez serieux et froid pour ne pas croire que tout ce qu'ils ecrivent 
est l'expression de la verite absolue et eternelle, approuvent cette 
theorie qui place les raisons de la science bien au dessus de la 
miserable vanite et du mesquin amourpropre du savant. 

Guillaume Ferrero: 
Les lois psychologiqu.es du symbolisme. 1895. Preface pag. VIII. 

Wer Freuds Traumdeutung ohne wissenschaftliche Empörung 
wider die Neuheit und anscheinend ungerechtfertigte Kühnheit ihres 
analytischen Verfahrens und ohne sittliche Entrüstung über die er- 
staunliche Nudität der Traumdeutungen lesen konnte, wer also ruhig 
und vorurteilsfrei diesen besonderen Stoff auf sich konnte wirken 
lassen, dem wird wohl kaum ein tiefer Eindruck entgangen sein bei 



Wandlungen und Symbole der Libido. 121 

jener Stelle, wo Freud (S. 185) die Tatsache in Erinnerung ruft, daß 
ein individualpsychologischer Konflikt, nämlich die Inzestphantasie, die 
wesentliche Wurzel des gewaltigen antiken Dramenstoffes, der ödipus- 
sage ist. Der Eindruck, den dieser einfache Hinweis macht, läßt sich 
vergleichen mit jenem ganz besonderen Gefühl, das uns befällt, wenn 
wir z. B. im Lärm und Gewühl einer modernen städtischen Straße auf 
ein antikes Relikt — das korinthische Kapital einer eingemauerten 
Säule oder ein Inschriftenfragment — stoßen. Eben waren wir dem ge- 
räuschvollen ephemeren Treiben der Gegenwart ganz hingegeben, da 
erscheint uns etwas sehr Fernes und Fremdes, das unseren Blick auf 
Dinge anderer Ordnung lenkt: ein Aufblicken vom unübersichtlichen 
Vielerlei der Gegenwart zu einem höheren Zusammenhang im 
Historischen. Wir werden uns plöztlich entsinnen, daß an dieser Stelle, 
wo wir jetzt geschäftig hin und her laufen, auch schon 2000 Jahre 
zuvor in etwas anderen Formen ein ähnliches Leben und Treiben 
herrschte, ähnliche Leidenschaften die Menschen bewegten, und die 
Menschen auch von der Einzigartigkeit ihres Daseins überzeugt waren. 
Diesen Eindruck, den erstmalige Bekanntschaft mit den Monumenten 
der Antike leicht hinterläßt, muß ich jenem vergleichen, den Freuds 
Hinweis auf die Legende des ödipus macht. — Eben noch waren wir 
beschäftigt mit den verwirrenden Eindrücken des unendlich Variabein 
der Individualseele, als plötzlich sich der Blick auf tat auf jene einfache 
Größe der ödipustragödie, diese nie erlöschende Leuchte des griechischen 
Theaters. Diese Erweiterung des Blickes hat etwas von Offenbarung 
an sich. Für uns war die Antike psychologisch ja längst in die Schatten 
der Vergangenheit hinabgesunken; auf der Schulbank konnte man ein 
skeptisches Lächeln kaum miterdrücken, wemi man indiskreterweise 
das Matronenalter der Penelope und die behäbige Jahreszahl der 
Jokaste nachrechnete und das Resultat der Berechnung mit den tragisch- 
erotischen Stürmen der Sage und des Dramas in komische Vergleichung 
brachte. Wir wußten damals nicht (und wer weiß es denn heute noch?), 
daß der Mutter eine alles übersteigende verzehrende Leidenschaft des 
Sohnes gelten kann, die vielleicht sein ganzes Leben untergräbt und 
tragisch zerstört, so daß die Größe des ödipusschicksales als nicht um 
ein Jota übertrieben erscheint. Seltene und als pathologisch empfun- 
dene Fälle, wie Ninon de Lenclos und ihr Sohn 1 ), liegen uns meist 
zu fern, um uns einen lebendigen Eindruck zu geben. Wenn wir aber 

J ) Er soll sich umgebracht haben, als er hörte, daß die von ihm glühend 
verehrte Ninon seine Mutter sei. 



122 CG. Jung. 

den von Freud vorgezeichneten Wegen folgen, gelangen wir zur leben- 
digen Erkenntnis des Vorhandenseins solcher Möglichkeiten, die, zwar 
zu schwach, um den Inzest zu erzwingen, jedoch stark genug sind, Stö- 
rungen der Seele beträchtlichen Umfanges hervorzurufen. Es geht 
nicht ohne anfängliche Empörung des sittlichen Gefühles, solche Mög- 
lichkeiten in sich zuzugeben; Widerstände, die nur allzu leicht den 
Intellekt verblenden und die Selbsterkenntnis dadurch verunmöglichen. 
Gelingt es uns aber, von wissenschaftlicher Erkenntnis Gefühlswer- 
tungen abzustreifen, so ist für uns jener Abgrund, der unsere Zeit von 
der Antike trennt, überbrückt und wir sehen mit Staunen, daß ödipus 
für uns doch noch lebendig ist. Die Bedeutsamkeit eines solchen 
Eindruckes darf nicht unterschätzt werden: Diese Einsicht lehrt uns 
nämlich eine Identität menschlicher Elementarkonflikte, die jenseits 
steht von Zeit und Raum. Was den Griechen mit Schauder ergriff, ist 
immer noch wahr, aber für uns nur dann, wenn wir eine eitle Illusion 
unserer späten Tage aufgeben, nämlich die, daß wir anders, nämlich 
sittlicher seien als die Alten. Es ist uns bloß gelungen zu vergessen, 
daß uns eine unauflösbare Gemeinschaft mit dem Menschen der Antike 
verbindet. Damit eröffnet sich ein Weg zum Verständnisse des antiken 
Geistes, wie er zuvor nicht existiert hat, der Weg eines innerlichen 
Mitfühlens einerseits und eines intellektuellen Verstehens anderseits. 
Auf dem Umwege durch die verschütteten Substruktionen der eigenen 
Seele bemächtigen wir uns des lebendigen Sinnes antiker Kultur und 
eben gerade dadurch gewinnen wir jenen festen Punkt außerhalb der 
eigenen Kultur, von wo aus erst ein objektives Verstehen ihrer Strö- 
mungen möglich wird. Das wenigstens ist die Hoffnung, die wir au3 
der Wiederentdeckung der Unsterblichkeit des ödipusproblemes 
schöpfen. 

Die durch die Arbeit Freuds ermöglichte Fragestellung hat 
bereits befruchtend gewirkt; wir verdanken dieser Anregung einige 
tapfere Angriffe auf das Gebiet der menschlichen Geistesgeschichte. 
Es sind die Arbeiten von Riklin 1 ), Abraham 2 ), Rank 3 ), Maeder 4 ) 

*) Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Eine Studie. Deutieke, 
Wien 1908. 

2 ) Traum und Mythos. Eine Studie zur Völkerpsychologie. Deutieke, 
Wien 1909. 

3 ) Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psychologischen 
Mythendeutung. Deutieke, Wien 1909. 

*) Die Symbolik in den Legenden, Märchen, Gebräuchen und Träumen. 
Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, X. Jahrgang. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 123 

und Jones 1 ), zu denen sich neuerdings Silberer mit einer schönen 
Untersuchung über „Phantasie und Mythus 2 )" gesellt hat. Eine weitere, 
hier nicht zu vergessende Arbeit von einschneidender Bedeutung für 
christliche Keligionspsychologie verdanken wir Pf ist er 3 ). Das Leit- 
motiv dieser Arbeiten ist die Aufschließung historischer Probleme durch 
Anwendung psychoanalytischer, d. h. aus der Tätigkeit der modernen 
unbewußten Seele geschöpften Erkenntnisse auf gegebenen historischen 
Stoff. Ich muß den Leser ganz auf die angegebenen Arbeiten verweisen, 
damit er sich dort über den Umfang und die Art der bereits erlangten 
Einsichten unterrichten kann. In Einzelheiten sind die Deutungen 
vielerorts noch unsicher, was aber das Gesamtresultat keineswegs 
beeinträchtigt; es wäre bedeutend genug, wenn es auch nur die weit- 
reichende Analogie zwischen dem psychologischen Aufbau der histori- 
schen Eelikte und der Struktur rezenter individualpsychologischer 
Produkte demonstrierte. Dieser Nachweis dürfte für jeden Einsichtigen 
durch die bisherigen Arbeiten erbracht sein. Die Analogie herrscht 
namentlich in der Symbolik, wie Riklin, Bank, Mae der und 
Abraham mit einleuchtenden Beispielen gezeigt haben, sodann in 
den einzelnen Mechanismen unbewußter Arbeit, als da sind Verdrängung, 
Verdichtung usw., wie besonders Abraham explicite zeigte. 

Der psychoanalytische Forscher hat bisher in der Hauptsache 
sein Interesse der Analyse individualpsychologischer Probleme zu- 
gewendet. Bei der gegenwärtigen Sachlage aber scheint es mir zu einer 
mehr oder weniger unabweisbaren Forderung für den Psychoanalytiker 
zu werden, die Analyse der Individualprobleme durch Hinzuziehung 
historischen Materiales zu erweitern, wie dies bereits Freud in vor- 
bildlicher Weise in seiner Schrift über Lionardo da Vinci getan hat 4 ). 
Denn genau so wie die psychoanalytischen Erkenntnisse das Ver- 
ständnis historisch - psychologischer Gebilde fördern, können umge- 
kehrt historische Materialien neues Licht über individal psychologische 
Probleme verbreiten. Solche und ähnliche Überlegungen haben mich 

2 ) On the Nightmare. Americ. Journ. of. Insanity. 1910. 

2 ) Jahrbuch 1910, Bd. II. 

3 ) Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Ein psycho- 
analytischer Beitrag zur Kenntnis der religiösen Sublimationsprozesse und zur 
Erklärung des Pietismus. Deuticke, Wien 1910. (Vielsagende Hinweise bringt 
uns Freuds Arbeit: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Deuticke, 
Wien 1910.) 

4 ) Ebenso Rank in Jahrbucb, Bd. IL, S. 465 ff. 



124 C. G. Jung. 

veranlaßt, meine Aufmerksamkeit etwas mehr dem Historischen zuzu- 
wenden, in der Hoffnung, von dorther neue Einsichten in die Grund- 
lagen der Individualpsychologie zu gewinnen. 

II. 

Über die zwei Arten des Denkens. 

Bekanntlich ist es einer der Grundsätze der analytischen Psy- 
chologie, daß die Traumbilder symbolisch zu verstehen seien, daß 
man sie nämlich nicht buchstäblich zu nehmen habe, wie sie sich im 
Schlafe präsentieren, sondern daß man hinter ihnen einen verborgenen 
Sinn zu vermuten habe. Dieser altertümliche Gedanke einer Traum- 
symbolik ist es, der nicht nur Kritik, sondern geradezu heftigste Op- 
position herausgefordert hat. Es scheint nun dem gemeinen Menschen- 
verstände nichts so Unerhörtes zu sein, daß der Traum etwas Sinnvolles 
und daher etwas Deutbares sei, damit wird ja nur eine den Menschen 
seit Jahrtausenden geläufige, darum soviel wie banale Wahrheit aus- 
gesprochen. Man erinnert sich noch von der Schulbank her, von den 
ägyptischen und chaldäischen Traumdeutern gehört zu haben. Man 
hörte von Josef, der die Träume des Pharao deutete; man hörte auch 
von des Artemidoros Traumbuch. Aus unzähligen schriftlichen Denk- 
mälern von allen Zeiten und Völkern wissen wir von bedeutsamen und 
weissagenden, von unheilkündenden und auch von den heilenden 
Träumen, welche der Gott den im Tempel schlafenden Kranken schickte. 
Wir kennen den Traum der Mutter des Augustus, welche träumte, 
sie werde von der in eine Schlange verwandelten Gottheit geschwängert. 
Wir wollen die Hinweise und Beispiele nicht häufen, um die Existenz 
eines Glaubens an die Symbolik des Traumes zu bezeugen. Wenn eine 
Wahrheit so alt ist und so allgemein geglaubt wird, so wird sie auch 
irgend wie wahr sein, und zwar, wie dies meistens der Fall ist, nicht 
real wahr, sondern psychologisch wahr. [Dieser Unterschied 
trägt die Schuld, daß das wissenschaftliche Banausentum von Zeit 
zu Zeit ein altes Wahrheitserbstück weggeworfen hat, weil es nicht 
real, sondern psychologisch wahr gewesen ist, wofür diese Art Leute 
noch zu keiner Zeit ein Verständnis gehabt haben. ] 

Es ist für unsere Erfahrung kaum denkbar, daß ein außer uns 
existierender Gott den Traum verursacht, oder daß der Traum eo ipso 
prophetisch das Zukünftige voraussehe. Übersetzen wir dies aber ins 



Wandlungen und Symbole der Libido. 125 

Psychische, so lautet die antike Auffassung schon viel versöhnlicher, 
nämlich: der Traum entsteht aus einem uns nicht bekannten, 
aber wichtigen Teil der Seele und beschäftigt sich mit den 
Wünschen für den morgenden Tag. Diese aus der antiken 
abergläubischen Auffassung des Traumes abgeleitete psychologische 
Formulierung deckt sich sozusagen genau mit der Freudschen Psy- 
chologie, die einen aus dem Unbewußten aufsteigenden Wunsch als 
Traumquelle annimmt. 

Wie der alte Glaube sagt, spricht die Gottheit oder der Dämon 
in symbolischer Sprache zum Schlafenden, und der Traumdeuter hat 
die Eätselsprache aufzulösen. In moderner Sprache heißt es, der Traum 
sei eine Serie von Bildern, die anscheinend widerspruchs- 
voll und unsinnig sind, aber aus einem psychologischen 
Material abstammen, das einen klaren Sinn ergibt. 

Sollte ich bei meinen Lesern eine weitgehende Unkenntnis der 
Traumanalyse vorauszusetzen haben, so müßte ich diesen Satz wohl 
mit vielfachen Beispielen belegen. Heutzutage sind jedoch diese Dinge 
schon zu bekannt, so daß man schon aus Kücksicht auf ein psycho- 
analytisch gebildetes Publikum mit alltäglicher Traumkasuistik sparsam 
verfahren muß, um nicht langweilig zu werden. Ein besonderer Übel- 
stand ist es, daß man keinen Traum erzählen kann, ohne nachher eine 
halbe Lebensgeschichte hinzufügen zu müssen, die die individuellen 
Grundlagen des Traumes darstellt. Es gibt einige wenige typische 
Träume, welche sich ohne zu großen Ballast erzählen lassen. Einer 
davon ist der Traum der sexuellen Gewalttat, der besonders bei Frauen 
sehr häufig ist. Ein Mädchen, das nach fröhlich durchtanzter Nacht 
einschläft, träumt: Ein Räuber breche mit Gepolter ihre Tür auf 
und durchbohre ihren Leib mit einer Lanze. 

Dieses Thema, das unmittelbar verständlich ist, hat unzählige 
Varianten, die bald einfach, bald kompliziert sind. Anstatt der Lanze 
ist es ein Schwert, ein Dolch, ein Revolver, ein Gewehr, eine Kanone, 
ein Hydrant, eine Gießkanne, oder die Gewalttat ist ein Einbruch, 
eine Verfolgung, ein Diebstahl, oder es ist jemand im Schrank oder unter 
dem Bette verborgen. Oder die Gefahr wird durch wilde Tiere ver- 
anschaulicht, z. B. ein Pferd, das die Träumerin zu Boden wirft und 
ihr mit dem Hinterbein in den Leib stößt, Löwen, Tiger, Elefanten 
mit bedrohlichem Rüssel und schließlich Schlangen in endloser Ab- 
wandlung. 

Bald kriecht die Schlange in den Mund, bald beißt sie in die 



126 CG. Jung. 

Brust, wie Kleopatras legendäre Schlange, bald gefällt sie sich in der 
Kolle der paradiesischen Schlange oder in den Variationen von Franz 
Stuck, dessen Schlangenbilder die bedeutsamen Namen: das Laster, 
die Sünde und die Wollust führen. Die Stimmung der Bilder drückt 
auch unvergleichlich die Mischung von Wollust und Angst aus, weit 
brutaler allerdings als Mörikes reizvolles Gedicht : 

Erstes Liebeslied eines Mädchens. 

Was im Netze? Schau einmal! 

Aber ich bin bange; 

Greif ich einen süßen Aal? 

Greif ich eine Schlange? 

Lieb ist blinde 

Eischerin ; 

Sagt dem Kinde, 

Wo greift's hin? 

Schon schnellt rnir's in Händen. 

Ach Jammer, oh Lust! 

Mit Schmiegen und Wenden 

Mir schlüpft's an die Brust. 

Es beißt sich, oh Wunder, 

Mir keck durch die Haut, 

Schießt's Herze hinunter. 

Liebe, mir graut! 

Was tun, was beginnen? 

Das schaurige Ding, 

Es schnalzet da drinnen 

Und legt sich im Ring. 

Gift muß ich haben. — 

Hier schleicht es herum, 

Tut wonniglich graben 

Und bringt mich noch um. 

Alle diese Dinge sind einfach und bedürfen keiner Erklärung, 
um verständlich zu sein. Etwas komplizierter, aber immerhin noch 
unmißverständlich ist der Traum einer Dame: sie sieht den Triumph- 
bogen des Konstantin. Davor steht eine Kanone, rechts davon ein 
Vogel, links ein Mann. Ein Schuß blitzt aus dem Kohre, das Projektil 
trifft sie, es geht in die Tasche, ins Portemonnaie. Dort liegt es still 
und sie hält das Portemonnaie, wie wenn etwas sehr Kostbares darin 
wäre. Da verschwindet das Bild und sie sieht nur noch das Kanonenrohr 
und darüber steht der Wahlspruch des Konstantin: In hoc signo 
vinces. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 127 

Diese wenigen Hinweise auf die Symbolnatur des Traumes mögen 
genügen. Wem das als Nachweis ungenügend vorkommt (für jeden 
Anfänger ist es auch wirklich ungenügend), den verweise ich auf die 
grundlegende Arbeit Freuds und auf die weiter ins einzelne dringenden 
Arbeiten von Stekel (dieses Jahrbuch 1909) und Kank (dieses Jahr- 
buch 1910). Wir müssen hier mit der Traumsymbolik als vollendeter 
Tatsache rechnen, um die nötige Ernsthaftigkeit für die Bewunderung 
dieser Tatsache aufzubringen. Sonst gelingt es nicht, erstaunt zu 
sein darüber, daß in unsere bewußte Seelentätigkeit ein geistiges Gebilde 
hineinragt, das anscheinend so ganz anderen Gesetzen und anderen 
Zwecken gehorcht als das bewußte seelische Produkt. 

Warum sind die Träume symbolisch? Jedes ,, Warum" in 
der Psychologie löst sich in zwei getrennte Fragestellungen auf: Erstens, 
Wozu sind die Träume symbolisch? Diese Frage wollen wir nur 
beantworten, um sie gleich zu verlassen. Die Träume sind symbolisch, 
damit man sie nicht versteht, damit der Wunsch, der dahinter als 
Traumquelle liegt, unverstanden bleibe. Warum dies so und nicht 
anders ist, diese Frage führt in die weitläufigen Erfahrungen und 
Gedankengänge der Freudschen Psychologie hinaus. Uns interessiert 
hier die zweite Fragestellung, nämlich: Woher kommt es, daß 
die Träume symbolisch sind? Das heißt, woher kommt diese 
Fähigkeit symbolischer Darstellung, von der wir doch in unserem 
bewußten täglichen Denken anscheinend keine Spuren zu entdecken 
vermögen? Sehen wir einmal näher zu: Können wir wirklich in un- 
serem Denken nichts Symbolisches entdecken? Verfolgen wir unsere 
Gedankengänge, nehmen wir ein Beispiel: Wir denken über den Krieg 
1870 — 1871. Wir denken an die Eeihen von blutigen Schlachten, die 
Belagerung von Straßburg, Beifort, Paris, den Friedensschluß, die 
Gründung des Deutschen Reiches usw. Wie haben wir gedacht? Wir 
nehmen eine Ausgangsvorstellung oder Obervorstellung, wie man sie 
auch nennt und ohne an sie jedesmal zu denken, sondern bloß von 
einem Richtungsgefühl geleitet, dachten wir über die Einzelreminis- 
zenzen des Krieges. Hierin können wir nichts Symbolisches finden 
und nach diesem Typus verläuft doch unser ganzes bewußtes Denken 1 ). 



2 ) Vgl. Liepmann: Über Ideenflucht, Halle 190-4, ferner Jung: Diagnost. 
Assoc.-Stud., S. 103 ff. Denken als Unterordnung unter eine herrschende Vor- 
stellung: vgl. Ebbinghaus: Kultur der Gegenwart, S. 221 ff. Külpe (Gr. d. Psy- 
chologie, S. 464) spricht sich ähnlich aus: „Beim Denken handelt es sich um eine 
antizipierende Apperzeption, die teils einen größeren, teils einen kleineren Kreis 



128 C. G. Jung. 

Wenn wir unser Denken ganz aus der Nähe betrachten und einen 
intensiven Gedankengang verfolgen, z. B. die Auflösung irgend eines 
schwierigen Problemes, so merken wir plötzlich, daß wir in Worten 
denken, daß wir bei ganz intensivem Denken mit uns selber zu sprechen 
anfangen und daß wir auch gelegentlich das Problem aufschreiben 
oder zeichnen, um ganz klar zu sein. Wer längere Zeit im Gebiet einer 
fremden Sprache gelebt hat, dem wird es gewiß aufgefallen sein, daß 
er nach einiger Zeit anfing in der Sprache des Landes zu denken. Ein 
sehr intensiver Gedankengang spielt sich also in mehr oder weniger 
sprachlicher Form ab, d. h. wie wenn man ihn sagen, ihn lehren 
oder jemand davon überzeugen wollte. Er richtet sich offenbar 
ganz nach außen. Insofern ist uns ja das gerichtete oder das logische 
Denken ein Wirklichkeitsdenken 1 ), d. h. ein Denken, das sich der 
Wirklichkeit anpaßt 2 ), wo wir, mit anderen Worten ausgedrückt, die 
Sukzession der obj ektiv - realen Dinge nachahmen, so daß 
sich die Bilder in unserem Kopfe in derselben streng kausalen Reihe 
folgen wie die historischen Ereignisse außerhalb unseres Kopfes 3 ). Wir 
nennen dieses Denken auch Denken mit gerichteter Aufmerksamkeit. 
Es hat außerdem die Eigentümlichkeit, daß man davon ermüdet, und 
daß es deshalb nur zeitweise in Funktion gesetzt wird. Unsere ganze, 
so kostspielige vitale Leistung ist Anpassung an die Umgebung, ein 
Teil davon ist das gerichtete Denken, das, biologisch ausgedrückt, 
nichts als ein psychischer Assimilationsprozeß ist, der, wie jede vitale 
Leistung, eine entsprechende Erschöpfung hinterläßt. 

einzelner Reproduktionen beherrscht und sieh nur durch die Konsequenz, mit der 
alles diesem Kreise Fernstehende zurückgehalten oder verdrängt wird, von zu- 
fälligen Reproduktionsmotiven unterscheidet." 

x ) In seiner Psychologia empirica rneth. seientif. pertraet. etc. 1732, § 23, 
sagt Christian Wolff einfach und präzise: „Cogitatio est actus animae quo 
sibi rerumque aliarum extra se conscia est." 

2 ) Das Anpassungsmoment wird besonders von William James (Psy- 
chologie, Übersetzung von Dürr, 1909) in seiner Definition des logischen Denkens 
hervorgehoben (S. 353). „Wir wollen diese Gesehiektheit, neuen Tatsachen 
gerecht zu werden, alsdieDifferentiaspecificades logischen Denkens betrachten. 
Dadurch wird es genügend von dem gewöhnlichen assoziativen Denken unter- 
schieden." 

3 ) „Gedanken sind Schatten unserer Empfindungen, immer dunkler, 
leerer, einfacher als diese," sagt Nietzsche. Lotze (Logik, S. 552) drückt sieh 
hierüber folgendermaßen aus: „Das Denken, den logisehen Gesetzen seiner Bewegung 
überlassen, trifft am Ende seines riehtig durchlaufenen Weges weder mit dem 
Verhalten der Sachen zusammen." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 129 

Der Stoff, womit wir denken, ist Sprache und sprachlicher 
Begriff, ein Ding, das von jeher Außenseite und Brücke war und 
das eine einzige Bestimmung, nämlich die der Mitteilung hat. Solange 
wir gerichtet denken, denken wir für andere und sprechen zu an- 
deren 1 ). 

Die Sprache ist ursprünglich ein System von Emotions- und 
Imitationslauten, Laute, die Schreck, Furcht, Zorn, Liebe usw. aus- 
drücken, und Laute, die die Geräusche der Elemente nachahmen, das 
Rauschen und Gurgeln des Wassers, das Rollen des Donners, das Brausen 
des Windes, die Töne der Tierwelt usw. und schließlich Laute, die eine 
Kombination des Lautes der Wahrnehmung und des Lautes der affek- 
tiven Reaktion darstellen 2 ). Auch in der mehr oder weniger modernen 
Sprache sind noch massenhaft onomatopoetische Relikte erhalten. 
2i. B. Laute für Wasserbewegung : 

rauschen, rieseln, rüschen, rinnen, rennen, to rush, ruscello, 
ruisseau, river, Rhein. 

Wasser, wissen, wissern, pissen, piscis, Fisch. 

So ist die Sprache ursprünglich und wesentlich nichts als ein 
System von Zeichen oder Symbolen, welche reale Vorgänge oder ihren 
Widerhall in der menschlichen Seele bezeichnen 3 ). 

So muß man Anatole France 4 ) entschieden beipflichten, wenn 
er sagt: ,,Et qu'est-ce que penser? Et comment pense-t-on? Nous 
pensons avec des mots; cela seul est sensuel et ramene ä la nature. 
Songez-y, im metaphysicien n'a, pour constituer le Systeme du monde, 
que le cri perfectionne des singes et des chiens. Ce qu'il appelle Speku- 
lation profonde et methode transcendante, c'est de mettre bout ä bout 



2 ) Vgl. unten die Ausführungen Baldwins. Der philosophische Sonderling 
Johann Georg Hamann (1730 bis 1788) setzte sogar Vernunft und Sprache 
identisch. (Siehe Hamanns Schriften, herausgegeben von Roth, Berlin, 1821 ff.) 
Bei Nietzsche kommt die Vernunft als „Sprachmetaphysik" noch schlechter weg. 
Am weitesten geht Fr. Mauthner (Sprache und Psychologie, 1901); für ihn existiert 
überhaupt kein Denken ohne Sprache, und nur Sprechen ist Denken. Beherzigens- 
wert ist sein Gedanke des in der Wissenschaft herrschenden „Wortfetischismus". 

2 ) Vgl. Kleinpaul: Das Leben der Sprache. 3 Bände. Leipzig, 1893. 

3 ) Wie es aber mit der Subjektivität von dergleichen anscheinend ganz 
dem Subjekt zugehörigen Symbolen ursprünglich ausgesehen haben mag, davon 
gab mir mein kleiner Junge ein ausdrückliches Exempel: er bezeichnete nämlich 
alle?, was er gerne genommen oder gegessen hätte, mit dem energischen Rufe 
„sto lö!" ((Schweizerdeutsch für „stehen lassen!"). 

*) Jardin d'Epicure, S. 80. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, m. 9 



130 C. G. Jung. 

dans un ordre arbitraire, les onomatopees qui criaient la faim, la peur 
et l'amour dans les forets primitives et auxquelles se sont attachees 
peu ä peu des significations qu'on croit abstraites quand elles sont 
seulement relächees. 

N'ayez pas peur que cette suite de petits cris eteints et affaiblis 
qui composent un livre de philosophie nous en apprenne trop sur Tuni- 
vers pour que nous ne puissions plus y vivre." 

So ist unser gerichtetes Denken, und sollten wir die einsamsten 
und weltfernsten Denker sein, nichts als die Vorstufe eines langgezogenen 
Eufes an die Genossen, daß Einer frisches Wasser gefunden, daß er den 
Bären erlegt, daß ein Sturm nahe oder Wölfe das Lager umschleichen. 
Ein treffendes Paradox Abaelards, das ahnungsvoll die ganze mensch- 
liche Beschränktheit unserer komplizierten Denkleistung ausdrückt, 
lautet: „Sermo generatur ab intellectu et generat intellec- 
tum." Ein noch so abstraktes System der Philosophie stellt also in 
Mittel und Zweck nichts anderes dar als eine äußerst kunstvolle Kom- 
bination ursprünglicher Naturlaute 1 ). Daher der Drang eines Scho- 
penhauer, eines Nietzsche nach Anerkennung und Verständnis, die 
Verzweiflung und die Bitterkeit ihres Alleinseins. Man könnte ja 
vielleicht erwarten, ein genialer Mensch könne sich an der Größe seines 
eigenen Gedankens weiden und auf den billigen Beifall der von ihm 
verachteten Menge verzichten; er unterliegt aber dem mächtigeren 
Triebe des Herdeninstinktes, sein Suchen und sein Finden, sein Ruf 
gilt unweigerlich der Herde und muß gehört werden. 

Wenn ich eben sagte, daß das gerichtete Denken eigentlich ein 
Denken in Worten sei, und das geistreiche Zeugnis des AnatoleFrance 
als drastischen Beleg dafür anführte, so könnte daraus leicht das Miß- 
verständnis entstehen, das gerichtete Denken sei wirklich allemal bloß 
„Wort". Das ginge allerdings zuweit. Sprache ist aber in einem 
weiteren Umfange zu fassen als z. B. dem der Rede, welche an sich 



*) Es ist wohl kaum zu ermessen, wie groß der verführerische Einfluß der 
primitiven Wortbedeutungen auf das Denken ist. — „Alles, was je im Bewußtsein 
gewesen ist, bleibt als ein wirksames Moment im Unbewußten," sagt Hermann 
Paul (Prinzipien der Sprachgeschichte, IV. Auflage, 1909, S. 25.). Die alten Wort- 
bedeutungen wirken nach, und zwar in zunäehst unmerkbarer Weise „aus diesem 
dunkeln Räume des Unbewußten in der Seele" (Paul). Sehr unzweideutig drückt 
sieh der oben erwähnte J. G. Hamann (1. c.) aus: „Die Metaphysik mißbraucht 
alle Wortzeichen und Redefiguren unserer empirischen Erkenntnis zu lauter 
Hieroglyphen und Typen ideahscher Verhältnisse". Es geht die Rede, daß Kant 
einiges von Hamann gelernt habe. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 131 

nur der Ausfluß des formulierten, der Mitteilung im weitesten Sinne 
fälligen Gedankens ist. Sonst müßte ja der Taubstumme in seiner 
Denkfähigkeit aufs äußerste beschränkt sein, was doch nicht der Fall 
ist. Er hat auch ohne Kenntnis der Rede seine „Sprache". Historisch 
ist diese ideelle Sprache oder, mit anderen Worten, das gerichtete 
Denken doch ein Abkömmling der Urworte, wie z. B. Wundt 1 ) 
ausführt : 

„Eine weitere wichtige Folge jenes Zusammenwirkens von Laut- 
imd Bedeutungswandel besteht darin, daß zahlreiche Wörter allmählich 
ihre ursprüngliche konkret-sinnliche Bedeutung ganz verlieren und in 
Zeichen für allgemeine Begriffe und für den Ausdruck der apperzep- 
tiven Funktionen der Beziehung und Vergleichung und ihrer Produkte 
übergehen. Auf diese Weise entwickelt sich das abstrakte Denken, das, 
weil es ohne den zugrunde liegenden Bedeutungswandel nicht möglich 
wäre, selbst erst ein Erzeugnis jener psychischen und psychophysischen 
Wechselwirkungen ist, aus denen sich die Entwicklung der Sprache 
zusammensetzt." 

Jodl 2 ) verwirft die Identität von Sprache und Denken, weil 
z. B. ein und derselbe psychische Tatbestand in verschiedenen Sprachen 
auf verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Er schließt daraus 
auf die Existenz eines „übersprachlichen" Denkens. Gewiß gibt es ein 
solches, ob man es nun mit Er d mann als „hypologisch" oder mit 
Jodl als „übersprachlich" bezeichnen will, nur ist dies kein logisches 
Denken. Meine Auffassung begegnet sich mit den bemerkenswerten 
Ausführungen Baldwins, die ich in Geisses Übersetzung wörtlich 
hierher setzen will 3 ): „Der Übergang vom Ideensystem der Vorstufen 
des Urteils zu dem des Urteils, ist genau der von einem Wissen, welches 
soziale Bestätigung findet, zu dem, welches derselben entraten kann. 
Die im Urteile verwendeten Begriffe sind diejenigen, welche durch die 
Bestätigungen des sozialen Verkehrs bereits in ihren Voraussetzungen 
und Implikationen ausgebildet worden sind. Auf diese Weise projiziert 
das persönliche Urteil, welches in den Methoden der sozialen Wieder- 
gabe geschult, durch die Wechselwirkungen seiner sozialen Welt ge- 
festigt worden ist, seinen Inhalt wieder in diese Welt hinein. Mit an- 



x ) Grundriß der Psychologie, S. 3G5. 

2 ) Lehrbuch der Psychologie X 2G. 

3 ) James Mark Baldwin: Das Denken und die Dinge oder genetische 
Logik. Eine Untersuchung der Entwicklung und der Bedeutung des Denkens. 
(Leipzig, 1910, Bd. II, S. 175 ff.) Englischer Titel: Thought and Things. 

9* 



132 C. G. Jung. 

deren Worten, die Grundlage jeder Bewegung, die zur Behauptung 
des individuellen Urteils führt, das Niveau, von welchem aus neue 
Erfahrung nutzbar gemacht wird, ist zu jeder Zeit bereits sozialisiert, 
und gerade diese Bewegung ist es, welche wir im tatsächlichen Ergebnis 
als das Gefühl der „Angemessenheit" oder die synnomische Eigen- 
tümlichkeit des Inhalts wieder erkennen, welcher zum Ausdrucke 
kommt." 

„Wie wir sehen werden, erfolgt die Entwicklung des Denkens 
im wesentlichen durch eine Methode des Versuches und Irrtumes, des 
Experimentes, wobei Inhalte in einer Weise benutzt werden, als hätten 
sie tatsächlich höheren Wert als denjenigen, welcher ihnen bis jetzt 
zuerkannt wurde. Der einzelne ist gezwungen, seine alten Gedanken, 
sein festgestelltes Wissen, seine folgerechten Urteile zum Aufbaue seiner 
neuen erfinderischen Konstruktionen heranzuziehen. Er führt seinen 
Gedanken, wie wir sagen „schematisch" oder, wie die Logik es nennt, 
problematisch, aus, d. h. bedingungsweise, disjunktiv; er schickt eine 
Ansicht, die noch seine eigene, persönliche ist, in die Welt hinaus, als 
wäre sie wahr. Jede Methode der Entdeckung bedient sich eines der- 
artigen Verfahrens. Sie bedient sich aber damit, vom sprachlichen 
Gesichtspunkte, noch immer der Umgangssprache, sie verwendet damit 
noch immer Ideen, deren sich die soziale und übereinkömmliche Rede- 
weise bereits bemächtigt hat." 

„Durch dieses Experimentieren werden sowohl das Denken als 
die Sprache gleichzeitig gefördert." 

„Die Sprache wächst daher genau so, wie das Denken wächst, 
indem sie niemals ihren synnomischen oder zweigliedrigen Hinweis 
verliert; ihre Bedeutung ist sowohl persönlich als sozial." 

„Die Sprache ist das Verzeichnis überlieferten Wissens, die 
Chronik nationaler Eroberungen, die Schatzkammer für alle durch das 
Genie der einzelnen erzielten Errungenschaften. Das auf diese Weise 
gebildete System sozialer „Vorbilder" gibt die Urteilsvorgänge der 
Rasse ab; und es wird seinerseits zur Pflanzschule des 
Urteiles neuer Generationen." 

„Bei weitem der größte Teil der Schulung des Ich, mit der sie 
begleitenden Rückführung der Unsicherheit der persönlichen Reaktion, 
Tatsachen und Vorstellungen gegenüber, auf die fundierte Grundlage 
gesunden Urteiles erfolgt durch die Benutzung der Sprache. Wenn 
das Kind spricht, unterbreitet es der AVeit Fingerzeige für die Fest- 
legung einer allgemeinen und gemeinsamen Bedeutung. Der Empfang, 



Wandlungen und Symbole der Libido. 133 

welcher denselben zuteil wird, bestätigt oder widerlegt seinen Vorschlag. 
Im einen wie im andern Falle hat der Vorgang Belehrung zur Folge. 
Das nächste Wagnis des Kleinen erfolgt dann von einer Stufe des 
Wissens aus, auf welcher die neuere Einzelheit schon mehr dasjenige, 
was in die gemeine Münze effektiven Verkehres umsetzbar ist. Was 
hier Beachtung verdient, ist nicht so sehr der genaue Mechanismus 
des Austausches, die soziale Umsetzung, durch welche dieser Gewinn 
gesichert wird, als die, vermöge seiner unausgesetzten Benutzung 
dargebotene Schulung im Urteile. In jedem einzelnen Falle ist das 
wirksame Urteil auch das gemeinsame Urteil." 

„Hier wollen wir zeigen, daß dieses Urteil durch die Entwicklung 
einer Funktion erzielt wird, deren Entstehen in gerader Linie ad hoc 
ist — die direkt auf jene soziale Experimentation abzielt, durch welche 
die Ausbildung in sozialer Befähigung gleichfalls gefördert wird — 
der Funktion der Sprache. Wir haben daher — in der Sprache das 
greifbare, tatsächliche und historische Werkzeug der Entwicklung und 
Erhaltung psychischer Bedeutung. Sie legt zutreffendes Zeugnis ab und 
erbringt den Beweis für die Übereinstimmung des sozialen und per- 
sönlichen Urteiles. In ihr wird die synnomische, durch das Urteil für 
angemessen erklärte, zur „sozialen" Bedeutung, die als sozial verall- 
gemeinert und anerkannt gilt." 

Diese Ausführungen Baldwins betonen ausgiebig die weitgehend 
durch die Sprache verursachte Bedingtheit des Denkens 1 ), die sowohl 
subjektiv (intrapsychisch) als auch objektiv (sozial) von größter 
Bedeutung ist; wenigstens von so großer, daß man sich wirklich fragen 
muß, ob nicht am Ende der hinsichtlich der Selbständigkeit des Denkens 
durchaus skeptische Fr. Mauthner' 2 ) nicht am Ende doch recht hat 
mit seiner Ansicht, daß das Denken Sprache ist und nichts weiter. 
Baldwin drückt sich vorsichtiger und reservierter, aber unter der 
Hand doch eigentlich recht deutlich zugunsten des Primates der Sprache 
(natürlich nicht im Sinne der „Hede") aus. 

Das gerichtete oder, wie wir es vielleicht auch kennen könnten, 



*) Ich erwähne nebenbei, daß Eberschw eiler auf meine Veranlassung 
experimentelle „Untersuchungen über den Einfluß der sprachlichen Komponente 
auf die Assoziation" (Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, 1908) angestellt 
hat, welche die bemerkenswerte Tatsache enthüllten, daß beim Assoziations- 
experiment die intrapsychische Assoziation durch phonetische Rücksichten 
gebeugt wird. 

2 ) Siehe oben in der Fußnote. 



134 CG. Jung. 

das sprachliche Denken ist das offenkundige Instrument der 
Kultur und wir gehen nicht fehl, wenn wir sagen, daß die gewaltige 
Erziehungsarbeit, die die Jahrhunderte dem gerichteten Denken haben 
angedeihen lassen, eben durch die eigenartige Herauswicklung des 
Denkens aus dem Subjektivindividuellen ins Objektivsoziale, eine An- 
passungsleistung des menschlichen Geistes erzwungen hat, der wir 
moderne Empirie und Technik, dieses absolut Erstmalige in der Welt- 
geschichte verdanken. Das haben frühere Jahrhunderte nicht gekannt. 
Es hat neugierige Köpfe schon öfter gereizt, sich zu fragen, warum 
wohl die zweifellos hochstehenden mathematischen, mechanischen und 
Materialkenntnisse im Vereine mit der beispiellosen Kunst der mensch- 
lichen Hand in der Antike nie dazu gekommen sind, jene bekannten 
technischen Ansätze (z. B. die Prinzipien der einfachen Maschinen) 
über das Spielerische und Kuriose hinaus zur wirklichen Technik im 
modernen Sinne zu entwickeln. Es gibt darauf notwendig nur eine 
Antwort: Die Alten ermangelten, mit Ausnahme weniger erlauchter 
Geister, durchgehends der Fähigkeit, ihr Interesse derart den Ver- 
änderungen der unbelebten Materie folgen zu lassen, daß sie imstande 
waren, schöpferisch und künstlich den Naturvorgang wieder zu erzeugen, 
wodurch allein sie sich in Besitz der Naturkraft hätten setzen können. 
Es fehlte am Training des gerichteten Denkens (oder psychoanalytisch 
ausgedrückt: es gelang den Alten nicht, sublimierbare Libido aus 
anderweitigen natürlichen Beziehungen loszureißen und willkürlich 
nicht anthropomorphisierten oder sonstwie angeglichenen Materien 
zuzuwenden. Denn das Geheimnis der Kulturentwicklung ist die 
Beweglichkeit und Verlagerungsfähigkeit der Libido. Es 
ist daher anzunehmen, daß das gerichtete Denken unserer Zeit 
eine mehr oder weniger moderne Errungenschaft ist, die früheren 
Zeiten fehlte. 

Damit kommen wir aber zu einer weiteren Frage, was nämlich 
geschieht, wenn wir nicht gerichtet denken: dann fehlt unserem Denken 
die Obervorstellung und das hieraus emanierende Kichtungsgefühl 1 ). 



J ) So erscheint dieses Denken wenigstens dem Bewußtsein. Freud bemerkt 
dazu (Traumdeutung, II. Auflage, S. 325): „Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, 
daß wir uns einem ziellosen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir — unser Nach- 
denken fallen und die ungewollten Vorstellungen auftauchen lassen. Es läßt sich 
zeigen, daß wir immer nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verziehten 
können und dann mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte — wie wir ungenau 
sagen, unbewußte — Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf 



Wandlungen und Symbole der Libido. 135 

Wir zwingen unsere Gedanken nicht mehr auf bestimmte Geleise, 
sondern lassen sie schweben, sinken und steigen nach ihrer eigenen 
Schwere. Nach Külpe 1 ) ist das Denken eine Art „innerer Willens- 
handlung", deren Fehlen notwendigerweise zu einem „automatischen 
Spiel der Vorstellungen" führt. James 2 ) faßt das nicht gerichtete 
Denken oder „bloß assoziative" Denken als das gewöhnliche auf. Er 
äußert sich darüber folgendermaßen: „Unser Denken besteht zum 
großen Teil aus Reihen von Bildern, von denen eines das andere herbei- 
führt, aus einer Art passiver Träumerei, deren die höheren 
Tiere wahrscheinlich auch fähig sind 3 ). Diese Art des Denkens 
führt dessenungeachtet zu vernünftigen Schlüssen sowohl praktischer 
als theoretischer Natur." 

,,In der Regel sind bei dieser Art unverantwortlichen Denkens 
die Glieder, die zufällig miteinander verbunden werden, empirische 
Konkreta, keine Abstraktionen." 

Wir können diese Bestimmungen William James' noch folgen- 
dermaßen ergänzen : Dieses Denken ist mühelos, führt von der Realität 
bald weg in Phantasien der Vergangenheit und Zukunft. Hier hört 
das Denken in Sprachform auf, Bild drängt sich an Bild, Gefühl an 
Gefühl 4 ), immer deutlicher wagt sich eine Tendenz hervor, die alles 



der ungewollten Vorstelhingen determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvor- 
stellungen läßt sich durch unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens über- 
haupt nicht herstellen." 

x ) Grundriß der Psychologie, S. 4G4. 

2 ) Psychologie, übersetzt von Dürr, 1909, S. 464. 

3 ) Von mir gesperrt. 

4 ) Hinter dieser Behauptung stehen zuerst Erfahrungen aus normalem 
Gebiet: Das unbestimmte Denken entfernt sich vom „Nachdenken" sehr weit, 
und zwar besonders in puncto der sprachlichen Bereitschaft. Ich habe bei psycho- 
logischen Experimenten sehr häiifig die Erfahrung gemacht, daß die Versuchs- 
person (ich rede nur von gebildeten und intelligenten Leuten), welche ich, an- 
scheinend unabsichtlich und ohne sie vorher zu instruieren, ihren Träumereien 
überlassen habe, experimentell registrierbare Affektäußerungen aufwiesen, über 
deren gedankliche Grundlagen sie sich beim besten Willen entweder nur un- 
vollkommen, oder gar nicht äußern könnten. Ähnliche Erfahrungen macht man 
ja beim Assoziationsexperiment und in der Psychoanalyse massenhaft. (So gibt 
es wohl kaum einen unbewußten Komplex, der nicht auch als Phantasie im Be- 
wußtsein schon existiert hat.) Instruktiver sind die Erfahrungen pathologischer 
Natur, und zwar weniger die, die aus dem Gebiete der Hysterie und aller der- 
jenigen Neurosen stammen, die durch eine überwiegende Übertragungstendenz 



136 CG. Jung. 

so schafft und stellt, nicht wie es wirklich ist, sondern wie man es 
wohl wünschen möchte, daß es wäre. Der Stoff dieses Denkens, das 
sich von der Wirklichkeit abkehrt, kann natürlich nur Vergangenheit 
mit ihren tausend Erinnerungsbildern sein. Der Sprachgebrauch nennt 
dieses Denken „ Träumen". 

Wer sich selber aufmerksam beobachtet, wird den allgemeinen 
Sprachgebrauch treffend finden, denn wir können es fast alle Tage 
erleben, wie unsere Phantasien beim Einschlafen sich in die Träume 
verweben, so daß zwischen den Träumen des Tages und der Nacht der 
Unterschied nicht zu groß ist. Wir haben also zwei Formen des Denkens : 
das gerichtete Denken und das Träumen oder Phantasieren. 
Ersteres arbeitet für die Mitteilung, mit sprachlichen Elementen, ist 
mühsam und erschöpfend, letzteres dagegen arbeitet mühelos, sozu- 
sagen spontan mit den Reminiszenzen. Ersteres schafft Neuerwerb, 
Anpassung, imitiert Wirklichkeit und sucht auch auf sie zu wirken. 
Letzteres dagegen wendet sich von der Wirklichkeit weg, befreit sub- 
jektive Wünsche und ist hinsichtlich der Anpassung gänzlich im- 
produktiv 1 ). 

Die Frage, wozu wir wohl zweierlei Denken besitzen, lassen wir 
weg und wenden uns wieder zu der zweiten Fragestellung, woher es 



charakterisiert sind, als vielmehr die Erfahrungen auf dem Gebiete der Intro- 
versionspsychose oder -neurose, als welche weitaus die Großzahl der Geistes- 
störungen, jedenfalls die gesamte Bleulersche Scluzophreniegruppe aufzufassen 
ist. Wie schon der Terminus „Introversion" (den ich in meiner Arbeit: Konflikte 
der kindlichen Seele, S. 6 und 10 kurz eingeführt habe), andeutet, führt diese 
Neurose z\i einem überwiegenden Autoerotismus (Freud). Und hier treffen wir 
auch auf jenes „übersprachliche" rein „phantastische Denken", das sich in „un- 
aussprechlichen" Bildern und Gefühlen bewegt. Einen kleinen Eindruck davon 
empfängt man, wenn man die ärmlichen und verworrenen sprachlichen Ausdrücke 
dieser Kranken auf ihren Sinn zu prüfen sucht. Es kostet auch den Kranken, 
wie ich mehrfach gesehen habe, eine unendliche Mühe, ihre Phantasien in mensch- 
liche Worte zu fassen. Eine hochintelligente Kranke, die bruchstückweise mir 
ein derartiges Phantasiesystem „übersetzte", sagte mir öfters: „Ich weiß ganz 
genau, worum es sich handelt, ich sehe und fühle alles, aber es ist mir noch ganz 
unmöglich, die Worte dazu aufzufinden." Die dichterische und die religiöse Intro- 
version geben Anlaß zu ähnlichen Erfahrungen; z. B. Paulus im Römer briefe 
(Weizsäcker) 8, 26: „Denn was wir beten sollen nach Gebühr, wissen wir nicht; 
da tritt der Geist selbst ein mit unaussprechlichem Seufzen." 

x ) Ähnlich James (1. c. S. 353). Das Schließen besitzt produktive Be- 
deutung, während das „empirische" (bloß assoziative) Denken nur re- 
produktiv ist. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 137 

nämlich kommt, daß wir zweierlei Denken haben. Ich habe vorhin 
angedeutet, daß die Geschichte uns zeige, daß das gerichtete Denken 
nicht immer so entwickelt war, wie es jetzt ist. Heutzutage ist der 
schönste Ausdruck des gerichteten Denkens die Wissenschaft und die 
von ihr genährte Technik. Beide Dinge verdanken ihre Existenz nur 
einer energischen Erziehung des gerichteten Denkens. Zu jener Zeit 
aber, da erst wenige Vorläufer der jetzigen Kultur, wie der Dichter 
Petrarca, anfingen, der Natur verständnisvoll gegenüberzutreten 1 ), 
bestand ein Äquivalent unserer Wissenschaft, die Scholastik 2 ), die 
ihre Gegenstände den Phantasien der Vergangenheit entnahm, daran 
aber dem Geist eine dialektische Schulung des gerichteten Denkens 
angedeihen ließ. Der einzige Erfolg, der dem Denker winkte, war der 
rhetorische Sieg in der Disputation und nicht eine sichtbare Umge- 
staltung der Eealität. Die Gegenstände des Denkens waren oft er- 
staunlich phantastisch, so wurden z. B. Fragen diskutiert wie : wieviel 
Engel Platz haben auf der Spitze einer Nadel, ob Christus sein Er- 
lösungswerk auch hätte tun können, wenn er als Erbse auf die Welt 
gekommen wäre usw. Die Möglichkeit solcher Probleme, zu denen 



*) Vgl. die eindrucksvolle Schilderung von Petrarcas Besteigung des 
Mont Ventoux bei Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien 
1869, S. 235 ff. „Eine Beschreibung der Aussicht erwartet man nun allerdings 
vergebens, aber nicht weil der Dichter dagegen unempfindlich wäre, sondern im 
Gegenteil, weil der Eindruck allzu gewaltig auf ihn wirkt. Vor seine Seele tritt sein 
ganzes vergangenes Leben mit allen Torheiten; er erinnert sich, daß es heute 
zehn Jahre sind, seit er jung aus Bologna gezogen, und wendet einen sehnsüchtigen 
Blick in der Richtung gen Italien hin; er schlägt ein Büchlein auf, das damals 
sein Begleiter war, die Bekenntnisse des heiligen Augustin; allein siehe, sein Auge 
fällt auf die Stelle im 10. Abschnitt: „und da gehen die Menschen hin und be- 
wundern hohe Berge, weite Meeresfluten und mächtig daherrauschende Ströme 
und den Ozean und den Lauf der Gestirne und verlassen sich selbst darob." Sein 
Bruder, dem er diese Worte vorliest, kann nicht begreifen, warum er hierauf das 
Buch schließt und schweigt." 

2 ) Eine kurze, aber treffende Schilderung der scholastischen Methode gibt 
Wundt (Philosophische Studien XIII, S. 345). Die Methode bestand „erstens 
darin, daß man in der Auffindung eines festgegebenen und auf die ver? chiedensten 
Probleme in gleichförmiger Weise angewandten Begriffsschematismus die Haupt- 
aufgabe der wissenschaftlichen Forschung erblickt, und zweitens darin, daß man auf 
gewisse Allgemeinbegriffe und folgeweise auch auf die diese Begriffe bezeichnenden 
Wortsymbolc einen übermäßigen Wert legt, wodurch dann eine Analyse der Wort- 
bedeutungen, in extremen Fällen eine leere Begriffstüftelei und Wortklauberei 
an die Stelle der Untersuchung der wirklichen Tatsachen tritt, aus denen die Be- 
griffe abstrahiert sind". 



138 C. G. Jung. 

das metaphysische Problem, nämlich das Unwißbare wissen zu können, 
überhaupt gehört, zeigt, von welch besonderer Artung jener Geist 
gewesen sein muß, der solche Dinge erschuf, die für uns einen Gipfel 
der Absurdität bedeuten. Nietzsche hat aber den biologischen Hinter- 
grund dieser Erscheinung geahnt, als er von der „prachtvollen 
Spannung" des germanischen Geistes sprach, welche das Mittelalter 
geschaffen hat. 

Historisch genommen ist die Scholastik, in deren Geist Leute 
von überragendem intellektuellem Vermögen wie Thomas von A q ui no, 
Duns Scotus, Abaelard, Wilhelm von Occam u. a. gearbeitet 
haben, die Mutter der modernen Wissenschaftlichkeit, und eine spätere 
Zukunft wird ldar sehen, wie und wo die Scholastik auch der Wissen- 
schaft von heutzutage noch lebendige Unterströmungen liefert. Sie ist 
ihrem ganzen Wesen nach dialektische Gymnastik, die dem sprachlichen 
Symbol, dem Wort, zu einer geradezu absoluten Bedeutung 
verholfen hat, so daß es endlich jene Substanzialität ge- 
wann, welche die ausgehende Antike ihrem ),6yog nur 
durch mystische Wertung vorübergehend verleihen konnte. 
Als die große Tat der Scholastik erscheint die Grundlegung der fest- 
gefügten intellektuellen Sublimation, der conditio sine qua non der 
modernen Wissenschaftlichkeit und Technik. 

Gehen wir in der Geschichte noch weiter zurück, so zerfließt das, 
was wir heute Wissenschaft nennen, in unbestimmte Nebel. Der mo- 
derne kulturschaffende Geist ist unablässig beschäftigt, alles Subjektive 
von der Erfahrung abzustreifen und diejenigen Formeln zu finden, 
welche die Natur und ihre Kräfte auf den besten und passendsten 
Ausdruck bringen. Es wäre eine lächerliche und gänzlich ungerecht- 
fertigte Selbstüberhebung, wenn wir annehmen wollten, wir seien 
energischer oder intelligenter als das Altertum — unser Wissensmaterial 
hat zugenommen, nicht aber die intellektuelle Fähigkeit. Darum sind 
wir neuen Ideen gegenüber gerade so borniert und unfähig wie die 
Menschen in den dunkelsten Zeiten des Altertums. An Wissen sind 
wir reich geworden, nicht aber an Weisheit. Der Schwerpunkt unseres 
Interesses hat sich ganz nach der materiellen Wirklichkeit zu verschoben, 
das Altertum bevorzugte ein Denken, das sich mehr dem phantastischen 
Typus annäherte. Neben einer seitdem nie mehr erreichten sinnlichen 
Anschaulichkeit des Kunstwerkes suchen wir in der Antike vergebens 
nach jener präzisen und konkreten Denkweise moderner Natur- und 
Geisteswissenschaft. Wir sehen den antiken Geist nicht Wissenschaft 



Wandlungen und Symbole der Libido. 139 

schaffen, sondern Mythologie. Leider bekommen wir in der Schule 
nur einen ganz armseligen Begriff von dem Keichtum und der unge- 
heueren Lebendigkeit der griechischen Mythologie. 

Es erscheint darum auf den ersten Blick nicht sehr wahrscheinlich, 
wenn man annimmt, daß das, was wir heute an Energie und Interesse 
in Wissenschaft und Technik geben, der antike Mensch zu einem großen 
Teil in seine Mythologie gab. Daraus erklären sich der verwirrende 
Wechsel, die kaleidoskopischen Verwandlungen und synkretisti sehen 
Neugruppierungen, die unaufhörlichen Verjüngungen der Mythen in 
der griechischen Kultursphäre. Hier bewegen wir im? nnn in einer 
Welt von Phantasien, die, wenig bekümmert um den äußern Gang 
der Dinge, aus einer innern Quelle fließen und wechselvolle, bald 
plastische, bald schemenhafte Gestalten erzeugen. Diese phantasti- 
sche Tätigkeit des antiken Geistes schaffte künstlerisch par excel- 
lence. Nicht das Wie der wirklichen Welt möglichst objektiv und 
exakt zu erfassen, sondern subjektiven Phantasien und Erwartungen 
ästhetisch anzupassen, scheint das Ziel des Interesses gewesen zu 
sein. Nur ganz wenigen unter den antiken Menschen wurde die 
Erkältung und Enttäuschung zuteil, die Giordano Brunos Un- 
endlichkeitsgedanke und Keplers Entdeckungen der modernen 
Menschheit gebracht haben. Die naive Antike sah in der Sonne 
den großen Himmels- und Weltvater und im Monde die fruchtbare 
gute Mutter. Und jedwedes Ding hatte seinen Dämon, d. h. war belebt 
und gleich einem Menschen oder seinem Bruder, dem Tiere. Man 
bildete alles anthropomorph oder theriomorph, als Menschen oder als 
Tier. Sogar die Sonnenscheibe erhielt Flügel oder vier Füßchen, um 
ihre Bewegung zu veranschaulichen. So entstand ein Bild des Uni- 
versums, das der Eealität nur sehr entfernt, ganz aber den subjektiven 
Phantasien entsprach. 

Wir kennen diesen Zustand des Geistes aus eigener Erfahrung, 
es ist ein kindlicher Zustand ; für das Kind ist der Mond ein Mann oder 
ein Gesicht oder der Hirt der Sterne; am Himmel ziehen die Wolken 
als Schäfchen, die Puppen trinken, essen, schlafen, dem Christkind 
legt man einen Zettel vors Fenster, dem Storch ruft man nach, er 
solle ein Brüderchen oder Schwesterchen bringen, die Kuh ist die Frau 
des Pferdes und der Hund der Mann der Katze. Ebenfalls wissen wir, 
daß niedrige Rassen, wie die Neger, die Lokomotive für ein Tier an- 
sehen und die Schublade das" Kind des Tisches nennen (Mitteilung von 
Dr. Oetker). 



140 CG. Jung. 

Wie wir durch Freud wissen, zeigt der Traum ein ähnliches 
Denken. Unbekümmert um die realen Verhältnisse der Dinge wird 
darin das Heterogenste zusammengebracht, und eine Welt von Un- 
möglichkeiten tritt an Stelle der Wirklichkeit. Freud findet als Cha- 
rakteristikum des wachen Denkens die Progression, d. h. den Fort- 
schritt der Denkerregung von dem Systeme der innern oder äußern 
Wahrnehmung durch die endopsychische Assoziationsarbeit (unbewußt 
und bewußt) zum motorischen Ende, d. h. zur Innervation. Für den 
Traum findet er das Umgekehrte: nämlich Regression der Denk- 
erregung vom Vorbewußten oder Unbewußten zum Systeme der Wahr- 
nehmung, wodurch der Traum sein gewöhnliches Gepräge sinnlicher 
Anschaulichkeit erhält, die sich bis zur halluzinatorischen Deutlichkeit 
steigern kann. Das Traumdenken bewegt sich also rückläufig zu den 
Rohmaterialien der Erinnerung: „Das Gefüge der Traumgedanken 
wird bei der Regression in sein Rohmaterial aufgelöst." (Traumdeutung, 
2. Aufl., S. 336.) Die Wiederbelebung ursprünglicher Wahrnehmungen 
ist aber nur die eine Seite der Regression; die andere Seite ist die Re- 
gression auf das infantile Erinnerungsmaterial, was zwar ebenfalls als 
Regression auf die ursprüngliche Wahrnehmung aufgefaßt werden kann, 
aber wegen seiner selbständigen Wichtigkeit besondere Erwähnung 
verdient. Diese Regression darf wohl als „historische" bezeichnet 
werden. Nach dieser Auffassung ließe sich der Traum auch beschreiben 
als der durch Übertragung auf Rezentes veränderte Er- 
satz der infantilen Szene. Die Infantilszene kann ihre Erneuerung 
nicht durchsetzen; sie muß sich mit der Wiederkehr als Traum be- 
gnügen. (Traumdeutung, 2. Aufl., S. 338.) Aus dieser Auffassung der 
historischen Seite der Regression geht konsequenterweise hervor, daß 
die Schlußmodi des Traumes, sofern überhaupt von solchen gesprochen 
werden darf, zugleich analogischen und infantilen Charakter zeigen 
müssen. Das ist, wie die Erfahrung ausgiebig gezeigt hat, wirklich 
der Fall, so daß heutzutage jeder der Traumanalyse Kundige den Satz 
Freuds, daß das Träumen ein Stück des überwundenen 
Kinderseelenlebens sei, bestätigen kann. Insoferne aber das Kinder- 
seelenleben einen archaischen Typus nicht verleugnen kann, so kommt 
diese Eigentümlichkeit dem Traume in ganz besonderem Maße 
zu. Freud macht ausdrücklich hierauf aufmerksam (Traumdeutung, 
2. Aufl., S. 349): „Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem, regre- 
dientem Wege erfüllt, hat uns hiermit nur eine Probe der primären, 
als unzweckmäßig verlassenen Arbeitsweise des psychischen Apparates 



Wandlungen und Symbole der Libido. 141 

aufbewahrt. In das Nachtleben scheint verbannt, was einst im Wachen 
herrschte, als das psychische Leben noch jung und untüchtig war, 
etwa wie wir in der Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der 
erwachsenen Menschheit, Pfeil und Bogen, wiederfinden 1 )." 

Alle diese Erfahrungen legen es uns nahe, eine Parallele zu ziehen 
zwischen dem phantastisch-mythologischen Denken des Altertums 
und dem ähnlichen Denken der Kinder 2 ), dem niedrig stehender 
Menschenrassen und dem des Traumes. Dieser Gedankengang ist uns 



x ) Der in der „Traumdeutung" sieh hier anschließende Passus war von 
prophetischer Bedeutung und hat sich seither durch die Erforschung der Psychosen 
glänzend bestätigt. „In den Psychosen werden diese sonst im Wachen unter- 
drückten Arbeitsweisen des psychischen Apparates sich wiederum Geltung er- 
zwingen und dann ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen 
die Außenwelt an den Tag legen." Die Wichtigkeit dieses Satzes wird unter- 
strichen durch die von Freud (leider) unabhängigen Ansichten Pierre Janets, 
die hier erwähnt zu werden verdienen, weil sie von einer ganz andern Seite 
her, nämlich der biologischen, bestätigend beitragen. Janet unterscheidet an 
der Funktion einen festorganisierten „untern" Teil und einen in steter Transfor- 
mation begriffenen „obern" Teil: „G'est justement sur cette partie superieure 
des fonctions, sur leur adaptationauxcireonstancespresentes queportent 
les nevroses — les nevroses sont des troubles ou des arrets dans l'evolution des 
fonctions — les nevroses sont des maladies portant sur les diverses fonctions 
de Forganisme, caracterisees par une alteration des parties superieures 
de ces fonctions, arretees dans leur evolution, dans leur adaptation au moment 
present, ä l'etat present du monde exterieur et de l'individu et par Pabsence 
de deterioration des parties anciennes de ces memes fonctions — ä la place 
de ces Operations superieures se developpent de l'agitation physique et mentale, 
et surtout de l'emotivite. Gelle-ci n'est que la tendance ä remplacer les Operations 
superieures par l'exageration de certaines Operations inferieures, et sur- 
tout par de grossieres agitations viscerales." (Les Nevroses S. 383 ff.) Die„parties 
anciennes" sind eben die „parties inferieures" der Funktionen und diese ersetzen 
unzweckmäßigerweise die mißlungene Adaptation. Kurz gesagt: Das Archaische 
ersetzt die versagende rezente Funktion. Ähnliche Ansichten über die Natur des 
neurotischen Symptoms äußert auch Claparede (Quelques mots sur la definition 
de l'Hysterie. Arch. de Psychol. I, VII., S. 169). Er faßt den hysterogenen Me- 
chanismus als eine „Tendance ä la reversion", als eine Art Atavismus der Reaktions- 
weise auf. 

2 ) Ich verdanke Dr. Abraham folgende interessante Mitteilung: „Ein 
3 1 / 2 jähriges Mädchen hatte ein Brüderchen bekommen, das zum Gegenstande der 
bekannten kindlichen Eifersucht wurde; sie sagte einmal zur Mutter: „Du bist 
zwei Mamas. Du bist meine Mama und deine Brust ist Brüderchens 
Mama." Sie hatte eben mit großem Interesse dem Akte des Stillens zugesehen. 
Für das archai'sche Denken des Kindes ist es sehr charakteristisch, daß es die 
Brust als Mama bezeichnet. 



142 C. G. Jung. 

nicht fremd, sondern wohlbekannt ans der vergleichenden Anatomie 
und Entwicklungsgeschichte, die uns zeigen, wie Bau und Funktion 
des menschlichen Körpers durch eine Reihe embryonaler Wandlungen 
entstehen, welche ähnlichen Wandlungen in der Stammesgeschichte 
entsprechen. Die Vermutung, daß auch in der Psychologie die Onto- 
genese der Phylogenese entspreche, ist daher gerechtfertigt. Mithin 
wäre also der Zustand des infantilen Denkens 1 ) im Seelenleben des 
Kindes sowohl wie im Traume nichts als eine Wiederholung der 
Prähistorie und der Antike. 

Nietzsche nimmt in dieser Hinsicht einen sehr weitgehenden, 
aber bemerkenswerten Standpunkt ein (Menschliches, Allzumensch- 
liches, Werke, Band II, S. 27 ff.) : „Im Schlafe und Traume machen 
wir das ganze Pensum früheren Menschtums durch." „Ich meine: 
wie jetzt noch der Mensch im Traume schließt, schloß die Menschheit 
auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch; die erste Causa, die 
dem Geiste einfiel, um irgend etwas, das der Erklärung bedurfte, zu 
erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit. Im Traume übt sich 
dieses uralte Stück Menschtum in uns fort, denn es ist die Grundlage, 
auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und in jedem Menschen 
sich noch entwickelt: Der Traum bringt uns in ferne Zustände der 
menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, 
sie besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so leicht, 
weil wir in ungeheuren Entwicklungsstrecken der Menschheit gerade 
auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklärens aus dem 
ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt worden sind. In- 
sofern ist der Traum eine Erholung für das Gehirn, welches am Tage 
den strengen Anforderungen an das Denken zu genügen hat, wie sie 
von der höheren Kultur gestellt werden." 

„Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen, wie spät das 
schärfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache und Wir- 
kung entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und Verstandes- 
funktionen jetzt noch unwillkürlich nach jenen primitiven Formen des 
Schließens zurückgreifen, und wir ziemlich die Hälfte unseres Lebens 
in diesem Zustande leben." 

Wir haben oben bereits gesehen, daß Freud (unabhängig von 
Nietzsche) auf Grund der Traumanalyse zu einem ähnlichen Stand- 

*) Vgl. namentlich die grundlegende Untersuchung Freuds, Analyse 
der Phobie eines 5jährigen Knaben. Dieses Jahrbuch Bd. I, S. 1 ff. Sowie meine 
Arbeit: Konflikte der kindliehcn Seele. Dieses Jahrbuch Bd. II, S. 33 ff. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 143 

punkt gelangt ist. Der Schritt von dieser Feststellung zur Auffassung 
der Mythen als traumähnlichen Gebilden ist nicht mehr groß: Freud 
(Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Bd. II, S. 205) hat 
diesen Schluß selber formuliert: „Die Untersuchung dieser völker- 
psychologischen Bildungen (Mythen usw.) ist nun keineswegs abge- 
schlossen, aber es ist z. B. von den Mythen durchaus wahrscheinlich, 
daß sie den entstellten Überresten von Wunschphantasien ganzer 
Nationen, den Säkular träumen der jungen Menschheit ent- 
sprechen." In ähnlicher Weise faßt auch Rank (Der Künstler, Ansätze 
zu einer Sexualpsychologie, 1907, S. 36) den Mythus als einen Massen- 
traum des Volkes auf. (Vgl. ebenso Ranks spätere Schrift: Der Mythus 
von der Geburt des Helden, 1909.) Riklin hat den Traummechanismus 
der Märchen gebührend hervorgehoben (Wunscherfüllung und Sym- 
bolik im Märchen, 1908). Dasselbe hat Abraham für den Mythus 
getan (Traum und Mythus, 1909). Er sagt S. 36: „Der Mythus ist ein 
Stück überwundenen infantilen Seelenlebens des Volkes", und S. 71: 
„So ist der Mythus ein erhalten gebliebenes Stück aus 
dem infantilen Seelenleben des Volkes und der Traum der 
Mythus des Individuums." Eine vorurteilslose Lektüre der oben 
genannten Autoren ist geeignet, alle Zweifel über die innige Zusammen- 
gehörigkeit von Traum- und Mythenpsychologie zu beheben. Der 
Schluß, daß die Zeit, welche die Mythen schuf, kindlich, d. h. phan- 
tastisch gedacht hat, wie es bei uns jetzt noch der Traum in stärkstem 
Maße tut (assoziativ oder analogisch), ergibt sich beinahe von selbst. 
Die Ansätze zur Mythenbildung beim Kinde, das Fürrealsetzen von 
Phantasien, die zum Teil an Historisches anklingen, lassen sich un- 
schwer bei Kindern entdecken. 

Man wird den Einwand erheben, daß die mythologischen Nei- 
gungen der Kinder durch die Erziehung eingepflanzt würden. Der 
Einwand ist müßig. Sind die Menschen überhaupt je vom Mythus ganz 
losgekommen? Jeder Mensch hatte die Augen und alle seine Sinne, 
um zu merken, daß die AVeit tot, kalt und unendlich ist, und noch 
nie hat er einen Gott gesehen oder dessen Existenz aus empirischer 
Nötigung gefordert. Es bedurfte im Gegenteile eines unverwüstlichen 
und allem Wirklichkeitssinn abholden phantastischen Optimismus, um 
z. B. im schmachvollen Tode Christi eben gerade das höchste Heil 
und die Erlösung der AVeit zu erblicken. So kann man einem Kinde 
wohl die Inhalte früherer Mythen vorenthalten, nicht aber ihm das 
Bedürfnis der Mythologie wegnehmen. Man kann sagen, wenn es gelänge, 



144 C. G. Jung. 

alle Tradition in der Welt mit einem Male abzuschneiden, so würde mit 
der nächsten Generation die ganze Mythologie und Eeligionsgeschichte 
wieder von vorne beginnen. Es gelingt nur wenig Individuen, die 
Mythologie in der Epoche eines gewissen intellektuellen Übermutes 
abzustreifen, die Masse befreit sich nie. Es nutzt alle Aufklärung 
nichts, sie zerstört bloß eine vorübergehende Manifestationsform, 
nicht aber den schaffenden Trieb. 

Nehmen wir unseren früheren Gedankengang wieder auf! 

Wir sprachen von der ontogenetischen Wiederholung der phylo- 
genetischen Psychologie im Kinde. Wir sahen, daß das phantastische 
Denken eine Eigentümlichkeit der Antike, des Kindes und der niedrig- 
stehenden Menschenrassen ist. Wir wissen nun aber auch, daß dieses 
gleiche phantastische Denken bei uns modernen und erwachsenen 
Menschen einen breiten Raum beansprucht und eintritt, sobald das 
gerichtete Denken aufhört. Eine Erschlaffung des Interesses, eine 
leichte Ermüdung genügt, um das gerichtete Denken, die exakte 
psychologische Anpassung an die reale Welt, aufzuheben und durch 
Phantasien zu ersetzen. Wir schweifen vom Thema ab und hängen 
eigenen Gedankengängen nach; wird die Entspannung der Aufmerk- 
samkeit stärker, so verlieren wir allmählich das Bewußtsein der Gegen- 
wart und die Phantasie nimmt überhand. 

Hier drängt sich die wichtige Frage auf : Wie sind die Phantasien 
beschaffen? Von den Poeten wissen wir darüber viel, von der Wissen- 
schaft aber wenig. Erst die von Freud der Wissenschaft geschenkte 
psychoanalytische Methode schaffte hierüber Licht. Sie zeigte uns, 
daß es typische Zyklen gibt. Der Stotterer phantasiert sich als großen 
Redner, was Demosthenes dank seiner gewaltigen Energie zur Wahr- 
heit gemacht hat, der Arme phantasiert sich als Millionär, das Kind als 
erwachsen. Der Unterdrückte ficht siegreiche Kämpfe mit dem Unter- 
drücker aus, der Untaugliche quält oder ergötzt sich mit Ehrgeizplänen. 
Man phantasiert das, was einem fehlt. Die interessante Frage nach dem 
„Wozu" lassen wir auch hier unbeantwortet 1 ). Wir wenden uns wiederum 
dem historischen Problem zu: Woher beziehen die Phantasien 
ihren Stoff? Wir wählen als Beispiel eine typische Pubertäts- 
phantasie: Ein solches Kind, vor dem die ganze bange Unsicherheit 
des zukünftigen Schicksals steht, verlegt in seiner Phantasie die Un- 
sicherheit in die Vergangenheit und sagt: Wenn ich jetzt nicht das 



a ) Vgl. dazu Konflikte der kindlichen Seele, S. C, Fußnote. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 145 

Kind meiner gewöhnlichen Eltern wäre, sondern dasjenige eines vor- 
nehmen und reichen Grafen, das den Eltern bloß untergeschoben wäre, 
dann käme wohl eines Tages eine goldene Kutsche und der Herr Graf 

würde sein Kind mitnehmen in sein wunderschönes Schloß 

und so ginge es weiter wie in einem Märchen von Grimm, das den 
Kindern von der Mutter erzählt wird 1 ). Beim normalen Kinde bleibt 
es bei der flüchtig vorüberhuschenden Idee, die bald verweht und 
vergessen ist. Einmal aber, und das war in der antiken Kulturwelt, 
war die Phantasie eine öffentlich anerkannte Institution. Die Heroen — 
iqh erinnere an Komulus und Remus, Moses, Semiramis und viele 
andere — sind den wirklichen Eltern abhanden gekommen 2 ). Andere 
sind direkt die Söhne der Götter, und die edlen Geschlechter leiten 
ihren Stammbaum von Heroen und Göttern her. Wie dieses Beispiel 
zeigt, ist die Phantasie der modernen Menschen nichts als eine Wieder- 
holung eines alten Volksglaubens, der ursprünglich weiteste Verbreitung 
hatte 3 ). Die ehrgeizige Phantasie wählt also unter anderem eine Form, 
die klassisch ist und einmal wirkliche Geltung hatte. Ganz dasselbe 
gilt von der sexuellen Phantasie. Wir haben eingangs Träume von 
sexueller Gewalttat erwähnt: Der Räuber, der in ein Haus einbricht 
und eine gefährliche Tat begeht. Auch das ist ein mythologisches Thema 
und war in der Prähistorie gewiß auch Wirklichkeit 4 ). Ganz abge- 
sehen von der Tatsache, daß Weiberraub etwas Gewöhnliches war in 
den rechtlosen prähistorischen Zeiten, wurde er auch Gegenstand der 
Mythologie in kultivierten Epochen. Ich erinnere an den Raub der 
Proserpina, De'ianira, Europa, der Sabinerinnen usw. Nicht zu ver- 
gessen ist, daß heute noch Hochzeitsgebräuche in verschiedenen Ge- 
genden existieren, die an den alten Raub erinnern. 



*) Vgl. hierzu Abraham: Traum und Mythus, S. 40 f. Der Zukunftswunsch 
wird als in der Vergangenheit schon erfüllt hingestellt. Später wird die Kindheits- 
phantasie regressiv wieder aufgenommen, um die Enttäuschungen des aktuellen 
Lebens zu kompensieren. 

2 ) Rank: Mythus von der Geburt des Helden. 

3 ) Damit soll natürlich nicht gesagt sein: Weil die Antike diese Institution 
hatte, kehrt dasselbe in unserer Phantasie wieder; sondern vielmehr: im Altertum 
war es möglich, daß die stets und überall vorhandene Phantasie zur Institution 
werden konnte, was eben auf die eigenartige Geistesbeschaffenheit der Antike 
schließen läßt. 

4 ) „Die Dioskuren vermählen sich mit ihnen (den Leukippiden) immer 
durch Raub, was im Sinne des höheren Altertums zu den notwendigen Gebräuchen 
einer Hochzeit gehörte." (Preller: Griechische Mythologie 1854, Bd. II, S. 68.) 

Jahrbuch für psychoaualyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 10 



146 CG. Jung. 

Die Symbolik des Instrumentes des Koitus war ein unerschöpf- 
licher Stoff für die antike Phantasie. Es gab weitverbreitete Kulte, 
die man als phallische bezeichnet, und deren Verehrungsgegenstand 
eben der Phallus war. Der Gefährte des Dionysos war Phales, eine 
aus der phallischen Herme des Dionysos hervorgegangene Personi- 
fikation des Phallus. Der phallischen Symbole waren unzählige. Bei 
den Sabinern bestand der Brauch, daß der Bräutigam seiner Braut mit 
der Lanze das Haar scheitelte. Der Vogel, der Fisch und die Schlange 
waren phallische Symbole. Außerdem existierten massenhaft therio- 
morphe Darstellungen des Geschlechtstriebes, wobei der Stier, der 
Bock, der Widder, der Eber und der Esel beliebte Vertreter waren. 
Eine Unterströmung zu dieser Symbolwahl lieferte die sodomitische 
Neigung der Menschen. Wenn in der Traumphantasie des modernen 
Menschen der gefürchtete Mann durch ein Tier ersetzt wird, so ge- 
schieht in der ontogenetischen Wiederholung dasselbe, was die Alten 
unzählige Male öffentlich darstellten, Böcke, die Nymphen verfolgen, 
Satyren mit Ziegen, in noch älterer Zeit bestanden in Ägypten sogar 
Heiligtümer eines Ziegengottes, den die Griechen Pan nannten, wo 
die Hierodulen sich mit Ziegenböcken prostituierten 1 ). Bekanntlich 
ist dieser Kultus nicht ausgestorben, sondern lebt als besondere Eigen- 
tümlichkeit in Süditalien und Griechenland weiter 2 ). 

Wir fühlen heute für dergleichen Dinge nichts als tiefste Abscheu 
und würden nie zugeben, daß solches noch irgendwo in unserer Seele 
schlummerte. So gut wie der Gedanke der sexuellen Gewalttat liegen 
auch diese Dinge, die wir nicht durch die moralische Brille mit Ab- 
scheu, sondern mit naturwissenschaftlichem Interesse als ehrwürdige 
Eelikte vergangener Kulturperioden betrachten wollen, noch nahe. 
Wir haben ja noch einen Artikel in unseren Strafgesetzbüchern gegen 
die Sodomie. Was aber einst so stark war, daß ein Kultus bei einem 
hochentwickelten Volke daraus entstehen konnte, das wird im Laufe 
weniger Generationen nicht gänzlich aus der menschlichen Seele ver- 
schwunden sein. Wir dürfen nie vergessen, daß seit dem Symposion 
des Piaton, wo uns die Homosexualität auf gleichem Niveau mit 
der sogenannten normalen Sexualität entgegentritt, etwa 80 Gene- 
rationen vergangen sind. Und was sind 80 Generationen? Sie 
schrumpfen auf eine unmerkliche Zeitspanne zusammen, wenn wir 

!) S. Creuzer: Symbolik und Mythologie, 1811, Bd. III, S. 245 ff. 
2 ) Vgl. auch die sodomitischen Phantasien in den Metamorphosen des 
A pule jus. In Herculanum z. B. wurden entsprechende Skulpturen gefunden. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 147 

sie dem Zeiträume vergleichen, der uns vom homo Neandertalensis 
oder Heidelbergensis trennt. Ich möchte an ein treffliches Wort des 
großen Historikers Guglielmo Ferrero 1 ) erinnern: 

„II est tres commun de croire que plus Fhomme s'eloigne dans 
le lointain du temps, plus il est cense etre different de nous par ses 
idees et ses sentiments; que la psychologie de Fhumanite change de 
siecle en siecle comme la mode ou la litterature. Aussi ä peine trouve-t-on 
dans Thistoire un peu ancienne une Institution, im usage, une loi, 
une croyance un peu differentes de Celles que nous voyons chaque 
jour, que Ton va chercher toutes sortes d'explications compliquees 
les quelles, le plus souvent, se reduisent ä des phrases dont la signi- 
fication n'est pas tres-precise. Or Fhomme ne change pas si vite; sa 
psychologie reste au fond la meme; et si sa culture varie beaucoup 
d'une epoque a Fautre, ce n'est pas encore cela qui changera le fonc- 
tionnement de son esprit. Les lois fundamentales de Fesprit restent 
les memes, au moins pour les periodes historiques si courtes, dont 
nous avons connaissance ; et presque tous les phenomenes, meme les 
plus etranges, doivent pouvoir s'expliquer par ces lois communes de 
Fesprit que nous pouvons constater en nous-memes." 

Dieser Ansicht muß sich der Psychologe unbedingt anschließen. 
Heutzutage sind ja in unserer Zivilisation die phallischen Umzüge, 
die dionysischen Phallagogien des klassischen Athen, die offenkundig 
phallischen Embleme von unseren Münzen, Häusern, Tempeln und 
Straßen verschwunden, ebenso sind die theriomorphen Darstellungen 
der Gottheit bis auf gewisse Reste, wie die Taube des Heiligen Geistes, 
das Lamm Gottes und den unsere Kirchtürme zierenden Hahn des 
Petrus, reduziert, auch Weiberraub und Vergewaltigung sind bis auf 
die Verbrechen eingeschränkt, aber dies alles hindert nicht, daß wir 
in der Kindheit eine Epoche durchlaufen, wo die Ansätze zu diesen 
archaischen Neigungen wieder hervortreten, und daß wir das ganze 
Leben hindurch neben dem neuerworbenen, gerichteten und angepaßten 
Denken ein phantastisches Denken besitzen, das dem Denken der 
Antike und der barbarischen Zeitalter entspricht. Wie unser Körper 
in vielen altertümlichen Organen noch die Relikte alter Funktionen 
und Zustände bewahrt, so unser Geist, der zwar jenen archaischen 
Triebrichtungen anscheinend entwachsen, doch aber immer noch die 
Merkmale der durchlaufenen Entwicklung trägt und, wenigstens in 
Phantasien das Uralte träumend wiederholt. 

*) Ferrero: Les lois psychologiques du symbolisme. 

10* 



148 C. G. Jung. 

Von diesem Standpunkte aus betrachtet, enthüllt sich die Sym- 
bolik, die Freud entdeckt hat, als ein auf Traum, Fehlhandlung und 
Geistesstörung eingeschränkter Ausdruck eines Denkens und einer Trieb- 
betätigung, die einmal als mächtigste Einflüsse vergangene Kultur- 
epochen beherrscht haben. 

Die Frage, woher Neigung und Fähigkeit des Geistes komme, 
sich symbolisch auszudrücken, führte zu der Unterscheidung zweierlei 
Denkens, des gerichteten und angepaßten und des subjektiven, nur 
aus egoistischen Wünschen gespeisten Denkens. Die letztere Denkform, 
vorausgesetzt, daß sie nicht beständig durch das angepaßte Denken 
korrigiert wird, muß notwendigerweise ein überwiegend subjektiv 
entstelltes Weltbild erzeugen. Diesen Geisteszustand bezeichnen wir 
als infantil. Er liegt in unserer individuellen Vergangenheit und 
in der Vergangenheit der Menschheit. 

Damit konstatieren wir die wichtige Tatsache, daß der Mensch 
in seinem phantastischen Denken sich ein Verdichtungsprodukt seiner 
psychischen Entwicklungsgeschichte aufbewahrt hat. 

Es ist eine ungemein wichtige Aufgabe, die heutzutage noch 
kaum lösbar ist, eine systematische Beschreibung des phantastischen 
Denkens zu geben. Man darf höchstens skizzieren: Während das ge- 
richtete Denken ein durchaus bewußtes Phänomen ist 1 ), läßt sich das- 
selbe vom phantastischen Denken nicht behaupten. Zweifellos fällt 
ein großer Teil seiner Inhalte noch ganz in den Bereich des Bewußtseins, 
mindestens ebensoviel verläuft aber im Halbschatten und unbestimmt 
Vieles überhaupt im Unbewußten und ist daher nur mittelbar zu er- 
schließen 2 ). Durch das phantastische Denken geht die Verbindung des 
gerichteten Denkens mit den ältesten Fundamenten des menschlichen 
Geistes, die längst unter der Schwelle des Bewußtseins sind. Die das 
Bewußtsein direkt beschäftigenden Produkte des phantastischen 
Denkens sind zunächst die Wachträume oder Tagesphantasien, denen 
Freud, Flournoy, Pick u. a. besondere Aufmerksamkeit geschenkt 
haben, sodann die Träume, die aber dem Bewußtsein eine zunächst 
rätselhafte Außenseite bieten und erst durch die mittelbar erschlossenen 
unbewußten Inhalte Sinn gewinnen. Schließlich gibt es sozusagen 



*) Bis auf die Tatsache, daß die Inhalte schon in hoher Komplexität fertig 
ins Bewußtsein treten, worauf Wundt hinweist. 

2 ) Schelling: Philosophie der Mythologie. Werke, Bd. II. hält das „Vor- 
bewußte" für die schöpferische Quelle, ebenso H. Fichte (Psychologie I, S. 50S ff.) 
die „vorbewußte Region" für die Ursprungsstätte wesentlicher Trauminhalte. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 149 

gänzlich unbewußte Phantasiesysteme im abgespaltenen Komplex, die 
eine ausgesprochene Tendenz zeigen zur Konstituierung einer Sonder- 
persönlichkeit 1 ). 

Unsere obigen Darlegungen zeigen, wie gerade die dem Unbe- 
wußten entstammenden Produkte Verwandtschaft mit Mythischem haben. 
Es läßt sich aus all diesen Anzeichen schließen, daß die Seele gewisser- 
maßen eine historische Schichtung besitzt, wobei die ältesten Schichten 
dem Unbewußten entsprechen würden. Es müßte daher gefolgert 
werden, daß eine im späteren Leben erfolgte Introversion (nach der 
Freudschen Lehre) regressiv infantile Reminiszenzen (aus der indi- 
viduellen Vergangenheit) aufgreift, daran zunächst spurweise, bei 
stärkerer Introversion und Regression (starke Verdrängungen, Intro- 
versionspsychose) jedoch ausgesprochene Züge archaischer 
Geistesartung auftreten, die unter Umständen bis zur 
Wiederbelebung einmal manifest gewesener archaischer 
Geistesprodukte gehen könnte. 

Dieses Problem verdient eine weitere Diskussion. Nehmen wir 
als konkretes Beispiel die Geschichte des frommen Abbe Oegger, die 
uns Anatole France 2 ) übermittelt. Dieser Priester war ein Grübler 
und phantasierte viel, besonders über eine Frage, nämlich über das 
Schicksal des Judas, ob er tatsächlich, wie die Lehre der Kirche 
behauptet, zur ewigen Höllenstrafe verdammt sei, oder ob Gott ihn 
doch begnadigt habe. Oegger fußte auf der verständlichen Überlegung, 
daß Gott in seiner Allweisheit den Judas als Instrument auserkoren 
hatte, um den Höhepunkt des Erlösungswerkes Christi herbeizuführen 3 ). 
Dieses notwendige Instrument, ohne dessen Hilfe die Menschheit gar 
nicht des Heiles teilhaftig geworden wäre, konnte unmöglich von dem 
allgütigen Gott auf ewig verdammt sein. Um seinen Zweifeln ein Ende 
zu machen, begab sich Oegger einmal des Nachts in die Kirche und 
erflehte ein Zeichen, daß Judas doch erlöst sei. Da fühlte er eine himm- 
lische Berührung an der Schulter. Andern Tages teilte Oegger dem 



J ) Vgl. darüber Flournoy: Des Indes ä la planete Mars. 

Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene. — 
Derselbe: Über die Psychologie der Dementia praecox. — Treffliche Belege auch 
bei Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Mutze, Leipzig. 

2 ) Jardin d'Epicure. 

3 ) Der Figur des Judas kommt eine hohe psychologische Bedeutung 
als priesterlichem Opferer des Gotteslammes zu, der sich dadurch auch gleich- 
zeitig selber opfert (Selbstmord). Vgl. II. Teil dieser Arbeit. 



150 C. G. Jung. 

Erzbischofe seinen Entschluß mit, daß er in die Welt ziehen wolle, 
um das Evangelium der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu 
predigen. 

Hier haben wir ein reich entwickeltes Phantasiesystem vor uns. 
Es handelt sich um die spitzfindige und ewig unentschiedene Frage, 
ob die legendäre Figur des Judas verdammt sei oder nicht. Die Judas- 
legende an sich ist mythischer Stoff, nämlich der heimtückische Verrat 
am Helden; ich erinnere an Siegfried und Hagen, Balder und Loki; 
Siegfried und Balder werden gemordet durch einen treulosen Verräter 
in der nächsten Umgebung. Dieser Mythus ist rührend und tragisch; 
daß nicht ehrlicher Kampf den Edlen fällt, sondern schlimmer Verrat, 
zugleich ist es ein Ereignis, das vielfach historisch war, man denke 
an Caesar und Brutus. Daß der Mythus solcher Tat uralt und noch 
immer Gegenstand des Lehrens und der Wiedererzählung ist, das ist 
der Ausdruck der psychologischen Tatsache, daß der Neid den Menschen 
nicht schlafen läßt und daß wir alle in einer verborgenen Falte des 
Herzens dem Helden einen Todeswunsch entgegenbringen. Diese Kegel 
will überhaupt auf die mythische Tradition angewendet sein; es 
pflanzen sich nicht beliebige Berichte alter Ereignisse 
fort, sondern bloß Solches, das einen allgemeinen und 
immer aufs neue sich wieder verjüngenden Gedanken der 
Menschheit ausspricht. So sind z. B. Leben und Taten alter 
Religionsstifter die reinsten Verdichtungen typischer zeitgenössischer 
Mythen, hinter denen die Individualfigur gänzlich verschwindet 1 ). 

x ) Vgl. dazu die von der Verblendung unserer Zeit so heftig bekämpften 
Ausführungen von Drews (Die Christusmythe). Einsichtige Theologen, wie Kalt- 
hoff (Entf tehung des Christentums, 1904), beurteilen aber die Sache ebenso kühl 
wie Drews. Kalthoff (1. o„ S. 8) sagt: „Die Quellen, welche von dem Ursprung 
des Christentums Kunde geben, sind derart, daß es bei dem heutigen Stande der 
Geschichtsforschung keinem Historiker mehr einfallen würde, auf Grund der- 
selben den Versuch zur Abfassung der Biographie eines lüstorischen Jesus zu unter- 
nehmen." 1. e., S. 10: „Hinter diesen Erzählungen der Evangelien das Leben eines 
natürlichen, historischen Menschen zu sehen, würde heute ohne die Nachwirkungen 
der rationalistischen Theologie keinem Mensehen mehr einfallen." 1. e., S. 9: „Das 
Göttliche ist in Christus stets und überall mit dem Menschlichen innerlich eins 
zu denken; von dem kirchlichen Gottmenschen führt eine gerade Linie rückwärts 
durch die Episteln und Evangelien des Neuen Testamentes bis zur Danielapokalypse 
in der die kirchliche Ausprägung des Christusbildes ihren Anfang genommen hat. 
Aber auf jedem einzelnen Punkte dieser Linie trägt der Christus auch übermensch- 
liche Züge, nie und nirgends ist er da?, was die kritische Theologie aus ihm hat 
machen wollen: ein bloßer natürlicher Mensch, ein historisches Individuum." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 151 

Warum aber quält sich unser frommer Abbe mit der alten Judas- 
legende ? 

Er ging also in die Welt, um das Evangelium der Barmherzigkeit 
zu predigen. Nach einiger Zeit trat er aus der katholischen Kirche 
aus und wurde Swedenborgianer. Nun verstehen wir seine 
Judasphantasie: er war der Judas, der seinen Herrn verriet; deshalb 
mußte er sich vorerst der göttlichen Barmherzigkeit versichern, um 
ruhig Judas sein zu können. 

Dieser Fall wirft ein Licht auf den Mechanismus der Phantasien 
überhaupt. Die bewußte Phantasie kann von mythischem oder 
anderem Stoffe sein, sie ist als solche nicht ernst zu nehmen, denn sie 
ist von indirekter Bedeutung. Nehmen wir sie doch als per se wichtig, 
so wird die Sache unverständlich, und man muß an der Zweckmäßigkeit 
des Geistes verzweifeln. Wir sahen aber im Falle des Abbe Oegger, 
daß seine Zweifel und Hoffnungen sich nicht um die historische Person 
des Judas drehen, sondern um seine eigene Person, die sich durch die 
Lösung des Judasproblems den Weg in die Freiheit bahnen will. 

Die bewußten Phantasien erzählen uns also an einem 
mythischen oder sonstigen Stoffe von noch nicht oder nicht 
mehr anerkannten Wunschtendenzen in der Seele. Wie 
leicht verständlich, kann eine seelische Tendenz, der man die Aner- 
kennung versagt und die man als nicht existierend behandelt, kaum 
etwas enthalten, was zu unserem bewußten Charakter gut paßte. Es 
handelt sich um Tendenzen, die man als unmoralisch und überhaupt 
als unmöglich bezeichnet und gegen deren Bewußtmachung man den 
stärksten Widerstand empfindet. Was hätte wohl Oegger gesagt, wenn 
man ihm vertraulich mitgeteilt hätte, daß er sich selber für die Judas- 
rolle präpariere? Was aber bezeichnen wir in uns als unmoralisch 
und nicht existierend oder wünschen wenigstens, daß es nicht exi- 
stiere? Es ist das, was in der Antike breit an der Oberfläche lag, nämlich 
die Sexualität in ihren vielfachen Erscheinungsformen. Wir dürfen 
uns darum nicht im geringsten wundern, sie an der Basis der meisten 
unserer Phantasien zu finden, wenn schon die Phantasien ein anders- 
artiges Aussehen haben. Weil Oegger die Verdammung des Judas 
unverträglich mit der Güte Gottes fand, so dachte er über diesen Kon- 
flikt nach: Das ist die bewußte Kausalreihe. Nebenher geht die 
unbewußte Reihe: weil Oegger selber Judas werden wollte, ver- 
sicherte er sich vorerst der Güte Gottes. Judas wurde für Oegger 
zum Symbol seiner eigenen unbewußten Tendenz, und er brauchte 



152 C. G. Jung. 

dieses Svmbol, um über seinen unbewußten "Wunsch nachdenken zu 
können; das direkte Bewußtwerden des Judaswunsches wäre ihm wohl 
zu schmerzlich gewesen. So muß es wohl typische Mythen 
geben, die recht eigentlich die Instrumente sind zur völker- 
psychologischen Komplexbearbeitung. Jakob Burckhardt 
scheint dies geahnt zu haben, als er einmal sagte, daß jeder Grieche 
der klassischen Zeit ein Stück Oedipus in sich trug, wie jeder Deutsche 
ein Stück Faust 1 ). 

Die Probleme, die uns die einfache Erzählung des Abbe Oegger 
vor Augen geführt hat, begegnen uns wieder, wenn wir uns anschicken, 
Phantasien zu untersuchen, die diesmal ihre Existenz einer ausschließlich 
unbewußten Arbeit verdanken. "Wir verdanken das Material, dessen 
wir uns in den folgenden Kapiteln bedienen werden, der verdienst- 
vollen Publikation einer amerikanischen Dame, Miß Frank Miller, 
die unter dem Titel: „Quelques faits d Imagination creatrice subcons- 
ciente" einige unbewußt dichterisch geformte Phantasien im V. Bande 
der Archives de Psychologie (1906) der Öffentlichkeit zugänglich 
gemacht hat 2 ). 



2 ) Vgl. J. Burekhardts Briefe an Albert Brenner (herausgegeben von 
Hans Brenner im Basler Jahrbuch, 1901). „Für die Spezialerklärung des Faust 
habe ich in Kisten und Kasten gar nichts vorrätig. Auch sind Sie ja bestens ver- 
sehen mit Kommentatoren aller Art. Hören Sie: Tragen Sie augenblicklich diesen 
ganzen Trödel wieder auf die Lesegesellschaft, von wannen er gekommen ist. — 
Was ihnen am Faust zu finden bestimmt ist, das werden Sie von Ahnungswegen 
finden müssen. — Faust ist närnlich ein echter und gerechter Mythus, d. h. ein 
großes urtümliches Bild, in welchem jeder sein Wesen und Schicksal auf seine 
Weise wieder zu ahnen hat. Erlauben Sie mir eine Vergleichung : Was hätten wohl 
che alten Griechen gesagt, wenn zwischen sie und die Ödipussage pich ein Kommen- 
tator hingepflanzt hätte? Zu der Ödipussage lag in jedem Griechen eins Ödipusfiber, 
welche unmittelbar berührt zu werden und auf ihre Weise nachzuzittem verlangte. 
Und so ist es mit der deutsehen Nation und dem Faust." 

2 ) Ich darf es nicht verschweigen, daß ich eine Zeitlang mit mir im Zweifel 
war, ob ich es wagen dürfe, das persönlich Intime, welches die Autorin in einer 
gewissen Selbstlosigkeit wissenschaftlichen Interesses der Öffentlichkeit preis- 
gegeben hat, analytisch zu entschleiern. Aber ich sagte mir, daß die Verfasserin 
ein tiefer gehendes Verständnis ebenso ertragen müsse, wie die Einwendungen der 
Kritik. Man hat ja immer etwas zu riskieren, wenn man sieh der Öffentlichkeit 
aussetzt. Mein totaler Mangel an persönlicher Beziehung zu Miß Miller erlaubt mir 
eine freie Sprache, zugleich enthebt er mich aller, die Schlußfolgerung beein- 
trächtigenden Rücksichtnahme, die man einer Dame schuldig wäre. Die Person 
der Autorin ist mir daher ebenso schattenhaft wie ihre Phantasien, und ich habe, 
wie einst Odysseus, mich bemüht, diesen Schatten nur soviel Blut trinken zu lassen, 



Wandlungen und Symbole der Libido. 153 

III. 

Vorbereitende Materialien zur Analyse 
der Miller'schen Phantasien. 

Wir wissen aus mannigfacher psychoanalytischer Erfahrung, daß, 
wenn jemand eigene Phantasien oder seine Träume erzählt, es sich 
dabei immer nicht nur um ein dringendes, sondern um das momentan 
peinlichste seiner intimen Probleme handelt 1 ). 

Da wir es bei Miß Miller mit einem komplizierten System zu tun 
haben, müssen wir uns sorgfältig auch mit Einzelheiten beschäftigen, 
die ich, am besten der Darstellung Millers folgend, abhandle. 

Im ersten Kapitel: Phenomenes de Suggestion passagere ou 



um ihn sprechen zu machen, damit er uns einige Geheimnisse der Unterwelt verrate. 
Nicht etwa, daß ich mich freute, fremde Intimitäten auszukramen, um den Er- 
ratenen damit an den Pranger zu stellen, sondern weil ieh sein individuelles 
Geheimnis als ein allgemeingültiges zeigen möchte, darum habe ich die 
Aufgabe dieser Analyse übernommen, für die mir die Verfasserin vielleicht wenig 
Dank weiß. 

x ) Ein schönes Beispiel findet sich bei C. A. Bernoulli: Franz Overbeck 
und Friedrich Nietzsche. Eine Freundschaft, 1908 (Bd. I, S. 72). B. schildert 
Nietzsches Benehmen in der Basler Gesellschaft: „Einmal erzählte er seiner 
Tischdame: ,Mir hat kürzlich geträumt, meine Hand, die vor mir auf dem Tisehe 
lag, bekam plötzliek eine gläserne durchsichtige Haut; ich sah deutlich in ihr 
Gebein, in ihr Gewebe, in ihr Muskelspiel hinein. Mit einem Male sah ich eine 
dicke Kröte auf meiner Hand sitzen und verspürte zugleich den unwiderstehlichen 
Zwang, das Tier zu verschlucken. Ieh überwand meinen entsetzlichen Widerwillen 
und würgte sie hinunter.' Die junge Frau lachte. ,Und darüber lachen Sie?' 
fragte Nietzsehe mit furchtbarem Ernst und hielt seine tiefen Augen halb fragend 
halb traurig auf seine Naehbarin gerichtet. Da ahnte diese, wenn sie es aueh 
nicht ganz begriff, es habe hier ein Orakel im Gleichnismunde zu ihr gesprochen 
und Nietzsche ihr durch eine sehmale Spalte den Blick in den dunkeln Abgrund 
seines Innern aufgetan." S. 166 fügt B. folgende Notiz an: „Man kam vielleicht 
auch dahinter, daß die tadellose Exaktheit in seiner Kleidung weniger auf ein harm- 
loses Wohlgefallen an sich selbst zurückzuführen sei, als daß darin sieh eine aus 
einem geheimen, quälenden Ekel entspringende Befleckungsfurcht äußere." 

Nietzsche ist bekanntlich sehr jung nach Basel gekommen. Er befand 
sich damals gerade in einem Alter, wo andere junge Leute ans Heiraten denken. 
Er saß neben einer jungen Frau und erzählte ihr, daß mit seinem durchsichtigen 
Gliede etwas Schreckliches und Ekelhaftes passiert sei, das er auch ganz in seinen 
Körper habe aufnehmen müssen. Man weiß, welche Krankheit Nietzsches 
Leben ein vorzeitiges Ende bereitet hat. Eben gerade das hatte er seiner Dame 
mitzuteilen. Ihr Lachen war wirklich ungereimt. 



154 C. G. Jung. 

d'autosuggestion instantanee, gibt Miß Miller eine Reihe von Bei- 
spielen für ihre ungewöhnliche Suggestibilität, die sie selber als ein 
Symptom ihres nervösen Temperamentes betrachtet. Z. B. liebt sie 
leidenschaftlich Kaviar, während einige ihrer Angehörigen sich davor 
ekeln. Sobald jemand seinen Abscheu ausdrückt, so fühlt sie für einige 
Augenblicke ebenso den gleichen Ekel. Ich brauche wohl nicht be- 
sonders hervorzuheben, daß solche Beispiele individualpsychologisch 
immer recht wichtig sind. Daß Kaviar etwas ist, wozu nervöse Frauen 
leicht ein besonderes Verhältnis haben, ist dem Psychoanalytiker bekannt. 

Miß Miller hat eine außergewöhnliche Fähigkeit der Einfühlung 
und Identifikation. Z. B. identifizierte sie sich im „Cyrano" dermaßen 
mit dem verwundeten Christian de Neuvillette, daß sie in 
ihrer eigenen Brust einen wirklichen durchdringenden Schmerz fühlte, 
genau an der Stelle, wo Christian den tödlichen Schuß erhielt. 

Man könnte das Theater vom psychoanalytischen Standpunkte 
aus unästhetischerweise als eine Anstalt für öffentliche Komplex- 
bearbeitung bezeichnen. Der Genuß des Lustspieles oder der sich in 
Wonne auflösenden dramatischen Verwicklung geschieht auf dem 
Wege rückhaltloser Identifikation eigener Komplexe mit dem Spiele, 
der Genuß der Tragödie in dem schauerlich -wohltätigen Gefühl, daß 
es dem andern passiert, was einem selber drohte. Das Mitempfinden 
unserer Autorin mit dem sterbenden Christian Avill heißen, daß in ihr 
ein Komplex einer ähnlichen Lösung harrt, und leise ein „hodie tibi 
cras mihi" mitflüstert. Und damit man wisse, welches, genau bezeichnet, 
der wirksame Augenblick ist, fügt Miß Miller an, daß sie den Schmerz 
in der Brust fühle „lorsque Sarah Bernhardt se precipite sur lui pour 
etancher le sang de sa blessure", also der wirksame Augenblick ist der, 
wo die Liebe zwischen Christian und Roxane ein jähes Ende findet. 
Überblicken wir das ganze Stück Rostands, so fallen uns gewisse 
Stellen auf, deren Wirkung man sich nicht leicht entziehen kann, und 
die wir hier hervorheben wollen, weil sie für alles Spätere von Bedeutung 
sind. Cyrano de Bergerac mit der langen häßlichen Nase, derentwegen 
er zahlreiche Duelle besteht, liebt Roxane, die ihrerseits ahnungslos 
Christian liebt, um der schönen Verse willen, die aus Cyranos Feder 
stammen, aber scheinbar von Christian kommen. Cyrano ist der Un- 
verstandene, dessen heiße Liebe und edle Seele niemand ahnt, der Held, 
der sich anderen opfert; und sterbend, erst am Abend des Lebens, 
liest er ihr nochmals den letzten Brief Christians vor, dessen Verse 
er aber selber verfaßt hatte: 



Wandlungen und Symbole der Libido. 155 

„Roxane, adieu, je vais mourir! 

(Test pour ce soir, je crois, ma bien-aimee! 

J'ai 1'äme lourde encore d'amour inexprime 

Et je meurs! Jamais plus, jamais mes yeux grises, 

Mes regards dont c'etait les fremissantes fetes, 

Ne baiserout au vol les gestes que vous faites; 

J'en revois un petit qui vous est familier 

Pour toueher votre front et je voudrais crier — . 

Et je crie: 
Adieu! — Ma chere, ma cherie, 
Mon tresor — mon amour! 
Mon coeur ue vous quitta jamais une seconde, 
Et je suis et je serai jusque dans l'autre monde 
Celui qui vous aime sans mesure, celui — " 

Worauf Roxane in ihm den wahren Geliebten erkennt. Es ist 
schon zu spät, der Tod kommt, und im agonalen Delir erhebt sich 
Cyrano 3 zieht den Degen: 

„Je crois qu'elle regarde .... 

Qu'eile ose regarder mon nez, la camarde! 

(II leve son epee.) 
Que dites-vons? .... C'est inutile? .... 

Je le sais ! 
Mais on ne se bat pas dans l'espoir du succes! 
Non! Non! C'est bien plus beau, lorsque c'est inutile! 

— Qu'est-ce que c'est que tous ceux-lä? — Vous etes mille? 
Ah! je vous reconnais, tous mes vieux ennemis! 

Le mensouge! 

(II frappe de son epee le vide.) 
Triens, tiens, ha! ha! les Compromis, 

Les Prejuges, les Lächetes! 

(II frappe.) 
Que je pactise? 
Jamais, jamais! — Ah, te voilä, toi, la Sottise! 

— Je sais bien qu'ä la fin vous me mettrez ä bas; 
N'importe: je me bats! je me bats, je me bats! 
Oui, vous m'arrachez tout, le laurier et la rose! 
Arrachez! Uya malgre vous quelque chose 

Que j 'empörte, et ce soir, quand j'entrerai chez Dieu, 
Mou salut balaiera largement le seuil bleu. 
Quelque chose que sans uu pli, sans une tache, 
J'emporte malgre vous, et c'est — mon panache." 

Cyrano, der unter der häßlichen Hülle seines Körpers eine um so 
schönere Seele barg, ist ein Sehnsüchtiger und Unverstandener, und 
sein letzter Triumph ist, daß er wenigstens mit reinem Schilde scheidet — 



156 C. G. Jung. 

sans im pli et sans une tache. Die Identifikation der Autorin mit dem 
sterbenden Christian, der an sich eine wenig eindrucksvolle und sym- 
pathische Figur ist, spricht es aus, daß ihrer Liebe ein jähes Ende 
beschieden ist — so wie Christian. Das tragische Intermezzo mit Chri- 
stian spielt sich aber, wie wir gesehen haben, auf einem weit bedeu-* 
tungsvolleren Hintergrund ab, nämlich der unverstandenen Liebe 
Cyranos zu Roxane. Es dürfte daher der Identifikation mit Christian 
nur die Bedeutung einer Deckerinnerung zukommen, die für Cyrano 
eingesetzt ist. Daß dem wahrscheinlich so sein dürfte, werden wir 
im weiteren Verlaufe unserer Analyse sehen. 

Diesem Beispiele der Identifikation mit Christian folgt als weiteres 
Beispiel eine ungemein plastische Erinnerung an das Meer beim An- 
blicke der Photographie eines Dampfers auf hoher See. („Je sentis 
les pulsations des machines, le soulevement des vagues, le balancement 
du navire.") 

Wir dürfen hier schon die Vermutung aussprechen, daß sich an 
die Seereisen besonders eindrucksvolle Erinnerungen knüpfen, die 
tief in die Seele eingegriffen haben und der Deckerinnerung durch 
unbewußtes Mitklingen ein besonders kräftiges Eelief verleihen. In- 
wiefern diese hier vermuteten Erinnerungen mit dem oben berührten 
Problem zusammenhängen könnten, werden wir unten sehen. 

Das nunmehr folgende Beispiel ist sonderbar: Einmal im Bade 
hatte sich Miß Miller die Haare mit einem Handtuch umwunden, 
um sie vor der Nässe zu schützen. Im gleichen Momente hatte sie 
folgenden starken Eindruck: ,,11 me sembla que j etais sur un piedestal, 
une veritable statue egyptienne, avec tous ses details: membres raides, 
un pied en avant, la main tenant des insignes" usw. Miß Miller iden- 
tifiziert sich also mit einer ägyptischen Statue, natürlich auf Grund 
eines subjektiven Anspruches. Das heißt doch: Ich bin wie eine ägyp- 
tische Statue, also ebenso steif, hölzern, erhaben und „impassible", 
wofür ja die ägyptische Statue sprichwörtlich ist. Eine solche Behaup- 
tung macht man sich ohne innere Nötigung nicht vor; die richtige 
Formel dürfte also wohl lauten: „so steif, hölzern usw. wie eine ägyp- 
tische Statue möchte ich wohl sein." Der Anblick des eigenen unbe- 
deckten Körpers im Bade pflegt für die Phantasie unweigerlich Folgen 
zu haben, die sich am besten durch obige Formel beschwichtigen 
lassen 1 ). 

*) Ich könnte hierfür leicht eine ganze Reihe psychoanalytischer Erfahrungen 
anführen. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 157 

Das darauf folgende Beispiel hebt die persönliche Einwirkung der 
Autorin auf einen Künstler hervor: „J'ai reussi ä lui faire rendre des 
paysages, comme ceux du lac Leman, oü il n'a jamais ete, et il preten- 
dait »que je pouvais lui faire rendre des choses qu'il n'avait jamais 
vues, et lui donner la Sensation d'une athmosphere ambiante qu'il 
n'avait jamais sentie; bref que je me servais de lui comme lui-meme 
se servait de son craycn, c'est ä dire comme d'un simple instrument«." 

Diese Beobachtung steht in schroffem Gegensatze zur Phantasie 
der ägyptischen Statue. Miß Miller hat das unausgesprochene Be- 
dürfnis, hier ihre beinahe magische Wirkung auf einen andern Menschen 
hervorzuheben. Auch dies dürfte nicht ohne innere Nötigung geschehen, 
die namentlich der empfindet, dem eben eine gefühlsbetonte Einwirkung 
auf den Nebenmenschen öfter nicht gelingt. 

Damit ist die Reihe der Beispiele erschöpft, welche die Auto- 
suggestibilität und suggestive Wirkung von Miß Miller schildern 
sollen. In dieser Hinsicht sind die Beispiele allerdings weder besonders 
schlagend noch interessant, in analytischer Hinsicht dagegen schon 
viel wertvoller, da sie uns bereits einen Einblick in die Seele der Autorin 
gestatten. Ferenczi 1 ) hat uns in einer trefflichen Arbeit belehrt, 
was von Suggestibilität zu denken ist, daß nämlich diese Eigentümlich- 
keit im Lichte der Freudschen Libidotheorie neue Aspekte gewinne 
insofern, als ihre Wirkungen durch subjektive „Libidobesetzungen" 
erklärlich werden. Es wurde dies bereits oben bei der Besprechung 
der Beispiele angedeutet, am ausführlichsten anläßlich der Identifikation 
mit Christian: Die Identifikation wird dadurch wirksam, daß sie einen 
Energiezufluß erhält aus den stark gefühlsbetonten („besetzten") 
Hintergedanken des Christianmotivs. Umgekehrt ist die suggestive 
Wirkung der eigenen Person in einer besonderen Fähigkeit, Interesse 
(d. h. Libido) auf eine andere Person zu konzentrieren, wodurch der 
andere unbewußt zur Reaktion (gleichsinnig oder entgegengesetzt) 
gezwungen wird. Die Mehrzahl der Beispiele betreffen Fälle, wo Miß 
Miller Suggestivwirkungen unterlegen ist, d. h. wo sich bei ihr spontan 
die Libido gewisser Eindrücke bemächtigt hat, was unmöglich ist, 
wenn Libido in einem nicht ganz gewöhnlichen Maße durch fehlende 
Anwendung auf die Wirklichkeit angestaut ist. Miß Millers Be- 
trachtungen über Autosuggestibilität belehren uns daher über die 
Tatsache, daß die Autorin sich anschickt, in ihren folgenden Phan- 
tasien einiges aus der Geschichte ihrer Liebe mitzuteilen. 

x ) Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Dieses Jahrbuch. Bd. I. 



158 C. G. Jung. 

IV. 

Der Schöpferhymnus. 

Das zweite Kapitel in Miß Millers Arbeit ist überschrieben: 
Gloire ä Dien. Poeme onirique. 

Im Alter von 20 Jahren machte Miß Miller (1898) eine größere 
Reise nach und in Europa. Wir lassen ihrer Schilderung das Wort: 

„Nach einer langen und rauhen Reise von New York nach 
Stockholm, von da nach Petersburg und Odessa, war es für mich eine 
wahre Wollust l ) (une veritable volupte) die Welt der bewohnten 

Städte zu verlassen und in die Welt der Wellen, des 

Himmels und des Schweigens einzutreten . Ich blieb stunden- 
lang an Deck, um zu träumen, auf einem Liegestuhl ausgestreckt: 
Die Geschichten, Legenden und Mythen der verschiedenen Länder, die 
ich in der Ferne gesehen, kamen undeutlich zurück, in eine Art leuchten- 
den Nebels verschmolzen, in dem die Dinge ihre Realität verloren, 
während die Träume und Gedanken einzig den Anschein einer wirklichen 
Realität gewannen. In der ersten Zeit vermied ich sogar jede Gesell- 
schaft und hielt mich auf der Seite, ganz in meine Träumereien ver- 
loren, wo alles, was ich von Großem, Schönem und Gutem kannte, 
mir mit neuer Kraft und neuem Leben ins Bewußtsein zurückkam. 
Ich verwendete auch einen guten Teil meiner Zeit dazu, um meinen 
fernen Freunden zu schreiben, zu lesen und kleine Gedichte über die ge- 
schauten Orte zu skizzieren. Einige dieser Gedichte hatten einen 
eher ernsthaften Charakter." 

Es mag vielleicht überflüssig scheinen, auf alle diese Details 
näher einzutreten. Wenn wir uns aber an die oben gemachte Bemerkung 
erinnern, daß, wenn die Menschen ihr Unbewußtes reden lassen, sie 
uns immer die wichtigsten Dinge ihrer Intimität sagen, so erscheint 
uns auch das Kleinste bedeutsam. Wertvolle Persönlichkeiten 
sagen uns durch ihr Unbewußtes auch immer wertvolle Dinge, so 
daß sich geduldiges Interesse immer lohnt. 

Miß Miller schildert in diesem Stück einen „Introversions- 
zustand" : Nachdem das Leben der Städte mit seinen vielen Ein- 
drücken ihr Interesse an sich gerissen hatte (mit jener bereits er- 



x ) Die Auswahl von Worten und Gleichnissen ist immer bedeutsam. Eine 
Psychologie des Reisens und der dabei mithelfenden unbewußten Kräfte wäre 
noch zu schreiben. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 159" 

örterten Suggestivkraft, welche den Eindruck gewaltsam erzwingt), 
athmet sie auf dem Meer erleichtert auf und versinkt nach all der 
Äußerlichkeit ganz in Innerlichkeit mit absichtlicher Abspaltung der 
Umgebung, so daß die Dinge ihre Eealität verlieren und die Träume 
zur Wirklichkeit werden. Wir wissen aus der Psychopathologie, daß 
es gewisse Geistesstörungen 1 ) gibt, welche dadurch eingeleitet werden, 
daß die Kranken langsam sich immer mehr von der Eealität ab- 
schließen, in ihre Phantasie versinken, wobei in dem Maße, wie die 
Eealität ihren Akzent verliert, die Innenwelt an Eealität und deter- 
minierender Kraft zunimmt 2 ). Dieser Prozeß führt zu einem Höhe- 
punkt (der individuell verschieden ist), wo die Kranken plötzlich ihrer 
Abspaltung von der Wirklichkeit mehr oder weniger bewußt werden: 



2 ) Diese Geistesstörung hatte bis jetzt die durchaus unglückliche Krae- 
pelinsche Bezeichnung: Dementia praecox. Es ist ein ganz besonderes Unglück 
für diese Krankheit, daß die Psychiater sie gefunden haben. Diesem Umstände 
ist ihre anscheinend schlechte Prognose zu verdanken, indem Dementia praecox 
soviel wie therapeutische Hoffnungslosigkeit bedeutet. Wie sähe die Hysterie aus, 
wenn man sie vom Standpunkte des Psychiaters beurteilen wollte ! Der Psychiater 
sieht naturgemäß in seiner Anstalt nur das Allerschlimmste und muß daher ein 
Pessimist sein, denn er ist therapeutisch gelähmt. Wie würde die Tuberkulose 
kläglich dastehen, wenn ein Arzt eines Asyls für Unheilbare ihre Klinik schreiben 
würde ! So wenig, wie die chronischen Hysterien, die in den Irrenanstalten langsam 
versimpeln, für die wirkliche Hysterie charakteristisch sind, so wenig ist es die 
Dementia praecox für ihre in der Praxis so häufigen Vorstufen, die Janet als 
Psychasthenie bezeichnet. Sie fallen unter die Bleulersche Definition der Schizo- 
phrenie, welcher Name allerdings eine psychologische Tatsache impliziert, die 
mit ähnlichen Tatbeständen bei Hysterie leicht verwechselt werden könnte. Für 
meinen Privatgebrauch, mit dem ich niemand beschweren will, habe ich den Ter- 
minus: Introversionsneurose, womit meines Erachtens das wichtigste Cha- 
rakteristikum der Krankheit gegeben ist, nämlich das Überwiegen der Intro- 
version gegenüber der Übertragung, welch letztere Hysterie kennzeichnet. 

In meiner „Psychologie der Dementia praecox" habe ich die Janetsche 
Psychasthenie nicht mit Dementia praecox zusammengebracht. Die seitherigen 
Erfahrungen, besonders der Umstand, daß ich mich in Paris später über den Psyeh- 
astheniebegriff belehren ließ, haben mir die Zugehörigkeit der Janetschen Gruppe 
zur Introversionsneurose (Schizophrenie Bleuler) dargetan. 

2 ) Vergl. die verwandten Auffassungen in meiner Schrift: Über die Psy- 
chologie der Dementia praecox. Halle, 1907 und Inhalt der Psychose. Deuticke, 
Wien, 1908. Ebenso Abraham: Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie 
und der Dementia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 
1908. Verfasser definiert in Anlehnung an Freud die charakteristische Tendenz 
der Dementia praecox als Autoerotismus, was, wie ich bemerke, eine der 
Folgen der Introversion bedeutet. 



160 C. G. Jung. 

das Ereignis, das dann eintritt, ist die pathologische Aufregimg, d. h. 
die Kranken fangen an, sich an die Umgebung zu wenden, allerdings 
mit krankhaften Absichten, die aber doch den (zwar mißlungenen) 
kompensierenden Übertragungs versuch darstellen 1 ). (Die Mittel der 
Darstellung sind natürlich äußerst verschieden, worauf ich hier nicht 
näher eintrete.) 

Dieser Typus scheint überhaupt eine psychologische Eegel zu 
sein, die für alle Neurosen und daher in ganz abgeschwächtem Maße 
auch für die Normalen gilt. Wir können daher erwarten, daß Miß 
Miller nach dieser energischen und anhaltenden Introversion, die 
sogar das Eealitätsgefühl zeitweise beeinträchtigte, von neuem einem 
Eindrucke der realen Welt unterliegen wird (und zwar einem ebenso 
energisch suggestiven Einfluß, wie dem ihrer Träumereien). Folgen 
wir der Erzählung weiter: 

„Aber als die Eeise ihrem Ende sich nahte, überboten sich die 
Schiffsoffiziere an Liebenswürdigkeit (tout ce qu'il y a de plus ein- 
presse et de plus aimable) und ich brachte viele amüsante Stunden 
damit zu, ihnen Englisch zu lehren. An der Küste von Sizilien, im Hafen 
von Catania, schrieb ich ein Seemannslied, das übrigens einem auf 
See wohlbekannten Liede sehr sich annäherte („Brine, wine and 
damsels fine"). Die Italiener singen im allgemeinen alle gut, und einer 
der Offiziere, der während der Nachtwache auf Deck sang, hatte mir 
einen großen Eindruck gemacht und mir die Idee eingegeben, einige 
zu seiner Melodie passende Worte zu schreiben. 

Bald darauf mußte ich beinahe das bekannte Sprichwort, „Veder 
Napoli e poi morir", umkehren, ich wurde nämlich plötzlich sehr leidend 
(obschon nicht gefährlich) ; ich erholte mich aber wieder so weit, daß 
ich an Land gehen konnte, um im Wagen die Sehenswürdigkeiten 
der Stadt zu besuchen. Dieser Tag ermüdete mich sehr und da wir 
die Absicht hatten, folgenden Tags Pisa zu sehen, ging ich abends 
beizeiten an Bord und legte mich bald schlafen, ohne an etwas Ernst- 
hafteres als an die Schönheit der Offiziere und an die Häßlichkeit 
der italienischen Bettler zu denken." 

Man ist etwas enttäuscht, statt dem erwarteten Realitätseindruck 
bloß einem Ideinen Intermezzo, einem Flirt, zu begegnen. Immerhin 
hatte einer der Offiziere, der Sänger, einen großen Eindruck gemacht 



x ) Freud, dem ich ein wesentliches Stück dieser Einsicht verdanke, 
spricht auch von „Heilungsversuch". 



Wandlungen und Symbole der Libido. 161 

(,,il m'avait fait beaucoup d'impression.") Die Bemerkung am Schlüsse 
der Schilderung „sans songer ä rien de plus serieux qu'ä la beaute 
des officiers" usw. vermindert allerdings wieder die Ernsthaftigkeit 
des Eindruckes. Die Annahme aber, daß der Eindruck doch offenbar 
die Stimmung sehr beeinflußte, wird unterstützt durch die Tatsache, 
daß ein Gedicht in Anlehnung an ein solches erotischen Charakters 
(„brine, wine and damsels fine") zustande kam, und zwar zu Ehren 
des Sängers. Man ist allzuleicht geneigt, dergleichen Eindrücke leicht 
zu nehmen und man gibt zu gerne den Aussagen der Beteiligten nach, 
wenn sie alles als einfach und wenig ernsthaft darstellen. Ich ver- 
weile deshalb längere Zeit bei diesem Eindrucke, weil es von Belang 
ist, zu wissen, daß ein erotischer Eindruck nach einer derartigen Intro- 
version von tiefer und von Miß Miller vielleicht unterschätzter 
Wirkung auf das Gemüt ist. Das plötzliche vorübergehende Unwohl- 
sein ist dunkel und bedürfte einer psychologischen Beleuchtung, die 
allerdings aus Mangel an Anhaltspunkten unterbleiben muß. Nur aus 
einer bis in die Fundamente reichenden Erschütterung können die 
nunmehr zu schildernden Phänomene verstanden werden: 

„Von Neapel nach Livorno fährt das Schiff eine Nacht, während 
welcher ich mehr oder weniger gut schlief — mein Schlaf ist nämlich 
selten tief oder traumlos. Es schien mir, als ob die Stimme meiner 
Mutter mich gerade zu Ende des folgenden Traumes aufweckte: „Zu- 
erst hatte ich eine vage Vorstellung von den Worten: When the mo- 
ming stars sang together" — welche das Präludium einer gewissen 
unklaren Vorstellung von Schöpfung und von mächtigen das Weltall 
durchhallenden Chorälen waren. Trotz des sonderbaren widerspruchs- 
voll-verworrenen Charaktere , der dem Traum eigentümlich ist, mischten 
sich die Chöre eines Oratoriums, das von einer der ersten Musikgesell- 
schaften New Yorks aufgeführt worden war, und sodann Erinnerungen 
an Miltons „Verlorenes Paradies" hinein. Dann tauchten aus diesem 
Gewirre langsam gewisse Worte auf, die sich zu drei Strophen ordneten, 
und zwar erschienen sie in meiner Handschrift, auf gewöhnlichem 
Schreibpapier mit blauen Linien, auf einem Blatte meines alten Poesie- 
albums, das ich immer bei mir führe: kurz, sie erschienen mir genau 
so, wie sie sich einige Minuten später wirklich in meinem Buche 
befanden." 

Miß Miller zeichnete nun folgendes Gedicht auf, das sie einige 
Monate später noch etwas umredigierte, wodurch es sich dem Traum- 
originale nach ihrer Ansicht wieder mehr annäherte: 

Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen. III. 11 



162 C. G. Jung. 

When the Eternal first made Sound 
A myriad ears sprang out to hear, 
And throughout all the Universe 
There rolled an echo deep and clear: 
All Glory to the God of Sound! 

When the Eternal first made Light 
A myriad eyes sprang out to look, 
And hearing ears and seeing eyes, 
Once more a mighty choral took: 
„All Glory to the God of Light!" 

When the Eternal first gave Love, 
A myriad hearts sprang into life; 
Eears filled with music, eyes with light, 
Pealed forth with hearts with love all rife: 
„All Glory to the God of Love!" 1 ) 

Bevor wir auf die Versuche von Miß Miller, durch eigene Ein- 
fälle 2 ) die Wurzeln dieser subliminalen Schöpfung aufzudecken, ein- 
gehen, wollen wir einen kurzen analytischen Überblick über das 
bisher mitgeteilte Material gewinnen. Der Eindruck vom Schiffe 
wurde bereits gebührend hervorgehoben so daß es nun nicht mehr 
schwer fallen dürfte, der dynamischen Prozesse habhaft zu werden, 
welche diese dichterische Offenbarung herbeiführten. Es wurde oben 
angedeutet, daß Miß Miller die Tragweite des erotischen Eindruckes 
vielleicht nicht unbeträchtlk h unterschätzt hat. Diese Annahme 



x ) Der Sinn kann deutseh etwa folgendermaßen wiedergegeben werden: 

Als der Ewige den Ton erschuf, 

Da erstanden Myriaden von Ohren, ihn zu hören 

Und durch das ganze Universum rollte ein Echo tief und klar: 

„Ruhm sei dem Gott des Tones !" 

Als der Ewige das Lieht erschuf, 
Da erstanden Myriaden Augen, es zu sehen, 
Und hörende Ohren und sehende Augen 
Erhoben von neuem den mächtigen Choral: 
„Ruhm sei dem Gott des Lichtes !" 

Als der Ewige die Liebe erschuf, 
Da traten Myriaden Herzen ins Leben; 
Ohren, erfüllt von Tönen, Augen von Lieht 
Und Herzen überströmend von Liebe gaben 
„Ruhm dem Gott der Liebe!" 

2 ) Ich bemerke, daß Miß Miller in ihrer Publikation keine Ahnung von 
Psychoanalyse verrät. 



Wandlungen und Symbole dez- Libido. 163 

gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch die Erfahrung, daß ganz all- 
gemein relativ schwache erotische Eindrücke außerordentlich unter- 
schätzt werden. Man kann dies am besten in den Fällen sehen, wo 
die Beteiligten aus sozialen oder moralischen Gründen eine erotische 
Beziehung für denkunmöglich halten (z. B. Eltern und Kinder, Ge- 
schwister, [homosexuelle] Beziehungen zwischen älteren und jüngeren 
Männern usw.). Ist der Eindruck relativ leicht, so existiert er für den 
Beteiligten gar ni( ht. ist er stark, so entsteht eine tragische Abhängig- 
keit, die jeden Unsinn im Gefolge haben kann. Die Urteilslosigkeit 
kann unglaublich weit gehen: Mütter, die die ersten Erektionen des 
kleinen Sohnes in ihrem eigenen Bett erleben, eine Schwester, die sich 
quasi scherzhaft mit dem Bruder herumdrückt, eine 20 jährige Tochter, 
die sich noch dem Papa auf die Knie setzt und dabei „sonderbare" 
Empfindungen im „Unterleib" hat; sie sind alle moralisch im höchsten 
Grad entrüstet, wenn man von „Sexualität" sprechen wollte. Unsere 
ganze Erziehung geht schließlich stillschweigend darauf aus, von Erotik 
möglichst wenig zu wissen und tiefste Unkenntnis darüber zu ver- 
breiten. Es ist daher kein Wunder, daß das Urteil in puncto der Trag- 
weite eines erotischen Eindruckes sozusagen in der Kegel unsicher und 
unzulänglich ist. Miß Miller war zu einem tiefen erotischen Eindruck, 
wie wir gesehen haben, durchaus disponiert. Von der dadurch erregten 
Gefühlssumme scheint aber nicht allzuviel ans Licht gedrungen zu 
sein, indem der Traum noch eine mächtige Nachlese zu halten hatte. 
Die analytische Erfahrung weiß, daß die ersten Träume, welche Pa- 
tienten zur Analyse bringen, nicht zum mindesten auch deshalb von 
besonderem Interesse sind, weil sie öfter Beurteilungen und Wertungen 
der Persönlichkeit des Arztes herausbringen, die man vorher wohl 
vergeblich direkt erfragt hätte. Sie bereichern den bewußten Ein- 
druck, den der Patient von seinem Arzte hatte, öfter um ganz be- 
trächtliche Stücke, und zwar sind es natürlich in der Eegel erotische 
Anmerkungen, welche das Unbewußte zu machen hat, eben wegen 
der ganz allgemeinen Unterschätzung und unsicheren Beurteilung des 
relativ schwachen erotischen Eindruckes. In der drastischen und 
hyperbolischen Ausdrucksweise des Traumes erscheint der Eindruck 
häufig wegen der ungemessenen Dimensionen des Symbols in beinahe 
unverständlicher Form. Eine weitere Eigentümlichkeit, die auf der 
historischen Schichtung des Unbewußten zu beruhen scheint, ist die, 
daß ein erotischer Eindruck, dem bewußte Anerkennung versagt wird, 
sich einer früheren und bereits abgelegten Übertragung bemächtigt 

11* 



1Ö4 C. G. Jung. 

und darin sich ausdrückt. Daher es z. B. kommt, daß bei jungen Mädchen 
zur Zeit der ersten Liebe sich bemerkenswerte Schwierigkeiten der 
erotischen Ausdrucksfähigkeit einstellen, die sich auf Störungen durch 
repressive Wiederbelebung des Vaterbildes oder der Vater - Imasio 1 ) 
analytisch reduzieren lassen. 

Man darf wohl etwas Ähnliches bei Miß Miller vermuten, denn 
die Idee der männlichen schöpferischen Gottheit ist analytisch und 
historisch-psychologisch ein Derivat der Vater-Imago 2 ) und hat den 
Zweck, zunächst die abgelegte infantile Vaterübertragung so zu ersetzen, 
daß dem Individuum der Übergang aus dem engen Kreise der Familie 
in den weiten Kreis der menschlichen Gesellschaft erleichtert werde. 

Wir erblicken zufolge dieser Überlegung in dem Gedichte und 
seinem „Präludium" das religiös-dichterisch geformte Produkt einer 
auf das Surrogat der Vater-Imago regredierenden Introversion. Trotz 
der mangelhaften Apperzeption des wirksamen Eindruckes werden 
wesentliche Bestandteile desselben in die Ersatzbildung aufgenommen, 
gewissermaßen als Abzeichen der Herkunft. (Pfister hat dafür den 
treffenden Ausdruck „Gesetz der Komplexrückkehr" eingeführt.) Der 
wirksame Eindruck war ja der zur Nachtwache singende Offizier 
(When the morning stars sang together — ), dessen Bild dem Mädchen 
eine neue Welt eröffnete („Schöpfung"). 



x ) Ich gebe hier dem Ausdruck „Imago" absichtlich den Vorzug vor dem 
Ausdruck „Komplex", um nämlich dem psychologischen Tatbestand, den ich 
unter „Imago" begreife, jene lebendige Selbständigkeit in der psychischen Hier- 
archie auch sichtlich in der Wahl des Terminus technicus zu verleihen, d. h. jene 
Autonomie, die ich als wesentliche Eigentümlichkeit des gefühlsbetonten Kom- 
plexes auf Grund vielfacher Erfahrungen gefordert habe. (Vgl. Psychologie der 
Dementia praecox, Kapitel II und III.) Meine Kritiker, besonders Isser lin, haben 
in dieser Auffassung eine Rückkehr zu mittelalterlicher Psychologie erblickt 
und sie darum gründlich verworfen. Diese „Rückkehr" geschah meinerseits bewußt 
und absichtlich, denn die phantastisch projizierte Psychologie alten und neuen 
Aberglaubens, besonders die Daemonologie liefert für meine Auffassung zahllose 
Belege. Überaus interessante Einsichten und Bestätigungen gibt uns auch der 
geisteskranke Schreber in seiner Selbstbiographie (Denkwürdigkeiten eines 
Nervenkranken, Mutze, Leipzig), wo er dieAutonomielehre vollendet zum Ausdruck 
gebracht hat. 

„Imago" lehnt sich zunächst an die psychologisch erschöpfende Darstellung 
in Spittelers Roman „Imago" an, sodann an die antike religiöse Vorstellung 
der „imagines et lares". 

2 ) Vgl. meine Schrift: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 165 

Dieser „Schöpfer" hat den Ton geschaffen, dann das Licht und 
dann die Liebe. Daß zuerst der Ton erschaffen wurde, kann nur in- 
dividuell erklärt werden, denn es gibt keine Kosmogonie, die so musi- 
kalische Neigungen hätte. Wir dürfen schon jetzt eine Konjektur 
wagen, die bereits in der Luft liegt und sich nachher reichlich bestätigen 
wird, nämlich folgende Assoziation? kette : Der Sänger — der singende 
Morgenstern — der Gott des Tones — der Schöpfer — der Gott des 
Lichtes — (der Sonne) — (des Feuers) — und der Liebe. 

Die Glieder dieser Keihe sind durch das Material belegt mit Aus- 
nahme von Sonne und Feuer, die ich in Parenthese setzte, die sich 
aber im weiteren Verlaufe der Analyse durch das Folgende bestätigen 
werden. Sämtliche Bezeichnungen gehören mit einer Ausnahme auch 
in die erotische Sprache („mein Gott, Stern, Licht, meine Sonne, 
Feuer der Liebe, feurige Liebe" usw.). „Schöpfer" erscheint zunächst 
undeutlich, wird aber verständlich durch den Hinweis auf die Unter- 
töne des Eros, auf die mitschwingenden Akkorde der Natur, die sich 
in jedem Liebespaare zu verjüngen trachtet und das Wunder der 
Schöpfung erwartet. 

Miß Miller hat sich ebenfalls bemüht, die unbewußte Schöpfung 
ihres Geistes ihrem Verständnisse zu erschließen, und zwar durch 
ein Verfahren, das mit dem der Psychoanalyse prinzipiell übereinstimmt 
und daher zu denselben Resultaten führt, wie die Psychoanalyse. Aber 
wie es dem Laien und Anfänger zu gehen pflegt, bleibt Miß Miller, 
da sie keine Kenntnis der Psychoanalyse besitzt, bei den Einfällen 
stehen, die notwendigerweise den zugrunde liegenden Komplex bloß 
in indirekter, d. h. zensurierter Weise zur Darstellung bringen. Immerhin 
genügt ein einfaches Schluß verfahren, eigentlich bloß ein Fertigdenken 
dazu, um den Sinn aufzufinden. 

Miß Miller findet es zunächst erstaunlich, daß ihre unbewußte 
Phantasie nicht, dem mosaischen Schöpfungsberichte folgend, das 
Licht an erste Stelle setzt, sondern den Ton. 

Nun folgt eine richtig ad hoc und theoretisch konstruierte Er- 
klärung, deren Hohlheit charakteristisch ist für alle derartigen Deutungs- 
versuche. Sie sagt: „Es ist vielleicht interessant, daran zu erinnern, 
daß Anaxagoras ebenfalls den Kosmos durch eine Art Wirbelwind 1 ) 



*) Es handelt sich bekanntlich bei Anaxagoras darum, daß die lebendige 
Urpotenz des vovg der toten Urpotenz der Materie wie durch einen Windstoß 
die Bewegung erteilt. Von Schall ist natürlich keine Rede. Vielmehr hat dieser vovg, 
der dem späteren Begriff des Philo, dem Xöyos oneQuaxiuös der Gnosis und 



166 CG. Jung. 

aus dem Chaos entstehen läßt, was im allgemeinen nicht ohne Hervor- 
bringung von Schall geschieht. Aber zu dieser Zeit hatte ich noch 
keine philosophischen Studien gemacht, und ich wußte weder von 
Anaxagoras noch von seinen Theorien über den rovg, welchen ich 
offenbar unbewußt gefolgt war. Ich befand mich damals ebenso in 
gänzlicher Unwissenheit über Leibnitz und wußte daher auch nichts 
von seiner Doktrin »dum Deus calculat, fit mundus«". 

Die beiden Hinweise Miß Millers auf Anaxagoras und Leib- 
nitz beziehen sich auf Schöpfung durch den „Gedanken", daß nämlich 
der göttliche Gedanke allein eine neue materielle Wirklichkeit hervor- 
bringen könne; eine zunächst unverständliche Andeutung, die aber 
bald dem Verständnisse näher treten wird. 

Wir kommen nun zu denjenigen Einfällen, aus denen Miß Miller 
ihre unbewußte Schöpfung hauptsächlich ableitet: 

„Vor allem ist es „Das verlorene Paradies" von Milton in der 
von Dore illustrierten Ausgabe, die wir zu Hause hatten und an der 
ich mich öfter, seit meiner Kindheit, erfreut habe. Dann das Buch 
Hiob, woraus man mir öfter, solang ich mich zu entsinnen weiß, 
vorgelesen hat. Übrigens, wenn man die ersten AVorte des „Verlorenen 
Paradieses" mit meinem ersten Vers vergleicht, bemerkt man, daß es 
das gleiche Versmaß ist. 

Of man's first disobedience 

When the Eternal first made sound. 

Weiter erinnert mein Gedicht an verschiedene Stellen in Hiob 
und an ein oder zwei Stellen aus Hä ndels Oratorium „Die Schöpfung" 1 ), 
was schon undeutlich im Beginne des Traumes vorkam." 

Das „Verlorene Paradies", das bekanntlich mit dem Beginne der 
Welt so nahe zusammenhängt, wird näher präzisiert durch den Vers: 

Of man's first disobedience 

der sich wie ersichtlich auf den Sündenfall bezieht, dessen Bedeutung 
nicht weiter zu betonen ist. Ich kenne den Einwand, den jeder der 

dem paulinischcn 7ii>ev/ua sowie dem nveöfia der nebenchristlichen Theologien 
schon recht ähnlich ist, wohl die alte mythologische Bedeutung des befruchtenden 
Windhauches, der die Stuten Lusitaniens und die ägyptischen Geier befruchtete. 
Die Beseelung des Adam und die Befruchtung der Gottesmutter dureh das JiveD,ua 
erfolgen auf ähnliehe Weise. Die infantile Inzestphantasie einer meiner Kranken 
lautet: Der Vater deekt ihr die Hände aufs Gesieht und bläst ihr in den geöffneten 
Mund. 

x ) Es dürfte wohl Haydns Schöpfung gemeint sein. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 167 

Psychoanalyse Unkundige hier erheben wird, nämlich Miß Miller 
hätte ja ebensogut irgend einen andern Vers als Beispiel wählen können, 
nur zufälligerweise hätte sie gerade den ersten besten genommen, der 
ebenso zufälligerweise diesen Inhalt hat. Die Kritik, die wir gleicher- 
weise von unseren ärztlichen Kollegen wie von unseren Patienten 
erfahren, operiert, wie man weiß, in der Regel mit solchen Argumenten. 
Dieses Mißverständnis stammt daher, daß man das Kausalitätsgesetz 
auf psychischem Gebiete viel zu wenig ernst nimmt: es gibt nämlich 
keine Zufälle, keine „ebensogut". Es ist so, und darum ist ein zu- 
reichender Grund vorhanden, warum es so ist. Es ist also so, daß 
das Gedicht von Miß Miller mit dem Sündenfalle zusammenhängt, 
worin sich eben jene erotische Komponente hervordrängt, deren Vor- 
handensein wir oben vermutet haben. 

Leider unterläßt es Miß Miller zu sagen, welche Stellen aus 
Hiob ihr einfielen. Es sind deshalb nur allgemeine Vermutungen 
möglich. Zunächst die Analogie zum „Verlorenen Paradies": Hiob 
verliert alles, was er hat, und zwar auf einen Vorschlag Satans hin, der 
ihn gegen Gott aufwiegeln will. Ebenso ging durch die Versuchung 
der Schlange dem Menschen das Paradies verloren und sie wurden in 
die Erdenqual verstoßen. Die Idee oder vielmehr die Stimmung, die 
durch die Reminiszenz an das „Verlorene Paradies" ausgedrückt wird, 
ist das Gefühl von Miß Miller, etwas verloren zu haben, was mit 
satanischer Versuchung zusammenhängt. Es geht ihr wie Hiob, daß 
sie unschuldig leidet, denn sie ist der Versuchung doch nicht zum Opfer 
gefallen. Hiobs Leiden bleibt von seinen Freunden unverstanden 1 ), 
keiner weiß, daß Satan seine Hand im Spiele hat und Hiob wirklich 
unschuldig ist. Hiob wird nicht müde, seine Unschuld zu beteuern. 
Liegt darin eine Anspielung? Wir wissen, daß gewisse Neurotische 
und besonders Geisteskranke beständig ihre Unschuld verteidigen 
gegen nicht existierende Angriffe; bei näherem Zusehen aber ent- 
deckt man, daß der Kranke, indem er anscheinend grundlos seine 
Unschuld verteidigt, damit bloß eine „Deckhandlung" vollzieht, 
deren Energie gerade jenen Triebregungen entstammt, deren sünd- 
hafter Charakter eben durch den Inhalt der vermeintlichen Vorwürfe 
und Verleumdungen enthüllt wird 2 ). 

x ) Siehe Hiob 16, 1 bis 11. 

2 ) F. N. Ich erinnere mich z. B. an den Fall eines jungen, geisteskranken 
Mädchens, die beständig ihre Unschuld verdächtigt wähnte, was sie sich durchaus 
nicht ausreden ließ. Allmählich entwickelte sich aus der entrüsteten Verteidigung 
heraus eine entsprechend energische positive Erotomanie. 



168 C. G. Jung. 

Hiob leidet doppelt, einerseits am Verluste seines Glückes und 
anderseits an dem Mangel an Verständnis bei seinen Freunden, 
welch letzteres sich durch das ganze Buch hindurch zieht. Das Leid 
des Unverstandenen erinnert an die Gestalt des Cyrano de Berge- 
rac: er leidet auch doppelt, einerseits an hoffnungsloser Liebe, ander- 
seits am Unverstandensein. Er fällt, wie wir gesehen haben, im letzten 
hoffnungslosen Kampfe gegen „Le Mensonge, les Compromis, les Pre- 
juges, les Lächetes et la Sottise" — 

Oui, Vous m'arrachez tout le laurier et la rose ! 
Hiob klagt: 

„Gott hat mich übergeben den Ungerechten und hat mich in 
der Gottlosen Hände lassen kommen. 

Ich war im Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er 
hat mich beim Hals genommen und zerstoßen und hat mich ihm 
zum Ziel aufgerichtet. 

Er hat mich umgeben mit seinen Schützen 1 ); er hat 
meine Nieren gespalten und nicht verschont — 

Er hat mir eine Wunde über die andere gemacht; er ist an mich 
gelaufen wie ein Gewaltiger 2 ). 

Die Gefühlsanalogie liegt im Leiden des hoffnungslosen 
Kampfes gegen das Mächtigere. Es ist, wie wenn dieser Kampf 
von ferne begleitet wäre von den Klängen der „Schöpfung", was auf 
ein schönes und mysteriöses Bild schließen läßt, das dem Unbewußten 
angehört und noch nicht zum Lichte der Oberwelt emporgedrungen 
ist. Wir ahnen mehr, als daß wir es wissen, daß nämlich dieser Kampf 
wirklich etwas mit Schöpfung zu tun hat, mit dem Ringen zwischen 
Verneinung und Bejahung. Die Hinweise auf Rostands Cyrano 
durch die Identifikation mit Christian, auf Miltons „Verlorenes 
Paradies", auf die Leiden des von seinen Freunden unverstandenen 
Hiob verraten deutlich, daß in der Seele der Dichterin sich etwas 
mit diesen Bildern identifiziert, also leidet wie Cyrano imd Hiob, das 
Paradies verloren hat und von „Schöpfung" träumt — Schöpfung 
durch den Gedanken — Befruchtung durch den Windhauch des 
Anaxagoras 3 ). 

Wir überlassen uns nun wieder der Führung von Miß Miller: 



2 ) Die Hervorhebung im Texte wird im II. Teile meiner Arbeit ihre Er- 
klärung finden. 

2 ) Hiob 16, 12 ff. 

3 ) Vgl. oben die Fußnote zum Text von Miß M. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 169 

„Ich erinnere mich, daß ich im Alter von 15 Jahren mich einmal 
sehr aufregte über einen Artikel, den mir meine Mutter vorgelesen hatte 
über die ,Idee, die spontan ihr Objekt erzeugt'. Ich regte mich dermaßen 
auf, daß ich fast die ganze Nacht nicht schlafen konnte, indem ich 
immer und immer wieder überlegte, was das wohl sagen wolle. 

Im Alter von 9 bis 16 Jahren ging ich alle Sonntage in eine Pres- 
byterianerkirche, an der damals ein sehr gebildeter Mann als Pfarrer 
amtete. In einer der frühesten Erinnerungen, die ich von ihm bewahrt 
habe, sehe ich mich als ganz kleines Mädchen in einem großen Kirchen- 
stuhl sitzen in beständiger Bemühung, mich wach zu halten und auf- 
zupassen, ohne aber um alles in der Welt imstande zu sein, zu ver- 
stehen, was er damit sagen wollte, als er uns vom , Chaos', ,Kosmos' 
und von der ,Gabe der Liebe' (don d'amour) sprach." 

Es sind also ziemlich frühe Erinnerungen aus der Zeit der er- 
wachenden Pubertät (9 bis 16), welche die Ideen des aus dem Chaos 
entstehenden Kosmos mit dem ,don d'amour" verknüpft haben. Das 
Medium, in dem diese Verknüpfung stattfand, ist die Erinnerung 
an einen gewiß sehr verehrten Geistlichen, der jene dunklen Worte 
sprach. Aus dem gleichen Zeiträume stammt die Erinnerung an jene 
Aufregung über die Idee des schöpferischen „Gedankens", der von sich 
aus „sein Objekt erzeugt". Hier sind zwei Wege der Schöpfung an- 
gedeutet: der schöpferische Gedanke und die geheimnisvolle Beziehung 
zum „don d'amour". 

Ich habe zu einer Zeit, wo ich das Wesen der Psychoanalyse 
noch nicht begriffen hatte, die glückliche Gelegenheit gehabt, durch 
längere Beobachtung tiefe Einblicke in die Seele eines 15 jährigen 
Mädchens zu gewinnen. Ich habe damals mit Erstaunen entdeckt, 
welches die Inhalte der unbewußten Phantasien sind und wie weit 
sie sich von dem entfernen, was ein Mädchen in diesem Alter äußerlich 
zeigt. Es waren weit ausgreifende Phantasien von geradezu mythischer 
Fruchtbarkeit. Das Mädchen war in der abgespaltenen Phantasie die 
Stammutter ungezählter Geschlechter 1 ). Wenn wir die ausgesprochen 
dichterische Phantasie des Mädchens in Abzug bringen, so bleiben Ele- 
mente übrig, die allen Mädchen in diesem Alter gemeinsam sind, denn 
das Unbewußte ist in unendlich viel höherem Grade allen Menschen 
gemeinsam als die Inhalte des individuellen Bewußtseins: denn es ist 



2 ) Der Fall ist publiziert in: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter 
okkulter Phänomene. Mutze, Leipzig 1902. 



170 CG. Jung. 

die Verdichtung des historisch Durchschnittlichen und 
Häufigen. 

Das Problem von Miß Miller in diesem Alter war das Allgemein- 
Menschliche: Wie werde ich schöpferisch sein? Die Natur kennt darauf 
nur eine Antwort: „Durch das Kind (don d'amour? !)." Doch wie kommt 
man zum Kinde? Hier taucht das bange Problem auf, das sich, wie unsere 
analytische Erfahrung weiß, an den Vater knüpft 1 ), wo es sich doch 
nicht anknüpfen sollte, denn die Erbsünde des Inzestes lastet seit alters 
schwer auf dem menschlichen Geschlecht. Die starke und natürliche 
Liebe, die das Kind dem Vater verbindet, wendet sich in den Jahren, 
wo das Menschliche des Vaters allzu deutlich erkannt wird, weg zu 
höheren Formen des Vaters, zu den „Vätern" der Kirche und zu dem 
von ihnen sichtbar dargestellten Vatergott 2 ); und da ist noch weniger 
Möglichkeit, jenes Problem anzuknüpfen. Jedoch ist die Mythologie 
nicht verlegen um Tröstungen. Ist der loyog nicht auch Fleisch ge- 
worden? Ist nicht das göttliche m'evjua, eben der /.öyog, in den Schoß 
der Jungfrau eingegangen und hat als Menschensohn unter uns ge- 
wohnt? Jener Windstoß des Anaxagoras war ja der göttliche rovg, 
der aus sich selber zur Welt geworden ist. Warum behielten wir das 
Bild der unbefleckten Mutter bis auf den heutigen Tag? Weil es immer 
noch trostreich ist und ohne Worte und laute Predigt den Trostsuchenden 
sagt: „Ich bin auch Mutter geworden" — durch die „Idee, die spontan 
ihr Objekt erzeugt". 

Ich glaube, es war Grund genug vorhanden für eine schlaflose 
Nacht, wenn sich jene dem Alter der Pubertät eigentümlichen Phan- 
tasien dieser Idee bemächtigten — die Folgen wären ja unabsehbar. 

Alles Psychologische hat eine untere und eine obere 
Bedeutung, wie der tiefsinnige Satz der alten Mystik sagt: ovgarös 
urco, ovgarös y.dxco, aldega ävco, aldsga y.dxco, ztäv xovxo ävco, ziär 
xovxo y.dxco, xovxo laße y.al evxvysi. Wir würden nämlich der geistigen 
Eigenart unserer Autorin wenig gerecht werden, wenn wir uns damit 
begnügten, die Erregung jener schlaflosen Nacht einzig und allein auf 
das Sexualproblem im engeren Sinne zurückzuführen. Das wäre bloß 
die eine, und zwar, um den mystischen Ausdruck zu gebrauchen, nur 
die untere Hälfte. Die andere Hälfte aber ist die intellektuelle 



2 ) Vgl. Freud: Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben. Dieses Jahrbuch, 
Bd. I, 1. Hälfte, und Jung: Konflikte der kindliehen Seele, Jahrbuch II. 1. 

2 ) Andere brauchen diese Stufe nicht, sondern -werden vom Ero3 vorher 
weggerafft. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 171 

Sublimation, welche danach strebt, den zweideutigen Satz von der 
„Idee, die spontan ihr Objekt erzeugt", auf ihre Weise wahr zu 
machen: ideale Schöpfung an Stelle der realen. 

Bei einer zu geistiger Leistung offenbar sehr befähigten Per- 
sönlichkeit ist die Aussicht auf geistige Fruchtbarkeit etwas, das der 
höchsten Sehnsucht würdig ist, denn für viele wird es eine Lebensnot- 
wendigkeit sein. Auch diese Seite der Phantasie erklärt in hohem Maße 
die Erregung, denn es ist ein das Zukünftige vorahnender Gedanke; 
einer von jenen Gedanken, die um einen Ausdruck Maeterlincks 
zu gebrauchen 1 ), dem „inconscient superieur", jener „prospektiven 
Potenz" subliminaler Kombinationen, entstammen 2 ). Es ist eine Gelegen- 
heitserfahrung meiner täglichen Berufsarbeit (eine Erfahrung, über 
deren Sicherheit ich mich mit all jener Vorsicht ausdrücken muß, die 



x ) La Sagesse et la Destinee. 

2 ) Man wird mir diesmal kaum den Vorwurf des Mystizismus ersparen. 
Vielleicht aber wäre die Sache doch zu überlegen: zweifellos enthält das Unbewußte 
die psychologischen Kombinationen, die den Schwellenwert des Bewußtseins 
nicht erreichen. Die Analyse zerlegt diese Kombinationen in ihre historischen 
Determinanten, denn das ist eine der wesenttichen Aufgaben der Analyse, die 
Besetzungen der mit der zweckmäßigen Lebensführung konkurrierenden Kom- 
plexe durch Auflösung zu depotenzieren. Die Psychoanalyse arbeitet rückwärts, 
wie die Geschichtswissenschaft. So, wie ein großer Teil der Vergangenheit dermaßen 
entrückt ist, daß ihn die Kenntnis der Historie nicht mehr erreicht, so ist auch ein 
großer Teil der unbewußten Determination unerreichbar. Die Historie weiß aber 
zweierlei Dinge nicht, nämlich das in der Vergangenheit Verborgene und das in der 
Zukunft Verborgene. Beides wäre vielleicht mit einer gewissen Wahrscheinlich- 
keit zu erreichen, ersteres als Postulat, letzteres als historische Prognose. Insofern 
im Heute schon das Morgen enthalten ist und alle Fäden des Zukünftigen schon 
gelegt sind, könnte also eine vertiefte Erkenntnis der Gegenwart eine mehr oder 
minder weitreichende und sichere Prognose des Zukünftigen ermöglichen. Über- 
tragen wir dieses Ptaisonnement, wie das schon Kant getan hat, auf das Psy- 
chologische, so muß sich notwendig dasselbe ergeben: so wie nämlich dem Un- 
bewußten nachweisbar längst unterschwellig gewordene Erinnerungsspuren noch 
zugänglich sind, so auch gewisse sehr feine subliminale Kombinationen nach vor- 
wärts, welche für das zukünftige Geschehen, insofern solches durch unsere Psy- 
chologie bedingt ist, von allergrößter Bedeutung sind. So wenig aber die Geschichts- 
wissenschaft sich um die Zukunftskombinationen bekümmert, welche vielmehr 
das Objekt der Politik sind, so wenig sind auch die psychologischen Zukunfts- 
kombinationen Gegenstand der Analyse, sondern wären vielmehr Objekt einer 
unendlich verfeinerten psychologischen Synthetik, welche den natürlichen Strö- 
mungswegen der Libido zu folgen verstünde. Das können wir nicht, wohl aber das 
Unbewußte, denn dort geschieht es, und es scheint, als ob von Zeit zu Zeit in ge- 
wissen Fällen bedeutsame Fragmente dieser Arbeit wenigstens in Träumen zu 



172 CG. Jung. 

durch die Kompliziertheit des Stoffes geboten istj, daß in gewissen 
Fällen von jahrelangen Neurosen zur Zeit des Krankheitsbeginnes 
oder geraume Zeit vorher ein Traum stattfand, öfter von visionärer 
Deutlichkeit, der unauslöschlich dem Gedächtnis sich einprägte und 
in der Analyse einen dem Patienten verborgenen Sinn enthüllt, der 
die nachfolgenden Lebensereignisse, d. h. ihre psychologischen Be- 
deutungen antizipiert 1 ). Ich bin geneigt, der Erregung jener unruhigen 
Nacht auch diese Bedeutung zuzuerkennen, denn die nachfolgenden 
Lebensereignisse, soweit sie uns Miß Miller bewußt und unbewußt 
entschleiert, sind ganz danach angetan, die Vermutung, daß jener 
Moment auch als das Vorhalten und Vorahnen (= Wünschen) eines 
sublimierten Lebenszieles aufzufassen ist, zu bestätigen. 

Miß Miller schließt die Reihe ihrer Einfälle mit folgenden Be- 
merkungen : 

„(Der Traum) scheint mir hervorzugehen aus einer Vermischung 
von Vorstellungen des Verlornen Paradieses, aus Hiob und der Schöp- 
fung' mit Ideen wie ,der Gedanke, der spontan sein Objekt erzeugt', 
,die Gabe der Liebe, Chaos und Kosmos'." 

Wie in einem Kaleidoskop die farbigen Glassplitter, so hätten 
sich in ihrem Geiste Brocken von Philosophie, Ästhetik und Religion 
kombiniert — „unter dem anregenden Einfluß der Reise und der im 
Fluge gesehenen Länder, verbunden mit dem großen Schweigen und 
dem unsagbaren Zauber des Meeres". — ,,Ce ne fut que cela et rien 
de plus: ,Only this and nothing more!'." 

Mit diesen Worten geleitet uns Miß Miller höflich und nach- 
drücklich hinaus. Ihre Abschiedsworte in ihrer noch einmal englisch 
bestätigten Negation hinterlassen eine Neugierde; nämlich, welche 
Position durch diese Worte negiert werden soll? ,,Ce ne fut que cela 
et rien de plus", nämlich wirklich nur ,,le charme impalpable de la 
mer" — und der junge Mann, der zur Nachtwache melodisch sang, ist 
längst vergessen, und niemand soll wissen, am wenigsten die Träumerin, 
daß er ein Morgenstern war, der der Schöpfung eines neuen Tages 

Tage träten, woher dann die vom Aberglauben längst geforderte prophetische 
Bedeutung der Träume käme. 

Die Abneigung der Exakten von heutzutage gegen derlei wohl kaum 
als phantastisch zu bezeichnende Gedankengänge ist bloß eine Überkompensation 
der Jahrtausende alten, aber allzu großen Neigung der Mensehen, an die Wahr- 
sagerei zu glauben. 

*) Träunie scheinen solange spontan in Erinnerung zu bleiben, als sie die 
psychologische Situation des Individuums treffend resümieren. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 173 

vorauf ging 1 ). Man sollte sich aber hüten, mit einem Satz wie „Ce ne 
fut que cela" sich selber und den Leser zu beschwichtigen. Es könnte 
sich sonst ereignen, daß man sich sofort wieder dementieren muß. 
(Vgl. die trefflichen Beispiele in Freuds: „Psychopathologie des Alltag- 
lebens", III. Aufl., S. 57.) Das passiert auch Miß Miller, indem sie ein 
englisches Zitat: ,,Only this and nothing more" folgen läßt, allerdings 
ohne die Quelle anzugeben. Das Zitat stammt aus dem ungemein 
wirkungsvollen Gedicht „The Raven" von Edgar A. Poe (in seinen 
„Miscellaneous Poems''). Die betreffende Strophe lautet: 

While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping, 
As of some one gently rapping, rapping at my Chamber door. 
„T'is some visitor", I muttered, tapping at my Chamber door — 
Only this and nothing more. 

Ein gespenstischer Rabe klopft nächtlicherweile an seine Tür 
und erinnert den Dichter an seine unwiederbringlich verlorene „Lenore". 
Der Rabe heißt „Nevermore", und als Refrain zu jeder Strophe krächzt 
er sein schreckliches „Nevermore". Alte Erinnerungen kommen qualvoll 
zurück und das Gespenst sagt unerbittlich „Nevermore". Der Dichter 
versucht vergeblich den unheimlichen Gast hinauszuscheuchen, er ruft 
dem Raben zu: 

,,Be that word our sign of parting, bird or fiend!" I shrieked upstarting — 
„Get thee back into the Tempest and the Nights Plutonian shore! 
Leave no black plume as a token of that lie thy soul hath spoken! 
Leave my Coneliness unbroken! — quit the bust above my door! 
Take the beak from out my heart, and take thy form from off my door!" 
Quoth the Raven „Nevermore". 

*) Wie ärmlich eigentlich Ensemble und Requisiten des erotischen Erleb- 
nisses sind, zeigt ein vielfach variiertes Liebeslied, das ich in seiner epirotischen 
Fassung zitiere: 

Epirotisches Liebeslied. 
(Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, XII, S. 159.) 
Mädchen, als wir uns geküßt, da war es Nacht, wer sah uns? — 
Uns hat ein nächt'ger Stern gesehn, uns hat der Mond gesehn, 
Und neigte sich herab zum Meer und gab dem Meere Kunde, 
Das Meer sagt es dem Ruder dann, das Ruder seinem Schiffer, 
Der Schiffer machte draus ein Lied, da hörten es die Nachbarn, 
Da hört es auch der Geistliche und sagt es meiner Mutter, 
Von der erfuhr's der Vater drauf, in hellen Zorn geriet er; 
Sie zankten mich und schalten mich und haben mir verboten, 
Je noch an meine Tür zu gehn, je noch zu gehn ans Fenster. 
Und doch werd' ich ans Fenster gehn, als wär's zu meinen Blumen, 
Und nimmer ruh' ich, ehe nicht der Liebste mein geworden. 



174 C. G. Jung. 

Das anscheinend leicht über die Situation hinweghüpfende Wort 
„Only this and nothing more" stammt aus einem Texte, der die Ver- 
zweiflung über die verlorene Liebe in ergreifender Weise schildert. Das 
Zitat dementiert also unsere Dichterin aufs schlagendste. 

Sie unterschätzt also doch den erotischen Eindruck und die 
weitreichende Wirkung seiner Erregung. Eben diese Unterschätzung, 
welche Freud präziser als Verdrängung formuliert hat, ist der Grund, 
warum das erotische Problem nicht direkt zur bewußten Bearbeitung 
gelangt, und daraus entstehen diese „psychologischen Rätsel". Der 
erotische Eindruck arbeitet im Unbewußten weiter und schiebt an seiner 
Statt Symbole ins Bewußtsein. Man spielt so mit sich selber Verstecken. 
Zuerst sind es die „singenden Sterne des Morgens", dann das Verlorne 
Paradies, dann kleidet sich die erotische Sehnsucht in ein priesterliches 
Gewand und spricht dunkle Worte über Weltschöpfung und erhebt sich 
schließlich zum religiösen Hymnus, um endlich dort einen Ausweg 
ins Freie zu finden, gegen den die Zensur der moralischen Persönlichkeit 
nichts mehr einwenden kann. Der Hymnus aber enthält in seiner Eigen- 
artigkeit die Kennzeichen seiner Herkunft, das „Gesetz der Komplex- 
rückkehr" hat sich in ihm erfüllt: der „nächtliche Sänger ist auf dem 
Umwege der alten Übertragung auf Vater-Priester zum „Ewigen", 
zum Schöpfer geworden, zum Gott des Tones, des Lichtes und 
der Liebe. 

Der Umweg der Libido scheint ein Leidensweg zu sein, wenig- 
stens läßt das „Verlorne Paradies" und die parallele Erinnerung an Hiob 
darauf schließen. Nehmen wir dazu die einleitenden Andeutungen 
der Identifikation mit Christian, die auf Cyrano schließen lassen, so 
ergibt sich ein Material, das den Umweg der Libido wirklich als Leidens- 
weg schildert: so wie die Menschen nach dem Sündenfall die Last des 
Erdenlebens zu tragen hatten oder wie die Qualen Hiobs, der unter 
der Macht Satans und Gottes litt, der, selber ahnungslos, zum Spielball 
zweier jenseitiger Mächte wurde, die wir nicht mehr als metaphysisch, 
sondern als meta psychologisch betrachten. Dieses selbe Schauspiel 
der Gotteswette bietet uns auch Faust: 

Mephistopheles: „Was wettet ihr? Den sollt ihr noch verlieren, 
Wenn ihr mir die Erlaubnis gebt, 
Ihn meine Straße sacht zu führen." 

Satan 1 ): „Aber recke deine Hand aus, und taste an alles, was 
er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen? 

*) Hiob 1, 11. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 175 

Während in Hiob die beiden großen Strömungen als gut und böse 
schlechthin charakterisiert sind, ist das Problem des Faust ein aus- 
gesprochen erotisches, nämlich der Kampf zwischen Sublimation und 
Eros, wobei der Teufel durch die ihm zugehörige Rolle des erotischen 
Verführers treffend gekennzeichnet ist. Das Erotische fehlt bei Hiob, 
zugleich ist er aber auch des Konfliktes in seiner eigenen Seele nicht 
bewußt, er bestreitet sogar anhaltend die Reden seiner Freunde, die ihn 
vom Bösen in seinem Herzen überzeugen wollen. Insofern, möchte 
man sagen, ist Faust bedeutend ehrlicher, indem er die Zerrissenheit 
seiner Seele offen zugibt. 

Miß Miller handelt wie Hiob, sie sagt es nicht und läßt das Böse 
und das Gute aus dem Jenseits kommen, aus dem Metapsychologischen. 
Daher die Identifikation mit Hiob auch in dieser Hinsicht bezeichnend 
ist. Noch eine weitere, und zwar sehr bedeutende Analogie ist zu er- 
wähnen: das Zeugende, als welches die Liebe vom natürlichen Stand- 
punkt aus eigentlich aufgefaßt werden will, bleibt bei der aus dem 
erotischen Eindruck sublimierten Gottheit als wesentliches Attribut 
stehen, daher Gott im Hymnus durchaus als Schöpfer gepriesen ist. 
Hiob bietet wie bekannt dasselbe Schauspiel. Satan ist der Zerstörer 
von Hiobs Fruchtbarkeit, Gott ist der Fruchtbare selber, daher er am 
Schlüsse des Buches den von hoher dichterischer Schönheit erfüllten 
Hymnus auf seine eigene Schöpferkraft spricht, wobei auffallender- 
weise zwei unsympathische Vertreter der Tierwelt am meisten bedacht 
werden, die Behemoth und der Leviathan, beides Vertreter der denkbar 
rohesten Naturgewalt, der Behemoth recht eigentlich das phallische 
Attribut des Schöpfergottes: 

„Siehe, der Behemoth, den ich neben dir gemacht habe, f risset 
Heu wie ein Ochs. 

Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden und sein Vermögen 
im Nabel seines Bauches. 

Sein Schwanz strecket sich wie eine Zeder, die Adern seiner 
Scham starren wie ein Ast. 

Seine Knochen sind wie fest Erz und seine Gebeine sind wie 
eiserne Stäbe. 

Er ist der Anfang der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, der 
greift ihn an mit seinem Schwert 1 ). 

— Siehe, er schlucket in sich den Strom und achtet's nicht 
groß: läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde aus- 
schöpfen. 

x ) De Wette übersetzt hier: „Er ist das erste der Werke Gottes; sein 
Schöpfer reicht (ihm) dar sein Schwert." 



176 C. G. Jung. 

Noeh fähet man ihn mit seinen eigenen Augen und durch Fall- 
stricke durchbohret man ihm seine Nase 1 ). 

Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Hamen und seine 
Zunge mit dem Strick fassen? 

Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß es ein Streit 
sei. den du nieht ausführen wirst. 

— Niemand ist so kühn, daß er ihn reizen darf; wer ist denn, 
der vor mir stehen könne 2 ) ? 

Wer hat mir was zu vor getan, daß ieh's ihm vergelte? Es 
ist mein, was unter allen Himmeln ist." 

Dies sagt Gott, um Hiob seine Macht und Urgewalt nachdrücklich 
vor Augen zu führen : Gott ist wie der Behemoth und wie der Leviathan : 
die segenspendende, fruchtbare Natur — die unbezähmbare Wildheit 
und Schrankenlosigkeit der Natur — und die überwältigende Gefahr 
der entfesselten Gewalt 3 ). 

Was aber hat das irdische Paradies Hiobs zerstört? Die entfesselte 
Naturgewalt. Der Gott hat, wie der Dichter hier durchblicken läßt, 
einfach einmal seine andere Seite, die man Teufel nennt, herausgekehrt 
und alle Schrecken der Natur auf Hiob losgelassen — zu erzieherischen 
Zwecken natürlich. Der Gott, der solche Ungeheuerlichkeiten schuf, 
vor denen die armen schwachen Menschlein vor Angst erstarren, muß 
wirklich Qualitäten in sich bergen, die zu denken geben. Dieser Gott 
wohnt im Herzen, im Unbewußten, im Eeich der Metapsychologie. 
Dort ist die Quelle der Angst vor dem unsagbar Schrecklichen und der 
Kraft, dem Schrecken zu widerstehen. Der Mensch, d. h. sein bewußtes 
Ich aber ist wie ein Spielball, wie eine Feder, die von verschiedenen 



x ) De Wette: „Vor seinen Augen fängt man ihn wohl; in Fesseln durch- 
bohrt man ihm die Nase?" 

2 ) De Wette: „Keiner ist so kühn, daß er ihn reize: und wer ist, daß er 
sieh mir widersetze?" 

3 ) Hiob: 41, 13 ff. (Leviathan). 

„Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Munde gehen Flammen. 
Auf seinem Halse wohnt die Stärke, und vor ihm her hüpft die Angst. 

— Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie ein unterer Mühlstein. 
Wenn er sich erhebt, so entsetzen sieh die Starken, und wenn er daher bricht, so 

ist keine Gnade da. 

— Auf Erden ist ihm Niemand zu gleichen; er ist gemacht, ohne Furcht zu sein. 
Er verachtet alles, was hoch ist; er ist ein König über alles stolze Wild." 

42, 1 ff. Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach: 
Ich erkenne, daß du Alles vermagst, und nichts, was du dir vorgenommen, ist 

dir zu schwer. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 177 

Windströmungen herumgewirbelt wird, bald das Opfer, und bald — 
der Opfer er, und beides kann er nicht hindern. Das Buch Hiob zeigt 
uns den Gott als Schöpfer und Zerstörer am Werke: Wer ist dieser 
Gott? Ein Gedanke, der sich der Menschheit in allen Weltgegenden 
und zu allen Zeiten und immer wieder aufs Neue in ähnlicher Form 
aufgedrängt hat: eine jenseitige Gewalt, der man preisgegeben ist, die 
ebensowohl zeugt wie tötet, ein Bild der Notwendigkeiten des Lebens. 
Da, psychologisch verstanden, die Gottheit nichts anderes ist, als ein 
projizierter Vorstellungskomplex, der je nach der Religiosität des 
einzelnen gefühlsbetont ist, so ist der Gott mithin als Repräsentant 
einer gewissen Energie- (Libido-) Summe zu betrachten, die darum 
projiziert („metaphysisch") erscheint, weil sie vom Unbewußten aus 
wirkt, indem sie dorthin verdrängt ist, wie die Psychoanalyse zeigt. 
Wie ich früher (Bedeutung des Vaters) wahrscheinlich machte, zehrt 
der religiöse Trieb die inzestuöse Libido der infantilen Vorzeit auf. 
In den uns vorhegenden hauptsächlichen Religionsformen scheint zum 
mindesten das Formgebende die Vaterübertragung, in älteren Re- 
ligionen scheint es auch die Mutterübertragung zu sein, welche die 
Attribute der Gottheit formt. Die Attribute der Gottheit sind die Über- 
gewalt, das furchterregende und zornig verfolgende Väterliche (alt- 
testamentiieh) und das hebende Väterliche (neutestamentlich). 
Das sind die Attribute der Libido in jenem weiten Sinne, in dem 
Freud diesen Begriff empirisch gefunden hat. In gewissen heidnischen 
und auch christlichen Attributen der Gottheit tritt das Mütterliche 
stark hervor, im Heidnischen kommt dazu noch das Tierische in 
breitester Ausladung 1 ). Nirgends fehlt das Infantile, das den religiösen 
Phantasien oft nur zu sehr anhaftet und von Zeit zu Zeit wieder mächtig 
hervorbricht 2 ). All dies deutet auf den Ursprung der im Religiösen 



x ) Dsm Christlichen fehlt das Theriomorphe bis auf Reste, wie Taube, 
Fisch, Lamm, letzteres in den Katakombenbildern auch als Widder dargestellt. 
Hierher gehören auch die Tiere der Evangelisten, die zunächst historischer Deutung 
bedürfen. Adler und Löwe waren bestimmte Einweihungsgrade im Mithrasmy- 
sterium. Die Verehrer des Dionysos nannten sich ßöes, da der Gott als Stier dar- 
gestellt wurde, ebenso die uqktoi der als Bärin aufgefaßten Artemis. Der Engel 
könnte den ijälööqo/ioi des Mithrasmysteriums entsprechen. Es ist eine besonders 
köstliche Erfindung der christlichen Phantasie, daß das dem heiligen Antonius 
beigegebene Tier gerade das Schwein ist, denn der gute Heilige gehört zu den- 
jenigen, die den übelsten Versuchungen des Teufels unterworfen waren. 

2 ) Vgl. Pfisters ausgezeichnete Schrift: Die Frömmigkeit des Grafen 
Ludwig von Zinzendorf. Wien 1910. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 12 



178 C. G. Jung. 

tätigen Dynamismen hin: es sind diejenigen Triebkräfte, die in der 
Kindheit der inzestuösen Verwendung durch das Dazwischentreten 
der Inzestschranke entzogen werden und die besonders in der Pubertäts- 
zeit infolge libidinöser Zuschüsse, die der noch unvollständig ver- 
wendeten Sexualität entspringen, zu ihrer eigenartigen Tätigkeit 
geweckt werden. Wie leicht verständlich, ist das Wirksame an der 
Gottesidee nicht die Form, sondern die Kraft, die Libido. Die Urgewalt, 
die ihr der Hiobsche Schöpferhymnus vindiziert, das Bedingungslose 
und Unerbittliche, Ungerechte und Übermenschliche sind echte -und 
rechte Attribute der Libido, die „uns ins Leben hinein führt", die den 
„Armen schuldig werden" läßt und gegen die der Kampf vergeblich 
ist. Es gibt nichts anderes, als daß der Mensch mit diesem Willen zu- 
sammengehe, was uns Nietzsches Zarathustra eindringlich lehrt. 

Wir sehen, daß bei Miß Miller der unbewußt entstandene religiöse 
Hymnus eine Ersatzbildung für das Erotische ist; seine Materiahen 
nimmt er größtenteils aus Infantilreminiszenzen, die durch die intro- 
vertierte Libido wieder ins Leben zurückgerufen werden. Wäre diese 
religiöse „Schöpfung" nicht geglückt (und auch eine andere sublimierte 
Anwendung ausgeschlossen gewesen), so wäre Miß Miller dem erotischen 
Eindruck anheimgefallen entweder bis zur natürlichen Konsequenz 
oder bis zum negativen Ausgang, der das verlorene Liebesglück mit 
einem entsprechend kräftigen Bedauern ersetzt hätte. Bekanntlich 
sind die Meinungen sehr geteilt über den Wert dieses Ausganges eines 
erotischen Konfliktes, wie ihn Miß Miller zur Darstellung gebracht hat. 
Es sei gewiß viel schöner, eine erotische Spannung unbemerkt in die 
erhabenen Gefühle religiöser Poesie aufzulösen, an denen vielleicht 
viele andere Menschen Freude und Erbauung finden könnten. Man 
täte Unrecht, vom radikalen Standpunkt des Wahrheitsfanatismus 
aus Sturm zu laufen gegen diese Auffassung. 

Ich finde, man sollte mit philosophischer Bewunderung die sonder- 
baren Wege der Libido betrachten und den Absichten ihrer Umwege nach- 
forschen. Damit, daß wir die erotische Wurzel ausgegraben haben, ist 
noch nicht zu viel gesagt, jedenfalls das Problem nicht erledigt. Würde 
nicht eine geheime Zweckdienlichkeit von wahrscheinlich höchster 
biologischer Bedeutung damit verbunden sein, so hätte sich gewiß nicht 
die Sehnsucht der zwanzig vergangenen Jahrhunderte danach gestreckt. 
Zweifellos bewegt sich diese Art der Libidoumwandlung in gleicher Rich- 
tung, wie das in weitestem Sinne „ekstatische" Ideal des Mittelalters und 
der antiken Mysterienkulte, von denen einer das nachmalige Christen- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 179 

tum wurde. Biologisch ist in diesem Ideal eine Übung der psycho- 
logischen Projektion (des paranoiden Mechanismus, wie Freud 
sagen würde) zu erblicken 1 ). Die Projektion besteht in der Verdrängung 
des Konfliktes ins Unbewußte und der Hinaussetzung des verdrängten 
Inhaltes in die anscheinende Objektivität (was zugleich auch die Formel 
der Paranoia ist). Die Verdrängung dient, wie man weiß, zur Erlösung 
von einem peinlichen Komplex, von dem unbedingt loszukommen 
ist, da man seine zwingende und unterdrückende Gewalt fürchtet. 
Die Verdrängung kann zur anscheinend vollständigen Unterdrückung 
führen, was einer starken Selbstbeherrschung entspricht. Leider aber 
hat die Selbstbeherrschung Grenzen, die nur zu enge gezogen sind. 
Feinere Menscheilbeobachtung zeigt, daß zwar im entsprechenden 
Moment die Kühe bewahrt wird, dafür aber gewisse Folgewirkungen 
auftreten, die in zwei Kategorien zerfallen: 

I. Der unterdrückte Affekt kommt unmittelbar nachher an die 
Oberfläche, und zwar selten direkt, sondern gewöhnlich in der Form 
einer Verschiebung auf ein anderes Objekt (z. B.: man ist in offizieller 
Beziehung höflich, untertänig, geduldig usw. und läßt den ganzen 
Ärger an der Frau oder an den Untergebenen aus). 

II. Der unterdrückte Affekt schafft anderwärts Kompensationen. 
Z. B.: Menschen, die sich zu übermäßiger Ethik anstrengen, immer 
altruistisch und idealistisch denken, fühlen und handeln, rächen sich 
für die Unerträglichkeit ihres Ideals durch fein angelegte ihnen selbst 
natürlich nicht als solche zum Bewußtsein kommende Bosheiten, 
die zu Mißverständnissen und Mißverhältnissen führen. Anscheinend 
sind das dann alles nur „besonders unglückliche Umstände" oder die 
Schuld und die Bosheit anderer Leute oder tragische Verwicklungen. 
Man ist den Konflikt bewußt zwar los geworden, er steht einem aber 
unsichtbar vor den Füßen und man stolpert über ihn bei jedem Schritt. 
Die Technik des anscheinenden Unterdrückens und Vergessens ist un- 
zulänglich, weil in letzter Linie doch undurchführbar — eigentlich ist 
es ein bloßer Notbehelf. Eine weit wirksamere Hilfe gewährt die religiöse 
Projektion: Man behält den Konflikt (Sorge, Schmerz, Angst usw.) 
im Auge und übergibt ihn einer außenstehenden Persönlichkeit, der 
Gottheit. Dazu will uns die evangelische Forderung erziehen: 

„All Eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget für Euch" 2 ). 

2 ) Das spät entstandene, unter außer jüdischen Einflüssen stehende Buch 

Hiob ist eine treffliche Darstellung projizierter Individualpsychologie. 

2 ) I. Petr. 5, 7. 

12* 



180 C. G. Jung. 

„Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset Eure Bitte — vor 
Gott kund werden" 1 ). 

Man solle die die Seele belastenden Komplexe bewußt der 
Gottheit übergeben, d. h. einem bestimmten Vorstellungskomplex 
assoziieren, der für objektiv-real gesetzt wird, als Person, die die für 
uns unlösbaren Fragen beantwortet. Zu dieser erzieherischen Forderung 
gehört das freimütige Sündenbekenntnis und die ein solches 
voraussetzende christliche Demut. Beides soll es ermöglichen, sich 
selber zu prüfen und zu erkennen 2 ). Als wichtigste Unterstützung 
dieses Erziehungswerkes ist das gegenseitige Sündenbekenntnis 
zu betrachten. (Vgl. Jac. 5, 16: „Bekenne einer dem andern seine 
Sünden.") Diese Maßnahmen zielen auf ein durchaus psychoanalytisches 
Bewußthalten der Konflikte, was auch eine conditio sine qua 
non des psychoanalytischen Genesungszustandes ist. Doch wie die 
Psychoanalyse in der Hand des Arztes als eine zunächst weltliche 
Methode den realen Übertragungsgegenstand als den erlösenden 
Übernehmer der Konflikte des Bedrückten einsetzt, so die christliche 
Religion den für real gesetzten Heiland, „in welchem wir haben die 
Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden" 3 ). Er 
ist der Löser und Rückkäufer unserer Schuld, ein Gott, der über der 
Sünde steht, „welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug 
in seinem Munde erfunden" 4 ); „welcher unsere Sünden selbst geopfert 
hat an seinem] Leibe auf dem Holz" 5 ). „Also ist Christus einmal geopfert, 
wegzunehmen Vieler Sünden 6 )." Dieser so gedachte Gott ist gekenn- 
zeichnet als in sich selbst schuldlos und als Selbstopfer er. (Diese Be- 
stimmungen gelten also für jene Energie- [Libido-] Menge, die dem als 
Erlöser bezeichneten Vorstellungskomplex zukommt.) Die bewußte 
Projektion, auf welche die christliche Erziehung hinarbeitet, bringt 
somit eine doppelte Wohltat: erstens hält man sich den Konflikt 
„Sünde") zweier sich gegenseitig widerstrebender Tendenzen bewußt 
und verhütet dadurch, daß durch Verdrängen und Vergessen aus einem 
bekannten Leiden ein unbekanntes und darum um so quälenderes 

a ) Phil. 4, 6. 

2 ) „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und 
die Wahrheit ist .nicht in uns," 1 Joh. 1, 8. 

8 ) Eph. 1, 7 und Gol. 1, 14. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit and 
lud auf sich unsere Sehmerzen." Jesaja 53, 4. 

4 ) 1 Petr. 2, 22. 

6 ) 1 Petr. 2, 24. 

6 ) Hebr. 9, 28. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 181 

werde; und zweitens erleichtert man sich die Last, daß man sie dem, 
der alle Lösungen kennt, übergibt. Man darf aber nicht vergessen, daß 
dem Frommen die individualpsychologischen Wurzeln der für real ge- 
setzten Gottheit verborgen sind, daß er also ohne sein Wissen die Last 
doch allein trägt und doch allein ist mit seinem Konflikt. Diese Täu- 
schung müßte unfehlbar zum baldigen Zusammenbruch des Systems 
führen, denn vor der Natur können keine Täuschungen auf die Dauer 
bestehen. Dem begegnet die mächtige Institution der christlichen 
Gemeinschaft, deren psychologischen Sinn die Vorschrift des Ja- 
kobusbriefes am besten ausdrückt: „Bekenne Einer dem Andern seine 
Sünden 1 )." 

Es wird als besonders wichtig betont, die Gemeinschaft aufrecht 
zu erhalten und zwar durch gegenseitige Liebe („Übertragung"); 
die paulinischen Vorschriften lassen darüber keinen Zweifel: 

„Durch die Liebe diene Einer dem Andern 2 )." 
„Bleibet fest in der brüderlichen Liebe 3 )." 

„Und lasset uns unser wechselseitig wahrnehmen zum Anspornen 
in der Liebe und guten Werken, nicht wegbleibend von der 
eigenen Versammlung, wie manche den Brauch haben, sondern 
dazu ermahnend 4 )." 

Wir können sagen, daß die Realübertragung in der christlichen 
Gemeinschaft die conditio sine qua non der Wirksamkeit des Erlösungs- 
wunders sei. Der erste Johannesbrief spricht das auch unumwunden 

aus: 

„Wer seinen Bruder liebet, der bleibt im Lichte 5 ). 

„So wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns 6 )." 

Die Gottheit bleibt nur wirksam auf Grund der brüderlichen 
Liebe in der christlichen Gemeinschaft. Somit ist auch hier das erlösende 
Geheimnis die widerstandslose Bealübertragung 7 ). Man wird sich billig 
fragen, wozu denn die Gottheit nütze sei, wenn ihre Wirksamkeit nur 
in der Realübertragung bestehe. Auch darauf weiß die evangelische 
Botschaft schlagende Antwort: 

*) „Einer trage des Andern Last.'' Gal. 6, 2. 

2 ) Gal. 5, 13. 

3 ) Hebr. 13, 1. 
*) Hebr. 10, 24. 
6 ) 1 Joh. 2, 10. 

6 ) 1 Joh. 4, 12. 

7 ) Denn Gott ist die Liebe, entsprechend dem platonischen „Eros", 
der den Mensehen dem Übersinnlichen verbindet. 



182 C. G. Jung. 

Die Menschen sind alle Brüder „in Christo". 

„Nehmet Euch untereinander an, wie auch der Christus Euch 
angenommen hat zum Preise Gottes 1 )." 

Das Übertragungsverhältnis unter den Brüdern soll so sein, 
wie zwischen dem Menschen und Christus, also ein geistiges. Wie die 
Geschichte antiker Kulte und die gewisser christlicher Sekten zeigt, 
ist diese Definition der Gemeinschaft eine biologisch ungemein wichtige. 
Denn die psychologische Intimität schafft gewisse kürzeste Wege 
zwischen den Menschen, die nur allzuleicht dazu führen, wovon das 
Christentum Befreiung bringen will, nämlich zum Sexual Verhältnis 
mit allen jenen Konsequenzen und Notwendigkeiten, unter denen der 
eigentlich schon hoch zivilisierte Mensch um die Wende unserer Zeit- 
rechnung zu leiden hatte. Denn so, wie das antike religiöse Erlebnis 
entschieden als körperliche Vereinigung mit der Gottheit aufgefaßt 
wurde 2 ), so war auch der Kultus von Sexualität jeglicher Art durch- 
tränkt. Die Sexualität lag den Beziehungen der Menschen unter sich nur 
zu nahe. Die moralische Verlotterung der ersten christlichen Jahr- 
hunderte erzeugte eine aus dem Dunkel der untersten Volksschichten 
aufkeimende moralische Reaktion, die sich im II. und III. Jahrhundert 
am reinsten in den beiden antagonistischen Religionen, dem Christen- 
tum einerseits und dem Mithriazismus andererseits ausdrückte. Diese 
Religionen erstrebten eben jene höhere Form von Gemeinschaft im 
Zeichen einer projizierten („Fleisch gewordenen") Idee {Uyog), wobei 
alle jene stärksten Triebkräfte des archaischen Menschen nutzbar werden 
konnten zu sozialer Erhaltung, die ihn vorher von einer Leidenschaft 
in die andere rissen 3 ), was den Alten als der Zwang der bösen Gestirne, 

x ) Hebr. 9, 2S. 

2 ) Vgl. Reitzenstein: Die hellenistischen Mysterienreligionen. Leipzig 
und Berlin 1910, S. 20: „Zu den Formen, in denen ursprüngliche Völker sich 
die höchste religiöse Weihe, der Vereinigung mit Gott, vorstellen, gehört mit 
Notwendigkeit die einer geschlechtlichen Vereinigung, durch welche der 
Mensch das innerste Wesen und die Kraft eines Gottes, seinen Samen in sich 
aufnimmt. Die zunächst ganz sinnliche Vorstellung führt an den verschiedensten 
Stellen unabhängig zu heiligen Handlungen, in denen der Gott durch menschliche 
Stellvertreter oder ein Symbol, den Phallos, dargestellt wird." 

3 ) Vgl. als ein Beispiel von vielen die treffliche psychologische Schilderung 
der Schicksale des Alypius, in den Bekenntnissen des heiligen Augustin 
(Buch VI. Kapitel 7 ff.): „Allein die Sittenlosigkeitder Karthager, die in den nichts- 
nutzigen Schauspielen sich in ihrer ganzen Wildheit geltend macht, hatte 
ihn in den Strudel dieses Elends hinabgezogen. — (Augustin, damals Lehrer der 



Wandlungen und Symbole der Libido. 183 

als Ei/naQjiävi] vorkam 1 ) und was man im Sinne des späteren Alter- 
tums auch als Libidozwaug (die dvvauig xm]tiy,ij des Zeno) 

Rhetorik, bekehrte ihn durch seine Weisheit.) — Und er schwang sich nach jenen 
Worten aus der Tiefe des Schlammes empor, von der er mit seinem Willen sich 
hatte verschlingen lassen und die ihn in unseliger Lust blendete; mit mutiger 
Enthaltsamkeit streifte er den Schmutz seiner Seele ab, aller Unrat des Zirkus 
fiel von ihm ab, er betrat ihn nicht mehr. (Alypius ging darauf nach Rom, um die 
Rechte zu studieren; dort wurde er rückfällig.) — Er ward dort von unglücklicher 
Leidenschaft für Gladiatorenspiele ganz unglaublich hingerissen. Denn da er sie 
noch anfangs verabscheute und verwünschte, führten ihn einige Freunde und Mit- 
schüler, als er ihnen, die vom Mahle kamen, begegnete, obgleich er sich mit Auf- 
bietung aller seiner Kräfte heftig weigerte und Widerstand leistete, mit freundlicher 
Gewalt in das Amphitheater am Tage dieser grausamen und mörderischen Spiele. Er 
sprach dabei zu ihnen: ,WennIhr auch meinen Körper an jenen Ort schleppt und 
dort festhaltet, könnt Ihr auch meinen Geist und meine Augen auf jenes Schau- 
spiel wenden? So will ich abwesend anwesend sein und Euch und diese Spiele 
überwinden.' Trotz des Gehörten führten sie ihn mit sich fort, begierig zu erfahren, 
ob er das wohl würde durchsetzen können. Als sie dort angekommen waren, setzten 
sie sich, wo noch Platz offen war und Alles glühte in unmenschlicher Lust. Jener 
schloß die Augen und verbot seiner Seele, sich in solche Fährnisse hinauszuwagen. 
hätte er doch auch seine Ohren verstopft. Denn als einer im Kampfe fiel und das 
ganze Volk ein mächtiges Geschrei erhob, erlag er der Neugierde und bereit, jeden 
Anblick, er möge sein wie er wollte, stolz zu verachten, öffnete er die Augen. 
Und seine Seele ward von schwererer Wunde getroffen als jener am Körper, den 
er zu sehen begehrte und er sank elender als jener, bei dessen Falle das Geschrei 
entstand, das durch seine Ohren eindrang und seine Augen aufschloß, so daß eine. 
Blöße entstand, durch welche er getroffen und niedergeworfen werden konnte, 
im Gemüt mehr dreist als stark und um so schwächer, als er auf sich vertraute, 
nicht wie er gesollt, auf Dich. Denn da er das Blut sah, da sog er zugleich den 
Blutdurst ein und wandte sich nicht mehr ab, sondern richtete sein Gesicht darauf, 
schlang die Wut in sich und wußte es doch nicht und ergötzte sich an dem frevel- 
haften Kampfe und ward berauscht von dem blutigen Vergnügen. Nun war er nicht 
mehr derselbe, als welcher er gekommen war und der echte Spießgeselle derer, die 
ihn zuerst mit hingeschleppt hatten. Was ist da noch viel zu sagen ? Er sah, er schrie 
auf, er entbrannte und trug von dannen mit sich das wahnsinnige Verlangen, das 
ihn reizte, immer und immer weder hinzugehen, nicht nur in Begleitung derer, 
die ihn zuerst mitgeschleppt hatten, sondern Allen voran und Andere verführend." 
a ) Vgl. die Gebete der sogenannten Mithrasliturgie (herausgegeben von 
Dieterich). Dort finden sieh bezeichuende Stellen, wie: — ti'js ävdQ(ü7tivi)S fiou 
ipvyiKqs öwäfiecog ?> iyd> näXiv jiETajtaQaAfyu/ioitai juerä ri)i> ivEOtcöoav uai 
uaTeneiyovoäv ,«£ mKQäv äväyKijv ('c/o£OkÖ7zt]tov („die menschliche Seelenkraft, 
die ich wieder erlangen werde nach der gegenwärtigen und mich bedrängenden 
bitteren Not, schuld entrückt) — imuaÄotytai äveua ti'is uarejreiyovaijs xai 
TTiuoäs änaQain)rov äväyui]c; — („um der niederdrückenden und bittern und 
unerbittlichen Not willen''). 

Aus der Rede des Hohepriesters (Apulo jus: Metamorphos. lib. XI, 2-lS ff.) 



184 C. G. Jung. 

übersetzen könnte 1 ). Man darf gewiß annehmen, daß die Domesti- 
kation des Menschen schwerste Opfer gekostet hat. Eine Zeit, die 
das stoische Ideal geschaffen hat, wird wohl gewußt haben, wozu 
und gegen wen sie es erfand. Das neronische Zeitalter gab zu 
den berühmten Stellen des 4L Briefes des Seneca an Lucilius 
die wirksame Folie: 

„Einer reißt den andern hinein in Fehler und wie können wir 
zum Heil gelangen, wenn Niemand Halt gebietet, wenn alle Welt 
uns tiefer hinein treibt?" 

„Triffst du irgendwo einen Menschen, unerschrocken in Ge- 
fahren, unberührt von Lüsten, glücklich im Unglück, ruhig mitten 
im Sturm, erhaben über die gewöhnlichen Sterblichen, auf gleicher 
Stufe mit den Göttern: erfaßt dich nicht auch da Ehrfurcht? Mußt 

läßt sich ein ähnlicher Gedankengang entnehmen. Der junge Philosoph Lucius wird 
in einen Esel, das der Isis verhaßte, immer brünstige Tier, verwandelt, später ent- 
zaubert und in die Mysterien der Isis eingeweiht. Bei der Entzauberung sagt der 
Prie3ter folgendes: — lubrico virentis aetatulae, ad serviles delapsus volup- 
tates, curiositatis improsperae sinistrum praemium reportasti — . Nam in eos, 
quorum sibi vitas servitium Deae nostrae majestas vindicavit, non habet locum 
casus infestus — in tutelam jam receptus es Fortunae, sed videntis. — Im 
Gebete an die Himmelskönigin Isis (1. c. 257) sagt Lucius: — Qua fatorum etiam 
inextricabiliter contorta retractas heia et Fortunae tempestates mitigas, et stella- 
rum noxios meatus cohibes. — Überhaupt war es der Sinn der Mysterien, 
den „Zwang der Sterne" zu brechen durch magische Gewalt. Die Macht des Schick- 
sals macht sich nur dann unangenehm fühlbar, wenn alles gegen unseren Willen 
geht, d. h. wenn wir uns mit uns selber nicht mehr in Übereinstimmung befinden. 
Wie ich in meiner Schrift „Die Bedeutung des Vaters" usw. zu zeigen versuchte, 
sind die gefährlichsten Schicksalsmächte infantile Libidopositionen, die im Un- 
bewußten lokalisiert sind. Der Schicksalszwang enthüllt sich bei näherem Zusehen 
als ein Libidozwang, weshalb Maeterlinck mit Recht sagt, daß ein Sokrates 
unmöglich ein Tragödienheld in der Art Hamlets werden könne. 

Dieser Auffassung entsprechend hat schon die Antike die eluaojuev)] 
in Beziehung gesetzt zum „Urlicht" oder „Urfeuer", zur stoischen Vorstellung der 
letzten Ursache, der überall verbreiteten Wärme, die alles geschaffen hat, 
und eben daher auch das Verhängais ist (vgl. Cumont: Mysterien der Mithra, 
S. 83). Diese Wärme ist, wie später gezeigt werden soll, ein Libidobild. Ein anderes 
Bild der Ananke (Notwendigkeit) ist nach dem Buche des Zoroaster jteqi (pvöecos 
die Luft, die als Wind (siehe oben) wieder Verbindung mit dem Befruchtenden 
hat. Ich verdanke Herrn Pfarrer Keller in Zürich den Hinweis auf Bergsons 
Begriff der „duree creatrice". 

2 ) Schiller sagt im Wallenstein: „In deiner Brust sind deines Schicksals 
Sterne". „Unsere Schicksale sind das Resultat unserer Persönlichkeit", sagt 
Emerson in seinen Essays. Vgl. dazu meine Ausführungen in „Die Bedeutung 
des Vaters usw." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 185 

du nicht sagen : ein solch erhabenes Wesen ist doch etwas anderes als 
mein elender Leib? Eine göttliche Kraft waltet da, einen so vorzüg- 
licher Geist, voller Maß, erhaben über alles Kleinliche, der lächelt 
über das, was wir andern fürchten oder erstreben: einen solchen 
belebt eine himmlische Macht; etwas Derartiges gibt es nicht ohne Mit- 
wirkung einer Gottheit. Dem größeren Teil nach gehört ein solcher 
Geist den Regionen an, aus denen er herabkam. Wie die Strahlen 
der Sonne zwar die Erde berühren, aber doch nur dort zu Hause sind, 
wo sie herkommen, so verkehrt ein großer heiliger Mensch, der zu uns 
gesandt wurde, daß wir das Göttliche besser kennen lernen, zwar mit 
uns, gehört aber eigentlich doch seiner ursprünglichen Heimat an; 
dorthin blickt und strebt er; unter uns wandelt er als ein höheres 
Wesen." 

Die Menschen dieses Zeitalters waren reif geworden zur Identi- 
fikation mit dem Fleisch gewordenen Xoyog, zur Gründung einer neuen 
Gesellschaft, welche eine Idee 1 ) einigte, in deren Namen sie sich lieben 
und Brüder 2 ) nennen konnten. Die unbestimmt alte Idee eines jueomjs, 
eines Mittlers, in dessen Namen neue Wege der Liebe erschlossen 
wurden, wurde zur Tatsache und damit tat die menschliche Gesellschaft 
einen ungeheuren Schritt vorwärts. Dazu hatte nicht eine spekulativ 
ausgeklügelte Philosophie, sondern ein elementares Bedürfnis der in 
geistigem Dimkel vegetierenden Masse geführt. Dazu haben offenbar 
tiefste Notwendigkeiten gedrängt, denn es war der Menschheit im 
Zustande der Zügellosigkeit nicht wohl 3 ). Der Sinn jener Kulte — ich 

a ) Der Aufstieg zur „Idee" ist besonders schön geschildert bei Augustin, 
Bek. Buch X, Kapitel 6 ff. Der Anfang von Kapitel 8 lautet: „Ich werde mich also 
auch noch über diese Kraft meiner Natur erheben, schrittweise emporsteigen 
zu dem, der mich bereitet hat; werde kommen zu den Gefilden und weiten Palästen 
meines Gedächtnisses." 

2 ) Auch die Bekenner des Mithra nannten sich Brüder. In philosophischer 
Sprache war Mithra auch der aus Gott emanierte Logos (Cumont: Myst. des 
Mithra, S. 102). 

Außer den Bekennern des Mithra existierten noch viele Bruderschaften, 
die man Thiasoten nannte und wahrscheinlich die Organisationen waren, aus 
denen später die Kirche erwuchs (A. Kalthcff: Die Entstehung des Christentums, 
S. 79 ff.). 

3 ) Augustin, der jener Zeit des Überganges nicht nur zeitlich, sondern 
auch geistig nahe stand, schreibt in seinen Bekenntnissen (Buch 6, Kapitel 16): 
„Ich stellte die Frage auf, warum wir, angenommen, wir könnten unsterblich und 
in beständigem Genüsse des Körpers ohne die Furcht, ihn jemals zu verlieren, 
weiter leben, doch nicht glückselig seien oder was wir noch weiter 
suchten? 

Ich Elender bedachte nicht, aus welcher Quelle mir flösse, was ich über 



186 G. G. Jung. 

spreche vom Christentum und Mithriazismus — ist klar: er ist mo- 
ralische Bändigung animalischer Triebe 1 ). Das explosionsartige Auf- 
treten beider Religionen verrät etwas von jenem ungeheuren Erlösungs- 
gefühl, das den ersten Bekennern innewohnte und das wir heutzutage 
kaum mehr nachzufühlen verstehen, denn diese alten Wahrheiten sind 
uns entleidet. Gewiß würden wir es noch verstehen, hätten uusere 
Sitten auch nur noch einen Hauch antiker Roheit. Wir kennen auch 
kaum mehr die Wirbelstürme entfesselter Libido, die das cäsarische 
Rom durchbrausten. Der heutige Kulturmensch scheint sehr weit 
davon entfernt zu sein. Er ist bloß nervös geworden. So sind uns 
auch notwendigerweise die Bedürfnisse der christlichen Gemeinschaft 
abhanden gekommen, denn wir kennen ihren Sinn nicht mehr. Wir 
wissen nicht, wogegen sie uns zu schützen hätte 2 ). Für aufgeklärte 

dieses doch so Schändliche ruhig mit den Freunden besprach, und ohne diese 
Freunde konnte ich nicht glücklich sein, selbst nach der Gesinnung, 
die ich damals bei jedem Strome sinnlicher Lust bewies. Diese 
Freunde liebte ich wirklieh ohne Eigennutz und wußte, daß sie 
auch mich ohne Eigennutz liebten. wundersam gewundene Pfade!" „Wehe 
dem verwegenen Geiste, der da gehofft hat, wenn er von dir (Gott) gewichen, 
Besseres zu besitzen! Mag er sich vorwärts, rückwärts, auf den Rücken 
oder auf die Seite legen, überall findet er nur harte Beschwerden; Du allein 
bist che Ruhe." 

Es ist ein nicht nur unpsychologisches, sondern auch gänzlich unwissen- 
schaftliches Verfahren, solche Wirkungen der Religion als Suggestionen kurzer- 
hand abzutun. Solche Dinge sind als Ausdruck eines tiefsten psychologischen 
Bedürfnisses ernst zu nehmen. 

J ) Beide Religionen lehren ausgesprochen asketische Moral, zugleich aber 
auch eine Moral der Tat. Letzteres gilt auch vom Mithraskult; Cumont sagt, 
daß der Mithriazismus seine Erfolge dem Werte seiner Moral verdanke, „die in 
hervorragendem Maße zum Handeln erzog" (Myst. d. Mithra, S. 108). Die An- 
hänger des Mithra bildeten eine „heilige Heerschar" zum Kampf gegen das Böse 
(Cumont 1. c, S. 108). Es gab unter ihnen Virgines = Nonnen und Contincnte* 
= Asketen (Cumont 1. c, S. 123). Daß die Bruderschaften noch einen andern 
Sinn hatten, nämlich einen wirtschaftlich-kommunistischen, darauf trete ich nicht 
ein. Uns interessieren hier bloß die religionspsychologischen Vorgänge. Beide 
Religionen haben die Idee des Gottesopfers gemeinsam: wie Christus sich als 
Lamm Gottes opfert, so opfert Mithra seinen Stier. Dieses Opfer ist in beiden 
Religionen der Kern des Mysteriums. Der Opfertod Christi bedeutet das Heil 
der Welt; aus dem Stieropfer des Mitlira geht die ganze Schöpfung hervor. 

2 ) Diese psychoanalytische Auffassung der Wurzeln der Mystericnkulte 
ist notwendigerweise einseitig, so gut wie die Analyse der Fundamente des religiösen 
Gedichtes. Um che aktuelle Verdrängungsursache bei Miß Miller zu verstehen, müßte 
man auf die Sittengeschichte der Gegenwart übergreifen; ebenso ist man genötigt, 



Wandlungen und Symbole der Libido. 187 

Leute ist sogar Religiosität schon sehr nahe an die Neurose gerückt. 
In den vergangenen zwei Jahrtausenden hat das Christentum seine 
Arbeit getan und hat Verdrängungsschranken aufgerichtet, welche uns 
den Anblick unserer eigenen „Sündhaftigkeit" verwehren. Die elemen- 
taren Regungen der Libido sind uns unbekannt geworden, denn sie 
verlaufen im Unbewußten, daher auch der sie bekämpfende Glaube 
leer und schal geworden ist. Wer an diese Maskenhaftigkeit unserer 
Religion nicht glaubt, der hole sich einen Eindruck vom Aussehen 
unserer modernen Kirchen, aus denen sich Styl und Kunst längst 
geflüchtet haben. 

Damit kehren wir zurück zu der Frage, von der wir ausgingen, 
ob nämlich Miß Miller etwas Wertvolles mit ihrem Gedicht geschaffen 
hat oder nicht. Wenn wir berücksichtigen, unter welchen psychologischen 
oder sittengeschichtlichen Bedingungen das Christentum zustande ge- 
kommen ist, nämlich in einer Zeit, wo tiefste Roheit ein alltägliches 
Spektakel war, so verstehen wir die religiöse Ergriffenheit der 
ganzen Persönlichkeit und den Wert der Religion, die den Menschen 
der römischen Kultur gegen den sichtbaren Ansturm des Bösen ver- 
teidigte. Es war jenen Menschen nicht schwierig, sich die Sündhaftigkeit 
bewußt zu halten, denn sie sahen sie alltäglich vor ihren Augen aus- 
gebreitet. Das religiöse Produkt war damals die Leistung der Gesamt- 
persönlichkeit. Miß Miller unterschätzt eben nicht nur ihre „Sünde", 
sondern der Zusammenhang der „niederdrückenden und unerbittlichen 
Not" mit ihrem religiösen Produkt ist ihr sogar verloren gegangen. 
So verliert ihr poetisches Produkt ganz den lebendigen Wert des Re- 
ligiösen: Es ist nicht viel mehr als eine sentimentale Umformung des 



die aktuelle Verdrängungsursache für die Entstehung der Mysterienkulte in der 
antiken Sitten- und Wirtschaftsgeschichte aufzusuchen. Diese Unternehmung 
ist von Kalthoff in glänzender Weise ausgeführt worden. (Vgl. sein Buch: Die 
Entstehung des Christentums. Leipzig, 1904. Ich verweise auch besonders auf 
Pöhlmanns Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus, sowie 
auf Bücher: Die Aufstände der unfreien Arbeiter 143 bis 129 v. Chr., 1874.) In 
dem Umstände, daß ein unglaublich großer Teil des Volkes in der schwärzesten 
Misere des Sklaventums schmachtete, ist wahrscheinlich die andere Ursache für 
die enorme Libidointroversion der ausgehenden Antike zu suchen. Es ist auf die 
Dauer nicht möglich, daß die, die im Glücke schwelgen, von der tiefen Trauer 
und dem noch tieferen Elend ihrer Brüder nicht auf dem heimlichen Wege des 
Unbewußten unvermeidlich angesteckt werden, wodurch die einen in orgiastisches 
Rasen geraden, die anderen aber, die Besseren, in den sonderbaren Weltschmerz 
und die Übersattheit der damaligen Intellektuellen. So wurde von zwei Seiten 
her die große Introversion ermöglicht. 



188 C. G. Jung. 

Erotischen, die sich unter der Hand neben dem Bewußtsein vollzieht 
und prinzipiell denselben Wert besitzt wie der manifeste Trauminhalt 1 ) 
mit seiner unsicheren und täuschenden Hinfälligkeit. Denn das Gedicht 
ist eigentlich bloß lautgewordener Traum. 

In dem Maße, wie das moderne Bewußtsein sich mit Dingen ganz 
anderer Art als Religion leidenschaftlich beschäftigt, ist die Religion 
und ihr Objekt, die elementare Sündhaftigkeit, „ins Nebenamt ge- 
treten", d. h. zu einem großen Teil ins Unbewußte. Darum glaubt 
man heutzutage weder das eine noch das andere. Darum zeiht man die 
Freudsche Schule einer unsauberen Phantasie, und man könnte 
sich doch so leicht durch einen auch bloß flüchtigen Blick auf antike 
Religions- und Sittengeschichte überzeugen, was für Dämonen die 
menschliche Seele beherbergt. Mit diesem Unglauben an die Roheit 
der menschlichen Natur verbindet sich der Unglaube an die Macht der 
Religion. Das jedem Psychoanalytiker wohlbekannte Phänomen der 
unbewußten Umformung eines erotischen Konfliktes in religiöse Be- 
tätigung ist etwas ethisch durchaus Wertloses und nichts wie hy- 
sterische Mache. Wer dagegen seiner bewußten Sünde ebenso bewußt 
die Religion entgegensetzt, der tut etwas, dem man im Hinblicke 
auf die Historie das Großartige nicht absprechen kann. Solches ist ge- 
sunde Religion. Der unbewußten Umformung des Erotischen 
ins Religiöse aber kommt der Vorwurf der sentimentalen 
und ethisch wertlosen Pose zu. 

Die christliche Erziehung hat durch die säkulare Übung der 
naiven Projektion, die, wie wir gesehen haben, nichts anderes als eine 
verhüllte oder mittelbare Realübertragung (durchs Geistige, durch 
den köyog) ist, eine weitgehende Schwächung des Animalischen zustande 
gebracht, sodaß ein großer Betrag an Triebkräften für die Arbeit sozialer 
Erhaltung und Fruchtbarkeit frei werden konnte 2 ). Diese Libido- 
menge (um diesen sonderbaren Ausdruck zu gebrauchen) beschritt mit 
der aufkeimenden Renaissance (z. B. Petrarca! vgl. oben) einen Weg, 
den das ausgehende Altertum bereits religiös vorgezeichnet hatte, 
nämlich den Weg der Übertragung auf die Natur 3 ). Diese Umformung 

1 ) Vgl. Freud: Die Traumdeutung. 

2 ) Vgl. „Sublimierung" Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 
Wien, 1905, S. 76. 

3 ) In einer Weise, die meinem Gedankengang sein* verwandt ist, faßt Kalt- 
hoff (Entstehung des Christentums, S. 154) die Säkularisierung des religiösen 
Interesses als eine erneuerte Inkarnation des Xöyog auf; er sagt: „Das tiefere 



Wandlungen und Symbole der Libido. 189 

des libidinösen Interesses ist zum guten Teil das Verdienst des Mithras- 
kultes, der eine Naturreligion im besten Sinne dieses Wortes war 1 ), 
während sich das Urchristentum der Schönheit dieser Welt als durchaus 
abhold erwies 2 ). Ich erinnere an die von J. Burckhardt erwähnte 
Stelle aus Augustin, Bek. B. X, Kap. 8: 

„Es ziehen die Menschen dahin, um zu bewundern die Höhen 
der Berge, und die gewaltigen Wogen des Meeres — und verlassen sich 
selbst." 

Der hervorragende Kenner des Mithraskultes Franz Cumont 3 ) 
sagt folgendes: 

„Die Götter waren überall und mischten sich in alle Vorgänge 
des täglichen Lebens. Das Feuer, welches die Nahrungsmittel der 
Gläubigen zubereitete und sie wärmte, das Wasser, welches ihren 
Durst löschte und sie reinigte, die Luft sogar, die sie atmeten, wie der 
Tag, der ihnen leuchtete, waren der Gegenstand ihrer Huldigungen. 
Vielleicht hat keine Religion in dem Maße, wie der Mithriacismus, 
ihren Anhängern Gelegenheit zum Gebet und Motive der Andacht 
gegeben. Wenn der Eingeweihte sich abends nach der heiligen Grotte 
begab, die in der Einsamkeit des Waldes verborgen war, so riefen 
bei jedem Schritte neue Eindrücke in seinem Herzen eine mystische 

Erfassen der Naturbeseelung in der modernen Malerei und Diehtung, die lebendige 
Intuition, deren aueh die Wissensebaft bei ihren strengsten Arbeiten niebt länger 
entraten will, läßt leiebt erkennen, wie der Logos der griechischen Philosophie, 
der dem alten Christustypus seine Weltenstellung anwies, seines Jenseitigkeits- 
eharakters entkleidet, eine neue Fleisehwerdung feiert." 

1 ) Das scheint wegen der Veräußerliehung des Kultes auch sein Verderben 
geworden zu sein, denn die Augen jener Zeit mußten von der Schönheit dieser 
Welt abgelenkt werden. Augustin (Bek. B. X, Kapitel 6) bemerkt sehr richtig: 
„Aber sie (die Menschen) werden dureh ihre Liebe zu ihr (der Schöpfung) derselben 
Untertan." 

2 ) Augustin (Bek. B. X, Kapitel 6): „Was aber hebe ich, wenn ieh dieh, 
Gott, hebe? Nicht Körpergestalt, noeb zeitliehe Anmut, nieht den Glanz des Lichtes, 
der diesen Augen so lieb, noch die süßen Melodien abwechslungsreicher Gesänge, 
nieht der Blumen und wohlriechenden Salben und Gewürze heblichen Duft, 
nicht Manna und Honig, nicht Glieder, denen des Fleisches Umarmungen angenelim 
sind. Nieht hebe ich dies, wenn ich meinen Gott liebe, das Lieht, die Stimme, 
den Gerueh, die Speise, die Umarmung meines inneren Menschen; wo meiner 
Seele leuehtet, was kein Raum faßt, wo erklinget, was keine Zeit raubt, wo duftet, 
was der Wind nicht verweht, wo schmecket, was keine Eßgier vermindert und wo 
vereint bleibt, was kein Überdruß trennt. Das ist es, was ieh liebe, wenn ieh meinen 
Gott hebe." (Vielleicht eine Vorlage zu Zarathustra: Die sieben Siegel. Nietzsehes 
Werke, VI, S. 33 ff.) 

3 ) Cumont: Die Mysterien des Mithra. Ein Beitrag zur Religionsgeschichtc 
der römischen Kaiserzeit. Übersetzt von G ehr ich. Leipzig, 1903, S. 101. 



190 C. G. Jung. 

Erregung hervor. Die Sterne, welche am Himmel glänzten, der Wind, 
der das Lanb bewegte, die Quelle oder der Bach, die murmelnd 
zu Tal eilten, selbst die Erde, auf welche sein Fuß trat — alles war 
göttlich in seinen Augen und die ganze Natur, die ihn umgab, erweckte 
in ihm die ehrfürchtige Scheu vor unendlichen Gewalten, welche im 
Weltall wirkten." 

Diese mythrischen Grundgedanken, die wie so vieles andere 
des antiken Geisteslebens in der Renaissance wieder aus ihrem Grabe 
emporstiegen, finden sich auch in den schönen Worten Senecas 1 ): 

„Wenn du eintrittst in einen Wald von alten ungewöhnlich 
hohen Bäumen, in welchem das Durcheinander von Ästen und Zweigen 
dir den Ausblick des Himmels entzieht: weckt nicht die Erhabenheit 
eines solchen Hains, die Stille des Ortes, der wunderbare Schatten 
dieses freien und doch dichten Gewölbes in dir den Glauben an ein 
höheres Wesen? Und wo sich in unterhöhltes Gestein unter eines 
Berges Überhang eine Grotte hineinzieht, nicht von Menschenhänden 
gemacht, sondern von Natur so ausgeklüftet, durchdringt da nicht 
dein Gemüt eine Art von Religion? Wir heiligen die Quellpunkte 
großer Flüsse; wo aus dunkelm Grunde ein Wasser herausbricht, da 
steht ein Altar; warme Quellen verehren wir; mancher See wird für 
heilig gehalten wegen seines schattigen Dunkels oder wegen seiner 
unergründeten Tiefe." 

All dies ging unter in der Weltflüchtigkeit des Christentums, 
um erst viel später wieder zu erstehen, als das Denken der Menschen 
jene Selbständigkeit der Idee erworben hatte, die dem ästhetischen 
Eindruck widerstehen konnte, so daß der Gedanke nicht mehr von der 
gefühlsmäßigen Wirkung des Eindruckes gefesselt wurde, sondern 
sich zu reflektierender Beobachtung erheben konnte. So trat der Mensch 
in ein neues und unabhängiges Verhältnis zur Natur, womit der Grund 
zu Naturwissenschaft und Technik gelegt wurde. Damit trat aber 
neuerdings eine Verschiebung des Schwergewichtes des Interesses ein, 
es entstand wieder Realübertragung, in der es unsere Zeit am weitesten 
gebracht hat. Das materialistische Interesse hat breit überhand ge- 
nommen. Daher liegen die Stätten des Geistes, wo früher die größten 
Kämpfe und Entwicklungen stattgefunden, öde und brach. Die Welt 
ist nicht nur entgöttert, wie die Sentimentalen des 19. Jahrhunderts 
jammerten, sondern auch etwas entseelt. Man darf sich daher nicht 
wundern, wenn die Entdeckungen und Lehrmeinungen der Freud- 

J ) 41. Brirf an Lucilius. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 191 

sehen Schule mit ihren so ganz nur psychologischen Gesichts- 
punkten auf allgemeines Kopfschütteln stoßen. Durch die Verlagerung 
des Interessenschwerpunktes aus der Innenwelt in die Außenwelt hat 
die Naturerkenntnis im Vergleiche zu früher unendlich zugenommen, 
wodurch die anthropomorphe Betrachtungsweise des religiösen Dogmas 
absolut in Frage gestellt ist. Der Religiöse von heutzutage kann davor 
nur mit größter Mühe die Augen schließen, denn nicht nur hat sich das 
stärkste Interesse von der christlichen Religion abgewendet, sondern 
auch die Kritik und die notwendige Korrektur haben entsprechend 
zugenommen. Die christliche Religion scheint ihre große biologische 
Bestimmung, soweit wir zu erkennen vermögen, erfüllt zu haben: sie 
hat das menschliche Denken zur Selbständigkeit erzogen und hat darum 
ihre Bedeutung in noch unbestimmtem Umfang eingebüßt, jedenfalls 
fällt ihr Dogmengehalt dem Mythischen anheim. Im Hinblick darauf, 
daß diese Religion aber denkbar Größtes an Erziehung geleistet hat, 
kann man sie heute nicht eo ipso verwerfen. Mir scheint nämlich, daß 
wir ihre Denkformen und nicht zum mindesten ihre große Lebensweisheit, 
die sich durch zwei Jahrtausende als überaus wirksam erwiesen haben, 
noch immer irgendwie zu nützen hätten. Die Klippe ist die unglück- 
selige Verquickuri g von Religion und Moral. Das ist zu über- 
winden. Von diesem Kampf bleiben Spuren in der Seele zurück, 
die man ungern an einem Menschen mißt. Es ist schwer zu sagen, 
worin solche bestehen, es mangeln hierfür Begriffe wie Worte: wenn 
ich trotzdem etwas davon aussage, so tue ich es parabolisch mit den 
Worten Senecas 1 ): 

„Wenn du — beharrlich strebst nach einer edeln Gesinnung, 
so tust du etwas recht Gutes und Heilsames; du brauchst das aber 
nicht zu wünschen, du hast es ja selber in der Hand, du kannst es tun. 
Du brauchst nicht die Hände zum Himmel zu erheben oder den 
Tempeldiener zu bitten, daß er dich zu gewisserer Erhörung ganz nahe 
zu dem Ohre des Götterbildes hinzugelangen lasse : Gott ist dir nahe, 
er ist bei dir, in dir. Ja, mein lieber Lucilius, ein heiliger Geist wohnt 
in uns, der alles Böse und Gute an uns beobachtet und darüber wacht. 
Wie wir ihn behandeln, so ist er auch gegen uns; niemand ist ein guter 
Mensch ohne Gott. Oder kaun sich jemand aufschwingen zum Glück 
ohne ihn? Ist er es mcht, der den Menschen große und erhabene 
Gedanken eingibt? In jedem wackeren Manne wohnt ein Gott; 
welcher — das kann ich dir nicht sacen." 

M 41. Brief an Lucilius. 



192 C. G. Juusr. 



V. 

Das Lied von der Motte. 

Wenig später reiste Miß Miller von Genf nach Paris; sie sagt: 
„Meine Ermüdung in der Eisenbahn war so groß, daß ich kaum eine 
Stunde lang schlafen konnte. Es war entsetzlich heiß im Damencoupe." 
Um 4 Uhr morgens bemerkte sie eine Motte, die gegen das Licht im 
"Wagen flog. Sie versuchte darauf, wieder einzuschlafen. Da drängte 
sich ihr plötzlich folgendes Gedicht auf: 

The moth to the sun 1 ). 

I longed for thee when first I crawled to consciousness. 

My dreams were all of thee when in the chrysalis I lay. 

Oft myriads of my kind beat out their lives 

Against some feeble spark once caught from thee. 

And one hour more — and iny poor life is gone; 

Yet my last effort; as my first desire, shall be 

But to approach thy glory; then, having gained 

One raptured glance, Fll die content, 

For I, the source of beauty, warmth and life 

Have in his perfect splendor once beheld. 

Bevor wir auf die Materialien eingehen, die Miß Miller zum 
Verständnis des Gedichtes beibringt, wollen wir wieder zuvor einen 
Blick auf die psychologische Situation werfen, in der das Gedicht ent- 
standen ist. Seit der letzten direkten Manifestation des Unbewußten, 
die uns Miß Miller berichtete, scheinen einige Monate oder Wochen 



*) In etwas freier deutscher Prosaübersetzung: 

Die Motte zur Sonne, 
leb. sebnte mich nach dir vom ersten Erwachen meiner Seele, 
All meine Träume gehörten dir, als ich noch in der Puppe lag. 
Oft verlieren Tausende meiner Art ihr Leben 
An einem schwachen Funken, der von dir ausging, noch eine 
Stunde — und mein armes Leben ist entflohn — 
Doch meine letzte Kraft, wie meine erste Sehnsucht 
Soll nur deiner Herrlichkeit gelten, dann, wenn es mir gelang, 
Einen kurzen Strahl zu haschen, will ich zufrieden sterben, 
Weil ich die Quelle der Schönheit, Wärme und Leben, einmal in 
Vollkommenem Glänze gesehen habe. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 193 

verflossen zu sein, über welche Zeit wir gar nicht unterrichtet sind. Wir 
erfahren nichts über die Stimmungen und Phantasien dieser Zeit. Wenn 
man aus diesem Schweigen etwas schließen darf, so. wäre es z. B. das, 
daß in dem Zeitabschnitt zwischen den beiden Gedichten wirklich nichts 
von Belang vorgekommen ist, daß also das Gedicht wieder ein laut- 
gewordenes Stück aus der über Monate und Jahre sich erstreckenden un- 
gewußten Komplexbearbeitung ist. Es handelt sich höchst wahr- 
scheinlich um denselben Komplex wie früher 1 ). — Das frühere Produkt, 
ein hoffnungsvoller Schöpfungshymnus, hat aber wenig Ähnlichkeit mit 
dem jetzigen Poem. Das vorliegende Gedicht hat einen recht hoffnungs- 
losen melancholischen Charakter : Motte und Sonne, zwei Dinge, die nie 
zusammenkommen. Man muß aber billig fragen, soll denn eine Motte 
wirklich zur Sonne kommen? — Wir kennen wohl die sprich wörtliche 
Redensart von der Motte, die ins Licht fliegt und sich die Flügel ver- 
brennt, nicht aber die Legende von einer Motte, die nach der Sonne 
strebt. Offenbar verdichten sich hier zwei ihrem Sinne nach nicht ganz 
zusammengehörige Dinge; zunächst die Motte, die so lange ums Licht 
fliegt, bis sie sich verbrennt und dann das Bild eines kleinen ephemeren 
Wesens, etwa der Eintagsfliege, die in kläglichem Gegensatze zu 
der Ewigkeit der Gestirne sich nach dem unvergänglichen Lichte des 
Tases sehnt. Dieses Bild erinnert an Faust: 

„Betrachte wie in Abendsonne- Glut 
Die grünmngebnen Hütten schimmern, 
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, 
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben. 
daß kein Flügel mich vom Boden hebt. 
Ihr nach und immer nach zu streben. 
Ich sah im ew'gen Abendstrahl 
Die stille Welt zu meinen Füßen .... 

Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken, 
Allein der neue Trieb erwacht, 
Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken, 
Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, 
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen. 
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht. 
Ach — zu des Geistes Flügeln wird so leicht 
Kein körperlicher Flügel sich gesellen." 



1 ) Komplexe pflegen von größter Stabilität zu sein, wenn schon ihre äußeren 
Manifestationsformen kaleidoskopisch wechseln. Experimentelle Untersuchungen 
haben mich reichlich von diesem Faktum überzeugt. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. HI. 13 



194 C. G. Jung. 

Nicht lange hernach sieht Faust den „schwarzen Hund durch Saat 
und Stoppel streifen", den Hund, der der Teufel, der Versucher, selber 
ist, in dessen höllischem Feuer sich Faust die Flügel versengen wird. 
Als er glaubte, seine große Sehnsucht der Schönheit der Sonne und der 
Erde zu geben, „verließ er sich selbst darob" und geriet in die Hände 
des Bösen. 

,,Ja, kehre nur der holden Erdensonne 
Entschlossen deinen Kücken zu." 

hatte Faust kurz zuvor gesagt in richtiger Erkenntnis der Sachlage, 
denn die Verehrung der Naturschönheit führt den mittelalterlichen 
Christen auf heidnische Gedanken, die in derselben antagonistischen 
Bereitschaft neben seiner bewußten Eeligion liegen, wie einst der 
Mithriacismus dem Christentume bedrohliche Konkurrenz machte, 
denn öfters verkleidet sich der Satan in einen Engel des Lichts 1 ). 

Die Sehnsucht Fausts wurde sein Verderben. Die Sehnsucht 
nach dem Jenseitigen hatte ihn konsequenterweise zum Lebens- 
überdruß geführt und er stand am Rande des Selbstmordes 2 ). Die 
Sehnsucht nach der Schönheit des Diesseits führte ihn von 
neuem ins Verderben, in Zweifel und Schmerz, bis zum tragischen Tode 
Margaretens. Sein Fehler war, daß er nach beiden Seiten hemmungslos 
dem Drange der Libido folgte, als ein Mensch von großer Leidenschaft. 
Faust bildet noch einmal den völkerpsychologischen Konflikt um 
die Wende unserer Zeitrechnung ab, aber was bemerkenswert ist, in 
umgekehrter Reihenfolge. Gegen was für furchtbare Mächte der Ver- 

x ) Den letzten, bekanntlich mißlungenen Versueh, Mithriacismus über 
Christentum siegen zu lassen, machte Julian, der Apostat. 

2 ) Diese Lösung des Libidoproblems wurde durch die Weltflucht der ersten 
nachchristlichen Jahrhunderte (die Anachoretenstädte in den Wüsten des Oriente) 
in ähnlicher Weise gelöst. In Vergeistigung töteten die Mensehen sich ab, um dem 
Extrem der Roheit in der römischen Verfallskultur zu entfliehen. Askese ist for- 
cierte Sublimation und findet sieh immer da, wo die animalischen Triebkräfte noch 
so stark sind, daß sie gewaltsam ertötet werden müssen. Der verkappte Selbst- 
mord in der Askese muß biologisch weiter nicht bewiesen werden. Chamberlain 
(Grundl. des 19. Jahrhunderts) sieht in dem Problem einen biologischen Selbstmord 
wegen der maßlosen Bastardierung der damaligen Mittelmeervölker. Ieh glaube, 
Bastardierung macht eher gemein und lebensfreudig. Es scheint allem nach, daß 
es feinere und höherstehende Menschen waren, die der furchtbaren Zerrissenheit" 
jener Zeit, die ja bloß ein Ausdruck der Zerrissenheit des Einzelnen war, über- 
drüssig, ihrem Leben ein Ende machten, um in sich die alte Kultur mit ihrer 
unendlichen Sündhaftigkeit sterben zu lassen. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 195 

führung sich der Christ mittels der absoluten Jenseitigkeit seiner Hoff- 
nung zu wehren hatte, zeigt das Beispiel des Alypius bei Augustin. 
Wer auch von uns zu jener Zeit der Antike gelebt hätte, dem wäre es 
klar geworden, daß jene Kultur zugrunde gehen mußte, weil sich die 
Menschheit selber dagegen empörte. Bekanntlich hatte sich ja schon 
vor der Ausbreitung des Christentums eine merkwürdige Erlösungs- 
erwartung der Menschheit bemächtigt. Einen Niederschlag dieser 
Stimmung dürfte wohl auch die Ekloge Virgils 1 ) sein: 

Ultima Cumaei venit jam carminis aetas; 
Magnus ab integro Saeclorum nascitur ordo, 
Jam redit et Virgo 2 ), redeunt Saturnia regna; 
Jam nova progenies caelo demittitur alto. 
Tu modo nascenti puero, quo ferrea primum 
Desinet ac toto surget gens aurea mundo, 
Casta fave Lucina: tuus jam regnat Apollo. 

Te duce, si qua manent sceleris vestigia nostri, 
Inrita perpetua solvent formidine terras. 
Ille deum vitam accipiet divisque videbit 
Permixtos heroas et ipse videbitur Ulis, 
Pacatumque reget patriis virtutibus orbem 3 ). 

Der mit der allgemeinen Ausbreitung des Christentums erfolgende 
Umschlag in die Askese führte ein neues Verderben für viele her- 
auf: das Klosterwesen und Anachoretentum 4 ). 

Faust macht den umgekehrten Weg; für ihn ist das asketische 
Ideal todbringend. Er ringt nach Befreiung und gewinnt das Leben, 
indem er sich dem Bösen übergibt, aber dadurch wird er zum Todbringer 
für das, was er am meisten liebt: Margarete. Er entreißt sich dem 
Schmerze und opfert sein Leben endloser nützlicher Arbeit, wodurch 



*) Bucolica. Ecl. IV. 

2 ) Mut] (das Recht), Tochter des Zeus und der Themis, die seit dem gol- 
denen Zeitalter die verrohte Erde verlassen hatte. 

3 ) Dank dieser Ekloge hatte Virgil später die Ehre, quasi christlicher Dichter 
zu sein. Dieser Stellung verdankt er auch das Führeramt bei Dante. 

4 ) Beides ist nicht nur christlich, sondern auch heidnisch vorgebildet. 
Essener und Therapeuten waren zum Teil in der Wüste lebende Anachoreten- 
orden. Wahrscheinlich (wie z. B. Apul. Metamorph, hb. XI zu entnehmen ist) 
bestanden kleine Ansiedlungen von Mysten oder Konsekranden um die Heilig- 
tümer der Isis und des Mithra. Sexuelle Abstinenz und auch Zölibat waren 
bekannt. 

13* 



196 CG. Jung. 

er vieler Leben rettet 1 ). Seine Doppelbestimmung als Heiland und Tod- 
bringer ist präliminarisch schon früher angedeutet: 

Wagner: „Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann, 
Bei der Verehrung dieser Menge haben." 



Faust: „So haben wir mit höllischen Latwergen 
In diesen Tälern, diesen Bergen, 
Weit schlimmer als die Pest getobt. 
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben, 
Sie welkten hin, ich muß erleben, 
Daß man die frechen Mörder lobt." 

Eine Parallele zu dieser Doppelrolle ist das historisch bedeutsam 
gewordene Wort des Matthäusevangeliums (10, 34): „Ich bin nicht ge- 
kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert." 

Das eben macht die tiefe Bedeutung des Goetheschen Faust 
aus, daß er einem, seit der Renaissance in unruhigem Schlummer sich 
wälzenden Problem des modernen Menschen Worte verleiht, wie es das 
Drama des ödipus für die hellenische Kultursphäre tat. Was soll der 
Ausweg sein, zwischen der Scylla der Weltverneinung und der Charybdis 
der Weltbejahung? 

Der hoffnungsvolle Ton, der sich im Hymnus an den Schöpfer- 
gott bahngebrochen hat, dürfte bei unserer Autorin nicht zu lange 
vorhalten. Die Pose verspricht bloß und hält nie Wort. Die alte Sehn- 
sucht wird wiederkommen, denn es ist eine Eigentümlichkeit aller bloß 
im Unbewußten bearbeiteten Komplexe 2 ), daß sie nichts von ihrem 
ursprünglichen Affektbetrage verlieren, sowie daß ihre äußeren Mani- 
festationen sich beinahe unbegrenzt verändern können. Man kann 
daher das erste Gedicht als einen unbewußten Versuch betrachten, 
den Konflikt durch eine positive Religiosität zu lösen, etwa in der 
Art, wie die früheren Jahrhunderte ihre bewußten Konflikte durch die 
Entgegensetzung des religiösen Standpunktes zur Entscheidung 
brachten; dieser Versuch mißlingt. Nun folgt mit dem zweiten Gedicht 
ein zweiter Versuch, der entschieden weltlicher ausfällt; sein Gedanke 

a ) „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, 

Verpestet alles sehon Errungene; 
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, 

Eröffn' ich Räume vielen Millionen " 

Die Analogie der Ausdrücke mit dem oben folgenden Stück ist zu beachten. 

2 ) Vergleiche Breuer und Freud: Studien über Hysterie, sowie Bleuler: 
Die Psychoanalyse Freuds. Jahrbuch, 1910, IL Bd., 2. Hälfte. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 197 

ist unzweideutig: Nur einmal (having gained one raptured glance . . .) 
und dann sterben. 

Aus den Sphären der religiösen Jenseitigkeit wendet sich, wie 
bei Faust 1 ), der Blick der diesseitigen Sonne zu. Und schon mischt 
sich etwas darein, das einen anderen Sinn hat; nämlich die Motte, 
die so lange ums Licht fliegt, bis sie sich dieFlügel verbrennt. 
Wir gehen nun über zu dem, was Miß Miller zum Verständnis 
des Gedichtes beibringt. Sie sagt: 

„Dieses kleine Gedicht machte mir einen tiefen Eindruck. Ich 
konnte allerdings nicht gleich eine ausreichend klare und direkte 
Erklärung dafür finden. Wenige Tage später aber, als ich eine gewisse 
philosophische Arbeit, die ich in Eerlin im vorigen Winter gelesen 
hatte, und an der ich mich sehr gefreut, wieder vornahm, las ich sie 
einer Freundin vor, und stieß dabei auf folgende Worte: „La menie 
aspiration passionnee de la mite vers Tetoile, de l'homme vers Dieu." 
(Die gleiche leidenschaftliche Sehnsucht der Motte nach dem Stern, 
des Menschen nach Gott.) Ich hatte diese Worte ganz vergessen, aber 
es erschien als ganz klar, daß eben diese Worte in meinem hypna- 
gogischen Gedicht wieder zum Vorschein gekommen waren. Des 
weiteren fiel mir ein vor einigen Jahren gesehenes Drama ein: „La 

J ) Faust (im Selbstruordmonolog): 

„Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen, 
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen. 
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. 
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, 
An mich heran! — Ich fühle mich bereit 
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen, 
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. — 
Dies hohe Leben, diese Götterwonne. — 
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du? 
Ja, kehre nur der holden Erdensonne 
Entschlossen deinen Rücken zu." 
Faust (beim Spaziergang): 

„0, daß kein Flügel mich vom Boden hebt, 

Ihr nach und immer nachzustreben. 

Ich sah im ew'gen Abendstrahl 

Die stille Welt zu meinen Füßen 

Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten 
Vor den erstaunten Augen auf 

Allein der neue Trieb erwacht, 

Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken." 

Man sieht, es ist dieselbe Sehnsucht und — dieselbe Sonne. 



198 C. G. Jung. 

mite et la Flamme", als eine weitere mögliche Ursache des Gedichtes. 
Man sieht, wie oft mir der Ausdruck „Motte" eingeprägt wurde." 

Der tiefe Eindruck, den das Gedicht auf die Verfasserin machte, 
spricht es aus, daß sie ein großes Stück Liebe darein gelegt hat. Im 
Ausdruck „aspiration passionnee" begegnen wir der leidenschaftlichen 
Sehnsucht der Motte nach dem Stern, des Menschen nach Gott, d. h. die 
Motte ist Miß Miller selber. Ihre letzte Bemerkung, daß der Ausdruck 
„Motte" ihr oft eingeprägt wurde, will sagen, wie oft sie sich den Namen 
„Motte" als zu ihr selber passend gemerkt hat. Ihre Sehnsucht 
nach Gott gleicht der Sehnsucht der Motte nach dem „Stern". 
Der Leser wird sich erinnern, daß dieser Ausdruck im früheren Material 
bereits belegt ist: „When the morning stars sang together", d. h. der 
Schiffsorfizier singt zur Nachtwache an Deck. Die leidenschaftliche 
Sehnsucht nach Gott gleicht jener Sehnsucht nach dem singenden 
Morgenstern. Im vorhergehenden Kapitel wurde weitläufig gezeigt, daß 
diese Analogie zu erwarten ist — sie parvis componere magna solebam. 

Es ist, wie man will, beschämend oder empörend, daß die gött- 
liche Sehnsucht des Menschen, die ihn doch eigentlich erst wirklich 
zum Menschen macht, mit einer erotischen Nichtigkeit zusammen- 
gebracht werden muß. Eine derartige Vergleichung widerstrebt dem 
feineren Empfinden. Man ist deshalb geneigt, trotz unweigerlicher 
Tatsachen den Zusammenhang zu bestreiten. Ein italienischer Steuer- 
mann mit brauner Haut und schwarzem Schnurrbart und — die höchste, 
teuerste Vorstellung der Menschheit? Die beiden Dinge dürfen nicht 
zusammengebracht werden, dagegen empört sich nicht nur das religiöse 
Empfinden, sondern auch unser Geschmack. 

Es wäre auch gewiß unrichtig, die beiden Objekte als Koukreta 
in Vergleich zu setzen, dazu sind sie zu heterogen. Man liebt eine 
Beethovensche Sonate, man liebt aber auch Kaviar. Es wird niemanden 
einfallen, die Sonate dem Kaviar zu vergleichen. Es ist ein gemeiner 
Irrtum, daß man die Sehnsucht nach der Qualität des Objektes 
beurteilt. Der Appetit des Gourmand, der mit Gänseleber und 
Wachteln gesättigt wird, ist um nichts vornehmer, als der Appetit 
des Arbeiters nach Sauerkraut und Speck. Die Sehnsucht ist dieselbe, 
das Objekt wechselt. Die Natur ist nur schön vermöge der Sehnsucht 
und der Liebe, die ihr der Mensch gibt. Die ästhetischen Attribute, 
die hieraus emanieren, gelten daher zu allererst der Libido, die ja allein 
die Schönheit der Natur ausmacht. Der Traum weiß das sehr wohl, 
wenn er ein starkes und schönes Gefühl durch das Bild einer schönen 



Wandlungen und Symbole, der Libido. 199 

Landschaft darstellt. Wenn man sich im Gebiete des Erotischen bewegt, 
so wird es vollends klar, wie wenig das Objekt und wieviel die Liebe 
zu bedeuten hat. Man überschätzt das ,, Sexualobjekt" in der Kegel 
außerordentlich und das nur dank dem hohen Grad von Libido, die dem 
Objekt gewidmet ist. 

Anscheinend hatte Miß Miller sehr wenig flu- den Offizier übrig, 
was ja menschlich begreiflich ist. Aber trotzdem geht von jener Be- 
ziehung eine tiefe und langanhaltende Wirkung aus, die die Gottheit 
mit dem erotischen Objekt auf eine Linie stellt. Die Stimmungen, 
die anscheinend von diesen Objekten ausgehen, kommen eben nicht 
dorther, sondern sind Manifestationen ihrer starken Liebe. Wenn Miß 
Miller also Gott oder die Sonne preist, so meint sie ihre Liebe, jenen 
tiefsten und stärksten Trieb des menschlichen und tierischen Wesens. — 

Der Leser wird sich erinnern, daß im vorigen Kapitel folgende 
Kette von Synonymen aufgestellt wurde: Der Sänger — Gott des 
Tones — singender Morgenstern — Schöpfer — Gott des Lichts — 
Sonne — Feuer — Gott der Liebe. 

Wir hatten damals Sonne und Feuer in Parenthese gesetzt. Jetzt 
treten sie berechtigterweise in die Kette der Synonyme ein. Mit der 
Um wendung des erotischen Eindruckes aus dem Bejahenden ins Ver- 
neinende treten für das Objekt überwiegend Lichtsymbole ein. 
Im zweiten Gedicht, wo sich die Sehnsucht offener hervorwagt, ist es 
gar die irdische Sonne. Da sich die Sehnsucht vom realen Objekt ab- 
gewandt hat, ist ihr Objekt zunächst ein subjektives, nämlich Gott, 
geworden. Psychologisch ist aber Gott der Name eines Vorstellungs- 
komplexes, der sich um ein sehr starkes Gefühl (Libidosumme) gruppiert; 
das Gefühl aber ist das eigentlich Charakteristische und Wirksame 
am Komplex 1 ). Die Attribute und Symbole der Gottheit dürften 
folgerichtigerweise dem Gefühle (der Sehnsucht, Liebe, Li- 
bido usw.) zugehören. Wenn Gott, die Sonne oder das Feuer verehrt 
wird, so verehrt man seinen Trieb, die Libido. Es ist, wie Seneca 
sagt: „Gott ist dir nahe, er ist bei dir, in dir." Der Gott ist unsere 
Sehnsucht, der wir göttliche Ehren erweisen 2 ). Wenn man nicht wüßte, 
wie ungeheuer bedeutungsvoll die Religion war und ist, so käme einem 
dieses wundersame Spiel mit sich selber lächerlich vor. Es muß daran 
aber etwas sein, was nichts weniger als lächerlich, sondern in gewissem 



x ) Vgl. Jung: Diagnost. Assoc. stud. und Psychologie der Dementia 
praecox, Kapitel II und III. 

2 ) Nach christlicher Anschauungsweise ist Gott die Liebe. 



200 C. (*. Jung. 

Sinne höchst zweckmäßig ist. Einen Gott in sich zu tragen, will viel 
heißen: es ist die Garantie des Glückes, der Macht, ja sogar der Allmacht, 
insofern diese Attribute der Gottheit zukommen. Den Gott in sich 
tragen heißt ja soviel, wie selber Gott sein. Im Christentum, wo zwar die 
grobsinnlichen Vorstellungen und Symbole möglichst sorgfältig aus- 
gemerzt sind (eine Fortsetzung der Symbolarmut des jüdischen Kultes, 
wie es scheint), finden sich deutliche Spuren dieser Psychologie. Noch 
deutlicher allerdings ist die Gottwerdung in den nebenchristlichen 
Mysterien, wo der Myste durch die Einweihung selber zu göttlicher 
Verehrung emporgehoben wird: am Schlüsse der Konsekration im 
Isismysterium 1 ) wird der Myste gekrönt mit der Palmenkrone, auf 
ein Piedestal gestellt und als Helios verehrt 2 ). In dem von Dieterich 
als Mithrasliturgie herausgegebenen magischen Papyrus lautet ein 
hoög loyoq des Konsekranden: 'Eyd) sljui ovjmiXavog v/mv äoxijQ xal ex 
zov ßd'&ovg ävaMjuTzcov 3 ). 

Der Myste setzt sich in der religiösen Ekstase den Gestirnen gleich, 
genau so wie ein Heiliger des Mittelalters sich durch die Stigmatisation 
mit Christus gleich setzt. Franz von Assisi brachte es in echt heid- 
nischer Weise 4 ) sogar zu näherer Verwandtschaft mit dem Bruder 
Sonne und der Schwester Mond. Diese Vorstellungen von der Gott- 
werdung sind uralt. Der alte Glaube verlegte die Gottwerdung in 
die Zeit nach dem Tode, das Mysterium aber bringt die Gottwerdung 
schon in dieser Welt. Am schönsten stellt ein uralter Text die Gott- 
werdung dar: es ist der Triumphgesang der aufsteigenden Seele ): 

„Ich bin der Gott Atum, der ich allein war. 
Ich bin der Gott Ee bei seinem ersten Erglänzen. 
Ich bin der große Gott, der sich selbst schuf, der Herr der Götter, 
dem keiner unter den Göttern gleichkommt. 



a ) Apul. Met. Üb. XI. 257: „At manu clextera gerebam flammis adultarn 
facem: et caput decora corona einxerat palniae candidae foliis in moduni radiorum 
prosistentibus. Sie ad instar solis exornato et in vicem simulaeri constituto — ." 

2 ) Die Parallele im Christusmysterium ist die Krönung mit der Dornen- 
krone, Schaustellung und Verspottung des Heiligen. 

3 ) „Ich bin ein Stern, der mit euch wandelt und aus der Tiefe aufleuchtet." 
Dieterich: Eine Mithrasliturgie, 1910. 

4 ) Ebenso nannten sich die Sassanidenkönige „Brüder der Sonne und 
des Mondes". In Ägypten war die Seele jedes Herrschers eine Abspaltung aus dem 
Sonnenhorus, eine Inkarnation der Sonne. 

6 ) „Das Hervorgehen am Tage aus der Unterwelt." Er man: Ägypten, 
S. 409 f. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 201 

Ich war Gestern und kenne das Morgen; der Kampfplatz der 
Götter ward gemacht, als ich sprach. Ich kenne den Namen jenes 
großen Gotte3, der in ihm weilt. 

Ich bin jener große Phönix, der in Heliopolis ist, der da berechnet 
alles, was ist und existiert. 

Ich bin der Gott Min, bei seinem Hervortreten, der ich mir 
die Federn auf mein Haupt setze 5 ). 

Ich bin in meinem Lande, ich komme in meine Stadt. Ich bin 
zusammen mit meinem Vater Atum alltäglich 2 ). 

Meine Unreinheit ist vertrieben, und die Sünde, die in mir 
war, ist niedergeworfen. Ich wusch mich in jenen zwei großen Teichen, 
die in Herakleopolis sind, in denen das Opfer der Menschen gereinigt 
wird, für jenen großen Gott, der dort weilt. 

Ich gehe auf dem Wege, wo ich mein Haupt wasche in dem 
See der Gerechten. Ich gelange zu diesem Lande der Verklärten 
und trete ein durch das prächtige Tor. 

Ihr, die ihr vorne steht, reicht mir eure Hände, ich bin es, ich 
bin einer von euch geworden. Ich bin mit meinem Vater Atum zu- 
sammen alltäglich." 

Die Gottwerdung hat notwendigerweise eine Steigerung der 
individuellen Bedeutung und Macht 3 ) im Gefolge. Das scheint zunächst 
auch damit bezweckt zu sein; nämlich eine Stärkung des Individuums 
»esenüber seiner allzu großen Schwäche und Unsicherheit im realen 
Leben. Der Größenwahn der Gottidentifikation hat einen recht kläg- 
lichen Hintergrund. Die Stärkung des Kraftbewußtseins ist aber nur 
eine äußerliche Folge der Gottwerdung, viel bedeutsamer sind die 
tieferliegenden Gefühlsvorgänge. Wer Libido introvertiert, d. h. vom 

x ) Vgl. oben die Krönung. Feder, ein Symbol der Macht. Federkrone = 
= Strahlenkrone. Krönung als solche schon ist Sonnenidentifikation. Z. B. tritt 
die Zackenkrone auf römischen Münzbildern von der Zeit an auf, wo die Cäsaren 
mit den Sol invictus identifiziert wurden („Solis invicti comes"). Der Heiligenschein 
ist dasselbe, nämlich ein Sonnenbild, ebenso die Tonsur. Die Isispriester hatten 
glattrasierte, glänzende Schädel, wie Gestirne (s. Apul. Metam.). 

2 ) Vgl. das, was ich hierüber in meiner Schrift: „Über die Bedeutung des 
Vaters für das Schicksal des Einzelnen" (Deuticke, Wien) sage. 

») Im Texte der sogenannten Mithrasliturgie heißt es: *Eya> eißi (iv/mÄarog 
bfilv äori'iQ uai ek rov ßädovs ävaM/mov — xavxä coi> elirövros eideos <"> 
öiöuos äTT/LoßrjaeTai. („Wenn du das gesagt hast, wird sich sofort die Sonnen- 
scheibe entfalten.") Der Mystc bat also durch sein Gebet die göttliche Kraft, 
sogar die Sonnenscheibe zur Entfaltung zu bringen. Rostands Chantecler bringt 
ebenfalls mit seinem Krähen die Sonne zum Aufgehen. 

„Denn wahrlich ich sage euch, so ihr Glauben habt, wie ein Senfkorn groß, 
so werdet ihr zu diesem Berge sprechen: Hebe dich von dannen dorthin. Und er 
wird sich heben; und nichts wird euch unmöglich sein." (Matth. 17, 20.) 



202 C. G. Jung. 

realen Objekt wegnimmt, der verfällt, falls er nicht eine andere Real- 
ersetzung vornimmt, den notwendigen Folgen der Introversion: die 
Libido, die nach innen, ins Subjekt gewendet ist, erweckt aus den 
schlafenden Erinnerungen eine wieder auf, welche den Weg enthält, 
auf dem früher einmal die Libido zum realen Objekt gekommen war. 
Zuallererst und an oberster Stelle waren es Vater und Mutter, welche 
die Objekte der kindlichen Liebe waren; sie sind die Einzigartigen und 
Unvergänglichen und es braucht darum im Leben des Erwachsenen 
nicht viel an Schwierigkeiten, um jene Erinnerungen wieder wach- 
zurufen und wirksam zu machen. In der Religion ist die regressive 
Wiederbelebung von Vater- und Mutterimago, zum System 
organisiert. Die Wohltaten der Religion sind die Wohltaten der 
Elternhände, ihr Schutz und ihr Frieden sind die Wirkungen der Eltern- 
obhut auf das Kind, und ihre mystischen Gefühle die unbewußten 
Erinnerungen an die zärtlichen Regungen der ersten Kindheit; wie 
der Hymnus sagt: 

„Ich bin in meinem Lande, ich komme in meine Stadt. Ich bin 
mit meinem Vater Atum zusammen alltäglich." 1 ) 

Der sichtbare Vater der Welt aber ist die Sonne, das himmlische 
Feuer, daher Vater, Gott, Sonne, Feuer mythologische Synonyme 
sind. Die bekannte Tatsache, daß in der Sonnenkraft die große 
Zeugungskraft der Natur verehrt wird, spricht es dem, dem es noch 
nicht klar sein sollte, deutlich aus, daß der Mensch in der Gottheit 
seine eigene Libido verehrt, und zwar unter dem Bilde oder Symbol 
des jeweiligen Übertragungsobjektes. Überaus plastisch tritt 
diese Symbolik uns im dritten Logos des Dieterichschen Papyrus 
entgegen: Nach dem zweiten Gebet 2 ) kommen von der Sonnenscheibe 
Sterne gegen den Mysten, „fünfzackig, sehr viele und erfüllend die ganze 
Luft. „Wenn sich die Sonnenscheibe geöffnet hat. wirst du einen un- 
ermeßlichen Kreis sehen und feurige Tore, die abgeschlossen sind." 
Der Myste spricht folgendes Gebet: 'Eaay.ovoor juov, äxovoov fiov — 



x ) Vgl. besonders die Aussprüche des Johannisevangeliunis: ,,lch und 
der Vater sind eins." (10, 30.) „Wer mich siehet, der siehet den Vater." (14, 9.) 
„Glaubet mir, daß ich im Vater und der Vater in mir ist." (14, 11.) — „Ich bin 
vom Vater ausgegangen, und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die 
Welt, und gehe zum Vater." (16, 28.) „leb fahre auf zu meinem Vater und zu 
eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." (20, 17.) 

2 ) Siehe oben die Fußnote 3, pag. 200. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 203 

6 ovvdrjoag Txvev^iaxi xä nvQiva x'AfWqo. tov ovquvov, diocojuaxog 1 ) 
nvQiTtole, cpwxbg xxioxa — tivqijivoe, TivQidvfxe, jirev/Ltaxöcpcog, 7ivQixaQTj, 
xalUcpoig, (ponoxQäxcoQ, TivQiocofiaxe, cpoixodoxa, Tivgionoge, ttvqixIove, 
(pcoxoßie, nvQidiva, (pojxoyuvf]xa, xcQavvoxXovE, qxoxög x?Jog, av^]Oi(po)g, 
eV7ivQio%r]oicpcog äoxQoddf,ia. 

Die Anrufung ist, wie man sieht, fast unerschöpflich in Licht — 
und Feuerattributen und kann in ihrer Überschwänglichkeit nur noch 
den synonymen Liebesattributen des mittelalterlichen Mystikers 
verglichen werden. Unter den unzähligen Texten, die als Belege in 
Betracht kommen können, wähle ich eine Stelle aus den Schriften der 
Mechthild von Magdeburg (1212—1277): 

„0 Herr, minne mich gewaltig und minne mich oft und lang; 
je öfter du mich minnest, um so reiner werde ich; je gewaltiger du mich 
minnest, umso schöner werde ich; je länger du mich minnest, umso 
heiliger werde ich hier auf Erden." 

Gott antwortete: „Daß ich dich oft minne, das habe ich von 
meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Daß ich dich ge- 
waltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn auch ich be- 
gehre, daß man mich gewaltig minne. Daß ich dich lang minne, 
das ist von meiner Ewigkeit, denn ich bin ohn' Ende 2 )." 

Die religiöse Kegression bedient sich wohl der Elternimago, 
ohne sie aber als Übertragungsobjekt bewußt zu machen, denn das 
verbietet die Inzestschranke 3 ); sie bleibt vielmehr bei einem Synonym, 
z. B. des Vaters, also bei einem Gotte oder dem mehr oder weniger 
personifizierten Symbol der Sonne und des Feuers stehen 4 ). Sonne 
und Feuer, d. h. die befruchtende Kraft und die Hitze, sind Attribute 
der Libido. In der Mystik ist das innerlich geschaute Göttliche öfters 



x ) „Zweileibiger", ein dunkles Epitheton, wenn man nicht annimmt, 
daß die den damaligen Mysterien geläufige Zweileibigkeit des Erlösten (vgl. die 
Paulinische Auffassung des öcbfia Gclquiköv und 7ii>ev/.iariKÖv) auch dem Gotte, 
d. h. der Libido attribuiert wurde. Im Mithraskult scheint der Geistgott Mithra 
zu sein, während Helios der physische Gott, gewissermaßen der siehtbare Statt- 
halter der Gottheit ist. Vgl. unten über die Verwechselungen zwischen Christus 
und Sol. 

2 ) Buber: Ekstat. Konfess. S. GG. 

3 ) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 

4 ) Renan (Dialogues et fragments philosophiques, S. 1G8) sagt: „Avant 
que la religion füt arrivee a proelamer que Dieu doit etre mis dans l'absolu et l'ideal, 
c'est-ä-dire hors du monde, un seul eulte füt raisonnable et scientifique, ee fiit 
le eulte du soleil." 



204 C. G-. Jung. 

bloß Sonne oder Licht und wenig bis gar nicht personifiziert. In der 
Mithrasliturgie findet sich z. B. eine bezeichnende Stelle: C H de tioqeio. 
rcov öqco/uevcov "deän' öiä rov öioxov, Ttargög /uov, deov (favrjoeiat 1 ). 
Hildegard von Bingen (1100 — 1178) 2 ) drückt sich folgender- 
maßen aus: 

„Das Licht aber, das ich schaue, ist nicht örtlich, sondern weit 
und weit heller als die Wolke, die die Sonne trägt. — Dieses Lichtes 
Gestalt vermag ich in keiner Weise zu erkennen, wie ich das Kreisrund 
der Sonne nicht vollkommen anblicken kann. In diesem Lichte aber 
sehe ich zuweilen und nicht häufig ein anderes Licht, das mir das 
lebendige Licht genannt wird, und wann und in welcher Weise ich 
dieses sehe, das weiß ich nicht zu sagen. Und da ich es schaue, wird 
mir alle Traurigkeit und alle Not entrafft, also daß ich alsdann die 
Sitten eines einfältigen Mägdleins, und nicht einer alten 
Frau habe." 

Symeon, der neue Theologe (970 — 1040) sagt folgendes: 

„Meine Zunge entbehrt der Worte, und was in mir geschieht, 
sieht mein Geist wohl, aber er erklärt es nicht. — Er schaut das 
Unsichtbare, das aller Gestalt Ledige, durchaus Einfache, nicht 
Zusammengesetzte, und an Größe Unendliche. Demi er erblickt keinen 
Anfang und kein Ende schaut er, und ist gänzlich keiner Mitte bewußt, 
und weiß nicht, wie er das sagen soll, was er sieht. Etwas Ganzes 
erscheint, wie ich meine, und nicht mit dem Wesen selbst, sondern 
durch eine Teilnahme. Denn an Feuer entzündest du Feuer, 
und das ganze Feuer empfängst du: jenes aber bleibt vmgeniindert 
und ungeteilt, wie vordem. Gleichwohl sondert sich, was mitgeteilt 
wird, von dem Ersten; und als ein Körperhaftes geht es in mehrere 
Leuchten ein. Jenes aber ist ein Geistiges, unermeßlich, mitrenn bar 
und unerschöpflich. Denn nicht scheidet es sich, wenn es sich hingibt, 
in viele, sondern verharrt ungeteilt und ist in mir, und geht drinnen 
in meinem armen Herzen auf, wie eine Sonne oder runde Sonnen- 
scheibe, dem Lichte ähnlich, denn es ist ein Licht!" 3 ) 



*) Dieterich 1. c. S. 6: „Der Weg der sichtbaren Götter wird durch 
die Sonne erscheinen, den Gott meinen Vater." 

2 ) Buber: Ekstat. Konfess. S. öl f. 

3 ) Liebesgesänge an Gott. Cit. Buber: Ekstat. Konfess. S. 40. 

Eine verwandte Symbolik findet sieh bei Carlyle (Vom großen Manne): 
„Die große Tatsache des Daseins ist. ihm groß. Er mag sich wenden, wohin er will, 
er kann aus der hehren Gegenwart dieser Realität nicht herauskommen. Sein 
Wesen ist so geartet, und das ist es zu «allererst, was ihn groß macht. Furchtbar 
und wunderbar, wirklieh wie das Leben, wirklieh wie der Tod ist ihm dies Weltall. 
Wenn auch alle Menschen dessen Wahrheit vergäßen und in eitlem Schein wandelten, 
er vermag es nicht. Ihm strahlt in jedem Augenblick das Flammen- 
bild entgegen." (Helden und Heldenverehrung; Hendelsche Ausgabe, S. 54.) 



Wandlungen und Symbole der Libido. 205 

Daß das als inneres Licht, als Sonne des Jenseits Erschaute die 
Sehnsucht ist, ergibt sich klar aus den Worten Symeons 1 ): 

„Und Ihm folgend verlangte mein Geist den geschauten Glanz 
zu umfassen, aber er fand ihn nicht als Kreatur und es geriet ihm nicht, 
aus den Kreaturen zu gehn, daß er jenen unerschaffenen und un- 
erfaßten Glanz umfange. Dennoch umzog er alles und strebte jenen zu 
schauen. Er durchforschte die Luft, er umwandelte den 
Himmel, er überschritt die Abgründe, er durchspähte, 
wie ihm schien, die Enden der Welt 2 ). Aber in alledem fand er 

Man kann in der Literatur beliebige Proben herausgreifen z. B. S. Friedländer 
(Berlin-Halensee) in Jugend, 1910, Nr. 35, S.823: „Ihre Sehnsucht begehrt am Ge- 
hebten nur das Reinste, sie verzehrt wie die Sonne mit der Flamme des ungeheuersten 
Lebens zu Kohle, was nicht Licht sein will. Dieses Sonnenauge der Liebe" usw. 

x ) Buber 1. c. S. 45. 

2 ) Ich hebe diese Stelle hervor, da dieses Bild die psychologische Wurzel 
enthält für die sogenannte „Himmelswanderung der Seele", deren Vorstellung 
uralt ist. Es ist ein Bild der wandernden Sonne, die vom Aufgang zum Nieder- 
gang über die ganze Welt wandert. Die wandernden Götter sind Sonnenbilder, 
d. h. Libidobilder. Dieser Vergleich ist der menschlichen Phantasie unaus- 
löschlich eingeprägt, wie das Wesendoncksche Gedicht zeigt: 

Schmerzen. 



Ach, wie sollte ich da klagen, 
Wie, mein Herz, so schwer dich sehn, 
Muß die Sonne selbst verzagen, 
Muß die Sonne untergehn? 
Und gebieret Tod nur Leben, 
Geben Schmerzen Wonnen nur: 
0, wie dank' ich, daß gegeben 
Solche Schmerzen mir Natur. 



Sonne, weinest jeden Abend 

Dir die schönen Augen rot, 

Wenn im Meeresspiegel badend 

Dich erreicht der frühe Tod. 

Doch erstehst in alter Pracht, 

Glorie der düstern Welt, 

Du am Morgen neu erwacht, 

Wie ein stolzer Siegesheld. 

Eine andere Parallele ist das Gedicht von Ricarda Huch 
Wie sich die Erde scheidend von der Sonne 
Mit hast'gem Flug in stürm'sche Nacht entfernt, 
Den nackten Leib mit kaltem Schnee besternt, 
Verstummt, beraubt der sommerlichen Wonne. 
Und tiefer sinkend in des Winters Schatten, 
Sich plötzlich nähert dem, wovor sie flieht, 
Mit Rosenlicht sich warm umschlungen sieht, 
Entgegenstürzend dem verlornen Gatten. 
So ging ich, leidend der Verbannung Strafe, 
Von deinem Antlitz fort ins Ungemach, 
Dem öden Norden schutzlos zugewendet, 
Stets tiefer neigend mich dem Todesschlafe, 
Und wurde so an deinem Herzen wach, 
Von morgenroter Herrlichkeit geblendet. 



206 C. G. Jung. 

nicht, denn geschaffen war alles. Und ich klagte und trauerte und 
brannte im Kerne und wie ein im Geiste Entrückter, so lebte ich. 
Er aber kam, als Er wollte, und wie eine lichte Nebelwolke nieder- 
steigend, schien Er mein ganzes Haupt zu umlagern, daß ich bestürzt 
aufschrie. Er aber wieder entfliegend ließ mich allein. Und als ich Ihn 
mühevoll suchte, erfuhr ich jählings, daß Er in mir selber war 
und in der Mitte meines Herzens erschien Er wie das Licht 
einer kreisrunden Sonne." 

Bei Nietzsche im „Ruhm und Ewigkeit" begegnen wir einer im 
wesentlichen ganz ähnlichen Symbolik (Werke, Bd. 8, S. 427): 

„Still — 

Von großen Dingen — ich sehe Großes. — 

Soll man schweigen 

Oder groß reden: 

Rede groß, meine entzückte Weisheit. 

Ich sehe hinauf — 

Dort rollen Lichtmeere: 

— Oh Nacht, oh Schweigen, oh totenstiller Lärm. 

Ich sehe ein Zeichen, — 

Aus fernsten Fernen 

Sinkt langsam, funkelnd ein Sternbild 1 ) gegen mich. 

Es ist nicht erstaunlich, wenn die große innere Einsamkeit 
Nietzsches gewissen Denkformen wieder Dasein verleiht, welche die 
mystische Entzückung alter Kulte zu rituellen Vorstellungen erhoben 
hat. In den Gesichten der Mithrasliturgie bewegen wir uns in ganz 
ähnlichen Vorstellungen, die wir nunmehr unschwer als ekstatische 
Libidosymbole verstehen können: Mezd de zö elnnv os zöv öevzegov 
\6yov, OTtov oiyi] ölg y.al zu dxo/.ov&a, ovqioov ölg y.al tiotijtvoov ölg 
y.al Evdeois ö'yft utiö zov öloy.ov dozeqag TiQooeQXOfievovg xevza- 
öay.zvkiaiovg tiIeIozovq xal TxiTxl&vzag olov zbv dsga. -Tu de zrdhv 
/Jye: oiyrj, oiyij. Kai zov öioxov dvoiyevzog öipei utteiqov xvxloif-ia 
y.al ßvoag nvoivag djToxeyJ-eiofievag 2 ). 

*) Die Hervorhebungen stammen von mir. 

2 ) „Naehdem du aber das zweite Gebet gesagt hast, wo es zweimal Schwei- 
gen heißt und das folgende, so pfeife zweimal und schnalze zweimal, und sogleich 
wirst du von der Sonnenscheibe Sterne herabkomraen sehen, fünfzackig, sehr viele 
und erfüllend die ganze Luft. Sprieh aber wiederum: Sehweigen, Schweigen" 
usw. (Dieterich 1. e. S. 8, 9.) Das Pfeifen und Schnalzen ist ein geschmackloses, 
archaisches Relikt, ein Anloeken der theriomorphen Gottheit, wahrscheinlich 
auch Infantilreminiszenz: Beruhigung des Kindes durch Pfeifen und Sehnalzen. 
Von ähnlicher Bedeutung ist das Anbrüllen der Gottheit (Mithr. lit. S. 13): „Du 



Wandlungen und Symbole der Libido. 207 

Es wird Schweigen geboten, dann eröffnet sich die Lichtvision. 
Die Ähnlichkeit der Situation des Mysten mit der dichterischen Vision 
Nietzsches ist überraschend. Nietzsche sagt: „Sternbild". Stern- 
bilder sind bekanntlich in der Hauptsache therio- oder anthropomorph ; 
der Papyrus sagt: äorsgag jievxadaxrvhaiovg (ähnlich der „rosen- 
fingrigen" Eos), was nichts anderes als ein anthropomorph.es Bild ist. 
Man kann demnach erwarten, daß bei längerem Znsehen sich aus dem 
„Flammenbild" ein belebtes Wesen formt, ein „Sternbild" von therio- 
oder anthropomorpher Natur, denn die Libidosymbolik bleibt nicht 
bei Sonne, Licht und Feuer stehen, sondern verfügt, wie bekannt, 
noch über ganz andere Ausdrucksmittel. Ich lasse Nietzsche den 
Vortritt: 

Das Feuerzeichen. 

„Hier, wo zwischen Meeren die Insel wuchs, 
Ein Opferstein jäh hinaufgetürmt, 
Hier zündete sich unter schwarzem Himmel 
Zarathustra seine Höhenfeuer an." 

„Diese Flamme mit weißgrauem Bauche 

— In kalte Fernen züngelt ihre Gier, 

Nach immer reineren Höhen biegt sie den Hals — 

Eine Schlange gerad aufgerichtet vor Ungeduld: 

Dieses Zeichen stellte ich vor mich hin. 

Meine Seele selber ist diese Flamme: 

Unersättlich nach neuen Fernen 

Lodert aufwärts, aufwärts ihre stille Glut." 

„Nach allem Einsamen werfe ich jetzt die Angel: 
Gebt Antwort auf die Ungeduld der Flamme, 
Fangt mir, dem Fischer auf hohen Bergen, 
Meine siebente, letzte Einsamkeit." 



aber blicke zu ihm auf und ein langes Gebrüll, wie mit einem Hörn, deinen ganzen 
Atem dran gebend, deine Seite pressend, gib von dir und küsse die Amulette" usw. 
„Meine Seele brüllt mit eines hungrigen Löwen Stimme", sagt Mechtgild 
von Magdeburg; Psalm 42, 2: „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, 
so schreiet meine Seele, Gott, zu dir." Der kultische Gebrauch ist, wie so oft, 
zur Redefigur herabgesunken. Die Dementia praecox macht den alten Gebrauch 
aber wieder lebendig im sogenannten „Brüllwunder" Schrebers (siehe dessen 
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken; Mutze, Leipzig), durch das er dem 
über die Menschheit schleeht orientierten Gott (= Vater) Nachricht von seiner 
Existenz gibt. Die Infantilreminiszenz ist klar: das kindliche Geschrei zur Herbei- 
lockung der Eltern, das Pfeifen und Schnalzen zur Anlockung ihrer theriomorphen 
Attribute, der „hilfreichen Tiere" (s. Rank: Der Myth. von der Geb. d. Held.). 



208 C. G. Jung. 

Hier wird die Libido zum Feuer, zur Flamme und zur Schlange. 
Das ägyptische Symbol der „belebten Sonnenscheibe": der Diskus 
mit den beiden Uräusschlangen enthält die Kombination der beiden 
Libidoanalogien. Die Sonnenscheibe mit ihrer befruchtenden Wärme 
ist das Analogon zur befruchtenden Wärme der Liebe. Der Vergleich 
der Libido mit Sonne und Feuer ist ein wesentlich „analoger". Es ist 
auch ein „kausatives" Element darin, denn Sonne und Feuer als wohl- 
tätige Mächte sind Objekte der menschlichen Liebe (z. B. heißt der 
Sonnenheld Mithras der „Vielgeliebte"). In Nietzsches Gedicht ist 
der Vergleich ebenfalls ein kausativer, aber diesmal in umgekehrtem 
Sinne: der Vergleich mit der Schlange ist unzweideutig phallisch, 
ganz entsprechend der Neigung der Antike, im Symbole des Phallus 
die Quintessenz von Leben und Fruchtbarkeit zu sehen. Der Phallus 
ist die Quelle von Leben und Libido, der große Schöpfer 
und Wundertäter, als welcher er überall Verehrung genoß. Wir haben 
also drei Arten von Symbolbezeichnungen der Libido: 

1. Der analoge Vergleich: gleichwie Sonne und Feuer. 

2. Die kausativen Vergleiche: a) Objekt vergleich. Die Li- 
bido wird durch ihr Objekt bezeichnet, z. B. durch die wohltätige Sonne.. 
b) Subjektvergleich. Die Libido wird durch ihren Ursprungsort oder 
dessen Analogon bezeichnet, z. B. durch Phallus oder (analog) Schlange. 

Bei diesen drei Grundformen des Vergleiches wirkt noch eine 
vierte mit, nämlich der Tätigkeitsvergleich, wobei das Tertium 
comparationis die Tätigkeit ist, (z. B. die Libido befruchtet wie der 
Stier, ist gefährlich — durch die Macht ihrer Leidenschaft — wie der 
Löwe, der reißende Eber, ist brünstig, wie der stets brünstige Esel usw.). 

Der Tätigkeitsvergleich kann ebensowohl der Kategorie des 
analogen, wie der des kausativen Vergleiches angehören. Diese Ver- 
gleichsmöglichkeiten bede utenebe iiso viel eSymbolmöglic h- 
keiten und aus diesem Grunde sind alle die unendlich verschiedenen 
Symbole, so weit sie Libidobilder sind, eigentlich auf eine sehr einfache 
Wurzel zu reduzieren, nämlich eben auf die Libido und ihre fest- 
stehenden primitiven Eigenschaften. Diese psychologische 
Eeduktion und Vereinfachung entspricht der historischen Bemühung 
der Zivilisationen, die unendliche Anzahl der Götter synkretistisch 
zu vereinigen und zu vereinfachen. Wir begegnen diesem Versuche 
schon im alten Ägypten, wo der maßlose Polytheismus der verschiedenen 
Ortsdämonen schließlich zur Vereinfachung nötigte. Alle die ver- 
schiedenen Lokalgötter wurden dem Gotte der Sonne, Ke, identifiziert, 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 209 

so der Amon von Theben, der Horus des Ostens, der Horus von Edfu, 
der Chnum von Elephantine, der Atum von Heliopolis usw. 1 ). In den 
Sonnenhymnen wurde das Mischprodukt Amon-Ke-Harmachis-Atum 
als „einziger Gott, in Wahrheit lebender" angerufen 2 ). 

In dieser Richtung ging Ainenhotep IV. (XVIII. Dynastie) am 
weitesten: er ersetzte alle bisherigen Götter durch die „lebende, große 
Sonnenscheibe", deren offizieller Titel lautete: 

„Die beide Horizonte beherrschende Sonne, die im Horizont 
jauchzende in ihrem Namen: Glanz, welcher in der Sonnenscheibe 
ist." — „Und zwar sollte nicht ein Sonnengott verehrt werden," fügt 
Erman 3 ) hinzu, „sondern das Gestirn der Sonne selbst, das „die 
Unendlichkeit von Leben, die in ihm ist", durch seine Strahlen- 
hände 4 ) den lebenden Wesen mitteilt." — 

Amenhotep IV. vollzog mit seiner Reform eine Deutungsarbeit, 
die psychologisch wertvoll ist. Er vereinigte alle die Stier- 5 ), Widder- 6 ), 
Krokodil- 7 ), Pfahl- 8 ), usw. -Götter in der Sonnenscheibe und erklärte 
damit ihre Sonderattribute als mit den Attributen der Sonne vereinbar 9 ). 
Ein ähnliches Schicksal ereilte den hellenischen und römischen Poly- 
theismus durch die synkretistischen Bestrebungen der späteren Jahr- 
hunderte. Einen trefflichen Beleg dafür liefert das schöne Gebet des 
Lucius 10 ) an die Himmelskönigin (Mond): 

„Regina coeli, sive tu Ceres, alma frugum parens, seu tu coelestis 
Venus — seu Phoebi soror — seu nocturnis ululatibus horrenda 
Proserpina — ista luce feminea conlustrans cuncta moenia 11 )." 



x ) Sogar der im Krokodil erscheinende Wassergott Sobk wurde Re identi- 
fiziert. 

2 ) Erman: Ägypten, S. 354. 

3) 1. c. S. 355. 

4 ) Vgl. oben: „äoreoas Jiei>Ta.dauTvAiaiovg". 

5 ) Apisstier als Manifestation von Ptah. Der Stier ist ein bekanntes 
Sonnenbild. 

6 ) Amon. 

7 ) Sobk des Faijum. 

8 ) Der Gott von Dedu im Delta, der als Holzpfahl (phallisch) verehrt 
wurde. 

9 ) Diese Reformation, die mit viel Fanatismus ins Werk gesetzt wurde, 
brach bald wieder zusammen. 

") Apul. Metam. lib. XI. 239. 

u ) Es ist bemerkenswert, daß auch die Humanisten (ich denke an einjWort 
des gelehrten Mutianus Rufus) bald einsahen, daß das Altertum eigentlich 
nur zwei Götter hatte, nämlich einen männlichen und einen weiblichen. 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psyctaopathol. Forschungen. III. 14 



210 CG. Jung. 

Diese Versuche, die in zahllose Variationen zerteilten und zu 
einzelnen Göttern personifizierten religiösen Urgedanken nach ihrer 
polytheistischen Vervielfachung und Zerspaltung wieder zu wenigen 
Einheiten zusammenzufassen, schildern die Tatsache, daß schon zu 
frühen Zeiten die Analogien sich förmlich aufgedrängt haben. Reich 
an solchen Beziehungen ist bekanntlich Herodot, ganz zu schweigen 
von den Systemen der hellenistisch-römischen Welt. Dem Bestreben, 
die Einheit herzustellen, steht ein sozusagen noch stärkeres Bestreben 
gegenüber, immer wieder Vielheit zu schaffen, so daß auch in sogenannt 
streng monotheistischen Religionen, wie z. B. im Christentum, die 
polytheistische Tendenz ununterdrückbar ist. Die Gottheit zerfällt 
mindestens in drei Teile, wozu noch die weibliche Gottheit der Maria 
und das Heer der Untergötter respektive der Engel und Heiligen kommt. 
Diese beiden Tendenzen liegen miteinander in beständigem Kampfe; 
bald ist es ein Gott mit zahlreichen Attributen, oder es sind viele 
Götter, die dann einfach lokal anders benannt werden, und bald dieses, 
bald jenes Attribut ihres Grundgedankens personifizieren, wie wir 
das z. B. oben bei den ägyptischen Göttern gesehen haben. 

Damit kehren wir wieder zurück zu dem Gedichte von Nietzsche: 
Das Feuerzeichen. Wir fanden dort als Libidobild die Flamme, 
theriomorph dargestellt als Schlange (zugleich als Bild der Seele 1 ): 
„Meine Seele selber ist diese Flamme"). Wir sahen, daß die Schlange 
als phallisches Libidobild aufzufassen ist („gerade aufgerichtet vor 
Ungeduld"), und daß dieses Bild auch ein Attribut des Sonnenbildes 



*) Xickt nur der Gottheit, sondern auch der Seele wurde die Licht- oder 
Feuersubstanz zugeschrieben, so z. B. im System des Mäni, ebenso bei den 
Griechen, wo sie als feuriger Lufthauch charakterisiert war. Der heilige Geist des 
Neuen Testamentes erscheint in Flamin enforni auf den Häuptern der Apostel, 
denn das nvevfxa wurde als feurig gedacht (vgl. auch Dieterieh, 1. c. S. 116). 
Ganz ähnlich ist die iranische Vorstellung des Hvarenö, worunter die „Gnade 
des Himmels" zu verstehen ist, durch die ein Monarch regiert. Die „Gnade" wurde 
als eine Art Feuer oder leuchtender Glorie, sehr substanziell, gedacht (cit.Cumont: 
Myst. d. Mitlira, S. 70). Vorstellungen verwandten Charakters begegnen wir bei 
Kerners Seherin von Prevorst, und bei dem von mir publizierten Falle (Psych, 
und Path. sog. oee. Phänomene). Hier bestehen nicht nur die Seelen aus einer 
geistigen Lieh tsubstanz, sondern die ganze Welt ist nach dem Wciß-Schwarz-System 
des Maniehäismus aufgebaut — und das bei einem 15jährigen Mädchen! Die 
„intellektuelle Mehrleistung", die ich früher in dieser Schöpfung erblickte, enthüllt 
sich jetzt als eine Folge der energischen Introversion, welche tiefe, historische 
Schichten des Geistes wieder aufwühlt, worin ich eine Regression auf die im Un- 
bewußten verdichteten Erinnerungen der Menschheit erblicke. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 211 

(das ägyptische Sonnenidol) respektive ein Libidobild mit Kombination 
von Sonne und Phallus ist. Es ist deshalb nicht ganz unerhört, wenn die 
Sonnenscheibe außer mit Händen und Füßen auch mit einem Penis 
begabt wird. Den Beleg für dieses Bild finden wir in einem sonderbaren 
Gesichte der Mithrasliturgie : v/u,oicog de y.al 6 xa/.ov/uEvog avlog, i) 
O.QXV x0 ^ AeixovQyovvxos äve/uov. "Oipei yäq änö xov dioxov (hg avXbv 

XQEjilä/LlEVOV 1 ). 

Diese überaus merkwürdige Vision einer von der Sonnenscheibe 
herunter hängenden Eöhre würde in einem religiösen Texte, wie dem 
der Mithrasliturgie, befremdend und zugleich geschmacklos wirken, 
wenn dieser Eöhre nicht die phallische Bedeutung zukäme: Die Eöhre 
ist der Ursprungsort der Winde. Aus diesem Attribut ist die phallische 
Bedeutung zunächst nicht zu ersehen. Es ist aber daran zu erinnern, 
daß der Wind, so gut wie die Sonne, ein Befruchter und Schöpfer ist, 
wie ich oben in einer Fußnote bereits kursorisch erwähnte 2 ). Bei einem 
Maler des deutschen Mittelalters finden wir eine Darstellung der Con- 
ceptio immaculata, die hier der Erwähnung verdient: Vom Himmel 
kommt eine Eöhre oder ein Schlauch herunter und begibt sich unter 
die Eöcke der Maria ; darin fliegt in Gestalt der Taube der heilige Geist 
herunter zur Befruchtung der Gottesmutter 3 ). 

Honegger hat bei einem Geisteskranken (paranoide Demenz) 
folgende Wahnidee entdeckt: Der Kranke sieht an der Sonne einen 
sogenannten „Aufwärts- Schwanz" (d. h. soviel wie erigierten Penis). 
Wenn der Kranke mit dem Kopfe hin- und herwackelt, so schwankt 
auch der Sonnenpenis hin und her und daraus entsteht der Wind. 
Diese sonderbare Wahnidee blieb uns so lange unverständlich, bis ich 
die Visionen der Mithrasliturgie kennen lernte. Die Wahnidee wirft aber 
auch ein erklärendes Licht, wie mir scheint, auf eine recht dunkle 
Stelle des Textes, die unmittelbar der vorhin zitierten folgt: dg de xä 
}.ieqi] xä Ttgög lißa äjiEQCtvxov olov änr]Aid)xi]v. "Eäv f) xExX^ocofXEVog 



1 ) „Ähnlicherweise wird sichtbar sein auch die sogenannte Röhre, der 
Ursprung des diensttuenden Windes. Denn du wirst von der Sonnenscheibe wie 
eine herabhängende Röhre sehen." Dieterich 1. c. S. 6, 7. 

2 ) Ich füge hier eine Stelle aus Firmicus Maternus (Mathes. I. 5, 9; 
cit. Cumont: Test, et Mon. I, 40) an: „Cui (animo) descensus per orbem solis 
tribuitur." 

3 ) Von Mithras, der in wunderbarerWeise aus einem Felsen geboren wird, 
bemerkt St. Hieronymus, daß diese Erzeugung „solo aestu libidinis" erfolgt sei 
(Cumont: Text, et Mon. I, S. 163). 

14* 



212 C. G. Jung. 

eig de xä /Liegr/ xov änrjfocoxov 6 exeoog, ojuolcog eig xä juegr) xä exeivov 
öxpei xr\v änocpooäv xov öodjuaxog. 

Dieterich (S. 7) übersetzt hier: 

„Und zwar nach den Gegenden gen Westen, unendlich als 
Ostwind; wenn die Bestimmung nach den Gegenden des Ostens 
der andere hat, so wirst du in ähnlicher Weise nach den Gegenden 
jenes die Umdrehung (Fortbewegung) des Gesichtes sehen." 

Etwas deutlicher übersetzt Mead 1 ): 

„And towards the regions Westward, as though it were an 
infinite Eastwind. But if the other wind, toward the regions of the 
East, should be in service, in the like fashion shall thou see, toward 
the regions of that (side) the converse of the sight." 

"Oga/ua ist die Vision, das Gesehene, anoepooä heißt eigentlich 
das Wegtragen, Wegnehmen. Der Sinn dürfte demnach sein: je nach 
der Bichtung des Windes wird das Gesehene bald dahin, bald dorthin 
weggetragen oder gewendet. Das öga/na ist die Köhre, der „Ur- 
sprungsort der Winde", die sich bald nach Osten, bald nach Westen 
wendet und den entsprechenden Wind erzeugt, darf man wohl hinzu- 
fügen. Mit dieser Bewegung der Köhre stimmt die Vision des Geistes- 
kranken erstaunlich überein 2 ). 

Die verschiedenen Attribute der Sonne, in Serien zerlegt, kommen 
in der Mitlirasliturgie nacheinander zur Erscheiniuig: Nach der Vision 
des Helios treten sieben Jungfrauen mit Schlangengesichtern 
und sieben Götter mit Gesichtern schwarzer Stiere auf. 

Die Jungfrau ist als kausativer Vergleich der Libido leicht ver- 
ständlich. Die Schlange im Paradies wird gerne weiblich gedacht, als 
das verführerische Prinzip im Weibe (von alten Künstlern auch weiblich 
dargestellt), obschon die Schlange eigentlich phallische Bedeutung hat. 

!) Mead: A Mithriae Ritual. London 1907, S. 22. 

2 ) Ich verdanke meinem Freunde und Mitarbeiter Dr. Riklin die Kenntnis 
folgenden Falles, der eine uns interessierende Symbolik aufweist: Es bandelt sieh 
um eine paranoide Patientin, die folgendermaßen in den manifesten Größenwahn 
überging; sie sah plötzlich ein starkes Lieht, ein Wind blies sie an, sie fühlte, 
wie sich ihr „Herz umkehrte" und von diesem Augenblick an wußte sie, daß Gott 
bei ihr eingekehrt und in ihr war. 

Ich muß hier auch auf die interessanten Zusammenhänge von mythologischen 
und pathologischen Bildungen hinweisen, die sieh aus der mit bewundernswerter 
Geduld und Gründlichkeit durchgeführten analytischen Untersuchung von Fräu- 
lein Dr. S. Spielrein ergeben. Fräulein Dr. Spielrein hat, was ich ausdrücklich 
hervorhebe, in selbständiger und von mir unabhängiger Forschungsarbeit 
die von ihr in diesem Jahrbuch dargestellten Symbolismen entdeckt. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 213 

In ähnlichem Bedeutungswandel wurde in der Antike die Schlange 
auch zum Symbol der Erde, die ihrerseits stets weiblich gedacht wurde. 
Der Stier ist wohlbekanntes Fruchtbarkeitssymbol der Sonne. Die 
Stiergötter werden in der Mithrasliturgie xvaiftaxocpvlaxEg, „Weltachsen- 
wächter" genannt, die die „Achse des Kreises des Himmels" umdrehen. 
Dasselbe Attribut hat auch der Gottmensch Mithras, der bald der Sol 
invictus selber ist, bald der mächtige Gefährte und Beherrscher des 
Helios: er hält in der rechten Hand „das Bärengestirn, das bewegt und 
zurückwendet den Himmel". Die stierköpfigen Götter, ebenfalls IeqoI 
xal äXxifxoi veavtat wie Mithras selbst, dem das Attribut vecoxeQog 
beigegeben ist, sind nur attributive Auseinanderlegungen derselben 
Gottheit. Der Hauptgott der Mithrasliturgie zerfällt selber in Mithras 
und Helios, deren beider Attribute einander sehr verwandt sind (von 
Helios): öyei ■debv vecüteqov eveidij nvQivoxgiya ev yixcövi Xevxcö xal 
yXafivöt xoxxivi], k'yovxa tivqivov oxEcpavov *) ; (von Mithras) : oipei ftebv 
V7iEQ l aeyE'&i], (pamv)]v syovxa xi]v oiptv, veojxeqov, yQVOOxö/uav, ev yixcovi 
Xevxcö xal ygvocb oxEcpävco xal ävatjvQioi, xaxsyovxa xfj dsfiä %eiqI 
juooyov Wfxov ygvoEov, dg ioxiv äqxxog i) xivovoa xal ävxioxQEyovoa 
xöv ovgarov, xaxä dbgav ävanolEvovoa xal xaxanoAEVovoa. k'jiEixa oxpEi 
ävxov ex xojv ofx/idxajv äoxQajräg xal ex xov od)/iiaxog äoxEQag älXo- 
juEVOvg 2 ). 

Setzen wir Gold und Feuer als wesentlich ähnlich, so herrscht 
eine große Übereinstimmung in den Attributen der beiden Götter. 
An diese heidnisch -mystischen Bilder verdienen die wahrscheinlich 
ziemlich gleichzeitigen Visionen der Johannes-Apokalypse angereiht 
zu werden: 

„Und da ich mich wandte, sah ich sieben goldene Leuchter 
und in der Mitte der sieben Leuchter 3 ) einen gleich einem Menschen- 
sohne, bekleidet mit einem Talar und umgürtet an der Brust mit 



x ) Dieterich 1. c. S. 10, II: „Du wirst einen Gott sehen, jugendlich, 
schön, mit feurigen Locken in weißem Gewände, und in scharlochrotem Mantel, 
mit einem feurigen Kranze." 

2 ) Dieterich 1. c. S. 14, 15: „Du wirst sehen, Gott übergewaltig mit 
leuchtendem Antlitz, jung, mit goldenem Haupthaar, in weißem Gewände, mit 
goldenem Kranz, in weiten Beinkleidern, haltend in der rechten Hand eines Rindes 
goldene Schulter, die da ist das Bärengestirn, das bewegt und zurückwendet den 
Himmel, stundenweise hinauf und hinabwandelnd, dann wirst du sehen aus seinen 
Augen Blitze und aus seinem Leibe Sterne springen." 

3 ) Nach chaldäischer Lehre nimmt die Sonne den Mittelplatz im Chore 
der sieben Planeten ein. 



214 C. G. Jung. 

goldenein Gürtel ; sein Haupt aber und seine Haare weiß wie weiße 
Wolle, wie Schnee; und seine Augen wie Feuerflamme; und seine 
Füße gleich Erzweihrach; wie im Ofen geglühet; und seine Stimme 
wie Rauschen großer Wasser; und er hatte in seiner rechten Hand 
sieben Sterne 1 ); und aus seinem Munde ging ein scharfes zwei- 
schneidiges Schwert 2 ); und sein Antlitz war, wie die Sonne 
leuchtet in ihrer Macht." (De Wette, Offenb. Joh. I, 12 ff. 

„Siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß Einer, gleich 
einem Menschensohne, der hatte auf seinem Haupte eine goldene 
Krone (ozicpavov yovoovv) und in seiner Hand eine scharfe Sichel 2 )." 
(De Wette, Offenb. Joh. 14, 14.) 

„Seine Augen aber waren wie Feuerflamme und auf seinem 
Haupte viele Diademe." 

„Und er war angetan mit einem in Blut getunkten Kleide 3 )." 

„Und die himmlischen Heere folgeten ihm nach auf weißen 
Eossen, bekleidet mit weißem und reinem Byssus 4 ). Und aus seinem 
Munde gehet ein scharfes, zweischneidiges Schwert." (De Wette, 
Offenb. Joh. 19, 12 ff.) 

Man braucht nicht anzunehmen, daß ein direktes Abhängig- 
keitsverhältnis zwischen der Apokalypse und der Mithrasliturgie vor- 
handen ist. Die visionären Bilder beider Texte sind geschöpft aus 
einer Quelle, die nicht bloß an einer Stelle fließt, sondern sich im Geiste 
vieler Menschen findet, da die Symbole, die aus ihr hervorgehen, zu 
typisch sind, um bloß einem Einzelnen angehören zu können. 

Ich setzte diese Bilder hierher, um zu zeigen, wie sich die primitive 
Lichtsymbolik allmählich bei zunehmender Vertiefung des Gesichtes 
zum Bilde des Sonnenhelden, des ..Vielgeliebten" 5 ) entwickelt. Der 
Weg über die Lichtsymbolik ist durchaus typisch; ich darf vielleicht 6 ) 



x ) Der große Bär besteht aus sieben Sternen. 

2 ) Mithras wird häufig mit dem Messer in der einen Hand und der Fackel 
in der andern Hand dargestellt. Das Messer spielt als Opferinstrument in seinem 
Mythus eine große Rolle. 

3 ) Vgl. dazu den scharlachroten Mantel des Helios in der Mithrasliturgie. 
Es gehörte zu den Riten verschiedener Kulte, sich in die blutigen Häute der Opfer- 
tiere zu hüllen, so bei den Luperkalien, Dionysien und Saturnalien, welch letztere 
uns den Karneval hinterlassen haben, dessen typische Figur in Rom der priapische 
Pulcinello war. 

*) Vgl. die in Byssus gekleidete Gefolgschaft des Helios. Auch die stier- 
köpfigen Götter tragen weiße jTEQi&juaTa (Schürzen?). 

6 ) Der Titel des Mitlira in Vendidad XIX, 2S; cit. Cumont: Text, et 
Mon., S. 37. 

6 ) Die Entwicklung der Sonnensymbolik in „Faust'' reicht nicht bis zur 
anthropomorphen Vision, sie macht (in der Selbstmordszene) beim Wagen des 



Wandlungen und Symbole der Libido. 215 

daran erinnern, daß ich diesen Weg schon früher an zahlreichen Bei- 
spielen nachgewiesen habe, weshalb ich es mir ersparen kann, noch 
einmal darauf zurückzukommen 1 ). Diese visionären Vorgänge sind 
die psychologischen Wurzeln zu den Sonnenkrönungen in den My- 
sterien (vgl. Apul. Met. lib. XI.). Ihr Ritus ist zu liturgischer Form 
erstarrte religiöse Halluzination, die ihrer großen Gesetzmäßigkeit 
wegen eben zu allgemeingültiger äußerer Form werden konnte. 

Nach all dem ist es leicht verständlich, daß die alte christliche 
Kirche einerseits in einem besonderen Verhältnis zu Christus als Sol 
novus stand und andererseits eine gewisse Mühe hatte, sich des irdischen 
Symbols des Christus zu erwehren. Schon Philo von Alexandrien 
sah in der Sonne das Bild des göttlichen Logos oder der Gottheit über- 
haupt (De Somniis I, 85). In [einer Ambrosianischen Hymne wird Christus 
angerufen: sol salutis etc. Zur Zeit des Marcus Aurelius nannte 
Meliton in seiner Schrift jieqi Xovtqov 2 ) Christus den "HXiog 
ävaxo?ifjg [.lövog fjhos ovxog ävexeilev an ovgavov. 

Xoch deutlicher ist eine Stelle bei Pseudo-Cyprian 3 ): 

,,0 quam praeclara Providentia ut illo die quo f actus est sol, 
in ipso die nasceretur Christus, v. Kai. Apr. feria IV, et ideo de ipso 
ad plebem dicebat Malachias propheta: „Orietur vobis sol iustitiae 
et curatio est in pennis ejus", hie est sol iustitiae cuis in pennis 
curatio praeostendebatur 4 ). 

In einer angeblich von Johannes Chrysostomus herrührenden 
Schrift: De solstitiis et Aequinoctiis 5 ) heißt es: 

Helios Halt. („Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, an mich heran.") 
Zur Aufnahme des sterbenden oder abschiednehmenden] Helden kommt der 
Feuerwagen, wie bei Elias oder Mithras Himmelfalirt (ähnlich Franz von 
Assisi). Der Flug des „Faust" geht übers Meer, ebenso der des Mithras, die alt- 
christlichen bildnerischen Darstellungen der Himmelfahrt des Elias lehnen sich 
zum Teil an die entsprechenden mithrischen Darstellungen an: Die zum Himmel 
aufstürmenden Pferde des Sonnen wagens verlassen die feste Erde und nehmen ihren 
Weg über einen zu ihren Füßen liegenden Wassergott, den Okeanos. (Cumont: 
Textes et monuments figures relatifs aux mysteres de Mithra. Bruxelles 1S99, 
I, S. 178, dort entsprechende Abbildung.) 

') Vgl. meine Schrift: Zur Psych, u. Path. sog. occ. Phän. 

2 ) Cf. Pitra: Analecta sacra. Cit. Cumont: Text et Mon. t. I, S. 355. 

3 ) Cit. Usener: Weinachtsfest, S. 5. 

4 ) Die Stelle aus Maleachi findet sich 3, 19: „Euch aber, die ihr meinen 
Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren 
Flügeln (Federn)." Diese Figur erinnert an das ägyptische Sonnenbüd. 

6 ) Cumont: Text, et Mon., t. I, S. 355. 



216 CG. Jung. 

„Sed et dominus nascitur meuse Decembri liiemis tempore, 
VIII. kal. Januarias, quando oleae maturae praemuiitur ut unctio, 
id est chrisma, nascatur — sed et Invicti natalem appellant. 
Quis utique tarn invictus nisi dominus noster qui mortem subactam 
devicit? Vel quod dicant Solis esse natalem, ipsc est sol iustitiae, 
de quo Malachias proplieta dixit. — Dominus lucis ac noctis conditor 
et discretor qui a propheta Sol iustitiae cognominatus est." 

Nach dem Zeugnis des Eusebius von Alexandrien 1 ) beteiligten 
sich auch die Christen an der bis ins V. Jahrhundert andauernden 
Verehrung der aufgehenden Sonne: oval xoXg tiqooxvvovoi xbv fjhov 
y.al xi]v OEArjvijv xal xovg äoxEQag. üoXlovg yao olöa xovg jiQooy.vvomnag 
y.al Evyofiivovg eis tov fjfaov. "Hör] ydg ävaxEilaviog tov fjliov, tiqooev- 
yovxat y.al ?Jyovoiv ,?E?Ji]oov f)jnäg {i xal ob jliovov 'Hhoyvcboxai y.al 
aiQExiy.ol tovxo noiovoiv älXä y.al ygioxiavol y.al äcpEvxEg xi]v moxiv xotg 
aiQEXiy.oTg avva/uiyvvvxai. 

Augustin 2 ) hält seinen Christen ausdrücklich entgegen: 

Non est Dominus Sol factus sed per quem Sol factus est — 
ne quis carnaliter sapiens Solem istum (Christum) intelligendum 
putaret. 

Die Kunst hat viel von Sonnenkult aufbewahrt 3 ) : so den Strahlen- 
schein um das Haupt Christi, den Heiligenschein überhaupt. Auch die 
christliche Legende attribuiert viele Feuer- und Lichtsymbole ihren 
Heiligen 4 ). Die zwölf Apostel wurden z. B. den zwölf Tierkreiszeichen 
verglichen, daher mit einem Stern über dem Haupte dargestellt 5 ). 



x ) Or. VI: jzeqI äarQOvöfiav. eit. Cumont: Text. et. Mon. t. I, S. 356. 

2 ) Tract. XXXIV, 2; eit. Cumont: Text, et Mon. t. I, S. 356. 

3 ) Die Katakombenbilder enthalten viel Sonnensynibolik. Das Swastika- 
kreuz z. B. (ein bekanntes Sonnenbild, Sonnenrad oder Sonnenfüßchen) findet 
sieh auf dem Gewände des Fossor Diogenes im Coemeterium des Petrus 
und Marcellinus. Die Symbole der aufsteigenden Sonne, Stier und Widder, finden 
sieh im Orpheusfresko des Coemeteriums der heiligen Domitilla: ähnlich Widder 
und Pfau (der mit dem Phönix Sonnensymbol ist) auf einem Epitaph der Kallistus- 
katakombe. 

*) Vgl. die zahlreichen Beispiele bei Görres: Die christliche Mystik. 

5 ) In den Homihen des Clemens von Rom (Homil. II, 23; eit. Cumont: 
Text, et Mon. t. I, S. 356) heißt es: Tö kvquo yeyoi'äoiu öcööeua ärcöoxoXoi 
reif tov i)?Äou dcdÖEKa fü)vä>u qpeQOVTES tov äQidjuöv. 

Wie ersichtlich, bezieht sich dieses Bild auf den Sonnenweg durch den 
Zodiakus. Ohne einer Deutung des Zodiakus vorgreifen zu wollen, erwähne ich, 
daß nach alter Anschauung (wahrscheinlich ehaldäisch) der Sonnenweg als 
Schlange dargestellt wurde, die die Tierkreiszeiehen auf dem Rücken trägt 
(ähnlieh wie der Deus leontoeephalus des Mithrasmysteriums). Diese Anschauung 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 217 

(Vgl. Leblant: Sarcophages de la Gaule, 1880.) Es ist kein Wunder, 
daß die Heiden, wie Terttillian berichtet (Apol. 16: Alii humanius 
et verisimilius Solem credunt deum nostrum), die Sonne für den Christen- 
gott hielten. Bei den Manichäern war es sogar wirklich die Sonne. 
Eines der merkwürdigsten Momente dieser Sphäre, wo sich Heidnisch- 
Asiatisches, Hellenistisches und Christliches mischten, ist die von 
Wirth edierte ,'Eitjyvjoig neQi zcov ev IJegoidi nQa%&£vTaw" x ), 
ein Fabelbuch, aber eine Fundgrube für nebenchristliche Phantasien, 
die tiefe Einblicke in die christliche Symbolik gestatten. Dort findet 
sich S. 166, 22 folgende magische Widmung: Au c HUcp #tö3 fxsydlo) 
ßaodei 3 L]oov. In gewissen Gegenden Armeniens wird noch jetzt 
(von Christen) die aufgehende Sonne verehrt, daß sie „ihren Fuß auf 
dem Gesichte des Betenden möge ruhen lassen" 2 ). Der Fuß fällt als 
anthropomorphes Attribut auf. Wir begegneten bereits dem theriomorphen 
Attribut der Federn und dem Sonnenphallus. 

Andere Vergleiche der Sonnenstrahlen, wie Messer, Schwert, 
Pfeil usw. haben ebenfalls, wie wir aus der Traumpsychologie wissen, 
eine phallische Grundbedeutung. 

Diese Bedeutung kommt auch dem Fuß zu, wie ich hier andeute 3 ), 

ist belegt durch eine in anderm Zusammenhang vonCumont edierte Stelle aus 
einem vatikanischen Kodex (190, saec. XIII, p. 229; in Text, et Mon. t, I, 
S. 85): röte ö TiävGoyos ö)]/uiovQyös äuQÜ vevjuan imvi]öe röv ^teyav ÖQäuovra 
övv tö KeuoG^/.ievco or£q}ävcj, Xeyo öij xa iß' £äöia, ßaOrä^ovra ini rov vcbrov 
avrov. Diese innige Zusammengehörigkeit der £<ööia mit der Tierkreisschlange ist 
bemerkenswert und gibt zu denken. Das manichäische System attribuierte Christo 
auch das Bild der Schlange und zwar der Schlange am Baum des Paradieses, wozu 
die Stelle Joh. 3, 14 allerdings weitgehende Berechtigung gibt. („Wie Moses in 
der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden".) 
Ein alter Theologe, Hauff (Biblische Real- und Verbalkonkordanz 1834), bemerkt 
zu dieser Stelle vorsorglich: „Christus betrachtet jedoch jene alttestamenthche 
Erzählung als absichtsloses Symbol der Versöhnungsidee." Die beinahe leibliche 
Zusammengehörigkeit der Anhänger mit Christus ist bekannt. (Rom.: 12, 4: 
„Gleicherweise, als wir an einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder 
nicht einerlei Geschäfte haben, also sind wir viele ein Leib in Christo, aber unter- 
einander ist eines des andern Glied.") Wenn sich bestätigen sollte, daß die Tier- 
kreisbilder Libidobilder sind, so gewänne der Satz Joh. I, 29: „Siehe, das ist 
Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt", einen vielsagenden Sinn, womit 
ich selbstverständlich auf die Geschichte der Redefigur abziele. 

x ) Nach einer Münchner Handschrift aus dem XL Jahrhundert: Albrecht 
Wirth: Aus orientalischen Chroniken. Frankfurt, 1894, S. 151. 

2 ) Abeghian: Der armenische Volksglaube, 1899, S. 41. 

3 ) Vgl. Aigremont: Fuß und Schuhsymbolik. Leipzig, 1909. 



218 C. G. Jung. 

ebenso den Federn oder Haaren der Sonne, welche Sonnenmacht oder 
-kraft bedeuten. Ich verweise auf die Simsonlegende und die Erzählung 
der Baruch-Apokalypse vom Vogel Phönix, der vor der Sonne her- 
fliegend seine Federn verliert und ermattet abends im ozeanischen 
Bade sich kräftigt. 

Wir haben unter dem Symbol von „Motte und Sonne" in die 
historischen Tiefen der Seele hinuntergegraben und bei dieser Arbeit 
sind wir auf ein verschüttetes altes Idol des „jugendlich schönen, feuer- 
lockigen" und strahlengekrönten Sonnenhelden gestoßen, der ewig, 
dem Sterblichen unerreichbar, die Erde umwandelt, dem Tage die Nacht, 
dem Sommer den Winter, dem Leben den Tod folgen läßt — und wieder- 
ersteht in verjüngter Pracht und neuen Generationen leuchtet. Ihm gilt 
die Sehnsucht der in der Motte sich bergenden Träumerin. 

Die antike, vorderasiatische Kultursphäre kannte eine Sonnen- 
verehrung unter dem Bilde des st erbenden und wiedererstehenden 
Gottes (Osiris, Tammuz, Attis-Adonis 1 ), Christus, Mithras und sein 
Stier 2 ), Phönix usw.). Im Feuer wurde ebensosehr die wohltätige wie 
die verheerende Macht verehrt. Die Naturmächte haben immer zwei 
Seiten, wie wir schon beim Gotte des Hiob sahen. Dieser Revers führt 
uns wieder zum Gedicht der Miß Miller zurück. Ihre Reminiszenzen 
belegen auch unsere vorgängige Vermutung, daß nämlich das Bild von 
Motte und Sonne eine Verdichtung sei von zwei Bildern, wovon wir das 
eine soeben besprochen haben ; das andere ist die Motte und die Flamme. 
Als Titel eines Theaterstückes, von dessen Inhalt die Autorin uns aller- 
dings nichts mitteilt, dürfte „Motte und Flamme" wohl den bekannten 
erotischen Sinn haben: ums Feuer der Leidenschaft solange herum- 
fliegen, bis man sich die Flügel verbrennt. Die leidenschaftliche Sehn- 
sucht, d. h. die Libido hat ihre zwei Seiten: sie ist die Kraft, die alles 
verschönt und unter Umständen auch alles zerstört. Man gibt sich öfters 
den Anschein, als ob man nicht recht verstehen könne, worin denn 
die zerstörende Eigenschaft der schaffenden Kraft bestehe. Eine 



*) Attis wurde später dem Mithras assimiliert. Er wurde ebenso wie Mithras 
mit der phrygisehen Mütze dargestellt (Cumont: Myster. des Mithra, S. 65). 
Nach dem Zeugnis des Hieronymus war die Geburtshöhle von Bethlehem ur- 
sprünglich ein Heiligtum (Spelaeum) des Attis (Usener: YVeihnaehtsfest, S. 283). 

2 ) Cumont (Die Mysterien des Mithra, S. 4) sagt vom Christentum 
und Mithriazismus : „Mit Erstaunen gewahrten die beiden Gegner, wie ähnlich 
■*ie sieh in vieler Hinsicht waren, ohne sich von den Ursachen dieser Ähnlichkeit 
Rechenschaft geben zu können." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 219 

Frau, die sich, zumal unter heutigen Kulturumständen, der Leidenschaft 
überläßt, erfährt das Zerstörende nur zu bald. Man muß sich um ein 
weniges aus nur bürgerlich gesitteten Umständen herausdenken, um 
zu verstehen, welch Gefühl grenzenloser Unsicherheit den Menschen 
befällt, der sich bedingungslos dem Schicksal übergibt. Selbst fruchtbar 
sein, heißt sich selber zerstören, denn mit dem Entstehen der folgenden 
Generation hat die vorausgehende ihren Höhepunkt überschritten; 
so werden unsere Nachkommen unsere gefährlichsten Feinde, mit 
denen wir nicht fertig werden, denn sie werden überleben und darum 
unfehlbar uns die Macht aus den entkräfteten Händen nehmen. Die 
Angst vor dem erotischen Schicksal ist ganz begreiflich, denn es ist etwas 
Unabsehbares daran; überhaupt birgt das Schicksal unbekannte Ge- 
fahren und das beständige Zögern des Neurotischen, das Leben zu 
wagen, erklärt sich unschwer aus dem Wunsche, abseits stehen zu 
dürfen, um nicht im gefährlichen Kampfe des Lebens mitringen zu 
müssen 1 ). 

Wer auf das Wagnis, zu erleben, verzichtet, muß den Wunsch 
dazu in sich ersticken, eine Art Selbstmord begehen. Daraus erklären 
sich die Todesphantasien, die den Verzicht auf den erotischen Wunsch 
gerne begleiten. Im Gedicht hat Miß Miller diese Phantasien bereits 
ausgesprochen, sie fügt bei den Materialien noch folgendes hinzu: „Ich 
hatte eine Auswahl von Stücken Byrons gelesen, die mir sehr gefiel 
und eindrücklich blieb. Übrigens ist der Rhythmus meiner zwei letzten 
Verse „For I, the source etc.", und dem zweier Byronschen Verse 
sehr ähnlich: 

„Now let me die as I have lived in faith 
Nor tremble tho' the universe should quake." 

Diese Reminiszenz, womit die Reihe der Einfälle schließt, bestätigt 
die Todesphantasien, die sich aus dem Verzichte auf den erotischen 
Wunsch ergeben. Das Zitat stammt, was Miß Miller nicht erwähnt, 
aus einer unvollendeten Dichtung Byrons: ,,Heaven and Earth" 2 ). 
Die ganze Stelle lautet: 



*) Unsere heutigen moralischen Anschauungen kommen diesem Wunsche 
entgegen, soweit es das erotische Schicksal betrifft. Das für viele Menschen nötige 
erotische Wagen wird oft allzu leicht durch moralische Gegengründe entmutigt, 
und man läßt sich gerne entmutigen, denn man hat dabei erst noch den sozialen 
Vorteil, „moralisch" zu sein. 

2 ) The poetical works of Lord Byron, Pearl Edition. London, 1902, S. 421. 



220 C. G. Jung. 

„Still blessed be the Lord, 

For what is past, 

For that which is: 

For all are His. 

From first to last — 

Time — Space — Eternity — Life — Death — 

The vast known and immeasurable Unkuown 

He made and can unmake, 

And stall I for a little gasp of breath 

Blasplieme and groan? 

No, let me die as I have lived in faith 

Nor quiver though the universe may quake?" 

Die Worte sind in einer Axt Lobpreisung oder Gebet enthalten, ge- 
sprochen von einem „Sterblichen", der vor der steigenden Sintflut 
auf hoffnungsloser Flucht sich befindet. Miß Miller setzt sich durch 
ihr Zitat in dieselbe Situation, d. h. läßt leise durchblicken, daß ihre 
Gefühlslage vergleichbar sei der Verzweiflung der Unglücklichen, die 
sich von den drohend steigenden Wassern der Sintflut bedrängt sehen. 
Damit gestattet uns die Autorin einen tiefen Blick hinunter in die dunkeln 
Untergründe ihrer Sehnsucht nach dem Sonnenhelden. Wir sehen, daß 
ihre Sehnsucht vergeblich ist, sie ist eine Sterbliche, nur kurz von 
höchster Sehnsucht emporgetragen zum Lichte und dann dem Tode 
verfallen oder vielmehr, von Todesangst emporgetrieben, wie die 
Menschen der Sintflut, und trotz verzweiflungsvollem Kampfe rettungs- 
los dem Verderben preisgegeben, eine Stimmung, die lebhaft die Schluß- 
szene aus Cyrano de Bergerac in Erinnerung ruft 1 ): 

Cyrano: „Oh mais .... puisqu'elle est en chernin, 

Je Tattendrai debout . . . ., et l'epee ä la main. 

Que dites-vous? .... C'est inutile? Je le sais. 
Mais on ne se bat pas dans l'espoir du succes. 
Non, non. C'est bien plus beau lorsque c'est inutile. 

Je sais bien qu'ä la fin vous me mettrez ä bas .... 

Wir wissen ja bereits zur Genüge, welche Sehnsucht und welcher Trieb 
sich zum Lichte den Weg frei zu machen trachtet, aber damit man es 
deutlich und unwiderruflich wisse, weist uns das Zitat „No, let me die . .** 
auf einen Kontext hin, der alles früher Gesagte bestätigt und vollendet. 



x ) Edmond Rostand: Cyrano de Bergerac. Paris, 189S. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 221 

Der Göttliche, der „Vielgeliebte", der im Bilde der Sonne verehrt 
wird, ist auch das Ziel der Sehnsucht unserer Dichterin. 

Byrons „Heaven und Earth" ist ein „Mystery, founded on the 
following passage in Genesis: „And it came to pass . . . that the Sons 
of God saw the daughters of men, that they were fair; and 
they took them wives of all which they choose 1 ). Außerdem 
setzt Byron als ein weiteres Motto seiner Dichtung folgenden Passus 
aus Coleridge vor: „And woman wailing for her demon 
lover." 

Byrons Dichtung komponiert zwei große Ereignisse, ein psycho- 
logisches und ein tellurisches, die alle Schranken niederwerfende Leiden- 
schaft und die Schrecken der entfesselten Naturgewalten, eine Parallele, 
die in unseren früheren Erörterungen bereits eingeführt wurde. Die 
Engel Samiasa und Azaziel entbrennen in sündiger Leidenschaft für 
die schönen Töchter Kains, Anah und Aholibamah und durchbrechen 
so die Schranke, die zwischen Sterbliche und Unsterbliche gesetzt 
ist. Sie empören sich, wie einst Luzifer, gegen Gott, und der Erzengel 
Raphael erhebt warnend seine Stimme 9 ): 

„But man hath listen'd to his voice 

And ye to womans — beautiful she is, 

The serpent's voice less subtle than her kiss. 

The snake but vanquisb/d dust; but she will draw 

A second host from heaven to break heaven's law." 

Die Macht Gottes ist bedroht durch die Verführung der Leidenschaft, 
dem Himmel droht ein zweiter Abfall seiner Engel. Übersetzen wir 
diese mythologische Prqjektion zurück ins Psychologische, woher sie 
ja ihren Ursprung genommen, so heißt es: Die Macht des die Welt mit 
weisen Gesetzen regierenden Guten und Vernünftigen wird bedroht 
durch die chaotische Urmacht der Leidenschaft. Daher muß die Leiden- 
schaft ausgerottet werden, d. h. in mythologischer Projektion: das 
Geschlecht Kains und die ganze sündige Welt soll von Grund aus 
vernichtet werden durch die Sintflut. Sie ist die notwendige Folge 
der sündhaften Leidenschaft, die alle Schranken durchbrochen hat. 
Ihr Gleichnis ist das Meer und die Gewässer der Tiefe und die Regen- 



x ) I. Mose, 0, 2: Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, 
wie sie schön waren und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. 
=) 1. c. S. 419. 



222 C. G. Jung. 

fluten 1 ), welche die erzeugenden, befruchtenden, die „mütterlichsten" 
waren, wie die indische Mythologie die Gewässer nennt; nun verlassen 
sie ihre natürlichen Grenzen und schwellen an über die Höhen der Berge 
und ersäufen alles Lebendige, denn Leidenschaft vernichtet 
sich selbst. Die Libido ist Gott und Teufel. Mit der Vernichtung 
der Sündhaftigkeit der Libido wird daher ein wesentliches Stück der 
Libido überhaupt vernichtet; durch den Verlust des Teufels erlitte Gott 
selber einen namhaften Verlust; es wäre eine Amputation am Leibe 



*) Die Projektion auf das „Kosmische" ist das uralte Vorrecht der Libido, 
denn sie tritt schon natürlicherweise durch alle Sinnespforten anscheinend von 
außen in unsere Wahrnehmung ein, und zwar in Form der Lust- und Unlusttöne 
der Wahrnehmung, die wir bekanntlich ohne weitere Überlegung dem Objekte 
attribuieren, und deren Ursachen wir, trotz philosophischer Überlegung, stets im 
Objekt aufzusuchen geneigt sind, während das Objekt oft verzweifelt wenig daran 
schuld ist. (Vgl. dazu den Freudschen Übertragungsbegriff, und namentlich, 
was Ferenczi in seiner Schrift „Introjektion und Übertragung" sagt. Dieses 
Jahrbuch, Bd. I, S. 422.) Hübsche Beispiele unmittelbarer Libidoprojektion 
finden sich in erotischen Liedern: 

„Unten an dem Strande, unten dort an dem Ufer, 

Dort wusch eine Maid wohl ihres Mannes Tüchlein .... 

Und ein linder West kam wehend übers Ufer, 

Hob den Rock ihr auf ein wenig durch sein Wehen, 

Und ein wenig ließ er ihren Knöchel sehen. 

Und das Ufer ward, es ward die ganze Welt hell." 

(Neugriechisches Volkslied aus Sanders: Das Volksleben der Neugriechen, 
1844, S. 81. Zit.: Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, Jahrgang XII, 1902, 
S. 166.) 

„In Gyniirs Gehöft gehen sah ich 

Mir liebe Maid; 

Vom Glanz ihrer Arme erglühte der Himmel 

Und all das ewige Meer." 

(Aus „Die Edda". Übersetzt von H. Gering, S. 53. Zit,: Zeitschrift für Volks- 
kunde, Jahrgang XII, 1902, S. 167.) 

Hierher gehören auch alle die Wunderberichte über die „kosmischen" 
Ereignisse bei Geburt und Tod der Helden (Stern von Bethlehem, Erdbeben, 
Zerreißen des Tempelvorhanges usw. beim Tode Christi). Die Allmacht Gottes 
ist die notorische Allmacht der Libido, des einzigen wirklichen Wundertäters, 
den wir kennen. Das von Freud beschriebene Symptom der „Allmacht der Ge- 
danken" bei Zwangsneurose entsteht aus der „Sexualisierung" des Intellektes. 
Die historische Parallele dazu ist die durch Introversion erreichte magische Allmacht 
des Mysten. Der Gedankenallmacht entspricht die ebenfalls durch Introversion 
erreichte Gottidentifikation der Paranoiker. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 223 

der Gottheit. Darauf weist die geheimnisvolle Andeutung in der Klage 
Raphaels über die beiden Empörer Samiasa und Azaziel hin: 

„ Why, 

Cannot this earth be made, or be destroy'd, 
Without involving ever some vast void 
In thc immortal ranks? " 

Die Liebe hebt den Menschen nicht nur über sich selbst, sondern 
auch über die Grenzen seiner Sterblichkeit und Irdischkeit hinaus und 
empor zur Göttlichkeit und indem sie ihn emporhebt, vernichtet sie 
ihn. Diese Selbst,, überhebung" findet mythologisch ihren treffenden 
Ausdruck im Bau des himmelhohen Turmes von Babel, der den Menschen 
Verwirrung bringt 1 ), in der Dichtung Byrons ist es der sündhafte Ehr- 
geiz des Kainsgeschlechtes, dessen Liebe sich die Sterne dienstbar 
macht und die Söhne Gottes selber verführt. Wenn schon die Sehnsucht 
nach den höchsten Dingen — ich möchte sagen — legitim ist, so liegt 
doch schon in dem Umstand, daß sie ihre menschlichen Grenzen verläßt, 
das Sündhafte und darum Verderbliche. Die Sehnsucht der Motte 
nach den Sternen ist nicht ganz rein und durchsichtig, sondern glüht 
in schwülem Dunste, denn Mensch bleibt Mensch. Durch das Über- 
maß seiner Sehnsucht zieht er das Göttliche in das Verderben seiner 
Leidenschaft herunter 2 ), dafür scheint er sich zum Göttlichen zu er- 
heben, mordet aber dadurch seine Menschlichkeit. So wird die Liebe 
von Anah und Aholibamah zu ihren Engeln zum Untergange für Götter 
und Menschen. Die Anrufung, mit der die Kainstöchter ihre Engel 
beschwören, ist eine psychologisch genaue Parallele zu dem Gedicht 
von Miß Miller. 

Anah 3 ): „Seraph! 

From thy sphere ! 
Whatever star 4 ) contain thy glory; 
In the eternal dephths of heaven 
Albeit thou watchest with „the seven", 

x ) Vergleichbar den mythologischen Helden, die nach ihren größten Taten 
in geistige Verwirrung fallen. 

2 ) Ich muß hier auf die blasphemische Frömmigkeit Zi n zendorfs verweisen, 
die uns Pfisters ausgezeichnete Untersuchung zugänglich gemacht hat. 

3 ) Anah ist eigentlich die Geliebte Japhets, des Sohnes Noahs. Sie verläßt 
ihn um des Engels willen. 

') Der Angerufene ist eigentlich ein Stern. Vgl. Miß Millers Gedicht. 



224 C. G. Jung. 



Though through Space infinite and hoary 
Before they bright wings world be driven, 

Yet hear! 

Ob, tbink of ber who bolds tbee dear! 
And tbougb sbe notbing is to tbee, 
Yet tbink tbat thou art all to ber. 

Eternity is in tbine years, 

Unborn, undying beauty in tbine eyes; 

With me tbou canst not sympatbise, 

Except in love, and tbere tbon must 

Acknowledge tbat more loving dust 

Ne'er wept beneatb tbe skies. 

Tbon walk'st tby many worlds 1 ) tbon seest 

The face of bim wbo made tbee great, 

As sbe batb made me of tbe least 

Of tbose cast out from Eden's gate; 

Yet Serapb dear! 

Ob hear! 

For tbon bast loved me, and I would not die 
Until I know what I must die in knowing, 
Tbat tbou forgett'st in tbine eternity 
Her wbose beart deatb could not keep from 

O'erflowing 

For tbee, immortal essence as thou art 2 ) 

Great is tbeir love wbo love in sin and iear; 

And sucb, I feel, are waging in my beart 

A war unwortby: to an Adamite 

Forgive, my Serapb! tbat such thoughts appear. 

For sorrow is our element 



J ) Eigentlich ein Attribut der wandernden Sonne. 
2 ) Vgl. Miß Miller: 

„. . . My poor life is gone; 

then having gained 

One raptured glanee, I'll die content, 

For I, the souree of beauty, wannth and life 

Have in bis perfect splendor onee beheld." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 225 

The hour is near 
Which teils me we are not abandon'd quite. 

Appear! Appear! 

Seraph ! 
My own Azaziel! be but here, 
And leave the stars to their own light." 

Aholibaniah: 

„I call thee, I await thee and I love thee. 



Though I be form'd of clay, 

And thou of beams 1 ) 

More bright, than those of day on Eden's streams, 

Thine immortality cannot repay 

With love more warm than mine 

My love. There is a ray 2 ) 

In nie, which, though forbidden yet to shine, 

I feel was lighted at thy God's and thine 3 ). 

It may be hidden long: death and decay 

Our mother Eve bequeath'd us — but my heart 

Defies it: though this life must pass away, 

Is that a cause for thee and me to part? 

I can share all things, even immortal sorrow; 
For thou hast ventured to share life with me, 
And shall I shrink from thine eternity? 
No! though the serpent's sting 4 ) should pierce 

Me thorough; 

And thou thyself wert like the serpent, coil 
Around me still! 5 ) And I will smile, 



*) Die Lichtsubstanz des Gottes. 

2 ) Die Lichtsubstanz der eigenen Seele. 

3 ) Die Verbindung der beiden Lichtsubstanzen zeigt die Gemeinschaftlich - 
keit ihres Ursprungs; es sind Libido bilder. Hier sind es Redefiguren, früher war 
es Doktrin. Nach Mechthild v. Magdeburg (Das fließende Licht der Gott- 
heit, herausgegeben von Escherich; Berlin, 1900) ist die Seele aus „Minne" 
gemacht. 

4 ) Vgl. oben, was über das Libidobild der Schlange gesagt wurde. Der 
Gedanke, daß der Höhepunkt auch zugleich das Ende bedeute, ja sogar den Tod, 
drängt sich hier durch. 

5 ) Vgl. die oben erwähnten Bilder Stucks: Die Sünde, das Laster und die 
Wollust, wo der nackte Frauenleib von einer Schlange umwunden ist. Im Grunde 
genommen, ein Bild äußerster Todesangst. Der Tod der Kleopatra ist hier zu 
erwähnen. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. lo 



226 C. G. Jung. 

And curse thee not but hold 

Thee in as warm a fold 

As — but descend, and prove 

A mortals love 

For an immortal 

Die Erscheinung der beiden Engel, die auf die Anrufung erfolgt, 

ist, wie immer, eine glänzende Lichtvision: 

Aholibamah: 

The clouds from off their pinions flinging, 
As though they bore to-morrows light. 

Anah: 

But if our father see the sight. 

Aholibamah: 

He would but deem it was the moon 
Eising unto some sorcerer's tune 
An hour too soon. 

Anah: 

Lo! They have kindled all the west, 
Like a returning sunset 

On Ararat's late secret crest 

A mild and many-colour'd bow, 

The remnant of their flashing path, 

Now shines ! 

Im Anblick dieser farbigen Lichtvision, wo beide Frauen ganz 
Sehnsucht und Erwartung sind, gebraucht Anah ein ahnungsvolles 
Gleichnis, welches plötzlich wieder hinunterblicken läßt in die unheim- 
liche dunkle Tiefe, aus der für einen Augenblick die schreckliche Tier- 
natur des milden Lichtgottes auftaucht: 

„ and now, behold! it hath 

Return'd to night, as rippling foam, 

Which the leviathan hath lash'd 

From his unfathomable home, 

When sporting on the face of the calm deep, 

Subsides soon after he again hath dash'd 

Down, down, to where the ocean s fountains slcep." 

So, wie der Leviathan ! Wir erinnern uns dieses überwältigenden 
Gewichtes in der Wagschale der Rechte Gottes über den Menschen 
Hiob. Wo die tiefen Quellen des Ozeans sind, wohnt der Leviathan; 
von dort steigt die allzerstörende Flut herauf, die alles ertränkende 



Wandlungen und Symbole der Libido. 227 

Mut der tierischen Leidenschaft. Das erdrückende, umschnürende 1 ) 
Gefühl des herandrängenden Triebes wird mythologisch projiziert als 
alles übersteigende Flut, welche alles Existierende vernichtet, um aus 
dieser Vernichtung eine neue, bessere Schöpfung hervorgehen zu lassen : 
Japhet 2 ): 

The eternal will 

Shall deign to expound this dream 

Of good and evil; and redeem 

Unto himself all times, all things; 

And, gather'd under his alrnighty wings, 

Abolish hell! 

And to the expiated Earth 

Restore the beauty of her birth. 
Spirits: 

And when shall take effect this wondrous spell? 
Japhet: 

When the Redeemer cometh; first in pain 

And then in glory. 
Spirits: 

New times, new climes, new arts, new men, but still, 

The same old tears, old crimes, and oldest ill, 

Shall be amongst your race in different forms; 

But the same moral storms 

Shall oversweep the future, as the waves 

In a few hours the glorious giants graves. 

Die prophetischen Ausblicke Japhets haben zunächst prophetische 
Bedeutung für unsere Dichterin: mit dem Tode der Motte im Lichte 
ist für einmal das Übel beseitigt; der Komplex hat, wenn auch in zen- 
surierter Form, sich wieder einmal der Wirklichkeit gezeigt; damit ist 
das Problem aber nicht gelöst, alles Leid und jegliche Sehnsucht beginnt 
wieder von vorne, es ist aber „Verheißung in der Luft", die Vorahnung 
des Erlösers, des „Vielgeliebten", des Sonnenhelden, der wieder zur 
Sonnenhöhe ansteigt und wiederum heruntersteigt zur Kälte des Winters, 
der das Licht der Hoffnung ist von Geschlecht zu Geschlecht, das Bild 
der Libido. 



a ) Umwicklung durch die Schlange. 
2 ) Byron 1. c, S. 415. 



(Der zweite Teil dieser Arbeit erscheint in der 2. Hälfte des III. Bandes 

des Jahrbuches.) 

15* 



Analyse einer hysterischen PhoMe. 

Ton Dr. med. Ludirig' Binswauger (Kreuzungen). 



A. Krankengeschichte. 

Die Analyse, deren Schilderung hier folgt, unternahm ich mit 
einem zwanzigjährigen jungen Mädchen, das wegen einer eigen- 
artigen, seit 15 Jahren bestehenden Phobie in meine Behandlung kam. 
Der Zeitpunkt der Entstehung dieser Phobie ist genau bekannt, da er 
an ein bestimmtes äußeres Ereignis anknüpft. Hiermit verhält es sich 
folgendermaßen : 

Es war an einem Januarmorgen auf dem Eise, als unsere damals 
5 3 / 4 Jahre alte Patientin — wir nennen sie Gerda — mit ihrer Kinder- 
frau und ihren Geschwistern Schlittschuh laufen lernte. Plötzlich 
machten die Geschwister die Kleine lachend darauf aufmerksam, daß 
ihr Hacken 1 ) halb abgerissen sei und nur noch auf einer Seite 
am Stiefel hänge. =Gerda sah nach und fing bitterlich an zu weinen. 
Sie ging bald darauf mit der "Wärterin nach Hause. Unterwegs trafen 
sie den jüngsten Bruder Max, der von seiner Wärterin im Kinder- 
wagen spazieren gefahren wurde. Gerda fing dabei wieder an zu weinen. 
Sie weiß kaum, wie sie dann nach Hause kam. Hier angelangt, warf sie 
sich schluchzend der Mutter an den Hals mit den Worten: „Ich habe 
die Zinken 2 ) gesehen!" Die Mutter zog ihr hierauf den defekten 
Stiefel aus; in diesem Moment fiel Gerda in eine Ohnmacht. Als sie 
erwachte, fand sie sich auf dem Sofa liegen. Nachträglich sei sie von 
ihren Geschwistern wegen ihres Benehmens ausgelacht worden. 

An dieses Ereignis knüpft eine lange Reihe ähnlicher Vorkomm- 
nisse an, von denen wir einige erwähnen wollen. 

r ) Hacken ist der in der Heimat der Patientin gebräuchliche Ausdruck 
für Absatz. 

2 ) Zinken [nennt Gerda die Holzstifte, die die einzelneu Leder- 
lagen des Absatzes untereinander und mit der Stiefelsohle verbinden. 






Analyse einer hysterischen Phobie. 229 

Mit 7 Jahren trat, wie die Mutter angibt, beim Schlittschuhlaufen 
dasselbe auf: Gerda wurde wieder ohnmächtig. Diesmal war der Absatz 
ganz abgegangen. Von da an wurden ihre Stiefel genagelt und ihre 
Absätze mit Schrauben versehen. 

Trotzdem wiederholte sich mit 9 Jahren das Ereignis noch einmal. 

Gerda selbst erinnert sich noch an eine zweite ähnliche Begeben- 
heit aus dem 7. Jahre. Damals aber hatte sich ein Absatz bei ihrer 
älteren Schwester losgelöst, die, um Gerda zu necken, mit dem defekten 
Stiefel hinter ihr her lief. Die andern Geschwister beteiligten sich lebhaft 
an der Neckerei. Schließlich rettete sich Gerda in ein Zimmer, schloß 
sich ein und weinte lange, ehe sie sich beruhigte. 

Mit 9 oder 10 Jahren stieß sie mit dem Absatz an einen scharfen 
Stein. Die unterste Platte des Absatzes ging mit einigen Nägeln ab. 
Im selben Moment erschrak sie heftig, konnte aber noch weitergehen. 
Bald wurde sie jedoch schwindlig und mußte sich setzen. Sie hatte 
die Empfindung, als ob sie ,,eine ungeheure Last am Fuße mit- 
schleppte". Zu Hause angekommen, zog sie den Stiefel sofort aus, 
warf ihn unter das Bett und begann unaufhörlich zu schluchzen. 

„Mit etwa 11 Jahren", so berichtet Gerda, „passierte es in der 
Pause einer Mitschülerin. Natürlich wurde darüber gelacht und ich 
ging stillschweigend möglichst weit fort. Als wir fünf Minuten später 
in die Klasse zurück mußten, rutschte ich sofort ohnmächtig unter die 
Bank, denn ich konnte unmöglich mit dem Mädchen im selben Raum 
bleiben." 

Mit 15 Jahren wurde Gerda zweimal ohnmächtig beim Anblicke 
von Stiefeln, deren Absätze ihrer Meinung nach nicht ganz fest saßen. 

Bei ihrer Konfirmation (im 16. Lebensjahre) sah sie sehr viele 
neue Stiefel, was ihr heftigen Schwindel verursachte. Im selben Jahre 
wurde sie auf einem Spaziergang ohnmächtig, weil jemand einer Be- 
kannten zurief: Sie verlieren ihren Absatz. Es war aber nur ein Stück 
Lehm, das sich vom Stiefel löste. Davon habe sie sich auch noch über- 
zeugen können, ehe sie das Bewußtsein verlor, aber „das Gefühl" konnte 
sie nicht mehr hemmen. 

Lassen wir nun Gerda selbst erzählen: 

„Als ich mit 17 Jahren in einem Laden Stiefel probierte, fiel ich 
in eine ziemlich tiefe Ohnmacht. Seit der Zeit ging ich jedesmal mit einer 
gewissen Angst in Schuhgeschäfte. 

Im Gefühl, es sei etwas an meinem Absätze geschehen, als ich bei 
einer starken Kurve hinteii auf der elektrischen Bahn stand, verlor ich 



230 Ludwig -Binswanger. 

das Bewußtsein ziemlich lange. Ich hatte aber wieder vorher schon gesehen, 
daß alles in Ordnung war, doch das Gefühl war zu stark. 

Mit 18 Jahren verlor ich auf einem Ball meinen Absatz, wurde aber 
nicht ohnmächtig, denn der Hacken war weder mit Stiften noch Nägeln 
befestigt gewesen, sondern nur geleimt, also es zerriß nichts. Zweitens 
war er aus einem Stücke, und dann war es ja auch kein Stiefelabsatz. 

In der Eisenbahn hörte ich vor einem Jahre, daß eine Dame zu ihrem 
Manne sagte: Dein Stiefel ist zerrissen. Ich habe nicht hingesehen, aber 
das Wort ging mir durch und durch, und ich kämpfte gegen eine Ohnmacht 
an. Der Gedanke war mir entsetzlich: Zwei Stunden mit demselben 
Herrn, der vielleicht einen losen Absatz hatte, zusammen im Coupe sein 
zu müssen ! Das konnte ich nicht ertragen und fiel in eine sehr tiefe Ohn- 
macht. Die darauffolgende Zeit bis X. war qualvoll; alle Augenblicke 
war ich nahe daran, wieder das Bewußtsein zu verlieren. Die nächsten 
drei oder vier Tage war ich absolut unfähig zu denken, der ganze Körper, 
vor allen Dingen mein Kopf, waren bleischwer, ich konnte weder essen 
noch schlafen. — Seit dem Anfall überkommt mich manchmal in der 
elektrischen Bahn oder sonst in einem geschlossenen Räume, wenn ich 
mit fremden Menschen zusammen bin, eine plötzliche Angst, es könnte 
etwas passieren. Auch auf Ausflügen usw. überkommt mich eine fürchter- 
liche Unruhe, meist wenn es mehrere Leute sind. Sobald dieses Gefühl 
hochgekommen ist, verläßt es mich oft für den ganzen Tag nicht. Ich 
bleibe dann am liebsten allein, um wieder ruhig zu werden; in solchem 
Zustande habe ich an nichts mehr Freude, eher einen starken Abscheu 
gegen alles. — Letzten Sommer sah ich einen losen Absatz an einem Zeug- 
stiefel; ich ging gleich fort, lag eine halbe Stunde auf dem Bett, und so 
ging der Schwindel vorüber. Unruhe und Kopfweh bleiben aber i m mer 
für die nächsten Tage zurück. Zeugstiefel sind nicht so schlimm wie Leder- 
stiefel. Letztere sind fester gearbeitet, darum ist es mir schrecklicher, 
wenn Hacken und Leder auseinandergerissen werden. 

Meine letzte Ohnmacht (vor vier Monaten) ist mir am klarsten im 
Gedächtnis geblieben. Ich kam mit meiner Freundin gegen sieben Uhr 
vom Klub zurück, und sie erzählte mir allerlei sehr Aufregendes. Kurz 
vorher hatte ich selbst etwas erlebt, was mich beschäftigte. (Es handelte 
sich um einen Heiratsantrag.) Ich war mit meinen Gedanken vollständig 
beim Gespräch, als ich plötzlich das Empfinden hatte, es sei etwas an 
meinen Stiefeln geschehen, die ich zum ersten Male anhatte. Das Gefühl 
wurde immer stärker; ich sah, daß mein Hacken ganz in Ordnung war, 
und bekam trotzdem ein derartiges Schwächegefühl, hauptsächlich im 
Kopf und in den Knien, daß ich es meiner Freundin sagen mußte. Gleich 
darauf verlor ich das Bewußtsein. Das Erwachen hinterher war schrecklich: 
Wenn man dann wieder auf die Erde heruntergezogen wird und sich in 
der alten Umgebung befindet 1 ) !" 



*) Diese anamnestischen Angaben stammen vom 141. Behandlungstage. 
Zu Beginn der Kur war Gerda nicht imstande, sich an die einzelnen Anlässe so 
genau zu erinnern und sie so sachlich und ruhig zu sehildern. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 231 

Was die allgemeine Vorgeschichte der Kranken anlangt, so 
ist vor allem zu berichten, daß von erblicher Belastung wenig zu 
vermerken ist. Die Großeltern sollen nervengesund gewesen sein. Der 
Vater starb mit fast 70 Jahren an einem Schlaganfall, P/2 Jahre 
vor Beginn der Analyse. Die Mutter lebt und zeigt seit Jahren leichte 
neurotische Symptome, ist aber eine energische Frau und aufopfernde 
Mutter. Die ältere Schwester ist sehr zart, fällt sehr leicht in Ohn- 
macht, bietet aber vorwiegend das Bild einer Angsthysterie. Von den 
vier Brüdern sollen zwei gleichfalls zu Ohnmächten neigen. 

Gerda selbst war nach Angabe der Mutter ein gut entwickeltes 
Kind. Keine Kinderkrankheiten. Mit 4 Jahren fing sie an, auffallend 
lange auf dem Topfe zu sitzen und dabei zu träumen. Sie sei 
nicht länger unreinlich gewesen als andere Kinder. Sehr lange habe sie 
an starker Obstipation gelitten, gegen die mit allen Mitteln, u. a. 
mit Ölklistiern, angekämpft wurde. — Ihr äußeres Auftreten als Kind 
sei schüchtern und verschlossen gewesen. In der Schule habe sie 
leicht begriffen; nur das Auswendiglernen sei ihr eine Qual gewesen. 
Mit 11 Jahren sei Patientin jedoch in der Schule unaufmerksam, zerstreut 
und „nervös" geworden, so daß man sie nicht behalten konnte. Außerdem 
litt sie damals an Kopfschmerzen. Nach einer im selben Jahre erfolgten 
Nasenoperation mit Entfernung der Eachenmandel habe sich ihr 
Zustand gebessert, sodaß sie wieder am Unterrichte in der Schule teil- 
nehmen konnte. Mit 14 Jahren machte Gerda eine Blinddarm- 
operation durch, mit 20 Jahren wurden ihr auch die Gaumenmandeln 
entfernt. Bis zu ihrem 17. Jahre soll Patientin bleichsüchtig und oft 
müde gewesen sein. Die Periode ist mit 17 Jahren aufgetreten; sie 
erfolgt unregelmäßig alle 3 bis 6 Wochen, ist im 18. Jahre fast ein halbes 
Jahr ausgeblieben, dauert in der Regel eine Woche, verläuft ohne Be- 
schwerden und in der Regel schwach. 

Von Gerda selbst erfahren wir noch folgendes: Schon als Kind 
hatte sie oft Angst träume: Einbrecher, Diebe laufen hinter ihr her; sie 
will schreien, weglaufen, kann es aber nicht. Oder Vagabunden, Gauner 
stoßen sie in einen Abgrund; sie fühlt sich tiefer und tiefer fallen. Durch 
ein Kindermädchen hat sie viel von Einbrechern reden gehört. Sie hörte 
gerne, aber unter Gruseln zu. Sie litt ferner an „wahnsinniger, namen- 
loser Angst" vor fremden Leuten, die geradezu Todesgedanken in ihr 
wachrief. Jeder Dienstbotenwechsel war ihr aus diesem Grunde eine 
Qual. Auf der Straße sagte sie nicht guten Tag, weswegen sie oft körper- 
lich gezüchtigt wurde. Bis zum 8. Jahre sei sie zwar von der Mutter 



232 Ludwig Binswanger. 

eher verzärtelt worden. Später aber habe jene große Anforderungen 
an sie gestellt, sie namentlich übertrieben mit Geschichte und Natur- 
wissenschaften geplagt. — Einen gewissen Einschnitt in ihre Ent- 
wicklung habe die Blinddarmoperation bedeutet (im M. Jahre), nach der 
sie „jegliches Gefühl verdrängt" habe. Vom 14. bis 16. Jahre sei ihre 
„herbe Periode" gewesen. In dieser Zeit habe sie über jedes Gefühl 
gespottet. Dann mit 16 Jahren, nach derKonfirmation, sei die Sehnsucht 
nach dem Leben in ihr erwacht, das Gefühl, daß sie etwas vermisse. 
Aber die Liebe zum Vater und den jüngeren Brüdern habe sie zu Hause 
zurückgehalten. Der Tod des Vaters habe sie dann bis ins Innerste 
getroffen. 

Mit 11 bis 12 Jahren ist sie im Kränzchen sexuell weitgehend 
aufgeklärt worden. Fand das Kränzchen bei einer bestimmten 
Freundin statt, deren Vater Arzt war, so wurde ein geburtshilfliches 
Buch hervorgeholt und betrachtet. Die Neugier der Freundinnen er- 
füllte Gerda mit Widerwillen. Sie vergaß nachher die in den Kränzchen 
erhaltenen Eindrücke wieder, bis sie im 15. Jahre plötzlich und ge- 
waltsam wieder ans Licht gezogen wurden im Anschluß an ein ex- 
hibitionistisches Attentat, das ein junger Mann ihr gegenüber 
abends auf einsamer Straße ausführte. Vor Angst und Schreck lief 
sie damals weg, nachdem sie zuerst stillgestanden war und gar 
nicht begriffen hatte, was jener wollte. Wenn sie später, wie es öfters 
geschah, auf der Straße „angeredet" wurde, fiel ihr immer das Gesicht 
jenes Mannes ein. 

Gerda glaubt, sexuell jetzt vollständig aufgeklärt zu sein, was 
sich später auch als richtig herausgestellt hat. Von einer bewußten 
Sexualabneigung ist nichts zu konstatieren. Sie erklärt, der Gedanke 
an Ehe und Heirat flöße ihr keinerlei Angst ein. Ein besonderes In- 
teresse für Geschlechtsunterschiede und für das „Kinder- 
kriegen" habe sie nie gehabt! "Namentlich die letztere Angabe ist zu 
beachten. Sie ist, wie sich später zeigen wird, wieder ein schlagender 
Beweis dafür, daß gerade diejenigen Triebregungen vom Bewußtsein 
verdrängt sind, die im Laufe der Analyse als die mächtigsten Symptom- 
bildner erkannt werden. 

Besonders zu erwähnen ist noch, daß Gerda seit kurzem in einen 
jungen Mann verliebt ist, von dem sie sicher wiedergeliebt zu werden 
glaubt. Eine Aussprache hat indes nie stattgefunden. Sie nimmt an, 
daß der Betreffende sie heiraten werde, ist aber einsichtig genug, um 



Analyse einer hysterischen Phobie. 23o 

zu wissen, daß sie nicht heiraten kann, bevor sie geheilt ist. Daher ist 
ihre Einstellung für die Analyse eine besonders günstige. 

Die körperliche Untersuchung ergibt: Mittelgroßes, gut er- 
nährtes junges Mädchen von sehr kräftigem Knochenbau und kräftig ent- 
wickelter Muskulatur (Patientin treibt sehr viel Sport!). Gesichtsfarbe 
blaß, sichtbare Schleimhäute mäßig gerötet. Hämoglobingehalt des Blutes 
85%. Keine auffallenden körperlichen Degenerationszeichen. Lungen 
und Herz gesund. Puls 58 in der Minute, regelmäßig, gut gespannt. Von 
Seiten des Nervensystems keine Besonderheiten, vor allem keine Sensibilitäts- 
störungen und Druckpunkte; keine Gesichtsfeldeinschränkung. Rohe 
Kraft in Armen und Beinen beträchtlich. Im Urin kein Eiweiß, kein 
Zucker. Stuhl dauernd sehr angehalten. Nur große Quantitäten 
von Apenta, täglich genommen, haben Erfolg. 

In psychischer Hinsicht macht Gerda zunächst einen voll- 
ständig gesunden Eindruck. Ihre Bekannten zerbrechen sich den Kopf, 
weshalb sie in nervenärztlicher Behandlung sei. Sie ist intelligent, ethisch 
hochentwickelt und mit einer großen Energie und Ausdauer begabt. Ihr 
Auftreten ist unter Bekannten frei, heiter und lebenslustig. Unter Fremden 
ist sie sehr still. Sie verspricht, die Hauptforderung des Arztes, ihm offen und 
rückhaltlos alles mitzuteilen, was während der Kur in ihr vorginge, pünktlich 
zu erfüllen. Dieses Versprechen hat sie in vorbildlicher Weise gehalten. 
Durch ihren Hausarzt, der sie für die Psychoanalyse empfahl, war sie schon 
auf die Kur vorbereitet, und drängt nun auf deren Beginn. 

B. Die Analyse. 

Wenden wir uns jetzt wiederum der „Absatzphobie''' zu, und ver- 
suchen wir, etwas näher in ihre Symptomatologie einzudringen. Wenn 
Gerda nur das Wort „Absatz" in einem Gespräche fallen hört oder 
von sich aus an einen Absatz denkt, dann schwebt ihr das Bild eines 
halbabgerissenen Absatzes vor, mit den hervorstehenden Nägeln 
oder Holzstiften (Zinken); zugleich regt sie die helle Farbe 
des Leders der Bruchfläche auf. Oder sie stellt sich vor, daß ihr ein 
Schlittschuh abgenommen und abgerissen werde und hinten noch 
etwas festhacke 1 ). Oder sie erblickt sich in der Situation, daß ein 
Mann auf dem Eise ihren Fuß zwischen seinen Beinen hält, 
ihr den Schlittschuh rasch anlegt und dann die Schraube dreht. 
Sie empfindet daher Angst, er könne die Schraube zu rasch und zu 
fest drehen. Dieser Gedanke sei der allerschlimmste. Sie hat das Gefühl, 
eine solche Situation könne gar nicht anders enden als mit einer Ohn- 

x ) Ich bediene mich hier wie überall genau der Worte der Patientin, die 
ich einem sehr ausführlichen schriftlichen Protokoll der Analyse entnehme. 



234 Ludwig Binswanger. 

macht 1 ). „Das langsame Hineingreifen der Zacken (hinten am 
Schlittschuh) in den Absatz ist das Schlimmste", lautet ein 
anderer Ausspruch. Sie hat daher das Gefühl, wie wenn ihr selbst 
eine Klammer angelegt würde! Diese Übertragung des Gefühls vom 
Fuß auf den ganzen Leib ist zu beachten ! Bemerkenswert ist ferner, 
daß Gerda auf der Straße den Zwang verspürt, den Leuten, die vor 
ihr gehen, auf die Absätze zu schauen ! 2 ) Ihr selbst ist es in hohem Grade 
peinlich, wenn andere Leute auf ihre Füße sehen ! 

Ich habe hier eines Experimentes zu gedenken, das ich sehr 
häufig im Laufe der Analyse anwandte und jedesmal dann, wenn 
die Patientin von sich aus nichts mehr anzugeben wußte. Ich berührte 
mit zwei Fingern einen Absatz der Kranken und übte einen leichten, 
später immer stärkeren Zug daran aus. Ich forderte die Patientin auf, 
mir dabei ihre Empfindungen genau zu schildern. Auf diese Art wurde 
immer neues Material herbeigeschafft, ohne daß der Kranken bestimmte 
Fragen gestellt werden mußten. Auf gewisse Modifikationen dieses Ex- 
perimentes wird später eingegangen werden. Ich führte es sowohl im 
Wachen als in leichter Hypnose aus. Die letztere habe ich im An- 
fang öfters angewendet. Später genügte die Aufforderung, die Augen 
zu schließen (Patientin lag während der Analyse immer auf dem Sofa), 
um eine erhöhte Konzentration der Aufmerksamkeit zu erreichen. 

Die Empfindungen und Einfälle Gerdas während der Experimente 
sind äußerst lehrreich. Gerda wirft sich dabei auf die Seite, streckt 
sich lang aus, wird blaß, schaut dann wieder gespannt auf den Absatz. 
Dabei „verschwindet das Blut aus dem Kopfe''; Frieren, Zittern in 
den Knien und Übelkeit stellen sich ein. „Alles dringt bis zum Halse 
herauf", sie muß immer schlucken. Nach und nach stellt sich ferner ein 
schlechter Geschmack und Trockenheit im Munde ein ; Patientin verzieht 
die Lippen, preßt die Zunge an die Zähne, „möchte am liebsten aus- 
spucken"; es wird ihr „flau", sie verspürt Hunger, ohne aber essen zu 
können. Sie gähnt unaufhörlich (oft auch unabhängig vom Experiment). 
Sie versucht, mit den Händen ihren Gürtel nach unten zu schieben, 

*) Bei diesen Worten spricht Patientin stoßweise und leise, bedeckt das 
Gesicht mit den Händen und schluchzt. Puls rascher und weniger gespannt als 
gewöhnlich. Es besteht Ubelkeits- und Schwindclgefühl. 

2 ) „Gerade wenn der Fuß sich hebt, sieht man die Spalte (zwischen Sohle 
und gelockertem Absatz). Wenn man steht, macht es mir nichts, aber wenn man 
geht. Das Hochziehen des Fußes ist das Schlimme; dann sieht man, daß etwas 
nicht in Ordnung ist; dann klafft, es." Außer ihrer Furcht vor Absatzen finden 
wir also den Zwang, auf Absätze hinzusehen! 



Analyse einer hysterischen Phobie. 235 

und erklärt, alles drehe sich im Leibe! Diese Empfindung im 
Leib beim Berühren des Absatzes sei wiederum beachtet! 

Gerda erwähnt im Anschluß an ein solches Experiment ihre 
furchtbare Angst vor dem Erbrechen. Sie habe das Wort nie 
aussprechen können und sich furchtbar geniert, wenn es bei einem von 
ihren Geschwistern vorgekommen sei. Das Erbrechen führt sie auf die 
durchgemachten Narkosen, nach denen sie sehr stark erbrochen 
habe. Seit der Blinddarmoperation (im 14. Jahre) könne sie keinen 
Äther und kein Benzin mehr riechen. Es wird ihr übel, sie muß 
gähnen, wenn sie Äther riecht und dabei hat sie die Idee, sie werde 
narkotisiert. 

Wir sehen also, daß die Experimente allmählich die Erinnerung 
an Narkosen wachrufen, namentlich an diejenige bei der Blind- 
darmoperation. Narkose und Blinddarmoperation sind aber in unserer 
Analyse wichtige Knotenpunkte, von denen aus vielerlei Fäden zu 
tieferen Komplexen führen. 

Zunächst leiten die Empfindungen bei der Narkose hinüber zu 
denjenigen bei der Ohnmacht. Hören wir Gerda selbst: 

„Alle diese Empfindungen beim Experiment sind verbunden mit 
einer furchtbaren Angst vor der Ohnmacht. Wenn der Absatz 
berührt wird, habe ich das Gefühl, wie wenn auf einen Knopf 
gedrückt wird, wie wenn ein elektrischer Schlag durch mich 
hindurch geht. Nichts gehorcht mir mehr, ich bin absolut willenlos, 
als ob ich irgend jemand anderem preisgegeben wäre! Ich 
fürchte, der Absatz und ich halten es nicht aus. Ich mache dann 
die Augen zu und sehe nicht mehr und höre nicht mehr, und dann wird 
es besser. Ich merke auch nicht mehr, was dann die anderen mit 
mir tun." 

Alle diese Angaben erinnern zunächst wieder sehr an den Zustand 
der Narkose. 

„In der Ohnmacht selbst habe ich das Gefühl, als ob es Nacht wäre. 
Wenn ich erwache, weiß ich nicht, was los gewesen ist. Es ist so schwer, 
sich aus der Ohnmacht loszureißen, lieber ohnmächtig bleiben." 

Ich: „Wo befinden Sie sich in der Ohnmacht?" 

Gerda: „Ich bin ganz allein, niemand stört mich. Ein großer 
schwarzer Raum! Dann bin ich ganz frei, von allem befreit. Alles 
ist verschwunden, niemand ist da, die Erde liegt weit unter mir. Es ist 
als ob mein Körper gar nicht existierte." 

Ich: „Von was befreit?" 

Gerda: „Von den Menschen. Von allen fremden Menschen, von 
allem was mir bevorsteht. — Nach der letzten Ohnmacht hatte ich 



236 Ludwig Binswanger. 

das Gefühl, als ob ich wieder ganz unten wäre: ich wollte nicht auf- 
wachen. Dann (in der Ohnmacht) können die Menschen nicht 
an mich heran." 

Sie betont hier wieder ihre frühere Angst vor den Menschen. „Wenn 
sie so freundlich sind, dann wollen sie etwas von mir. Man hat mich immer 
gewarnt, mit Fremden zu gehen 1 ). 

In der Ohnmacht habe ich das Gefühl, als ob ich keine Beine 
hätte, als ob die auf der Erde geblieben wären. Ich war nur bis zur 
Hüfte, das andere entfernte sich 2 ). Da konnte niemand an 
mich heran. Ich hatte keine Verantwortung imd brauchte mich 
nicht um die Menschen zu kümmern. Ich hatte Angst, wieder aufzuwachen 
und auf die Erde zurückzufallen." 

Ich habe diesen Aussprüchen nichts hinzuzufügen, da ihr Sinn 
später von selbst klar werden wird. Einer besonderen Erwähnung be- 
dürfen aber noch einige von den Angaben Gerdas im Anschlüsse an 
das Experiment: 

Gerda verspürt, wenn der Absatz berührt wird, den Drang, mit 
der Handdagegenzu pressen! Sie klagt über ein „offenes Gefühl" 
an der Sohle. Sie möchte die Ferse reiben und drücken. Sie verspürt 
ferner ein starkes Prickeln in dem Fuß, er kommt ihr vor wie ab- 
gestorben und sie möchte fest auftreten, „damit das Blut wieder 
hineinkommt". Diese Empfindungen hatte sie auch beim Schlittschuh- 
laufen. Sie sind für uns äußerst wichtig, da sie die Beziehungen des 
Fußes zu anderen Körperregionen herstellen. 

Noch in anderer Hinsicht waren die Experimente fruchtbar, indem 
sie nämlich die Empfindungen Gerdasbeidem Schlittschuhtrauma, 
wie wir kurz sagen wollen, wieder aufleben ließen. 

Zu dem, was wir schon wissen, ergänzt sie, sie habe sich, als 
sie den Defekt am Absatz bemerkte, in hohem Grade geschämt 
und das Gefühl gehabt, sie müsse die Umstehenden um Ent- 
schuldigung bitten. Ferner: 

„Ich konnte es nicht glauben, daß das (der Absatz) abgehen konnte, 
und dann der Schrecken, daß da was drin war (die Zinken). Gerade 
weil ich die Stiefel sonst so vorsichtig behandelte, konnte ich nicht fassen, 
daß er bei der ersten Anstrengung gleich erlag. Es hat mir eine so wahn- 
sinnige Enttäuschung bereitet, und das hat mich so traurig gemacht, 



a ) Deutliche Nachwirkung des exhibitionistischen Attentates. 
2 ) Später «äußerte Gerda einmal: „Wenn ich an eine Geburt denke, ist 
das unten schwächer, wie wenn es nicht mehr zu mir gehörte." 



Analyse einer hysterischen Phobie. 237 

daß ich mich im Stiefel getäuscht hatte 1 ). Es ging mir ganz was 
Neues auf. Das kam so schnell und plötzlich, daß ich es nicht 
ertragen konnte. Meine ganze Kraft nahm ich zusammen, um nach 
Hause zu kommen. — Als ich zu Hause ankam, hatte ich das Gefühl, jetzt 
ist es aus, jetzt kann ich nicht mehr. Ich hatte keinen Widerstand 
mehr. Meinetwegen nehmt mich hin! Es ist mir ganz egal, 
was mit mir geschieht! — 

In dem Momente (des Abgehens) fiel mir alles ein, was 
ich mit dem Stiefel getan hatte, daß ich über Baumwurzeln gestolpert 
war.... Dann kam Wut, Entsetzen, Traurigkeit, daß er es nicht 
ausgehalten hatte, dann ein Schuldgefühl, da ich die Ver- 
antwortung dafür hatte. Nachher wollte ich überhaupt nichts mehr 
von ihm wissen. Als Mama ihn auszog, kam eine Erleichterung 
über mich; dann habe ich sie vollständig gemacht, indem ich mich 
ganz erleichterte und von niemandem mehr etwas wußte. Ich hatte 
das Gefühl, ich könnte in der Ohnmacht so ruhig lachen, niemand kann 
mir etwas anhaben, ich bin ganz frei. — Nachher muß ich dann wieder 
büßen für die Augenblicke, wo ich ohnmächtig war. 

In dem Momente (wo sie mir den Stiefel abnahm) war ich meiner 
Mutter so dankbar. Ich hatte das Gefühl, ich habe mich ihr ver- 
pflichtet. Das war besonders auch bei der Ohnmacht in der Bahn. Ich 
erinnerte mich damals an den ersten Anfall! Ich hatte das Gefühl, ich 
muß mich vor Mama beugen, sie ist die stärkere. Dann kommt die 
Opposition! Ich werde aber ganz widerstandslos gemacht. Wenn die 
Ohnmacht vorbei ist, kann mich das Gefühl so quälen, daß Mama ge- 
sehen hat, daß ich so schlapp sein kann. Sie hat dann eine so rührende 
Fürsorge, und das ist so furchtbar. Dann bäumt sich mein ganzer Stolz. 
Ich muß mir sagen, Mama ist doch die stärkere." 

Aus diesen Schilderungen der Vorgänge bei und nach dem 
Trauma auf dem Eise seien nur hervorgehoben das Scham- und Schuld- 
gefühl, die große Enttäuschung, die Wut einerseits und Traurigkeit 
anderseits, das maßlose, sich bis zum Entsetzen steigernde Erstaunen 
vor dem, was in dem Innern des Absatzes war, nämlich vor den „Zinken". 
Wir werden die uns jetzt unverständlich, übertrieben und inadäquat 
erscheinenden Keaktionen auf das harmlose Ereignis später verstehen 
lernen . Dasselbe gilt für Gerdas Angaben über die Vorgänge vor und nach 
der Ohnmacht. In der Ohnmacht ist sie frei, und niemand kann an sie 
heran. Nachher aber muß sie büßen für das, was sie in der Ohnmacht 
erlebt hat. Gegenüber der Mutter finden wir zuerst das Gefühl des 
Dankes für die Erleichterung, die sie ihr bereitet, nachher die Opposition, 



x ) „Als Kind habe ich die Stiefel so gern gehabt, ich weiß 
nicht warum. Als der Absatz abging, tat es mir weh, als ob es was 
Lebendes wäre", bemerkte Gerda ein andermal. 



238 Ludwig Binswanger. 

den gekränkten Stolz, daß sie sich vor der Mutter schwach gezeigt und 
ihre Hilfe gebraucht hat. Dies führt schon tief in den Mutter komplex 
mit seiner ganzen Ambivalenz (Bleuler). 

Wir bleiben bei dem Trauma auf dem Eise und knüpfen an 
die obigen Worte Gerdas an, sie habe sich beim Abgehen des Absatzes 
an alles erinnert, was mit dem Stiefel vorgekommen sei, daß sie z. B. 
über Baumwurzeln gestolpert sei! Daß es sich hier um eine Deck- 
erinnerung handeln muß, ist klar. Das Schuldgefühl und die Enttäuschung 
bedürfen tieferer Motive. Ein solches Motiv aber war die Tatsache, 
daß vor dem Trauma auf dem Eise die Stiefel für Gerda die Quelle 
höchsten Lusterwerbes waren, nämlich ein Mittel zur Masturbation. 
Diese Einsicht erfolgte aber nicht so rasch. Ich kann dem Leser die 
Umwege nicht ersparen, die dahin führten, liegt mir doch daran, nicht 
nur die Ergebnisse, sondern vor allem auch einigermaßen den Gang 
der Analyse zu vermitteln 1 ). Außerdem werden wir auf dem Wege 
dahin weiteres wertvolles Material sammeln. 

Die Wirkung der Masturbation auf Gerda und damit die trau- 
matische Kraft, die dem Ereignis auf dem Eise innewohnt, können wir 
nur verstehen, wenn wir einen Einbück getan haben in den äußerst 
stark entwickelten Anal- und Exkrementalkomplex Gerdas. 
Handelt es sich doch bei der Stiefelmasturbation zum großen Teil um 
einen analen Autoerotismus. 

Wir haben schon Gerdas Entsetzen vor dem Erbrechen kennen 
gelernt, das durch akzidentelle Erlebnisse (Narkosen) nur verstärkt, 
nicht aber entstanden war. Ich erinnere auch an die Angabe der Mutter 
von Gerdas Träumen auf dem Topfe! Wir kennen ferner die äußerst 
hartnäckige, seit früher Kindheit bestehende Obstipation. 

In einem fremden Hause oder in der Schule ist Gerda, wie sie 
angibt, kaum je aufs Klosett gegangen. Wenn sie, wie es öfters der Fall 
war, acht Tage verreist war (als Kind), hatte sie die ganze Zeit über 
keinen Stuhl. Nach der Rückkehr nach Hause erfolgte er dann unter 
starken Schmerzen. Vor dem Klosett selbst, namentlich vor solchen, 
die keinen Deckel haben, hatte sie von jeher Angst. Sie sah nicht 
gerne in das lange schwarze Loch und hatte lange Zeit Angst, hinein- 
zufallen. Sie hat von jeher einen ausgesprochenen Widerwillen gehabt 
gegen alles, was mit Magen und Darm zusammenhängt, auch gegen 
das Essen. 

x ) Wie sehr diese Analyse schon zusammengepreßt und naeh Themen 
geordnet ist, kann der beurteilen, der selbst analysiert. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 239' 

Gerda zeigte schon als Kind eine ausgesprochene Phobie vor 
menschlichem und tierischem Darminhalt. Als eine Freundin 
ihrer Schwester im Walde in Kot getreten war, wollte sie nicht mehr in 
den betreffenden "Wald gehen. Als ihre Schwester von den Brüdern ge- 
neckt wurde, weil sie am Knie mit Kot in Berührung gekommen war, 
lief sie aus dem Zimmer 1 ). Im Dunkeln wagte sie nicht aufzutreten, aus 
Angst vor Kot; über Kuh weiden zu gehen verursachte ihr „Todesangst". 
Sie war immer äußerst vorsichtig mit ihren Schuhen und hatte nie schmutzige 
Schuhe! Ihre Phobie vor der Berührung mit Kot ging so weit, daß sie 
Kindergesellschaften, wenn Hunde vorher den Garten verunreinigt hatten, 
am liebsten abgesagt hätte, aus Angst, es könne jemand in den Kot treten. 
Sie hatte überhaupt einen Widerwillen gegen Hunde wegen ihrer „Un- 
reinlichkeit". 

„Dünner Stuhl" ist ihr „besonders ekelhaft". Wenn sie an Durch- 
fall leidet, glaubt sie „sterbenskrank" zu sein. 

Bei dieser starken Verdrängung des Exkrementalkomplexes lohnt 
es sich, einer Symptomhandlung Gerdas zu gedenken, die aus 
der Zeit stammt, da die Affektverkehrung noch nicht stattgefunden und 
das Interesse an Darm und Darminhalt noch ein unverhohlenes war. Gerda 
erzählt, wie sie und der 2 Jahre jüngere Bruder Albert ihrem Schaukel- 
pferde den Schwanz entfernt, dann die Öffnung aufgerissen und darin 
herumgewühlt hätten, bis die Sägespäne herausfielen. „Es war uns 
interessant, zu sehen, was darin ist, wenn der Schwanz draußen ist." 
Sie schaukelten dann kräftig, damit „noch mehr herausfiele"! Abends 
steckten sie deu Schwanz wieder hinein, um morgens von neuem „zu unter- 
suchen". Dies war vor der Episode auf dem Eise 2 ). 

Aber auch am eigenen Körper spielte jene Region eine große Rolle. 
Gerda empfand oft ein lästiges Jucken im After, das sie durch 
wiederholtes „Pressen und öffnen" zu beseitigen suchte, etwa bis zum 
8. Jahre auch durch Reiben mit dem Finger. Bei der Dar mentleerung 
hörte das Jucken von selbst auf. „Das war angenehm." Wenn das 
Jucken kam, trommelte sie mit beiden Händen auf dem Leib herum, 
um eher verschwinden zu können. Sie „zog den Magen ein, ließ wieder 
Luft", da sie glaubte, es ginge dann besser. Sie bekam dabei einen 
heißen Kopf. Anfangs habe sie daher immer „furchtbar gedrückt", 
bis die Wärterin ihr sagte, auf diese Weise könne leicht etwas platzen! 



*) Vgl. die Absatzphobie ! 

2 ) Die einzigen Fakten, die sonst noch auf die ursprüngliche Lust an der 
Defäkation usw. hindeuten, sind die Angabe, sie habe besonders gern auf des 
Vaters großem Topf gesessen, und ein Traum, in dem der Vater sie bei der De- 
fäkation auf dem Topfe überrascht. Patientin hat einen deutliehen Exhibitions- 
trieb, während der Sehautrieb bei ihr stark verdrängt ist. Wir finden ihn wieder 
bei dem Zwang, den Leuten auf die Absätze zu schauen. 



240 Ludwig Binswanger. 

Sie vergleicht das Jucken mit dem Prickeln, das eintritt, wenn 
ein Fuß eingeschlafen war und dann das Blut wieder hinein kommt! 
„Ich habe oft die Beine übereinander geschlagen," fährt sie 
harmlos fort, „dann kam es. Ich saß oft so verrenkt. Dann muß 
man fest auftreten, damit das Blut wieder hinein kommt." 

Wir stoßen hier zum ersten Male auf Beziehungen zwischen 
Darm (After) und Fuß. An beiden Eegionen war das Prickeln oder 
Jucken aufgetreten und an beiden verfällt Gerda auf ähnliche Abwehr- 
maßregeln: sie drückt oder preßt dagegen; tritt mit dem Fuße fest 
auf, zieht den Darm fest zusammen. 

Die Warnung der Wärterin, es könne beim Drücken etwas platzen, 
war nun offenbar nicht spurlos an Gerda vorübergegangen. Denn 
sie berichtet weiter, bei der Stuhlentleerung habe sie oft das Gefühl 
gehabt, „der Darm kann es nicht, er geht kaput dabei, er wird 
auseinandergerissen, er kann es nicht aushalten." Genau 
dieselben Befürchtungen werden oft wörtlich in bezug auf Absatz und 
Stiefel geäußert! 

Gerda empfindet aber auch „dasselbe Gefühl im Kopf" bei der 
Stuhlentleerung, wie bei den Ohnmächten: Die Augen sind nicht 
klar, es herrscht ein müdes dumpfes Gefühl, nur vergeht es rascher 
nach der Stuhlentleerung als nach der Ohnmacht. Nach beiden fängt 
sie leicht an zu weinen, wenn man sie anredet, von beiden hat sie Angst 
zu sprechen. Wenn man einen Stiefel auseinanderzieht (vor 
dem Hineinschlüpfen), hat sie Angst, „es gäbe einen Knacks. Nur 
nicht hineintreten, nur nicht fest auf den Absatz auftreten, 
sonst fühle ich es im Kopf!" 

Die Beziehungen zwischen Ohnmacht und Stuhlentleerung 
werden aber noch deutlicher: 

„Ich war überzeugt, es würde etwas platzen (bei der 
Stuhlentleerung), dann würde ich aber nichts mehr fühlen, 
dann würde ich weg sein und nichts mehr spüren davon. Ob 
ich glaubte tot zu sein, weiß ich nicht recht. Ich hatte immer 
das Gefühl, entweder geht es ab mit Schmerzen 1 ) oder es platzt 
und dann spüre ich nichts mehr. Ich wußte selbst nicht mehr, 
was dann kam. Es war dann gar nicht mehr meine Angelegen- 
heit. Dann mußten die anderen mir helfen. Dann kann ich 
nicht mehr allein, dann muß man mir ein Klistier geben 
oder irgend etwas. Dann war ich absolut machtlos." 



*) Anklang an den Geburtskomplex. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 241 

Wichtig ist Gerdas Angabe, sie habe geglaubt, der Inhalt des 
geplatzten Darmes trete in die Bauchhöhle. Hieran schließt sich der 
Einfall, sie habe es so gräßlich gefunden, wenn man von den Hänge- 
bäuchen der Negerfrauen gesprochen habe. „In der Art" habe sie es 
sich aber vorgestellt, wenn der Darrninhalt in die Bauchhöhle trete, 
d. h. sie glaubte, daß man dann wie mit einem Hängebauch belastet sei. 
Hieran reiht sich wie unvermittelt eine kurze Bemerkung über ihre 
Blinddarmoperation. Die Assoziationen: Stuhlentleerung-Bauch- 
höhle-Hängebauch-Blinddarmoperation (Narkose) -Ohnmacht sind nicht 
nur äußerlich, sondern auch inhaltlich enge miteinander verknüpft. 
Der ihnen zugrunde liegende Komplex wird klar durch folgende Be- 
merkung Gerdas: 

Mit 10 oder 11 Jahren sei ihr zuerst der Leib der Schwangeren 
aufgefallen. „Ich mochte es nicht recht angucken. Ich fand es scheußlich ! 
Wenn ich längere Zeit nicht auf dem Klosett war, wurde der Leib 
so dick, daß ich ihn am liebsten einzog. Ich hatte dann das Gefühl, 
die anderen merkten es, und kniff ihn zusammen." 

Nach dieser Schilderung, bei der Gerda in einem Atem den dicken 
Leib der Schwangeren mit dem Leibe bei Stuhlverstopfung erwähnt, 
sollte man meinen, der Schwangerschaftskomplex (die Graviditäts- 
phantasie) und auch dessen Zusammenhang mit der Stuhlverstopfung 
sei ihr selbst bewußt geworden. Davon sind wir aber noch weit entfernt. 
Ich hütete mich auch, schon jetzt durch eine Aufklärung in den Gang 
der Analyse einzugreifen. 

Noch enger werden die Beziehungen zwischen Stuhl- und Absatz- 
komplex durch folgende Bemerkungen: Gerda hat sich lange vor- 
gestellt, der Kot wachse im Darme an, wie mit Wurzeln. Sie 
habe beim Stuhlgang oft Schleim verloren und daher geglaubt, derselbe 
hefte den Kot an die Darmwand; wenn sie drücke, gehe 
er los und der Darm breche durch! 

Oder: Wenn sie verstopft war, habe sie geglaubt, der Kot sei 
ringsum am Darme angewachsen, er versperre die Passage. Daher 
hatte sie Angst, er säße so hoch, daß er durch die Darmmuskulatur 
nicht mehr „loszukriegen" sei. Sie hatte daher das Gefühl, „es ginge 
bis zum Brustbein"! „Alles drückt nach oben hinauf; ich habe dann 
immer herunter geschluckt, in der Meinung, dann muß es sacken. Wenn 
ich das so habe, bin ich vor dem Weinen und habe Kopfweh von der 
Anstrengung. Dann ist mir jegliches Klistier schrecklich, denn ich 
habe Angst, es wird dadurch nur weiter hinaufgetrieben. Ich kann 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. lo 



242 Ludwig Binswanger. 

dann nicht mehr frei atmen. — Ich dachte, es wäre noch nicht recht 
verdaut. — "Wenn alles so hoch stieg, hatte ich furchtbare Angst 
und Unruhe.'' 

Nur soviel sei hier festgehalten : Wir haben in den Empfindungen 
und Vorstellungen bei der Stuhlentleerung ein Prototyp für diejenigen 
bei der Ohnmacht kennen gelernt, in den Angaben über das Anwachsen 
des Stuhls an die Darmwand Beziehungen zu dem mit den Zinken oder 
Stiften am Stiefel festgewachsenen Absatz. Die Phobie vor dem 
Losreißen und Durchbrechen des Stuhls aus dem Darme in die Bauch- 
höhle ist das Prototyp für die Phobie vor dem Losreißen des Absatzes. 

Der Autoerotismus und seine Beziehungen zur Ahsatzphobie. 

Am 41. Tage berichtet Gerda über ein Faktum, das ihren Ex- 
krementalkomplex ganz besonders schwer traf. Einige Monate vor der 
Episode auf dem Eis habe sie nachts das Bett verunreinigt. Die Kinder- 
frau habe sie getröstet, aber das Ereignis sei ihr gräßlich gewesen; sie 
habe es nie vergessen. Seitdem habe sie Angst davor gehabt, abends 
Obst zu essen. 

In Hypnose versetzt ergänzt sie hierzu: 

„Ich hatte furchtbare Angst, es könne noch einmal passieren. Ich 
mochte es gar nicht sagen. Ich war so hilflos und habe geweint. Ich habe 
die Kinderfrau sehr um Entschuldigung gebeten und bin ihr 
um den Hals gefallen. Ich genierte mich vor den anderen und hatte 
Angst, es könne jemand davon reden. Als ich die Kinderfrau damals 
beim Heimweg vom Eise traf, hatte ich ihr gegenüber genau 
dasselbe Gefühl wie in jener Nacht. Ich blieb die nächsten Tage 
bei ihr und ging den Geschwistern aus dem Wege. 

Ich hatte in jener Nacht das Gefühl, ich hätte es nicht selbst getan. 
Es war im Traume geschehen 1 ). Ich fühlte nach und erschrak." 

Man achte auf die von Gerda selbst empfundene Analogie 
zwischen ihrem Verhalten nach diesem Ereignis und demjenigen nach 
der Episode auf dem Eis (Schamgefühl, Bitte um Entschuldigung, 
Weinen usw., Scheu vor den Geschwistern). Bevor uns dieser Zusammen- 
hang jedoch ganz klar werden kann, müssen wir die Analyse weiter 
verfolgen. Dabei stoßen wir immer wieder auf die autoerotische 
Betätigung Gerdas. 

Im Anschluß an die Bemerkung, wenn sie etwas aufrege, müsse 
sie sehr häufig Wasser lassen, berichtet Gerda, daß ihr das Wasserlassen 

x ) Später gibt sie zu, sie glaube, damals mit dem Fuße die Analgegend 
berührt zu haben, „und dann kam es". 



Analyse einer hysterischen Phobie. 243 

von jeher eine angenehme Empfindimg verursache, besonders wenn sie 
dabei presse. Sie habe mit 7 Jahren auch öfters mit den Händen an 
jener Gegend gespielt. Es passierte besonders, wenn sie auf dem Topfe 
saß, eine ihrer Lieblingssituationen. Sie habe dabei jene Gegend genau 
so zusammengezogen wie den Darmausgang! „Ich wollte es nicht und 
tat es doch. Ich hatte das Gefühl, es gehört sich nicht." Noch mit 11 oder 
12 Jahren habe sie es getan. 

Wir erfahren hier Beziehungen zwischen ,,der vorderen Gegend",, 
wie wir in der Analyse die Vulva bezeichneten, und der Analregion 
(Pressen). Beide sind für Gerda erogene Zonen, die jetzt immer mehr 
als solche zum Vorschein kommen neben der dritten, in der Neurose 
wichtigsten erogenen Zone, der Fersen- Absatz-Region. Die Beziehungen 
zwischen allen drei Regionen werden im folgenden klar zutage treten : 

Zuerst erfolgte das Pressen vorne, dann das Hinfassen, dann 
kam der Drang, Wasser zu lassen, und dann „ein offenes Gefühl", 
ein Gefühl, als ob es vorne nicht geschlossen wäre. Dieses Gefühl 
mußte Gerda durch den Druck der Hände steigern, sie „konnte es 
nicht lassen" ! 

Wir denken hier unwillkürlich an das „offene Gefühl", das Gerda 
beim Ziehen am Absatz verspürt, und ihren unwiderstehlichen Drang, 
„dagegen zu pressen". 

Bei jenen Manipulationen an der Vulva konnte Gerda den Genuß 
noch erhöhen, indem sie sich in recht traurige Stimmungen versetzte, 
sich vorstellte, die Eltern würden sterben, es könne Albert etwas 
passieren usw. Auch wenn sie an gelbe Stiefel dachte, „wurde das 
Gefühl stärker". 

Während Gerda diese Vorgänge aus längst vergangener Kindheit 
berichtet, stellen sich die alten Gefühle auf einmal wieder ein: „Es 
schließt nicht vorne, ich muß zusammenpressen, es schließt 
nicht mehr!" 

Die Manipulationen mit der Hand waren aber nicht die erste Form 
masturbatorischer Betätigung bei Gerda. Ihr war eine andere Form 
vorausgegangen, die nach der Episode auf dem Eise aufgegeben und 
verdrängt wurde. Am 59. Tag berichtet Gerda: „Ich wollte die Stiefel 
schützen, ich hatte das Gefühl, es würde ihnen zu viel zugemutet. 
Ich habe mich am liebsten darauf gesetzt (in der Zeit vor dem 
Trauma), die Beine untergeschlagen und das Kleid darüber 
gedeckt (weint). Da war der ganze Körper so eng zusammen, 
das mochte ich so gern, da konnte niemand an mich heran- 

16* 



244 Ludwig Binswanger. 

kommen; und dann mochte ich am liebsten ganz allein sitzen 
und war am allerzufriedensten 1 ). Dabei preßte ich die Stiefel 
zwischen die Beine." 

Bei diesen Worten hat Gerda das Gefühl, der Absatz rutsche 
unter dem Stiefel weg, und weint bitterlich. Wir sehen, wie während 
und durch die Analyse die Symptome wieder hervorgerufen werden. 

Fassen wir nun die Veränderungen ins Auge, die durch das Trauma 
auf dem Eise in Gerdas Beziehungen zu Stiefel und Absatz geschaffen 
wurden : 

„Nachher", sagt Gerda, „konnte ich nicht mehr darauf 
sitzen ans Angst, er (der Absatz) würde abbrechen! 

Erst nach der ersten Ohnmacht ist es mir aufgegangen, daß der Stiefel 
zu schwach wäre, nicht so viel aushalten könnte und daß noch etwas 
drin wäre, das ich gar nicht geahnt hatte. Davor hatte ich mich 
so furchtbar entsetzt, daß ich da hineingeguckt hatte. Es war, wie 
wenn ein Stück von mir auseinander fiele, und ich stände auf einmal 
ratlos davor und müßte, ohne zu wollen, hineinsehen. Nun hatte ich doch 
die Stiefel so gern, und nun auf einmal sprachen alle darüber. Das war 
ein Stück von mir selbst, das da preisgegeben wurde. Ich hatte 
das Gefühl, ich bin unten durch bei ihnen und werde obendrein noch aus- 
gelacht. Sie merkten alle, daß es mir unangenehm war. Nun auf einmal 
merkten alle, daß ich so viel Wert auf den Stiefel legte 2 )!" 

Gerda hat jetzt genau dasselbe Gefühl wie auf dem Eis, wenn 
die Schlittschuhschraube zugedreht wurde, ein Gefühl, wie wenn ihr 
selbst „eine Klammer angelegt" worden wäre. 

„Ich hatte nie darüber nachgedacht, daß der Absatz abgehen könnte. 
Es tat mir weh für ihn, daß ich ihm nicht helfen konnte. Ich hatte das 
Gefühl, es war nicht meine Schuld(!). 

Der Stiefel war mein Sorgenkind! 

Ich hatte die Stiefel so gern, weil sie mir das Vergnügen gemacht 
haben! Und dann mußte das passieren! Ich wäre nie auf den Gedanken 
gekommen, daß durch die Schlittschuhe meine Stiefel zerrissen werden 
könnten. Sobald sie kaput waren, konnte ich sie nicht sehen, aus Angst, 
die Leute guckten darauf und könnten sehen, daß etwas nicht in Ord- 
nung sei." 

Jetzt wird es Gerda auch klar, warum sie bei dem Trauma auf 
dem Eise so enttäuscht war, nämlich weil sie den Stiefel nicht mehr 



*) Vgl. das Gefühl in der Ohnmacht: ,,Da konnte niemand an mich heran", 
„ich bin ganz allein, niemand stört mich". 

2 ) Am 66. Tag erklärte sie: „Ich fand es unanständig, zu zeigen, was im 
Stiefel drin war. Ich wußte nicht, ob in anderer Leute Stiefel auch solche Zinken 
waren und hellgelbes Leder." 



Analyse einer hysterischen Phobie. 245 

zum Daraufsitzen gebrauchen konnte. Vgl. S. 237. „In dem Augen- 
blicke fiel mir alles ein, was ich mit dem Stiefel getan hatte!". 

„Ich muß mir ein Ideal aus den Stiefeln gemacht haben. Nachdem 
Unfall auf dem Eise dachte ich mir dann: Ich habe sie aber einmal lieb 
gehabt und muß weiter an ihnen festhalten, weil sie so schwach 
sind. Es war ein gewöhnliches Pflichtgefühl. Die Pflicht trat aber 
an Stelle der Liebe 1 )!" 

Ich: „Sie müssen aber auch großen Haß gegen die Stiefel emp- 
funden haben, weil Sie sie nicht mehr zu Ihren Manipulationen verwenden 
konnten !" 

Gerda: „Wenn ich später wieder kapute Stiefel sah, schleuderte 
ich sie weg, da brach der Haß durch ! Ich hatte das Gefühl, ich hätte es 
nicht um die Stiefel verdient. Ich hatte gerade so dafür gesorgt, und anderen 
passierte es doch nie, die viel gröber damit umgingen. Ich fand es so un- 
gerecht. Ich hatte absolut das Vertrauen zu Stiefeln verloren, die einmal 
kaput waren. Ich habe sie immer wie etwas Lebendes behandelt. Wie 
mein Absatz abging, war es wirklich eine Enttäuschung." 

Soweit macht Gerda die Stiefel selbst verantwortlich für das 
Ereignis und wälzt alle Schuld von sich. Es läßt sich aber leicht denken, 
daß sich bei Gerda ein starker Vorwurfsaffekt an die Vorstellung 
des Stiefels knüpft, ausgehend von der Stiefelmasturbation. Erstens 
gibt sie zu, sie habe oft Angst gehabt, die Menschen merkten ihr die 
Masturbation an. Dann aber tritt hier folgender wichtiger Gedanken- 
gang auf: 

„Es (das Losgehen des Absatzes) hätte also auch passieren können 
beim Draufsitzen, allein durch meine Schuld! Dann hätte ich mir 
große Vorwürfe gemacht; dann wäre ich danach gefragt worden. Die 
Stiefel aber wollte ich immer für mich allein behalten." 

Am 66. Tag bringt sie folgende Version: 

„Ich hatte vorher nicht damit gerechnet. Wenn es passiert wäre 
beim Draufsitzen, wäre alles an den Tag gekommen. Sie hätten 
gefragt, weswegen ich das tue und hätten dann noch mehr auf mich auf- 
gepaßt. Ich glaube, ich hätte ein so schlechtes Gewissen gehabt, 
daß ich gar nicht aufgestanden wäre, oder daß ich den Stiefel versteckt 
hätte." 

Wird so der Konflikt, der sich an die Vorstellung von Absatz 
und Stiefel knüpft, immer mehr aufgedeckt und immer beziehungsreicher, 
so erhält er im folgenden noch einen Zuwachs an Vorstellungen und 
Gefühlen durch die speziellen Beziehungen zwischen Absatz und 

*) Vgl. später die Wandlung des Mutterkorn plexes ! 



246 Ludwig Binswanger. 

Analregion. Jedoch befinden wir uns auch damit noch ganz in den 
Anfängen der Analyse. 

Wir haben zuletzt nur die Genitalkomponente der Masturbation 
näher betrachtet. Nicht minder wichtig ist die Analkomponente.Erinnern 
wir uns, daß Gerda zugleich vorn und hinten mit dem Stiefel mastur- 
bierte. Auch das Pressen gegen den Darmausgang war ihr ein „an- 
genehmes Gefühl". 

„Ich wußte dabei, es konnte nichts kommen (kein Stuhlabgang 
erfolgen), denn der Darm war durch den Absatz von unten ge- 
schlossen, außerdem war der Darminhalt sehr hart und kam sowieso 
nie. Darum hatte ich nachts furchtbaren Schrecken wie es doch 
kam, und seitdem furchtbare Angst vor Träumen. 

Wenn ich allein saß, habe ich mich entschieden am meisten mit Darm 
und Stiefel abgegeben. Die beiden gingen Hand in Hand, gehörten 
für mich zusammen; sie waren meine besondere Unterhaltung. Als es 
damals nachts kam, habe ich mich furchtbar geniert, daß die anderen es 
erfahren würden und ging allen aus dem Wege. Und nun kurz darauf, 
zwei Monate später, kam dieselbe Sache mit dem Stiefel. Ich 
dachte, ich kann ihm alles zumuten, ich pflegte ihn so gut, und nun hat 
der auch (d. h. wie der Darm) nicht gehalten, was ich ihm zugemutet, 
hat den Druck des Schlittschuhes nicht ausgehalten, hat nachgegeben 
und sich geöffnet. Jetzt war es der Stiefel, der mich im Stich gelassen. 
Einer nach dem andern fiel von mir ab, und alles, was ich mir 
gedacht, wurde über den Haufen geworfen (bezieht sich auch 
auf ihre infantilen Sexualtheorien, wie wir später sehen werden). Wie der 
Darm nachgegeben hatte, war meine letzte Hilfe der Absatz (sc. uni weiter 
masturbieren zu können); wie nun auch der nicht standhielt, fühlte ich 
mich ganz verlassen. Nun hatte ich nichts mehr zum Zustopfen, denn 
mein bloßer Fuß war nicht hart genug." 

Ich bringe hier Gerda auf ihr Verhalten bei den Absatzexperi- 
menten, wo sie sich offenbar gegen das Losreißen des Absatzes wehre 
und winde in dem Gedanken, es könne sonst Stuhlgang erfolgen. Darauf 
sie: „Ja, ich muß sehen, daß ich noch Gewalt darüber habe (über den 
Darm), daß ich ihn noch fühle. Es ist eine gewisse Machtfrage." 

Wenn wir nun rekapitulieren, warum das Absatztrauma so sehr 
auf Gerda einwirkte, so können wir sagen: Es bedeutete den Verzicht 
auf die genitale und anale Stiefelmasturbation. (Die anale 
Masturbation will Gerda seitdem ganz aufgegeben haben, bei der 
genitalen wurde der Stiefel durch die Hand abgelöst.) Ursache des Ver- 
zichtes war einmal die Angst, der Absatz könne auch während des 
Sitzens auf dem Stiefel abgehen, so daß alles an den Tag käme und sie 
als unanständig verachtet würde, also die Angst vor Entdeckung, 



Analyse einer hysterischen Phobie. 247 

sodann die Angst, es könne dabei zur unfreiwilligen Stuhlentleerung 
kommen, wovor sie den allergrößten Horror hatte. Schon zwei Monate 
vorher hatte sie ihr Vertrauen auf den Darm aufgeben müssen, da er 
nachts im Traume sich öffnete. Jedoch blieb ihr als Verschluß noch der 
Absatz, bis sich auch dieser als unzuverlässig erwies. 

Wir haben es hier aber nur mit einer Determinante der Absatz- 
phobie zu tun und gehen nun daran, die Analyse weiter zu verfolgen. 
Mannigfache Hinweise auf tiefere Komplexe hat uns das bisherige 
Material schon geliefert. Wir warten jedoch, bis sie noch deutlicher 
herausgearbeitet sind. 

Die infantile Sexualforsclmiig. 

Das Ereignis, welches vor dem Trauma auf dem Eise am ge- 
waltigsten in das Leben Gerdas eingegriffen hat und dessen Spuren 
wir bei der Verfolgung der Analyse der Absatzphobie immer deutlicher 
auffinden werden, war die Geburt ihres jüngsten Bruders Max. 
Gerda war damals 5 Jahre und 3 Monate alt. (Das Trauma auf dem 
Eise erfolgte kaum ein halbes Jahr später.) 

Bevor wir uns die Wirkung dieses Ereignisses auf das Seelenleben 
des Kindes klarmachen können, müssen wir seiner infantilen Sexual- 
forschung gedenken, die ihrerseits durch die Geburt von Max mächtig 
angeregt worden sein muß 1 ). Fiel sie doch gerade in ein Alter, wo 
jene Forschung ihren ersten Höhepunkt bereits erreicht hat. Hören wir 
Gerda selbst: 

„Kinder waren nach meiner Ansicht Ableger der Mutter; wollte 
sie ein Kind haben, so mußte sie etwas Besonderes essen 2 ), Hafer- 
schleim usw., um dick zu werden. Hatte sich im Leib genug 
angesammelt, so platzte er auf. Zuerst sprang der Magen knöpf 3 ) 
auf, dann riß es weiter nach unten längs der dunklen Linie (Linea 
alba). Das Kind schob sich langsam heraus 4 ) — ein fertiger Mensch, nur 



x ) Wir erinnern uns, daß Gerda noch einen andern jüngeren Bruder hatte, 
Albert. Bei dessen Geburt war sie 2 Jahre alt. Wie weit Erinnerungsspuren an 
dieses Ereignis erhalten und etwa mit der Geburt von Max verquickt wurden, ist 
nicht mehr zu eruieren. Jedenfalls hatte sich Gerda mit dem Erscheinen von 
Albert rasch abgefunden. Es scheint, wie wenn er immer da gewesen wäre als 
der unzertrennliche und stets bevorzugte Begleiter der Schwester. 

2 ) Ein andermal gebrauchte Gerda den Ausdruck „einnehmen". 

3 ) In ihrer Kindersprache gebräuchlicher Ausdruck für Nabel. 

*) In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß Gerda immer möglichst 
dünn erscheinen wollte, ihren Leib einzog usw. Nur manchmal habe sie Freude 



248 Ludwig Binswanger. 

winzig klein 1 ). An einer Stelle war es noch mit der Mutter 
zusammengewachsen, das löste sich nicht von selbst, sondern mußte 
abgeschnitten werden. Der Arzt nähte nachher alles bei der Mutter 
wieder zu. Sobald das Kind nun das Tageslicht erblickt hatte, wuchs es 
sehr schnell, bis es ein normales Baby war. So wie ich's mir 
körperlich vorstellte, dachte ich mir auch die geistigen 
Beziehungen zwischen Mutter und Kind." 

Bei dem so ausgesprochenen Exkrementalkomplex Gerdas 
wundern wir uns nicht, eine infantile Schwangerschafts- und Geburts- 
theorie zu finden, die aufs engste an den Vorgang des Essens, an die 
Verdauung und Defäkation geknüpft ist. Das eben mitgeteilte Stück 
der Theorie zeigt aber, daß wir es hier nicht mehr mit der Urfabel, 
mit der ursprünglichen Theorie zu tun haben, daß vielmehr schon eine 
Wandlung eingetreten sein muß, und zwar in bezug auf die Ausgangs- 
pforte, auf den Geburtskanal. Wir wissen ja aus mannigfacher Erfahrung, 
daß die ursprüngliche und durchaus logische Folgerung aus obiger 
Theorie die ist, daß das Kind, das im Leib oder Magen 2 ) wächst, 
durch eine natürliche Öffnung, den After, den Leib verläßt, wie die 
gewöhnliche Nahrung. Auch bei Gerda werden wir Anhaltspunkte 
für dieses verloren gegangene Stück der Theorie finden. Wir müssen 
um so eher darauf eingehen, weil das Absatzsymptom wiederum aufs 
engste mit dieser Theorie verquickt ist. Doch davon später. 

Die Anschauung Gerdas, daß Kinder Ableger der Mutter seien, 
stammt aus ihren Beobachtungen im Pflanzenreich. 

„Ich fühlte mich ganz und gar als ein Ableger oder Abstecher meiner 
Mutter", schreibt Gerda; „das hatte ich oft im Pflanzenreich gefunden, 
daß die jungen Pflanzen aus den alten herauswachsen. Wenn sie dann 
groß genug sind, so werden sie getrennt und in einen Topf für sich allein 
gesetzt! Ganz deutlich entsinne ich mich einer Amarylhs, an der sieh 
langsam seitwärts an dem Knollen eine neue Pflanze entwickelte. Jeden 
Ta<r habe ich nachgesehen und konnte gar nicht abwarten, bis ich sie von 
der Mutter trennen konnte. Es war wirklick ein kleines Wunderwerk. 
Genau die Formen der großen Amaryllis im kleinen. Langsam suchte 
sie Halt nach unten zu bekommen; die Wurzeln berührten schon 
die Erde, aber sie mußte doch noch von der Mutter genährt werden. Dann 
setzten sich nach oben Blätter an, schoben sich langsam und vorsichtig 



daran gehabt, wenn der Darm ganz voll war; dann hatte sie das Gefühl, „jetzt 
muß es aueh durchgehen, es schiebt so viel nach". Sie habe dann mit einem 
ihr selbst unbegreiflichen Heißhunger gegessen! 

1 ) So groß wie eine „Badepuppe". 

l ) Gerda erklärt ausdrücklieh, daß Leib und Magen für sie als Kind identisch 
gewesen seien. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 249 

ans Licht. Da glaubte ich, es wagen zu können. Ganz vorsichtig habe 
ich sie losgelöst, um nichts zu zerreißen! In kräftige schwarze 
Erde gesetzt, stellte ich sie in mein Gewächshaus, an die beste Stelle, wo 
jeder Sonnenstrahl hintraf. Doch vergebens wartete ich auf neue Schosse, 
allmählich ließ sie sogar nach und fing an zu welken. Ich habe sie be- 
gossen und gedüngt. Vielleicht war das gerade mein Fehler. Die 
kleine Amaryllis ging aus, sie verfaulte, weil sie noch nicht die Kraft besaß, 
alle die Nährstoffe, die ihr von außen zugeführt wurden, in sich aufzunehmen 
und zu verwerten. Ich hatte sie zu früh von der alten Pflanze 
losgerissen, von der sie noch ihre ganze Nahrung bekam. Sie hätte 
sich auf natürlichem Wege kräftigen müssen, statt dessen habe ich 
sie erstickt durch zu viel Fürsorge." 

Führt uns schon dieses Beispiel aus dem Pflanzenreich einen 
Schritt weiter in der Erkenntnis der Bedeutung der Absatzphobie 1 ), 
so erfahren wir hierzu noch neues Material durch die Analyse der 
Zinkensymbolik, die unmittelbar an das obige Beispiel anknüpft 
und uns ebenfalls auf die infantile Sexualforschung im Gebiete des 
Pflanzenreichs hinweist. 

Wir erinnern uns, daß Gerda vor der ersten Ohnmacht ausrief: 
„Ich habe die Zinken gesehen." Sie beschreibt sie als etwas Kleines, 
Weißes, das durch den Spalt zwischen Absatz und Sohle hindurch 
geschimmert habe. Es tut ihr weh, daran zu denken, „als ob es etwas 
Lebendes wäre". 

Als wir nun bei einem Spaziergang im Walde einen alten zer- 
fetzten Stiefel am Wege liegen sahen, und ich am nächsten Tage fragte, 
warum Gerda beim Anblick dieses sehr defekten Stiefels keinerlei 
Gefühl gezeigt habe, antwortete sie: 

„Ich hatte das Gefühl, die (nämlich die alten Stiefel) leben nicht 
mehr, die Zinken sind nicht mehr hell, nicht mehr frisch, sind 
abgestorben, tot." 

Im Gegensatze hierzu erinnere sie sich ganz besonders, daß die Zinken, 
die sie bei der Episode auf dem Eise an ihrem eigenen Absatz sah, ,,so 
schneeweiß waren". „Komisch," fährt sie fort, „es kam mir gestern auf 
einmal vor, wie wenn man einen frischen Zweig oder einen alten aus- 
gedörrten abschneidet. Es ist hauptsächlich die frische Farbe, die 
mich an alles erinnerte, das Weiße. Und der Farbenkontrast bei dem 
schwarzen Stiefel! Und das Gelbliche im Absatz, es sah alles 
lebendig aus. Wenn man einen Ast abschneidet, da sind auch die 
weißen — da ist auch Mark drin und daran erinnern mich die Zinken im 
Stiefel. Wir haben oft Hollunderzweige abgeschnitten als Kinder 
(Albert und sie) und Peitschen davon gemacht. Wenn die langenZweige 

x ) Man achte auf die Ausdrücke: „vorsichtig loslösen, zu früh losgerissen" usw. 



250 Ludwig Binswanger. 

abgestorben sind, ist das Mark eingetrocknet, und dann haben 
sie keineKraft mehr, und dann kann man nichts mehr damit 
anfangen; dann war es tot. Daran erinnert mich ein Stiefel, 
der so verwittert daliegt: Da stören mich die Zinken gar nicht. 
Aber beim Stiefel, der getragen wird, sind die Zinken heller und das 
lebt für mich; wie ein Stock, in dem frisches Mark drin ist." — 
„Zinken" erinnert mich an frisches Mark, in dem Saft drin ist. — Ich 
dachte, daß bei Kinderstiefeln in den Zinken mehr Leben, mehr 
Saft drin steckt; bei Männern, da sind sie schon mehr ausgedörrt, 
da sind sie schon älter und kräftiger. — Ich stellte mir vor, daß wenn 
die Schuhe alt werden, auch die Zinken leblos, tot werden; dann ist es 
nicht mehr so schlimm; Kinderschuhe sind schlimmer, weil ich das Gefühl 
habe, sie sind jünger. Wenn ich Stiefel lange getragen habe, habe ich 
das Gefühl, jetzt können sie's aushalten. Ich wußte, was ich davon zu 
halten hatte, was ich ihnen zumuten konnte. Dies ist mir gestern ganz 
klar geworden, wie die ganze Natur lebte und der Stiefel tot 
dalag! 

£ '-^ Die Zinken aus neuen Stiefeln habe ich noch nicht erprobt, die sind 
noch nicht widerstandsfähig, nicht wetterhart; die sind noch 
etwas biegsamer, noch nicht ganz hart und fest geworden. Das 
ist, glaube ich, mein Schrecken gewesen, was Lebendes, wo 
noch Saft drin steckt und was zu schwach ist, was noch besser 
werden kann, wo ich mich noch nicht draufsetzen (!) kann; 
es ist ein Unrecht, wenn ich es tue, schon bevor es stark geworden. Ich 
habe nachher nur die alten Schuhe zum Schlittschuhlaufen angezogen, 
weil ich das Gefühl hatte, dann kann nichts mehr passieren !" 

Ich: „Was fällt Ihnen noch zu Zinken ein?" 

Gerda: „Zinken — dünn, schwach — bohrt Löcher — hält 
aber nicht recht fest, weil es nicht einhackt, sondern nur 
hineinsticht — ziemlich kurz — es kann herausrutschen — wenn 
es nicht weit genug durchgeschlagen ist." 

Am nächsten (79.) Tage erfahren wir noch folgendes: 

„Im Frühling sah alles noch gleich aus von außen, erst wenn man es 
abschnitt, merkte man, ob noch Leben drin war oder ob es tot war. Wir 
sollten die frischen Zweige nicht abschneiden. Wir wurden auch angehalten, 
die Rosen richtig abzuschneiden, sonst verbluteten sie und ginge so 
viel Kraft fort. — Hauptsächlich wenn man dran reißt und es nicht 
ganz abkriegt, dann bleibt es hängen. Dann hat man es eigentlich getötet, 
verdorben, der Saft steigt dann nicht mehr nach oben. Mitnehmen 
konnte ich es nicht, weil es ganz fest saß! Sonst hätte ich's ins 
Wasser gesteckt. Ich hatte es zerstört, ohne Nutzen und Freude daran 
zu haben. Wenn so ein Zweig am nächsten Tage baumelte, dann hatte 
ich ein Schuldgefühl 1 )!" 



x ) Deutliche Masturbationspkantasie mit auffallend „männlichem" Cha- 
rakter. Vgl. den Asttraum bei Freud: Traumdeutung, I. Aufl., S. 234, ferner das 



Analyse einer hysterischen Phobie. 251 

81. Tag: Hollunder? „Es war mir rätselhaft, wie Blätter und 
Blüten herauskamen aus dem einfachen Hoiz, rote Blüten! Da müßte 
man doch schon vorher Farben und kleine Blüten drin sehen. Man sagte 
immer, da ist Saft drin, der macht alles, aber es war mir un- 
verständlich, rätselhaft, wie das sein sollte. Ich habe oft gefragt, 
wie weiß man vorher, was da für eine Blume herauskommt, z. B. wenn ich 
etwas gesät hatte; gerade weil man mir vorher gesagt hatte, daß die und 
die Farbe herauskommt. Ich hatte deswegen das Gefühl, ich könnte es 
bestimmen. Ich habe mich furchtbar geärgert, wenn mir widersprochen 
wurde. Ich glaubte nämlich, wenn ich etwas schrecklich gerne wollte, 
dann müßte es geschehen 1 )." 

Wir sehen : Die Zinken erinnern Gerda an Holl u nderstäbche n 
und diese erschienen ihr als Kind gleichsam als pflanzliche 
Zeugungsorgane. Sie erklärt denn auch in diesem Zusammenhang: 
„Vom Absatz habe ich nie reden hören wollen wie von der 
Zeugung!" 

Kehren wir nun wieder zurück zu Gerdas Sexualforschung: 
Von den Tieren interessierten sie am meisten die Kuh und das 
Huhn. Wie das Kalb, das doch so lange Beine hatte und gleich nach der 
Geburt stehen konnte, aus dem Leibe der Kuh herauskäme, das war 
ihr immer rätselhaft. Wichtiger für uns sind ihre Eeflexionen über das 
Huhn. Sie wollte immer dabei sein, wenn ein Huhn ein Ei legte. Um 
dies besser beobachten zu können, legte sie einmal einen Matrosenhut 
auf das Nest und erwartete daß ein Huhn sich darauf setzte ! Ich mache 
sie hier aufmerksam auf die Ähnlichkeit des Eierlegens mit der De- 
fäkation. Das leuchtet Gerda ein. Sie hatte geglaubt, das Ei käme aus 
dem Darm 2 ) ! Da es aber eine so feste Schale hatte, konnte sie sich nicht 
klar darüber werden, „wie es durchging". Besonders wunderte sie sich 
immer, wo der Schnabel und die Haare herkämen ! Oft rührte sie mit 
dem Löffel im Ei herum, um nach Federn und dergleichen zu fahnden ! 
„Begossen wird das Ei doch nicht, es wird doch auch sonst nichts damit 
gemacht, woher kommen also die einzelnen Teile?" Gerda hat bis 
heute einen Widerwillen gegen gekochte Eier. Besonders wenn sie noch 
„schleimig" sind, kann sie sie nicht essen. Alle „Schleimfetzen" mußten 
früher entfernt werden, bevor sie das Ei aß. Hie und da habe sie „so 

Abreißen oder Abschneiden der Ähren bei Rank: Ein Traum, der sich selbst 
deutet. Dieses Jahrbuch, II, S. 482 ff. 

*) Gerda hatte auch ihre Mutter oft gebeten, sie möchte ihr noch Zwillinge 
schenken; als sich dieser Wunsch nicht erfüllte, machte sie einzig und allein den 
schlechten Willen der Mutter dafür verantwortlich und grollte ihr deswegen. 

2 ) Ei = Bindeglied zwischen Stuhl und Kind! 



252 Ludwig Binswanger. 

einen rötlichen Punkt" im Ei gefunden; aus diesem, sagten ihre Brüder, 
entstünde das Junge. Wenn sie nun einmal ein Ei mit einem solchen 
,, dunklen Punkt" gegessen habe, hatte sie „lächerliche Angst", sie 
hätte etwas Schlechtes gegessen, „es käme alles hoch", sie müsse er- 
brechen. Sie dachte dann: „Am besten, wenn ich aufs Klosett gehe, 
dann geht's weg." Diese Phantasien sind wiederum deutliche Über- 
leitungen von der Geburtstheorie zum Exkrementalkomples. 

In einem späteren Zeitabschnitt gibt Gerda selbst aber auch 
diejenigen Phantasien preis, die einen direkten Zusammenhang zwischen 
dem Ausbrüten des Eis durch die Henne und dem Sitzen auf dem 
Stiefel 1 ) herstellen. Sie sagt: „Wenn Hennen gesetzt werden, 
wird ein Ei unter sie gelegt. Das Kücken kriecht dann aus 
dem Ei heraus. Und ich habe mich auf den Stiefel gesetzt 
und gedacht, da innen muß es herauskommen; man sah 
von außen gar nichts (bei der Henne) wie bei mir; ich legte ja 
den Rock darüber." 

Wir sehen, daß mit der Stiefelmasturbation Gebärphantasien 
verbunden waren, die dem damaligen Stand der Kenntnisse des Kindes 
entsprachen. Wir haben aber noch mehr Material zu diesem Thema! 

„Die Zinken", sagte Gerda, „waren für mich der Inbegriff des 
Lebenden, als ob sich da was Lebendes bildete. 

Da ist ein Keim drin, aus dem sich noch mehr Leben entwickelte. 
Die Wärterin hatte mir doch gesagt, ich sollte die Stiefel schonen, meiner 
Meinung nach, damit ich nicht vorzeitig alles erführe. Was mir aber die 
Wärterin sagte, das war für mich ein Evangelium! Darum habe ich den 
Stiefel auch lieb gehabt und ganz nahe an mich herangenommen und dafür 
gesorgt, und trotzdem war ich die erste, der das passierte und die den An- 
blick vor allen Leuten aushalten mußte! In dem Augenblicke, wo die 
Wärterin mir sagte, dein Hacken ist ab, muß ich die Ideenverbindung 
gehabt haben: Da ist Leben drin! Im Fuße bewegt sich alles 
und der Stiefel ist nicht geschlossen!" 

Wir sehen also, was in dieser Schicht der Analyse die Absatz- 
phobie bedeutet: Sie ist ein Schutzbau gegen das Bewußtwerden einer 
Geburtsphantasie! Wir haben im Absatz, besser an der Verbindungs- 
stelle zwischen Absatz und Stiefel eine Art Brutstätte, oder wie Gerda 
sagt, einen Keim entdeckt, ein Organ, aus dem sich ein neues Lebe- 
wesen entwickelt. Dieses Organ ist gewöhnlich verschlossen durch den 
Absatz; geht dieser ab, ist der Stiefel offen, so kommt es zum Wachstum 



*) Wir gewinnen so die Reihe: Ei-Stuhl-Stiefel- (respektive Absatz-) 
Kind. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 253 

des Lebewesens und zu dessen Geburt. Wir werden dies noch in mehr- 
facher Hinsicht bestätigt finden. 

In diesem Zusammenhange sei eines Traumes gedacht, der uns 
später noch beschäftigen wird und aus dem wir hier nur ersehen wollen, 
daß die Theorie von der Entwicklung des Hühnchens von Gerda auch 
auf die Entstehung des Menschen übertragen wurde. Der Traum lautet : 

„Ich habe mit Mama gebadet. Wie wir herausstiegen, hat sich bei 
Mama ein Stückchen Schleim 1 ) losgelöst und blieb im Wasser. Und da 
war noch etwas, ein dunkler Punkt, ich weiß nicht, ob es Stuhl war, 
der hing zusammen mit dem Schleim. Da guckte ich es einen Moment 
an, und da entwickelte sich kolossal schnell ein Kind daraus. Ich sah es 
immer deutlicher. Da frag ich Mama, was das wäre. Sie sagte, ein totes 
Kind, dassie noch in sich gehabthätte. Das war so grauenhaft, 
wie Mama das sagte, daß sie das Kind noch in sich gehabt hätte. Das 
schwamm im Wasser; da bin ich aufgewacht." 

Nachträge: „Aus dein Kernpunkte hat sich alles entwickelt, 
aus den Fetzen kamen die Glieder. — Das Kind saß mit angezogenen 
Armen und Beinen, wie ich es mit 12 Jahren auf einem Bilde (in einem 
Lehrbuche der Geburtshilfe) in unserem Kränzchen gesehen habe. — 
In dem Momente, wie Mama das sagte, war ich nicht mehr ihr Kind. Ich 
war entsetzt, daß sie das sagen konnte, ich war jetzt ihre Gegnerin. Ich 
fand es so grausam von Mama, das zu sagen. Ich war empört, daß sie 
nicht mehr Gefühl dabei hatte. Ich glaubte übrigens im Traume, 
das Kind sei doch in der Mutter gewesen, schon seit Jahren, und nun sei 
es durch einen Zufall herausgekommen." 



Das Bewußtwerden der Schwangerschaftsphantasien. Die Pro- 
stitutionspliaiitasien und ihre Beziehungen zur Absatzphohie. 

Wir wissen jetzt, daß die Absatzphobie mit Schwangerschafts- 
und Geburtsphantasien zusammenhängt, und zwar hat sich uns diese 
Erkenntnis ergeben durch die Beziehungen zwischen Absatzkomplex 
und Exkrementalkomplex und die auf diesen zurückgeführte infantile 
Sexualtheorie. So wie das Hühnchen aus einem dunklen Punkt und 
einer ihn umgebenden Masse Schleim, dem Eiereiweiß, entstehen sollte, 
so sollte auch der Mensch entstehen aus einem Pünktchen Kot und 
aus Schleim. Dies führt aber hinüber zu der Hauptgeburtstheorie 
Gerdas, nämlich der Entstehung der Kinder aus dem Absatz. Die gelbe 
Bruchfläche des losgerissenen Absatzes erinnert an die Schleimfetzen, 
die Zinken an den dunklen Punkt. 



*) Siehe die Angst vor den Sehleunfetzen im Ei! 



254 Ludwig Binswanger. 

Nach und nach wird diese Schwangerschafts- und Geburtstheorie 
immer deutlicher, der Absatz wird selbst zum Kind, der Stiefel zur 
Mutter. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, mußte aber die Patientin 
den Schwangerschafts- und Geburtskomplex am eigenen Leibe durch- 
machen, und wir sehen uns genötigt, ihr auf diesem Wege zu folgen. 

Die Kranke ist bei dem jetzigen Stande der Analyse noch keines- 
wegs überzeugt, daß sie je Phantasien über Gravidität und Geburt 
ausgesponnen, ja sie lehnt diese Zumutung noch vollständig ab. Und 
doch redet ihr Verhalten bei den Absatzexperimenten immer deutlicher. 
Noch mehr, als wir eingangs schon bemerkt, beziehen sich jetzt ihre 
Gefühle beim Ziehen am Absatz auf den Leib. Sie zieht den Leib ein 
in der Meinung, das Angstgefühl dadurch abschwächen zu können. 
„Mein ganzer Körper", erklärt sie dabei, „konzentriert sich auf den 
Absatz, alles spürt es, der ganze Körper. Ich habe das Gefühl, ich 
werde auseinandergerissen. " 

Nachdem Gerda an einem dieser Tage unter heftigem Schrecken 
mit dem Fuße „umgeklappt" war, erinnert sie sich an ihr Verhalten 
bei der letzten Schwangerschaft ihrer älteren Schwester (vor 3 Jahren). 
Sie war damals sehr besorgt, es könne jener etwas passieren, sie könne 
straucheln, stolpern oder mit dem Fuß umklappen. Sie habe 
ihr immer auf die Füße sehen müssen, da sie fürchtete, sie wären zu 
schwach für den starken Leib! Man müsse doch sehr schwer gehen 
in der Schwangerschaft! Gerda betont ihre damalige Angst, die ältere 
Schwester könne fallen, und zwar besonders beim Herabsteigen von 
einer Treppe. Wenn sie aber falle, so habe sie damals gedacht, käme 
das Kind früher. Wenn sie mit der Schwester zusammen war, habe sie 
sich selbst unsicher gefühlt, und zwar in den Beinen, speziell in den 
Knien und der „Absatzgegend" 1 ). Sie hatte Angst, es könne ihr selbst 
etwas passieren, und dabei war sie doch verantwortlich für die Schwester ! 
Ganz dieselben Empfindungen hatte sie auch bei den Schwangerschaften 
ihrer verheirateten Freundinnen. Und nun tritt noch ein bedeutsamer 
Zug auf: Jeweils in solchen Fällen hatte sie das Gefühl: 

„Das liegt hinter mir, das ist abgetan!'' Als ihre Schwester 
den ersten Sohn bekam, hatte sie das Gefühl: „In mir stirbt wieder 
etwas, in mir wird wieder etwas ganz still. Das machte mich 
traurig. Nachher bin ich überflüssig, vorher muß ich für sie sorgen. 
Sie gehört zum Leben, ich nicht. — Ich glaube, in diesen Stimmungen 
ist etwas, was ich wieder begraben habe, was ich mir unbewußt 



*) Wiederum namentlich auf Treppen ! 



Analyse einer hysterischen Phobie. 255 

o-ewünscht habe und was sich doch nicht erfüllt! Dann kommt 
das Gefühl, daß ich anders bin als die anderen und dann das Gefühl der 
Entsagung." 

Wir entnehmen diesen Äußerungen Gerdas Wunsch nach 
einem Kinde, an den sie bei der Gravidität anderer Frauen immer 
wieder erinnert wird. Diesen Wunsch muß sie aber jeweils wieder „be- 
graben". Jedoch nicht nur den Wunsch begräbt sie; man gewinnt 
aus ihrer Schilderung den Eindruck, daß sie das Wunschobjekt selbst, 
das Kind, begräbt, daß das Kind selbst in ihr stirbt. Ihre Phantasie 
ist nicht beim Wunsch nach dem Kinde stehen geblieben, sondern hat 
den Wunsch realisiert. Der Unerfüllbarkeit des Wunsches entspricht 
daher die Vernichtung des vorgestellten realen Objektes, das Absterben 
des Kmdes 1 ). 

Noch immer sieht aber Gerda den Zusammenhang jener Aus- 
sprüche mit Schwangerschaftsphantasien nicht recht ein. Sie haftet 
noch immer am Exkrementalkomplex und berichtet auch jetzt wieder 
von ihrer Angst, daß „es", nämlich der Stuhl, im Leib festwüchse. 

Bald darauf erklärt sie aber doch, es war am 100. Behandlungstage: 
„Die Schwangerschaft 2 ) hat eingeschlagen, das gehört dazu!" 
Diesem Fortschritte folgt gleich ein zweiter, indem Gerda sofort 
von der Schwangerschaft der Schwester auf die Mutter gelangt und 
auf die Geburt des jüngsten Bruders 3 ). Sie berichtet, sie habe damals 
geglaubt, sie hätte ebenfalls Anteil an Max. Sie sei wohl auf diesen 
Gedanken gekommen, weil man gesagt habe, sie sähe ihrer Mutter so 
ähnlich! „Dadurch habe ich mir vielleicht eingebildet, was meine 
Mutter durchmacht, mache ich auch durch. Dadurch lag 
später alles hinter mir." 

x ) Vgl. Silber er: Phantasie und Mythos; dieses Jahrbuch II 565: 
„Wenn unsere Phantasie etwas, das wir als wünschenswert empfinden, das aber 
nach unserem Erfahrungswissen außerhalb des Bereiches der Möglichkeit hegt, 
in diesen Bereich zieht, so malt sie uns eine Wunscherfüllung vor, wenigstens 
eine annähernde. Sie schildert ein unerreichbares Gut als erreichbar, indem sie 
das größte Hindernis, das seiner Erreichung im Wege steht, die naturgesetzliche 
Unmöglichkeit, leugnet, und bringt uns damit der Erfüllung unseres Wunsches 
näher. Ein solches Ziehen des Unmöglichen in den Bereich des Mög- 
lichen findet aber statt, wenn wir es als historisch wirklich vor stelle n." - 

2 ) D. h. die Versicherung, daß sie momentan von Schwangerschaftsphan- 
tasien erfüllt sei. 

3 ) Die Identifikation mit der Schwester war also nur ein Vorläuferstadium 
der Identifikation mit der Mutter, soweit die Analyse in Betracht kommt. In 
Wirklichkeit war es natürlich gerade umgekehrt gewesen. 



25 G Ludwig Bins wanger. 

Nach diesen viel verheißenden Aussprüchen müssen wir uns aber 
wieder etwas gedulden. Gerda selbst hat das Gefühl, daß die Opera- 
tionen, die sie durchgemacht, entschieden Beziehungen haben zu 
ihrem momentanen Zustand und zum Schwangerschaftskomplex 
im speziellen. Folgen wir ihr also auf dem Weg, den sie uns führt. 

Wir wissen schon von früher, daß die Assoziationen Blinddarm- 
operation und Narkose überhaupt eng verbunden sind mit 
Stuhientleerung, Schwangerschaft und Ohnmacht. Zu er- 
wähnen ist jetzt bezüglich der Blinddarmoperation die Erinnerung 
Gerdas, sie habe im Beginne der Narkose noch gefühlt, wie ihr Hemd 
hochgehoben worden sei. Sie habe dabei Angst verspürt, man würde ihr 
bei freiem Bewußtsein den Leib aufschneiden! Ganz abgesehen 
davon, daß Gerda jetzt oft die Stelle so weh tut, ,,wo der Blinddarm 
saß" 1 ), und daß sie angibt, sie müsse jetzt ihre Operationen so lebhaft 
wieder durchleben, finden wir auch in ihrer Ausdrucksweise Beziehungen 
zur Blinddarmoperation. Wir kennen schon ihre beim Experiment 
auftretende Angst „auseinandergerissen" zu werden, kennen ihre 
Angst vor jeglicher Kontinuitätstrennung, die so auffallend in der 
Absatzphobie zutage tritt 2 ). 

Sie fürchtet jetzt beim Experiment, daß alle ihre Eingeweide 
durchgerissen würden, daß sie von vorne nach hinten auseinander- 
gerissen, daß sie ausgeweidet würde. Nur nebenbei sei hier auf das 
masochistisch-sadistische Element bei Gerda hingewiesen. 

Allmählich stellen sich dann bei der Patientin Empfindungen 
im Kopfe ein, die zu den Rachenoperationen im II. und 19. Lebens- 
jahre hinüberführen. Sie hört nicht mehr gut, alles dröhnt im Kopf, 
sie kann schlecht durch die Nase atmen, sie hat das Gefühl, es stecke 
etwas im Hals, das sie hinunterschlucken möchte. Sie erinnert sich dabei 
an die Gefühle, die die Tamponade im Nasen-Rachenraum bei der 
ersten Operation in ihr hervorgerufen und die mit ihren jetzigen genau 
übereinstimmen. Nach der Exstirpation der Mandeln im 19. Jahre habe 
sie immer schlucken müssen, als ob etwas im Halse säße. 

Viel wichtiger als diese Empfindungen sind für uns aber die- 



x ) Ob die „Blinddarmschmerzen" vor der Operation psychischer Natur 
waren oder ob es sieh um einen pathologischen Befund am Blinddarm ge- 
handelt hat, weiß ieh nieht. 

2 ) Den Gipfel der Angst erreieht sie aber bei dem Gedanken, man müsse 
einen Stiefel aufsehneiden, z. B. wenn man einen Fuß gebrochen habe und 
infolge der Schwellung den Stiefel nicht mehr ausziehen könne. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 257 

jenigen, die an die Narkosen selbst erinnern. Gerda macht jetzt 
deutliche narkoseähnliche Zustände durch. Sie gähnt oft unaufhörlich, 
verspürt Brechreiz, schwitzt und fühlt sich „schwer ermattet". Die 
Respiration ist tief und langsam. Sie hat das Gefühl, sie könne die 
Glieder bewegen, „ohne daß es der Kopf weiß oder will", sie fühlt sich 
selbst wie chloroformiert: „Beim Absatzexperiment ist es 
genau so wie wenn ich chloroformiert werde, nur ist da noch 
mehr Gefühl dabei, noch irgend etwas anderes." 

Das Gefühl der Narkose aber leitet Gerda auf die Erinnerungen 
an das Wochenbett der älteren Schwester. „Als ich nach dem ersten 
Kinde mittags zu ihr kam, war alles so dunkel und verhängt, wie 
nach einer Operation. Sie war so matt und mußte auf dem Rücken 
liegen wie ich nach der Blinddarmoperation. Auch bekam sie sämtliche 
Nahrung genau so eingeflößt wie ich damals." 

Und wie Gerda von der Schwangerschaft der Schwester auf die 
Schwangerschaft der Mutter kam, so ist auch jetzt das Wochenbett 
der Schwester eine Deckerinnerung für dasjenige der Mutter nach der 
Geburt von Max. „Ich sehe jetzt meine Mutter genau so vor 
mir liegen! Das hat große Ähnlichkeit mit einer Operation!" 

Die folgenden Ausführungen zeigen uns nun deutlich, wie Gerda 
mit Narkose und Operation Geburtsphantasien verbindet 1 ) und sich 
hierin mit ihrer Mutter identifiziert. 

„Nach dem Berühren des Absatzes kam es mir vor wie nach der 
Operation. Als ich mit 11 Jahren operiert werden sollte, fuhren wir 
morgens früh an einem heißen Sommertage in die Stadt. Eigentliche 
Angst hatte ich nicht davor, doch kam mir die Sache sehr geheimnisvoll 
vor, und ich war im Grunde doch etwas neugierig. Die Tage vorher wurde 
ich zu Hause schon besonders rücksichtsvoll behandelt: ich genierte mich 
deswegen, fühlte mich in meiner Rolle aber schließlich ganz interessant. 
Als ich aus der Narkose aufwachte, lag ich im Bett im verdunkelten 
Zimmer. Ich hatte den Wunsch, ganz ruhig zu liegen und zu schlafen, 
denn es kam mir vor, als ob unzählige Stunden zwischen meinem Kommen 
ins Krankenhaus und dem Wiederaufwachen im Bette liegen müßten! 
Die Schwester sorgte für mich so geräuschlos wie möglich, und ich sollte 
möglichst ruhig liegenbleiben. Das alles erinnert mich jetzt an meinen 
ersten Besuch, den ich Mama in der Stadt machte, bald nach 
Max seiner Geburt. Es war ebenfalls ein heißer Sommertag, als ich 
mit dem Fräulein und Albert in die Stadt fuhr 2 ). Mir war schon etwas 



x ) Auf die damit verquickten Vergewaltigungsphantasien wird weiter 
unten eingegangen. 

2 ) Das Wochenbett erfolgte in der Stadt, die Kinder blieben auf dem Land. 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 17 



258 Ludwig Binswanger. 

beklommen zumute, als uns vor der Tür nochmals größte Ruhe eingeschärft 
wurde. Zuerst sahen wir das Baby. Es fiel mir auf, wie weiß es war! 
Dann wurden wir ins Schlafzimmer gelassen. Mit einer gewissen Scheu 
trat ich an das Bett meiner Mutter; ich sah mich überall um. Es war mir 
so sonderbar! Das verdunkelte Zimmer? Meine Mutter im Bette? — 
Ich war eigentlich froh, als ich wieder zu Hause war; dieses Geheimnis- 
volle in der Stadt drückte mich so, daß ich schon eine Erleichterung emp- 
fand, als sich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Es war so, wie wenn 
ich in etwas hineingesehen hätte, was ich nicht verstehen konnte; 
so eine dunkle Ahnung von etwas, das mich überwältigte, das ich noch gar 
nicht fassen konnte, das ich mir mit meinen kindlichen Ideen nicht klar 
machen konnte. Dabei hatte ich doch das Gefühl, ich wisse etwas, wovon 
die anderen keine Ahnung hatten. Ich hatte immer so unschuldig zugehört 
und die anderen waren so unvorsichtig! — Mama war etwa 3 Wochen 
getrennt von uns. Besonders zuerst hat sie mir sehr gefehlt. Als sie dann 
wiederkam, freute ich mich sehr, und doch war das Verhältnis ein anderes 
geworden. Von da an hatte ich einen kleinen Bruder, der die Haupt- 
aufmerksamkeit auf sich zog, und ich war für ihn die große Schwester. 
Die Schwester mußte mir alles zeigen, wie er gepflegt werde, damit ich 
es genau so machen konnte bei meinen Puppen. Sie lehrte mich für meinen 
Bruder sorgen, das sei meine Pflicht als ältere Schwester; als ältere hätte 
ich auch die Verantwortlichkeit für ihn. So fand ich mich allmählich 
auch sehr gut ein in meinen neuen Posten und machte mich dadurch viel 
selbständiger. Im Bewußtsein der Verantwortlichkeit für meinen jüngeren 
Bruder ließen meine Ungezogenheiten auch etwas nach. Als es aber bald 
darauf benutzt wurde, um meinen Trotz und Willen zu brechen, empfand 
ich es als Druck und Last und suchte oft, mich dagegen zu sperren ! 

Nach der Geburt vou Max war ich eigentlich etwas aus meiner 
früheren Stellung im Hause verdrängt. Ich verlangte nicht mehr 
so viel von meiner Mutter, denn in mir erwachte jetzt ein starkes mütter- 
liches Gefühl. Ich wurde selbstloser und fühlte mich schon ganz und gar 
verantwortlich für alles das, was in der Kinderstube geschah. Ich wollte 
mich unentbehrlich machen, wollte den Geschwistern wirklich etwas seiu. 
Deshalb durfte ich nichts Dummes sagen noch fragen, damit sie keinen 
Grund hätten, über mich zu lachen". 

Wir sehen, wieviel infantiles Material durch die Reminiszenz an 
das Wochenbett der Mutter zutage gefördert wurde! Wir ahnen 
schon den Konflikt, wenn wir von dem Gefühl des Verdrängtseins 
bei der Geburt von Max hören! Wir sehen, wie Gerda sich bemüht, 
durch die Enttäuschung, die ihr die Mutter bereitet hat, sich selbst an 
deren Stelle zu setzen, und wie schwer ihr die Absage von der Mutter 
und die Selbständigkeit wird. Wir erkennen schon die unheimliche 
Macht, die der Mutterkomplex über das Kind gewonnen hat und ahnen 
schon seine Manifestation in der Absatzphobie. 






Analyse einer hysterischen Phobie. 259 

Was 15 Jahre der Verdrängung unterlegen war, das aufzudecken 
kann uns aber nicht so rasch gelingen. Falsch wäre das Beginnen, 
wollte man direkt in die Tiefe dringen und gewaltsam den Schleier 
lüften. Gerda erklärt noch immer, wenn „die wirklichen Gefühle" 
kämen, würde sie noch sehr aufgeregt, sie wolle sie noch nicht fühlen. 
Das ginge in ihr Innerstes, das wolle sie nicht, das brauche sie sich 
nicht klarzumachen. Ihr Stolz bäume sich auf gegen die Imputierung 
von Muttergefühlen, gegen den ganzen Schwangerschaftskomplex. 
Diese Gefühle könne sie noch nicht mit ihrem früheren Wesen in Einklang 
bringen. Wenn sie kämen, möchte sie ihren Kopf in jemandes Schoß 
legen ! 

Aber unbekümmert geht die Analyse weiter. Zunächst noch 
weiteres Material zu den Beziehungen zwischen Absatz und Leib. 

Wenn Gerda eine dicke Frau sieht, die sich schnürt, muß sie 
immer denken: 

„Genau so, wie wenn die Zacken vom Schlittschuh in 
den Absatz einschneiden! Da wird auch allmählich etwas zerstört, 
da quillt dann etwas nach unten oder oben. So auch beim Absätze. Das 
Leder wird doch auseinandergezogen. Darum sind mir auch aus- 
gebogene 1 ) Absätze schrecklich, weil sie eine Taille haben 2 ). Wenn ich 
daher Leute mit solchen Schuhen laufen sehe, habe ich das Gefühl, sie 
kneifen sie einfach ab. Besonders habe ich dieses Gefühl, wenn 
schwangere Frauen hohe Absätze tragen! 

Wenn schwangere Frauen sich schnüren, dann muß immer etwas 
reißen und dann wird etwas zerstört dadurch, und das Kind kommt 
früher oder es wird zerstört." 

Bezeichnend ist ferner der Ausspruch Gerdas: „Wenn ein 
Mensch sich schnürt, dann fängt das Becken an zu wackeln 
wie ein lockerer Absatz." Gerda selbst hat nur einmal eine halbe 
Stunde lang ein Korsett getragen. Dabei hatte sie Angst, sie würde 
„draufgehen". Sie trug ihre Kleider immer sehr lose. „Ja nichts Festes 
um den Leib, sonst merkt man so leicht, wenn der Leib geschwollen 
ist." Am schlimmsten sind ihr die Korsette, die vorne in die Leisten 
einschneiden 3 ). 



x ) D. h. hohe geschweifte Damenabsätze! 

2 ) Diese Ausführungen werfen Licht auf gewisse Fälle von kombiniertem 
Schuh- und Korsettfetischismus. Abraham hat von einem solchen Fall auf 
dem Nürnberger Kongreß berichtet. 

3 ) Sicher eine typische Genese der so häufig (bei Hysterie und Dementia 
praecox) vorkommenden „Kleiderphobie". 

17* 



260 Ludwig Binswanger. 

Wir merken uns also: Leib wie Absatz dürfen nicht eingeengt, 
nicht eingeschnürt oder eingeschnitten werden, damit innen nichts 
zerstört wird! 

Auf der hier eingeschlagenen Bahn führt uns eine Beobachtung 
weiter, die übrigens zeitlich vor der eben mitgeteilten erfolgte. Gerda 
hatte bei einem kleinen Mädchen auf der Straße einen losen Absatz 
gesehen. Sie hatte das G-ef ühl, sie sei verpflichtet, dem Kinde zu sagen : 
,, Bleib stehen, sonst gucken da andere hinein; die sollen nicht merken, 
was da gleich passieren wird." Sie empfand ein lähmendes Gefühl 
und dachte dabei: 

„Das Kind macht etwas durch, wovon es überwältigt werden 
muß, etwas, das es in seiner Natürlichkeit noch nicht verstehen kann. 
Wenn es weiter geht, kommt das Ereignis, dann geht der Hacken ganz 
ab, das ist die Katastrophe 1 ) ! Ich dachte, das Kind gibt sich eine Blöße; 
ich hätte mich darüber werfen und sie mit dem eigenen Leibe schützen 
mögen!" 

. Ausgehend von dieser Beobachtung, die uns sehr an Gerdas 
Verhalten bei ihren eigenen Absatztraumen erinnert, erfahren wir, 
wie verschieden sie reagiert je nach der Person, bei der sie einen losen 
Absatz gewahrt. Wir haben soeben ihr Verhalten kennen gelernt, wenn 
es sich um ein Mädchen handelt. Sie erklärt noch, sie habe dann Mit- 
leid, sie müsse „darüberstehen, vernünftiger sein". Handelt 
es sich um eine junge Frau oder ein erwachsenes Mädchen, dann ist es am 
schlimmsten! Dann ist es ihr gleich schrecklich wie der Betroffenen, 
denn sie fühlt sich auf gleicher Stufe mit ihr. Sie hat dann das Gefühl, 
bei ihr selbst sei auch etwas nicht in Ordnung. Sie ist dann traurig 
und schämt sich, besonders wenn noch darüber gesprochen wird. 

Auffallend, aber sehr lehrreich ist der Umstand, daß Gerda bei 
Knaben nie auf den Gedanken gekommen ist, es könne ihnen etwas 
mitdemAbsatz passieren. Harmlos erklärt sie: „Mädchen sind nicht 
so geschützt wie Knaben, daher passiert ihnen eher etwas." 
Es braucht kaum betont zu werden, daß wir hier auf Beziehungen 
zwischen Absatz und Geschlecht stoßen. 

Das wird besonders deutlich, wenn wir Gerdas Verhalten 
beobachten, sobald bei einem Manne etwas am Absatz nicht in Ord- 
nung ist. Dann wird sie wütend, empört, beleidigt, zumal wenn 
er noch gar davon spricht. Dann „kommt alles hoch" und Übelkeit 
stellt sich ein. Früher habe sie ihre verschiedenen Empfindungen auf 

x ) Sc. die Geburt, 



Analyse einer hysterischen Phobie. 261 

die Verschiedenheit der Stiefel bezogen, jetzt aber beziehe sie sie direkt 
auf die Verschiedenheit des Geschlechtes selbst 1 ). 

Gerdas Verhalten gegenüber dem Manne in bezug auf die Absatz- 
phobie wurde wiederum besonders deutlich bei einem bestimmten 
Ereignis: Gerda sah eines Abends, wie ein Herr mit den Fingern 
an seinem Absatz spielte und nachprüfte, ob er noch fest saß. Die sich 
hieran anschließenden Gefühle bilden die Fortsetzung zu einer Gruppe 
derjenigen, die schon bei der Besprechung der Operationen hervor- 
getreten waren, und die anknüpfen an das Sichpreisgeben, sich-in-eines- 
andern-Gewalt-Begeben, hilflos, machtlos, wie bei der Narkose. Somit 
liefern sie auch einen Beitrag zur Analyse der Ohnmächten. 

Hören wir nun Gerda selbst: 

„Ich kam die Treppe hinunter und hatte schon dadurch das Gefühl, 
zu si n ke n ! In dem Moment faßte er den Absatz an : erst wollte ich drüber 
hinweggehen, dann tat er es ein zweites Mal. Jetzt hat's geschlagen ! Ich 
werde eiskalt, meine Kniee zittern, alles zieht nach unten, zieht mich 
herunter. Ich komme immer wieder hoch, werde immer wieder über- 
wältigt, wie durch eine dunkle Macht. Ich habe das Gefühl, ich werde 
von den anderen beobachtet, ob ich standhalte oder nicht. Es ist wie ein 
Kampf, ich will hinsehen und es überwinden, dann rutsche ich aber 
jedesmal tiefer. Ich habe das Gefühl, es ist direkt gegen mich gerichtet, 
Kampf gegen Kampf. Ich weiß, daß ich nicht dagegen aufkomme. Ich 
habe das Gefühl, der Absatz kommt immer näher und auf ein- 
mal ist es der ganze Mensch! Bei ihm ist etwas nicht in Ordnung, es 
ist ein Spalt da, man guckt da hinein. Es ist etwas Unanständiges, 
Gemeines. Alles Bewußtsein geht dann fort, wird langsam stück- 
weise fortgerissen. Wie wenn mich langsam etwas packt, nicht losläßt 
und immer wieder kommt. Wäre ich stehen geblieben, dann wäre ich 
hingefallen. Dabei habe ich das Gefühl der Schande. Dann denke 
ich aber: nun meinetwegen, dann aber Schluß ! Wenn ich ohnmächtig 
werde, dann ist es auch ein gewisses Sichergeben. Zuerst will ich es 
nicht, aber dann kommt das Gefühl, es ist doch ganz wohlig, die Ohn- 
macht. Dann ist alles entzügelt! Das Gefühl übermannt mich und 
dann kommt die Ohnmacht! Daher das furchtbar erniedrigende Gefühl, 
wenn ich erwache; das Gefühl, ich möchte in die Erde versinken. 



*) Um zu zeigen, wie häufig die Geschlechtsdifferenzierung auf die Stiefel 
übertragen wird, führe ich noch folgende Beobachtung an, die ich bei der Be- 
handlung eines 43jährigen Xeurotikers gemacht habe. Patient hatte eine ältere 
Schwester, die wegen Verkürzung eines Beines versclüeden hohe Absätze trug. 
„Als Kind beobachtete ich oft," berichtet der Patient, „die mir seltsam erscheinen- 
den Stiefelpaare meiner Schwester, wobei mir der Stiefel mit dem überhohen 
Hacken einen männlichen, der zweite mit auffallend niedrigerem Hacken einen 
weiblichen Eindruck machte." 



262 Ludwig Binswanger. 

In dem Moment fühle ich mich so verlassen und einsam. Dann möchte 
ich den Kopf in Mamas Schoß legen; sie solle nicht böse sein, 
mich nicht verurteilen! 

Wenn der Kampf auf der Höhe ist, dann habe ich das Gefühl, ich 
kann nicht auf alles verzichten, nur einmal jung sein; ich 
habe auch das Gefühl, ich möchte nur einmal alles durchmachen! 
Dann kommt die Opposition gegen die Mutter! Ich kann nie 
recht frei werden, weil ich den Vernunftballast 1 ) mit mir herum trage ! 
Ich möchte ihn dann über Bord werfen !" 

"Wir erkennen deutlich den Kampf zwischen Libido und Sexual- 
ablehnung; indem die Mutter als Hüterin und Urheberin des Vernunft- 
ballastes, der Sexualhemmungen gedacht und empfunden wird, richtet 
sich der Kampf naturgemäß gegen sie. 

„Der Absatz", sagt Gerda kurzweg, „dient immer wieder zur Er- 
innerung an eine Begebenheit, wo ich schon einmal unterlegen bin 2 ). Denn 
ab ich Mama sagte, ich habe die Zinken gesehen, da habe ich ihr alles an- 
vertraut, da habe ich ihr einen Einblick in mein Innerstes gegeben. Das 
konnte nur kommen in der Erregung; ich fühlte mich so furchtbar ver- 
lassen !" 

„Wo ich schon einmal unterlegen bin", will sagen, wie wir später 
sehen werden, wo ich mich schon einmal vor der Mutter gebeugt habe, 
wo ich ihr gezeigt habe, wie stark meine Libido ist, daß ich ohne ihre 
Hilfe nicht fertig werde, wo sie mir aber nicht geholfen hat! 

Das Absatzexperiment regt jetzt Gerda sehr auf. Sie rutscht 
dabei jeweils mit dem Körper nach, so daß sie aus einer halbsitzenden 
in eine liegende Stellung kommt. Sie erklärt, „bei diesen Sachen" 
habe sie das Gefühl, sie falle hin, öffentlich, so daß jeder an sie 
heran könne 3 ), daß sie jedem preisgegeben sei. 

Das sind deutliche Prostitutionsphantasien! 

Beim Experiment erklärt sie: 

„Es ist, als ob ich immer wieder an dem Punkte gepackt werde, wo 
ich nicht gepackt werden will. Und jedesmal komme ich tiefer. Schließlich 
liege ich unten ! Es ist, als ob mein bewußtes Gefühl sich auftut, mein 
innerstes Gefühl herausgerissen wird. Ich habe es immer verdeckt! Schließ- 
lich bringt mich mutwillig jemand dazu, daß es zum Vorschein kommt. 
Dann ist's, als ob alles aufgerissen wäre von mir, ohne Schutz und Ver- 

x ) Der ihr durch die Mutter eingeimpft wurde! 

2 ) Vgl. die erste Hysteriethese Freuds: Das hysterische Symptom ist das 
Erinnerungssymbol gewisser wirksamer (traumatischer) Eindrücke uud Erlebnisse. 
Sammlung kleiner Schriften, Zweite Folge, S. 142. 

3 ) Vgl. ihre Ausdrucksweise in bezug auf die Ohnmacht: Da kann niemand 
an mich heran! 



Analyse einer hysterischen Phobie. 263 

ständnis. Das ist der Höhepunkt 1 ) ! Dann will ich alles durchmachen, 
aber dann soll es zu Ende sein!" 

Gerda kommt hier noch einmal auf die Blinddarmoperation 
zu sprechen, auf den Moment, wo sie „wie ein Opferlamm" auf dem 
Tisch lag, der Arzt das Hemd wegzog und sie dachte, gleich „schlitze 
er sie auf", so daß sie vor Schreck fast „hochgesprungen" wäre. 

Ganz am Schlüsse der Analyse finden wir noch folgenden Ausspruch : 

„Wenn bei einem Manne etwas am Absätze passiert, dann zeigt 
er mir die Zinken und danii kann ich nicht anders, dann reagiere ich darauf, 
dann bin ich unten. Dann hat er mich absolut in seiner Gewalt. In der 
Ohnmacht weiß ich dann gar nicht, was er mit mir tut ! Ich bin empört 
in dem Moment! Ich muß aber immer hinsehen, das Gefühl ist so 
stark, dann falle ich sofort. — Er hat auch etwas drin, in sich! 
Sobald ich das sehe, fühle ich meinen Hacken — bin unten. 
Mit 12 oder 13 Jahren habe ich zum ersten Male bei einem Mann einen 
losen Absatz gesehen. Ich hatte gleich das Gefühl, das ist ein ordinärer 
Kerl ! Das sagte ich auch dem Manne auf der Straße (dem Exhibitionisten), 
ohne zu wollen." 

Die hier so greifbar auftretende Penissymbolik muß uns später 
im Zusammenhang beschäftigen. Halten wir hier nur soviel fest, daß 
hinter der Ohnmacht sich sowohl Koitus 2 ) — als Geburtsphantasien 
verbergen. 

Gerda kommt jetzt aber beim Experiment auch wieder auf die 
Episode auf dem Eis zu sprechen. Sie sei von der Kinderfrau auf die 
Böschung ans Ufer gesetzt worden, da sie gesagt habe, ihr Schlittschuh 
sei lose. "Wie die Kinderfrau nun nachgesehen habe, habe sie gelacht 
und gesagt: „Dein Hacken ist ja ab!" 

„Da wollte ich ihr den Fuß wegziehen und dachte, wenn sie lacht, 
darf sie ihn gar nicht anfassen ! Am liebsten wäre ich die Böschung herunter 
gerutscht, unters Eis. Wenn ich mit der Kinderfrau allein gewesen wäre, 
hätte ich ihr gesagt, sie sei gemein! Weil aber Leute da waren, mußte 
ich dagegen ankämpfen und alles hinunterschlucken. Ich war geliefert 
und konnte nichts mehr machen, ich wurde heruntergezogen und konnte 
nicht widerstreben. Sie zog mir den Boden unter den Füßen weg, 
sie hob den Fuß hoch und daher rutschte ich hinunter." 

Diese Version der Begebenheit auf dem Eise ist besonders wichtig. 
Der konkrete Vorgang des Heruntergezogenwerdens bot einen 



x ) Sie weiß dann gar nicht, ob sie „etwas anhat" oder nicht. 

2 ) Genauer gesagt: Phantasien über das Vergewaltigtwerden. 



264 Ludwig Binswaiiger. 

Anknüpfungspunkt für die Phantasien, in denen die Patientin moralisch 
„heruntergezogen" wird. Schon bei jenem Vorgang hatte sie das Gefühl 
(und zwar offenbar auf Grund der sexuellen Fuß- oder Schuhsymbolik), 
daß etwas Gemeines, Unanständiges mit ihr vorgenommen werde; 
dieses Gefühl bildet wohl die Brücke zu jenen Phantasien. 

Der Mutterkomplex. 

Wir sind allmählich soweit in der Analyse vorgedrungen, daß wir 
uns dem letzten großen Thema zuwenden können, das sich hinter der 
Absatzphobie verbirgt, und das, seinem späten Auftreten in der Analyse 
entsprechend, bei weitem das wichtigste ist. Da und dort sind uns schon 
vereinzelte Äußerungen begegnet, die auf Gerdas Stellung zu ihrer 
Mutter Licht werfen, und die die einschneidende Wirkung der Geburt 
des jüngsten Bruders auf das Verhältnis zur Mutter ahnen lassen. 
Wir finden bei Gerda ursprünglich eine sehr starke Mutterübertragung. 
Wenn sie als kleines Kind abends im Bette lag, mußten die Mutter 
oder deren Ersatzperson, die Kinderfrau, noch einmal nach ihr sehen, 
sonst weinte sie stundenlang. Oft hat sie die Mutter im Schlafe noch 
umarmt und geküßt. Besonders gern „drängte sie sich in den Schoß 
der Mutter, damit niemand an sie heran konnte". Wenn sie 
traurig war, machte sie sich ganz klein, um ganz von ihrer Mutter 
geschützt werden zu können. Mit Vorliebe legte sie dabei ihren Kopf 
halb an die Brust, halb unter den Arm der Mutter. Das sei ein wunder- 
schönes Gefühl gewesen. Sie „preßte den Kopf dagegen", und dabei 
mußte ihr die Mutter traurige Geschichten erzählen. Gerda war stolz 
darauf, von ihrer Mutter selbst gestillt worden zu sein, im Gegensatz 
zu den jüngeren Brüdern. Entsprechend dieser starken Übertragung 
und als weiteren Beweis dafür finden wir bei Gerda eine neurotische 
Angst vor anderen Menschen, vor dem Leben selbst und vor jeder Ver- 
änderung ihres Milieus. „Wenn ich so bei Mama saß und dann dachte, 
es könne sich etwas ändern, dann hatte ich Angst vor Welt und Leben 
und Menschen. Darum mochte ich auch immer nur zu Hause bleiben." 
Wenn ihre Mutter vom Sterben sprach, geriet sie außer sich vor Angst 
und Schmerz. Sie wünschte nur, „immer klein zu bleiben, Mama immer 
zu behalten". Daher war ihr jede Änderung in ihren Kleidungsstücken, 
vor allem in ihren Stiefeln verhaßt. Sie fühlte dabei, daß die Zeit verging, 
daß sie älter wurde. Aus der Liebe zur Mutter erklärt sich der stark 
konservative Zug des Kindes, seine Aggressionshemmung (Adler). 
Erst in späteren Jahren finden wir bei Gerda einen Zug ins Weite. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 265 

„Ich war begierig", sagte sie einmal, „wie es später sein würde, wenn ich 
groß wäre, wenn ich alles tun dürfte, was ich wollte. Das kam mir als 
das Schönste vor!" Aber das war wie gesagt erst in der späteren Kind- 
heit. Als Erwachsene finden wir dann eine ausgesprochene Opposition 
gegen die Mutter, durch die sie sich gehemmt fühlt. Ich erinnere an 
die Worte: „Ich kann nicht auf alles verzichten, ich muß auch einmal 
jung sein !" 

Bleiben wir vorerst in der frühen Kindheit. Gerda berichtet 
von dem großen Eindruck, den ihr folgende Erzählung ihrer Mutter 
gemacht habe. Sie hörte sie zum ersten Male mit 4 Jahren, also vor der 
Episode auf dem Eis: Als ihre Mutter etwa 6 Jahre alt war, sei deren 
Mutter gestorben. Um die Tote im Sarg zu sehen, sei ihre Mutter auf 
einen Stuhl gestanden, worauf sie aber sofort zurückgerissen worden 
sei mit den Worten, sie solle nicht so neugierig sein, das passe sich nicht 
usw. „Das war die Geschichte,- die mir immer den größten Eindruck 
machte", sagt Gerda. Wenn sie nachts allein im Bette lag, habe sie oft 
mit Grausen und mit furchtbarem Mitleid mit ihrer Mutter daran denken 
müssen. Dann seien die Gedanken gekommen, wenn es ihr selbst so 
ginge, wenn sie selbst ihre Mutter verlöre ! Sie stellte sich dann vor, die 
Mutter läge im Sarg; sie selber hätte ihn aufgemacht, wäre hinein- 
gekrochen und hätte den Deckel zugeschlagen; sie hätte sich ganz 
klein gemacht und zugeschlossen. 

Wenn wir hier schon Phantasien über die Rückkehr in den Mutter- 
leib vermuten, so finden wir diesen Gedanken ganz offen ausgesprochen, 
indem Gerda erklärt, sie habe sich als Kind eingebildet, sie würde 
sterben und dann wieder von ihrer Mutter geboren werden. 
Es wäre dann Nacht, alles wäre zu Ende und finge dann wieder 
von neuem an. „Ich wollte wissen, wie alles gemacht werde und alles 
gegangen ist in der Zeit, wo ich mich an nichts erinnere, wo Albert und 
Max noch nicht auf der Welt waren." Dann wollte sie sich aber besser 
an ihre — Taufe (?) erinnern! 

Vor Max' Geburt war Gerda nun besonders viel mit ihrer 
Mutter zusammen. Oft durfte sie auf dem Sofa neben ihr liegen, wobei 
sie dann andächtig die regelmäßigen Atemzüge der Mutter verfolgte. 
Dann ging die Mutter aber plötzlich in die Stadt und Gerda war allein. 
,,Mama konnte mir niemand nur annähernd ersetzen", sagt sie. „Ich 
hing damals fast einzig nur an meiner Mutter, der ich auch äußerlich 
von allen Geschwistern am ähnlichsten sehen sollte. Es bestand ein voll- 
ständiges Verstehen zwischen uns beiden, ich hing an ihr mit sämtlichen 



266 Ludwig Binswauger. 

Fasern meines Herzens. Nun plötzlich schob sich mit Max' 
Geburt etwas dazwischen 1 )!" 

"Wir wissen schon, daß die Schwangerschaft der Mutter Gerda 
damals nicht entgangen war. Sie hatte gemerkt,, daß die Mutter dicker 
wurde. Dabei hatte sie den Wunsch, „an ihr herunterzustreichen", 
in dem Gefühl, „das dürfe man nicht sehen" ! Sie selbst habe dabei ihren 
Leib eingezogen und nicht recht atmen können ! Aber auch aus anderen 
Zeichen merkte sie, daß etwas vorging. Das Erscheinen der Wochen- 
pflegerin fiel ihr auf, das Besorgen der Kinderwäsche. Sie fand es 
„albern", daß man ihr nicht sagte, was sich vorbereitete, sie fühlte sich 
übergangen, belogen. Dabei war sie äußerst neugierig, verbarg die 
Neugierde aber ängstlich. Als Max dann erschien, betrachtete sie ihn 
als Ei ndr i ngli ng. Wenn sie später ärgerlich war seinetwegen, wünschte 
sie, er wäre nie geboren! 

Ein auffallendes Gebaren Gerdas aus der Zeit der Schwanger- 
schaft der Mutter wurde uns bekannt im Anschluß an einen Traum, 
den Gerda am 147. Tag erzählte: 

„Ein Paar schwarze Knopf stiefel, die meiner Mutter gehören 
sollten, standen vor mir. Die Hacken waren ganz heil, aber das Leder 
an der Ferse hatte Löcher 2 ). Mir war das teils widerwärtig, scheußlich, 
und dann tat es mir auch weh, daß ich am liebsten geweint hätte. Der 
Anblick war für mich persönlich ein tiefer Schmerz, und zwar so stark, 
daß ich davon sofort aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte, bis 
ich an andere Dinge dachte." 

In diesem Traum, der im übrigen für sich spricht, fällt der Pa- 
tientin eine bestimmte Szene ein aus der Zeit vor Max' Geburt, die sie 
folgendermaßen beschreibt : 

„Ich sehe Mama noch deutlich vor mir, wie sie sich in ihren bequemen 
Polsterstuhl setzte und langsam Stiefel anzog, zu meinem Entsetzen aber 
nicht wie gewöhnlich Knopfstiefel, sondern neuerdings Schnürstiefel. 
Eine Änderung war mir nie recht; daran mußte ich mich immer erst ge- 
wöhnen. Jedenfalls ging ich zuerst etwas im Bogen um sie herum. Mama 
lachte über meine Abwehr gegen Neuerungen und erklärte mir. sie habe 
leicht geschwollene Füße, deswegen trage sie Schnürstiefel, die könne sie 
enge oder lose schnüren, wie sie wolle. Ein gewisses Etwas stellte sich in 
den nächsten Tagen zwischen Mama und mich, etwas Fremdes, gerade 
an meiner Mutter, was ich nicht übersehen konnte, und heim- 
lich schielte ich öfters auf ihre Stiefel!" 

*) Als Gerda diese Einsicht voll zum Bewußtsein gekommen war, fühlte 
sie sieh „so frei im Kopf, seelenverguügt". und rief aus: „Jetzt haben wir's!" 
2 ) Hier handelt es sieh um die „weibliehe" Sehuhsymbolik. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 267 

Gerda muß also die geschwollenen Füße der Mutter nachträglich 
als wesentliches Schwangerschaftsmerkmal aufgefaßt haben, was ja gut 
zum übrigen stimmt. Die geschwollenen Füße haben ihr damals offenbar 
noch mehr Eindruck gemacht, als der geschwollene Leib. 

Von nachträglichen Bemerkungen zu jenem Traume sind noch 
folgende für die Analyse wichtig: 

„Der Gedanke, daß ich einmal im Leben bei einem andern Schuh- 
macher meine Stiefel machen lassen müßte oder vielleicht Schnürstiefel 
tragen müßte oder fertig gekaufte, war mir entsetztlick. Darum schonte 
ich meine Stiefel doppelt, damit sie nur nicht kaput gingen 1 )." 

Weitere Einfälle zur Geburt von Max: „Mit Max' Geburt 
schnitt etwas Neues ein! 2 ) Mama hatte alles Alte hinter sich 
geworfen 3 )." Mama wird dem Alten abtrünnig; auf einmal kommt 
etwas Neues, was gar nicht zu uns paßt, was ich am allerwenigsten 
haben wollte. Ich hielt nun doppelt am Alten fest, weil Mama ganz davon 
abgegangen war." Zu der Taufe von Max sollte Gerda neue Stiefel 
anziehen. Nach langem Widerstand wurde sie dazu gezwungen. Es gelang 
ihr aber, in einem unbewachten Moment, sie rasch wieder gegen die alten 
zu vertauschen. „Ich konnte unmöglich neue Schuhe anziehen. Auch 
das noch neu!" 

Zu der Episode auf dem Eis bemerkt sie jetzt: 

„Da rissen meine Stiefel auch noch! — Wie ich den zerrissenen Stiefel 
sah, da riß auch etwas in mir. Auf einmal ging der Stiefel ausein- 
ander; bis dahin war alles gut gewesen, hatte ich die Stiefel so gern gehabt. 
In dem Momente ging ich weiß nicht was alles von mir ab, als ob ich 
auf einmal sehend würde! So weiß ich, daß ich auch nur von 
Max' Geburt an mich an gewisse Dinge erinnere, bis dahin 
war alles schön und ruhig!" 

Die letzten Seiten enthüllen den nun folgenden seelischen Kampf 
des Kindes schon deutlicher. Bevor wir aber weitergehen, muß noch einer 



1 ) Als G e r d a wirklich einmal in einem andern Schuhladen Stiefel anprobierte, 
fiel sie, wie wir wissen (siehe S. 229) in eine Ohnmacht. Sie erklärt, damals das 
Gefühl gehabt zu haben, sie habe sich von etwas losgesagt, sie habe ein Unrecht 
getan. Erinnern wir uns, daß die Ohnmacht in dem Momente eintrat, wo die Ver- 
käuferin den Stiefel mit den Händen ausweitete, damit Gerda bequem hinein- 
treten könnte ! 

2 ) Der Ausdruck erinnert sowohl an das Einschneiden der Stiefel in einen 
geschwollenen Fuß (vgl. auch die Angaben über das Sichschnüren!), als an 
das Einschneiden der Schlittschuhzaeken in den Absatz. 

3 ) Die symbolische Bedeutung des Stiefels für „alles Alts" ist bezeichnend. 



268 Ludwig Binswanger. 

Begebenheit gedacht werden, die in die letzte Zeit vor der Geburt von 
Max fällt und Gerda sehr beschäftigt hat. Es war der Tod eines Vetters, 
der acht Tage vor Max' Geburt erfolgte. Gerda hatte den Vetter 
zwei Tage vorher noch gesehen. Sie habe damals „das Blaue vom 
Himmel heruntergefragt und als Antwort immer wieder gehört, er wache 
nie wieder auf". 

„Das Wort tot konnte ich gar nicht recht fassen; „für immer ein- 
geschlafen" wurde mir gesagt. Ich stellte fortwährend Fragen, um mir ein 
Bild vom Sterben eines Menschen machen zu können. 

Ich wollte genau den Grund wissen! Da ist auf einmal ein Loch, 
da fehlt etwas. Auf dem Wort: „nie wieder" trat ich immer herum, ich 
kam nicht "davon ab, das war entsetzlich. Ferner: Wozu werden die 
Menschen in die Erde gesteckt, wenn sie noch ganz sind? Ich hätte gerne 
das Gefühl kennen gelernt, daß alles zu Ende ist." 

Wir sehen, wie um dieselbe Zeit die Probleme von Werden und 
Vergehen auf Gerda einstürmen und wie sie sich vergebens abmüht, 
sie zu lösen. Als der Vetter starb, war die Mutter schon in der Stadt. 
Gerda konnte sich daher nicht mit Fragen an sie wenden. Daher erklärte 
sie einmal: „Bei den wichtigsten Fragen hat die Mutter mich 
beidemale im Stich gelassen!" 

Das letzte Stück der Analyse. 

Nachdem wir die Analyse so weit wie geschildert vorbereitet 
hatten und die Experimente sowohl von meiner als von Gerdas Seite 
schon auf wirkliche Kontinuitätstrennungen am ausgezogenen 
Stiefel ausgedehnt worden waren, glaubte ich jetzt, am 155. Behandlungs- 
tage, den letzten Schritt wagen zu können, nämlich den Absatz vom 
angezogenen Stiefel mittels des Schlittschuhes selbst loszureißen. 
Ich suchte also damit die äußeren Entstehungsbedingungen der Phobie 
genau weder herzustellen. Wie unklug, ja gefährlich ein solches Vorgehen 
bei unanalysierten Patienten ist, weiß jedermann. Nachdem die Patientin 
aber in die Genese der Phobie einen weitgehenden Einblick getan und 
sich ihre Angst auf die der Phobie zugrunde liegenden Komplexe ver- 
teilen, gleichsam dahin abströmen konnte, war der Versuch indiziert. 
Mich leiteten dabei ähnliche Vorstellungen, wie sie Freud später auf 
dem Nürnberger Kongresse ausgesprochen hat. Er sagte dort, man dürfe 
sich bei der Analyse von Phobien nicht mit der Übersetzung des Un- 
bewußten ins Bewußte begnügen, wie z. B. bei der Konvcrsionshysterie, 
vielmehr müsse man zunächst durch Erraten und durch die eigene 



Analyse einer hysterischen Phobie. 269 

Arbeit des Patienten die Angst vor der Phobie herabsetzen, dann aber 
verlangen, daß sich der Patient der Angst selbst aussetzt. „Indem er die 
Angst erlebt, ist er instand gesetzt, das letzte Stück zu bringen." 

Das Experiment verlief nun derart, daß der Patientin ein Schlitt- 
schuh lose an den linken Stiefel angeschnallt wurde. Durch einen raschen 
starken Zug am vorderen Teile des Schlittschuhs wurde dann der Absatz 
losgehebelt. Patientin verhielt sich dabei relativ ruhig, erst beim Anblick 
des losgelösten Absatzes wurde sie sehr blaß, der Puls sank auf 48, war 
kaum fühlbar; Brechreiz und starker Schweißausbruch stellten sich 
ein. Auffallend war das Verhalten Gerdas gegenüber dem im Schlitt- 
schuh steckenden Absatz : Sie nahm ihn samt dem Schlittschuh in den 
Arm und zog ihn an ihre Brust, wie man ein kleines Kind in den Arm 
nimmt. Sie erklärt auch, so habe sie sich immer eine Geburt ausgedacht, 
besonders bei der älteren Schwester. Sie habe die Schwester einmal 
gefragt, ob es ihr nicht schwer würde, das Neugeborene zwei Zimmer 
weit von sich weg zu haben, man müsse sich doch furchtbar nach ihm 
sehnen. 

Im ersten Moment, als ihr der Absatz gezeigt wurde, empfand 
sie Ekel und Abscheu davor, hatte dann aber ein Gefühl, wie wenn sie 
das fortgegeben hätte, woran sie am meisten gehangen hatte. Bald aber 
erklärte sie : „Jetzt bi n ich durch", und war sehr vergnügter Stimmung. 
Am Abend desselben Tages schrieb sie: 

„Der Moment, vor dem ich noch bis kurz vorher Angst gehabt habe, 
ist nun glücklich überstanden. Hauptsächlich die letzten Wochen wurde 
ich immer tiefer heruntergezogen, immer unruhiger und im Stillen wünschte 
ich manchmal, daß es entweder nicht zum Abreißen kommen oder mit dem 
Augenblick auch Schluß sein möchte. In Hinsicht auf Gefühle bin ich 
feige und will absolut nichts von deren Vorhandensein wissen. Als ich 
merkte, daß am Abreißen nichts mehr zu ändern war, habe ich mich 
schließlich gefügt und alles über mich ergehen lassen. Das Schlimmste 
aber war der Anblick des losgerissenen Hackens, den man mir entrissen 
hatte, — mein Schuh war so leicht, mir fehlte die Hauptsache daran. Ich 
fühlte eine ohnmächtige Wut gegen alles das, was man mir genommen und 
zerstört hatte. Ich fühlte mich aber so schlecht, daß ich liegen bleiben 
mußte, so schwach und gebrochen, daß ich weder weglaufen noch den 
Stiefel und Schlittschuh fortschleudern konnte. Vollkommen unter- 
gekriegt, legte ich den Schlittschuh samt Absatz auf den Boden, wo ich 
ihn nicht sehen konnte. Wie das Ubelsein fast vorbei war, hatte ich den 
Wunsch, den Hacken anzusehen, anzufassen, nah an mich zu halten, — 
eigentlich ihn liebzuhaben. Etwas zaghaft faßte ich ihn an; dann überwog 
aber das Gefühl, daß nun alles Schwere hinter mir lag, die Scheu, und ich 
habe Hacken und Schlittschuh fest in meinen Arm genommen, — offen 



270 Ludwig Binswanger. 

gestanden, ich fühlte mich glücklich". Über die Zinkensyml olik erfahren 
wir gleich darauf folgendes: 

„Die Zinken waren das Bindeglied zwischen Stiefel und Absatz — 
Alten und Jungen — ; waren die noch weiß, so war noch Saft — Leben — 
darin, und der Hacken — das Junge — war noch nicht fest und trocken, 
noch nicht ausgewachsen. Waren die Stiefel hingegen alt — ausgedörrt — , 
so störten mich keine Farbenkontraste, sie waren leblos und tot. — Ein 
Stiefel mit Absatz ist für mich ein Ganzes, etwas das zusammen- 
geschaffen ist — für einander, denn einzeln ist es wertlos. 
Je älter die Stiefel sind, desto fester werden sie, desto häufiger sind sie 
erprobt. Wenn sie sogar beim Schlittschuhlaufen standgehalten haben, 
dann werden sie auch sonst nie zerreißen und man kann unbedingtes Ver- 
trauen zu ihnen haben. Greifen aber die Zinken zum erstenmal in neue — 
junge — Stiefel ein, dann läuft man Gefahr, sie zu zerstören, weil niemand 
weiß, wieviel die Zinken im Hacken — das Bindeglied zwischen Mutter 
und Kind — aushalten. Als ich damals meine Stiefel vom Schuhmacher 
zurückbekam, war ein neuer Hacken darunter, — der alte war wegge- 
worfen. Und doch — trotzdem die weißen Zinken einmal dazwischen nach- 
gegeben hatten, hätte ich lieber wieder den alten, der doch von Anfang an 
zu diesem Stiefel gehört hatte, daruntergehabt, als so einen fremden 
Absatz, für den der Stiefel mir schon viel zu alt schien 1 ). Wäre 
der alte Hacken wieder daran befestigt worden, so hätte ich eben noch 
mehr aufgepaßt, bis ganz allmählich sich das Vertrauen wieder gestärkt 
hätte. Die ersten Wochen nach dem Unfall habe ich die Stiefel nicht an- 
ziehen wollen, dann habe ich es nach und nach vergessen. Als es aber das 
nächste Mal passierte, habe ich mich sehr angestellt und wurde immer 
mißtrauischer; ich fühlte eine Traurigkeit und zugleich Verachtung für 
die reparierten Stiefel. Austragen mußte ich sie, aber das Vertrauen blieb 
zerstört. Die Zi nken stellten für mich das Schicksal dar, das sich 
dazwischen drängt und zerstörend in ein Ganzes eingreift. 
Mit Max seiner Geburt schob sich unwillkürlich etwas zwischen 
Mama und mich, ich wurde verdrängt." — 

Zu Gerdas Auffassung von dem Stiefel als von etwas Ganzem, 
Untrennbarem und Unzerstörbarem sei noch folgendes erwähnt: 

„Man muß warten, bis das im Absatz ausgewachsen ist, ganz 
dunkel ist, dann stirbt's allmählich ab, dann ist es ja egal, ob es kaput 
gerissen wird oder nicht. Dann ist das Leben des Stiefels beendet, dann 
ist alles gut gegangen, dann sind sie zusammen gestorben und 
haben nichts durchgemacht, haben zusammengehalten und alles 
geteilt." 



*) Hiezu bemerkt Gerda spater: „Das kam mir vor wie Max, den 
Mama zu sieh genommen, direkt mit sich verbunden hatte, und der 
mich verdrängt hat. Wenn ich einmal mit Mama verbunden war, hätte 
sie niehts Fremdes dazwischen tun sollen. Max war wie ein Fremd- 
körper zwischen Mama und mir, ich stand daneben!" 






Analyse einer hysterischen Phobie. 271 

Ich: „Sie hatten also den Wunsch, zugleich mit Ihrer Mutter zu 
sterben?" 

Gerda: „Der Gedanke, daß meine Mutter vor mir sterben könnte, 
war entsetzlich. Da wäre nichts mehr über mir gewesen." 

Es muß hier nämlich hervorgehoben werden, daß Gerda sich 
das Verhältnis zwischen Mutter und Kind rein räumlich vorstellte: 
Das Kind steht direkt unter der Mutter, die Mutter über dem Kind, 
genau wie der Stiefel über dem Absatz steht, der Absatz sich unter 
dem Stiefel befindet. Über der Mutter steht wieder die Großmutter, 
unter dem Kind wieder dessen Kind. Insofern stellte sich Gerda alle 
Beziehungen zur Mutter als räumlich nach oben, alle Beziehungen 
zu ihrem eigenen (Phantasie-) Kind als nach unten hin aus- 
strahlend vor. Ferner gehörte zu diesem System, daß wenn die Mutter 
stirbt, sofort die Tochter an ihren Platz aufrückt, damit aber zugleich 
auch wirklich Mutter wird, d. h. daß unter ihr sogleich wieder ein Kind 
entsteht. Und umgekehrt ausgedrückt: Eine Tochter kann erst dann 
ein Kind bekommen, wenn die Mutter gestorben ist. Bekommt sie es 
vorher, so muß die Mutter sterben. 

Dies vorausgeschickt, werden die folgenden Äußerungen Gerdas 
verständlich sein. 

Wenn ihre Mutter vor ihr sterben würde, wäre sie frei von 
allem. Das wäre aber ein furchtbar beängstigendes Gefühl, denn dann 
müßte etwas Neues kommen, „dann müßte das Neue kommen, dann 
finge alles von vorne wieder an, und sie wäre oben". 

„Ich hatte immer das Gefühl, Mama steht über mir, ich darunter, 
ich hänge mit allen meinen Gefühlen an Mama. Das sind die Zinken, 
die vom Absatz in den Stiefel greifen. Wenn Mama nun gestorben 
wäre, dann müßte ich auf ihren Platz rücken, dann müßte bei mir wieder 
ein Kind sein. Dann gingen meine Gefühle wieder nach unten. In dem 
Moment also, wo die Zinken da heraus kamen, hatte ich von 
mir etwas abgegeben nach Tinten, und das durfte ich doch 
noch nicht, das kam mir noch gar nicht zu, da Max gerade geboren war 
und Mama noch mitten im Leben drin war, noch nicht im Absterben be- 
griffen." 

Gerda stellt diese Verhältnisse graphisch folgendermaßen dar: 
Das Leben erscheint ihr wie ein aufrecht stehender Kreis (später sagt sie : 
wie eine Baggermaschine!), auf dem die einzelnen Personen je nach 
ihrem Alter verschiedene Positionen einnehmen. Zu oberst steht die 
Mutter, am Lebensabend, in der Mitte die ältere Schwester, zu unterst 
die Patientin. Nach der Episode auf dem Eise gestalteten sich aber 



272 Ludwig Bins wanger. 

die Verhältnisse in ihrer Phantasie so, daß die Mutter sich schon jen- 
seits des Höhepunktes des Kreises befand und sie selbst schon bei- 
nahe auf den früheren Standort der Mutter vorgerückt war. Patientin 
erwähnt ferner hiezu: 

„In dieser( 2.) Position kam bei mir schon etwas nach (von unten), das 
durfte nicht sein! Ich hatte mich fast auf den Posten von Mama gesetzt. 
Damit schob ich Mama ab, brachte sie dem Tode näher, ver- 
drängte sie. Da bin ich ihre Eivalin und habe einen kolossalen Schritt 
nach oben getan. — (Das ist mir alles so klar, als ob ich es gleich 
hätte sagen können! 1 ) Darum mußte ich ihr das einfach sagen und 
beichten und sie um Entschuldigung bitten, denn wenn ich ihr alles sagte, 
konnte sie alles wieder gut machen. Es kam mir wirklich wie eine Sünde 
vor mit dem Stiefel. Aber Mama kann mir helfen, dachte ich, die kann 
den Stiefel wieder zurecht machen lassen und dann kann es nie wieder 
geschehen, dann passiert es nie mehr, dann passe ich auf. Dann bin ich 
wieder unten und Mama ist wieder auf ihrem richtigen Posten. In dem 
Momente, wo ich es ihr gesagt habe, da war ich ganz wieder das Kind; 
da habe ich ihr alles gesagt, was ich durchgemacht hatte. Deswegen dachte 
ich, sie müßte das verstehen und mich bewahren vor der Wiederkehr und 
mir etwas sagen. Das ist aber ganz fortgeblieben, das habe ich vermißt, 
und daher ist es immer wieder gekommen, und ich habe mich doch wieder 
auf ihren Posten gestellt." 

Ich bitte Gerda, mir noch einmal präzise zu sagen, was sie mit 
dem Ausspruch „Ich habe die Zinken gesehen" habe ausdrücken 
wollen. 

„Ich wollte Mama sagen," erwidert Gerda, „ja so weit ist es schon, 
es kommt schon ! Mama war gewissermaßen schuld daran, daß die Zinken 
nach unten gingen. Sie hatte doch Max bekommen und vernach- 
lässigte mich, da hatte ich selbst mir etwas gebildet, ein 
anderes Gefühl! Das (= die Zinken) durfte aber noch nicht hervor- 
brechen, das mußte man noch zurückhalten, man mußte doch warten, 
bis Mama den Bogen zu Ende war. Wie ich e3 ihr sagte, bin ich noch ein- 
mal zu ihr zurückgekehrt. Das hat sie nicht verstanden, hat es 
nie wieder berührt und dadurch gelten lassen, und dann ist 
es weiter gewuchert." 

Klärt uns Gerda somit über die Phobie vollends auf, so liefert 
sie auch noch Erklärungen zu den Anfällen: 



l ) Dieser Ausspruch zeigt, daß wir es hier nicht etwa mit neu entstandenen 
Phantasien zu tun haben, sondern mit altem infantilem Material, das nie ganz 
vergessen worden war. Trotzdem bedurfte es aber der geschilderten großen Arbeit, 
um es aus der Verdrängung hervorzuheben. Ist dies geschehen, so glauben die 
Kranken stets, „es immer gewußt zu haben", und spotten so scheinbar der vorher- 
gegangenen Anstrengungen. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 273 

„In dem Momente, wo ich ohnmächtig werde," sagt sie, „sinke 
ich nach unten, es wächst unten etwas immer stärker, das Gefühl 
wächst nach unten. Wenn ich ohnmächtig bin, habe ich das Kind, bin 
frei und komme nach oben auf Mamas Posten. Dann ist alles frei und 
schön und weit. Mir ist jede Sorge abgenommen. Mama stört mich nicht 
mehr, ist nur zu meinen Diensten da. — Wenn ich erwache, bin ich da, 
wo ich vor dem ganzen Beginn gewesen bin, richtig auf der Erde; dann 
bin ich das Kind und meist recht kleinmütig. Wenn Mama dann um 
mich besorgt ist, drückt es mich nieder. Ich habe schon einmal wieder 
nicht standgehalten, habe partout gewollt, bin da oben gewesen und 
hatte doch nicht die Kraft dazu." 

Gerda gibt jetzt auch wertvolle Beiträge zur Analyse des Traumes 
vom toten Kind der Mutter (siehe S. 253). Sie zeigen, wie tief jener 
Traum in Gerdas Psychologie wurzelt. 

„Ich hätte eher das Kind sein mögen, das noch in ihr war, dann 
wäre es etwas anderes gewesen. Aber wir standen nebeneinander 
und da hatte sie etwas Totes in sich. Dadurch hat sie mich verletzt. Ich 
war direkt beiseite geschoben. Ich hatte im Traume den Platz, den ich 
früher immer gehabt hatte, abgetreten. Früher stand ich unter Mama 
und war ihr besonderer Verzug. Das hatte ich alles aufgegeben. Dafür 
verlangte ich aber, daß sie allein bleibe. Da hat sie sich aber etwas Extra's 
geschaffen und mir nichts davon gesagt, etwas was ihr Inhalt war 
und wofür sie lebte. Hätte sie es mir gesagt, daß sie das Kind in sich habe, 
oder hätte sie es nur in dem Moment gesagt, als es herauskam; hätte sie 
es mir nur anders gesagt, dann hätte sie alles gutmachen können. So aber 
rissen die letzten Gefühle für sie, und ich hatte das Gefühl, 
es ist etwas in mir wieder kalt geworden." 

In diesem Traum fühlen wir noch den Schmerz nachhallen, den 
Gerda als Kind empfand über die Geburt von Max, über die Unauf- 
richtigkeit der Mutter und das mangelnde Vertrauen der Mutter ihr 
gegenüber. Und was das Kind sich dann wünschte und in der Ohnmacht 
auch erlebte, das ist im Traum erfüllt: sie steht neben der Mutter, 
ist ihr gleichgestellt. Sie gibt selber an, in Wirklichkeit wäre ihre Mutter 
nie zu gleicher Zeit mit ihr ins Bad gestiegen; daß sie es im Traume 
tat, sei ein Zeichen, daß sie gleichberechtigt wären. Worauf sich 
diese Gleichberechtigung bezieht, wissen wir ja aus dem Vorhergehenden, 
es ist aber auch im Traum symbolisch ausgedrückt (Darstellung der 
Geburt durch Bad und Badewanne usw.). Das tote Kind ist in einer 
Traumschicht Max, dem sie ja öfters den Tod gewünscht hatte, in 
einer andern aber Gerda selbst. Sie ist ja nach Max' Geburt für 
die Mutter gestorben, tot gewesen, ihr gegenüber war die Mutter teil- 
nahmlos und gefühllos. Sie wurde von der Mutter beseitigt, um einem 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 18 



274 Ludwig Binswanger. 

andern Platz zu machen. Und doch war ihr heißester Wunsch gewesen, 
stets bei der Mutter zu bleiben, mit ihr zu sterben. Und schließlich 
kommt auch noch die Identifikation mit der Mutter in Betracht, der 
der Gedanke zugrunde liegt, daß Gerda selbst ein totes Kind zur "Welt 
bringe, ein Gedanke, dem wir ja schon öfters begegnet sind. 

Nachdem der Bann nun einmal gebrochen ist, ergeht sich Gerda 
immer mehr in der Ausmalung der Stiefel- Absatz- Symbolik. Es lohnt 
sich wohl, ihr hierin noch weiter zu folgen, wenn auch Wiederholungen 
nicht ganz vermieden werden können. Um so deutlicher wird aber auf 
diese Weise die so auffallende und so scharf durchgeführte Symbolik 
hervortreten 1 ). 

Zunächst schildert Gerda ihr jetziges Verhältnis zu ihrer Mutter, 
das nur eine Fortsetzung desjenigen ist, welches durch die Geburt 
von Max entstanden war. Sie knüpft daran an, daß die Mutter vor 
Beginn der Behandlung das Thema von den Anfällen noch einmal berühren 
wollte. Das war ihr, als ob sie gehängt werden sollte, als ob man 
ihr zu Leibe gehen wollte, und sie unterbrach die Mutter rasch. 

„Mama war der Gedanke gar nicht gekommen, daß mir ihre Fragen 
überhaupt unangenehm sein könnten; sie war verständnislos besorgt um 
mich. Sie stieß mich gewissermaßen in die Vergangenheit zurück. Ich 
sank im gleichen Augenblicke so schnell, denn sie berührte mich an meinem 
empfindlichsten Punkt, und alles Gegenwärtige, was mich bis dahin be- 
schäftigt, mich abgelenkt hatte, zerfiel augenblicklich in ein Nichts. Zu- 
gleich merkte ich, daß sie sich mit mir und den Anfällen beschäftigte, 
daß sie versuchte, mich schwach zu machen und mich nach unten zu ziehen. 
Ich fühlte eine Nichtachtung und Neugierde darin, denn helfen tat sie mir 
nicht dadurch; es gab ja nichts mehr, wodurch sie es hätte gutmachen 
können ■ — die Zeiten waren längst verpaßt. Etwas hatte sich mit den Jahren 
zwischen uns geschoben und trennte uns. Wir wurden durch nichts mehr so 
fest verbunden wie früher. Mama hatte vielleicht nicht genug Druck 
auf mich ausgeübt, hatte mich nach und nach losgelassen oder bei- 
seite geschoben, und das vertrage ich nicht. Deshalb habe ich mich 
immer mehr abgesondert, bin meinen eigenen Weg gegangen, und doch 
kann ich nicht ganz auf eigenen Füßen stehen, denn in meinem tiefsten 
Innern — oft verdrängt und beiseite geschoben — ist noch immer 
ein Gefühl, mit dem ich sehr an meiner Mutter hänge. Es läßt 
mich nie ganz los, sondern schleift mich immer mit; ich kann mich nicht 
ganz losreißen, weil ich zu viel Gefühl habe. Wenn ich allein stehe, muß 



*) Wenn der Leser auch vielleicht schon ermüdet sein mag, möchte ich 
doch das Material so ausführlich als möglich darstellen. Nur so wirken die 
Zusammenhänge eindringlich. Die psychoanalytische Literatur leidet viel mehr 
an zu kurzen kasuistischen Arbeiten als an zu langen. 






Analyse einer hysterischen Phobie. 275 

ich das alles unterdrücken und verschließen, denn es ist so schwer, allein 
oben zu bleiben, wenn's immer nach unten zieht. Auf irgend etwas muß 
ich mich unbedingt werfen, sei es ein Beruf oder sonst Pflichten, die aber 
so ernst und schwerwiegend sind und Anforderungen an mich stellen, die 
mich oben halten. Das Muß aber darf nicht fehlen, denn sonst gebe ich 
nach. Seitdem ich nicht mehr so zu meiner Mutter aufsehe, verliere ich 
nach und nach meine Kraft und das Selbstvertrauen. Vielleicht hat sie 
sich nicht intensiv genug mit mir beschäftigt, mich nicht genug gezwungen, - 
auf ein Ziel hinzuarbeiten. Entweder muß ich einen Zweck haben oder 
irgend einen Menschen, zu dem ich aufsehe und an dessen Urteil mir etwas 
liegt. — Das ist mir beim Hacken auch so schrecklich, das Los- 
reißen, sobald etwas von außen eindringt, dann sehe ich die 
Zinken, noch frisch, noch nicht widerstandsfähig, noch nicht fest genug. 
Es sind wie die einzelnen Gefühle zwischen Mutter und Kind, die gewalt- 
sam herausgerissen werden, noch nicht ausgereift sind. Sie möchten wieder 
hineingreifen, finden aber nicht immer das richtige Loch und greifen nicht 
tief genug in den Stiefel — in das Seelenleben der Mutter — ein, es faßt 
nicht mehr so fest wie früher, es hält nicht mehr auf die Dauer. Es tut 
weh — eigentlich beiden Teilen — , wenn der Stiefel auftritt, um die Ver- 
bindung mit dem Hacken wieder herzustellen. Die Zinken verdorren 
schneller, sie biegen sich nicht mehr. Entweder brechen sie beim Auf- 
treten oder sie ritzen Wunden in das Leder des Stiefels — in das Mutter- 
herz. Daß sie beim Auftreten richtig wieder hineingreifen, ohne etwas 
zu zerstören und dann auch halten, das kann nur geschehen, wenn der 
Hacken ganz losgelöst war, aber nie, wenn er eine Zeitlang, 
sei es auch nur an einem einzigen Zinken, gehangen hat. Ist ein Spalt 
zwischen Stiefel und Absatz, so dringt Kälte usw. schnell ein, dorrt 
die Zinken aus, verändert allmählich die Farbe des Leders drinnen, beide 
Schnittflächen werden härter und passen sich nicht mehr 
wie früher an, als sie noch ein Ganzes bildeten. So ist es auch beim 
Menschen. Entsteht erst mal ein Eiß. greift oder läßt man etwas zu früh 
von außen eingreifen, kommt erst mal ein Mißtrauen, ein Nichtver- 
stehen auf, dann lockert sich, ohne daß die Mutter es gleich bemerkt, 
ein Gefühl des Kindes nach dem andern — ein Zinken nach dem andern 
fällt heraus, weil sich etwas mit Gewalt dazwischen preßt. So bin ich 
auch mit den Jahren herausgestoßen worden, habe mich losgelöst, bis 
auf den einen Zinken in der einen Ecke, der noch immer hält, der nicht 
losreißen will. Tritt Mama auf, berührt sie das Gefühl, dann versuche 
ich jedesmal vergebens, die alten Löcher auch für die andern Zinken zu 
finden; denn das Hängen, weder losreißen können, noch ganz in- 
einandergreifen, ist schrecklich. Der Absatz ist fast frei, nur an einer Seite 
ist die Verbindung noch eng vorhanden. Fest auftreten kann man nicht, 
dann fühlt man, daß der Hacken ungleich ist, — an einer Ecke viel zu 
niedrig, noch frisch, verwundbar. — Ähnlich ist es auch mit den Pflanzen. 
Abgeschnitten habe ich mir oft und gern etwas von den Sträuchern. Doch 
wenn ich etwas abgerissen hatte und es nicht ganz losbekommen konnte, 
hatte ich stets ein schlechtes Gewissen. Der Zweig mußte verbluten und 

18* 



276 



Ludwig Binswanger. 



allmählich vertrocknen — er kriegte keine frischen Triebe mehr und ich 
konnte ihn doch nicht brauchen. Ich ärgerte mich über mich selbst, wes- 
halb ich das überhaupt versucht hatte, denn es blieb doch jedesmal hängen 

und tat es trotzdem das nächstemal wieder. Dem Strauch schadete 

es ja weniger, — der wurde an der Stelle etwas braun und trocken; der 
Saft stieg nachher desto kräftiger in die übrigen Zweige. Der Strauch 
verlor höchstens etwas von seiner Form und seinem Aussehen." 

Wir sehen Gerda in dieser uns schon bekannten Symbolik sich 
mit einem halbabgerissenen Zweig vergleichen, der verbluten und ver- 
trocknen muß, weil er von dem Strauch, von der Mutter, nicht mehr 
genug Nahrung bekommt. Dem Strauch, der Mutter, schadet hingegen 



Vor der Geburt von Max. 



Nach der Geburt von Max. 




Fisr. 1. 



Fiff. 2. 



das Abreißen des Zweiges kaum, der Saft steigt nur um so kräftiger 
in die anderen Zweige, d. h. was ihr von der Mutter entzogen wurde, das 
erhalten die Geschwister. Ferner braucht kaum darauf hingewiesen 
zu werden, daß der herabhängende, losgelöste Absatz und der abgerissene 
Zweig als Symbole nebeneinanderstehen, ein und dasselbe ausdrücken. 
Die Zweigsymbolik war eher wohl die ältere und für die Absatzsymbolik 
vorbildliche 1 ). 

Zum Schlüsse noch eine andere graphische Darstellung dessen, 
wie sich bei Gerdadas Verhältnis der Kinder zu den Eltern vor und nach 
der Geburt von Max gestaltete (siehe Figur 1 und 2). 

Zur Erklärung der Figuren sei nur hervorgehoben, daß P. und M. 
Papa und Mama bedeuten, L. ist unsere Patientin, A. Albert, M. Max. 



x ) Wir wissen jetzt, daß dem Abreißen des Absatzes, wie dem Abreißen 
des Hollunderzweiges sowohl Masturbation - als Geburtsphantasien zugrunde 
liegen. 






Analyse einer hysterischen Phobie. 277 

Die übrigen Geschwister können wir übergehen. Wir sehen, wie A. 
immer der Begleiter von L. ist. Am wichtigsten ist aber, daß wir auf 
Figur 1, also vorder Geburt von Max, Gerda (L.) direkt unter der Mutter 
antreffen, ohne Verbindung mit dem Vater, daß hingegen auf Figur 2 
Gerdas Platz von dem dicken M. besetzt ist und Gerda (L.) samt A. 
beiseite geschoben wurde und sich dem Vater nähert. Zugleich bemerken 
wir, daß nun bei L. schon „etwas nach unten wächst". Auf einer hier 
nicht reproduzierten Figur, die ein späteres Jahr repräsentiert, befindet 
sich Gerda mitten unter dem Vater, dessen Symbol an Umfang noch 
mehr zugenommen hat, während dasjenige der Mutter ganz klein ge- 
worden ist 1 ). 

Bevor die Patientin entlassen wurde, wiederholte ich das Schlitt- 
schuhexperiment noch am andern, rechten Fuß. Die Beaktions- 
erscheinungen waren geringer als beim ersten Versuch. Patientin empfand 
kein Bedürfnis mehr, Schlittschuh und Absatz an sich zu nehmen, 
sie erklärte, nicht so sehr an diesem zweiten Absatz zu hängen, da er 
so leicht abgegangen sei und ihre Teilnahme daher gar nicht so sehr 
verdiene wie der erste, der weit fester saß. Die Stimmung, die durch 
diesen zweiten Versuch hervorgerufen wurde, geht aus folgenden Zeilen 
Gerdas hervor (167. Tag): 

„Es ist vorbei — alles zu Ende ! Alles was mich in den letzten Tagen 
und besonders Stunden erregt hat, liegt hinter mir, ist vorüber. Was ver- 
gangen, kehrt nie wieder, das ist das Einzigste, was ich mir immer wieder- 
hole; aber begreifen tu ich's trotzdem nicht — nie, nie mehr? ! — Ich gehe 
wie im Traum einher, ich kann nicht denken, nicht fühlen. An nichts 
nehme ich mehr Anteil, etwas in mir ist gänzlich starr geworden. Ich stiere 
immer ins Leere, ohne zu wissen, was ich überhaupt noch soll. Die Minuten 
schleichen wie Stunden, eine gleicht der andern. Alles um mich herum 
geht seinen gewohnten Gang weiter, und nichts kann mir das Verlorene 
zurückgeben. In mir ist es so leer geworden. Ich möchte aufschreien, ihn 
zurückverlangen — aber die Kraft fehlt mir, ich bin gänzlich teilnahmslos. 
Der Weg von ihm zu mir ist für ewig abgeschnitten, — ich 
stehe ganz einsam. Ein Zurück gibt es nicht, nur vorwärts, vorwärts 
verlangt das Leben mit unerbittlicher Strenge. Mir ist alles egal, wohin 
mich das Schicksal schleudert; das Einzigste und Letzte habe ich un- 



x ) Charakteristisch für das „räumliehe" Denken Gerdas ist noch folgendes 
Beispiel: Wenn sie mit einem Mensehen befreundet ist, hat sie das Gefühl, „das 
greife direkt ineinander wie Finger einer Hand in Finger der andern eingreifen. 
Je näher man befreundet ist, desto intimere Sachen bespricht man, desto mehr 
Interessen werden angeregt, desto tiefer greifen die Finger ineinander ein." Wir 
sehen also auch hier Gefühlsbeziehungen räumlieh und materiell gedacht. 



278 Ludwig ßinswanger. 

widerruflich hergeben müssen — ich habe nichts mehr, was man mir noch 
entreißen könnte. Wenn ich gehe, wenn ich etwas anfasse, alles geschieht 
ohne eigentlichen Willen, nur rein mechanisch. — Nachdem alles zu Ende 
war, habe ich es gleich soweit ich konnte in Ordnung gebracht: den Hacken 
und Schlittschuh verschlossen, den Schlüssel — durch den er überhaupt 
nur eröffnet werden konnte — wohl verwahrt. Nur die Stiefel habe ich 
nicht gleich ausziehen können, darüber mußte noch Zeit vergehen. Es war 
dasjenige, was sich direkt mit dem Genommenen berührt hatte, es wies 
überall W unden auf, die erst ausdorren mußten. Die beiden Teile hatten für 
einander existiert, sich einander genau angepaßt — das sah man 
noch an der Schnitt- oder Rißfläche. Es vergeht eine Zeit, dann dunkeln 
auch die jetzt noch so frischen Spuren — die Zeit heilt und verwischt es 
allmählich. Langsam entschloß ich mich endlich, die Stiefel auszuziehen, 
sie pe^en heile — neue — zu vertauschen. Es war, als ob ich etwas hinter 
mich würfe — das Alte war zu Ende, es mußte vergessen werden, denn 
das Neue — das Leben — machte wieder seine Anrechte geltend. An anderer 
Stelle auf frischem Grund und Boden muß etwas Neues aufgebaut werden. 
Das Alte kann nie wieder jung werden, nie wieder so fest wie es war. 
Wir lassen es zerstört hinter uns liegen, es hat seine Zeit abgedient. Ich 
darf nicht mehr dran hängen und dem nachtrauern. Das Leben drängt 
vorwärts, es verlangt neue Kräfte, neues Schaffen, um dereinst wieder 
zerstörend einzugreifen. Ein stetes Kommen und Gehen — ein Schaffen 
und Vernichten, um wieder von neuem zu beginnen. 

Für mich hatte das Schicksal zu früh und zu überwältigend in mein 
Dasein eingegriffen. Ich verstand es nicht, war noch nicht kräftig 
und widerstandsfähig genug, um es zu begreifen. Ich ahnte nur die 
Macht des Schicksals und hatte Angst vor dem Leben. — 
Das wurde ineinMärchen vom Stiefel und Absatz; das Schönste 
und auch das Grausigste enthielt es zugleich für mich: Werden 
und Vergehen!" 

Der Yaterkoinplex. 

Wir erinnern uns: Die Geburt von Max und der 8 Tage vorher 
erfolgte Tod des Vetters waren die Ereignisse, die das Kind zum ersten 
Male eindringlich vor das Problem vom Werden und Vergehen gestellt 
hatten. Hier ist aber noch eines Ereignisses aus späterer Zeit zu gedenken, 
das gerade bei der jetzigen Stimmung Gerdas mächtig wieder anklingt: 
der Tod des Vaters. Gerda erklärt, ihre Gefühle nach dem letzten 
Experiment hätten eine „furchtbare Ähnlichkeit" mit denjenigen, 
die sie bei der Beerdigung ihres Vaters empfunden habe. Und schilderte 
sie dieselben nicht so, wie sie zu sein pflegen nach dem Verlust einer 
geliebten Person? („Ich möchte aufschreien, ihn zurück verlangen" — 
„der Weg von ihm zu mir ist abgeschnitten" usw. usw.) Als der Sarg 
ihres Vaters ins Grab hinuntergesenkt wurde, habe sie gefleht: „Oh, 






Analyse einer hysterischen Phobie. 279 

Gott, wenn ich doch mitkönnte/' Sie hätte am liebsten die Leute „weg- 
geworfen" und den Sarg festgehalten, sich darübergeworfen und ge- 
schrien: Nehmt ihn mir nicht, ihr versteht ja nicht, was da in mir 
zerstört wird! „Ich hatte das Gefühl, daß mir auf ewig etwas ab- 
gerissen (!) wird!" 

Dieser leidenschaftliche Ausbruch beim Tode des Vaters zeigt 
uns schon die starke Vaterübertragung. Wenn diese bis jetzt nicht 
erwähnt wurde, so geschah es aus Gründen der Übersichtlichkeit der 
Darstellung. Gestreift wurde sie schon öfters (siehe z. B. Figur 2). 
Der Ausdruck, eine Rivalin ihrer Mutter zu sein, der Aufbau des Mutter- 
komplexes überhaupt ließen schon lange auf eine starke Vater Übertragung 
schließen. Diese ist mit schuld an der Herabsetzung der Mutter. Das 
geht u. a. deutlich hervor aus folgendem Traum Gerdas: 

Sie sei zu ihrer Mutter ins Zimmer gekommen. Im Zimmer nebenan 
habe ihr Vater gelegen, und als sie nach ihm sehen wollte, sei er tot 
gewesen. 

„Das war ein furchtbarer Moment. Und wie ich nachher meine 
Mutter frug, warum sie nicht zu Papa hineingegangen wäre, sagte sie, 
er hätte vorher noch so gestöhnt; sie habe aber gedacht, es hätte weiter 
nichts auf sich. Er hätte auch vorher noch so einen Ton von sich gegeben, 
als ob er noch etwas hätte sagen wollen. Aber Mama wäre gerade bei ihrer 
Arbeit gewesen, bei einer Handarbeit, und sie wollte nicht gerade auf- 
stehen von der Handarbeit, weil sie dachte, Papa hätte nichts Besonderes. 
Das fand ich so scheußlich von Mama und ging wieder zu Papa 
und bin bei ihm geblieben und an seinem Bette gesessen. Das war der 
Schluß." 

Man sieht, wie Gerda der Mutter ihre angebliche Herzlosigkeit 
und Gleichgültigkeit gegen den Vater vorwirft und sich selbst ins beste 
Licht setzt. Sie hätte nicht so gehandelt wie die Mutter ! Sie ist es denn 
auch, die im Traume vielmehr die Rolle der besorgten und trauernden 
Gattin spielt. Aber auch in Wirklichkeit lebte sich Gerda in diese 
Rolle ein. Sie glaubte, ihren Vater besser zu verstehen als die Mutter, 
glaubte auch, daß der Vater dies fühle. Lange Zeit hat sie den Krän- 
kelnden gepflegt und hat dafür Dank geerntet. Vielsagend ist auch 
folgender Ausspruch Gerdas: „Die Mutter sagte immer lächelnd, 
Papa wäre verliebt in mich. Ich hatte dadurch das Gefühl, ich müßte 
für ihn sorgen, ich hätte dadurch aber auch dieselben Rechte wie 
Mama sie hat!" 

Sicherlich ist hier noch ein großes Stück infantilen Materials 
unerledigt geblieben. Ich erinnere nur an den Traum, wo der Vater 



280 Ludwig Binswanger. 

Gerda auf dem Topfe überrascht, an Gerdas Freude, wenn sie auf 
des Vaters großem Topfe sitzen konnte. Halten wir uns aber an das 
Gegebene. 

0. Epikrise. 

Die Diagnose. 

Ehe wir den vorliegenden Fall einer zusammenfassenden ana- 
lytischen und womöglich synthetischen Betrachtungsweise unter- 
ziehen, müssen wir uns Klarheit verschaffen, mit was für einem 
Symptom wir es eigentlich zu tun haben, und in welche Krankheit 
es einzureihen ist. 

Vom rein klinisch-symptomatologischen Standpunkt aus fällt 
es nicht schwer, die erste Frage zu beantworten. Es handelt sich bei 
dem Hauptsymptom Gerdas um eine Phobie. Als Phobien aber 
„werden von den Autoren die bei besonderen Anlässen auftretenden 
oder wenigstens von gewissen Vorstellungen ausgehenden Angstzustände 
zusammengefaßt" (Löwenfeld) 1 ). Sie gehören nach Löwenfeld 
zu den Zwangserscheinungen der emotionellen Sphäre, speziell zu den 
Zwangszuständen, und zerfallen im wesentlichen wieder in Phobien 
mit konstantem und solche mit flottierendem Vorstellungsinhalte 
(Paradigma- der letzteren: Agoraphobie). Gerdas Phobie gehört zu 
den ersteren. „Die Vorstellung, mit welcher sich die Angst verknüpft, 
i. e., welche den Gegenstand der Befürchtung bildet, ist hier das 
primär Auftretende, sie besitzt ausgesprochenen Zwangscharakter 
und einen ganz bestimmten konstanten Inhalt 2 )." Die Unterscheidung 
jener beiden Arten von Phobien ist nun durchaus nicht nebensächlich 
und nur von systematischem Wert; auch die psychologische Genese 
ist eine verschiedene. Darauf hat Freud schon im Jahre 1894 auf- 
merksam gemacht 3 ). Im nächsten Jahre hat er seine Auffassung 
noch eingehender dargelegt in dem Aufsatz: Obsessions et phobies etc 4 ). 
Der Titel dieser Arbeit verschärft schon äußerlich die Unterschiede 
zwischen den beiden Arten von Phobien, denn Obsession ist hier nur 



*) S. Löwen feld: Die psychischen Zwangserscheinungen. Wiesbaden, 190-i. 

2 ) Löwenfeld 1. e. S. 330. 

3 ) Freud: Die Abwehrneuropsychosen. Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. S. 45 ff. 

*) Freud: Obsessions et phobies. Leur mecanisme psychique et leur 
etiologie. S. 86 ff. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 281 

eine andere Bezeichnung für eine Phobie mit konstantem Vorstellungs- 
inhalte. Gerdas Phobie könnte daher ohne weiteres auch als eine Ob- 
session bezeichnet werden. Dies stimmt überein mit Freuds 
psychologischer Definition der Obsession, die lautet: 1. l'etat emotif 
s'est eternise; 2. l'idee associee n'est plus l'idee juste, l'idee ori- 
ginale, en rapport avec l'etiologie de l'obsession, eile en 
est im remplagant, une Substitution". Das trifft ohne weiteres 
für unseren Fall zu. Der emotive, die Obsession begleitende Zustand ist 
zu einem dauernden geworden (Angst), sein ursprünglicher Vorstellungs- 
inhalt aber ist durch einen neuen ersetzt, substituiert 1 ). 

Es bleibt nun noch die schwierigere Frage : Welches ist die Krank- 
heitsform, zu der das vorliegende Symptom gehört? Freud teilte die 
Phobien früher der Angstneurose, der Hysterie oder Zwangsneurose zu 2 ), 
neuerdings auch der Angsthysterie. In unserem Falle kann es sich 
nur handeln um eine Hysterie (Angst- oder Konversionshysterie) oder 
eine Zwangsneurose. 

Von vornherein erscheint die Diagnose einer Hysterie wahr- 
scheinlicher. Und zwar aus folgendem Grund: Die Absatzphobie ist 
ja nicht die einzige krankhafte Äußerung des Absatzkomplexes; ihr 
zur Seite stehen die Ohnmachtsanfälle, die wir kaum anders denn als 
(synkopale) hysterische Anfälle auffassen können. Ist doch 
ihr Mechanismus ein für hysterische Anfälle durchaus typischer: Voraus- 
gehender Kampf zwischen Libido und Verdrängung; Kompromiß 
beider, insofern als es der Verdrängung gelingt, die sexuellen Vor- 
stellungen vom Bewußtsein abzuhalten, wofür sich die Libido dann 
im Unbewußten schrankenlos und ungestört äußert (siehe die Ver- 
führungs- und Geburtsphantasien 3 ). 



x ) Man spräche hier besser im Plural. Sind es doch eine große Menge von 
Vorstellungsinhalten, die durch die Vorstellung von Absatz und Stiefel substituiert 
werden. — Nicht zu verwechseln ist die Obsession Gerdas mit einer idee 
obsedante im Sinne Janets (siehe Jan et. Obsessions et psychasthenie, Paris 
1903). Nach Jan et würde es sich hier handeln um eine idee fixe de forme 
hysterique (s. Janet, Nevroses et idees fixes, Paris 1904). 

2 ) Die echte Neurasthenie kommt hier nicht in Betracht. 

3 ) Gerdas Beschreibung ihrer Anfälle erinnert oft beinahe wörtlich an 
die viel eingehender geschilderten Anfälle Irmas in des Verfassers Versuch 
einer Hysterieanalyse; dieses Jahrbuch, I. Bd., S. 174 ff. (Nebenbei sei 
hier bemerkt, daß Irma auch weiterhin von Anfällen und Dämmerzuständen 
gänzlich verschont geblieben ist). 



282 Ludwig Binswanger. 

Wenn wir aber ein einwandfreies Symptom nachgewiesen haben, 
das einen hysterischen Mechanismus aufweist, werden wir uns zunächst 
scheuen, neben der Hysterie eine Zwangsneurose zu diagnostizieren, 
sondern werden zunächst untersuchen, ob nicht auch die Phobie in das 
Bild der Hysterie paßt. — Phobie und Anfall sind bei Gerda schon 
äußerlich eng miteinander verknüpft. Ist einmal die Phobie durch eine 
äußere Wahrnehmung oder durch innere assoziative Verknüpfung 
(wie z. B. nach dem Heiratsantrag, S. 230) angeregt, so läßt in 
der Regel der Anfall «nicht auf sich warten. Es kommt dabei nicht 
in Betracht, ob es sich um eine wirkliche oder um eine Trugwahr- 
nehmung gehandelt hat, eher noch, ob Gerda in der räumlichen 
Nähe des verdächtigen Objektes bleiben muß oder fliehen kann, und 
ob es sich um „wirkliche" Stiefel oder Zeugstiefel, Ballschuhe usw. 
handelt. Bei letzteren ist die Ähnlichkeit mit den Stiefeln, die bei 
dem traumatischen Erlebnis auf dem Eise eine Rolle spielten, weniger 
groß, vor allem aber eignen sie sich weniger zur Repräsentation oder 
Substitution der der Phobie zugrunde liegenden Vorstellungen. Ob 
ein Anfall auf die Angstentwicklung folgt, hängt also im wesentlichen 
davon ab, welche Intensität die letztere erreicht. Wird die Inten- 
sität abgeschwächt durch nachträgliche Beruhigungsgründe (wie: 
es sind ja nur Ballschuhe, bei denen der Absatz geleimt, nicht mit 
Nägeln befestigt ist, bei denen nichts zerreißt) oder durch 
Fliehen vor dem Objekt der Phobie, dann kann der Anfall ausbleiben; 
steigert sich aber die Intensität der Angst durch die Unmöglichkeit 
des Fliehens, durch die psychologische oder physiologische Konstellation 
der Patientin in dem betreffenden Augenblick, dann tritt der Anfall 
ein. Und das ist nicht wunderbar. 

Machen wir uns zunächst klar, daß wir es sowohl bei den Phobien 
als bei den hysterischen Anfällen mit Abwehr- oder Verdrängungs- 
erscheinungen zu tun haben. Der Unterschied ist nur der, daß es sich 
bei den Anfällen um eine Konversion handelt, „d. h. daß die aus dem 
pathogenen Material durch die Verdrängung entbundene Libido aus dem 
Seelischen heraus zu einer körperlichen Innervation verwendet wird" 
(Freud). Bei den Phobien hingegen verbleibt die Libido „innerhalb des 
Seelischen" und wird wie in unserem 'speziellen Falle als Angst frei 1 ). 
Die sonstige Übereinstimmung im psychischen Mechanismus solcher 
Phobien mit der Hysterie, vor allem auch ihre Entwicklung aus der 

l ) S. Freud: Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben; dieses Jahr- 
buch I, S. 87. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 283 

Angsthysterie, bewogen Freud, diese Phobien der Angsthysterie 
zuzurechnen, und ich glaube, daß diese Auffassung mit großem 
Vorteil auch in unserem Falle möglich ist. Wir hätten es dem- 
nach mit einer Kombination von Angst- und Konversions- 
hysterie zu tun, wie sie ja häufig vorkommt. Und wenn wir weiter 
mit Freud in einer Phobie , .einen psychischen Vor- oder Schutzbau 
von der Art einer Vorsicht, einer Hemmung oder eines Verbotes" 
erblicken, der dazu bestimmt ist, „jeden der möglichen Anlässe zur 
Angstentwicklung zu sperren", so können wir uns leicht das Verhältnis 
der beiden Hysterieformen zueinander in unserem Falle klar machen. 
Ist der Anlaß zur Angstentwicklung von geringer Intensität und kurzer 
Dauer, so genügt der „Vorbau", die Phobie, wirkt er stärker und länger, 
so wird der Vorbau durchbrochen und die Libido bemächtigt sich auch 
des Zuganges zu den „körperlichen Innervationen", es kommt zum 
Anfalle, zum Bewußtseinsverlust. Phobie und Anfall verhalten sich 
demnach zueinander etwa wie die Besetzung eines Forts zur Besetzung 
einer ganzen Festung 1 ). 

Daß es sich auch bei Gerda wie bei Freuds kleinem Hans anfangs 
um eine Angsthysterie gehandelt hat, ist leicht ersichtlich. Sie litt schon 
lange vor dem Auftreten der Absatzphobie an Angstträumen, an Angst 
vor dem Tode, vor fremden Menschen und vor allem „Neuen", vor un- 
freiwilliger Stuhlentleerung usw. Sie zeigte eine hochgradige Aggressions- 
hemmung (Adler) und alle Zeichen einer ausgesprochenen psychischen 
Überempfindlichkeit. Ferner besaß sie ein maßloses Zärtlichkeits- und 
Liebebedürfnis und daneben einen starren Trotz und Eigensinn gegen- 
über ihrer Mutter, ein typisches Verhalten neurotischer Kinder. 

Im Gegensatz zu all dem finden wir in unserem Falle wenig, das 
für Zwangsneurose spräche. Die Eintönigkeit des Symptoms nament- 
lich brachte einen Kollegen 2 ) auf die Vermutung, daß es sich um eine 
Zwangsneurose handeln könne. Hiezu ist aber zu bemerken, daß 
wir es bei Gerda ja nicht mehr mit einer „produktiven" Hysterika 
zu tun haben, vielmehr mit einem Falle, der über einige starke 
infantile Verdrängungen nicht hinweggekommen ist, diese quasi 






*) Durch diesen Fall sind mit aller Deutlichkeit r die Worte Freuds 
illustriert, „daß eine Phobie einen hysterischen Anfall zu ersparen bestimmt 
ist". Vgl. Zwangshandlungen und Religionsübung; Sammlung kleiner Schriften, 
II, S. 129. 

2 ) Anläßlich einer Darstellung des Materials in der Züricher psycho- 
analytischen Vereinigung. 



284 Ludwig Binswanger. 

als Fremdkörper mit sich herumschleppt, im übrigen aber ziemlich 
intakt ist. — Aber auch die Art und Weise, wie Gerda ihr Ver- 
hältnis zur Mutter bearbeitet, vor allem ihre Zweifel an ihr, sind 
hysterisch. Es geschieht durchweg auf symbolische Weise, ich möchte 
sagen, „am Symbol", während bei einer Zwangsneurose sich alles 
auf dem Gebiete des Denkaktes selbst abspielen würde 1 ). Wir finden 
bei Gerda z. B. nichts von der Herrschaft von Zwang und Zweifel auf 
ihr ganzes Denken, was sich gerade bei dieser Grundlage, bei dem 
starken Schwanken zwischen Liebe und Haß gegenüber der Mutter. 
im Falle einer Zwangsneurose hätte einstellen müssen. 



Wenden wir uns nun der Analyse selbst zu und beginnen wir mit 
der autoerotischen Phase, mit den masturbatorischen Manipu- 
lationen, die Gerda mit dem Stiefel ausführte. Durch die Erwähnung 
dieser Manipulationen fiel ja zum ersten Male Licht auf die Ursache 
der starken Gefühlsbetonung, die sich bei Gerda an die Stiefel heftet. 
Durch die Masturbation war der Stiefel ihr Freund, ihr Liebling, ihr 
Sorgenkind, ihr Allerschönstes, ihr Ideal geworden, das sie mit aller 
Sorgfalt hütete, man kann wohl sagen, verhätschelte, das sie vor den 
Blicken anderer behutsam barg, und mit dem sie, bezeichnenderweise, 
einen wahren Reinlichkeitskult trieb. Die Stiefel waren ihr Eigenstes, 
waren untrennbar mit ihr verbunden, geradezu mit ihr verwachsen. 
Wer den Stiefeln etwas antat, verletzte sie selber im Innersten. So schön 
war die innige Vereinigung mit dem Stiefel, daß Gerda stundenlang 
sich ihr hingeben und damit in seligen Träumen von der Welt abschließen 
konnte. 

Mit übergeschlagenen Beinen, den Stiefel fest gegen den Damm 
gepreßt, so daß er Vulva- und Analgegend berührte, saß Gerda da; 
das Einschneiden der harten Sohle und des Absatzes tat ihr wohl, 
entsprechend der masochistischen Komponente ihres Sexualtriebes, 
die wir sowohl in der autoerotischen als in der allerotischen Phase finden. 
Der Fuß schlief dabei leicht ein, ein angenehmes Prickeln trat in ihm 
auf, und oft stellte sich Harndrang ein, dessen Befriedigung als besonders 
angenehm empfunden wurde. Wenn Gerda mit dem Stiefel so „dagegen 
preßte", dann hatte sie das beruhigende Gefühl, daß da unten, an Vulva 

x ) Vgl. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose; dieses 
Jahrbuch, I, S. 3ö7 ff. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 285 

und Anus, alles gut verschlossen sei, daß niemand an sie heran könne, 
zumal ja auch Unterleib und Beine mit dem Kleide gut verdeckt waren. 
Der Stiefel diente aber nicht nur zum Schließen, zur Beseitigung des 
„offenen Gefühls", er sollte zugleich auch „zustopfen", ein Ausdruck, 
der an das Verstopfen einer Öffnung mittels eines Zapfens erinnert, und 
der uns an die mit dem Schaukelpferde vorgenommene Symptom- 
handlung gemahnt. Wir finden hier die Anfänge einer Penissymbolik, 
die später bei den im Zusammenhang mit „männlichen" Absätzen 
auftretenden Verführungsphantasien so voll entwickelt ist 1 ). Dabei 
ist die anale Zone noch stärker lustbetont als die genitale. Beide stellen 
quasi die weiblichen erogenen Zonen dar, der beschuhte Fuß die männ- 
liche. Das geht in der Analyse aus der Konstanz und Übereinstimmung 
der auf die einzelnen Zonen bezogenen Empfindungen so einwandfrei 
hervor, daß es hier nicht mehr bewiesen werden muß. 

Die Stiefelmasturbation war nun bei Gerda nicht die ursprüng- 
liche Form des analen Autoerotismus. Ihr muß jene Form voraus- 
gegangen sein, die in einer willkürlichen, durch öffnen und Schließen 
der Sphinktermuskulatur hervorgerufenen Bewegung der zurück- 
gehaltenen Fäkalmassen selbst besteht. Gerda beschreibt diesen 
Vorgang ja ganz genau und führt ihn zurück auf das lästige Jucken 
im After, eine sehr häufige Ätiologie dieser Art der Masturbation. 
Bei der Darmentleerung hörte das Jucken von selbst auf, und das war 
angenehm, berichtet sie. Durch das Zurückhalten des Darminhaltes 
konnte sie diesen Lusterwerb beliebig ausdehnen 2 ). 

Erst nachdem sie das einmal gelernt hatte, muß dann der Absatz 
als unterstützendes Hilfsmittel hinzugekommen sein; dadurch daß er 
den Darmausgang verschloß, eine etwaige ungewollte Stuhlentleerung 
verhinderte, konnte er jenem Spiel nur Vorschub leisten, ganz ab- 
gesehen von seiner direkten Reizung der Analgegend. 

Diese autoerotische Betätigung fand aber bald allerhand Hinder- 
nisse. Einmal wurde das Kind durch die Worte der Wärterin erschreckt, 
bei dem starken Pressen könne etwas platzen (und was die Wärterin 
sagte, war ihm ein Evangelium!); dann kam es zu jener unfreiwilligen, 
im Anschluß an Berührungen der Analgegend mit dem Fuß aufgetretenen 



*) Jedoch ist bis jetzt der ganze Stiefel, besser der beschuhte Fuß, das 
Symbol, erst nach der Episode auf dem Eise erringt der Absatz sseine volle 
Selbständigkeit. 

2 ) Die noch heute bestehende Obstipation muß zum Teil als Folge dieser 
Angewöhnung betrachtet werden. 



286 Ludwig Binswanger. 

Stuhlentleerung im Bett, die Gerda so sehr in Schrecken versetzte. 
Sie zeigte ihr, daß sie sich auf den Darm allein bei der Masturbation 
nicht verlassen konnte; und doch mußte sie sich darauf verlassen 
können, daß kein Stuhl erfolgte, einmal, um nicht von den Geschwistern 
ausgelacht, von den Erwachsenen gescholten zu werden, zu allermeist 
aber wegen ihres eigenen, jetzt schon exzessiven Horrors vor Darm- 
inhalt. Wir erkennen daran das Walten der Verdrängung, die noch 
innerhalb der autoerotischen Phase mit Macht eingesetzt hat. Sie hat 
die Masturbation selbst zunächst nicht inhibiert, wohl aber bewirkt, 
daß dabei die Ästhetik gewahrt blieb, ja sich in krankhaft gesteigerter 
Weise äußerte. 

Nach jenem Ereignis war die Fortsetzung der Masturbation allein 
gewährleistet durch das Vertrauen auf den Stiefel. Zwei Monate später 
täuschte auch dieser Gerdas Vertrauen, indem er auf dem Eise entzwei 
brach. Daher ihr Entsetzen, ihre Traurigkeit, ihre Wut gegen den Stiefel; 
daher aber auch ihr Scham- und Schuldgefühl. Sie glaubte sich entlarvt, 
glaubte, daß alle merkten, wozu sie den Stiefel gebraucht hatte. 
Welche Bedeutung kommt nun dem Schlittschuhtrauma auf dieser 
Stufe der Erkenntnis zu? Wir wissen, daß schon vor dem Trauma 
die Masturbation für Gerda keine reine Lust mehr war; sie war durch 
die Worte der Wärterin und zuletzt durch die unfreiwillige Stuhl- 
entleerung, ferner durch die im Seelenleben Gerdas aufgetretenen Ee- 
aktionsbildungen, Vorwürfe und ästhetische Bedenken, gestört, mit 
Angst untermischt worden. Libido und Angst waren also schon mit 
einander vermengt, um es richtiger auszudrücken, ein Teil der Libido 
war schon in Angst verwandelt, bevor das letzte Trauma auftrat. 
Dieses bedeutete dann das katastrophale Ende der Stiefelmasturbation 
überhaupt. Seitdem spielte die Masturbation keine große Holle 
mehr bei Gerda. Ein neuer, bisher wohl der stärkste Verdrängungs- 
schub hatte damit eingesetzt, durch den die Angstentwicklung noch in 
hohem Maße verstärkt und erleichtert wurde. Sie heftete sich von da an 
fast ganz an die Vorstellung vom Losgehen des Absatzes an. Wäre 
nichts mehr dazu gekommen, so hätten wir in der Phobie nichts anderes 
zu erblicken als ,,ein Erinnerungssymbol eines traumatischen Erleb- 
nisses" (Freud), enthaltend die Angst vor der Wiederkehr eines 
solchen. Mit dieser einfachen Formel ist aber das Symptom noch lange 
nicht erschöpfend gekennzeichnet. Seine „Organisation" ist eine viel 
kompliziertere, wie es bei einem so lange unverändert bestehenden 
Symptom nicht anders zu erwarten ist. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 287 

Wenn nun Gerda nach der Rückkehr nach Hause der Mutter 
schluchzend um den Hals fällt und ihr zuruft, sie habe die Zinken 
besehen, so ist uns vorderhand dieser Ausdruck noch unverständlich, 
wir wissen aber aus ihrem ganzen Gebaren, daß sie der Mutter ihre 
,, Verfehlung" beichten, ihr Gewissen erleichtern will. Darauf tritt der 
Anfall ein, in welchem sie sich „ganz erleichtert", von nichts mehr etwas 
weiß, wo sie „ruhig lachen kann". Der Anfall entspricht also der 
Flucht vor der Außenwelt, vor allem Störenden 1 ), sodann aber auch 
dem „Flüchten in den sexuellen Genuß" (Sadger). Im Anfall kann 
sie sich „ungestört" der Masturbation hingeben. 

Bis jetzt hatten wir es mit realen Dingen zu tun, wobei der Stiefel 
als solcher, als Objekt, in Frage kam. Nunmehr treten wir in das Gebiet 
der Phantasiebildungen ein, wo Stiefel und Absatz als Symbole 
auftreten. Dabei sind die Wege genau zu verfolgen, auf denen die Sym- 
bolisierung sich ausbildete. Zunächst müssen wir auf die an den Darm- 
traktus, an Ernährung, Verdauung und Defäkation sich knüpfenden 
Phantasien zurückkommen, die in den ersten Wochen, ja Monaten, 
der Analyse sich so stark vordrängten 2 ). Sie hatten auch ihrerseits 
zu krankhaften Symptomen geführt, wie zu der Angst vor bestimmten 
Nahrungsmitteln (Obst, Eiern), vor dem Erbrechen, vor Verstopfung, 
vor der Defäkation, vor eng anliegenden Kleidern usw. Es wurde in 
der Analyse gezeigt, daß wir es hier mit einer infantilen Schwanger- 
schafts- und Geburtstheorie zu tun haben 3 ), mit der „Lumphtheorie" 
des kleinen Hans. Wie dieser mußte Gerda in der Analyse den Ex- 
krementalkomplex passieren, bevor der Zugang zu der Hauptphobie 
frei wurde. Hier seien nur die Ergebnisse jener Theorie rekapituliert: 
Man muß etwas Bestimmtes essen, um Kinder zu bekommen, Hafer- 
schleim, Reis, Eier z. B., das setzt sich dann im Darm fest, wächst da 
und wird durch den After ausgestoßen. Wir sahen, daß sich die Patientin 
an das letzte Stück nicht mehr bewußt erinnerte, daß dafür ein Ausstoßen 
der Frucht vom Darm in den Leib angenommen wurde, und zwar durch 
Platzen des Darmes. Der Austritt aus dem Leib erfolgt dann durch 
das Aufspringen des „Magenknopfes" und durch das „Reißen der 
braunen Linie". Das Kind schiebt sich dann langsam heraus (Analogie 



J ) Vgl. folgenden Ausspruch des Patienten von Sadger (Ein Fall von 
multipler Perversion mit hysterischen Absenzen; dieses Jahrbuch IT, 1): „Das 
Einschlafen in der Absenze ist für mich die Befreiung von allem Unangenehmen." 

2 ) Sub B sind sie stark abgekürzt wiedergegeben. 

3 ) S. Freud: Über infantile Sexualtheorien; Sammlung usw., II, S. 154 ff. 



288 Ludwig Binswanger. 

mit der Stuhlentleerung), ein fertiger, nur winzig kleiner Mensch. An 
einer Stelle ist es noch mit der Mutter zusammengewachsen, das inuß 
abgeschnitten werden. Der Arzt näht dann alles wieder zu. Die 
letztere Annahme führte dann zur Entstehung der Entbindungs- 
phantasien in Anschluß an die Blinddarmoperation und die Narkosen 
überhaupt, die ihrerseits wieder so lange Zeit zu ihrer Erledigung in 
Anspruch nahmen. 

Diese Theorie nun war es. der die genannten Symptome großen- 
teils ihre Entstehung verdankten 1 ). Sie waren die Reaktion auf die 
Angst vor dem Kinde, die wir später auf einen anderen Komplex, den 
Absatzkomplex, transponiert, so ausgesprochen finden werden. Dieser 
Angst vor dem Kinde muß aber der Wunsch nach dem Kinde voraus- 
gegangen sein, was wiederum am deutlichsten an Hand des Absatz- 
komplexes darzustellen sein wird 2 ). 

Uns interessiert jetzt hauptsächlich die Art und Weise der Trans- 
position der Schwangerschafts- und Geburtsphantasien vom Exkremen- 
talkomplex auf den Stiefel-Absatz-Komplex. Ich glaube, daß wir hier 
zunächst wieder auf die Masturbation zurückgehen müssen, wo der 
Absatz ja die Exkremente in ihrer reizausübenden Funktion nach 
und nach ersetzt hatte. So mögen auch die an die Exkremente 
geknüpften Phantasien allmählich auf den Absatz übergegangen sein. 
Aber außer dem zeitlichen Nebeneinander muß noch das Moment berück- 
sichtigt werden, daß es sich um eine Transposition von einem sehr 
unästhetischen, durch die Verdrängung bereits perhorreszierten Kom- 
plex auf einen harmloseren, neutraleren und durch die Masturbation 
sehr lieb gewordenen Komplex handelte, der überdies zu den übrigen 
Phantasien leicht Anknüpfungspunkte bot. 

Jedenfalls finden wir später, daß Exkremente und losgerissener 
Absatz in eine Parallele zu stehen kommen bezüglich ihrer Rolle als 
„Keimanlage". Wie eng diese Parallele ist, läßt sich schriftlich kaum aus- 
drücken. Man muß dabei gewesen, gesehen und gehört haben, wie 
übereinstimmend die Mimik und das ganze Gebaren, die Ausdrucks- 
weise und der Tonfall der Patientin waren, wenn sie von der Exkremen- 
talphobie, wie wenn sie von der Absatzphobie sprach. Einiges konnte ich 
immerhin mitteilen. Die gelbe Farbe der Bruchfläche des losgerissenen 



*) Ich erwähne noch die Angst vor dem Klosett, „vor dem langen schwarzen 
Loch", vor dem Hineinfallen. 

2 ) Auf dem Gebiete des Exkrementalkomplexes entspricht ihm die Ob- 
stipation. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 289 

Absatzes erinnert Gerda an Kot, die weißen Zinken an die hellen 
Schleimfetzen, die sie öfters darin fand. (Vielleicht hat auch die 
schwarze Farbe des Absatzes selbst mitgewirkt.) So wie der Absatz 
aber mittels der Zinken am Stiefel befestigt war, so dachte sich Gerda 
auch den Stuhl mittels der Schleimfetzen an die Darmwand „an- 
gewachsen". Mit denselben Worten schilderte sie dann die Angst vor 
dem Losgehen des Stuhles und die Angst vor dem Losgehen des Ab- 
satzes, sei es beim „Pressen", sei es beim Schlittschuhanschnallen 1 ). 
Diese Analogie sah Gerda auch durchaus ein. "Wir hatten jetzt die 
Phobie vor dem Losgehen des Absatzes reduziert auf die vor dem 
Durchbrechen des Stuhls durch den Darm, aber auch nicht weiter! 

Es fragt sich nun, wann diese Transposition vom Exkremental- 
auf den Absatzkomplex stattgefunden hat. Sie muß ja schon lange 
vor dem Schlittschuh trauma stattgefunden haben, sowohl infolge 
der Masturbation, als auch infolge der Anschauung Gerdas vom 
Stiefel als etwas Ganzem, Untrennbarem (Mutter und Kind). Schon 
lange vor dem Trauma, und noch vor der Geburt von Max, die etwa 
ein halbes Jahr vorher erfolgte, war ferner die Stiefel Symbolik in 
Kraft getreten (vgl. die Aufregung über die neuen Schuhe der Mutter 
während deren Gravidität usw.) Das Trauma fand die symbolischen 
Beziehungen des Stiefel- Absatz-Komplexes zu den Vorstellungen von 
der Geburt, die früher an den Exkremen talkomplex geknüpft waren, 
bereits vor. Es bewirkte offenbar nur eine plötzliche Erleuchtung all 
dieser Beziehungen, eine Bewußtmachung derselben, die dann nach und 
nach aber wieder verblich. 

Die Transposition des Schwangerschafts- und Geburtskomplexes 
vom Darm auf den Stiefel war nun aber nicht der einzige Weg, auf dem 
sich die Stiefel- Absatz- Symbolik ausbildete. Wir lernten noch andere 
Quellen kennen, aus denen sie Nahrung bezog, sowohl im Tierreich 
als im Pflanzenreich. Erwähnen wir zunächst die im Anschluß an die 
Beobachtung der brütenden Henne aufgetretene Phantasie vom Aus- 
brüten des Stiefels bei der Masturbation 2 ). Im Stiefel, an der Ver- 

*) Der Darm respektive Stiefel „kann es nicht, er geht kaput dabei, man 
mutet ihm zuviel zu". 

a ) Vgl. S. 252: „Wenn Hennen gesetzt werden, wird ein Ei unter sie gelegt. 
Das Küchlein bricht dann aus dem Ei heraus. Und ich habe mich auf den Stiefel 
gesetzt und gedacht, da innen muß es herauskommen; man sah (bei der Henne) 
von außen gar nichts, wie bei mir, ich legte ja den Rock darüber." Natürlich 
existieren auch Beziehungen zwischen der Vorstellung vom Eierlegen der Henne 
(daß das Ei aus dem Darm kommt) und dem Exkrementalkomplex selbst. 
Jahrbuch für psychoanalj-t. u. psychopathol. Forschungen. III. 19 



290 Ludwig Binswanger. 

bindungssteile zwischen Absatz und Sohle, „ist ein Keim, aus dem 
sich noch mehr Leben entwickelt". Deswegen, glaubt Gerda, habe 
die Wärterin ihr auch empfohlen, die Stiefel zu schonen! Deswegen 
auch Gerdas Behutsamkeit mit Stiefeln. Beim Abreißen des Absatzes 
lag dann diese Keimanlage offen da, den Blicken aller preisgegeben; 
es kam zur vorzeitigen Geburt. Als Keimanlage dokumentierte sich die 
zerfetzte Bruchfläche des Absatzes mit den hervorstehenden Zinken, 
aber auch durch Analogie mit dem Hühnerei (Schleimfetzen und roter 
Punkt) und mit der supponierten menschlichen Keimanlage, bestehend 
aus Schleim und Stuhlpunkten. Dabei sind die Zinken das eigentlich 
generative Moment. Abgesehen von den genannten Analogien erwarben 
die Zinken oder Stäbchen ihre hohe Wertigkeit aber auch aus der 
Analogie mit den Holunderstäbchen, deren ,,Saft alles macht". 
Wir stehen hier vor einem Knotenpunkt in der Analyse, wo Penis- 
symbolik und Eisymbohk sich treffen. Um mich deutlicher auszudrücken : 
die Zinkensymbolik führt teils hinüber zur Vorstellung des männlichen 
Zeugungsorganes (Phantasien über die Holunderzweige), teils zur 
Vorstellung der weiblichen Keimanlage (Kernpunkt, aus dem sich 
das neue Lebewesen bildet). Diese Doppelrolle teilen die Zinken übrigens 
mit dem Stuhl und mit dem Absatz. Wir finden hier die so häufige 
Verquickung von Penis- und Kindphantasien, die wir aus der Bohrer- 
und Lumphphantasie des kleinen Hans, aus der Eattenphantasie von 
Freuds Zwangsneurotiker kennen 1 ). Schon in den Phantasien über 
den abgerissenen Holunderzweig sind beide Strömungen zu erkennen. 
Neben der „männlichen" Symbolik ist (im Verhältnis zwischen dem 
abgerissenen, herabhängenden Zweig und dem ganzen Strauch) auch 
die weibliche Symbolik zu erkennen, enthaltend das Verhältnis zwischen 
Mutter und Kind (siehe S. 276). Diese letztere Phantasie kehrt dann 
auch in der Symptomhandlung an der xVmaryllis (vgl. S. 248) wieder, 
und beide sind Vorstufen für die in der Trennung des Absatzes vom 
Stiefel enthaltenen gleichartigen (Früh-) Geburtsphantasie. In allen 
drei Fällen, bei dem mutwillig abgerissenen und nun welken, 
verdorrten Holunderzweig, bei dem zu früh von der Mutterpflanze 
losgerissenen und nun verfaulenden „Ableger" der Amaryllis 
und endlich bei dem durch brutale äußere Einwirkung zu früh vom 
Stiefel losgerissenen, noch zu frischen, noch nicht widerstands- 
fähigen, daher dem Absterben geweihten Absatz, erblicken wir 
die zu frühe Loslösung des Kindes von der Mutter, sowohl in körper- 
x ) Vgl. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, I. e. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 291 

lieber als in geistiger Beziehung. Denn ausdrücklich gibt Gerda 
an, so wie die körperlichen Beziehungen zwischen Mutter und Kind 
habe sie sich auch die geistigen gedacht. 

Damit sind die Beziehungen zwischen Absatz- und Geburts- 
(Mutter-) Komplex aber noch nicht erschöpft. Zu erwähnen ist noch 
die eigenartige Denkweise Gerdas, daß Kinder räumlich unter der 
Mutter stehen, wie der Absatz unter dem Stiefel, daß überhaupt alles, 
was nach unten hin zieht, zum Kind, alles was oben ist, zur Mutter 
gehört. Als Gerda nun die Zinken sah, unten in dem Spalt zwischen 
Stiefel und Absatz, da glaubte sie, „da unten wächst etwas", da entsteht 
ein Kind 1 ). 

Auf Figur 2 ist dies ja bildlich dargestellt. Sie hat „ihre Gefühle 
nach unten hin losgelassen". Anderseits hängt das Kind an der Mutter, 
wie der Absatz mit den Zinken am Stiefel hängt. Wie Mutter und Kind 
sind für Gerda Absatz und Stiefel „ein Ganzes, etwas das zusammen- 
geschaffen ist — füreinander; denn einzeln ist es wertlos". 

Schließlich tritt dann in der Analyse die Absatzsymbolik in direkte 
Beziehung zum ganzen Körper, und zwar wird Gerda durch den Schlitt- 
schuh, der in den Absatz einschneidet, an eine schwangere Frau 
erinnert, die sich schnürt. Der Absatz wird zur Taille. „Wenn schwan- 
gere Frauen sich schnüren, dann muß innen etwas reißen, und dann 
wird etwas zerstört dadurch und das Kind kommt früher oder es 
wird zerstört" 2 ). So hat ja das Schicksal, symbolisiert durch den 
Schlittschuh, in den körperlichen und geistigen Zusammenhang, sym- 
bolisch dargestellt durch die Zinken, zwischen sie und ihre Mutter 
eingegriffen, um sie gleich dem Absatz dem geistigen und leiblichen 
Absterben zu überliefern. Gerda ist selbst zum Absatz geworden 3 )! 

x ) Wahrscheinlich hatte die Betrachtung der Amaryllis, deren Ableger 
„langsam nach unten Halt zu bekommen suchte", dessen Wurzeln schon die 
Erde berührten, der aber noch von der Mutter ernährt werden mußte, hier mit- 
gewirkt. 

2 ) Wir finden diesen Gedanken noch einmal durch den Stiefelkomplex 
symbolisch ausgedrückt, aber nicht in der Absatzsymbolik, sondern derart, daß 
der geschwollene Fuß den dicken Leib darstellt, die Schnürstiefel das „Ein- 
schneidende" (siehe S. 256 Anm.). Diese Symbolik hat nichts mit der Absatz- 
symbolik zu tun. Sie ist übrigens eine Aveit verbreitete (siehe später). 

3 ) Eine auffallende Übereinstimmung mit unserem Falle zeigt folgendes 
Beispiel, das von demselben Ncurotiker stammt, dem ich die Angaben über den 
Geschlcchtsunterschiedder Stiefel verdanke (siehe S. 261, Anmerkung) : „Ich erinnere 
mich", gibt er an, „daß ich heftig erschrak, als ich eines Tages an meinem 
Stiefelfand, daß der Absatz abgerissen war und die Stifte, deren Vorhanden- 

19* 



292 Ludwig Binswanger. 

Nachdem wir die Absatzsymbolik durchgearbeitet, ihre Asso- 
ziationsbahnen aufgezeigt haben, ist es an der Zeit, des Ereignisses zu 
gedenken, in dem wir den Ausgangspunkt, das Motiv all dieser 
Phantasien zu suchen haben, und ohne das die Absatzphobie nicht 
denkbar wäre: der Geburt von Max. Ich kann mich hier kurz fassen, 
da in der Analyse selbst ja alles hierher Gehörige weitschweifig aus- 
gemalt ist 1 ). Wir finden hier den „Familienroman" Gerdas, den Kern- 
komplex ihrer Neurose, finden alles, was in Freuds Traumdeutung 
und Sexualtheorie über das Verhältnis des Kindes zu den Eltern und 
den nachgeborenen Geschwistern schon lange behauptet, in den beiden 
Kinderanalysen von Freud und Jung 2 ) enthalten ist: daß dem 
4- bis 5 jährigen Kinde die Schwangerschaft der Mutter nicht entgeht, 
daß es dem Neugeborenen feindselige Regungen entgegenbringt, ja 
es vernichten will, daß diese Regungen bald durch eine mütterliche 
Sorgfalt für das Geschwisterchen verdeckt werden, daß den Eltern, hier 
der Mutter, ihr Heimlichtun nicht verziehen wird, daß sich das Kind 
belogen, übergangen, enttäuscht fühlt, daß es der Mutter maßlose heim- 
liche Vorwürfe macht, weü sie sich etwas „Extra's" geschaffen habe, 
ein neues Wesen, mit dem es sich nun in die Liebe der Mutter teilen 
muß ! Und die Folgen : daß es sich an der Mutter für die Mißachtung 
und Kränkung, für den Treubruch, rächen will, einmal indem es sich 
nun in der Phantasie selbst Kinder schafft (aus Puppen, Gespielen, 
dem Neugeborenen selbst, in unserem Fall aus dem Absatz), anderseits 
indem es die Mutter (der Knabe den Vater) beseitigt, sich an deren 
Stelle setzt oder sie degradiert, im Märchen zur bösen Stiefmutter, 
zu einem Tier, in unserem Falle zum Stiefel. Damit ist der erste große 
Konflikt in der Seele des Kindes entstanden, der Konflikt zwischen 
Liebe und Haß zu einem der Eltern. Dazu kommt, daß der erste Zu- 
sammenstoß mit dem Sexualproblem neue unlösbare Konflikte hervor- 
ruft, die das Kind mit Angst und Grauen erfüllen vor einer neuen Welt. 
Zu all dem bringt unser Fall nur eine Bestätigung, nichts Neues; neu und 

sein ich mir niemals klar gemacht hatte, mir entgegenstarrten. Ich hatte 
den Eindruck von etwas ganz Fremdartigem, etwa wie eines ganz unerwartet 
auftretenden großen Geschwüres, oder einer großen tödlichen Wunde! 1 ' 
Von Wunden (die erst ausdorren müssen) sprach auch Gerda. 

*) Auch auf die Wege, die zu dieser Erkenntnis führten ( Opera tionen, 
Schwangerschaften, Erleben der Schwangerschaft und Geburt am eigenen Leibe), 
gehe ich nicht mehr ein. 

2 ) Freud: Analyse eines 5jährigen Knaben, 1. c. Jung: Über Konflikte 
der kindlichen Seele; dieses Jahrbuch, II, S. 33 ff. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 293 

in seiner Bearbeitung überraschend durchsichtig ist nur das Symbol, 
an welchem all dies abgewandelt wird. 

Am deutlichsten ist die Substitution der Mutter durch den 
Stiefel. Ihm werden alle Gefühle dargebracht, die auch der Mutter 
gelten. Anfänglich Gerdas „Einzigstes", das niemand ihr nehmen 
konnte 1 ), erregt es nach dem Trauma ihren Haß 2 ), ihre Wut, ihr Miß- 
trauen, aber auch ihre Traurigkeit. "Wie aus der Mutter hatte sie sich aus 
dem Stiefel ein Ideal gemacht. Nach dem Trauma trat dann „an Stelle 
der Liebe ein gewöhnliches Pflichtgefühl". 

Bald schiebt sie dem Stiefel alle Schuld zu, bald fühlt sie sich 
selber schuldig (weil sie die Mutter verdrängt hat und sich bei ihr schon 
etwas Neues bildete). Die Dauerhaftigkeit des Stiefels (inbezug auf 
die feste Verbindung mit dem Absatz) repräsentiert die Dauerhaftigkeit 
der guten Beziehungen zwischen Mutter und Kind, zugleich aber auch 
ihr räumliches, körperliches Beisammensein. 

Mit der Geburt von Max „schnitt" dann etwas Neues ein, 
griffen die Zacken des Schlittschuhes brutal zwischen Absatz und Stiefel, 
zwischen Mutter und Kind. Der alte Absatz hängt nur noch an einer Ecke 
am Stiefel, wie das Neugeborene noch „an einer Stelle mit der Mutter 
zusammengewachsen" ist, wie Gerda, in geistiger Hinsicht, jetzt nur 
noch mit einigen wenigen Gefühlsfäden an der Mutter hängt. Wir sehen: 
nicht nur die geistige Loslösung des Kindes von der Mutter wird hier 
symbolisch dargestellt, sondern auch die körperliche, d. h. ihre Geburt. 
(Die hierher gehörigen Assoziationsbahnen haben wir ja bereits erwähnt). 
Der alte Absatz, Gerda, der aber noch viel zu jung und widerstandslos 
ist, um das auszuhalten, zu überleben, wird durch den neuen, durch 
Max, verdrängt, beiseite geschoben. Der alte Absatz wird weg- 
geworfen, nunmehr prangt ein neuer am Stiefel 3 ). Wir werden hier 



x ) Es ist übrigens deutlich zu ersehen, daß naeh der Geburt vou Max, 
wo die Objektliebe einen so starken Stoß erlitten hatte, ein Rüekfall in die Ma- 
sturbation oder eine verstärkte Hingabe an dieselbe stattgefunden haben muß. 

2 ) ,,Wenn ieh später wieder kapute Stiefel sah, schleuderte ich sie weg, da 
brach der Haß dureh." Gerda fühlte, sie habe es nieht um die Stiefel ver- 
dient, sie habe doeh so dafür gesorgt, sie sei ungerecht behandelt worden. 
Deswegen habe sie aueh alles Vertrauen zum Stiefel verloren. 

3 ) Sehr durchsichtig ist die Schilderung Gerdas über den reparierten, 
mit einem neuen Absatz versehenen Stiefel, den sie naeh dem Trauma auf dem 
Eise vom Schuhmacher zurückgesehiekt bekam. Trotzdem die Zinken einmal 
nachgegeben hatten, hätte sie lieber wieder den alten Absatz gehabt, der von 
Anfang an zu dem Stiefel gehört hatte, als so einen „fremden Absatz, für den die 



294 Ludwig Binswanger. 

zu der Annahme gezwungen, daß Gerda sich auch körperlich durch 
Max bei oder besser in der Mutter verdrängt fühlte, d. h. daß sie ihm 
im Mutterleib Platz machen mußte. Wir kennen ja ihre Phantasien 
über die Kückkehr in den Mutterleib und ihren darauf hinzielenden 
bewußten Wunsch. „Bevor ich ganz ausgereift war, schob sich schon 
etwas nach" glauben wir sie sagen zuhören. Hier setzt auch die Deutung 
des Traumes von dem toten Kind der Mutter wieder ein. Das tote oder 
besser nicht lebensfähige, rasch ausreifende und dann absterbende 
Kind (in der Badewanne!) ist ja. wie wir annahmen, in einer Traum- 
schicht sie selbst. Daher die Wut über die Gefühllosigkeit der Mutter 
dem Kinde gegenüber. 

In diesem Zusammenhang verstehen wir erst den Zusatz zum 
Traum: „Ich glaubte auch, das Kind sei in der Mutter gewesen, schon 
Jahre lang und nur durch Zufall (?) herausgekommen." (Der Traum 
enthält überhaupt, wie wir sehen, nichts anderes, als was dieAbsatz- 
phobie und die Anfälle enthalten.) 

War Gerda bisher stets „der Absatz", so war sie aber 
auch „Stiefel", Mutter, Vertreterin und Verdrängerin der Mutter. 
Wir denken hier an den Satz Freuds: Wenn eine Hysterika sich 
ein Kind wünscht, identifiziert sie sich mit der Mutter (und schließlich 
wird sie selbst zum Kinde im Mutterleib). Wie sie ihre eigene Geburt 
aus der Mutter am Absatzkomplex durchmacht, so auch die Geburt 
eines Kindes aus ihr selbst. Diese Seite des Komplexes ist ja von 
Gerda besonders deutlich in der Analyse durchlebt und immer 
wieder ist auf diese Symbolik hingewiesen worden. Die „Extraktion" 
des Absatzes lief ja schließlich auf eine Extraktion des Kindes hinaus. 

Den Zusammenstoß mit dem Sexualproblem finden wir in den 
Ausdrücken wieder: „Ich habe (bei dem Trauma auf dem Eise) in etwas 
Neues hineingesehen, etwas Neues ist mir aufgegangen, das ich noch 
nicht verstand, wofür ich noch zu jung war" usw. 1 ). Das wollte sie 

Stiefel ihr schon viel zu alt sehienen." Sie hätte dann doppelt aufgepaßt, bis sich 
das alte Vertrauen wieder hergestellt hätte. — Gerda wollte also den Fremden 
wieder beseitigen, wollte an ihren alten Platz rücken, wollte der Mutter verzeihen 
und versuchen, wieder Vertrauen zu ihr zu bekommen. Aber immer wieder riß 
der Absatz los, alle Versuche, das alte gute Einvernehmen wieder herzustellen, 
waren vergebens. Wir erkennen hier auch den Vorwurf gegen die Mutter: Was 
brauchst du in deinem Alter noch ein Kind zu bekommen! 

1 ) Das Grauen und die Angst vor defekten Stiefeln entspricht dem (sa- 
distisch gefärbten) Grauen vor dem Sexualproblem, vor sexueller Betätigung 
wie vor der Geburt. 



Analyse einer hysterischen Phobie. -")d 

dann zu Hause der Mutter mitteilen. Sie wollte ihr beichten, daß 
sie von den sexuellen Vorgängen schon etwas wisse, mehr als die anderen, 
daß sie ein brennendes Interesse für diese Dinge habe. Jedoch die Mutter 
verstand sie nicht und konnte sie nicht verstehen. 

Wenden wir uns nun von hier aus zu den Anfällen, so bleibt 
auch hier kaum mehr etwas zu klären übrig. Wir müssen hier all das 
bestätigt finden, was schon in der Phobie enthalten war, was die Phobie 
hätte verhindern sollen. Wir können auch sagen: Was bei der Phobie 
mit einem negativen Vorzeichen versehen ist, mit Angst, das hat im 
Anfall ein positives Vorzeichen, Lust. 

Zunächst das Verhältnis zum Kind. Die Angst vor dem Kinde 
(vor der Geburt) verwandelt sich im Anfall in die Freude am Kind. 
„Wenn ich ohnmächtig werde", hörten wir Gerda sagen, „sinke ich 
nach unten, es wächst unten etwas immer stärker. Wenn ich ohn- 
mächtig bin, habe ich das Kind, bin frei und komme nach oben auf 
Mamas Posten. Dann ist alles frei und schön und weit. Dann ist mir jede 
Sorge abgenommen. Mama stört mich nicht mehr, ist nur zu meinen 
Diensten da." Nach dem Erwachen ist sie dann wieder das Kind wie vor 
dem Anfall, ist kleinmütig und bedrückt, wie sie absolut „da oben 
sein", d. h. die Mutter verdrängen wollte und nicht die Kraft dazu 
besaß, ihren Posten zu behaupten. Das führt uns zum Verhältnis zur 
Mutter im Anfall. Entsprechend dem Schwanken zwischen Haß und 
Liebe zur Mutter finden wir auch im Anfall den Mutterkomplex in 
zweifacher Hinsicht amWerk: erstens in seiner negativen, revolutionären, 
die Mutter verdrängenden Komponente, dann aber auch in seiner 
positiven 1 ). Es wurde schon kurz darauf hingewiesen, daß Gerda im 
Anfall mit der Mutter vereint ist, sie hat, das können wir jetzt hinzu- 
fügen, ihren alten Platz bei und richtiger in der Mutter wieder ein- 
genommen. „Ich bin ganz allein, niemand stört mich, ein großer schwarzer 
Raum. Dann bin ich ganz frei, von allem befreit, von allen fremden 
Menschen, von allem was mir bevorsteht." Der „fremde Mensch" par 
excellence, der „Fremdkörper", „Eindringling" usw. ist aber Max, 
von dem sie im Anfalle befreit ist. Das was ihr so angstvoll bevorsteht, 
ist aber ihre Geburt, ihre neuerliche Ausstoßung aus der Mutter, ihr 
Zurückfallen auf die Erde. Wir erblicken hier den höchsten Ausdruck 
der Aggressionshemmung, die Angst vor dem Leben, ausgedrückt als 



x ) Beide Strömungen sind verwirklicht in dem Vorgang, den wir Iden- 
tifikation mit der Mutter nennen. 



296 Ludwig Binswanger. 

Angst vor dem Geborenwerden, eine Folge der übermäßigen Liebe zur 
Mutter. Wir brauchen uns nur wieder an den Absatzkomplex zu er- 
innern, in dem all das ja auch enthalten ist. Der Absatz soll an seine alte 
Stelle am Stiefel wieder zurückkehren; er soll da befestigt bleiben, bis 
das Leben des Stiefels beendigt ist! „Man muß warten bis das 
im Absatz (die Zinken) ausgewachsen ist, ganz dunkel ist, dann stirbt's 
allmählich ab, dann ist es ja egal, ob es kaput gerissen wird oder nicht. 
Dann ist das Leben des Stiefels beendet, dann sind sie zusammen 
gestorben und haben nichts durchgemacht, haben zusammen- 
gehalten und alles geteilt!" Anders wenn der Absatz vor dem Stiefel 
stirbt! Gerda „kann nicht sehen, wie alles, was schön war (hier die 
Vereinigung des Absatzes mit dem Stiefel) vergeht". Im Gegensatze 
zum Zusammensterben hat sie alles „Absterben" von Kind an 
gepackt und traurig gemacht, so das Sterben des kleinen Vetters, 
das Absterben der kleinen Amaryllis, der abgerissenen Zweige und der 
kleinen Vögel, die ohne Federn aus den Nestern gefallen waren, und die 
sie in kleinen Särgen beerdigte; so das Sterben der ganzen Natur 
im Herbste! So aber auch das Absterben des Absatzes an einem 
Stiefel, der noch getragen wird, der also seine Rolle im Leben 
noch nicht ausgespielt hat, wo die Zinken noch hell und frisch und 
saftig sind. 

Hier sei eines weit verbreiteten Studentenliedes gedacht, das eine 
auffallende Ähnlichkeit mit Gerdas Stiefel- Absatz- Symbolik in ihrer 
eben erwähnten Bedeutung aufweist. Es lautet: 

„Stiefeli muß sterben, 

ist noch so jung, jung, jung, 

Stiefeli muß sterben, 

ist noch so jung. 

Wenn das der Absatz wüßt, 

daß 's Stiefeli sterben muß, 

würd' er sich grämen, 

bis in den Tod, 

würd' er sich grämen, 

bis in den Tod." 

Wir finden hier die Personifikation von Stiefel und Absatz wieder, 
den Gedanken an ihre Zusammengehörigkeit, an die Trauer, wenn 
einer vor dem andern stirbt. 

Nur scheint hier der Stiefel das Kind zu sein, der Absatz die 
Mutter. (Aber auch diesen Gedanken finden wir bei Gerda, wenn der 



Analyse einer hysterischen Phobie. 297 

Absatz zum Symbol der Keimstätte, der Fruchtbarkeit wird.) In Zürich 
wird sogar vielfach gesungen: 

,,Maiteli muß sterben" usw. 
und 

,.Wenn das die Mutter wüßt'" usw. 

Nachdem wir die autoerotische Phase und diejenige der infantilen 
(homosexuellen) Objektliebe in Phobie und Anfall verfolgt, bleibt 
uns noch die Erforschung der heterosexuellen Komponente der Libido 
übrig, die sich ebenfalls in dem pathologischen Syndrom äußert. Erinnern 
wir uns an die verschiedene Keaktions weise Gerdas auf die Stiefel- 
defekte, je nachdem es sich um weibliche oder männliche Personen 
handelt. Bei kleinen Mädchen fürchtet sie die Katastrophe, für die sie 
noch viel zu jung sind, die Geburt, und, aus allem zu schließen, auch die 
Verführung. Bei erwachsenen Mädchen und Frauen wirkt demgemäß 
der Defekt am schlimmsten auf Gerda, da sie sich mit ihnen am besten 
identifizieren kann. In bezug auf Männer führt der Absatzkomplex zu 
(passiven) Vergewaltigungsphantasien, wobei der Absatz zu einem 
deutlichen Penissymbol geworden ist. Die Entwicklung dieses Teiles 
der Symbolik können wir nun nicht so genau überschauen wie die der 
Schwangerschafts- und Geburtssymbolik. Ihre Anfänge haben wir im 
Anschluß an die Besprechung des Autoerotismus erwähnt. Sie liegen 
in der autoerotischen Betätigung mit dem Absatz selbst sowie in einem 
Teil der Zinkensymbolik. (Zinken als Zeugungsorgan; Analogie 
mit den Holunderzweigen; ihre Funktion als Bohr- und Stichwerkzeuge 
und als Haftorgane; s. S. 250). Wenn wir diese Symbolik kennen, 
wundern wir uns nicht über die sonst auffallende Annahme Gerdas, 
Knaben könne nie etwas mit dem Absatz passieren 1 ). Das entspricht 
der Tatsache, daß Knaben ihren Penis nie verlieren, ruft aber die weitere 
Annahme hervor, daß die Mädchen (in Gerdas Sexualforschung) 
dadurch entstanden seien, daß ihnen der Penis abgeschnitten wurde, 
d. h. durch eine Art Kastration. Wir hätten demnach hinter der 
Absatzphobie auch eine Kastrationsphantasie zu erblicken, was ja von 
vornherein wahrscheinlich ist. Dieses Stück der Analyse ist Gerda 
aber nicht bewußt geworden; ebensowenig wie die in dem Abreißen 
der Zweige enthaltene, so auffallend „männlich" anmutende Mastur- 



*) „Mädchen sind nicht so geschützt als Knaben, daher passiert ihnen 
eher etwas!" 



298 Ludwig Binswanger. 

bationsphantasie. Bei Gerdas infantiler Konstitution kann es nicht 
ausgeblieben sein, daß sie die jüngeren Brüder um ihren „Vorzug" 
beneidete, sich ihrer Minderwertigkeit schämte. Wir kennen ja ihre 
Wut, wenn sie sich irgendwie schwächer als ihre Brüder erwies, wenn 
sie „in der Gewalt eines andern" war; kennen ihre Freude an unermüd- 
licher körperlicher Kraftentfaltung im Sport. Und doch finden wir einige 
Angaben, die unsere Annahme stützen können. „Ich gab Mama die 
Schuld", sagte Gerda einmal 1 ), „daß ich ein Mädchen war. Ich dachte, 
daß Mama es bestimmen konnte, weil die Eltern sich mit mir ein 
Mädchen gewünscht hatten; ich dachte, das zu bestimmen hätte ganz 
in Mamas Hand gelegen. Sie bekommt ein Kind und macht einen Jungen 
oder ein Mädchen daraus." Auf die Frage: wie? erklärt Gerda: „Durch 
Behandlung! Dadurch daß man Mädchen etwas anderes zu essen gibt, 
mehr Milch z. B. oder sie anders anzieht als Knaben!" Die letzteren 
Angaben tragen den Stempel der „Flunkerei" an sich. 

Wir sehen, daß Gerda ihre Mutter beschuldigt, aus ihr ein Mädchen 
gemacht zu haben ! Das hat sicherlich zu der negativen Betonung des 
Mutterkomplexes viel beigetragen, und wahrscheinlich auch zum 
Haß gegen Max 2 ). 

Beim Manne also wird der Absatz zum Penis und ebenso speziell 
wieder die Zinken. Wir haben hier dieselbe Spezialisierung wie bei der 
Symbolik des Keimorganes, das sowohl durch den Absatz als Ganzes 
als durch dessen „lebenswichtigstes" Organ, die Zinken, dargestellt 
wurde. Ganz besonders wegen dieser Seite der Symbolik wird der Absatz 
zu etwas Unanständigem, Gemeinem, von dem man nicht spricht; 
und deswegen darf man nicht in den Spalt schauen, in dem die Zinken 
verborgen sind. „Wenn bei einem Mann etwas am Absatz passiert, 
dann zeigt er mir die Zinken, und dann kann ich nicht anders, dann 
reagiere ich darauf, dann bin ich unten. Dann hat er mich absolut in 
seiner Gewalt. In der Ohnmacht weiß ich dann gar nicht, was er mit 
mir tut. Ich muß aber immer hingucken, das Gefühl ist so stark, 
dann falle ich sofort 3 ). Er hat auch etwas drin in sich; sobald ich das 

1 ) Sub B nicht erwähnt. 

2 ) Bei der Masturbation hat sieh Gerda, wie wir sahen, im Stiefel und 
speziell im Absatz einen Penis zugelegt, etwas, womit sie das „offene Gefühl" 
beseitigte, etwas zum Zustopfen und Verschließen. 

3 ) Das Fallen im Sinne von „eine Gefallene werden" ist liier besonders 
klar. Es steht in einer gewissen Verbindung mit dem „Niederkommen", d. h. der 
Geburt. Vgl. Gerdas Verhalten, wenn ihre gravide Schwester die Treppe hin- 
unter geht. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 299 

sehe, fühle ich meinen Hacken und bin unten 1 )". Die ganze Schil- 
derung scheint beeinflußt zu sein durch das exhibitionistische Attentat. 
Man ist aber versucht, eine frühinfantile, vor dem Trauma auf dem 
Eise stattgehabte ähnliche Szene in der Kinderstube anzunehmen. 
Das wäre ein Grund mehr, der Mutter zu beichten, daß sie die Zinken 
gesehen habe. 

Im Anschluß an die Verführungsphantasien wird uns der 
Kampf Gerdas zwischen Libido und Sexualverdrängung besonders 
anschaulich. Beide sind sehr stark bei Gerda ausgebildet; so wird auch 
die Kompromißnatur des hysterischen Anfalles bei ihr besonders deut- 
lich. Durch die Verdrängung wird erreicht, daß die sexuellen Vor- 
stellungen vom Bewußtwerden abgehalten werden, zunächst durch 
die Substitution des Sexuellen durch scheinbar nicht Sexuelles (Phobie), 
dann aber, wenn dieser Vorbau gefallen ist, durch das Auftreten der 
Bewußtlosigkeit. Die Libido kommt zu ihrem Recht, indem sie an den 
substituierenden Vorstellungen haften bleibt, ihnen dadurch Zwangs- 
charakter verleiht und sich schließlich im Anfall, im Unbewußten, 
austobt. So entspricht der Anfall der bewußten Flucht vor der Se- 
xualität und zugleich der unbewußten Hingabe an die Sexualität 
(vgl. besonders Seite 261 f.), wie es auch in den beiden vorigen Phasen der 
Fall war. Nach dem Erwachen stellt sich daher das „furchtbar er- 
niedrigende Gefühl" ein, das Gefühl der Schande und das Bedürfnis, 
den Kopf in der Mutter Schoß zu legen, sie, die Hüterin ihrer Ehre, 
die Repräsentantin des „Vernunftballastes", zu bitten, ihr nicht böse 
zu sein, sie nicht zu verurteilen. 

Was bisher besonders aufgefallen sein muß, das ist die starke 
Überdeterminierung, die die Absatzphobie erfahren hat, mit anderen 
Worten ihr „schichtweiser" Aufbau. Es konnte deutlich nachgewiesen 
werden, daß in jeder „Schicht" dem Symptom eine bestimmte sinnvolle 
Bedeutung zukommt, und ferner, daß die verschiedenen Bedeutungen 
untereinander wieder in einem gewissen sinnvollen Zusammenhang 
stehen. Die Übereinstimmung mit dem Aufbau eines Traumes ist 
dabei deutlich zu erkennen. 

Hier muß aber endlich auf die dem Fernerstehenden naheliegende 
Frage eingegangen werden, inwieweit die in der Analyse vorgebrachten 

x ) Hier werden wir wieder an die Kastrationspkantasic erinnert. Es ist, 
wie wenn Gerda sich in dem Moment erinnerte, daß sie nur einen „künstlichen" 
Hacken besitzt. 



300 Ludwig Binswanger. 

Phantasien Gerdas wirklich vor der Episode auf dem Eise in 
dem Kinde wohnten, und inwieweit es sich um nachträglich hinzu- 
gekommene Phantasien handelt. Mit anderen Worten: Wie hätte sich 
die Analyse gestaltet, wenn sie kurz nach dem Trauma auf dem Eise 
vollzogen worden wäre ? Ich glaube, darüber kann kein Zweifel bestehen, 
daß wir alle Determinanten des Symptoms, die wir bei der Analyse 
der Erwachsenen fanden, schon bei dem 6jährigen Kinde vorgefunden 
hätten. Die Masturbation, die Geburt von Max hatten ja in der Tat 
vor der Episode auf dem Eise stattgefunden. Die Ausgestaltung des 
Mutterkomplexes verrät ohne weiteres den infantilen Charakter, ebenso 
bis zu einer gewissen Grenze die Sexualforschung. In der Eegel ist hier 
aber leicht zu erkennen, was Produkt der „vortraumatischen" Zeit 
(d. h. der Zeit vor dem Absatztrauma) ist und was später hinzukam. 
Hierzu gehören zum Teil die Schwangerschafts- und Geburtsphantasien. 
Ihren Ausgangspunkt nahmen sie, wie wir sahen, von der Schwanger- 
schaft der Mutter und der Geburt von Max. Durch die wachsenden 
Kenntnisse Gerdas, die Studien in dem Lehrbuch der Geburtshilfe 
usw. wurden sie aber natürlich modifiziert und ausgestaltet. — Auf die 
Vergewaltigungsphantasien muß das Zusammentreffen mit dem Ex- 
hibitionisten mächtig eingewirkt haben. Aber nur der Umstand, daß 
die Penissymbolik und sadistisch-masochistische Elemente schon von 
Kind an mit dem Absatzkomplex verknüpft waren, ermöglichte die Ver- 
quickung jenes Attentates mit diesem. Lehrreich ist ferner die Tatsache, 
daß in der Analyse der Phobie auch der Tod des Vaters, bei dessen 
Eintritt Gerda schon erwachsen war, eine Rolle spielt. Nur weil die 
Beziehungen zwischen Stiefel- Absatz einerseits und Eltern-Kind ander- 
seits schon aus der frühinfantilen Periode stammen, konnte der Verlust 
des Vaters noch nachträglich in den Absatzkomplex einbezogen werden. 
Nur dieser Umstand ermöglicht es, daß die Reaktion auf den Verlust 
des Vaters, „wo ihr auf ewig etwas abgerissen" wurde, dieselbe ist wie 
auf den Verlust des Absatzes. Vergessen wir auch nicht, daß Gerda 
sich als Kind den Tod beider Eltern oft ausgemalt hat. 

Wir sehen also, daß Gerda zur Symbolisierung ihres Verhält- 
nisses zu "den Eltern, namentlich zur Mutter, dasjenige zwischen Absatz 
und Stiefel wählt und sich nach der Enttäuschung über die Mutter mit 
dem halbabgerissenen Absatz vergleicht, dessen „Schnitt- oder 
Rißfläche" sich nicht mehr an den Stiefel „anpassen" kann, der 
besser ganz vom Stiefel getrennt wäre, als daß er noch an einer Ecke 
an ihm hinge. Diese unbewußte Symbolik gewinnt nun noch an 



Analyse einer hysterischen Phobie. 301 

Interesse, wenn wir sie mit derjenigen vergleichen, die ein Autor bewußt 
gerade zur Illustrierung desselben Verhältnisses angewendet hat. Ich 
meine das Bild, das Jung gebraucht, wenn er von der „infantilen 
Bruchfläche" spricht, mit der der Mensch sein Leben lang einhergeht 
und mit der er sich der Welt anzupassen sucht 1 ). Ich kann es mir 
nicht versagen, den ganzen Passus hierherzusetzen, zur Illustrierung 
der Übereinstimmung in der Symbolik, sowie auch wegen des Inhaltes 
selbst, der durch unsere Analyse vollauf bestätigt wird. 

„Die Glättung der infantilen Bruchfläche" 2 ), schreibt 
Jung, „die Auffüllung des Negativs des Elterncharakters kann, 
von der Umgebung unbemerkt, im Innern des Menschen vorgehen, 
in Gestalt von ihm selbst unverstandener Hemmungen und Kämpfe. 
Oder der Heranwachsende gerät in schmerzhaften Konflikt mit der 
Welt der Dinge, in die er nirgends hineinpaßt, und ein Schicksals- 
schlag nach dem andern muß ihm allmählich die Augen öffnen über seine 
infantile, schlecht angepaßte Eigenart. Die Quelle der infantilen 
Anpassung an die Eltern ist natürlich die affektive Beziehung von 
beiden Seiten, d. h. die Psychosexualität der Eltern einerseits und die 
des Kindes anderseits. Es ist eine Art psychischer Ansteckung, von 
der wir ja wissen, daß nicht logische Wahrheiten, sondern Affekte und 
deren körperliche Äußerungen ihre wirkenden Kräfte sind. Diese sind es, 
die dem Kinde mit der Kraft des Herdeninstinktes sich in die Seele 
drängen, sie formen und prägen. In der bildsamsten Zeit, vom 1. bis 
5. Jahre dürften alle wesentlichen Bildungslinien, die genau 
auf die elterliche Matrize passen, sich herausgearbeitet haben; 
denn, wie uns die psychoanalytische Erfahrung lehrt, fallen in der Regel 
die ersten Anzeichen des späteren Konfliktes zwischen Elternkonstellation 
und individueller Selbständigkeit, des Kampfes zwischen Verdrängung 
und Libido (Freud) vor das 5. Lebensjahr." 

Einiges über die Fuß- und Schuhsymlbolik 
in der Völkerpsychologie. 

Die Fuß- und Schuhsymbolik, die wir in unserem Falle finden, 
gewinnt noch an Interesse, wenn wir sie mit der in der Völkerpsychologie 
bekannten Symbolik in Beziehung bringen. Mannigfache Überein- 



x ) Vgl. Jung: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen; 
dieses Jahrbuch, I, S. 158. 

2 ) Die Hervorhebungen im Druck finden sich im Original nicht. 



302 Ludwig Binswanger. 

Stimmungen lassen sich so finden, von denen wir hier nur einige heraus- 
greifen wollen. 

Wir haben gesehen, daß der Fuß, insbesondere der beschuhte 
Fuß, bei Gerda zu einem sexuellen Symbol sich herangebildet hat, zu 
einem männlichen Zeugungs- und zu einem weiblichen Keimorgan. Er war 
zu einem Symbol der Fruchtbarkeit geworden, bei dem die männ- 
liche und die weibliche Komponente sich deutlich herausdifferenziert 
hatten. Diese Symbolik entspricht ganz „der tiefsten, weit verbreitetsten 
Symbolik des Fußes, die uns die verschiedensten Völker der alten wie 
der neuen Zeit lehren, der Fußsymbolik des Segens, der Frucht- 
barkeit, besonders der weiblichen Fruchtbarkeit 1 )". „Und 
nicht bloß der Fuß, auch die Spur, die der Fuß hinterläßt, die Fuß- 
tapfe, auch seine Bekleidung, der Schuh, die Sandale usw. ent- 
senden den Segen, die Fruchtbarkeit. — Auf diese Fußsymbolik 
geht jener allbekannte Mythus- und Märchenzug zurück, daß 
den Füßen der Frau, der Göttin, wie auch des Mannes, des Heroen, 
des Gottes Blumen und Früchte entsprießen". Dieser Zug ist nach 
Aigremont fast Allgemeingut der Menschheit geworden. Interessant 
ist, daß zunächst der Fuß des Weibes zum Symbol der Fruchtbarkeit 
geworden ist, und erst später der Fuß des Mannes zum Symbol des 
Zeugens, und zwar hauptsächlich in Verbindung mit dem Schuh. 

„An den Schuh knüpft sich aus ganz natürlichen, mehr äußer- 
lichen Gründen der Vergleich mit der Vulva. Des Mannes Fuß wurde 
zum Penis, des Weibes Schuh zur Vulva. Vergleiche, Sprichwörter, 
Rätsel, derbe Volkslieder noch aus unserer Zeit bestätigen das zur 
Genüge 2 )." 

Ohne im einzelnen Parallelen zu ziehen, erinnere ich nur an 
Gerdas Angst vor geschwollenen Füßen, vor dem Ausweiten der 
Stiefel und dem Hineintreten mit dem Fuß; ferner an den bei ihr be- 
stehenden Zwang, den Leuten auf die Schuhe zu sehen ; an ihr Scham- 
gefühl in bezug auf die eigenen Schuhe (sie will nicht, daß man ihr auf 
die Füße sieht 3 ). 



x ) Aigremont: Fuß- und Schuhsymbolik und -erotik; Leipzig, 1909; 
S. 8. Ich halte mich im folgenden ganz an die sehr interessanten Ergebnisse 
dieses Büchleins. 

2 ) Aigremont 1. c. S. GS. 

3 ) Daß sich das Schamgefühl ganz besonders an die Füße heftet, ist eine 
allgemein verbreitete Erscheinung bei den Chinesinnen, den Türkinnen Zentral- 
asiens, den Frauen des deutsehen Mittelalters, den Spanierinnen u. a. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 303 

Die Hochschätzung Gerdas für das Schuhwerk, ihr Gefühl, 
mit ihm verwachsen, eins zu sein, es nicht wechseln, von sich geben 
zu dürfen, findet ebenfalls Analogien in der Völkerpsychologie: 

„In dem Schuh ist das "Wesen, die Lebens wärme des Mädchens 
eingesogen. Er ist ein Teil des Mädchens selbst geworden. So erklärt 
sich der Liebeszauber : Ein Liebender entwendet dem geliebten Mädchen 
einen Schuh, trägt ihn selber acht Tage, vermischt ihn also mit seinem 
Wesen und gibt ihn ihr zurück (Hessen). Ihr "Wesen ist also mit dem 
seinen vermischt, so muß sie ihm zu eigen werden. Auf eben derselben 
Vorstellung beruht es, daß man die ersten Schuhe, die eine junge Ehefrau 
abgerissen hat, nicht verschenken darf. Sie müssen weggeworfen werden, 
sonst wird die Ehe unglücklich (Erzgebirge). Das Lebensod der 
jungen Frau steckt in diesen ersten Schuhen am kräftigsten, es würde 
in fremden Händen verhext werden können 1 )." 

"Wir haben ferner gesehen, in wie enge Beziehung Gerda Schwan- 
gerschaft und Schuhe bringt 2 ): ich erinnere nur an die (weibliche) 
Symbolik des geschwollenen, in den Schuh eingeschnürten Fußes. 
Wir kennen aber auch Gerdas Besorgnis um den sicheren Gang der 
Schwangeren, ihre Angst, sie könnten straucheln, fallen. Im Hinblick 
hierauf ist eiue Kedensart sehr interessant, die zugleich den einzigen 
Hinweis auf eine der Absatzsymbolik Gerdas im engeren Sinne ent- 
sprechende Volkssymbolik bildet. Die Redensart lautet: „Sie hat 
ein Hufeisen verloren (oder abgeworfen)". Das heißt: sie ist 
schwanger. Das Hufeisen ist nach Aigremont der Eisenbeschlag am 
Schuh, der Sinn der Redensart also der: „Ihr Gang ist nicht mehr so 
fest und sicher wie früher." Das Hufeisen ersetzt hier den Absatz Gerdas. 
Für sie heißt „den Absatz verloren haben" in einer Hinsicht 
soviel wie schwanger sein (denn dann wachsen die Zinken nach 
unten, dann schleppt man eine Last nach und geht unsicher!) 3 ). 



x ) Aigremont 1. c. S. 57. 

2 ) Vgl. die Redensart: „Sie lebt auf großem Schuh", d. h. sie ist schwanger. 

3 ) Daß der Fuß so leicht zum Symbol der Fruchtbarkeit wird, leitet Ai- 
gremont von seiner Berührung mit der „Segen spendenden fruchtbaren 
mütterlichen Erde" ab. Der Fuß leitet Kraft und Segen der Erde in den ganzen 
Mensehen (siehe den griechischen Mythus vom Ringkampf des Antäus und 
Herakles, Aigremont 1. c. S. 9) und wird „das Organ oder der Sitz, in dem die 
Fruchtbarkeit steckt". 

Bei Gerda gewinnt der Fuß oder Schuh seine „befruchtende" Kraft zum 
Teil aus den Beziehungen zu dem Darminhalt, den Fäzes, der ursprünglichen 
Keimsubstanz in Gerdas Phantasie. Dieselben Beziehungen finden wir angedeutet 



304 Ludwig Binswanger. 

Die Beziehungen zum Schuhfetischisinus. 

Ist Gerda eine Schuhfetischistin ? — Die Kriterien des Fetischismus 
sind nach Freud 1 ): Ersatz des normalen Sexualobjektes durch ein 
anderes, ungeeignetes, das einmal zu jenem in Beziehung stand, später 
aber zum alleinigen Sexualobjekt wird, losgelöst von der bestimmten 
Person. Es ist ohne weiteres klar, daß bei Gerda von einem aus- 
gesprochenen Fetischismus mit Verzicht auf das normale Sexualziel 
nicht gesprochen werden kann. Und doch glaubt man, fetischistische 
Momente zu finden. Gerda wird ja sexuell erregt durch Schuhe, jedoch 
nur unter gewissen Bedingungen. In der Phase des Autoerotismus war 
der Schuh, besser der beschuhte Fuß für sie ein Fetisch, dem sie alle 
Liebe, Sorgfalt und Verehrung eines Sexualobjektes angedeihen ließ. 
Bei der Erwachsenen könnte man von einem negativen oder verdrängten 
Fetischismus reden, indem der Anblick des Schuhes (immer unter den 
speziellen Bedingungen) nicht Wollust, sondern Angst hervorruft. 
Man würde damit den Fetischismus in eine Eeihe stellen mit den übrigen 
Perversionen des Sexualtriebes, wie es Freud neuerdings auch getan 
hat. Ich glaube aber doch, daß wir uns damit zu weit von den genannten 
Kriterien entfernen. Wir haben es hier mit einer einfachen Sexual- 
symbolik zu tun, indem der Stiefel, speziell der Absatz, nur den Penis 
ersetzt. Gerda reagiert dann darauf, wie sie auf den Anblick usw. eines 
Penis reagieren würde. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ein Schuh 
oder ein Kleidungsstück einer geliebten Person infolge der Sexualüber- 
schätzung zum Fetisch erhoben wird und fürderhin selbständig sexuell 
erregend wirkt 2 ). 



in dem „Mistfuß" der Empusa, „jenes Schreckgespenstes in der Umgebung 
derHekate". (Siehe Aigremont 1. c. S. 25.) Aigremont weist hierbei darauf 
hin, daß das Bein aus Tierdünger (es handelt sich um ein Eselsboin!) „in 
verstärkter Weise" das befruchtende Prinzip enthalte. 

J ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie; II. Auflage; S. 18 f. 

2 ) Anmerkung bei der Korrektur. Das, was ich liier als verdrängten 
oder negativen Fetischismus bezeichnet habe, hat Magnus Hirschfeld in einer 
kürzlich erschienenen Arbeit als Fetischhaß r oder, in Anlehnung an Forel, als 
Antifetischismus bezeichnet (s. Über Horror sexualis partialis [se- 
xuelleTeila version, an tifetischis tische Zwangs vor Stellungen, Fetisch- 
haß]; Neurologisches Zentral blatt, 1911, Nr. 10). Der Ausdruck Antifetisch scheint 
mir, schon aus sprachlichen Gründen, nicht glücklich gewählt zu sein. Von ne- 
gativem Fetischismus zu sprechen, liegt namentlich im Anschluß an die Freud- 
sche Psychologie näher, zumal aus dem Grunde, weil negativer und positiver 



Analyse einer hysterischen Phobie. ö05 

In der Kasuistik des Schuhfetischismus finden wir übrigens einige 
Fälle, in denen ebenfalls die Schuhnägel (Gerdas Zinken) eine Rolle spielen. 
Krafft-Ebing erwähnt aus der Literatur einen Fetischisten, dem das 
Betasten und Zählen der Schuhnägel an Frauenschuhen, der Anblick des 
Nägeleinschlagens in solche sexuellen Genuß bereitet, und einen andern, 
dessen Genuß erhöht wird, wenn er in seine Sohlen durchdringende Nägel 
einschlägt, die beim Gehen in sein Fleisch eindringen 1 ). Das ist jedoch 
nichts anderes als sadistisch-masochistische Beimischung zu dem Feti- 
schismus. Insoweit nur zeigen diese Fälle Übereinstimmungen mit dem 
unsrigen, daß dessen Zinken Symbolik ja ebenfalls sadistisch-maso- 
chistische Färbung aufweist. 

Die Technik der Analyse. 

Die Technik unserer Analyse ist nicht die „klassische" Freudsche 
analytische Technik, die vom Allgemeinen auf das Spezielle geht, 
aus Träumen, Symptomhandlungen usw. in das Unbewußte eindringt, 
bis sie auf die pathogenen Komplexe stößt, um von hier aus erst die 
Analyse der Symptome in Angriff zu nehmen. Es handelt sich dabei 
mehr oder weniger um eine Umgehung der Symptome, eine anfängliche 
bewußte Vernachlässigung derselben, um ihnen später quasi die Quellen 
abzugraben. In unserem Falle ging die Analyse großenteils vom Sym- 
ptom selbst aus; sie ging vom Speziellen auf das Allgemeine. Das 
Symptom wurde in den Mittelpunkt der Analyse gerückt, um von hier 



Fetischismus nur zwei verschiedene Seiten einer und derselben Sache sind. Diese 
Möglichkeit ist Hirschfeld auch nicht entgangen; denn er schreibt: „Es liegt 
da die Vermutung nahe, daß der Fetischhaß mithin ein Korrelat oder Revers des 
Fetischismus nur insofern ist, als der Antifetisch einen Fetisch versteckt" (1. c. 
S. 540). „So einfach hegt jedoch die Ideenverbindung nicht", meint der Autor 
freilich weiterhin. „Bei genauerem Befragen zeigt sich nämlich bald, daß von dem 
durch den Antifetisch verdeckten oder ausgeschalteten Teil oder Gegenstand 
keineswegs ein direkter Fetischzauber ausgeht." Hierzu ist zu bemerken, daß diese 
Frage in jedem einzelnen Fall erst durch eine gründliche Psychoanalyse entschieden 
werden muß. Dann wird es sich wie bei Gerda sicherlich häufig zeigen, daß der 
Fetischhaß (wenn man überhaupt von einem solchen sprechen will, statt einfach 
von einer Phobie oder Obsession zu reden) ein „Revers des Fetischismus" ist. 
Ich verweise hier ganz besonders auf S. 261, wo die Wandlung von Haß und Ekel 
gegenüber dem Absatz und seinem Träger in sexuelle Erregung deutlich zu ver- 
folgen ist. — Ich wollte mit diesen Zeilen nur zeigen, wie schwer, ja unmöglich 
es ist, Fragen wie die obigen nur von außen, d. h. ohne psychoanalytische Durch- 
arbeitung der Einzelfälle zu entscheiden. Gerade auf dem Gebiete des Fetischismus 
fehlt es uns noch allzusehr an gründlich analysiertem kasuistischem Material, 
um eine Theorie aufbauen zu können. 

x ) S. v. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis; 11. Auflage; S. 132 ff. 
Jahrbuch für psychoanalyt. v.. psychopathol. Forschungen. ITI. aü 



306 Ludwig Binswanger. 

aus den Zugang zu den unbewußten Komplexen zu finden. Dabei wurde 
anfangs auch von der Hypnose Gebrauch gemacht, gerade um die 
Aufmerksamkeit der Kranken in erhöhtem Maße auf das Symptom 
und seine Zusammenhänge mit den ihm zugrunde liegenden Komplexen 
hinzulenken. Dadurch nähert sich die Technik der kathartischen 
Methode von Breuer und Freud, wenn auch die Ergebnisse durchaus 
die gleichen sind wie bei der erstgenannten Methode. Es muß hier aber 
noch darauf hingewiesen werden, daß die Darstellung unserer Analyse 
eine etwas einseitige ist, indem die kathartische Seite der Technik der 
Einfachheit und Kürze halber besonders hervorgehoben, die analytische 
großenteils weggelassen wurde. Die Analyse von Schwangerschafts-, 
sexuellen Verfolgungs- und Übertragungsträumen wurde ganz 
weggelassen, um das Material nicht noch mehr anzuhäufen. Besonders 
einige Schwangerschaftsträume halfen uns in dieser Eichtung in der 
Analyse weiter. Nur der Traum von dem toten Kind der Mutter wurde 
ausführlicher erwähnt, gerade weil er zeigen kann, daß man auch von 
hier aus auf das pathogene Material weiter hätte eindringen können, 
also auf analytischem Wege, da er, wie nachher ersichtlich wurde, die- 
jenigen Komplexe enthielt, die zum Teil der Absatzsymbolik zugrunde 
liegen. 

Daß mehr der kathartische Weg eingeschlagen wurde, lag 
nicht an einer vorgefaßten Meinung; vielmehr ergab es sich aus dem 
Fall und der Natur des Symptoms selbst. War doch das letztere einer 
experimentellen direkten Durchforschung besonders zugänglich. Auch 
die Anwendung der Hypnose war nicht eine von vornherein beab- 
sichtigte. Als sie einmal gegen die Obstipation, also aus therapeutischen 
Gründen, angewendet werden mußte, da nichts mehr half, ergriff ich 
die Gelegenheit, um sie auch im kathartischen Sinne zu verwerten. 
Da das Ergebnis befriedigend war, kam ich nachher wieder darauf 
zurück 1 ). 

Auffallend ist in unserem Falle das geringe Hervortreten der Über- 
tragung auf den Arzt. Das, was erreicht wurde, deutet' aber 
schon darauf hin, daß eine starke Übertragung stattgefunden hatte. 



x ) Ich habe seither in meinen Analysen die Hypnose nicht mehr angewendet, 
das rührte aber wiederum von den Fällen selbst her. Ich bin kein prinzipieller Gegner 
der Anwendung der Hypnose zum Zwecke der Analyse und bin der Meinung, 
daß die Fälle selbst uns die Technik vorsehreiben müssen, sei es in der Frage, 
ob kathartisch oder analytisch vorgegangen werden soll, sei es in der Frage, ob 
überhaupt eine kausale Therapie anzuwenden ist oder nicht. 



Analyse einer hysterischen Phobie. 307 

Die Identifikation des Arztes mit dem Freund erleichterte sie 
wesentlich. Mit der Technik hängt es aber zusammen, daß die Über- 
tragung nicht durchgearbeitet wurde. Damit wird der Umstand zu- 
sammenhängen, daß die männliche Symbolik (Kastrationsphantasien 
usw.) so lückenhaft erscheint. 

D. Katamnese. 

Es dauerte noch einige Monate, bis die Phobie, wie Gerda schreibt, 
,,ganz aus der Welt geschafft" war 1 ). Leichte Angstgefühle stellten 
sich hie und da wieder ein, und in den Träumen trat die Absatzphobie 
noch einige Male auf. Eine Ohnmacht ist aber nie mehr vorgekommen. 
Ferner machte sich anfangs hie und da eine deutliche Gereiztheit gegen 
die Mutter geltend. 14 Tage nach der Rückkehr hat Gerda zum ersten 
Male wieder einen Schuhladen betreten und sich Schuhe gekauft. 
„Etwas heiß wurde mir dabei," schreibt sie, „aber es zog mich nicht 
nach unten. Ich war sehr stolz und froh, als ich glücklich wieder auf 
der Straße stand und es so gut abgelaufen war. Die neuen Stiefel habe 
ich gleich angezogen und bis jetzt nichts Unangenehmes gefühlt." 
Im selben Briefe schreibt sie, als sie zugesehen habe, wie sich ihre 
Schwester die Stiefel anzog, habe sie etwas schlucken müssen, das 
sei aber schnell vorübergegangen. 

Sechs Wochen nach der Beendigung der Kur fand die Verlobung 
statt. Die Ehe ist eine glückliche, Gerda erwartet in Bälde ein Kind. 
Auf der Hochzeitsreise ist sie seit Jahren zum ersten Male Schlittschuh 
gelaufen. Zuerst lief sie 1 / i Stunde. Als sie sich dann hinsetzen 
wollte, ergriff sie wieder das Gefühl der Schwäche, und während sie die 
Stiefel samt Schlittschuhen rasch auszog, mußte sie einen Schluck 
Wasser trinken. Nach x / 2 Stunde ging es ihr wieder gut. „Die nächsten 
Tage", schreibt sie, „sind wir natürlich wieder gelaufen: doch sobald 
wir uns hinsetzten, mußte ich so schnell wie möglich die Stiefel wechseln ; 
beim Laufen fühlte ich mich sehr gut. Jetzt 2 ) ist das alles längst ein 
überwundener Standpunkt, und das Laufen macht mir wirklich Freude. 
Damit ist nun die ganze Sache, hoffe ich, aus der Welt geschafft." 

Weniger zufrieden ist Gerda mit dem Erfolg in bezug auf die 
Obstipation, die zeitweise immer wiederkehrt, wenn sie auch keiner 



1 ) Die Behandlung hatte sich über 178 Tage erstreckt. 

2 ) Ein halbes Jahr nach Beendigung der Kur. 

20* 



308 Ludwig Binswanger. 

so eingreifender Prozeduren zu ihrer Hebung bedarf wie früher. Mit 
der Mutter scheint sie jetzt in sehr gutem Einvernehmen zu stehen 1 ). 



l ) Anmerkung bei der Korrektur. Aus seitherigen Briefen des Mannes 
der Patientin kann ich noch folgendes berichten. Gegen das Ende der Gravidität 
war die Darmtätigkeit „in allerbester Ordnung". Zum Beweis, !daß „die Hacken- 
krankheit anscheinend völlig geheilt" ist, erwähnt der Mann, daß während seiner 
Abwesenheit seiner Frau Reitstiefel für ihn in halbfertigem Zustand zum An- 
probieren geschickt wurden. „Der Hacken war nur lose untergeschlagen und ging 
los, als meine Frau das Paket öffnete. Sie schrieb mir aber, daß sie deswegen 
ganz ruhig geblieben sei und sich absolut nichts dabei gedacht hätte, 3 worüber 
sie sehr verwundert war. Früher wäre sie sicher in Ohnmacht gefallen. Den Stiefel 
hat sie dann ganz ruhig eingepackt und die Sache war für sie erledigt." Bald 
darauf erfolgte dann die Geburt, die „absolut glatt und außerordentlich be- 
friedigend verlaufen ist. Das Kind ist besonders kräftig und gesund. Die Mutter 
stillt selbst und fühlt sich sehr wohl". Was ihren Gemütszustand anlange, so fühle 
sie sich „selig" und der Himmel hänge ihr voller Geigen. Von der Zeit der Kur 
seien ihr nur noch die äußeren Verhältnisse und einige Jschöne Ausflüge in Er- 
innerung, alles andere habe sie anscheinend vergessen. — Seit Beendigung der 
Kur sind nunmehr fast 2 Jahre verflossen. 



J 



Morton Prince M. D.: 
The Mechaiiism and Interpretation of Dreanis 1 ). 

Eine kritische Besprechung 
von C. G. Jung. 



Alle die Kollegen und Mitarbeiter, die unter Freuds Anregung 
den Problemen des Traumes nachgeforscht haben und die Grundsätze 
der „Traumdeutung" bestätigen konnten, mögen mir verzeihen, wenn 
ich ihre nachprüfende und bestätigende Arbeit hier übergehe, um von 
einer Untersuchung zu sprechen, die zwar zu weniger positiven Re- 
sultaten geführt hat, aber eben darum zu öffentlicher Diskussion 
außerordentlich geeignet ist. Zu dem kommt als besonders erwähnens- 
werter Umstand, daß nämlich Morton Prince, wie wenige, durch 
seine bisherigen Arbeiten sowohl als auch durch seine ganze, vertiefte 
Auffassung psychopathologischer Probleme in der Lage ist, die von 
Freud gegründete Psychologie zu verstehen. Ich weiß nun allerdings 
nicht, ob Morton Prince der deutschen Sprache so weit mächtig 
ist, um Freud fließend lesen zu können 2 ), was beinahe eine Bedingung 
für das Verständnis ist. Sollte der Autor aber nur auf englische Literatur 
angewiesen sein, so hätte ihm auch die ausgezeichnet klare Darstellung 
der Traumanalyse von Ernest Jones in,, Freuds Theory of Dreams" 3 ) 
alle nötigen Kenntnisse übermitteln können. Außerdem existieren 
schon eine recht große Anzahl von Arbeiten und Referaten von Brill 



x ) Journal of Abnormal Psychology. Vol. V, p. 139—195. 1910. 

2 ) Ich halte es nämlich für nicht ganz überflüssig, einen Autor zu lesen, 
bevor man sich mit ihm auseinandersetzt. 

3 ) American Journ. of Psychol. April 1910, p. 283. 



310 • C. G. Jung. 

und Jones, neuerdings auch von Putnam 1 ), Meyer, Hoch, Scrip- 
ture u. a., welche die verschiedenen Seiten der analytischen Psychologie 
(„Tiefenpsychologie" Bleuler) beleuchten. Und, um das Maß voll 
zu machen, liegen seit geraumer Zeit nicht nur Freuds und meine 
Vorlesungen an der Clark University, sondern auch einige Über- 
setzungen unserer Schriften gedruckt vor, so daß auch dem der 
deutschen Zunge nicht Mächtigen reichlich Gelegenheit zum Verstehen 
gegeben ist. 

Nicht auf dem Wege persönlichen Kontaktes, dessen suggestive 
Kraft Herr Ho che 2 ) in einer für uns schmeichelhaften Weise beinahe 
abergläubisch fürchtet, sondern auf dem Wege der Lektüre hat Morton 
Prince sich die nötigen analytischen Kenntnisse verschafft. Wie 
auch dem deutschen Leser bekannt sein dürfte, ist Morton Prince 
der Verfasser eines verdienstvollen Buches, „The Dissociation of 
a Personality", das sich an die ähnlichen Untersuchungen eines Binet, 
Janet und Flournoy würdig anreiht 3 ). Prince ist auch, wie bekannt, 
der Herausgeber des Journal of Abnormal Psychology, das sich vor- 
urteilslos jetzt fast in jeder Nummer mit den Fragen der Psychoanalyse 
beschäftigt. 

Aus dieser Einleitung dürfte der Leser ersehen, daß ich nicht 
zuviel sage, wenn ich Morton Prince als einen von Vorurteilen un- 
beeinflußten Forscher von fest gegründetem, wissenschaftlichem Namen 
und unbestreitbarer Kompetenz in der Beurteilung von pathologisch- 
pyschologischen Problemen darstelle. Hat sich Putnam vorzugs- 
weise mit der therapeutischen Seite der Psychoanalyse beschäftigt 
und mit bewundernswerter Offenheit sich darüber ausgesprochen, 
so interessiert sich Prince für ein ganz besonders umstrittenes Gebiet, 
auf dem jeder Freudschüler schon seit Jahren seinen ehrlichen wissen- 



*) Ich darf hier nicht unerwähnt lassen, daß James J. Putnam, 
Professor der Neurologie an Harvard Medical School, Boston, die medizinische 
Anwendung der Psychoanalyse nachgeprüft und bestätigt hat. (Siehe Zentralblatt 
für Psychoanalyse, 1911.) 

2 ) Herr Professor Ho che in Freiburg i. Br. hat bekanntlich Freud und 
seine Schule als von epidemischem Wahnsinne befallen dargestellt. Die Kongreß- 
teilnehmer haben ohne Widerrede und mit Beifall diese Diagnose angenommen. 

3 ) Es ist ganz besonders bedauerlich, daß der Gelehrte oder besser gesagt: 
der Mensch, der heutzutage Wissenschaft verfertigt, nur zu oft ein Interesse 
besitzt, das lediglich national ist und an den Grenzpfählen Halt macht. Es wäre 
für die analytische Psychologie eine große Erleichterung, wenn in Deutschland 
mehr Binet, Janet und Flournoy gelesen würde. 



i 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 311 

schaftlichen Namen in den Augen der deutschen Wissenschaft ein- 
gebüßt hat, nämlich für das Gebiet der Traumanalyse. Das grund- 
legende Werk Freuds „Die Traumdeutung" ist von der deutschen 
wissenschaftlichen Kritik mit unverantwortlichem Leichtsinn 
behandelt worden. Wie gewöhnlich war man mit der abgedroschenen 
Phrase „geistreicher Irrtum" u. dgl. zur Hand. Daß sich aber jemand 
von Psychologen, Neurologen oder Psychiatern die Mühe genommen 
hätte, zuzugreifen und einmal seinen Witz an der Freudschen Traum- 
analyse zu erproben, das kam nicht vor 1 ). Oder wagte man es nicht? 
Ich glaube fast, man wagte es nicht, denn die Sache ist tatsächlich 
schwierig: weniger, denke ich, was das Intellektuelle anbelangt, sehr 
schwierig hingegen, was persönliche — subjektive — Widerstände 
anbelangt. Gerade in diesem Punkte verlangt die Psychoanalyse 
Opfer, welche irgend eine andere Wissenschaft von ihrem Bearbeiter 
nie verlangt, nämlich schonungslose Selbsterkenntnis. Es 
muß immer aufs neue wiederholt werden, daß das praktische und 
theoretische Verständnis der analytischen Psychologie 
eine Funktion der analytischen Selbsterkenntnis ist. Wo 
die Selbsterkenntnis versagt, da blüht auch keine Psychoanalyse. 
Dieser Satz ist nur so lange ein Paradoxon, als man glaubt, man kenne 
sich selber. Und wer glaubt das nicht? Im Brustton tiefster Über- 
zeugung versichert es jeder, den man drum fragt. Und doch ist es 
nicht wahr, sondern eine kindliche Illusion, die zu den Requisiten 
des sicheren und überzeugenden Auftretens gehört. Es ist gar kein 
Zweifel darüber möglich, daß z. B. ein Arzt, der einen beträchtlichen 
Mangel an Wissen und Können durch ein gesteigertes Selbstbewußt- 
sein ersetzt, nie wird analysieren können, sonst müßte er sich die Wahr- 
heit sagen und würde vor sich selber unmöglich. Um so höher ist es 
nun anzuschlagen, wenn ein Mann von Ruf, wie Prince, das Problem 
mutig anfaßt und es auf seine Art zu bezwingen sucht. Die Einwände, 
die sich aus solch ehrlicher Arbeit ergeben, sollen bei uns jederzeit 
Anerkennung finden. Wir haben nur für solche keine Antwort, die 
sich scheuen, wirkliche Arbeit zu tun und die sich mit gar zu 
billigen akademischen Reden begnügen. Bevor wir auf die Ein- 
wände, die Prince erhebt, eintreten, wollen wir einen Blick 



*) Wer es wirklich tat, das waren die, die sich offen auf Seiten Freuds 
stellten. Isser lin begnügte sich mit Kritik der Methode a priori voll praktischer 
Unkenntnis der Sache. Was ihm unter diesen Umständen erwidert werden konnte, 
hat Bleuler besorgt. (Dieses Jahrbuch 1910, II. Hälfte.) 



312 • 0. G. Jung. 

auf sein Arbeitsgebiet und auf seine (in unserem Sinne) positiven 
Resultate werfen. Prince bearbeitet sechs Träume einer Patientin, 
die verschiedener Bewußtseinszustände fähig war und daher in mehreren 
verschiedenen Bewußtseinszuständen untersucht werden konnte. 
Prince wendete sowohl Befragung in Hypnose wie zwangloses Asso- 
ziieren („Einfallsmethode") an. Wir erfahren, daß der Autor bereits 
mehrere Dutzende von Träumen analysiert hat 1 ). Von der psycho- 
analytischen („Einfalls-") Methode findet Prince „it enables us by 
the examination of a large number of dreams in the same person to 
search the whole field of the unconscious, and by comparison of all 
the dreams to discover certain persistent conserved ideas which run 
through and influence the psychical life of the individual" (S. 125). 
Der amerikanische Forscher kann also mit dem „Wahnwitz" der psycho- 
analytischen Methode, im Gebiete des Unbewußten, etwas aufsuchen 
und finden, was das seelische Leben merklich beeinflußt. Er hält 
also die „Methode" doch für eine Methode, ist der Überzeugung, daß 
es ein Unbewußtes gibt usw. und all das, ohne von Freud persönlich 
irgendwie hypnotisiert zu sein. Prince anerkennt des weiteren, daß 
als Traummaterialien in Betracht kommen „certain subconscious 
ideas of which the subject had not been aware" (S. 150), womit also 
anerkannt wird, daß Traumquellen im Unbewußten liegen können. 
Wesentliche und ausdrückliche Bestätigungen bringt der folgende 
Abschnitt (S. 150): „It was a brilliant stroke of genius that led Freud 
to the discovery that dreams are not the meaningless vagaries that 
they were previously supposed to be, but when interpreted through 
the method of psychoanalysis may be found to have a logical and in- 
telligible meaning. This meaning, however, is generally hidden in a 
mass of symbolism which can only be unraveled by a searching in- 
vestigation into the previous mental experiences of the dreamer. Such 
an investigation requires, as I have already pointed out, the resur- 
rection of all the associated memories pertaining to the elements of 
the dream. — When this is done the conclusion is forced upon us, 
I believe, that even the most phantastic dream may express some 
intelligent idea, though that idea may be hidden in symbolism. My 



x ) Um dem Leser einen Begriff zu geben, welche Erfahrung in Traum- 
analyse der Psychoanalytiker besitzt, führe ich au, daß ich pro Arbeitstag durch- 
schnittlich acht Träume analysiere. Das macht aufs Jahr an die zweitausend. 
Ähnliche Ziffern dürften die meisten Psychoanalytiker erreichen. Freud selber 
verfügt über ein ungeheures Erfahrungsmaterial. 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 313 

own observations confirm those of Freud, so far as to show that 
running through each dream there is an intelligent motive; so that 
the dream can be interpreted as expressing some idea or ideas which 
the dreamer previously has entertained. At least all the dreams I have 
subjected to analysis justify this interpretation." 

Prince ist also in der Lage anzuerkennen, daß der Traum einen 
Sinn hat, daß der Sinn in Symbolen verborgen ist, und daß man des 
Erinnerungsmaterials bedarf, um den Sinn auffinden zu können. Damit 
wären ganz wesentliche Stücke der Traumdeutung bestätigt, weit mehr 
als die Apriorikritik je zugegeben hätte. Auf Grund gewisser ein- 
schlägiger Erfahrungen ist Prince auch dazu gelangt, hysterische 
Symptome ,,as possible symbolisms of hidden processes of thought." 
aufzufassen, was trotz den vorbereitenden Auffassungen im Bins- 
wanger sehen Handbuch der Hysterie der deutschen Nervenheil- 
kunde noch immer nicht einleuchten will. 

Ich habe, wie gesagt, die zustimmenden Äußerungen des Autors 
vorweg genommen. Wir gelangen jetzt zu den Abweichungen und 
Einwänden : 

(S. 151:) „I am unable to confirm that of Freud, that every 
dream can be interpreted as ,,the imaginary fulfillment of a wish", 
which is the motive of the dream. That sometimes a dream can] be 
recognized as a fulfillement of a wish there can be no question, but 
that every dream, or that the majority of dreams are such, I have 
been unable to verify, even after subjeeting the individual to the most 
exhaustive analysis. On the contrary I find, if my interpretations 
are correct, that some dreams are rather the expression of the non- 
fulfillment of a wish ; some seem to be that of the fulfillment of a fear 
or anxiety" usw. In diesem Passus ist alles wesentliche beisammen, 
was Prince nicht anerkennen kann. Beizufügen wäre noch, daß 
auch der Wunsch selber dem Autor häufig als gar nicht „verdrängt" 
(„repressed") erscheint und gar nicht so unbewußt oder wichtig, wie 
nach Freud zu erwarten wäre. Die Freudsche Theorie also, daß 
ein verdrängter Wunsch die eigentliche Traumquelle sei und sich im 
Traum erfülle, wird von Prince nicht angenommen, da er nicht im- 
stande war, an seinem Material diese Dinge zu sehen. Er hat sich aber 
Mühe gegeben, sie zu sehen; ihm erschien diese Theorie wenigstens 
eines sorgfältigen Nachprüf ens wert, was sie für viele unserer Kritiker 
entschieden nicht ist. (Mir scheint, als ob diese Handlungsweise einem 
gewissen ungeschriebenen Gesetze akademischen Anstandes ent- 



314 C G. Jung. 

spräche.) Nun hat uns glücklicherweise der Autor auch mit dem 
Material, aus dem er seine Schlüsse zog, bekannt gemacht. Infolge- 
dessen sind wir in der Lage, unsere Erfahrungen an denen des 
Autors messen und zugleich die Gründe des Mißverständnisses auf- 
finden zu können. Prince hat den großen Mut gehabt, sich in 
dankenswerter Weise zu exponieren, so daß ihm und uns Gelegenheit 
begeben ist, an seinem Material die Divergenzen öffentlich zu ver- 
gleichen, was in jeder Beziehung lehrreich ist. 

Um nun im einzelnen nachweisen zu können, woher es kommt, 
daß Prince bloß das Formale und nicht auch das Dynamische der 
Träume einsehen kann, müssen wir uns mit den Details seines Materials 
beschäftigen. Zunächst muß ich aus verschiedenen Andeutungen des 
Materials entnehmen, daß die Träumerin eine Dame in vorgerückterem 
Alter ist, einen erwachsenen, studierenden Sohn besitzt, in offenbar 
unglücklicher Ehe lebt (Scheidung? oder bloße Trennung?). Die Dame 
leidet seit Jahren an hysterischer Persönlichkeitsspaltung, hat, wie 
aus Andeutungen zu erschließen ist, regressive Phantasien über zwei 
frühere erotische Möglichkeiten (zwei Männer), was der Autor (infolge 
des Druckes der öffentlichen Prüderie?) etwas zu zart andeuten muß. 
Es ist dem Autor gelungen, die Patientin für F/o Jahre aus der Disso- 
ziation herauszubringen, jetzt scheint es aber wieder schlecht zu gehen, 
indem Patientin nicht selbständig sein kann, sondern in ängstlicher 
Abhängigkeit am Arzte hängen bleibt, was ihm lästig wurde, so daß 
er sie einmal zu einem Kollegen befördern wollte. 

(Wir haben es also mit dem wohlbekannten Bilde der unanaly- 
sierten und nicht zugestandenen Übertragung zu tun, die, ebenso 
bekanntermaßen, in Verankerung erotischer Phantasien der Patientin 
beim Arzte besteht. Aus diesem Kampfe des Arztes gegen die um- 
klammernde Übertragung der Patientin schildern die sechs Träume einen 
gewissen Abschnitt.) 1 ) 

1. Traum: 2 ) „Ich sah jemand wie eine alte Jüdin, die trank 
Whisky. Sie verwandelte sich plötzlich in meine Mutter, die ebenfalls 
Whisky zu trinken schien. Da öffnete sich die Tür und mein Vater 
trat herein, in meines Gatten Gesellschaftsanzug, und hielt zwei Holz- 
stöcke in seiner Hand." (S. 147 ff.) 

*) Ich setze diesen Passus in Klammern, um ihn also als parenthetische 
Äußerung meinerseits zu kennzeichnen. 
2 ) Etwas verkürzt wiedergegeben. 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 315 

Prince findet aus reichlichem undganz überzeugendem Material 1 ), 
daß die Versuchung zum Trinken, überhaupt die „Versuchung" bei 
„Armen" von der Patientin als begreiflich angesehen wird. Sie selber 
nimmt abends etwa ein bißchen Whisky, wie auch ihre Mutter tat, usw. 
Das könnte ja auch etwas Unrechtes sein. „The dream scene is there- 
fore the symbolical representation and justification of her own belief 
and answers the doubts and scruples that beset her mind — ." Der 
zweite Teil des Traumes, die Holzstöcke, ist nach Prince allerdings 
eine Art Wunscherfüllimg, aber eine recht nichtssagende, indem 
Patientin sich abends zuvor Holz zum Heizen bestellt hatte. Daß 
man hier nichts Kechtes sieht, ist meine Ansicht auch, denn der Traum 
ist trotz der darauf verwendeten Mühe (8 Druckseiten) gar nicht fertig- 
analysiert, indem, ich möchte sagen, die Hauptstücke unanalysiert 
stehengeblieben sinö : das Whiskytrinken und die Holzstöcke ! — 
Wenn der Autor jenen „Versuchungen" vielleicht nachgehen will, 
so wird er bald entdecken, daß die Skrupeln der Patientin im Grunde 
genommen weit ernsthafterer Natur sind als ein Teelöffel voll Whisky 
und zwei Holzscheite. Warum ist es der Vater, warum verdichtet 
mit dem Gatten ? Wie ist die Jüdin außer durch die Vortagserinnerung 
determiniert? Warum sind gerade die Holzstöcke bedeutsam und warum 
gerade in der Hand des Vaters? usw. usw. Der Traum ist nicht 
analysiert. Leider ist dem Analytiker sein Sinn überwältigend 
klar; er lautet sehr schlicht: „Wenn ich diese arme Jüdin wäre, die 
ich am Vormittage sah, so würde ich der Versuchung nicht wider- 
stehen (gleichwie Mutter und Vater, ein typischer Infantil vergleich!), 
dann käme ein Mann mit dem Feuerholz in mein Zimmer — natürlich 
um mir einzuheizen." So etwa ließe sich der Sinn kurz ausdrücken. 
Der Traum enthält alles, nur die Analyse unseres Autors hat diskreter- 
weise zu früh aufgehört. Er möge mir verzeihen, daß ich indiskreter- 
weise die taktvoll verschlossen gehaltene Tür aufbreche, damit man 
klar sehe, was unter der Decke der konventionellen Diskretion und 
der ärztlichen Sexualblindheit für — Wunscherfüllungen stecken, die 
man nicht sehen kann. 

2. Traum (S. 156): „Ein Hügel. Ich gehe mühsam hinauf; 
konnte fast nicht hinauf kommen; hatte das Gefühl, als ob ich von 
jemandem oder von irgend etwas verfolgt werde.'' Ich sagte mir: ,Ich 



*) Für den geübten Analytiker ist allerdings der Traum an sich schon 
derart deutlich, daß direkte Lesung möglich ist. 



316 C. G. Jung. 

darf nicht zeigen, daß ich Angst habe, sonst faßt es mich 
an*. Darauf kam ich an eine Stelle, wo es heller war, und ich konnte 
zwei Wolken oder Schatten sehen, der eine war schwarz, der andere 
rot und ich sagte : Mein Gott, es ist A. und B. ! Wenn ich keine Hilfe 
bekomme, bin ich verloren. — (Sie meint hiermit, daß sich ihr Zustand 
wieder ändern wird, d. h. Zurückfallen in ihre frühere Persönlichkeits- 
spaltung.) Ich rief darauf: ,Dr. Prince, Dr. Prince' und da waren 
Sie da und lachten und sagten: ,Nun Sie werden die verfluchte Sache 
schon selber zu bekämpfen haben'. Als ich erwachte, war ich vor 
Schrecken gelähmt — ". 

Wir können uns dispensieren von einer Kenntnisnahme des 
analytischen Materials. Der Traum ist wieder sehr einfach. Prince 
kann aber die Wunsch erfüllung in diesem Traume nicht sehen, er 
sieht im Gegenteile darin ein „fulfillment of a fear". Er begeht eben 
den prinzipiellen Fehler, daß er den manifesten Trauminhalt wieder 
einmal mit dem unbewußten Traumgedanken verwechselt. Zur Ent- 
schuldigung des Autors sei aber bemerkt, daß in diesem Falle die 
Wiederholung des Irrtums leichter möglich war, insofern der kritische 
Satz („Well, you will have to fight" usw.) wirklich zweideutig und 
irreführend ist. In gleicher Weise zweideutig ist auch der erste Satz: 
„I must not show that I am frightened" usw., der, wie Prince zeigt, 
durch das Material sich auf den Gedanken des Rückfalles in die Krank- 
heit bezieht, insofern als Patientin fürchtet, rückfällig zu werden. 
Was heißt nun, „sie fürchtet"? Wir wissen, daß es der Patientin weit 
bequemer ist, krank zu sein, indem das Gesundsein einen sehr großen 
Nachteil mit sich bringt: sie verliert ihren Arzt. Das Kranksein 
hält ihn mehr oder weniger für die hilfsbedürftige Patientin zurück. 
Patientin hat ja offenbar durch ihre interessante Krankheit dem Arzte 
sehr viel geboten und dafür sehr viel Interesse und viele Geduld von 
ihm erhalten. Diese menschlich anregenden Beziehungen möchte 
Patientin keinesfalls missen, weshalb sie sicli vor dem Gesundbleiben 
fürchtet und innerlich hofft, es möchte ihr doch möglichst Wunderliches 
zustoßen, damit das Interesse des Arztes sich ihr wieder mit mehr 
Wärme zuwende. Natürlich würde Patientin sich mit allen Mitteln 
dagegen sträuben, zuzugeben oder anzunehmen, daß sie tatsächlich 
solche Wünsche habe. Man muß sich aber wirklich einmal an die Ein- 
sicht gewöhnen, daß es psychologische Dinge gibt, die man zugleich weiß 
und nicht weiß. Von anscheinend sehr unbewußten Dingen zeigt es 
sich öfters, daß sie in einem andern Zusammenhang sehr wohl bewußt 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 317 

sind, und auch immer gewußt werden. Sie werden nur nicht in dem 
ihnen eigentlich zukommenden Sinne gewußt. So ist auch die nicht 
zuzugebende Wunschrichtung der Patientin dem Bewußtsein nicht 
direkt in ihrem eigentlichen Sinne zugänglich, daher man diesen eigent- 
lichen Sinn als nicht bewußt oder als verdrängt bezeichnet. In der 
brutalen Form: „Ich will Symptome haben, um das Interesse des Arztes 
aufs neue wachzurufen" kann der Satz keineswegs akzeptiert werden, 
obschon er wahr ist, denn er ist zu beleidigend; wohl aber ließen sich 
an der Peripherie ein paar kleine Einfälle und Wunschregungen nach- 
weisen, etwa Reminiszenzen an die Zeit, wo es auch so interessant 
war, usw. 

Der Traumsatz: „I must not show, that I am frightened" usw. 
lautet daher in Wirklichkeit: „Ich darf nicht zeigen, daß ich eigentlich 
gerne rückfällig würde, denn das Gesundsein ist zu mühsam". ,,If 
I dont have help, I am lost" lautet: „Hoffentlich werde ich nicht 
schleunigst kuriert, sonst kann ich nicht rückfällig werden." Daher 
kommt dann am Schlüsse die Wunsch erf üllung : „Well, you will have 
to fight the damned thing yourself." Patientin ist ja nur dem Arzte 
zuliebe gesund. Läßt er sie stehen, so wird sie rückfällig, woran er 
schuld ist, denn er hat ihr nicht geholfen. Wird sie aber rückfällig, 
so hat sie von neuem erhöhten Anspruch auf seine ärztliche Aufmerk- 
samkeit, und das ist ja das Ziel der Veranstaltung. Es ist für den Traum 
überaus typisch, daß jeweils gerade darin, wo es dem Bewußtsein 
am unmöglichsten schien, die Wunscherfüllung liegt. Die Angst 
rückfällig zu werden, ist auch ein Symbol, das der Analyse bedarf, 
was der Autor vergessen hat, indem er die Angst ebenso wie das Whisky- 
trinken und die Stöcke für bare Münze nahm, anstatt das Gebotene 
einmal skeptisch auf seine Echtheit zu prüfen. Die vorzügliche Arbeit 
seines Kollegen Ernest Jones „On the Nightmare" hätte ihn über 
den Wunschcharakter dieser Art Ängste belehren können. Es ist 
aber, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, für jeden Anfänger in psycho- 
analytischen Dingen schwer, alle analytischen Grundsätze sich jederzeit 
bewußt zu halten. 

3. Traum: „Ich lief barfuß auf Watts 1 ) felsigem Pfade. Die Steine 
taten meinen Füßen weh. Ich war leicht gekleidet, fror und konnte 
kaum den Weg hinaufkommen. Ich sah Sie dort, rief Sie zu Hilfe 
und Sie sagten: ,Ich kann ihnen nicht helfen; Sie müssen sich selber 



*) Siehe Traum 5. 



318 CG. Jung. 

helfen'. Ich sagte: ,Ich kann nicht; ich kann nicht'. ,Aber Sie müssen, 
ich will mal sehen, ob ich es Ihnen nicht in den Kopf hineinhämmern 
kann/ Sie nahmen einen Stein und hämmerten mir damit auf 
den Kopf und mit jedem Schlage sagten Sie: .Ich kann mich 
von Ihrem Geschwätz nicht länger quälen lassen, ich kann mich 
nicht quälen lassen/ Und jeder Schlag machte mir das Herz 
schwerer, so daß es mir schließlich ganz schwer wurde. Ich er- 
wachte und sah noch, wie Sie mit einem Steine stießen (pounding). 
Sie waren böse." 

Da Prince den Traum wieder wörtlich nimmt, so kann er darin 
bloß das „nonfulfillment of a wish" sehen. Dem gegenüber ist wiederum 
zu betonen, daß Freud ausdrücklich sagt, daß die eigentlichen 
Traumgedanken nicht identisch seien mit dem manifesten 
Trauminhalte. Prince hat einfach den eigentlichen Traum- 
gedanken nicht aufgefunden, indem er am "Wortlaute des Traumes 
hängen blieb. Es ist nun immer mißlich, wenn man selber, ohne 
das Material zu kennen, eingreifen muß; man kann sich enorm 
vergreifen. Vielleicht ist das vom Autor herausanalysierte Material 
aber doch genügend, um einen Einblick in die latenten Traum- 
gedanken zu gewinnen. (Wer Erfahrung hat, hat natürlich den 
Sinn des Traumes schon längst erraten, denn er ist für den Er- 
fahrenen durchsichtig..) 

Der Traum baut sich über folgendem Erlebnis auf: Patientin 
hatte am Morgen um des Autors ärztliche Hilfe gebeten und telephonisch 
die Antwort erhalten: ,,I cannot possibly come to see you today. I have 
engagements all the day and into the evening. I will send Dr. W. You 
must not depend on me." Also ein unmißverständlicher Wink, 
der die Patientin darüber belehren mußte, daß die Zeit des Arztes 
auch anderen gehört. Eine enttäuschende Einsicht! Patientin be- 
merkt: ,,I didn't say any thing about it; but it played ducks and drakes 
with me the other night". Patientin hatte also offenbar einen großen 
Bissen herunterzuwürgen. Der Arzt hat ihr damit etwas recht Schmerz- 
liches angetan, das sie als vernünftige Frau natürlich begreift, — aber 
nicht mit dem Herzen. Vor dem Schlafengehen hatte sie gedacht: 
,,Ich darf ihn doch nicht beschwatzen, ich dächte doch, ich sollte diesen 
Gedanken einmal in meinen Kopf hineinbringen." (Im Traume wird 
ihr dieser Gedanke sogar in den Kopf hineingehämmert.) „Wenn 
mein Herz nicht von Stein wäre, würde ich weinen." (Mit einem Stein 
gehämmert.) Wie im vorhergehenden Traum ist auch hier wieder 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 319 

konstatiert, daß der Arzt ihr nicht mehr helfen will, und ihr diesen 
seinen Entschluß sogar in den Kopf hineinhämmert, so daß mit jedem 
Schlag ihr das Herz schwerer wird. Die Situation vom Vorabend 
ist also überdeutlich in den manifesten Trauminhalt aufgenommen. 
In solchen Fällen muß man immer suchen, wo ein neues Stück zur 
Vortagssituation hinzugefügt ist; an diesem Punkte geht der Weg 
weiter in den eigentlichen Traumsinn : Der Schmerz ist, daß der Arzt 
die Patientin nicht mehr behandeln will, im Traume wird sie nuu aber 
doch auf eine ganz neue, merkwürdige Weise behandelt. Indem der 
Arzt ihr geradezu in den Kopf hineinhämmert : er könne sich nicht von 
ihr betäuben (beschwatzen) lassen, tut er das so nachdrücklich, daß 
daraus an Stelle der Psychotherapie eine höchst intensive körper- 
liche Behandlung respektive Tortur wird, womit ein Wunsch der 
Patientin erfüllt wird, der als zu shocking natürlich das dezente Tages- 
licht nie erblickt, obschon er ein sehr natürlicher und einfacher 
Gedanke ist. Der erotische Volkswitz und all die bösen Zungen, 
welche von jeher das Geheimnis des Beichtstuhles und das der 
ärztlichen Konsultation analysiert haben, kennen ihn 1 ). Auch der 
Teufel in seiner berühmten Rede „Der Geist der Medizin ist leicht 
zu fassen..." hat ihn auch erraten. Dieser Gedanke gehört zu 
jenen unverlierbaren Gütern der Menschheit, die niemand kennt und 
jedermann hat. 

Als Patientin aufwachte, sah sie den Arzt noch die Bewegung 
ausführen: pounding 2 ) with a stone, die zweitmalige Bezeichnung der 
Handlung bedeutet eine ganz besondere Hervorhebung 3 ). Wie im 
vorhergehenden Traume liegt eben gerade in der größten Enttäuschung 
die Wunscherfüllung. 

Man wird gewiß einwenden, ich lege meine eigene verdorbene 
Phantasie da hinein, wie das in der Freud sehen Schule Sitte sei. 
Vielleicht wird sich auch mein geschätzter Herr Kollege, der Autor, 
entrüsten, daß man seinen Patienten so unreine Gedanken zutraut, 
zum mindesten wird er es ganz ungerechtfertigt finden, aus diesen spär- 
lichen Andeutungen einen so weittragenden Schluß zu ziehen. Ich 
bin mir wohl bewußt, daß meine obige Konklusion, vom Standpunkte 



x ) Analyse durch das Gerücht, Vgl. meine Arbeit: Ein Beitrag zur Psycho- 
logie des Gerüchtes. Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, H. 3. 

2 ) pounder ist ein Stössel oder eine Keule. 

3 ) Vgl. dazu: Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes, 1. c. S. 85. 



320 C. G. Jung. 

bisheriger Wissenschaft betrachtet, beinahe leichtfertig aussieht, 
indem keiner sieht, wieviel Hunderte von parallellaufenden Erfahrungen 
mir gezeigt haben, daß die obigen Data doch tatsächlich vollauf genügen, 
um mit einer Sicherheit, die auch strengen Anforderungen entspricht, 
meinen Schluß zu ziehen. "Wer keine psychoanalytische Erfahrung 
besitzt, hat eben keine Ahnung davon, wie sehr viel wahrscheinlicher 
es ist, daß der erotische "Wunsch vorhanden ist und wie ganz unwahr- 
scheinlich seine Abwesenheit ist. Diese Illusion beruht natürlich einer- 
seits auf der moralischen Sexualblindheit, anderseits aber auch auf 
dem unheilvollen Irrtum, daß wir mit unserem Bewußtsein die ganze 
Seele deckten. Dieser letztere Vorwurf trifft natürlich unsern verdienten 
Autor nicht. Ich bitte also meine Leser: Keine moralische Ent- 
rüstung, sondern ruhiges Nachprüfen, damit macht man 
"Wissenschaft und nicht mit Entrüstungsgeschrei, Spott, 
Beschimpfungen und Drohungen, die Mittel, mit denen 
gewisse Vertreter der deutschen "Wissenschaft gegen uns 
argumentieren. 

Es läge eigentlich dem Autor ob, uns noch alle die Zwischen- 
materialien zu liefern, die den erotischen Sinn des Traumes endgültig 
feststellen. Für diesen Traum ist es zwar nicht geschehen, wohl aber 
ist indirekt in den folgenden Träumen alles Nötige gesagt, so daß mein 
obiger Schluß aus seiner Isolierung heraustritt und sich als ein Glied 
in einer zusammenhängenden Kette erweisen wird. 

4. Traum (S. 162): Kurz vor dem letzten Traume träumte die 
Patientin folgendes: „Ich war in einem großen BaDsaal, wo alles sehr 
schön war. Als ich herumging, kam ein Mann auf mich zu und fragte: 
,Wo ist Ihre Begleitung?' Ich antwortete: ,Ich bin allein/ Darauf 
sagte er: ,Sie können hier nicht bleiben. Wir können hier alleinstehende 
Damen nicht haben' (Jone women'). Die nun folgende Szene spielte 
sich in einem Theater ab: „Ich wollte mich gerade hinsetzen, als jemand 
zu mir kam und mir das gleiche wie vorhin sagte: ,Sie können hier 
nicht bleiben, wir können hier keine alleinstehenden Frauen haben/ 
Dann war ich an verschiedenen anderen Orten, aber überall mußte 
ich wieder hinaus, da ich allein war; man woDte mir nirgends gestatten 
zu bleiben. Dann befand ich mich auf der Straße, da war eine große 
Menschenmenge, ich sah meinen Mann in geringer Entfernung und 
ich strengte mich an, um durch die Menschenmenge zu kommen, um 
ihn zu erreichen. Als ich in seine Nähe gekommen war, sah ich . . . 
(,\Vir dürften das, was sie sah, als eine symbolische Darstellung 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 321 

von Glück deuten', sagt der Autor.) Dann kam ein Gefühl von 
Krankheit und Ekel über mich und ich dachte, daß auch hier nicht mein 
Platz sei." 

Die Lücke im Traum ist zwar von rühmenswerter Diskretion 
und wird dem prüden Leser gewiß gefallen, aber das ist keine Wissen- 
schaft. Die Wissenschaft kennt dergleichen Anstandsrücksichten nicht. 
Es handelt sich hier darum, ob die angefochtene Freudsche Traum- 
theorie richtig ist oder nicht und nicht darum, ob Traumtexte un- 
erwachsenen Ohren wohlklingen oder nicht. Wird ein Gynäkolog 
in einer geburtshilflichen Publikation wohl jemals die Darstellung 
des weiblichen Genitales aus Anstandsgründen unterdrücken? S. 164 
dieser Analyse finden wir den Satz: „The analysis of this scene 
would carry us too far into the intimacy of her life to 
justify oui entering lipon it." Glaubt der Autor wirklich, 
er habe unter diesen Umständen ein wissenschaftliches Kecht, über 
psychoanalytische Traumtheorie mitzureden, wenn er aus Dis- 
kretion die wesentlichen Materialien dem Leser vorent- 
hält? Wenn er schon einmal einen Traum seiner Patientin der 
Welt mitteilt, so hat er die Diskretion so gründlich wie möglich 
gebrochen, denn jeder Kundige liest ihn sofort; denn was der 
Träumer instinktiv am tiefsten versteckt, schreit das Unbewußte 
im Traum am lautesten heraus. Gegen den, der das Symbol zu 
lesen versteht, ist alle Vorsicht umsonst, es kommt ja doch aus. 
Wir möchten daher den Autor bitten, wenn er ein nächstes Mal seine 
Patientin nicht bloßstellen will, den Fall so zu wählen, daß er alles 
sagen kann. 

Trotz der ärztlichen Diskretion ist auch dieser Traum, dem 
Prince die Qualität der Wunscherfüllung versagt, dem Verständnis 
zugänglich. Der Schluß des Traumes verrät trotz der Verhüllung 
den heftigen Widerstand der Patientin gegen die Sexualrelation mit 
ihrem Manne. Das Übrige ist alles Wunscherfüllung: sie wird zur 
„alleinstehenden" Dame, die gesellschaftlich etwas unmöglich ist. 
Das „feeling of loneliness" („she feels that she cannot be alone any 
more, that she must have some society") ist durch diese Zweideutigkeit 
passend aufgelöst: es gibt doch auch „alleinstehende" Damen, die gar 
nicht so „allein" sind, allerdings sind sie nicht überall geduldet. Auch 
diese Wunscherfüllung muß auf größten Widerstand stoßen, solang, 
bis man sich klar gemacht hat, daß der Teufel, wie das Sprichwort 
sagt, in der Not auch Fliegen frißt; das gilt auch im vollsten Maße 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 21 



322 C. G. Jung. 

von der Libido. Dem Unbewußten erscheint auch diese, dem Bewußten 
recht widerliche Lösung durchaus annehmbar. Man muß die Psycho- 
logie einer Neurose dieses Alters kennen ; überhaupt verlangt die Psycho- 
analyse, daß man den Menschen so in die Rechnung einsetzt, wie er 
wirklich ist, und nicht wie er posiert. Da weitaus die meisten Menschen 
das sein möchten, was sie nicht sind, nämlich irgend ein ihnen vor- 
schwebendes bewußtes oder unbewußtes Ideal, und daher glauben, 
sie seien es schon beinahe, so ist der einzelne schon aus Herdensugge- 
stion verblendet, ganz abgesehen davon, daß auch er sich anders vor- 
kommt, als er wirklich ist. Dieser Grundsatz hat die Eigentümlichkeit, 
daß er zweifellos für alle Menschen gilt, nie aber für den, auf den er 
gerade angewendet wird. 

Welche historische und allgemeine Bedeutung dieses Faktum 
hat, habe ich in einer vorstehenden Arbeit 1 ) dargelegt; ich darf mir 
also weitere Erörterungen dieses Punktes ersparen. Ich bemerke nur, 
daß man, um Psychoanalyse treiben zu können, seine ethischen Be- 
griffe einer Totalrevision zu unterziehen hat. Das sind For- 
derungen, welche es erklären, woher es kommt, daß 
jedem wirklich ernsthaften Menschen die Psychoanalyse 
nur allmählich und mit großen Schwierigkeiten ver- 
ständlich werden kann. Es bedarf nicht nur intellektueller, 
sondern noch größerer moralischer Anstrengungen, um sich des 
Sinnes der Methode zu bemächtigen, denn es handelt sich nicht um 
eine medizinische Methode wie Vibrationsmassage oder Hypnose, 
sondern um etwas weit Allgemeineres, das sich bescheiden 
„Psychoanalyse" nennt. 

5. Traum: „Ich träumte, daß ich an einem dunklen, unheim- 
lichen, felsigen Ort war; mühsam ging ich diesen felsigen Weg, wie 
ich in meinen Träumen immer mühsam gehe, und auf einmal war alles 
voll Katzen. Die Katzen waren überall, unter meinen Füßen, hingen 
an den Bäumen, die ganz voll davon waren. Entsetzt kehrte ich um 
und wollte zurück, da stand auf meinem Wege ein furchtbares Geschöpf, 
einem Waldmenschen gleich. Seine Haare hingen über Gesicht und 
Nacken herum, eine Art Haut (oder Fell? „Skin") bekleidete ihn. 
Seine Beine und Arme waren nackt und er trug eine Keule. Eine wilde 
Erscheinung. Hinter ihm waren Hunderte von solchen Männern, die 
ganze Gegend war von ihnen erfüllt, so daß vorn Katzen und hinten 



*) Wandlungen und Symbole der Libido. Dieses Jahrbuch, dieses Heft. 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 323 

Wilde waren. Der Mann sagte zu mir, daß ich vorwärts zu gehen hätte 
mitten durch diese Katzen, und daß, wenn ich einen Laut von mir 
gäbe, sie alle auf mich stürzen und mich ersticken würden, aber im 
Fall ich hindurch ginge, ohne einen Laut von mir zu geben, würde ich 
nie mehr über das Vergangene Keue empfinden. — (Dies bezieht sich 
auf einige bestimmte Dinge, die zwei besondere Gedankensysteme 
betreffen, die sogenannten Z- und Y-Komplexe, die alle ihre Schwierig- 
keiten enthalten, fügt der Autor bei.) Ich machte mir klar, daß ich 
zu wählen hatte zwischen dem Tode durch den wilden Mann und dem 
Weg über die Katzen. Ich ging daher vorwärts. Nun mußte ich auf 
die Katzen treten (die Patientin schauderte und bebte, indem sie das 
erzählte), und die Angst, daß die Katzen sich auf mich stürzten, wenn 
ich schrie, verursachte mir eine derartige Anstrengung, daß die Muskeln 
meiner Kehle sich im Traume zusammenzogen. (Wie ich [Dr. Pr.] 
selber fühlen konnte, zogen sich die Halsmuskeln auch während der 
Erzählung zusammen.) Mit Mühe bahnte ich mir einen Weg durch die 
Katzen, ohne einen Laut von mir zu geben, dann sah ich meine Mutter 
und versuchte zu ihr zu sprechen. Ich streckte meine Hände aus und 
versuchte ,,0 Mama !" zu sagen, aber ich konnte nicht sprechen. Dann 
erwachte ich und fühlte mich übel (nauseated), ängstlich, müde und 
bedeckt von Schweiß. Später als ich ganz wach war, konnte ich, als 
ich zu sprechen versuchte, nur flüstern." (Die Patientin erwachte mit 
vollständiger Aphonie, die anhielt, bis sie durch entsprechende 
Suggestion wieder beseitigt wurde.) 

Prince sieht in diesem Traume allerdings zum Teil eine Wunsch- 
erfüllung, nämlich, daß die Träumerin dann doch über die Katzen 
geht. Er meint aber: „The dream would rather seem to be princi- 
pally a symbolical representation of her idea of life in general and of 
the moral precepts with which she has endeavored to inspire herseif, 
and which she has endeavored to live up to in order to obtain hap- 
piness." 

Das ist kein Traumsinn, das sieht jeder, der etwas von Träumen 
versteht. Der Traum ist vom Autor auch gar nicht analysiert 
worden. Wir erfahren bloß, daß Patientin eine Katzenphobie hat. 
Was das heißt, ist nicht analysiert. Das bemerkenswerte Treten auf 
die Katzen ist nicht analysiert. Der wilde Mann, der mit der sonder- 
baren Haut bekleidet ist, ist nicht analysiert, ebenso fehlt die Analyse 
der Haut und der Keule. Die erotischen Reminiszenzen Z undY 
sind nicht dargestellt. Die Bedeutung der Aphonie ist nicht analysiert. 

21* 



324 C. G. Jung. 

Ein bißchen analysiert ist nur der felsige Pfad am Anfang: er stammt 
aus einem Gemälde von Watt: Love and Life. Eine weibliche Gestalt 
(das Leben) schleppt sich mühsam den rauhen Pfad entlang, geleitet 
von der Gestalt der Liebe. Das Eingangsbild des Traumes entspricht 
genau diesem Bilde — „minus the figure of Love", wie Prince be- 
merkt. Dafür sind die Katzen eingesetzt, wie der Traum zeigt, und 
wie wir bemerken. Das heißt also, daß die Katzen das Symbol der 
Liebe seien. Das hat Prince nicht bemerkt; hätte er fleißig die 
Literatur studiert, so hätte er bemerkt, daß ich mich in einer meiner 
Publikationen eingehend mit der Katzenphobie beschäftigt habe. Er 
hätte eben dort diesen Schluß lernen und dank diesem Umstand dann 
den Traum begreifen können samt der Katzenphobie. Im übrigen 
ist der Traum ein typischer Angsttraum, der infolgedessen auch ohne 
weiteres vom Standpunkte der Sexualtheorie betrachtet werden muß, 
wenn es Prince nicht anders gelingt, uns zu beweisen, daß die 
Sexualtheorie der Angst [falsch ist. Bei dem völligen Mangel an 
Analyse verzichte ich auf die weitere Erörterung des Traumes, 
der übrigens recht klar und hübsch ist. Ich mache nur noch 
aufmerksam darauf, daß es der Patientin geglückt ist, ein Symp- 
tom zu erhaschen (die Aphonie), welches auch das Interesse des 
Arztes, wie berechnet, herausforderte. Es ist evident, daß man auf 
Grund von nicht gemachten Analysen die Traumtheorie nicht kriti- 
sieren kann, das ist bloß die Methode unserer bisherigen deutschen 
Kritiker. 

6. Traum (S. 170): Dieser Traum trat in zwei aufeinander- 
folgenden Nächten auf: „Ich träumte, daß ich auf dem gleichen 
felsigen dunkeln Pfade bin, wo ich immer bin, — auf Watts 
■\V e g — nur waren hier Bäume auf den Seiten (Bäume sind immer da, 
oder ein Abhang oder eine Schlucht). Der Wind ging stark, und wie 
immer konnte ich, wie durch irgend etwas gehemmt, nur mit Mühe 
gehen. Jemand, irgend eine Gestalt, eilte an mir vorbei, indem er 
(oder sie) die Augen mit der Hand bedeckte. Die Erscheinung sagte: 
, Schau nicht hin, sonst wirst du blind.' Ich stand vor dem 
Eingang einer großen Höhle. Plötzlich erglänzte Licht in der Höhle 
wie ein Projektionsbild und dort lagen Sie auf dem Boden, um uud 
um gewickelt mit einer Art Binde und Ihre Kleider waren zerrissen 
und schmutzig. Ihr Gesicht war mit Blut bedeckt, und Sic sahen 
schrecklich geängstigt aus. Überall um Sie herum waren wohl Hunderte 
von Zwergen oder Gnomen oder Kobolden, und die marterten Sie. 



Morton "Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 325 

Einige hatten Beile und hieben auf Ihre Beine und Arme, und andere 
zersägten Sie. Hunderte von ihnen hatten kleine Dinger wie chinesische 
Räucherröhrchen (joss-sticks), nur etwas kürzer, deren Enden rot- 
glühend waren, und mit diesen stachen sie Sie. Es sah ungefähr so 
aus wie Gulliver und' die kleinen Geschöpfe, die über ihn liefen. 
Sie sahen mich und riefen: ,0 Mrs. C. um's Himmelswillen helfen Sie 
mir doch aus diesem verfluchten Loch heraus.' Sie fluchen immer 
in meinen Träumen. Ich war entsetzt und sagte: ,0 Dr. Prince, 
ich komme sogleich', aber ich konnte mich nicht bewegen, 
ich war wie [angenagelt und dann verschwand alles. Es wurde 
dunkel, als ob ich blind geworden wäre. Dann flackerte das Licht 
wieder auf und beleuchtete die Höhle und ich sah Sie wieder. 
Dies wiederholte sich im Traume drei- oder viermal. Ich sagte 
immer wieder: ,Ich komme' und strengte mich an, um mich 
zu bewegen, wobei ich mit eben diesen Worten erwachte. Als ich 
wach war, konnte ich wie im Traume nicht sehen und mich 
nicht bewegen." 

Bei diesem Traume teilt der Autor die Details der Analyse nicht 
mehr mit, „um den Leser nicht zu langweilen". Er gibt nur folgendes 
Resume: „Der Traum ist eine symbolische Darstellung der Lebens- 
auffassung der Patientin, der felsige Weg ein Symbol der Angst vor 
der Zukunft, der sie, wie sie sagt, schon seit Jahren nicht ins An- 
gesicht zu schauen wagte, ferner ihres Gefühles, daß die Zukunft 
,, blind" sein werde, daß sie nichts vor ihr Liegendes sehen könne, 
endlich des Gedankens, daß sie sich überwältigt „verloren", „weg- 
geschwemmt" fühlte — wenn sie diese Zukunft sähe und sie realisierte. 
Und das darf sie nicht sehen. Und doch hat sie Momente in 
ihrem Leben, wo sie sich die Zukunft deutlich vorstellt. So wird in 
diesem Traum einer dieser Momente dargestellt, indem sie in die Höhle 
(die Zukunft) blickt und in dem Aufflackern des Lichtes die Veiwirk- 
lichung kommt, — sie sieht, wie ihr Sohn (die Metamorphose ist ent- 
standen, indem eine andere Person an seine Stelle tritt) gemartert und 
gequält wird, so wie sie sich einbildet, daß er vom Leben gequält und 
durch moralische Nadelstiche gehemmt wird. Dann folgt die symboli- 
sche Darstellung (Lähmung) von ihrem absoluten Unvermögen, ihm 
oder irgend jemanden zu helfen oder ihre eigenen Lebensverhältnisse 
zu ändern. Schließlich folgen endlich die vorausgesehenen Konsequenzen 
dieser Erwartung. Sie wird blind und insofern ist der Traum die Er- 
füllung einer Befürchtung." 



326 C. G. Jung. 

Der Autor sagt abschließend: „In this dream, as in the others, 
we find no ,unacceptable' and .repressed wish', no ,conflict' with 
,censuring thoughts' no ,compromise', no Resistance' and no^disguise' 
in the dream content to deceive the dreamer, — elements and processes 
fundamental in the Freud school of psychology." 

Von diesem vernichtenden Urteil streichen wir einmal den 
Passus „as in the others", denn die anderen Träume sind derart 
mangelhaft analysiert, daß der Autor keinerlei Berechtigung hat, 
auf Grund der vorausgegangenen „Analyse" ein derartiges Urteil 
zu fällen. Es bleibt also zur Fundamentierung obigen Urteils bloß 
der letzte Traum, den wir daher auch noch etwas gründlicher anzu- 
sehen haben. 

Wir wollen uns nicht aufhalten bei dem ständig wiederkehrenden 
Symbol des Gemäldes von Watt, wo die Gestalt der Liebe fehlt, 
die im Traume 5 durch die Katzen ersetzt war. Hier kommt an dieser 
Stelle eine Gestalt, die sie warnt, zu sehen, sonst werde sie „blind". 
Nun kommt ein sehr merkwürdiges Bild: Der Arzt, „um und um- 
gewickelt, mit schmutzigen und zerrissenen Kleidern, mit blutigem 
Gesichte" — die Gulliversituation. Prince bemerkt, daß sich der 
Sohn der Patientin in einer gequälten Situation befinde, verschweigt 
uns aber weitere Details. Woher die Einwicklung, das blutige Gesicht, 
die zerrissenen Kleider stammen, was die Gulliversituation bedeute, 
davon erfährt man nichts. Weil Patientin nicht in die Zukunft 
sehen mag, so bedeutet die Höhle die Zukunft, bemerkt Prince. Warum 
wird die Zukunft gerade als Höhle symbolisiert? Der Autor schweigt. 
Wieso kommt es, daß der Arzt den Sohn ersetzen soll? Prince er- 
wähnt, daß Patientin der Situation des Sohnes gegenüber hilflos ist, 
ebenso ist sie es dem Arzte gegenüber, denn sie weiß nicht, wie sie ihm 
ihre Dankbarkeit beweisen soll. Das sind aber, mit Verlaub, zwei 
ganz verschiedene Arten von Hilflosigkeit, welche die Verdichtung 
der beiden heterogenen Personen nicht hinreichend begründen. Es 
fehlt uns also hier ein wesentliches und unzweideutiges 
Tertium comparationis. Alle Einzelheiten der Gulliver- 
situation, besonders die rotglühenden Instrumente, sind nicht 
analysiert. Ganz mit Stillschweigen wird die doch wahrhaft 
bedeutsame Tatsache, daß der Arzt höllisch gequält wird, über- 
gangen. 

Im Traume 3 schlägt der Arzt die Patientin mit einem Stein auf 
dm Kopf, diese Tortur scheint hier beantwortet zu sein, aber aus- 



Morton Prince M.D.: The Mechanism and Interpretation usw. 327 

gestaltet zu einer höllischen Kachephantasie. Unzweifelhaft sind 
diese Torturen von der Patientin erdacht und für ihren Arzt (und 
vielleicht auch für ihren Sohn) bestimmt; so spricht der Traum. Diese 
Tatsache bedarf der Analyse. Wenn ihr Sohn von seiner Umgebung 
wirklich mit „Nadelstichen" gequält wird, so müssen wir unbedingt 
wissen, warum die Patientin im Traume die Qual ins Hundertfache 
vermehrt, den Sohn respektive den Arzt in die Gulliversituation 
bringt und den Gulliver in die „verdammte Höhle" steckt 1 ). Warum 
setzt sich Patientin an Stelle des Arztes und erklärt sich unfähig, 
ihm Hilfe zu bringen, da doch in Wirklichkeit die Situation um- 
gekehrt ist? 

Hier führt der Weg in die wunscherfüllende Situation 
hinunter, den der Autor nicht gegangen ist, indem er sich 
alle diese Fragen teils nicht vorgelegt, teils viel zu ober- 
flächlich beantwortet hat, so daß auch diese Analyse mit dem 
Prädikat „ungenügend" vom Schauplatz abzutreten hat 2 ). 

Damit fällt die letzte Stütze für die Kritik der Traumtheorie. 
Man muß vom Kritiker verlangen, daß er ebenso gründlich untersucht, 
wie der, der die Traumtheorie aufgestellt hat, und daß er zum mindesten 
über die Hauptpunkte des Traumes hinreichend aufklären kann. Bei 
den Analysen des Autors fallen aber, wie wir gesehen haben, die wichtig- 
sten Stücke immer unter den Tisch. Man schüttelt Psychoanalyse 
nicht aus dem Ärmel; das erfährt jeder, der sich darum bemüht, denn 
hier heißt es: unumquemque movere lapidem. 

Erst nach Abschluß dieser Arbeit ist mir die Kritik, die Jones 
dem Artikel von Morton Prince hat angedeihen lassen, unter die 
Augen gekommen (Journal of Abnormal Psychology, 1911). Princes 
Antwort belehrt uns, daß er nicht daran festhält, die 
psychoanalytische Methode angewendet zu haben. Er 
dürfte daher billig darauf verzichten, die Ergebnisse der Psycho- 
analyse zu kritisieren, will mir scheinen. Seine analytischen 
Methoden ermangeln, wie die obigen Ausführungen zeigen, der- 

!) Warum muß der Arzt in den Träumen der Patienten fluchen? 

2 ) Der Traum ist typisch als Rachephantasie für verschmähte Liebe und 
enthält eben gerade in der Tortur (wie in der Hämmerszene) den grenzenlosen 
Dank der ergebenen Patientin. Daher die geheimnisvolle Höhlenszene, die so 
schändlich ist, daß man vom Anblick erblindet. Die Beweise sind in den Einzel- 
heiten der Höhlenszene zu holen. 



328 C. G. Jung. 

maßen der wissenschaftlichen Gründlichkeit, daß ihre Ergebnisse 
einer ernsthaften Kritik der Freudschen Traumtheorie keine Grund- 
lage bieten. Die übrigen Bemerkungen des Autors, welche in dem 
Zugeständnis gipfeln, daß er nie mit dem psychoanalytischen Forscher 
sich werde verständigen können, ermutigen mich nicht zu weiteren 
Anstrengungen, die Probleme der Traumpsychologie Prince des 
ferneren zu erklären oder mich mit seiner Replik auseinanderzusetzen. 
Ich beschränke mich darauf, ihm mein Bedauern dafür auszusprechen, 
daß er sich hat hinreißen lassen, seinen Gegnern wissenschaftliche 
Schulung und wissenschaftliches Denken abzusprechen. 



Über den psychologischen Inhalt eines Falles 
von Schizophrenie (Dementia praecox). 

Von S. Spielrein. 



Einleitung. 

Die Forschungen der letzten Jahre 1 ) haben zu einer Auffassung 
der Schizophrenie (Dementia praecox) geführt, die in verschiedener 
Hinsicht einer breiteren empirischen Grundlage bedarf. Ich habe mir 
vorgenommen einen Fall von paranoider Demenz zu untersuchen, 
und zwar zunächst ohne Rücksicht auf bestehende Lehrmeinungen, 
einzig geleitet von der Absicht, einen vertieften Einblick in die Seelen- 
vorgänge dieser Kranken zu gewinnen. Ich wählte diesen Fall, weil die 
Patientin, als intelligente, belesene Frau eine umfangreiche Produktivität 
bietet, die auf |den ersten Blick als wirres Durcheinander von ganz 
unsinnigen Sätzen erscheint. Ich halte es für das Beste das. Material 
möglichst vollständig mitzuteilen, und zwar annähernd wörtlich, wie 
Patientin es mir gesagt hat. so daß der Leser Gelegenheit hat, die Be- 
rechtigungen meiner Schlüsse nachzuprüfen. Ich möchte nur den 
Leser bitten, nicht auf Grund irgend eines Fragmentes Willkürlichkeit 
in meinen Schlüssen anzunehmen: es läßt sich nicht vermeiden, daß 
ich etwa, die ganze Analyse im Auge behaltend, mit einer Erklärung 
vorauseile; die Fortsetzung wird den Beweis für die Richtigkeit der 
„Deutung" liefern. 

Die Beweise, welche mir selbst eine Deutung sicher machten, 
waren in vielen Fällen direkte, spontane Angaben der Patientin. In 

*) Ich verweise hier ganz allgemein auf die Freud sehen Forschungen 
und die Arbeiten der Züricher Schule. Vgl. Literaturverzeichnis. Dieses Jahr- 
buch 1909 und 1910. 



330 S. Spielrein. 

anderen Fällen erwies sich Patientin als unfähig die Fragen direkt zu 
beantworten ; sie zog es vielmehr vor, sehr vage und in andere Gebiete 
führende Bemerkungen zu machen, die man dann wieder zu entziffern 
hätte, wobei man sich schließlich in Details zu verlieren riskierte. Das 
Drängen auf eine bestimmte Erklärung beraubt ims ferner des Vorteils, 
den ungezwungenen Assoziationsgang zu übersehen; auch riskiert 
man dadurch, daß man Patientin zwingt, peinliche Dinge auszusprechen, 
bei ihr Unlustgefühle gegen die Untersuchung zu provozieren. Diesen 
Überlegungen folgend, mußte ich zum guten Teile Schlüsse aus dem 
früher Gesagten und aus dem allgemeinen Zusammenhange ziehen. 
Am Anfange mußte ich sehr ausführlich sein, um mich von der Richtigkeit 
meiner Schlüsse zu überzeugen, später hingegen, wie z. B. im Kapitel 
„Kindheitseindrücke" usw., wo ich die Sprache der Patientin bereits 
beherrschte, schlug ich den kürzeren Weg ein, indem ich, ohne Patientin 
mit Fragen zu quälen, ihre Reden direkt in unsere Sprache zu über- 
setzen versuchte. Um die Suggestion zu vermeiden, habe ich die 
Krankengeschichte erst gegen Ende der Untersuchung, die Anamnese — 
erst nachdem ich alles fertig hatte, angesehen. Nun kontrollierte ich, 
inwiefern das von mir Gefundene mit der Krankengeschichte samt 
Anamnese übereinstimmt und imstande sei, sie zu erklären. Es ist 
nicht leicht dem Gedankengemisch zu folgen. "Wiederholungen schienen 
mir deshalb an vielen Orten notwendig. Dennoch wird derjenige, 
welcher meine Schlüsse auf ihre Richtigkeit prüfen will, wie ein Unter- 
suchungsrichter verfahren müssen, der sich so weit in die Angelegen- 
heit hineinarbeiten muß, daß er gleichsam jedes Wort nachfühlt. 

Anamnese (aus der Krankengeschichte). 

Der Mann referiert: Er kennt Patientin seit 14 Jahren. Von Kinder- 
krankheiten ist ihm nichts bekannt. Sie war immer gesund, auch in geistiger 
Hinsicht bemerkte er keine Abnormitäten. In der Schule war sie intelligent, 
hatte sehr viele Interessen, namentlich literarische. Sie zeigte immer 
religiöse Tendenzen. Vor 13 Jahren heiratete sie. In sexueller Beziehung 
war sie kalt. Sie wurde bald schwanger. Die Schwangerschaft verlief normal, 
die Geburt ging gut, das Wochenbett war ebenfalls normal. Einmal 
verschluckte ihr Kind beinahe eine kleine Kugel; darüber erschrak 
sie so heftig, daß sie einige Tage aufgeregt war. Vor 6 Jahren wurde sie 
zum zweiten Mal gravid. Sie hatte damals eine starke Aufregung: sie ver- 
nahm vom Arzte, daß die Mutter an Speiseröhrenkrebs litt. Infolgedessen 
bekam sie Anfälle, in denen sie glaubte, sie müsse sterben, das Herz stehe 
still. Die Anfälle dauerten 1 / % — 1 Stunde. Oft wurde sie sofort ruhig, wenn 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 331 

nur der Arzt kam. Sie hatte keinen Appetit, soll ohnedies magenleidend 
gewesen sein. Die Geburt war eine schwierige Zangengeburt. Bei der Ein- 
leitimg der Narkose lief ihr der Äther über das Gesicht und verbrannte 
ihr die Augen. Dieses Gefühl beschäftigte sie nachher noch lange. In den 
nach 2 Jahren erfolgten Tod der Mutter fügte sie sich ruhig. Im Frühling 
1903 hatte sie einen Abort (zirka 7. Monat). Es wurde eine Auskratzung 
gemacht. Nachher bekam sie Fieber und war sehr schwach. 3 Wochen 
verbrachte sie in einem Kraukenhause. Dort dritte Narkose. In der Narkose 
habe sie furchtbare Träume gehabt, von denen sie nachher immer wieder 
sprach. (Referent weiß kein Detail davon!) Als sie wieder heimkam, zeigte 
sie, wie bisher, ein starkes Liebesbedürfnis, das allerdings dem Referenten 
oft übertrieben und wie demonstrativ erschien. Sie hatte immer starken 
Arbeitsdrang, war aber oft sehr müde. Im Sommer vor ihrer Erkrankung 
hatte sie glückliche Ferien. Patientin war überschwänglich glücklich. 
Nachher aber fühlte sie sich müde, ganz abgeschlagen, glaubte sie sei wieder 
gravid, war es aber nicht. Seit Herbst 1905 hat sie mit Feuereifer für eine 
arme Familie gesorgt, hatte immer eine ganz überschwängliche Freude, 
wenn ihr etwas für die Armen geschickt wurde. Am 16. November be- 
suchte sie eine Diakonissin, war dort offenbar sehr aufgeregt, betete mit 
der Diakonissin. In der Nacht weckte sie den Mann und sagte, er habe 
zu wenig Religion. Am 17. November war sie ganz ruhig und normal. 
Patientin betreibt ein Stickereigeschäft. Sie hatte nun von einem abge- 
lieferten Kleid noch ein Stück Stoff zurückbehalten. Sie schrieb der be- 
treffenden Dame, daß sie den Stoff (von dem ihr zu viel geliefert worden 
war) behalten habe und machte sich Vorwürfe darüber. Abends machte 
sie dem Manne wieder Vorwürfe wegen der Religion, sie gebe nicht Ruhe, 
bis der Mann und seine Familie auch das Heil gefunden habe. Am Morgen 
18. November euphorisch. Mittags weinte sie, und plötzlich machte sie 
eine große Szene, weil der Mann nicht den rechten Glauben habe; sie 
behauptete ihre Schwester sei krank, müsse ins Bett, hielt sich für schmutzig, 
sie dürfe nicht ins Bett. Von da an redete sie beständig ein wildes Durch- 
einander, behauptete von allen, sie seien schmutzig, es müßten sich alle 
die Hände waschen, ihr müßten die Füße gewaschen werden. Dann betete 
sie wieder. So ging es bis zur Aufnahme in die Klinik. 

Soviel erfahren wir vom Manne. Von der Patientin selbst war 
es unmöglich eine einheitliche Anamnese aufzunehmen, weil sie, wie 
auch der Mann berichtet, ein „Avildes Durcheinander" redete. Be- 
trachten wir nun den weiteren Verlauf der Krankheit: Ich führe aus 
der Krankengeschichte jedesmal nur soviel an, als für das Verständnis 
des jeweiligen Kapitels notwendig ist. So muß ich hier erwähnen, 
daß Patientin Protestantin ist, ihr Mann Katholik. Sie spricht mehrere 
Male davon, daß ihr Mann, Professor von Beruf, von zwei seiner 
Schülerinnen verführt worden sei ; besonders eine Aväre schuld daran ; 
es sei ein schönes, reiches Mädchen gewesen. Dieses Mädchen figuriert 
bei ihr unter dem Namen „Frauenzimmer". 



332 S. Spielrein. 

Status praesens. 

Patientin sieht etwas blaß und abgespannt aus, sonst — keine 
auffallenden körperlichen Störungen. 

Orientierung — sowohl zeitliche als örtliche — gut. 

Merkfähigheit und Gedächtnis — nicht gestört. 

Affektivität — inadäquat. Patientin macht den Eindruck 
eines schlechten Schauspielers, der seine Gefühle nicht der Außenwelt 
herausgeben kann und, um den Mangel zu kompensieren, übertrieben 
pathetisch wird. Das Pathos der Patientin hat etwas Erzwungenes: 
ihr Gesichtsausdruck bleibt dabei steif, bald ernst, bald leer, bald in 
sich hineinlächelnd. Der Ton der Stimme zeigt wenig Modulation. 
Das Pathos erscheint hohl und im Grunde „affektlos". 

Die Sprache — ist hochgradig verwirrt, manchmal von un- 
sinnigen Wortspielereien durchflochten. Oft Sperrungen und Ge- 
dankenentzug. 

Halluzinationen — hauptsächlich des Gesichtes, des Gehörs 
(Stimmen), der Körpergefühle, wie z. B. des Elektrisiertwerdens. 

Wahnideen — ganz unsinnig, wie z. B.: sie werde „katholisiert", 
mit Urin verunreinigt, „durch Basel hindurch geschlagen", sie werde 
narkotisiert und erwache als Pferd, sie sei eine kleine Forel, wird 
„seziert", „phrenologiert", „mythologisch behandelt" usw. 

Manieren: Bald liegt sie „auf dem Leibe", bald fällt sie vor 
Gott auf die Knie und flüstert mit feierlicher Stimme was vor sich her, 
im allgemeinen wenig charakteristische Manieren. 

Psychomotorische Abnormitäten im Sinne der Katatonie 
so gut, wie keine vorhanden : kein durchgehender Negativismus, keine 
Katalepsie; Echolalie, Echopraxie — fehlen; keine Handlungsstereo- 
typien oder Perseverationen. 

Befindet sich meist auf der unruhigen Abteilung, gelegentlich 
sehr gewalttätig. 

Diagnose: Paranoide Form der Dementia praecox. 

I. „Katholisierung." 
Wir entnehmen der Krankengeschichte, daß Patientin ihren 
Mann im sexuellen Sinne nicht liebte, viele Streitigkeiten mit ihm 
hatte; sie meint, der Mann habe ihr eine seiner Schülerinnen vorgezogen. 
Der Mann ist Katholik, Patientin Protestantin. Patientin spricht 
viel davon, daß sie hier in der Anstalt „katholisiert" wurde. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 333 

Frage: „Was verstehen sie unter katkolisieren?" 
Antwort: „Mit der Kunstgeschichte in Berührung steht Michel- 
angelo, die sixtinische Kunst und Madonna. Die kam in Berührung mit 
der Laokunst; das hängt mit Laokoon zusammen. Die sixtinische Kunst 
ist die sexuelle Kunst. Die Ableitung der sixtinischen Kunst ist die Lao- 
kunst oder G-enerationskunst. Die sixtinische Kunst kann die sexuelle 
Kunst hervorrufen : über einem schönen Bilde kann man zur Poesie werden, 
vielleicht Pflicht vergessen. Die sixtinische Poesie ist die Katholikenpoesie; 
sie muß mit Madonna, mit Raffael, mit der ganzen Katholikenpoesie zu- 
sammenhängen . ' ' 

Soweit Patientin. Jedermann kennt die sixtinische Kapelle 
in Rom, welche dem katholischen Kultus dient und zugleich die Fresken 
des Michelangelo beherbergt. Zum katholischen Kultus gehört auch 
die Madonna, welche von der ganzen Welt als Schönheit angebetet 
wird. Eine Raffaelsche Madonna heißt bekanntlich die sixtinische. 
„Die sixtinische Kunst" (Kapelle) beziehungsweise katholische 
Religion (= Kunst = „Poesie") hängt mit der Schönheit (Madonna, 
Raffael. Michelangelo) zusammen." Von der sixtinischen Kunst 
wird die sexuelle abgeleitet: ,,Über einem schönen Bilde kann man 
zur Poesie werden, vielleicht Pflicht vergessen" äußert sich Patientin. 
Die Phrase „Pflicht vergessen" im Mund einer Ehefrau läßt das erotische 
Element in „Poesie" un verhüllt durchblicken, so daß wir „Poesie" 
— „verliebt" setzen dürfen. Tatsächlich behauptet auch Patientin, 
ihr Mann lasse sich durch Schönheit begeistern und vergesse dabei seine 
Pflicht der Frau und den Kindern gegenüber. Ohne weiteres Be- 
fragen fährt sie fort: 

„Die Psychologie der Eitelkeit hängt nicht mit der Psychologie 
der Mutter zusammen, nur soweit es die Ästhetik verlangt, daß man sich 
anmutiger kleidet. Ich habe keine Achtung vor der Psyche, bei der die 
Schönheit über die innere Reinheit geht." 

Darauf meint sie, ihr Mann habe die „Schönheit" („das Frauen- 
zimmer") der „inneren Reinheit" (der Patientin) vorgezogen. Da 
nun der Mann Katholik ist, wird seine respektive überhaupt die sexuelle 
Liebe katholische „Poesie", „Kunst", „Religion" usw. genannt. 
Bei der Symbolbildung mag auch die Klangähnlichkeit zwischen 
„sixtinisch" und „sexuell" mitwirken. Patientin bildet sogar ein 
dem „Katholik" (Mann) entsprechendes Verbum „katholisieren", 
welches soviel wie „behandeln wie einen Katholiken" (der sich für 
sexuelle Liebe = katholische Poesie begeistert) bedeutet. Aus der 
sexuellen Kunst leitet sich ohne weiteres die „Generationskunst" 



334 S. Spielrein. 

(Schaffung von neuen Generationen) ab, welche „Laokunst" genannt 
wird, da ihr Symbol Laokoon ist. („Die Ableitung der sixtinischen 
Kunst ist die Laokunst oder Generationskimst.") Die Wahl der katholi- 
schen Religion, dann auch überhaupt der „Religion" zum Symbole 
der Sexualität ist bei der Patientin hauptsächlich dadurch deter- 
miniert, daß die Religion, als das geistige Element den Gegensatz 
zur Sexualität, also zum physischen Elemente bildet. Diese paradox 
scheinende Behauptung hat folgenden Grund: in der Benennung der 
sexuellen Komponente durch das Negativ (das Geistige) liegt die 
stärkste Abwehr dieser Komponente, indem aber das Höchste, näm- 
lich die Religion, Sexualität bedeutet, erhält die Sexualität den Wert 
des Höchsten. Der Ausdruck einer Idee durch ihr Negativ oder durch 
die Umkehrung wiederholt sich bei der Symbolbildung der Patientin 
immer wieder. So in folgenden Beispielen: Auf meine Frage, ob sie 
Katholiken außerhalb der Anstalt kenne, führt sie eine Familie an, 
in welcher der Mann Protestant, die Frau Katholikin war; zwischen 
beiden gab es immer Streit usw., dann bemerkt sie, es könnte auch 
der Mann Katholik und die Frau Protestantin sein. 

Patientin ist entrüstet, daß ihr Mann die Kinder schlug; bald 
darauf führt sie einen „Armenfall" an, in welchem die Mutter viel- 
leicht die Kinder schlug. Die Leute hatten Pest. Sie weiß es, weil 
die Frau „nach unreiner Atmosphäre, nach Prostitution" roch. Sonst 
behauptet Patientin, sie sei von ihrem Manne mit Prostitution angesteckt 
worden, verunreinigt, krank gemacht u. dgl. mehr. Alles, was Patientin 
in ihrem Manne so empört, läßt sie in ihren Beispielen die Frau ver- 
richten. 

IL „Psychologisch-sixtinische Experimente." 

Als Patientin sagte, sie könnte ihrem Manne geistig und auch 
körperlich untreu werden, da sie keine Achtung vor einer ihm gleichenden 
„Psyche" habe, fragte ich sie, ob ihr schon eine bessere Psyche be- 
gegnet sei. 

„In der Anstalt war es Prof. Forel", meint Patientin. „Ich fand viele 
literarisch bekannte Psychen, die mir sexuelle Liebe vorschweben ließen. 
Die sexuelle Liebe habe ich in einer Forelnatur als navitische (?) Pflicht 
kennen gelernt. Es müßte irgendwo eine höhere Religion, höhere Psyche 
geben: gottsuchende Lüfte, die den Sonntag suchten ; das Frauenzimmer 
(die Schülerin des Mannes) hat mir aber die Religion, den Glauben ge- 
nommen; das ist eine animalische Diszentrie, Diszentric der Sexualität, 
das hängt mit Doktor Laokoon zusammen. Es gibt eine psychologische, 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 335 

animalische und vegetarische Marmite (französisch für Pfanne 1 ). Vegetarisch 
ist die Pfanne, die mit Verachtung des Fleisches zusammenhängt. Wenn 
das Gemüse unrein sexualisierend wird, so ist auch die vegetarische Pfanne 
ungenügend. Marmite ist die Pfanne; sie hängt mit den Gaben Gottes 
zusammen, der das Essen sendet." 

Wir sehen, daß Patientin zur Erklärung der sexuellen „Dis- 
zentrie" auf drei Pfannenarten zu sprechen kommt (wobei sie statt Pfanne 
das Wort „Marmite" braucht). Wir können vorläufig der psychologi- 
schen Pfanne eine besondere Stellung gegenüber der animalischen 
und vegetarischen einräumen. Patientin wird auch als psych ologisch- 
sixtinisches Experiment behandelt; dem würde gleichsam eine psycho- 
logische und eine sixtinische Pfanne entsprechen, welch letztere wieder- 
um in zwei zerfallen würde: eine „vegetarische", die mit „Verachtung 
des Fleisches zusammenhängt" (das wäre die Verneinung der Sexualität) 
und eine animalische (Bejahung der Sexualität). Den Zusammenhang 
der Pfannen mit der Sexualität beweist der nächste Satz: „Wenn das 
Gemüse unrein sexualisierend wird" usw. In unsere Sprache übersetzt 
heißt es: Wenn die Verneinung der Sexualität (Gemüse) durch die Be- 
jahung beschmutzt wird, d. h. zur Bejahung wird, was nutzt dann die 
vegetarische Pfanne respektive die Abwehr? 

Sie fährt nun fort: „Das Gemüse kann unrein werden, weil die Bauern 
die Erde mit menschlichen Exkrementen, mit Urin die Erde düngen." 

„Die Menschen können sich im Staube und im Wasser auflösen; 
das geht über in die Tiere, wenn es durch die Erde geht zum Beispiel. Es 
ist die Genetik der Mythologie oder der Mystik." 

Ich frage sie: „Wie kann sich ein Mensch im Wasser lösen?" 

Antwort: „Das hängt mit der weiblichen Anatomie zusammen. 
Dem Steine, der aus dem Sande gebildet wird, dem können wir Farben 
geben mit Professor Tino-Forel 2 ) zusammenhängend. Forel hat eine 
Plastik des Geistes; er ist der plastische Künstler der Psyche, der die Psyche 
dem Staube leihen würde zur Neuschaffung des Menschen. Die Staub- 
entwicklung, die dem Staube des Menschen entspringt, wird durch die 
Reinheit einer Farbe in plastische Schönheit gebracht." 

Die Verunreinigung sieht Patientin darin, daß die Erde neben 
den Samen menschliche Exkremente und besonders Urin aufnimmt. 
Ich muß hier vorwegnehmen, was wir später noch deutlich sehen werden : 
unter der Erde versteht Patientin eine Frau. Die Frau (Erde) 

x ) Auch Kochtopf. 

2 ) Tino-Moralt ist der Held eines Rornanes; er ist ein Künstler, der 
nach Schönheit strebt, die er nie erreicht. Aus Tino-Moralt und Forel resultiert 
die Verdichtung Tino-Forel. 



336 S. Spielreiu. 

wird dadurch verunreinigt, daß sie neben dem Samen (also im Sexual- 
akte) auch Urin aufnimmt. Konsequenterweise folgen nun die Menschen- 
entstehungsphantasien. Die Erklärung für die Lösung des Menschen 
im "Wasser ist in der Bemerkung der Patientin: „Das hängt mit der 
weiblichen Anatomie zusammen" zu suchen. In diesem Satze weist 
Patientin ausdrücklich darauf hin, daß das „Wie" dieser Lösung 
(meine Frage lautet: Wie kann sich ein Mensch im Wasser lösen?) 
in den weiblichen Sexualorganen zu suchen ist. Schön ist die Vor- 
stellung: aus dem Staube wird ein Stein gebildet, der dann belebt 
werden kann. Aus dem Menschen staube kami ein neuer Mensch 
entstehen, indem man (hier: Forel) ihm seine Psyche leiht. (Die 
plastische Schönheit wird durch die Reinheit der Farbe — des Blutes, 
wie wir aus dem Späteren begreifen werden — bedingt). Dabei müssen 
wir an die Genesis denken, wo Gott den Menschen aus dem Staube 
schuf und ihm durch seinen Odem Leben einhauchte. 

Patientin fährt fort: ,,Die Steinfiguren müssen auf eine mythologisch- 
fromme Weise gelöst werden, gleichsam eine Starrheit der Seele am Kreuze. 
Das hängt mit Laokoonpoesie und Malerei zusammen." 

Aus der vorhergehenden Darstellung dürfte es sich ergeben, 
daß die Schöpfung aus dem Steine einer Menschenschöpfung gleich- 
zustellen ist. „Die Steinfiguren werden gelöst" — ist eine Parallele 
zur Lösung des Menschen im Wasser, was nach obigen Sätzen als 
Neuschöpfung aufgefaßt wird. „Mythologisch hängt mit der Neu- 
schaffung des Menschen zusammen." (Ausdruck der Patientin.) 
„Fromm" (Gegensatz von ,, Sünde") — ist, wie wir bereits gesehen 
haben 1 ), die Flucht vor der Sexualität in die Beligion („Kompensation"), 
also Bejahung durch die Abwehr. 

Der Ausdruck: „Starrheit der Seele am Kreuze" ist eine Identifi- 
kation mit Christus, der starr am Kreuze stirbt. Christus wird aber 
auferstehen! So werden die Menschen (Steinfiguren) auch auferstehen. 
Die beiden Sätze können nun so gelesen werden: Die Steine werden 
belebt (es wird ein neuer Mensch geschaffen), die qualvolle Totenstarre 
(Christus-Laokoon 2 )-Seele) wird dadurch '„gelöst" 3 ) und das geschieht 

1 ) Vgl. Abschnitt I, „Katholisierung". 

2 ) Jung weist mich auf die Ähnlichkeit mit Laokoon (qualvoller Tod) 
hin: Christus — mit den beiden Schachern, Laokoon — mit den beiden Söhnen, 
ferner 3Iithras Tauroktonos — mit den beiden Dadophoren (vgl. Cumont: Myst. 
d. Mithra). 

3 ) Das Wort ha" noch einen später zu besprechenden speziellen Sinn. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 337 

durch die Zeugung, die sich von der Sexualität ableitet (vgl. „Die 
sixtinische Kunst ist die sexuelle Kunst. Die Ableitung der sexuellen 
Kunst ist die Laokunst oder Generationskunst"). 

„Mythologisch — das heißt durch den Zauber der Feuersmacht: das 
Feuer reinigt alle?, es reinigt die Kohlen und die Schlacken." 

Dieser Satz schließt sich dem oben Gesagten eng an: „Zauber 
der Feuersmacht" — ist ein poetischer Ausdruck zugleich für himm- 
lische und irdische Liebe. J u ng macht mich auf die Analogien in den 
persischen Mythen aufmerksam. Die Sonne (Feuer) reinigt den Samen 
des ersten Menschen, auch kommt der Same des Urstiers in den Mond 
(weibliches Licht) zur Reinigung 1 ). 

„Die Asche kann zum Menschen werden." Dieser unmittelbar 
folgende Satz beweist, daß auch bei der Patientin das Feuer eine be- 
fruchtende Kraft ist. 

„Die Schlacken und Flecken, die in der Seele bleiben, müssen durch 
das Feuer der Erziehung gelöst werden," sagt Patientin weiter. 

Darauf behauptet sie, sie sei einmal mit „Enthusiasmus" be- 
handelt worden 2 ), habe sich aber nicht rein genug gefühlt, da sie ge- 
fallen sei, dem Bruder, der Schwester oder Freundin zuliebe. Sie 
fährt dann fort von „Komplexen" zu sprechen. Über „Komplexe" 
hörte sie „von Prof. Forel oder von seinem Bruder vielleicht (man 
beachte die Unsicherheit!). Sein Bruder sei Dr. J. Dr. J. sei der 
Schüler von Prof. Forel: 

„Er machte den Anfang mit der spiritistischen Lösimg der 
Religionsfrage oder der sixtinischen Frage". 

Wir gelangen hier in eine tiefere Schicht, indem statt Forel 
zuerst ganz unsicher eine neue Person erscheint — Dr. J. 

Dr. J. behandelte sie als „psychologisches Experiment" 3 ). 
„Sixtinisches" — wird zuerst weggelassen; der zweite Satz korrigiert 
den Fehler, wobei er dem „sixtinischen" die Bekleidung „spiritisti- 
sche (also „geistige") Lösung" gibt; wiederum kommt zuerst die ober- 
flächlichere (negative) Schicht „Religionsfrage", dann die tiefere — 
„sixtinische Frage durch ein „oder" verbunden. Die Form „Frage", 



1 ) Jung weist mich hin auf die reinigende Bedeutung des himmlischen 
Urins bei den Persern. Die Inder reinigen sich mit Kuhurin. Das himmlische 
Fruchtbarkeitsmeer Vourukasha wird durch den Urin des in ihm wohnenden 
dreibeinigen Esels gereinigt. 

2 ) Von Dr. J., wie sich unten zeigte. 

3 ) Es wurde einmal ein Assoziationsexperiment mit ihr vorgenommen. 
Jahrbuch für psyehoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 22 



338 S. Spielrein. 

die Patientin sehr gern braucht, ist wohl der „Sexuellen Frage" von 
Prof. Forel entlehnt, die Patientin wenigtens dem Namen nach kennt. 

Weiter vernehmen wir: „Dr. J. wird wohl mit der Suggestion und 
Hypnose 1 ) gearbeitet haben, um den Wahnsinn zu ergründen; der Alkohol 1 ) 
hängt damit zusammen: das Spirituelle des Weines, das sich in die Psyche 
überträgt. Der Alkohol wird in der Medizin zur Reinigung verwendet." 

Die psychische Behandlung hängt also mit Alkohol zusammen, 
d. h. mit dem „Spirituellen des Weines, das sich in die Psyche über- 
trägt". Die beiden, die asexuelle Bedeutung des Weines betonenden 
Ausdrücke lassen uns hinter dem Weine etwas recht Animalisches 
vermuten, das in etwas Animalisches „übertragen" wird. Der Alkohol 
wie auch das Feuer reinigt alles, wird also seiner Rolle nach mit dem 
letzteren identifiziert 2 ). Nach der Reinigung mit Feuer sahen wir aus 
der Asche neue Menschen entstehen. Geschieht das gleiche nach der 
Reinigung mit Alkohol? „Es ist eine Beschreibung der italienischen 
Seen," erklärt uns Patientin; „durch eine Spaltung der Erde kommen 
sie zutage; dadurch kommen die mythologischen Sagen der italieni- 
schen. . . oder wie soll ich's sagen?" 

Das Wort „italienisch" wird von der Patientin als Ausdruck 
für Schönheit, Poesie, Kunst und ähnliches (wie wir gesehen haben — 
Liebe) gebraucht; ein italienischer See wäre demnach ein schöner oder 
ein von Liebe erfüllter See. Unter der Erde wird die Frau verstanden, 
wie Patientin später unzweifelhaft belegen wird. Durch eine Spal- 
tung im Körper der Frau (in der Erde) kommt also das W T asser 
(See) zutage. Dieser Vorgang soll zur Entstehung der „mythologischen" 
Sagen, d. h. der Sagen, die mit der Entstehung des Menschen „zu- 
sammenhängen", führen 3 ). Das aus dem Körper der Frau kommende 
Wasser könnte schon mit der Entstehung des Menschen zusammen- 
hängen; denken wir an das Fruchtwasser! Die psychische Be- 
handlung von Dr. J. wäre demnach eine „Beschreibung" der 

x ) Was der Patientin von Prof. Forel her bekannt ist; ebenso dürfte 
der „Alkohol" mit Foreis Abstinenzbestrebungen zusammenhängen. 

2 ) Der indische Soma ist der einerseits Fruchtbarkeit, anderseits Un- 
sterblichkeit verleihende Feuertrank. Soma ist der Samenerguß. (Brihadäranyaka- 
Upanishad 1, 4, Deußen). Zugleich ist er auch ein Gott. Dasselbe Haönia bei 
den Persern. Vgl. Rigvcda VI, -47, 57, 59. (Mir nachgewiesen von Jung.) 

3 ) Jung weist mich darauf hin, daß das Wasser auch mythologisch als 
„Mutter" reichlich zu belegen ist; ein Beispiel für viele: Maria wird als ,,Pege"„ 
als Quelle verehrt. (Vgl. Wirth: 'JSpjyijötg tteoi tüv fo> TTegoidt 7roa^i?£)TQj'. 
Aus Orientalischen Chroniken.) 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 339 

Menschenentstehungsvorgänge. Lassen wir vorläufig diese Deutung 
nicht als Sicherheit, sondern als Möglichkeit gelten. Für die Annahme 
würde auch die bei der Patientin hier einsetzende Sperrung sprechen, 
nach der sie wieder von Dr. J. redet: 

,,Dr. J. wurde verfolgt von der Liebe, die das Wesen seiner Fröh- 
lichkeit und die mystische Behandlung der sexuellen Frage (Alkoholfrage) 
ihm brachten, d. h. von der Sympathie, die in Antipathie umschlagen kann. 
Ich bin durch Basel hindurchgeschlagen worden. Das hängt mit der Schnitzel- 
bank zusammen, deren Symbol ist der Karneval, der die Roheit austreiben 
möchte, die Roheit des Weines vielleicht. Im Weine ist viel Roheit." 

Dazwischen spricht Patientin von der Notwendigkeit des Kinder- 
schutzes. „Am Karneval ist das Femgericht. Schnitzelbank ist die ana- 
tomische Prüfung, Sektion oder Phrenologie. Die Schnitzelbank kann 
gleichsam eine Seelensektion sein." 

Der scheinbare Sprung von Dr. J. nach Basel ist gerechtfertigt: 
Patientin weiß ganz gut, daß Dr. J. aus Basel stammt. Dort wird 
sie gerichtet, und zwar, wie die Ausdrücke verraten, durch Dr. J., 
denn die Schnitzelbank 1 ) ist für sie „Seelensektion" 2 ) = „anatomische 
Prüfung". Es ist der gleiche Mechanismus, wie im Satze „spiritisti- 
sche Lösung der sixtinischen Frage", d. h.es ist wiederum ein Ausdrücken 
des Sexuellen mittels des Negativs 3 ) (Seelensektion); das entsprechende 
Animalische ist „anatomische Prüfung". Wie wir hörten: „Das 
Sixtinische (Sexuelle) hängt mit der weiblichen Anatomie zusammen." 
Phrenologie — soll später erklärt werden. 

Der Ausdruck „durch Basel hindurchschlagen" bezieht sich 
einerseits auf die Institution der Schnitzelbank, anderseits auf das 
Assoziationsexperiment, das aber, wie wir sahen, im Grunde genommen 
dasselbe ist, denn durch die Spottverse der Schnitzelbank werden den 
Betroffenen alle ihre Sünden vorgehalten; dasselbe geschieht, wie 
bekannt, beim Assoziationsexperiment, was die Patientin besser ge- 
merkt zu haben scheint, als gewisse Kritiker der Jungschen Arbeiten. 
„Schnitzelbank" ist also ein trefflich geratener, spöttischer Ausdruck 
für „Assoziationsexperiment". Durch die Schnitzelbank wird man 

*) Die Schnitzelbank ist ein Karnevalsgebrauch, bei dem der Volkswitz 
seine Spottlust und Kritik über bekannte Personen oder öffentliche Zustände 
in Verse bringt, die öffentlich vorgetragen werden. 

2 ) Wie erwähnt, machte Dr. J. mit Patientin ein Assoziationsexperiment. 
Die Übertragung kann schon durch das Assoziationsexperiment zustande kommen. 
Siehe „Sexualität der Epileptiker" von Maeder (Jahrbuch für psychoana- 
lytische und psychopathologische Forschungen, 1909). 

3 ) Vgl. Darstellung durch das Gegenteil bei Freud: Die Traumdeutung. 



340 S. Spielrein. 

durch ganz Basel „durchgehechelt", man muß Spießrutenlaufen 
(„durchschlagen"). So wird man beim Assoziationsexperiment durch 
eine Reihe von Reizworten hindurchgejagt, wobei einem das eine 
oder andere einen tüchtigen Hieb versetzt, d. h. einen Komplex berührt. 
Was bildet sich Patientin aus dieser peinlichen Situation? Beim 
„Schlagen" denkt Patientin sofort an die Notwendigkeit des Kinder- 
schutzes. Wir wissen, daß ihr Mann die Kinder schlug, wir wissen 
aber auch, daß in den (im Kapitel I, Katholisierung) von ihr erwähnten 
Beispielen die Frau die Kinder schlug. Hier wird sie von Dr. J. ge- 
schlagen. Unmittelbar darauf folgt eine Vermehrungsphantasie: 

„Die anatomische Prüfung, Seelensektion oder Phrenologie hängt 
mit Jörn Uhl und Frau Sorge zusammen. Das heißt — das Gewinnen der 
Erde ; die Gewinste, die man durch die Arbeit hervorbrachte, die gesegneten 
Gelder haben sich so vermehrt, daß sie weiter verwendet werden und zur 
weiteren Vermehrung dienen." 

Der Ausdruck: Die Gelder haben sich „vermehrt" und namentlich 
„die gesegneten Gelder" mutet sonderbar an. Sie würden eher in die 
Sexualsphäre passen, in welcher „gesegnete Umstände" und „Kinder- 
segen" am Platze sind. Als Vermehrungsquelle für die Gelder wird die 
Erde genannt, welche auch früher Ausgangspunkt für die Vermehrungs- 
phantasien war und welche, wie gesagt, später direkt „Frau" genannt 
wird 1 ). Patientin sagt nun weiter, Basel hänge mit der indischen 
Mission, mit der Bekehrung der Heiden zum Christentum zusammen. 
Basel ist bekanntlich der Sitz der in verschiedenen Erdteilen berühmten 
Basler Mission. Bezeichnend ist, daß Patientin nach der Vermehrungs- 
phantasie an dieses Institut denkt; es scheint uns natürlich, wenn wir 
uns an die im ersten Kapitel erwähnte Bedeutung der „Religion" 
als Sexualität erinnern. „Bekehrung zum Christentum" — wäre dem- 
nach Bekehrung zum „Sexualleben". 

Patientin hat eben noch von Dr. J. gesprochen. Sie weiß genau, 
daß er ein Basler ist. Ich frage sie, ob sie jemanden von Basel kenne. 
Natürlich wäre die prompte Antwort darauf: „Dr. J.", allein es lautet 
anders : 

„Herr Lauers wäre aus Basel; ich wüßte nicht, ob Dr. J. da einen 
Zusammenhang hat; da käme Arnold Böckli n 2 ) ; es hängt alles mit Alkohol 
zusammen, aber nicht mit der physischen Psyche . . . oder doch? Er ist 
Alkoholiker, weil er sich als Psychiater und Abstinent dem Studium des 
Alkohols widmpn mußte. Das muß mit dem Verständnis der italienischen 

x ) Warum gerade die Erde als Symbol gewählt wird, ergibt sich später. 
2 ) den sie als „Alkoholiker" qualifiziert. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 341 

Kunst, nicht nur mit der Malerei, sondern auch mit Musik zusammenhängen. 
Er hat wahrscheinlich die Freundschaft falsch verstanden, indem er die 
sexuelle Frage so auffaßte, daß er zur Prüfung der Experimente auch die 
Funktion ausführen mußte, die mit der sexuellen Frage, der sixtinischen 
Kunst zusammenhängt. Nüchtern würde er ja nicht das Unglück der Kinder 
und Frauen wollen." 

Sie hatte einen Traum, daß Dr. J. an ihr die sexuelle Funktion 
„zum experimentellen Sein in der niederen Atmosphäre ausführte". 

„Lauers" (eine in Basel lebende Person) hat eine große Klang- 
ähnlichkeit im Anlaute mit Lao = Laokoon. Wie Lao = Laokoon, 
so hätten wir auch Lauers — Lao. Wie wir früher gesehen haben, 
ist Laokoon ein Symbol der „Genese". Am Anfange dieses Kapitels 
wird Laokoon „Doktor" genannt. Hier nennt Patientin aber statt 
des zu erwartenden Doktors J. den Lauers (Laokoon). Daß die Vor- 
stellung „Doktor" bei ihr dabei auftaucht und nur nicht akzeptiert 
werden will, zeigt der unmittelbar folgende Satz: „Ich wüßte nicht 
ob Dr. J. da einen Zusammenhang hat." Nach dieser symbolischen 
Ersetzung der Hauptperson bedient sich die Vorstellung wiederum 
einer Symbolbekleidung. Es wird ein Maler genannt, von welchem 
ein Zusammenhang mit Alkohol behauptet wird. Wie kommt Patientin 
auf einen Alkoholiker? Bereits am Anfange dieses Kapitels haben 
wir den Alkohol als einen Fruchtbarkeit spendenden Trank kennen 
gelernt. Sollte ihr Dr. J. als Fruchtbarkeit spendender Künstler diesen 
Trank spenden? Das kann Patientin nicht zulassen. Es folgt ein 
Kompromiß: „es hängt mit dem Alkohol zusammen, aber nicht mit 
der physischen Psyche", wobei „physisch" die positive, „Psyche" 
die negative Bejahung des Fruchtbarkeitssymbols ist. Patientin 
merkt, daß die beiden nebeneinander stehenden Begriffe sich eigentlich 
ausschließen. In einer recht gelungenen Überlegung setzt sie sich 
über die Schwierigkeit hinweg: „Dr. J. ist Alkoholiker, weil er sich als 
Psychiater und Abstinent dem Studium des Alkohols widmen mußte." 
Natürlich: hat er die negative Komponente in sich, d. h. ist er Abstinent, 
so muß auch die positive Komponente da sein, aus welcher die negative 
entstanden ist; es muß eine positive alkoholsuchende Komponente im 
Abstinenten vorhanden sein, gegen die er kämpft. Es ist genau so, 
wie wir kein Licht hätten, wenn kein Schatten da wäre; indem der 
Schatten das Licht verneint, schafft er es geradezu 1 ). So gewinnt die 

x ) Ich verweise auf die parallelen Erfahrungen der psychoanalytischen 
Forschung und im speziellen auf den Bleulerschen Ambivalenzbegriff 
(Psych.-neur. Wochenschr. 1910, Nr. IS— 21). 



342 S. Spielrein. 

positive sexuelle Komponente immer mehr die Oberhand, und wir 
erfahren schließlich, daß Dr. J. die mit der Sexualität in Zusammen- 
hange stehende Funktion nicht nur studierte, sondern auch direkt 
an der Patientin ausführte. Sie träumte auch davon. Als ich ihr be- 
merkte, es wäre ja bloß ein Traum und keine Wirklichkeit, wurde sie 
sehr böse. 

„Träume bedeuten Symbolik, die ausgelegt werden muß 1 ). Wenn wir 
aber die Symbolik nicht erfassen oder nicht erfassen wollen? Wenn wir 
uns den Träumen ergeben müssen? Wenn ich von Träumen reden würde, 
müßte ich das alles noch einmal erleben. Träume sind Erlebnisse". 

An einer andern Stelle ärgert sie sich über schlechte „Ver- 
mutungen", welche man von ihr macht; dabei meint sie, „die 
Vermutung könnte zur Wirklichkeit werden, um ihre Existenzrechte 
darzutun". Wir finden auch Ausdrücke wie: „Wahrscheinlich hat 
die Vermutung recht haben wollen." Diese Anschauungen oder 
richtiger Gefühle, sind sicher nicht etwa suggeriert, denn sie werden 
spontan mit heftigem Affekte geäußert und entsprechen auch der 
Psychologie einer Dementia praecox, welche gern eine fremde, ge- 
heime Macht neben sich anerkennt. Die „Vermutungen", welche 
andere Personen öfter äußern, wie es der Patientin erscheint, sind, 
wie wir hier sehen und noch später sehen werden, immer gefühls- 
betonte Vorstellungsgruppen, also „Komplexe" 2 ). Patientin emp- 
findet so stark die Macht ihrer Komplexe über sich, daß 
sie dieselben gleichsam als selbständige lebende Wesen 
betrachtet respektive als Wesen, die durch den ihnen innewohnenden 
Willen lebendig werden können. (Ich mache hier aufmerksam, daß 
die Auffassung der Patientin von der Selbständigkeit der Komplexe 
einen wesentlichen Beleg für die so sehr angefochtene Autonomie- 
lehre 3 ) darstellen.) „Die Vermutung kann zur Wirklichkeit werden." 
Diese Anschauung bildet die Grundlage der Furcht vor dem „bösen 
Blick" im Volke, und was im Volksaberglauben tief wurzelt, hat immer 
eine Berechtigung. Die „Vermutung" im Sinne unserer Patientin 
ist natürlich mehr oder weniger eine „Zumutung" von gewissen Ab- 



*) Möglicherweise indirekt gehört bsi der Demonstration. Übrigens gibt 
es Fälle genug, welehe a priori von der Deutbarkeit und Symbolik der Träume 
überzeugt sind. 

2 ) Vgl. den Gedankengang in Jungs Beitrag zur Psychologie des Ge- 
rüchtes (Zcntralblatt für Psychoanalyse, I, S. 81). 

3 ) Vgl. Jung: Über die Psychologie der Dementia praecox. Halle, 1907. 



1 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 343 

sichten, d. h. gewissen Komplexen, welche als affektbetonte Vor- 
stellungsgruppen natürlich einen großen Einfluß auf das Handeln 
beanspruchen. Es ist daher unter Umständen sehr leicht möglich, 
daß Vermutungen Recht behalten und ungesäumt zur Wirklichkeit 
werden, denn solche Vermutungen sind, wie gesagt, nicht irgend be- 
liebige Möglichkeiten, sondern machen Komplexe „objektiv" bewußt, 
also psychische Größen, die sowieso danach streben, die Wirklichkeit 
nach ihrem Bilde zu formen. Ein Komplex stellt immer eine Möglich- 
keit dar, die durch besondere Aktivierung Existenzrechte erhält, d. h. 
zur Wirklichkeit wird, so könnte die „Vermutung" bei der Patientin 
unter günstigen Umständen zur Wirklichkeit werden: der erotische 
Komplex in ihr ringt auch nach Ausdrucksmitteln; diese Ausdrucks- 
mittel rufen in einer anderen Persönlichkeit entsprechende Reaktionen 
hervor, nur daß diese Vorstellung bei der anderen Persönlichkeit durch 
zahlreiche andere Vorstellungsinhalte ganz in den Hintergrund gedrängt 
wird, während die einzig und allein in diesem Komplexe lebende 
Patientin bloß das ihrem Wunsche Entsprechende sieht und deshalb 
die Aktivierungsmöglichkeit überschätzt. 

Der Alkoholismus von Dr. J. hängt, wie Patientin sagt, nicht nur 
mit dem Verständnis der italienischen Kunst zusammen, und zwar 
nicht nur mit der Malerei, wie es der Katholikenpoesie entsprechen 
würde 1 ), sondern auch mit Musik. Patientin ist musikalisch; wie sie 
sagt, hängt die Protestantenpoesie (sie ist Protestantin) mit Musik 
zusammen. Die Liebe zur Musik würde also Liebe zur Patientin 
heißen. 

Wir müssen in unserem Material etwas zurückgreifen, um die 
„Alkoholfrage" verstehen zu können. 

„Der Mensch kann im Wasser gelöst sein" (das haben wir schon 
erfahren); nun vernehmen wir „er kann auch im Weine (Geist oder Seele) 
gelöst werden, im Alkohol oder durch die Chemie. Das kann eine Art 
Novozoon geben, das übertragen werden kann in andere Körper. Wenn 
die guten Menschen durch Anatomie und Mythologie behandelt werden, 
dann können gute Eigenschaften eines Toten in gesunde Menschen über- 
gehen." Eine weitere Stelle: „Novozoon — aus einer Art von Wasserstoff — 
ist ein Präparat vom Totenstoff, kann aus jedem Tiere gewonnen werden; 
es muß aus einem Gesunden gewonnen werden. Zur Erzeugung des neuen 
Geschlechtes muß der ganze Körper präpariert werden; aus dem Kopf- 
teile und aus der spermatischen Entwicklung im Tiere entsteht die neue 
Generation." 



1 ) Vgl.: „Über einem schönen Bilde kann man zur Poesie werden.' 



344 S. Spielrein. 

Leider versäumte ich Patientin zu fragen wie sie auf das Wort 
Novozoon kommt. Jedenfalls ist unter „Wasserstoff" Wasser gemeint, 
das Patientin beständig als Ursprung alles Lebenden preist 1 ). Die Ab- 
stammung des Novozoon läßt den Wasserstoff unschwer als Sperma 
erkennen. Die neue Generation entsteht aus dem Kopfe und der sperma- 
tischen Entwicklung im Tiere. Der Kopf ist ja Sitz der Seele, Symbol 
des Geistigen. Das Geistige ist der Gegensatz zum Animalischen, es 
ist die Komponente, welche die Sexualität verneint. Die „spermatische 
Entwicklung" ist natürlich eine direkte Bejahung. Zur Erzeugung der 
neuen Generation ist also eine Verneinung neben der Bejahung not- 
wendig. Auf diese Darstellung möchte ich ganz speziell aufmerksam 
machen, sowie auch auf die Auffassung des Novozoons, welches die 
Kolle des lebenspendenden Sperma spielt, als eines „Totenstoffes". 

Patientin teilt uns weiter mit: 

„Die Farbe des Weines kann rot, weiß, golden sein. Die Bibel ist der 
Wein des Herrn. Wein ist das Blut Jesu." (Vgl. „Der Mensch kann im 
Weine gelöst werden.") 

Frage: „Wo ist der Mensch im Blute vorhanden?" 

Antwort: „Im Mutterleibe." 

Sie fährt fort: „Es (das Kind) sollte in der Ehe vorhanden sein, aber 
wenn die Heiligkeit der Ehe fehlt, so mußte es wie bei der Maria vom 
Heiligen Grabe kommen. Die Heiligen werden in Steine oder in Wachs 
verwandelt. Aber der Mensch muß vom Kreuze erlöst werden. Jesus hat 
zur Erlösung Jünger geschaffen. Jünger und Jüngerinnen." 

Bei der Patientin fehlte die Heiligkeit in der Ehe. Deshalb muß 
sie durch den Heiligen Geist ein Kind bekommen. Dementsprechend 
behauptet Patientin manchmal auch, sie sei ein Stein, den Christus 
erlöst, oder dem Professor Forel „plastischer Künstler der Psyche", 
Lebensfarben gibt, auch liegt Patientin oft regungslos da und meint 
sie sei gekreuzigt. 

„Jesus Christus erlöst mich durch die reine Luft seiner Erde oder 
umgekehrt. Die Luft wird zum Wasser, die Erde wird zur Frau. Es ist 
protestantischer und katholischer Wahnsinn, die rein gelöst werden müssen." 

Patientin ist wahnsinnig geworden; sie ist Protestantin, der Mann — 
Katholik. Deshalb der Wahnsinn (im Sinne von Konflikt gebraucht) ein 
protestantischer und katholischer. Vom Wahnsinn wird Patientin (die 
Frau) durch Jesu Luft erlöst. Die Luft — ist der Geist (das Geistige, 
Psychische), die Erde (Frau) — Körper (das Physische). Die Luft wird 
zum Wasser, d. h. — das Geistige wird zum körperlichen. „Die Erde 

*) Vgl.: „Der Mensen kann im Wasser gelöst werden.' 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 345 

wird zur Frau 1 )". Die Frau (Patientin) wird durch das (heilige) Wasser 
Jesu erlöst. In diesem selben Gebiet religiöser Symbolik bewegen sich 
folgende Äußerungen: 

„Forel sah ich im J (unruhige Abteilung) in der Totenkammer. Er hat 
ein eigenes Geschlecht, das Klarheit und Wahrheit des Wassers ist. Das 
Wasser muß gesegnet werden und wird auch gesegnet von ihm. Das Wasser 
wird zum Brote und das Brot wird gesegnet von ihm. In der Alkoholfrage 
von Professor Forel las ich, daß die Söhne den Vater lebendig begraben 
werden; der lebendig Begrabene wird zum Weinberge. Jener Wein wird 
zum Blute. Das ist die Erklärung des heiligen Abendmahles. Professor 
Forel hat eine Mißhandlung begangen, die er büßen muß: er hat ein vom 
Fluche bearbeitetes Land." 

Warum hier die Söhne den Vater begraben — weiß ich nicht; 
vielleicht ist es so zu verstehen, daß der Vater sterben muß, damit die 
Söhne zur Welt kommen, da ja die Söhne aus dem Vater entstehen; 
wir hörten auch: „Zur Entstehung der neuen Generation muß der ganze 
Körper präpariert werden 2 )." Bleuler weist mich auch auf ent- 
sprechende griechische Mythen (Kronos und Zeus) hin. Patientin 
ist tot. Deshalb ist ihre Kammer (Zelle) die Totenkammer. Tritt der 
lebendige Professor Forel da hinein, so ist er lebendig begraben. Der 
lebendig Begrabene kommt zur Welt in einer neuen Form, in Form 
des weinspendenden Weinstockes respektive — da Wein = Sperma — 
in Form des Sperma spendenden Sexualorganismus. 

Frage: „Wie wird das Wasser zum Brote?" 

Antwort: „Das Wasser wird von Kindlichkeit durchsetzt, weil Gott 
sagt, werdet wie Kinder. Es gibt auch ein spermatisches Wasser, das mit 
Blut durchtränkt werden kann. Das ist vielleicht das Wasser Jesu. Das 
Wasser des Mannes muß eine reine Erde haben, ebenso wie das Wasser der 
Frau." 

Die Frage stellte ich nur, damit 'Patientin das ausspreche, was 
für mich bereits genügend klar war: jeder weiß ja, wie man im Wein 
(bei Patientin — „das spermatische mit Blut durchtränkte Wasser 
Jesu") und im Brot das Blut und den Körper Jesu genießt. Brot wird 
also zum Körper. Selbstverständlich ist der aus dem (spermatischen) 
Wasser entstehende Körper (Brot) das Kind. Patientin sagt es auch: 
„das Wasser wird von Kindlichkeit durchtränkt" und bestätigt es: 



*) Die Darstellung Erde = Frau ist z. B. in den nordischen Sagen 
zahlreich vertreten. 

2 ) Eine Patientin (Dementia praecox) erzählte mir, ihre Kinder hätten 
den Vater gefressen. 



346 S. Spielrein. 

„werdet wie Kinder", d. h. werdet zu Kindern oder vielmehr „Ich 
werde zu meinem Kinde". Das Wasser (von Professor Forel) muß 
eine reine Erde haben, Patientin ist aber nicht rein, sie ist ein „vom 
Fluche bearbeitetes Land" 1 ). 

Ein volles Verständnis dieses religionspsychologischen Materials 
wäre nur auf Grund entsprechender historischer Forschungen möglich. 
Solche fehlen aber bis jetzt größtenteils 2 ). 



III. „Histologie und deren Behandlung." 

Patientin versteht unter „Histologie" eine Krankheit, und zwar 
eine Gewebekrankheit. Histologie ist Gewebelehre oder Wissenschaft 
vom Gewebe. Die Gelehrten, mit welchen sich Patientin beschäftigt, 
sind alle Ärzte. Die Patientin selbst und speziell ihre Krankheit ist 
Gegenstand ihrer Forschung (ihrer Wissenschaft), deshalb Wissen- 
schaft selbst Krankheit genannt wird. 

Patientin unterscheidet noch eine „psychische Histologie", worunter 
sie „die Verminderung der Liebe, eine Art von Menschenscheu mit der 
Melancholie zusammenhängend" versteht. „Histologie beruht auf Verbindung 
der Melancholie mit sexuellen oder Frauenkrankheiten", meint Patientin, 
„es ist vielleicht eine Umschreibung der Menstruationsvorgänge in Ver- 
bindung mit der Reinigung, also mit der periodischen Frauenfrage; das ist 
die physische Histologie." 

Wir sehen also, daß unter „ Geweben" die Gewebe der weiblichen 
Sexualorgane gemeint sind; ferner wird der Begriff „Histologie" ver- 
schoben, indem darunter nicht mehr nur Gewebekrankheit verstanden 
wird, sondern auch die damit verknüpfte Melancholie. Der Satz: „Es 
ist eine Umschreibung der Menstruationsvorgänge" erinnert in der 
Form an den im vorigen Kapitel erwähnten: „Es ist eine Beschreibimg 
der italienischen Seen". Dort wurde die Geburt geschildert, und zwar 
folgendermaßen: das aus den Geschlechtsteilen der Frau kommende 
Fruchtwasser wurde in Form der Seen dargestellt, die durch eine Spalte 
der Erde (= Frau) zutage treten. Statt zu sagen: „Es ist die Geburt" 
braucht Patientin: „Es ist eine Beschreibung." Ebenso auch hier: statt 

x ) Jung maeht auf die Gleichstellung von Prof. Forel mit Adam auf- 
merksam, welch letzterer ebenfalls verflucht war das Land im Schweiße seines 
Angesiehtes zu bearbeiten. 

2 ) Eine äußerst wertvolle Sammlung von entsprechenden Materialien in 
analytischer Beleuchtung enthält die Arbeit Pfisters über die Frömmigkeit 
des Grafen von Zinzendorf (Schriften zur angewandten Seelenkunde. Heraus- 
gegeben von Freud). 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 347 

zu sagen: Die Gewebekrankheit (Histologie) ist eine Anomalie in den 
Menstruations Vorgängen beziehungsweise besteht in einer Anomalie 
der Menstruationsvorgänge braucht Patientin die weniger genaue 
Ausdrucksform: „Es ist eine Umschreibimg." „Periodische Frauenfrage" 
wird statt Periode bei Frauen gebraucht. „Periode" = Reinigung 
bedarf kaum einer Erklärung: die Ansicht, daß die Periode eine Blut- 
reinigung ist, trifft man überall an. Beim Manne unterscheidet Patientin 
eine „ spermatische Reinigung". 

Lassen wir Patientin weiter reden: „Professer Forel interessierte 
sich für Schaffung der Kindermilch. Die Mutter muß selbst ihre Kinder 
ernähren; nicht jede Mutter kann eine Amme halten; meine Kinder wurden 
mit künstlicher Milch ernährt. Der Kalk in der Milch ruft furchtbares 
Brennen in den sexuellen Teilen hervor. Die Lösung kann nur mit dem 
Gliede zusammenhängen, das die Religion zur Not geschaffen hat: durch 
spermatische Heilung." 

Patientin macht sich hier den Vorwurf, daß sie ihre Kinder künst- 
lich ernähren mußte. Sie mußte es tun infolge einer Krankheit, die 
in einem furchtbaren Brennen in den Genitalien besteht. Sie kann nur 
durch den Koitus geheilt (erlöst) werden. Der Mann, mit dem sie verkehren 
möchte, ist Professor Forel; macht er sie gesund, dann hat sie auch 
Milch, um die Kinder selbst zu ernähren („Professor Forel interessierte 
sich für die Schaffung der Kindermilch"). Die Stimmen werfen ihr 
„unreines Begehren mit Professor Forel" vor 1 ). 

..Die Niedrigkeit der katholischen Kirche bereitet mir physischen 
Schmerz; ich spüre ihn im Blute. Der Schmerz kann durch psychische 
Reinigung gelindert werden. Purgatorium, Idealismus, Dante, Jesus 
Christus erlöst mich durch die reine Luft seiner Erde . . ." 

Wie wir wissen, wird die Luft zum spermatischen Wasser, die 
Erde ist der Körper, welcher dieses Wasser liefert, so daß die Flucht 
ins Psychische die Patientin, wie gewöhnlich, erst recht ins Physi- 
sche führt. 

„Die spermatische Heilung", berichtet sie weiter, „kommt zustande, 
indem die Medizin (der Arzt) das Reine der Gesundheit gibt; wenn die 
Medizin das Unreine gibt, kommt eine Krankheit, vielleicht Syphilisüber- 
tragung zustande. Es führt zum Wahnsinn, Welken, Erschlaffung des 
Körpers. Mein Mann hatte wahrscheinlich Syphilis: ich konstatierte das 
an den Ausflüssen seiner spermatischen Reinigung. Dem muß bei den 
Kindern vorgebeugt werden. Es gab eine gesund^ Generation der Alemannen, 

*) Die Patientin hat keine näheren Beziehungen zu Prof. Forel, der sie 
auch nie behandelt hat. Er figuriert nur als symbolischer Repräsentant. 



348 S. Spielrein. 

welche die Familie schufen . . . Mein Mann erbte Syphilis in der Ausführung 
der Untreue." 

Wir haben eben gesehen, daß Patientin die Heilung im Koitus 
sucht. Sie möchte aber mit einem „reinen" Mann verkehren, von dem 
sie ein Kind haben könnte (Familie schaffen), die „Medizin" ihres 
Mannes, der ihr in sexueller Hinsicht abstoßend war, konnte sie nur 
krank machen. Gleichzeitig denkt sie an die Rettung der Kinder. 

Sie fährt fort: „Die Realistik hat was sehr schmutziges an sich. 
Wenn ich in Wirklichkeit Onanistin wäre, aber ich bin es nicht. Ich habe 
es meinen Kindern verboten, weil es krank macht. Ich habe nicht, es hat 
eine andere Intrigantin das Bett naß gemacht." 

Interessant ist, daß Patientin bereits viel früher Vorwürfe wegen 
Bettnässens erwähnte. Als ich dies Herrn Professor Bleuler mitteilte, 
meinte er, es dürfte mit dem Onaniekomplexe zusammenhängen. Ich 
habe mich gehütet die Patientin darüber zu fragen, um ja die Suggestion 
zu vermeiden. Nun stellt es sich heraus, daß die Vermutimg des Herrn 
Professor Bleuler richtig war : Patientin gibt an, daß sie als ganz kleines 
Kind vielleicht das Bett genäßt habe. 

„Wenn die Kinder Wasser lösen," meint sie weiter, „ist es eine Heilung 
der erkälteten oder geschlagenen Blase. Das Kalkwasser kann bei Kindern 
solche Entzündungen hervorrufen. Man sagte mir von verschiedenen Samen, 
den Naturerzeugnissen, die da helfen könnten." 

Die erkältete (kranke) Blase vertritt hier das Sexualorgan; Kalk- 
wasser hat die gleiche Bedeutung wie die früher erwähnte Kalkmilch. 
Die Therapie ist ebenfalls die gleiche (durch „verschiedene Samen"), 
nur in einer mehr verschleierten Weise angedeutet. Weiter erfahren wir : 

„Meinen Kleinen mußte ich ein Vierteljahr lang klystieren" (Stuhl- 
verstopfung wegen Onanie, wie sie später angibt). „Ich hatte selbst Speise- 
röhren- und Darm Verschluß" (ebenfalls von Onanie herrührend), „die vom 
ruinierten Nervensystem kamen. Es kam durch den Mann." Hier gesteht 
sie, in der Kindheit onaniert zu haben und fügt hinzu: „Es hängt mit der 
späteren Histologie zusammen : wenn die Erschlaffung der sexuellen Nerven 
eintritt, dann kann die Frau in der Ehe nicht mehr genügen. Die Genetik 
ist schmutzig, unrein, gibt aber den Ekel vor Onanie. Das hängt mit der 
Engelmacherei zusammen." 

Patientin hat ein totes Kind geboren. Das wäre die „Engel- 
macherei", für die sie die Schuld der Onanie zuschiebt. 

„Bei der katholischen Religion ist Sinnenroheit dabei; wenn es 
bloß physische Pflicht, nicht Liebe ist, so ist es ein Opfer . . . Ich wurde 
mit Syphilis angesteckt." 



Über den p3ycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 349 

Wir sehen, daß die Vorwürfe, welche Patientin hört, nicht unbe- 
gründet sind : sie hat wirklich onaniert, hatte deshalb Darm und Speise- 
röhrenverschluß (wie sie später behauptet), ebenso auch ihr Meiner Sohn. 
Die Onanie wäre also nach ihrer Ansicht schuld an ihrer sexuellen 
Insuffizienz (Krankheit), an der Kälte dem Manne gegenüber, an der 
Geburt eines toten Kindes. Andererseits war die Sinnenroheit des 
Mannes (katholische Eeligion), seine sexuellen Ausschweifungen der 
Anlaß zur Kälte dem Manne gegenüber, weshalb sie onanieren mußte. 
Hätte sie den Mann lieb, dann würde sie nicht onanieren. Nun erscheint 
uns auch die von Patientin ersehnte Behandlung durch den Koitus mit 
einem „reinen" Manne rationell. 

Patientin fährt fort: „Das Frauenzimmer (Schülerin des Mannes) 
wurde eifersüchtig, warf sich über mich mit ihrem abscheulichen Körper, 
mit ihren Knien; die gemeinste Wut ließ sie auf mich aus." 

Patientin erhielt oft von Stimmen Befehl, das Frauenzimmer 
zu schlagen. Das Schlagen scheint eine sexuelle Bedeutung bei Patientin 
zu haben: erinnern wir uns, daß sie die Blasenerkrankung von einer 
Erkältung oder vom Schlagen herleitet. Die scheinbar zufällige 
Nebeneinanderstellung der so verschiedenen Ursachen findet ihre Er- 
klärung darin, daß sowohl Erkältung = Kälte, Mangel an Liebe wie das 
Schlagen = rohe Behandlung die rein animalische Komponente des 
Sexualinstinktes repräsentieren. Zur Onanie wurde Patientin bei einem 
Femgerichtsspiele zur Karnevalszeit in der Kindheit verführt. Worin 
dieses Femgericht besteht, haben wir im Abschnitt II kennen gelernt. 

Hier wird sie von Dr. J. „gerichtet". Er treibt „die Roheit des 
Weines" (also ihres Mannes) aus ihr heraus, indem er sie ebenso roh 
animalisch wie ihr Mann behandelt. Sie wird „durch Basel hindurch 
geschlagen". Gleich darauf folgen Vermehrungsphantasien 1 ). Außer dem 
Schlagen haben wir als weitere Anhaltspunkte die sexuellen Aggressionen 
der Patientin dem Frauenzimmer gegenüber und umgekehrt aufzu- 
fassen: so behauptet sie, das Frauenzimmer hätte ihr reinen Speichel 
und Urin zu trinken gegeben. Erinnern wir uns daran, wie die Erde 
verunreinigt wird, indem sie mit dem Samen zugleich Urin erhält 2 ). 

Patientin erzählt noch mehr: „Die Frau hat meine Kinder bestochen, 
daß sie an ihr Onanie treiben. Das hätten wir nie an miserer Mama tun 



1 ) Jörn Uhl, Frau Sorge, Das Gewissen der Erde (Frau), Vermehrung 
der „gesegneten" Gelder usw. 

2 ) Stekel hat auf die Gleichung Samen = Blut = Speichel = Urin 
bereits hingewiesen. 



350 S. Spielrein. 

müssen" (hier halluziniert sie plötzlich die Stimmen ihrer Kinder). „Das 
Frauenzimmer befahl den Kindern, ihr den Finger in das Sexualsystem 
zu stecken und sich an ihr onanistisch zu belustigen." 
Frage: „Wie heißt das Frauenzimmer?" 
Antwort: „Sie hat meinen Namen, X. angenommen." 

Die Identifikation mit dem „Frauenzimmer" drückt Patientin 
nicht nur im Sexualverkehre mit demselben aus, sondern auch durch 
gleichen Namen. Das verhaßte „Frauenzimmer" tritt auf diese Art an 
Stelle der Patientin, sie wird zum Symbole aller ihrem Bewußtsein 
„abscheulichen" Regungen, repräsentiert demnach ihre Sexual- 
persönlichkeit. Zu gleichen Symbolen werden, wozu wir gleich noch 
mehreres erfahren werden, ihre Mutter und Kinder, mit welchen sie 
ebenfalls sexuell verkehrt. 

Die Krankengeschichte berichtet, daß Patientin, nachdem ihr 
Kindchen eine Kugel verschluckt hatte, längere Zeit nichts mehr essen 
konnte: es erinnerte sie an Speiseröhren Verschluß. Als die Mutter am 
Krebs (vulgär Speiseröhren Verschluß) erkrankte, bekam Patientin Er- 
stickungsanfälle und meinte, sie müsse sterben, wie die Mutter. „Vom 
Onanieren bekommt man Darm Verschluß oder Speiseröhren Verschluß" l ), 
erklärte sie mir. Sie faßte also das Ereignis mit dem Kinde und mit 
der Mutter als ein von Onanie herrührendes Phänomen auf. Dadurch 
legt sie ihre Sexualpersönlichkeit in Mutter und Kind hinein, welch 
letztere zu ihren Symbolen werden, andererseits wird sie durch die 
Identifizierung zu ihrer Mutter beziehungsweise ihrem Kinde und er- 
lebt die Schicksale der beiden. Sie sprach auch davon, es käme ihr 
vor, ob Art und Charakter der Mutter sich auf sie übertragen hätten, 
daß die Mutter sie wie ein Kind behandle. Das „Frauenzimmer" hat 
sie bei der Mutter „verleumdet", so daß die Mutter ihr Vorwürfe wegen 
Bettnässens macht, die sie ihrem Meinen Sohne machen wollte. Also 
wiederum ist Patientin einerseits Mutter, anderseits versetzt sie sich 
in eine kindliche Einstellung. Woher kommt das? Die Phantasie, daß 
Patientin zu einer „kleinen Forel" wird, erklärt uns das. Wir wissen ja, 
daß Patientin ihre Liebe auf Dr. J. = Professor Forel übertrug, daraus 
entsteht nach dem gleichen Mechanismus, den Schreber beschreibt 2 ), 
„eine kleine Forel". Schrebers Übertragung auf Flechsig hat in ihm 
einen „kleinen Flechsig" hinterlassen. Sie wird selber zu einer kleinen 



J ) Verlegung nach oben (Freud). 

2 ) Schieber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 351 

Forel 1 ). Die Identifikation mit dem Kinde heißt also, daß sie von Forel 
ein Kind bekommt. 

Als Mutter macht sie das Los ihrer Mutter durch. Ihre wirkliche 
Mutter wurde von Professor Kocher in Bern operiert. Patientin ver- 
wechselt mit ihm Koch, „der die Lymphe gegen Tuberkulose erfunden 
hat". Patientin muß wie ihre Mutter behandelt werden, muß dem- 
entsprechend an Tuberkulose leiden. Das tut sie auch, indem sie lungen- 
krank und syphilitisch zu sein behauptet. Wie sie die Krankheit der Mutter 
verarbeitet, zeigt die mit Tuberkulose vereinigte Syphilis, was soviel 
wie sexuelle Ausschweifimg bei ihr bedeutet, wie auch das Weitere. 

„Der Sohn der Familie Kocher, Operateur im Bern, ist mein 
schlimmster Widersacher: er wollte mich zwingen, sexuell zu genießen." 
Die sexuellen Krankheiten werden durch den Sexualakt geheilt. So be- 
greifen wir die Behandlung von Kocher. Warum aber „der Sohn"? Hören 
wir weiter: „Der Bruder von Kocher ... die Schlägereien, die Beizungen 
provozieren, bis man in Zorn gerät; er schlägt selbst nicht, beauftragt aber 
die anderen." Hier halluziniert sie die Stimme eines Herrn. ,,Er hetzt die 
Wärterinnen auf, daß man sie schlage." „Es ist doch keine Bekämpfung der 
Tuberkulose !" 

Frage: „Wie heißt er?" 

Antwort: „Hans muß er heißen." 

Frage: „Wer ist Hans?" 

Antwort: „Mein Knabe heißt auch Hans. Er sagt, weil er der Sohn 
von Professor Kocher sei, komme er durch. Er will was provozieren, um 
mich in die Hände zu bekommen." 

Es wundert uns nicht, wenn statt Professor Kocher sein Bruder 
kommt. Statt Professor Forel erschien auch zuletzt sein Bruder — 
Dr. J. 2 ) Diese Ersetzimg zeigt, daß Professor Kocher eine offenkundige 
Parallele zu Professor Forel ist, wir dürfen daher annehmen, daß auch 
die beiden Brüder identisch seien. Dadurch, daß Professor Kocher 
selbst nicht schlägt, sondern die andern sie zu schlagen beauftragt, 
erhält er größere Würde, gleichsam wie ein Richter seinen Spruch gibt 
und die Vollführung der Strafe anderen überläßt. Dr. J. schlägt 
sie auch nicht direkt, sondern sie wird „Durch Basel hindurch ge- 
schlagen". Ihr Lieblingssohn Hans und der Sohn von Professor Kocher 
spielen die gleiche Rolle. Letzterer erhält auch den Namen „Hans". 
Patientin sagt auch mit dem Ausdrucke größter Verwunderung „Hans 
muß er heißen!?" und erinnert sich, daß ihr Kind auch Hans heißt. 

x ) Eine andere Patientin, die keinen Zusammenhang mit meinem Falle 
hat, wurde ebenfalls zu einer „kleinen Forel", wie mir Jung mitteilt. 
2 ) Vgl. „Psychologisch-sixtinische Experimente", Abschnitt II. 



352 S. Spielrein. 

Diese Identifikation der beiden Bänder macht Professor Kocher zum 
„Manne" der Patientin. Was wir des Weiteren darüber von Patientin 
erfahren, bestätigt nur die Annahme: 

„Marmite ist die Lymphe. Fragen sie die Kocherache Chemie; es hängt 
mit Tuberkulose zusammen. Professor Kocher ist selbst Alkoholiker 
zur Prüfung. Der Alkohol muß verdünnt werden mit Kaffee und Brot, 
damit er durch die Fistel geht und mit dem Kot nach außen; der Alkohol 
in Verbindung mit Mineralwasser, Kaffee, Milch mit reinem Brot." 

Frage: „Marmite heißt ja auf deutsch Pfanne." 

Antwort: „Es ist ja die Koch ersehe Pfanne, der Kochtopf der 
Chemie!" 

Wir wissen, daß Menschen „durch die Chemie" geschaffen werden. 
Die Pfanne, in welcher der Vorgang stattfindet, wäre demnach wieder 
der Uterus 1 ). Das Wort „Kochtopf" statt „Pfanne" ist eine vermittelnde 
Assoziation zwischen Kocher und Kochen. Wie Dr. J. ist Professor 
Kocher „Alkoholiker zur Prüfung". Wie Dr. J. muß er zuerst prüfen, 
dann „die Funktion ausführen, die mit der sixtinischen (sexuellen) 
Frage zusammenhängt" 2 ). Wie wir früher gesehen haben, ist Alkohol 
— Sperma, Brot — die im spermatischen Wasser gelöste Kindlichkeit, 
also das Kind. Die „Fistel", durch welche das Kind nach außen gelangt, 
ist natürlich die Geschlechtsöffnung. Warum aber mit dem Kot? Im 
nächsten Kapitel werden wir noch manchen Beleg dafür haben, daß 
Patientin den Verdauungstraktus in ihren Phantasien als Sexual- 
organ betrachtet. Der Zusatz von Milch zum Alkohol (Sperma) ist 
insofern angezeigt, als Patientin an mangelhafter Milchsekretion leidet 3 ). 
Kaffee — wird wahrscheinlich Blut sein, weil die braune Farbe an die 
des geronnenen Blutes erinnert (?). Unmittelbar folgen auch Assozia- 
tionen, welche vom Blute reden und die rote Farbe stark betonen: 

„Die Bekämpfung des Alkohols", meint Patientin, „muß durch eine 
erneute Blut zufuhr geschehen: durch Verkochung von Ro trüben in 
Rotwein, Einkochen zum Sirup, Verwendung des Restes des Medika- 
mentes wieder zu Kochzwecken." 

„Alkohol" ist hier im weiteren Sinne von sexueller Schlechtig- 
keit, Ausschweifung gebraucht. Die sexuelle Ausschweifung wird eben- 
falls durch den Koitus bekämpft. Als Bekämpfungsmittel sind zu ver- 

x ) Vgl. II. „Psychologisch-sixtinische Experimente": Marmite „hängt 
mit der weiblichen Anatomie zusammen". 

2 ) Vgl. II. „Psychologisch-sixtinische Experimente". 

3 ) Siehe II. „Psychologisch-sixtinische Experimente": „Prof. Forel inter- 
essierte sich für die Schaffung der Kindermilch" und die Erklärung daselbst. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 353 

stellen: erneute „Blutzufuhr", „Rübe" 1 ), „Wein" (= Alkohol = „das 
spermatische mit Blut durchtränkte Wasser Jesu"). Alle diese Mittel sind 
rot wie die dominierende Vorstellung „Blut". Fraglich ist das „Kochen". 
Darin ist erstens eine Anspielung auf Professor Kocher, das Kochen 
ist ferner ein Erhitzen, das durch Anwendung des Feuers hervorgebracht 
wird, und die Bedeutung des Feuers, welches alles reinigt, kennen wir 
ja bereits. Es ergibt sich aus all dem der Sinn, daß dieses Auskochen, 
ebenso wie das Verbrennen eine Sexualhandlung ist, welche in „feuriger" 
Liebe geschieht 2 ). 

„Zur Bekämpfung der sexuellen Diszentrie ist eine neue Blutzufuhr, 
neue Stoff entwicklung erforderlich. Ich will mich mit Professer Forel in 
Verbindimg setzen. Die psychologische Therapeutik könnte durch Laokoons 
Genese erklärt werden und durch Scotts Emulsion zur Verfeinerung gebracht 
werden." 

Wie erwartet, kommt schließlich Professor Forel, dann die 
psychologische Therapeutik = Assoziationsexperiment von Dr. J. 
Weiter : 

„Die Histologischen (= Gewebekranken) dürfen nicht gereizt werden. 
Ich möchte nicht für den Mann, sondern für Kinder kochen. Das wäre die 
psychologische Pfanne, die nicht den Haß, sondern den Frieden stiftet." 

Wir haben eben besprochen, daß Kochen die sexuelle Funktion 
bedeutet, die Patientin hier den Kindern gegenüber ausführen will. 
„Psychologisch" (das Asexuelle) deutet auf einen Protest gegen das 
Sexuelle (die psychologische Pfanne wird ja der animalischen gegen- 
übergestellt). Eine „psychologische Therapeutik" braucht selbstver- 
ständlich eine psychologische Pfanne, so wie der psychische sexuelle 
Verkehr eine animalische Pfanne braucht. Wohin führt diese Abwehr 
gegen das Animalische? Erinnern wir uns daran, daß das Wasser (Jesu) 
„von Kindlichkeit durchtränkt" wird, weil Jesus sagt: „werdet wie 
Kinder". Wir wissen bereits, daß „zu einem Kinde werden" bei Patientin 
soviel wie „ein Kind gebären" heißt 3 ). Auch hier will Patientin un- 
schuldig „wie ein Kind" werden, indem sie für Kinder kocht oder, 



x ) Vulgäre Bezeichnung für das männliche Organ. 

2 ) Jung verweist mich auf die Vision des Zosimos (Berthelot: Les 
alchymistes grecs). Z. geht in der Vision eine Treppe hinauf, kommt zum 
Altare, in dessen Höhlung kochendes Wasser ist, darin Menschen liegen. 
Das ist der Ort der ^eraßo/U). OlyaQ — üvßocöjioi — öde elO£Q%övtai ual 
yit'ovvai Jivev/tara q)vyövxeg rö Ocö/ja. 

3 ) Jung macht mich darauf aufmerksam, daß diese Phantasie auch der 
„unio mystica" zugrunde liege. 

Jahrbuch für psychoi-.nalyt. u. psychopathol. Forschungen. II. 2ö 



354 S. Spielrein. 

nach dem, was wir bereits wissen, sich mit den Kindern durch sexuellen 
Verkehr identifiziert. Diese Identifizierung bedeutet, wie früher aus- 
einandergesetzt wurde, daß sie zu ihrem eigenen Kinde wird beziehungs- 
weise ein Kind zur Welt bringt. 

Fassen wir das in diesem Kapitel Untersuchte zusammen: Wir 
haben gesehen, daß bestimmte Krankheitssymptome nur scheinbar 
an beliebige Erlebnisse anknüpften. Für Patientin bestand stets eine 
logische Verknüpfung zwischen Symptom imd ätiologischem Ereignis. 
Wie bereits auseinandergesetzt wurde, machte sich Patientin beständig 
schwere Vorwürfe wegen Onanie : für ihre Kälte dem Manne gegenüber 
und seine Untreue, für den Abortus, für jedes Unglück beschuldigt 
sie dieses Laster. Sie denkt beständig an die Onanie und wird deshalb 
durch jedes mehr oder weniger passende Ereignis an die Onanie erinnert, 
wie dies sozusagen bei jedem starken Komplex der Fall ist 1 ). Der 
Normale wird allerdings die sich ihm aufdrängenden Analogien und 
Vergleiche eben nur als solche bewerten, Patientin hingegen macht keinen 
Unterschied zwischen Ähnlichkeit und Identität 2 ). Verlegung 
des Kehlkopfes beim Kinde durch eine Kugel, bei der Mutter Verlegung 
der Speiseröhre durch den Krebs erinnert sie an Darm Verschluß (d. h. an 
die von der Onanie herrührende Verstopfung). In Mutter und Kind 
erblickt sie nimmehr sich und nur sich, dann: betrachten wir, was 
diese Personen wünschen, wie sie handeln, so sind es nur Nöte und 
Wünsche der Patientin vor allem in bezug auf sich selbst. Auf diese 
Art werden Mutter, Kinder und andere wie z. B. das Frauenzimmer 
zu ihren Symbolen. Die weitere Folge der Identifizierung ist, daß 
Patientin zur Symbolbildung Situationen bei den Angehörigen nimmt, 
welchen sie ihre eigene Bedeutung unterlegt, imd zwar im Sinne der 
Wunscherfüllung des unbefriedigten Komplexes, der nach einer immer- 
währenden Herrschaft über die Gesamtpsyche strebt 3 ). Stekel be- 
hauptet in seinen „Beiträgen zur Traumdeutung" 4 ), die Verwandten 
im Traume stellten das Genitale dar. Dies scheint im wesentlichen 
richtig zu sein, nur würde ich statt des Ausdruckes „Genitale" „Sexual- 



*) Vgl. Jung: Psychologie der Dementia praecox, S. 12S: „Wir sehen, 
daß der Komplex auch durch die entferntesten Worte angezogen wird, er assi- 
miliert sozusagen alles." 

2 ) Vgl. Jung: Psychologie der Dementia praecox, S. 132: Erörterung 
über Identifikation. 

3 ) Vgl. Jung: Psychologie der Dementia praecox, IV. nnd V. Kapitel. 
*) Dieses Jahrbuch, I. Band, 2. Hälfte. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 355 

persönlichkeit" setzen, was den Begriff erweitern würde. Auch beim 
normalen Menschen im Traume könnte man sich auf die gleiche eben 
erwähnte Art erklären, wie die Angehörigen zu Trägern der Wünsche 
des Träumers werden, und es wird auch so sein, daß die meisten ver- 
drängten Wünsche im engeren oder weiteren Sinne sexueller Natur 
sind. Patientin hat in der Phantasie eine entschiedene sexuelle Be- 
ziehung zu ihren Kindern. Teilweise mag es die Konsequenz einer 
direkten sexuellen Affinität sein, da jede starke Liebe eine leichte 
sexuelle Färbimg trägt. Im Traum fallen aber die Hemmungen des 
Tages weg 1 ), wodurch die sexuelle Komponente deutlicher hervortreten 
kann. 

Man liebt einen Menschen insofern, als man sich beziehungsweise 
das sich Ähnliche in ihm erblickt. Die vollkommenste Identifikation ist 
die sexuelle Vereinigung; diese ist auch der Höhepunkt der Liebes- 
betätigung 2 ). Dem Vorgange sind wir bei der Identifikation mit den 
Kindern und mit dem „Frauenzimmer" begegnet, welch letzteres im 
Bewußten von der Patientin gehaßt wird (Abwehr gegen die Liebe). 
Die Kinder sind aber auch zum Teil Symbole, welche Wünsche der 
Patientin oder Wünsche, die sie den von ihr ersehnten Persönlichkeiten 
aufdrängt, darstellen. So sehen wir z. B. „Hans" statt seines Vaters 
Professor Kocher auftreten, ebenso sehen wir, wie ihre eigenen Kinder 
ihre (der Patientin) Rolle übernehmen: die Kinder, welche alle ihre 
Beschwerden haben, onanieren z. B. auch mit dem „Frauenzimmer", 
mit welchem Patientin sexuell verkehrt haben will. Kurz: die Kinder 
stellen „Sexualpersönlichkeiten" dar. 

Was uns des weiteren in diesem Kapitel beschäftigte, ist die Auf- 
fassung der Krankheit im Sinne des Komplexes; als einer sexuellen 
Krankheit, herrührend von Onanie beziehungsweise sexuellem Verkehr. 
Die Behandlung sollte im Sexualakte mit einem gesunden Manne 
bestehen. 

Interessant ist, daß Patientin die Begriffe nicht immer im gleichen 
Sinne braucht; so z. B. ist bei ihr die „Histologie" bald Gewebekrank- 
heit, bald die damit zusammenhängende Melancholie. „Marmite" ist 
meist „Pfanne", einmal aber auch „Lymphe". Sie hält nur an der 
allgemeinen Kategorie fest, die Details werden manchmal geändert. 

*) Vgl. Freud: Die Traumdeutung. 

2 ) Vgl. dazu die schönen Belege bei Pfister: Die Frömmigkeit des Grafen 
von Zinzendorf. Wie mir Jung mitteilt, geschieht auch die „unio mystica" nach 
dieser Vorlage. 

23* 



356 • S. Spielrein. 

Manchmal macht es den Eindruck, als ob sie nach passenden Ausdrucks- 
formen, d. h. nach Symbolen ränge. „Sie sucht einen zu verwirren", 
sagte mir der behandelnde Arzt. Sie macht alle möglichen irgendwie 
passenden Dinge zu Symbolen desselben Gedankens, genau wie im 
Traume. Das sehen wir am besten im nächsten Kapitel. 

IV. „Industrielle beziehungsweise ökonomische Frage." 

Wir haben Gelegenheit gehabt, Andeutungen des Armutskomplexes 
bei Patientin zu beobachten. Sie klagte uns, daß ihr Mann ihr ein reicheres 
schöneres Mädchen vorzog. Durch den Armutskomplex konstelliert 
nehmen ihre Vermehrungsphantasien die Vermehrung der „gesegneten 
Gelder"zum Objekte. Bei der ersten Analyse bemerkte sie: „Die Stickerei 
kommt mit der Prostitution in Berührung, um Geld zu verdienen." 
Es stellte sich heraus, daß sie sich selber „Stickerei" nennt, weil sie 
mit Sticken Geld verdienen mußte; sie nennt sich auch oft „Prosti- 
tuierte". Außerdem braucht sie oft „sticken" statt „ersticken" für 
Verlegung des Kehlkopfes, der Speiseröhre, des Darmes infolge der 
Onanie. Stickerei wäre demnach zugleich „Onanistin". Patientin be- 
müht sich nicht die beiden Begriffe voneinander zu unterscheiden 1 ): 
beiden liegt die gemeinsame Ursache zugrunde, der Mangel an Geld, 
weshalb sie einerseits zum Verdienen, anderseits wegen des daraus 
folgenden Mangels an Liebe zur Onanie gezwungen wird. Zu diesem 
Gebiete gehören die folgenden Aussagen der Patientin: 

„Die Desinfektion der Därme wäre bei den Kindern und bei mir 
notwendig. Bei mir war es eine Verschleppung der Krankheit — Syphilis 
und Tuberkulose; es ist die Logik der Armen. Die Ärzte müssen da energisch 
auftreten und sagen : entweder werdet ihr getötet oder lebendig eingesargt, 
wenn ihr die Desinfektion nicht wollt. Wenn die Armen die Desinfektion 
nicht wollen, müssen sie von Jesus Christus Strafe tragen. Die Desinfektion 
hängt mit der Seifenfrage zusammen. Man muß die Seifendesinfektion 
vornehmen mit ätzenden Säuren, die eventuell mit mildernden Mitteln 
vermischt werden. Der Darm wird desinfiziert durch diese Mittel, die mit 
dem Mittel, mit dem Brot eingenommen werden. Professor Förel hat 
da gearbeitet." 

Wir hören wieder von Krankheiten, die, wie bekannt, sexuelle 
Schlechtigkeit bedeuten. 

Als Behandlungsmittel führt Patientin die „ Seifendesinfektion' ; 
an. Nach dem was wir bis jetzt von der Behandlungsart kennen, ver- 



1 ) Vgl. Jung: Psychologie der Dementia praecox, S. 132 und 140. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 357 

muten wir im ebenerwähnten Behandlungsmittel ebenfalls das 
„spermatische Wasser" und erwarten demnach „Alkohol", „Sub- 
stanzen der Koch ersehen Chemie" usw. ähnliche Assoziationen anzu- 
treffen. Dies ist auch der Fall: Wie der Alkohol, der „alles reinigt", 
ist auch das Desinfizieren ein Reinigungsmittel. Wie Alkohol beziehungs- 
weise die Koch ersehen Substanzen wird es mit dem Brote eingenommen; 
wie dort, so entspricht auch hier das Brot der im Wasser gelösten 
„Kindlichkeit" (= Kind). Schon die Form „Seifenfrage" weist auf 
den „Alkoholiker" Forel und seine Sexuelle Frage hin und schließlich 
behauptet Patientin direkt: „Professor Forel hat da (also an dem Mittel) 
gearbeitet." Das Spermasymbol dient zur Desinfektion des Darmes, 
was auf die Verwendung des Verdauungstraktus im Sinne des Genital- 
systems hinweist. Syphilis und Tuberkulose sind durch sexuellen Ver- 
kehr mit einem gesusden Manne (dem Arzte) zu heilen. Wäre Patientin 
reich, dann könnte sie sich das gönnen; da sie aber arm ist, hat sie ver- 
schleppte Krankheiten. Die Ärzte müssen „auf die Desinfektion dringen". 
Dabei will Patientin, daß die Armen getötet, lebendig eingesargt 1 ), von 
Jesus Christus gestraft werden. Hier scheint ein Widerspruch in der 
Behandlung der Armen zu sein. Ich glaube aber, der Widerspruch 
ist nur scheinbar: das Strafen (Femgericht), Töten usw. bedeutet 
ebenfalls den Sexualakt, wie wir früher sahen, in welchem diesmal 
die Komponente der Überwältigung dominiert. Entsprechend der 
Meinimg von Adler wäre diese selbstzüchtigende Komponente eine 
notwendige Kompensation der „Sünde". Die Vorstellung der Seifen- 
desinfektion ist wohl der Wirklichkeit entnommen, da ja Patientin 
bei den geburtshilflichen Operationen sicher desinfiziert wurde; die 
Desinfektion hat aber einen anderen, dem Komplex entsprechenden 
Sinn erhalten. Im Anschlüsse an die Desinfektionsfrage sagte Patientin 
etwas von ihren Kindern, was ich leider, da es zu eilig gesprochen 
wurde, nicht mehr nachschreiben konnte. 

Sie fährt darauf weiter: „Die industrielle oder metaphysische Frage 
muß mit der Ernährungsfrage zusammenhängen. Hier ist die Lösung der 
Verbrennungsstoffe als Nahrungszugabe für die Stoffentwicklung im Körper. 
Wenn z. B. Bestandteile von verdorbenen Gegenständen, selbst wenn es 
metallische oder geologische oder vegetarische Erzeugnisse der Erde sind, 
mit bestehenden Stoffen verbrannt werden, und die Asche in einer desinfi- 
zierenden Flüssigkeit den Speisen zugegeben wird, so ist es als ein ökonomisch- 
metaphysisches Experiment der Menschenstaubentwicklungsfrage zu be- 



x ) Vgl. den lebendig eingesargten Prof. Forel. 



358 S. Spielrein. 

achten für die psychischen Einflüsse, die eventuell fröhlicher oder lustiger 
Art sein können." 

Die „Sexuelle Frage" (Forel) scheint für alle „Fragen" der 
Patientin das beständig Formgebende zu sein, indem immer wieder 
eine „Frage" auftaucht. Die Ernährungsfrage ist insofern eine in- 
dustrielle Frage, als die Arbeiter, zu welchen sich Patientin zählt, 
essen müssen. Zugleich hat das Essen bei Patientin den Sinn von 
„sexuell genießen" 1 ): Patientin ist krank, unrein; sie ist also eine unreine 
Erde (Frau) imd produziert dementsprechend verdorbene Gegenstände, 
und zwar: Metalle respektive Kraftstoffe (wie wir später sehen werden, 
Lebensstoffe in der Art von Alkohol). „Das Eisen kann den Körper 
stärken", meint sie, „man sagt ja eine Eisen natur." Ferner pro- 
duziert die Erde geologische Gegenstände. (Erinnern wir uns an die 
Steinsymbolik!) Endlich haben wir noch „vegetarische" Erzeug- 
nisse. „Vegetarisch" — bedeutet wiederum größere Abwehr beziehungs- 
weise Bejahung des Animalischen 2 ). Diese Produkte der Frau (Erde) 
müssen mit anderen (gesunden) Produkten verbrannt werden oder 
nach dem früher Analysierten in Liebe (Feuer!) zusammenkommen. 
Statt daß diese Produkte sich direkt im Körper der Frau vereinigen, 
wird bei ihr diesmal, wegen der starken Abwehr gegen das schmutzige 
Sexuelle, der Akt zersplittert: den zur Asche verbrannten Stoffen 
wird eine „desinfizierende Flüssigkeit" hinzugefügt, ehe sie den Speisen 
zugegeben wird. Bei Betrachtung der Seifendesinfektion haben wir 
erfahren, daß das Desinfiziens dem Sperma entspricht. Wir finden 
also den ersten Sexualakt — in der Verbrennung zu Asche 3 ), den 
zweiten — in der Behandlung mit einer desinfizierenden Flüssigkeit, 
so daß aus der Verneinung mindestens eine doppelte Bejahung wurde. 

Folgen wir der Patientin weiter: „Desinfektion der Bestandteile von 
verdorbenen Gegenständen vielleicht durch Reinigung mit Soda. Nabrungs- 
zugabe für die Stoffentwicklung im Körper, z. B. zerbrochene Stücke eines 
Porzellans, ein Seidenband, das nicht mehr der Mühe lohnt, gewaschen zu 
werden, Seidenstoff, Spitze mit dem getrockneten Porzellanstück; wenn 
zugleich ein Stück Gold oder Silber so gereinigt, gewaschen, verbrannt, 
alkoholisiert, wieder getrocknet, die Asche davon als Pulver in eine Speise 

1 ) (Alkohol, Brot und andere Eßwaren sind, wie wir gesehen haben, analog 
dem Sperma, mit welchem die „sexuelle Diszentrie" bekämpft wird. Prof. Kocher 
[d?r die Lymphe = Alkohol, Sperma] entdeckt, zwingt Patientin sexuell zu 
genießen usw.) 

2 ) Siehe II. „Psychologiseh-sixtinische Experimente." 

3 ) Analysiert in II. „Psychologisch -sixtinisehe Experimente". 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 359 

verwendet wird, dann resultieren daraus Beobachtungen der Hirnfunktion. 
Beobachtungen des Quecksilbers, des Goldes führen über zur ökonomischen 
Frage der erneuten Stoffbildung, auch zur Psychologie der Entwicklung 
dieser Stoffbestandteile." 

Frage: „Zu was entwickeln sich diese Stoffbestandteile?" 
Antwort: „Ja, es hängt davon ab, ob es gute oder böse Einflüsse, 
Deutungen, Traumdeutungen sind. Es wäre eine Art Pottascheentwicklung 
zur Reinigung der Physe. Dieses Pulver könnte noch gekocht werden, 
damit es nicht gefährliche Symptome, z. B. Stopfungen, hervorruft, Zellen- 
stopfungen, Femstopf ungen." 

Sehen wir zuerst zu, wie die verschiedenen Stoffe verarbeitet 
werden: sie werden gereinigt. Das Reinigen wird wohl viermal betont, 
denn „gewaschen" ist ja gleich dem „gereinigt", ferner reinigt, wie 
wir wissen, der Alkohol und das Feuer alles. Die „Reinigung" ist 
bekanntlich bei Patientin ein sexueller Vorgang = Koitus. Die Gegen- 
stände werden „getrocknet"; „Trocknen" begreifen wir, wenn wir 
uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß die Erde durch Urin verunreinigt 
wird, und wenn wir uns ferner an die entsprechenden Vorwürfe er- 
innern seitens des „Frauenzimmers" wegen „Bettnässens". Nicht nur 
diese Patientin, sondern auch viele andere verstehen unter Bettnässen 
Onanie. Der Zusammenhang ist in der nahen Verwandtschaft der 
Minktion mit dem Sexualakt einerseits und der Insukkation der Vulva 
in der Erregung anderseits zu suchen. Gegen diese Benetzung (also 
gegen Onanie) ist das „Trocknen" angezeigt, welches zweimal betont 
wird. Die gereinigten und getrockneten Gegenstände geben die Asche. 

Im Abschnitt II „Psychologisch-sixtinische Experimente" haben wir 
bereits eine Verbrennung zu Asche kennen gelernt. Dort erklärte Patientin 
direkt: „Die Asche kann zum Menschen werden." Hier wird die 
Verbrennung {= Auskochung) noch einmal hervorgehoben. „Dieses Pulver 
(zuerst „Asche", dann „Pottasche" genannt 1 ) könnte noch gekocht werden, 
damit es nicht gefährliche Symptome, z. B. Stopfungen, hervorruft, Zellen- 
stopfungen, Femstopf ungen." Das abgekürzte „Stopfungen" wird wieder- 
holt und verändert bis es „Femstopfungen" heißt. Sie erzählt nämlich, 
daß sie bei einem Femgerichtsspiele in der Kindheit zur Onanie verführt 
wurde. Onanie bewirkt Verstopfung, wie wir bereits von Patientin hörten, 
deshalb die Zusammenziehung „Femstopfung". 

Als Anlaß zur Onanie gibt Patientin die Kälte dem Manne gegen- 
über an. Nun begreifen wir, daß die Asche (d. h. das Sexualprodukt) 
gekocht werden muß oder — was das gleiche ist — daß der Koitus 



*) Wahrscheinlich ist so die Auswahl von Soda zum Reinigungsmittel 
zu erklären: Asche — Pottasche — Soda. 



360 S. Spielrein. 

in „heißer" Liebe zu geschehen hat, denn wenn es „nur physische 
Pflicht ist", wenn man nicht liebt (kalt ist), verfällt man der Onanie, 
welche „Stopfungen" bewirkt. 

Wir gelangen nun zu der Frage, zu was sich die Stoffe entwickeln : 

„Zuerst resultieren Beobachtungen der Hirnfunktion'', sagt Patientin 
„Betrachten", „prüfen", „beobachten" — ist das gleiche wie die ent- 
sprechende „Funktion ausführen zur Prüfung der Experimente" 1 ). Deshalb 
werden auch „Hirnfunktionen" beobachtet (zugleich Gegenteil des Animali- 
schen und Anspielung auf das Assoziationsexperiment von Dr. J.). Je nach- 
dem es ein guter oder böser Mensch war „je nachdem es gute oder böse 
Einflüsse, Deutungen, Traumdeutungen (= „psychische" Behandlung) sind, 
fällt die Entwicklung der Stoffe aus. Aus der psychischen Behandlung 
kommt die „Pottasche" „zur Eeinigung der Physe" zustande. "Wie erwähnt, 
weicht hier Patientin aus: anstatt zu sagen, was aus der Asche (= Sexual- 
produkt) wird, erzählt sie, was man mit ihr tun soll, indem sie an der Vor- 
stellung des Auskochens (= Sexualakt) haften bleibt. 

Welche Stoffe werden zur Schaffung des „Pidvers" (Asche) 
verwendet? Vor allem sind es wiederum verdorbene Gegenstände, 
wie das zerbrochene Porzellan, das Seidenband, „das nicht mehr der 
Mühe lohnt gewaschen zu werden". Was Patientin mit Porzellan aus- 
drücken will, kann ich nicht sagen 2 ). Wir haben gesehen, daß sie zu 
einem Steine wurde, dem Professor Forel Lebensfarben gibt. Im 
folgenden Abschnitte werden wir einem jungen Maler begegnen, der 
das gleiche tut, indem er auf Steine malt. Die Mutter dieses Künstlers 
soll Freundin von gemaltem Porzellan sein; möglich, daß Porzellan 
das gleiche wie Stein bedeutet und speziell das zerbrochene Porzellan 
dem zerbrochenen Wesen der Patientin entspricht. Die Seide wird von 
Patientin als Ausdruck des Wohlstandes gebraucht, ebenso die Spitzen : 
„Die Armen können nicht Leibchen mit Spitzen tragen," meint sie, 
„auch müssen sie sich mit einfacherer Seide begnügen." Das veraltete 
Seidenband ist also der zerstörte Wohlstand. Zu diesen Produkten, 
welche der Arme (also Patientin) liefert, werden Produkte des Reichen 
hinzugefügt, wie Seidenstoff, Spitzen,* Gold und Silber. Das Silber 
ist bereits als Bindeglied mit einer andern Vorstellungsgruppc auf- 
getreten, zu der das Quecksilber gehört, nämlich zur Syphiliserkrankung, 
die vom luxuriösen Leben herrührt, und bei welcher man die Queck- 

*) Vgl. : Dr. J. mußte zur Prüfung Alkoholiker werden, Funktion aus- 
führen usw. IL „Psychologisch-sixtinische Experimente." 

2 ) Weil es im Feuer gebrannt wird? Weil ihm Farben eingebrannt werden? 
Das folgende Material würde hierfür sprechen. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 361 

silberkur anwendet. Neben den Beobachtungen der Hirnfunktionen 
spricht Patientin von Beobachtungen des Quecksilbers und Goldes, 
also in diesem Falle der schädlichen Polgen des Reichtums 1 ). Diese 
gehören zur „ökonomischen Frage", welche sich, wie wir wissen, mit 
der „Behandlung" der Armen abgeben soll. 

Kurz zusammengefaßt: Patientin nimmt verschiedene Produkte 
der Armut und des Reichtums, die sie im Sinne der Sexualwesen 
beziehungsweise -produkte in Liebe vereinigt, d. h. koitieren läßt. 
Es resultiert daraus das Produkt der Liebe (Verbrennung) — Asche, 
aus welcher, wie wir früher hörten, neue Menschen entstehen. 

Um dem Weiteren folgen zu können, müssen wir daran denken, 
daß Patientin anno 1903 einen Abortus durchmachte. Der Kranken- 
geschichte entnehmen wir Phantasien vom im Traume geborenen 
Steinkinde. Dabei habe sie Schmerzen gehabt. Frau Direktor soll 
gesagt haben, es gäbe ein Tier. Ferner sah Patientin in der Anstalt 
eine Leiche sich wiederbeleben, dann auch „Kinder in Glassärgen 
zerschlagen". Nach der Kremation der Mutter nahm sie einige 
Knochenfragmente mit nach Hause. 

Lassen wir Patientin weiter erzählen: „Das Pulver könnte man für 
die ökonomische Behandlung der Skrofulöse nach der diszentrischen 
Frage, nach der Glasreinigimg verwenden. Zur Reinigung der Knochen 
wird gestoßenes Glas gekocht und durchgesiebt. Da müssen aber vegetarische 
Pulver, z. B. Äpfel, genommen werden, geschält und geraffelt. Das ist die 
Verdauungsfrage. Dieses Pulver wird mit Kaffee oder Suppe genommen." 

Nach der Fehlgeburt sah Patientin Kinder in Glassärgen. Was 
bedeutet der Glassarg? Patientin bringt die Glasreinigung mit der 
„diszentrischen Frage" zusammen. Der Frage der sexuellen „Dis- 
zentrie" sind wir am Anfange des Abschnittes IL „Psychologisch- 
sixtinische Experimente" begegnet. Dort hörten wir von den drei 
Pfannen, von welchen die „vegetarische" Verachtung des Fleisches 
(Abwehr der Sexualität) heißt. Die Pfanne hat sich als Uterus ent- 
puppt, ebenso wie ihr Analogon der „Kochtopf der Chemie". Wir 
hörten auch von vegetarischen Fruchtpulvern, die sich als Sperma 
erwiesen. Wir haben schon öfters bemerkt, daß die sexuelle Diszentrie 
durch „Reinigung" behandelt wird und den Vorgang der „Reinigung" 
als identisch dem der Befruchtung erkannt. Auch klagt Patientin 
über Verschleppung der „Tuberkulose" bei den Armen, gegen welche 



*) Wegen Prostitution, die zu Syphilis führt, beschuldigt Patientin bald 
die Amiut, bald den übermäßigen Luxus. 



362 S. Spielrein. 

die Ärzte die „Desinfektion" (= Befruchtung) anwenden sollten. 
Hier spricht sie von der „ökonomischen" Behandlung der Skrofulöse, 
„ökonomisch" deutet auf den Zusammenhang mit der „ökonomischen", 
d. h. Armenfrage. Skrofulöse entspricht der Tuberkulose; demnach 
heißt der Satz: „Behandlung der Tuberkulose bei Armen." Zuerst 
soll das Glas „gereinigt" werden, entsprechend der „Reinigung" der 
Därme (im Sinne des Uterus gebraucht, wie früher gezeigt). Wie immer, 
so auch hier wird zur „Reinigung" Sperma verwendet. Unsere An- 
nahme wird bekräftigt, wenn wir vom „vegetarischen Pulver" 
vernehmen, da ja „vegetarisch", wie wir stets konstatieren konnten, 
etwas sehr Animalisches bedeutet. Der Glassarg wäre also der 
Uterus, der befruchtet wird. 

Wir werden aus dem folgenden verstehen, warum der Uterus auch 
noch gekocht wird, und dann erst noch zerstoßen wird. Das Novozoon 
(= Sperma) wird „aus dem Kopfe und der spermatischen Entwicklung 
im Tiere gewonnen". „Zur Erzeugung der neuen Generation muß der ganze 
Körper präpariert werden." „Novozoon" — ist ein „Totenstoff". Es muß 
also der lebende Organismus zu einer Erzeugung getötet, zerrieben, gelöst 
werden ; anderseits hat das Töten usw. zugleich die Bedeutung von Retten, 
Beleben. Warum werden die Knochen gereinigt? Die Knochen gehören 
vor allem zum Begriffe des Toten, der durch „spermatische Behandlung" 
belebt werden kann. Wir haben aber noch eine Vorstellung bei der Patientin, 
die uns erklärt, wie die Knochen zu unreinen Gegenständen werden: 
„Das Sticken und die metaphysische Knochenverkalkung kommt von der 
Femstopfung". „Femstopfung" ist, wie bekannt, Folge der Onanie. 
Die Onanie ist Ursache der sexuellen Erkrankungen, die ihrerseits zu Mangel 
an Milch führen. „Die künstliche Milch enthält viel Kalk." Auf diese Art 
kommt die Knochenverkalkung von der Femverstopfung beziehungs- 
weise von der Onanie. Die Onanie, wie die durch sie „beschmutzten" (ver- 
kalkten) Knochen, muß mittelst „Reinigimg" behandelt werden. Die Ver- 
kalkung wird „metaphysische" genannt. „Metaphysik" bedeutet nach der 
Patientin „Ubergewaltigkeit". „Wenn man zu viel Eisen im Körper hat," 
meint sie, „wird man übergewaltig, denn man sagt ja Eisennatur. Das zu 
viele Eisen hängt mit dem Alkoholgenusse zusammen"; denn beim Alkohol- 
genusse hat man zu viel Kraft, welche nach Patientin vom Eisen kommt. 
Später werden wir sehen, daß „Eisen" in der Bedeutung dem „Alkohol" 
nahe kommt. Der Mann der Patientin hat (nach ihrer Angabe) getrunken. 
Der Alkohol steigert am Anfange die Libido (das war wohl einer der Gründe 
für die Identifizierung von Alkohol und Sperma). Der Patientin war das 
bei ihrem ungeliebten Manne zuwider; deshalb isolierte sie sich, sie onanierte. 
So wird die „Metaphysik", als Ursache der Onanie, auch Ursache von 
deren Folgen, der Knochenverkalkung. 

Zusammenfassung. Es handelt sich um die Frage, wie Pa- 
tientin die Onanie (autoerotische Isolierung) ersetzen könnte durch 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 363 

positive Liebe zu einem Manne, denn Geldmangel und Liebesmangel 
bedeuten bei ihr das gleiche. Dieser Komplex wird besonders in fol- 
genden Symbolen variiert: Die Därme der Armen werden desinfiziert, 
verschiedene verdorbene (arme, unreine) Gegenstände werden mit 
Gold und anderen Produkten des Reichtums zusammengebracht. 
Der Koitus wird außer durch Reinigung durch Töten, Auskochen, 
Verbrennen, Alkoholisieren ausgedrückt. Sperma ist bald Asche, bald 
Pulver, bald Desinfiziens ; der Uterus bald Darm, bald Glas usw. 
Bezeichnend ist, daß aus der Verneinung der Sexualität zuerst der 
doppelte Sexualakt resultiert („verbrennen" imd „desinfizieren"). 
Diese Symbolik wiederholt sich immer wieder, wie z. B. „gewaschen", 
„gereinigt", „verbrannt", „alkoholisiert" usw. 

V. „Tropenpossie und Wassersymbolik." 

Als 12 — 13 jähriges Mädchen will Patientin 2 Wochen lang einen 
jungen Maler gekannt haben. Sie erzählt von ihm folgendes: 

„Er war Mythologe, da er das Tote beleben konnte; seine Wissen- 
schaft war in sich verschlossen; es hängt mit Segantini, Palmen zusammen. 
Er sah einst im Traume wunderbare Wälder mit prächtigen Frauen. 
Prächtige Phantasien, denen er Unsterblichkeit zu geben suchte, indem er 
sie in einem Steinbruche auf die Steine malte. Schon damals war er Liebling 
Gottes. Seine Mama war eine alte Bernerin; sie war eine Freundin von ge- 
maltem Porzellan. Er war still, ruhig, einsam ; als seine Mutter starb, weinte 
er um sie." 

Der Künstler, eine der Patientin offenbar sehr sympathische Persön- 
lichkeit, ist der Prototyp von Professor Forel, der ja auch Steine beleben 
sollte und große „Plastik des Geistes" hat. Patientin selbst ist der Stein, 
den Professer Forel belebt. So wird es auch bei dem ihm analogen Maler sein. 

Weiter bemerkt Patientin: „Man sagte vom Maler, er sei nicht recht 
beim Verstände, weil er seine Ideale in der Kunst suchte. Ich war mit ihm 
nur H Tage näher bekannt, und dachte darüber nach, daß er der Kunst 
eine neue Richtung geben könnte, vielleicht wäre es die Kunst in den 
Tropen; er erzählte mir von Fata Morgana. Ich bin beneidenswert, 
daß ich in meiner Natur so viel sehen durfte. In den Kindheitsspielen hatte 
ich oft Visionen von den Tropen, als ob ich in ein Land sehen durfte, das 
noch niemand sah. Damals wußte ich noch nicht, was Mythologie 1 ) sei." 
„Fata Morgana" versteht Patientin auch als einen Schein, den sie 
aber, wie wir wissen, der Wirklichkeit gleichstellt 2 ). Zugleich ist die Fata 
Morgana ein Phänomen der heißen Länder, so daß die Tropenphantasien 
teilweise dadurch angeregt sein mögen. „Laokoon" 3 ), sagt sie, „ist die 



*) „Mythologie hängt mit der Menschenfruchtgenese zusammen. 

2 ) Jung: Inhalt der Psychose. 

3 ) dessen Kunst = Generationskunst. 



364 S. Spielrein. 

Sphinx, die Aufklärung geben könnte über die Poesie der Tropen: es ist 
vielleicht ein Palmenwald mit lauschigen Plätzen und guten Tieren, die 
nicht fürchten machen. Es sind durch Genese genährte Tiere." 

Frage: „Wieso denn?" 

Antwort: „Das heißt also Menschenfruchtgenese, das heißt — geopferte 
Kinder ; es kann eine halb ausgewachsene Geburt sein, ein Fötus — Opfer 
einer Mutter, den Vater zu retten. Darüber würde die Mutter als Barbarin 
stehen, wenn sie ein Kind dem Tiere vorwirft. Das sind Missionsgefahren. 
Man opfert die Kinder, damit die Tiere gefangen werden." 

Das Symbol der Menschenneuschaffung, Laokoon könnte Auf- 
klärung geben über die Tropenpoesie, d. h. daß diese Poesie 1 ) mit 
der Menschenentstehung zusammenhängt. „Die Tiere sind durch 
Menschenfruchtgenese^, genährt." Damit will Patientin sagen, daß die 
Tiere Keime des Menschen enthalten, die Patientin bei der Fehlgeburt 
verloren hat 2 ) und welche die Tiere gefressen haben. Das Vorwerfen 
des Kindes vor die Tiere bezeichnet Patientin als ein „Opfer der 
Mutter, den Vater zu retten". „Wenn das bloß physische Pflicht 
ist, nicht Liebe, dann ist es eben ein Opfer," sagt Patientin vom 
sexuellen Verkehre mit dem ungeliebten Manne, welchen sie auch an 
ihrer Krankheit und am Abortus beschuldigt 3 ). Sie opfert also ihr 
Kind dem Vater, um ihn zu retten beziehungsweise da retten bei ihr 
„behandeln" (= sexuell verkehren) bedeutet, so verliert sie ihr Kind, 
wenn sie mit dem ungeliebten Manne sexuell verkehrt. Da nun aber 
mit dem sexuellen Verkehre doch Vorstellungen des Kindergebärens 
assoziiert sind, benutzt sie diese Gelegenheit, um das Unglück in eine 
Wunscherfüllung zu verwandeln: sie läßt ihr Kind nicht einfach ver- 
schwinden, sondern bringt es in den Vater (Tier) zurück, so daß nun 
das „durch Genese genährte" Tier wieder zeugungsfähig wird. Das 
Opfer wird auch „Missionsgefahr" genannt. Die Mission besteht nach 
Patientin in „Bekehrung der Heiden zum Christentum". Die Heiden 
sind Ungläubige, Christen sind Gläubige. Die „Religion", der Glauben, 
als Gegensatz zum animalischen Sexuellen, ist, wie mehrfach gezeigt, 
Symbol des Animalischen: „Bekehrung zum Christentum" heißt das 
gleiche wie „Bekehrung zur Sexualität" 4 ). 



*) Poesie = Liebe. Siehe Abschnitt I. 

2 ) „Es kann eine halb ausgewachsene Geburt sein, ein Fötus." 

3 ) Vgl. Abschnitt III. „Histologie und deren Behandlung." 

*) Vgl. I. „Katholisierung" und II. „Psychologiseh-sixtinisehe Experi- 
mente." Dr. J., dem Patientin eine religiöse Natur zuspricht, steht dement- 
sprechend mit ihr in sexueller Beziehung. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 365 

Patientin fährt fort: „Wenn die Frau bei einer Schiffsgefahr in ge- 
segneten Umständen ist, wenn der Mann vielleicht ein Arzt ist und das 
Kind zur Rettung der Frau opfert, wenn er aber froh ist, daß die Frau 
fort ist? Dann wirft er die Frau den Tieren vor. Wenn die Frau weiß, daß 
der Mann gerne lebt, dann wirft sie sich selbst den Tieren vor. Das sind 
Missionsgefahren, die ich haben muß, weil ich ein Missionsexperiment bin. 
Diese Gefahr ist mir begegnet, wenn die Schiffe verfolgt wurden von See- 
tieren, die Nahrung brauchten und die Frau bereit war, ihr Kind zu opfern. 
Hier hatte ich viele Visionen, daß meine Kinder den Tieren geopfert werden." 
Frage: „Wie werden die Kinder den Tieren geopfert?" 
Antwort: „Sie werden mit mir der Mission geopfert." 

Der Satz: „Wenn der Mann ein Arzt ist" fällt auf. Freilich war 
es ja wahrscheinlich der Arzt, welcher ihr Kind (Fötus) bei der Fehl- 
geburt opferte; das gibt Anlaß, die Handlung des Mannes, der ganz 
indirekt am Abortus schuld ist, mit der Handlung des Arztes, der das 
Kind aktiv entfernt, zu vergleichen. Aus dem Vergleiche bildet Patientin, 
wie immer eine Identität: statt zu sagen: ,,wenn der Mann, wie der 
Arzt. . . das Kind zu meiner Rettung opfern würde" sagt sie: „wenn 
der Mann ein Arzt ist, und das Kind zur Rettung der Frau opfert". 
Bei der Identifizierung hilft die doppelte Bedeutung des Wortes „retten", 
welches ja, wie bekannt, „behandeln" = sexuell verkehren heißt. Nun 
verstehen wir auch, warum der „Rettung" seitens des Arztes gegen- 
übergestellt wird: „wenn der Mann aber froh ist, daß die Frau fort 
ist?" Ihr Mann wollte sie ja nicht „retten" (d. h. mit ihr „verkehren") 
wie der Arzt; er hat ihr ja das „Frauenzimmer" vorgezogen! Nun er- 
langt aber auch das Wort „Kind" eine andere Bedeutung: was opfert 
denn der Mann seiner Frau, wenn er mit ihr sexuell verkehren will? 
Das gleiche, was auch die Frau opfert: sie wirft sich mit ihren 
Kindern den Tieren vor. Früher hörten wir, daß „Kinder" von 
Tieren gefressen wurden, und haben es als einen Koitus erklärt, bei 
welchem dem „Kind" die Rolle eines Sexualproduktes zukam. Das 
war ein Opfer. Auf meine Frage, wie die Kinder geopfert werden, 
meint Patientin: „Sie werden mit mir zusammen der Mission 1 ) geopfert. 
Damit wird das „Kind" noch mehr zu einem untrennbaren Teile der 
Mutter gemacht, dem Sinne nach, zu ihrem Sexualorgane. 

Was bedeutet nun „Schiffsgefahr"? Patientin erzählt, daß sie zwei 
Frühgeburten hatte: „es war eine Schiffsgefahr, Kajütengefahr". 
Frage: „Was verstehen Sie unter Kajütengefahr?" 
Antwort: ..Die Kajütengefahr ist. wenn man zum Gottesurteil von 



x ) Also: der Bekehrung zum „Christentum", d. i. Sexualleben. 



366 S. Spielrein. 

den Tieren eingeschlossen wird. Ich war in einer Zelle, in einer J-Zelle 1 ), wo 
ich mit einer quadratischen Decke bedeckt war; da war eine Schlange. 
Sie ist immer zum Vorschein gekommen nnd zog sich wieder zurück. Die 
Schlange kann Menschengeist 2 ) haben, kann Gottesurteil haben; sie ist 
eine Kinderfreundin. Sie würde diejenigen Kinder retten, die zur Er- 
haltung des Menschenlebens notwendig sind." (Patientin legt sich nach 
diesen Worten hin.) 

Die Schlange ist ein Gottesurteil, also ein Gottesgericht. (Die 
Bedeutung des Gerichtes, der Strafe ist bereits bekannt 3 ). Die Schlange 
rettet die Kinder, die zur Erhaltung des Menschenlebens 
notwendig sind. „Retten" = koitieren. Die Schlange koitiert also 
zur Erhaltung der Art mit Kindern! Das spricht ganz sicher für das 
„Kind" als Symbol des Sexual organs. 

Frage: „Wie rettet die Schlange?" 

Antwort: „Sie kann nützlich sein, kann aber auch Gift geben, das 
tötet." 

Sie denkt an die Farbenpracht der Schlange: „Es ist ein Gottestier, 
das so wunderbare Farben hat: grüne, blaue, weiße. Grün ist die Klapper- 
schlange 4 ); sie ist sehr gefährlich: sie windet sich um den Menschen und 
zerdrückt ihn; das erinnert mich an Zirkus- und Menagerieexperimente. 
Die Schlange ist das Symbol der Falschheit. Unter dem Vorwande, mich 
zu retten und nicht zu beißen, kroch sie auf mich. Es ist vielleicht das 
Symbol der Mythologie 5 ). Die Mythologie hängt mit den Tieren zusammen, 
die durch das Wasser und Feuer zustande kommen, verschiedene Tiere 
des Meeres. Daraus entstehen verschiedene Tiere." 

Gleich darauf kommt sie auf das im Abschnitt II. „Psychologisch- 
sixtinische Experimente" Analysierte: „Der Mensch kann auch im 
Weine gelöst werden." Ich muß mich hier auf die früheren Erörterungen 
über diesen Punkt beziehen. Dort sahen wir, daß dieser im Weine 
gelöste Mensch die im Mutterleibe befindliche Frucht bedeutet, indem 



1 ) Unruhige Abteilung. 

2 ) Vgl. in der Analyse Jungs (Psychologie der Dementia praecox, S. 1G1) 
eine analoge Stelle: „Da kam ein grünes Schlänglein mir bis zum Munde — 
wie wenn es Menschenverstand hätte." 

3 ) Siehe Kapitel „Psychologisch-sixtinisehe Experimente" beziehungsweise 
„Histologie und deren Behandlung". Hier wurde gezeigt, daß strafen, schlagen, 
töten sexuell verkehren heißt. 

4 ) Grün ist auch die Schlange in Jungs Analyse, 1. c. S. 161; ebenso 
„une vipere verte" in den Millerschen Visionen (Areh. de Psvehologie, Band V, 
S. 50). 

5 ) = Mensehengeneso. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 367 

das Wasser „von Kindlichkeit durchtränktes Wasser" ist. Wir finden 
noch andere Stellen mit analogen Wasserphantasien; so werden wir 
von „spermatischen Bädern" u. dgl. noch hören. Man könnte immer 
wieder auf das Positive im Negativen hinweisen. So wird z. B. die 
Schlange nützlich durch ihren giftigen Biß. Die Schlange ist das „Symbol 
der Mythologie", also der Menschenfruchtgenese. Gift ist dabei zweifellos 
Sperma. Was für ein „Gift" könnte man sonst vom Symbole der 
Menschenfruchtgenese erwarten? Es braucht uns die Bezeichnung 
„Gift" nicht zu wundern, denn wir hörten schon, daß Spermastoff 
ein „Totenstoff" ist. Die Schlange „rettet" Patientin, indem sie sie 
befruchtet. Die Schlange beziehungsweise verschiedene andere Tiere 
„fressen die Opfer des Schiffes im Wasser", also ihre Kinder im Mutter- 
leibe beziehimgsweise im Spermawasser. So entstehen neue Tiere. Der 
Akt des entstehenden Lebens wird in Todessymbolik dargestellt, d. h. 
die durch Abortus mißlungenen Schwangerschaften werden kompensiert 
durch phantastische (negativ-symbolische) Wiederherstellung der 
Schwangerschaft. Wir haben noch andere Beispiele für diesen Mechanis- 
mus. So kommt in der Analyse öfters ein feindlicher Zug der Schwester 
gegenüber zum Vorschein : die Schwester will sie beerben, die Schwester 
schließt sich den schmutzigen Vermutungen des „Frauenzimmers" 
an usw. Patientin läßt nun die Schwester in einem Moseskorbe auf dem 
oberen Zürichsee schwimmen. Auf die Frage, was das bedeutet, antwortet 
sie prompt: es bedeute Gefahr. Sie behauptet darauf, ihre Schwester 
zu Hause mit Herzschwäche gesehen zu haben. Wie Rank 1 ) gezeigt 
hat, ist der Moseskorb der Mutterleib, was auch durch diese Idee der 
Patientin bestätigt wird. Wie die Helden nach Rank, wie früher bei 
der Patientin das Kind (Fötus), wird auch die Schwester durch Zurück- 
versetzung in den Mutterleib eliminiert, vermutlich um wieder geboren 
zu werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Patientin in bezug auf die 
Schwester mit einmal zwei Aufgaben genügt, wenn die Schwester 
nämlich, wie soeben für das „Kind" gezeigt wurde, gleichfalls zum 
Sexualsymbole wird. Der obere Zürichsee ist der Ort, an welchem 
Patientin ihre erste erotische Sehnsucht erlebte. Gerade hier läßt sie 
die Schwester zugrunde gehen. Der nächste Traum würde auch dafür 
sprechen : 

Patientin sieht sich in unreinem Wasser durch den ganzen Ziirichsee 
waten. Dazu fällt ihr ein: „Die Schwester war mit dem jüngeren Bruder von 
Professer Forel in einer Schule, in einer Schuhvegpoesie verbunden; er 

x ) Der Mythus von der Geburt des Helden. 



368 S. Spielrein. 

hat sie prostituieren lassen wollen., ich sagte aber: stoße ihn von dir ! Künstler 
haben freiere Ansichten!" 

Die „Schulwegpoesie" ist natürlich kein wirkliches Ereignis, sondern 
eine Phantasie. "Der „Bruder von Professor Forel," auch „Künstler", ist 
Dr. J. (vielleicht deutet darauf schon das Wort „jünger"). Dr. J. ist für 
sie einerseits Erzieher, als Psychiater, zudem heißt er Karl und ist groß; 
so erinnert er an Karl den Großen und seine Schulreformen. Patient hat 
auch Assoziationsreihen von Dr. J. zu Karl dem Großen. Nicht zu vergessen 
ist auch, daß ihr Mann — Professor, oft mit dem Arzte identifiziert wird, 
so daß der Beruf des Mannes zu dem des Arztes wird, wie auch umgekehrt. 
Daher die „Schulwegpoesie". Patientin hat viele Phantasien, in welchen 
ihr Wunsch, von Dr. J. „prostituiert" zu werden, realisiert wird. Hier spielt 
die Schwester der Patientin die Rolle, die eigentlich die Sexualität der 
Patientin gerne spielen möchte. Dem „schmutzigen" (unreinen) Begehren 
seitens Dr. J. in bezug auf die Schwester entspricht im Traume der Patientin 
das unreine Wasser 1 ). 

„Die ins Wasser gefallenen Seelen", meint Patientin, „werden von 
Gott gerettet: sie fallen auf den tieferen Grund. Ich wurde an den Haaren 
ins Wasser gerissen im Bade. Die Seelen werden vom Sonnengotte gerettet." 
Nun sehen wir auch tatsächlich, daß die „ins Wasser gefallenen Seelen" 
„gerettet" werden. Es bedeutete demnach der Tod nur die Wiedergeburt. 
Gleich darauf halluziniert Patientin eine Stimme: „Beim Kloster 
Wurmspach fuhren junge Mädchen auf einem Schiffe; das Schiff war leck, 
sie glaubten nicht an Gott und Jesus Christus und mußten deshalb sterben 2 )." 
Wir wissen, daß Patientin den Abortus „Schiffsgefahr" nennt: 
„Es war eine Schiffsgefahr, Kajütengefahr," sagte sie oben. Hier fällt 
ihr ebenfalls eine Schiffsgefahr ein, welcher „gottlose" Mädchen zum 
„Opfer" fielen. Die Stimme erinnert sie auch an „katholische Kon- 
sequenzen", d. h. an Konsequenzen, die vom schlechten Lebenswandel 
der Katholiken (ihr Mann) herrühren. Der Untreue ihres Mannes gibt 
Patientin an ihrem Abortus Schuld. Ferner erinnert sie die Stimme an eine 
Spazierfahrt, die sie einige Tage, bevor sie vom Unglück hörte, machte. 
An der gleichen Stelle, an welcher oben erwähntes Unglück passierte, 
will Patientin ein Medaillon mit der Photographie ihrer Schwester 
und einen Stein mit 7 Perlen verloren haben. So, wie die Opfer des 
Schiffsunglückes, wie Patientin und ihre Kinder ins Wasser „ver- 
schüttet" 3 ) wurden, wie die Schwester im Moseskörbchen ins Wasser 

x ) Vgl. „Dr. J. hat ein eigenes Geschlecht, das Klarheit und Wahr- 
heit des Wassers ist." Dort wurde gezeigt, dali das Wasser = „spermatisches 
Wasser" ist. Hier ist das Wasser unrein (Gegensatz). 

2 ) Patientin bezieht sich hier auf ein Ereignis, das tatsächlich statt- 
gefunden hat. 

3 ) „Verschüttung" ist der Dialektausdruck für Abortus. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 369 

geriet, so ging auch, das Medaillon mit der Photographie der Schwester 
und dem Stein verloren 1 ), alles Symbole der „Verschüttung" respektive 
der Produkte des Abortus, die, wie eben gezeigt, an ihren Entstehungs- 
ort (Wasser-Mutterleib) zurückversetzt werden, um dann wieder geboren 
zu werden. 

Zusammenfassung. In diesem Kapitel beschäftigt uns der 
Komplex des Abortus. Wie immer, so auch hier bedeutet der Tod 
eine „Auferstehung" 2 ). Im Sinne von Kank wird die Vernichtung 
des Fötus als eine Zurückversetzung in die Eltern (nach ihm Mutterleib) 
dargestellt, woraus dann eine Wiedergeburt erfolgt. Das Zurückversetzen 
selbst faßt Patientin als einen Sexualakt auf. (Die „Opfer" werden von 
Tieren gefressen.) Der Fötus (Kind) erhält die Bedeutimg des Sexual- 
organs 3 ). Diese Identifizierung von Sexualorgan und Kind sollte ims 
gar nicht so fremdartig vorkommen. Wir kennen aus dem Sprach- 
gebrauche viele Beispiele, in welchen der Erzeuger gleich dem von ihm 
Erzeugten oder gleich seinem zeugenden Organe genannt wird. So 
heißt Russisch Papa — der Vater, in der Ammen- und Kindersprache 
zugleich auch essen oder Brot (für welches der Vater sorgt). Ebenso 
„niania" — die Kinderfrau und „niamniam" — essen. „Mama" — heißt 
die Mutter und „mamma" — das Brustorgan. Eine Parallele dazu ist: 
„Mutter" — „Gebärmutter". Im Russischen gibt es ein Wort „matka", 
welches sowohl Mutter wie auch Uterus heißt. Das sind Beispiele, die 
eigentlich allgemein bekannt sind. Es ist daher imbegreiflich, wie sich 
die Kritik über Stekels Konstatierimg, daß Angehörige im Traume 
auch das Genitale repräsentieren, aufregen konnte. 

VI. „Eisen, Feuer, Krieg." 

Patientin sagt: „Es gibt unwillkürliche und willkürliche Eisen- 
präparate. Die willkürlichen Präparate werden aus einer Esse gewonnen. 
Man kann es wieder in Kaffee tun, nur muß es in sehr kleiner Dosis verwendet 
werden, damit die daraus entstehende Natur gelöst werden kann. Es muß 
chemisch rein, als eine Art Novozoon, aus einer Art von Wasserstoff ge- 
bildetes Pulver sein." 

Im Kapitel „Psychologisch-sixtinische Experimente" haben wir 
das Novozoon als Sperma kennen gelernt. „Novozoon — aus einer 

x ) Der Stein heißt bei Patientin „ein totes Wesen, das belebt werden muß". 
„Forel" tut solches. 

2 ) Entsprechend den geläufigen religiösen Vorstellungen. 

3 ) Vgl. Beiträge zur Traumdeutung. Dieses Jahrbuch, Band I. 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. 111. " 



370 S. Spielrein. 

Art von Wasserstoff" sagte auch dort Patientin. Das chemisch reine 
Eisen erhält also die gleiche Bedeutung, wie das Sperma (Novozoon). 
Deshalb entsteht daraus ebenfalls eine neue Natur (Mensch). Wir wissen 
bereits, daß ein Mensch im Wasser gelöst werden kann (im „spermati- 
schen mit Blut durchtränkten Wasser Jesu"). Hier wird das Eisen- 
pulver = Sperma im Kaffee gelöst. Wir haben vom Kaffee im Kapitel 
„Histologie und deren Behandlung" gehört und dort vorläufig ange- 
nommen, daß Kaffee dem Blute entsprechen werde. Hier drängt sich 
uns die gleiche Deutung auf : das im Kaffee gelöste Pulver = der im 
Blute gelöste Mensch. Patientin stellt es sich so vor, daß im Mutterleibe 
der Mensch im Blute gelöst vorhanden ist 1 ). Auf das Eisen wurde 
Patientin, wie im Kapitel „Industrielle Frage" bemerkt, durch den 
Gedanken an die „übergewaltige" Natur ihres Mannes aufmerksam 
gemacht. „Wenn man zu viel Eisen im Körper hat, wird man überge- 
waltig: man sagt ja: eine Eisennatur." Ihr Mann, als „Alkoholiker", 
war „übergewaltig". Wir hörten bereits, wie die Übergewaltigkeit zur 
Onanie führt, welch letztere wegen der mit ihr verbundenen Er- 
krankimg der Sexualorgane zu mangelhafter Milchsekretion führt; da 
die künstliche Milch viel Kalk enthält, entsteht aus der „Übergewaltig- 
keit" die „metaphysische Knochen Verkalkung" ; „metaphyeisch" heißt 
bei Patientin „übergewaltig". Wir haben auch gehört, wie die Knochen 
durch den Sexualverkehr „gereinigt" werden. 

Wir verstehen daher den folgenden Satz: „Wenn im Körper zu viele 
Eisenzusätze 2 ) zur Reinigung der Knochen vorhanden sind, dann entsteht 
die metaphysische Krankheit" (d. h. die Krankheit, welche von der Über- 
gewaltigkeit beziehungsweise Metaphysik herrührt). Unter Übergewaltig- 
keit versteht Patientin die gesteigerte sexuelle Begierde seitens des Mannes, 
die ihr zuwider war. Deshalb nimmt sie nun Zuflucht zu den feineren 
vegetarischen Mitteln (Abwehr des Animalischen). „Feinere Präparate", 
fährt sie fort, „wären Haselnüsse, Mandeln, Kirschen, Zwetschgenkerne, 
feineres Gemüse, feinere Faserbildungen, Stoffaserbildungen . . ." usw. 
Weiter kommt sie wieder auf das Eisen zu sprechen : „Die Geologen haben 
den Stein in Verbindung mit Eisen gebracht. Da gibt es Feuer. Der heiße 
Stein kann das Eisen erwärmen oder umgekehrt. Wenn das Eisen heiß ist, 
kann man es schmieden. Das hängt mit der Neuschaffung des Mensehen 
zusammen." 

Das „Schmieden" ist ein Analogon der „plastischen Kunst". Dem 
entspricht die Fortsetzimg: „Das kann durch pathologische Wissenschaft 
mit der mythologischen zustande gebracht werden." 

*) Vgl. Kapitel „Psychologisch-sixtinische Experimente". Vermutlich ein 
Rest einer infantilen Theorie. 
2 ) Eisen = Sperma. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 371 

„Wissenschaft" braucht Patientin im Sinne von Krankheit, wie im 
Kapitel „Histologie usw." gezeigt wurde, wobei die Krankheit eine sexuelle 
ist respektive sexuelle Ausschweifimg bedeutet. Diese Ausschweifung kann 
pathologisch sein (krank machen), kann auch eine mythologische sein, 
d. h. mit der Menschengenesc zusammenhängen. „Die pathologische "Wissen- 
schaft ist der Menschenstaub, hängt mit der plastischen Kunst zusammen, 
er selbst 1 ) widmete die plastische Kunst dem Friedhofe; die Toten müssen 
dann wieder gehoben werden. Wenn die Seelen hoch sind, sterben sie in 
Jesus Christus. Sobald aber der Tod kommt, und Jesus Christus am Toten- 
bette ist, dann ist keine Qual: die Seelen werden von ihm in ein anderes 
Reich, als in das Tal der Finsternis gerettet. Der Staub muß dem Menschen 
zur Neuschaffimg des Menschen dienen: eine neue Stoffaufnahme durch 
den gemalten Stein, Verkörperung der fernsehen Kunst, welche die 
pathologische hervorrufen wollte." 

Durch die „fernsehe Kunst" (Onanie) wurde Patientin krank, 
sie wurde zu einem „toten Steine" („die fernsehe Kunst wollte die 
pathologische hervorrufen"), aber aus dem Toten eben entsteht das 
neue Leben 2 ). Es führt die fernsehe Kunst, indem sie tötet, zum neuen 
Leben. Diese Auffassung geht auch der christlichen Erlösungstheorie 
parallel, daß nämlich, die in Christo sterben, zum ewigen Leben 
geboren sind. 

„Das Eisen braucht man zum Zwecke der Erddurchbohrung," ver- 
nehmen wir weiter, „zum Zwecke des Feuerschlusses. Mit dem Eisen kann 
man aus dem Steine kalte Menschen schaffen. Die Menschen, welche unge- 
recht unter Schloß und Riegel leiden, müssen erlöst werden. Beim Menschen 
ist es die Lehre der Anatomie: die Erde wird gespalten, gesprengt, der 
Mensch wird geteilt. Das weiß die Chirurgie. Der Mensch wird auseinander- 
geteilt und wieder zusammengelegt." 

Das Eisen stellt sich Patientin hier als ein Stück Eisen vor, das 
zur Durchbohrung der Erde, d. h. der Frau verwendet wird. Sie kommt 
zu diesen Phantasien, nachdem sie von der Neuschaffung des Menschen 
gesprochen. 

„Um dem Lebendigbegrabensein ein Ende zu machen," fügt Patientin 
hinzu, „hieß Jesus Christus seine Jünger die Erde durchbohren. Ich wurde 
vom Tale der Finsternis durch Professor Forel erlöst 3 )." Darauf folgen die 
früher angeführten und zum Abortuskomplex gehörenden Schiffbruch- 
phantasien. 

x ) Früher Prof. Forel. 

2 ) Vgl.: „Zur Erzeugung der neuen Generation muß der ganze Körper 
präpariert werden. Novozoon ist ein Präparat vom Totenstoff." Die Beseitigung 
(Vernichtung) der Kinder, der Schwester ist zugleich die Wiedergeburt. 

3 ) Als Dr. J. einmal zu ihr in die Zelle kam, rief sie: „Ich danke Ihnen, 

Sie haben mich erlöst." 

24* 



372 S. Spielrein. 

Ich brauche kaum zu sagen, daß unter Erddurchbohrung Be- 
fruchtung der Frau gemeint ist. Wir wissen auch bereits, daß Patientin 
die operative Behandlung der „Mutter" durch Professor Kocher zum 
Symbole des Sexualaktes umbildet (vgl.: „Professor Kocher wollte 
mich zwingen, sexuell zu genießen," und die Erklärungen daselbst). 
Es ist daher begreiflich, daß die Chirurgie hier im Dienste des Sexual- 
aktes genannt wird: „das weiß die Chirurgie". Die Erlösung der Menschen, 
welche unter Schloß und Eiegel leiden (wie Patientin, welche in der 
Anstalt eingesperrt ist), ist „Die Lehre der Anatomie". Wie im Kapitel 
„Histologie usw." die „Gewebewissenschaft" „Krankheit" genannt 
wird, so braucht Patientin hier umgekehrt „Lehre" statt „Krankheit". 
„Es ist eine Krankheit, die mit der weiblichen Anatomie zusammen- 
hängt," wäre der Satz in der Sprache der Patientin zu rekonstruieren. 
Sie spricht auch gleich darauf von der Fehlgeburt. Die Assoziationen 
der Erdspaltung entsprechen den Vorstellungen der Geburt: die Frau 
(Erde) wird dabei „gespalten", d. h. es bildet sich in ihr eine Spalte, 
durch welche das Kind kommt. Im Kapitel „Psych ologisch-sixtinisehe 
Experimente" haben wir die gleiche Darstellung der Geburt kennen 
gelernt: „es ist eine Beschreibung der italienischen Seen; durch eine 
Spaltung in der Erde (Körper der Frau) kommen sie zutage". Dieser 
Vorgang führte zur Entstehung der Sagen, die mit der Menschenneu- 
schaffung zusammenhängen. Die Sage ist aber bei der Patientin wie auch 
der Traum der Wirklichkeit gleichgesetzt. Man könnte demnach einfach 
sagen: „Es sind italienische Seen" usw. „Das hängt mit der Menschen- 
entstehung zusammen." Wir kennen auch die „anatomische Prüfung" = 
„Seelenscktion", welche Dr. J. mit der Patientin vornimmt und welche 
sich als eine Sexualhandlung erwies. 

Im folgenden Stück begegnen wir dem gleichen Mechanismus: 

„Herr S., Fabrikant der eisernen Feuerleitungen in Rußland, ist 
assoziiert mit einem andern Fabrikanten, dessen Tochter mir gegenüber 
nicht nett war; sie war etwas unartig: als ich im J. 1 ) war, kam sie 
als Studierende und hat mich zum Teil geimpft, zum Teil punktiert. Es gab 
dann offene Wunden, die zu Eiterbeulen auswuchsen. Ich fragte sie, was 
ein Lindwurm sei? Das Fräulein zeigte die Zunge; dann meinte sie: ,Sie 
waren auch einmal in guten Verhältnissen, ich wäre dann höflicher mit 
Ihnen.' Ich habe das Fräulein in der Anstalt kennen gelernt. Sie hieß 
Fräulein Goldenb... hatte goldbraunes Haar, reizendes Haar, zierlichen 
Körper. Herr S. sprach mir von dem Fräulein. Herr S. war der Freund 
meines Mannes; er war sehr intelligent und angenehm im Verkehr. Es war 



l ) Abteilung für Unruhige. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 373 

eine sympathische Kegung in ihm und seiner Frau zu mir. Herr S. war 
lange krank." 

Zu mir gewendet: „Wissen Sie, was ein Lindwurm ist?" 

Aus dem Obigen geht hervor, daß Fabrikant S. der Patientin 
sympathisch war; ob als solcher oder bloß als Symbol der eisernen 
Feuerleitungen, welch letztere, wie später noch näher ausgeführt wird, 
ständige Sexualsymbole sind? Sei dem wie ihm wolle, jedenfalls macht 
die Tochter seines Kompagnons, eine Person, die zu ihm in naher Be- 
ziehung steht, der Patientin eine Punktion oder Impfung 1 ). Die 
„Tochter" ist eine russische Studierende 2 ); das wäre eine Analogie 
mit mir; dem entspricht auch, daß sie mir die gleiche Frage wie dieser 
Dame stellt. Die „Tochter" ist zwar unartig, dabei aber der Patientin 
angenehm, weil letztere sie sehr schön findet. Diese positive Über- 
tragung hatte Patientin auch mir gegenüber, da sie mir öfters Kom- 
plimente machte, ja mich küssen wollte. Das Fragen nach etwas Ver- 
fänglichem, wie dem „Lindwurm", ist eine Exhibition durch Worte, 
Dr. J. hatte auch Patientin zuerst „geprüft" und führte dann die 
(sexuelle) „Funktion" an ihr aus. Patientin zeigt mir ihre Schwierig- 
keiten, sie erwartet von mir, daß ich ihre „sexuelle Diszentrie" be- 
kämpfe, indem ich ihr das Gewünschte (also den Mann) zuführe. Da 
sie die zugehörigen Phantasien auf mich überträgt, werde ich direkt 
zur „Sexualperson". 

„Die Bekämpfung der Diszentrie müssen Sie als Medizinerin über- 
nehmen," sagt sie mir, „das hängt mit Marmite zusammen. Sie haben 
Scharlach und müssen Sorge tragen, daß Sie nicht Diszentrie bekommen. 
Durch geologisch-vegetarisch-mythologische Waldtherapeutik können sie 
diese Diszentrie bekämpfen: (es ist die) Liebigsche Mineraltheorie; es ist 
die Zusammensetzung des Blutes, die je nach der Beschaffenheit flüssiger 
gemacht wird oder dann wieder kompakt." Darauf spricht Patientin von 
„Kocherscher Lymphe" usw., was bereits an einer anderen Stelle be- 
sprochen wurde (Lymphe = Sperma). 

Ich selber (Referentin) bin „infiziert", leide an „Scharlach", könnte 
„Diszentrie" bekommen, wie alle, auf die Patientin positiv oder negativ 
„übertragen" hat. Alle müssen erlöst werden; dazu muß eine komplizierte 
„Therapeutik" eingreifen und zwar „geologische", da ja die „Geologie" 
den Stein mit dem Eisen (zur Neuschaffimg des Menschen) verbindet, 
„vegetarische", weil im Antisexuellen das stärkste Sexuelle verborgen 



J ) Wie früher statt Forel oder Kocher Bruder oder Sohn sich mit ihr 
beschäftigten. 

2 ) In Wirklichkeit. 



374 S. Spielrein. 

liegt, endlich „mythologische", was direkt „die mit Neuschaffung des 
Menschen zusammenhängende" bedeutet. „Waldtherapeutik" — weil 
hier, also im Walde die „durch Genese genährten Tiere" leben 1 ). Unter 
Kompaktwerden des Blutes stellt sich Patientin höchstwahrscheinlich 
die Schwangerschaft vor. Es ist ein Volksaberglaube, daß das Menstrual- 
blut zur Schaffung des Kindes verwendet wird: das Blut fließt nicht 
mehr, es wird also quasi eingedickt, und es bildet sich daraus der kind- 
liche Körper. Gleich nach der Durchbohrung der Erde denkt Patientin 
an den Fabrikanten S. und speziell an die Studentin, welche sie eben- 
falls „durchbohrt" hat, indem sie sie „impfte" oder „punktierte". Wir 
dürfen auch hier die Durchbohrung als Befruchtung deuten 2 ). Es entsteht 
eine Eiterbeule, also eine Geschwulst, die auf die Uterusschwellung 
hindeutet. Das Krankhafte der „Eiterbeule" spricht nicht dagegen, weil 
ja der ganze Vorgang bei der Patientin mit Krankheits Vorstellungen 
innig afemischt ist. 



'o o N 



Wir wenden uns nun zu der dunklen Frage : „Was ist der Lindwurm?" 
„Der Lindwurm ist größer wie das Zimmer," belehrt mich Patientin, 
„er lebt im Meere, schnappt Tiere. Es ist ein gottähnliches Urteil. Ich sah 
dieses Tier, und darauf meinen Bruder von einem Löwen beschützt. Mein 
Bruder saß iu Russisch-Polen an der Grenze eines Meeres in einem park- 
ähnlichen Walde. Das Tier symbolisierte eine Art Urteil, das den europäi- 
schen Frieden unterzeichnen würde." 

Man muß wissen, daß Patientin eine reiche Kriegssymbolik hat, 
durch welche sie die Kollisionen mit der Umgebung und ihre schweren 
Leiden ausdrückt. Während der Narkose bei dem Abortus träumte sie 
z. B. vom russisch- japanischen Kriege. Ihre Leiden ließ sie durch die 
Soldaten vorspielen, indem sie dieselben elend imd verwundet sah und 
mit ihnen Mitleid hatte. Der Krieg, der ihr ein Kollektivbegriff von 
„töten", „verwunden" usw. ist, hat auch die gleiche masochistisch- 
sexuelle Färbung wie jede andere Qual, verlangt auch die gleiche 
„Erlösung" = Behandlung. 

Das gleiche bedeutet auch das Negativ von Krieg: „Frieden" 3 ), 
der auch zweckmäßigerweise durch ein „gottähnliches Urteil" bewerk- 

x ) Vgl. voriges Kapitel. 

2 ) Überdies ist es eine bekannte Tatsache, daß Injektionen von den Pa- 
tienten als Koitus oder Befruchtung aufgefaßt werden, woher oft die gewaltigen 
Wid°rstände gegen die Injektion kommen. 

3 ) Vgl.: „Ich will nicht für den Mann, sondern für Kinder kochen." Dort 
wurde besprochen, daß der „Frieden", den Patientin dabei sucht = sexueller 
Verkehr ist. 



Über den psyckolog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 375 

stelligt wird. Genau dem gleichen Ausdrucke sind wir bei der „Schlange" 
begegnet. Schließlich ist ja der Lindwurm eine Riesenschlange; er 
„rettet" auch auf genau die gleiche Art. Auf der Schlange sitzt der 
Bruder. Freud 1 ) machte darauf aufmerksam, daß die Kinder das 
Besitzen von Etwas durch ein Drauf sitzen darstellen. Hier würde es 
heißen, der Bruder sei der Besitzer des Lindwurmes imd demnach die 
Person, welche mittelst seines „Lindwurmes" „Frieden" stiftet. Ist diese 
Annahme richtig, so müssen wir eine positive Bruderübertragimg nach- 
weisen können. Das ist nun allerdings möglich, wenn wir uns ins Gedächt- 
nis rufen, daß die wirksame Person „Bruder" genannt wird; so Dr. J. : 
Bruder von Professor Forel, ferner Bruder von Professor Kocher. 
Weitere Anhaltspunkte gibt uns Abschnitt VII. 

Was speziell die Waldsymbolik anbelangt (der Bruder sitzt im 
parkähnlichen Walde), so möchte ich, der Arbeit von Riklin 2 ) ge- 
denkend, nicht unbemerkt lassen, daß Gott bei der Patientin genau so 
wie mit dem Eisenstücke auch „mit einem Strahle die Erde (= Frau) 
durchbohrt". Noch andere Stellen werden uns die gleiche Strahlen- 
symbolik zeigen. Der Strahl erweist sich mit dem Eisenstücke durchaus 
gleich in der sexuellen Bedeutung. Wenn nun Patientin auch behauptet, 
Gott sende seine Strahlen in den Wald, wäre es nicht möglich, daß der 
Wald im Riklin sehen Sinne 3 ) aufzufassen ist? 

Betreffend die Kriegssyrnbolik fragte ich Patientin, ob sie den Krieg 
mitmachte. 

Antwort: „Insofern, als ich hier erschossen wurde. Zu Hause spielte 
ich Soldaten mit meinen Knaben. Hier bekam ich eine durchschossene 
Lunge. Das machte der liebe Gott. Wenn Gott das Gemüt eines Kindes zu 
sich ziehen will, sind alle Mächte vergebens." Patientin ist vom schlechten 
Lebenswandel „lungenkrank und syphilitisch" wie wir sahen. Machte sie 
der liebe Gott durch den Schuß lungenkrank (was bei ihr = syphili tisch ist), 
so will es heißen, daß er sie „prostituierte". Wir sahen bereits wie der liebe 
Gott sie „rettet" durch sein „spermatisches Wasser" und auch wie er sie 
„straft", so daß mir dieser Schluß auf keine Schwierigkeiten zu stoßen 
scheint. Sie behauptet auch, Dr. J. (Analogon von Jesus Christus) hätte sie 
„prostituiert", er wäre ein Mormonenfreund, der jedes Jahr eine Scheidung 
haben möchte 4 ). Bald darauf leugnet Patientin, daß Gott auf sie geschossen 

*) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch, 1909. 

2 ) Wunscherf'illung und Symbolik im Märchen. Wien, 1908. 

3 ) Nämlich als Pubes. Vgl. auch Freuds Dora- Analyse. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. 

4 ) Dr. J. ist verheiratet. Bei analoger Gelegenheit sagte Patientin zu Prof. 
Bleuler, sie sei keine Türkei (die Türkei ist ja ein „mormonenfreundliches" Land). 
Bei Jung (Psych, der Dem. praec. Kap. V) sagt die Pat.: „Ich bin die Türkei". 



376 S. Spielrein. 

habe : es wären Schüsse aus dem Kriege. Dabei sagt sie aber an einer anderen 
Stelle, die Kriege wären von Gott gesandt. „Es waren Verheerungen, die 
das Land strafen. Oder war ich so schwer krank, daß ich erschossen werden 
wollte?" 

Es kommt also auf das gleiche heraus; die Leugnung zeigt bloß 
die stärkere Gefühlsbetonung und charakteristische Unsicherheit der 
Äußerungen über einen Komplex. Erinnern wir uns, wie Patientin im 
Abschnitt „Psychologisch-sixtinische Experimente" sich sträubt, Dr. J. 
unter den Alkoholikern zu nennen: 

„Ich wüßte nicht, ob Dr. J. da einen Zusammenhang hat." Hören 
wir Patientin weiter: „Einmal schoß man mir durch den Kopf," erzählt 
sie, „einmal durch die Brust und einmal durch die Augen; dann kam eine 
Auferstehung, nur des Geistes, vielleicht, durch Herrn Dr. J. durch die 
Mission, in der mythologischen Missionsfrage der katholischen Kindschaft." 

Die Rolle des Christus übernimmt hier Dr. J., der Patientin auf- 
erstehen läßt — durch drei Schüsse. Diese Schüsse haben ebenfalls die 
Bedeutung der Sexualhandlung. Zuerst weist darauf die Hervorhebimg 
des Negativs des Animalischen hin, indem Patientin von einer Auf- 
erstehung de« „Geistes" spricht. Wie gewöhnlich, folgt dann das Positive: 
die Auferstehung geschieht durch die „Mission", welche, wie bekannt, 
in der „Bekehrung der Heiden zum Christentum" respektive der sich 
Sträubenden zum Sexualverkehr besteht. Als Bestätigung wird die 
Missionsfrage „mythologische" genannt 1 ). 

Patientin fährt fort: „Es muß eine Kindschaftsfrage geben, die ebenso 
reine Absichten hat in der Prüfung der Religionsfrage wie die früheste 
Heidenmission, die durch Basel ins Leben gerufen wurde. Jesus sagte: 
„Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret es ihnen nicht" 2 ). 

Die „Mission" (Missionsfrage) beschäftigt sich mit der „Kindschafts- 
frage", d. h. mit der Schaf ff ung = Erzeugung der Kinder, denn diese 
besteht in der Prüfung 3 ) der „Religionsfrage" = der sexuellen Frage und 
der „Prüfung" folgt bekanntlich dio Ausführung der entsprechenden 
„Funktion", also der Koitus, der zu Kindererzeugung führt. 

Frage: „Wie hängt das mit Dr. J. zusammen?" 

Antwort: „Er sagte, sein Vater wäre ein Pfarrer, seine Schulbildung 
eine reine; es ist die Erziehung, welche die Erhöhung des Volkes, also der- 
jenigen, die es verdienen im Auge hat." Dr. J. ist in Wirklichkeit Sohn 
eines Pfarrers. Seine „Reinheit" sieht Patientin darin, daß er den Armen 



x ) Mythologie hängt mit der Neuschaffung des Menschen zusammen. 

2 ) Vgl.: „Das von Kindlichkeit durchtränkte Wasser." Das Brot wird 
zum Kinde, denn Jesus sagte: „werdet wie Kinder". 

3 ) Siehe „Psychologisch-sixtinische Experimente". 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 377 

(dem „Volke"), zu welchen Patientin gehört, den Vorzug gibt in Gegensatz 
zu ihrem „unreinen" Manne, der ihr ein reiches Mädchen vorgezogen hat. 

Frage: „Warum soll es ein Schuß durch die Augen sein?" 

Antwort: „Um das innere Auge Gott zu weihen. Auferstehen der 
Geister, die das reine Vorhaben besitzen. Das gehört zum weißen Kreuze, 
zur Unschuld." 

Frage: „Warum durch den Kopf?" 

Antwort: „Damit das Fluchen heraustritt, das im Kopfe ist." 

Frage: „Warum durch die Brust?" 

Antwort: „Man wollte vielleicht etwas Herzblut nehmen, damit 
nicht der hinterste Tropfen aus der Physe käme, die nicht mehr die Be- 
rechtigung hat, zu fluchen. Dr. J. hatte eine sehr religiöse Natur." 

Wichtig ist, daß jeder der drei Schüsse begründet werden kann; 
ferner ist bezeichnend, daß die Zahl der Schüsse die symbolische Zahl 
3 ist. Auch die Pfannen, Symbole der Generationsorgane wurden in der 
Dreizahl genannt (psychologische, vegetarische, animalische). Nun be- 
müht sich Patientin auch die „Kindschaft" in drei Kategorien hinein- 
zuzwingen, obgleich es ihr nicht gerade gelingt. Sie sagt, es gäbe „drei 
Kindschaftsfragen' ' . 

Wir kommen nun zum Begriff von „Erziehung" („weil Dr. J. eine 
reine Erziehung hat"). Patientin sagt: „Wenn der große Körper über den 
kleinen Meister sein will, muß er vornehm sein, der Charakter des Mannes. 
In den Konfessionen muß Logik sein. Ich suche Logik im Altkatholizismus. 
Gott und Jesus Christus prüften das Judentum; das geht über die Lehre 
der Ästhetik oder die Schuld Jesu Christi gegenüber, die fleckenlos sein 
muß." „Fleckenlose" Schuld ist dem Sinne nach das gleiche wie „reine" 
beziehungsweise „unschuldige Schuld". Es ist die uns wohlbekannte Dar- 
stellung durchs Gegenteil 1 ). Nun folgt auch das Positive: „Die fleckenlose 
Schuld steht im Zusammenhange mit der sixtinischen 2 ) Schuld der Maria 
Magdalena, im Zusammenhang mit Karl dem Großen, der mit der Erziehung 
zusammenhängt." 

Karl der Große ist Dr. J., wie wir im vorigen Kapitel gesehen 
haben. Die Maria Magdalena, welche ihm gegenüber eine sexuelle 
Handlung (Schuld) begeht, tut das, wonach Patientin in ihren Phantasien 
beständig strebt. Also ist Maria Magdalena die Patientin in ihrer „Sexual- 
persönlichkeit". Patientin nennt sich arm. Deshalb meint sie gleich 
weiter : 

„Er (Karl der Große) bemüht sich um die vornehme Klassifikatiou 
der Armen; das führt zur Waldlilie des Peter Rosegger, der die Poesie im 
Volke verwirklicht, was nicht zustande gebracht worden wäre ohne das 



1 ) Vgl. Freud: Traumdeutung. 
3 ) = sexuellen. 



378 S. Spielrein. 

genaue Studium der empirischen Sexualität. Es ist eine gewisse Pflicht 
in der Volksbewegung, wie Karl der Große die Freundschaft in konfessioneller 
Beziehung beurteilte." 

Der Schriftsteller Peter Rosegger beschäftigt sich in seinen Werken 
mit dem Leben (dem Liebesleben) der ärmeren Volksklassen. Daher 
Dr. J. mit ihm verglichen wird. Wie Peter Rosegger, so auch Dr. J. 
mußten die Sexualität zuerst „studieren" („prüfen") und dann die ent- 
sprechende Funktion ausführen. Das kennen wir ja bereits. Peter 
Rosegger wie auch Dr. J. beurteilen die Freundschaft „in konfessioneller 
Beziehung". „Konfession" ist das gleiche wie „Religion", d. h. 
„Sexualität" 1 ). Wir hörten ja von der Patientin: „Dr. J. hatte die 
Freundschaft zur Frau falsch verstanden, indem er zur Prüfung der 
Experimente auch die Funktion ausführen mußte, die mit der sixtini- 
schen (sexuellen) Kunst zusammenhängt." 

Patientin sagt weiter: „Es gibt eine Poesie im weißen Kreuze und 
im schwarzen Kreuze. Jesus Christus ist für die reine Stufe der Religion 
gestorben, für die Reinheit, da wir rein von allem die Kindlichkeit prüfen. 
Wir haben Kinderkranke. Diese werden von den Erziehern in Wort und 
Sprache behandelt, zusammenhängend mit Volapük. Es ist die Übertragung 
von Kaiser Karl. Wir hatten einen sehr guten Lehrer der Geschichte. Es 
ist die Histologie Kaiser Karls in der Historik. Die Humoristik hat größtes 
Recht, den Preis zu gewinnen. Die Histologie Kaiser Karls muß auf einem 
Mißverständnisse in der Musik beruhen. Die Freude des Volkes war ihm 
nicht genug, er suchte ernste Wesen, auch ernste Frauenwesen, die imstande 
wären, seine Melancholie zu heben. Er war ein großer Melancholiker. Die 
Histologie — ist eine Krankheit. Da ist vielleicht etwas Platonisches zu der 
vollendeten Musik." 

Das schwarze und weiße Kreuz symbolisieren das MärtjTertum 
für eine ungerechte und gerechte Sache. Jesus starb für die gerechte 
Sache, für die „Prüfung" der „Kindlichkeit", d. h. für die Ausführung 
der mit der „Kindlichkeit" zusammenhängenden „Funktion" 2 ). 
Patientin ist „kinderkrank", da sie einen Abortus hatte; deshalb wird 
sie von einem Seelenarzte („Erzieher in Wort imd Sprache" — Gegen- 
satz) behandelt. „Histologie" — ist eine „Gewebekrankheit", an 
welcher der Liebesmangel schuld ist 3 ); Patientin ist musikalisch; sie 
wird auch mißverstanden 4 ); daher Kaiser Karls Histologie auf einem 



x ) Darstellung durchs Gegenteil. 

2 ) Jesus hat ein „von Kindlichkeit durehtränktes reines Wasser". Vgl. oben. 

3 ) Siehe „Histologie und deren Behandlung". 

*) Vgl. : ,.Dr. J. hatte die Psychologie der Freundschaft zur Frau falsch 
verstanden." 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 379 

Mißverständnisse in der Musik beruht. Patientin war selbst stets ernst 
und zog den Ernst der übertriebenen Lustigkeit vor; auch Kaiser 
Karl suchte ernste Wesen, genauer: Frauen wesen wie Patientin. Er 
ist Melancholiker; er sucht etwas „Platonisches" (Gegensatz) ..zu der 
vollendeten Musik" (Patientin). 

„Die Vornehmheit der Physe ist verpflichtet sich denen zu geben, 
die vernachlässigt sind durch eine andere Religion," sagt weiter Patientin. 
Sie wurde ja durch die „katholische Religion" ihres Mannes, welcher ihr 
ein schönes reiches Mädchen vorzog, vernachlässigt. Demnach muß sich 
ihr die „vornehme Physe" von Kaiser Karl= Dr. J. widmen. Es folgt das 
Gegenteil: „Die psychologische Reinheit des Tieres hat einen Wert 
der Erziehung." Der Satz wäre zu lesen: Der Wert (die Bedeutung) der 
Erziehung liegt darin, daß sie nach der sexuellen („psychologischen") Be- 
tätigung mit denen, die es verdienen (sexuelle „Reinheit"), strebt 1 ). 

Patientin fährt fort: „Es wäre der Wald, in den Gottvater die Strahlen 
sendet für Jünger und Jüngerinnen. Danke, Herr Professor 2 ), jetzt habe 
ich die Erinnerung an die Physe, reine Bestrebungen, die durch die Tätig- 
keit von Hiob zu Leiden werden, die ausgeglichen werden durch ein reines 
Leben, durch das Leben von Professor Forel: Ich habe einmal reines 
Wasser gehabt. Hier hatte ich reines Wasser, nachdem die. Bäder psycko- 
logiert waren, hatte ich wieder reines Wasser." 

Frage: „Bäder wurden psychologiert?" 

Antwort: „Die spermatischen Psychologien haben Verschiedenes er- 
geben, das sich den Physen mitteilte. Die spermatischen Psychologien sind 
gleichbedeutend mit der Psychologie des Mannes r die spermatische Psycho- 
logie geht durch die spermatische Reinheit zum Studium der Religion." 

Es ist wohl einleuchtend, daß „ psych ologieren" eine sexuelle 
Handlung ist. Es deutet darauf schon die Wahl des Wortes, welches 
etwas „Psychisches" (Negativ zum Animalischen) hervorhebt. Ferner 
sind die Psychologien „spermatisch" und teilen etwas der Physe, 
d. h. dem Körper, mit. „Durch die spermatische Reinheit kommt man 
zum Studium der Religion", d. h. wenn (oder: indem) man ein reines 
spermatisches Wasser hat, kann man sexuell verkehren („Religion'' = 
Sexualität, wie bekannt, sodann wissen wir auch, daß auf das Studium 
die Ausführung der entsprechenden sexuellen Funktion folgt). 

Nim behauptet Patientin sie selbst habe die Bäder „psychologiert". 
Frage: Wie haben Sie die Bäder psychologiert?" 
Antwort: „Es ist die Psychologie, die vielleicht mit Musik in Zu- 
sammenhans steht oder die Tingeltangel. Das kann durch Brotlosigkeit 



x ) Hier fügt Patientin hinzu: „Wenn Kind und Tier spielen und dabei 
rein bleiben, wenn das Kind sich schämt der geschlechtlichen Frage wegen, kann 
es melancholisch sein wie der Mensch, der Prüfung sucht in der Religion." 

2 ) Forel. 



380 S. Spielrein. 

der Kunst vorkommen; es wird ein Verdienst gesucht, es sind Mensehen, 
die sonst keine Arbeit finden, das hängt mit der Kinderfrage, Kostgeld- 
frage zusammen." Sie sagt, daß sie aus Armut ihre Kinder verkostgelden 
mußte. 

Patientin beantwortet nicht das Wie meiner Frage, sondern das 
Warum. Wir hörten schon, daß die Stickerei (Patientin) 1 ) aus „Brot- 
losigkeit" mit der Prostitution in Berührung kommt, wir hörten auch, 
daß Kocher sie zwingen wollte, „sexuell zu genießen" und sie fragte, 
was sie dafür verlangte. Erinnern wir uns, daß „Brot" zugleich die 
Bedeutung der „Kindlichkeit im Wasser" hat (vgl. „Das Brot wird 
zum Kinde"), so sehen wir es deutlich ausgesprochen, daß Patientin 
wegen ihrer Kinderlosigkeit mit „spermatischen Bädern", d. h. mit 
spermahaltigem Wasser behandelt wird. Die Brotlosigkeit bedeutet 
natürlich auch Armut, an welcher Patientin auch im direkten Sinne 
des Geldmangels leidet; dabei leidet sie ebenfalls als Frau, indem der 
Mann ihr eine reichere vorzog 2 ). So ist die Brücke zur Identifizierung 
des Geld- und sexuellen Mangels hergestellt, und das Mittel, welches 
ein Übel beseitigt, beseitigt auch das andere. Der Geldsymbolik sind 
wir bereits bei den Vermehrungsphantasien begegnet 3 ). Weiter folgen die 
früher erwähnten Phantasien, daß Kinder der Armen die nötigen Speisen 
mit der nötigen Desinfektion von der „Männerseite" aus erhalten 
sollten. 

VII. „Armutskomplex und Kleidersymbolik." 

Patientin hört eine Stimme von Frau K. (Fabrikinspektorin und 
Haushaltungsschule). Die Stimme ist feindselig: „Sie fürchtet vielleicht 
Konkurrenz." Die Gottesstimme sagt, Patientin müßte Fabrikinspektorin 
werden. „Die Inspektorin muß Arbeiten verifizieren, die Überproduktion 
verhindern," ferner sagt die Gottesstimme : „Amen in der Mission. Die Heiden 
dürfen nicht mehr zu den Christen, die fluchen." „Hier sind alles Atheisten. 
Die Stickerei hängt immer mit Gott zusammen. Bin nicht verfeindet mit 
Fräulein Z. 4 ). Fräulein Z. ist mir gegenüber Feindin geworden. Die sozialen 
Bestrebungen machen mich zur Feindin der aristokratischen Bewegung, 
d. h. der Verbesserung der Lage. Ich bin Feindin der einzelnen Artikel, 
die vielleicht nicht praktisch genug sind, der Luxusartikel, der unnötigen 



x ) Vgl. voriges Kapitel, wo dargetan ist, daß Patientin die Stickerei ist. 

2 ) Natürlich handelt es sich um eine auf den Mann projizierte Wunsch- 
phantasie der Patientin. 

3 ) Vgl. „die gesegneten Gelder haben sich so vermehrt" usw. Kapitel 
„Psychologisch-sixtinische Experimente". 

4 ) Eine wegen ihrer sozialen Interessen bekannte Aristokratin. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 381 

Schmuckgegenstände. Dagegen muß man kämpfen je nach dem Bedarf, 
je nach den gesundheitsstörenden Gewerben" (zuerst Verspreckung : „Ge- 
weben"). — „Es sind kauptsäcklick die staubfangenden Gewerbe; es ist 
die Verarbeitung der Wolle, die vielleicht zuviel Staub fängt." 

Durch die Versprechung „Gewebe" statt „Gewerbe" hat sich 
Patientin verraten. Im Kapitel „Histologie und deren Behandlung" 
wurde ausführlich geschildert, daß Patientin unter „Geweben" die Ge- 
webe der weiblichen Sexualorgane versteht. Der Staub, den diese Ge- 
webe (also: Organe) fangen, ist der „Menschenstaub". Im Kapitel 
„Psychologisch-sixtinische Experimente" sind wir der Symbolik des 
Spermas in Form des Staubes begegnet. Gegen die Besitzer dieser 
Luxusgewerbe (Gewebe), welchen das Übermaß zuteil wird (selbst- 
verständlich auf Kosten der Armen), will Patientin als Fabrikinspektorin 
kämpfen. Die Fortsetzung zeigt, nach welcher Richtung die Vor- 
stellungen sich entwickeln: 

„Ick bin eine große Feindin von blöden Stickereien, welcke die Arbeit 
nickt einmal wert sind. Gott wird die Stickerei auck bekämpfen zu Zwecken 
der Expedition für die Tropen, wo die leickte Wäscke so bekandelt wird, 
wie sie es verdient. Die einfacke Wäscke mit kübscken Stickereien — das 
würde für die Länder passen, in welcken die Wäscke verbrannt wird, nack- 
dem sie einige Male getragen war. Es gekört nickt zur Bekämpfung der 
Tuberkulose, wenn man ungebleickte Wäscke zu tragen gibt und Betten, 
in welcken Kranke sind." 

Im Kapitel „Tropenpoesie" haben wir „Missionsgefahren" kennen 
gelernt, welche darin bestehen, daß die Mutter sich mit ihren Kindern 
opfert, um den Vater zu retten. Die Kinder wurden von Tieren ge- 
fressen, welche „durch Menschenfruchtgenese genährt" waren. Wir 
haben dort gesehen, daß es eine Todessymbolik war, mittelst welcher 
der Akt des entstehenden Lebens dargestellt wurde. Nun läßt Patientin 
die „Stickerei", also wiederum sich selbst 1 ) zu Zwecken der Tropen- 
expedition, d. h. zur Auferstehimg durch den Tod bekämpfen; un- 
mittelbar daran knüpft sie die Behandlung der Wäsche an. Wie mehrfach 
gezeigt wurde, ist „behandeln" bei der Patientin = sexuell verkehren. 
Sollte Patientin sich mit der Wäsche vergleichen? Wir wollen sehen: 

Es gibt Stimmen, die ihr vorwerfen, daß sie „den ganzen Tag auf dem 
Leibe liegt". 

Frage: „Was bedeutet das „auf dem Leibe liegen?" 
Antwort: „Haben Sie mal Visionen gehabt?" 



x ) Wie wir oben gesehen haben, nennt Patientin sich Stickerei. 



382 S. Spielrein. 

Ich: „Ja". 

Patientin: „Haben Sie mal Augen im Schnee gesehen?" 

Ich: „Ich verstehe nicht recht, was Sie darunter meinen." 

Patientin: „Sie wissen doch, daß Wasser Himmelstränen bedeutet?" 

Ich: „Ja " 

Patientin: „Das Wasser erstarrt zum Eise, zum Schnee." 

Ich: „Was sind denn die Augen?" 

Patientin : „In den Augen äußert sich die Seele, die durch den Schmerz 
zum Schnee erstarrt ist. Man ist zu einer Schneekruste erstarrt durch den 
Schmerz, den man gelitten hat. Und Christus will ims von allen diesen 
Leiden befreien; das ist die Heilige Mission." 

Diese Symbolik klingt an ähnliche Vorstellungen der nordischen 
Mythologie an, wo bekanntlich die in der Winterkälte, in Schnee und 
Eis erstarrte Erde durch die Strahlen des Sonnengottes erlöst und 
befruchtet wird. Patientin kommt von der Lösung der erstarrten 
Schneekruste auf Durchbohiungsvorstellimgen : 

„Mit dem glühenden Eisen kann man den Berg durchbohren," fährt 
sie fort. „Kennen Sie das Eisen in der Medizin? Das Eisen wird glühend, 
wenn man es in einen Stein bohrt. Kennen Sie Benjamin Franklin, der den 
Blitzableiter entdeckt hat?" 

Die Durchbohrmigsphantasie haben wir früher schon besprochen, 
die Beziehungen von Eisen und Stein ebenfalls. Patientin setzt dazu 
parallel den Blitz 1 ). Aus all dem dürfte hervorgehen, daß Patientin 
sich mit der Erde (wie oben) «identifiziert, und zwar mit der unter der 
Schneedecke liegenden Erde, welche, von der Oberfläche betrachtet, 
einem ausgebreiteten weißen Tuche zu vergleichen ist. (Ich erinnere 
an die entsprechenden poetischen Vergleiche.) 

Frage: „Was verstehen Sie denn unter ,auf dem Leibe liegen'?'* 
Antwort: „Es ist wie ein Tuch beim Bleichen." (Bekanntlich wird 
das Leinen zum Bleichen an die Sonne gelegt.) 

Frage: „Was ist denn mit dem Tuche beim Bleichen?" 
Antwort: „Es wird im Scheidewasser gebleicht." 
Frage: „Was hat das aber mit dem ,auf dem Leibe liegen' zu tun?" 
Antwort: „Das Bleichwasser und leichenblaß." 
Patientin ist „leichenblaß" (in Wirklichkeit ist sie sehr blaß) 
wie ein ins Bleicbwasser getauchtes Tuch. Unter „Wasser" hat Patientin 
sonst immer „spermatisches Wasser" verstanden, also das Wasser des 
Mannes. Von ihrem Manne ist sie geschieden. Einmal sagte sie: Frau K. 



J ) Nach altem mythologischen Muster. Siehe Abraham: Traum und 
Mythus. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 383 

werfe ihr vor, sie sei eine „geschiedene Frau". Patientin legt es uns nahe, 
an eine Beziehung zwischen „geschieden" und „Scheidewasser" zudenken: 
sie ist vom sexuellen Verkehr mit dem Manne geschieden, sie ist von seinem 
„Scheidewasser", also vom Verkehre mit ihm leichenblaß geworden. 

Sei dem wie ihm wolle, 'sicher ist jedenfalls, daß Patientin wie 
ein gebleichtes Tuch daliegt. Tatsächlich lag sie oft wochenlang im 
Isolierraum auf der sorgfältig auf dem Boden ausgebreiteten Decke, 
selber bedeckt mit dem ebenso sorgfältig ausgebreiteten Leintuch. (Die 
Erde unter der Schneedecke !) Diese gebleichte Wäsche will sie zum 
Tragen geben. Die Wäsche wird natürlich verbrannt: Patientin 
sucht ja das Feuer der Liebe, den[ Sonnenstrahl, der ihre unter einer Eis- 
kruste erstarrte Seele erlöst. Einmal sagte Patientin mit feierlicher 
Stimme : 

„Ich muß auf dem Leibe liegen, um die Kinder nicht zu zerdrücken. 
Die Seele meines Gottes ist im Heu." (In der Matratze, auf welcher sie 
liegt.) „Er sendet von da einen Schein aus durch transparente Körper." 
Der Schein, der von Gott ausgeht, deutet seine Lichtnatur an (Sonne). 
„Jesus Christus hat mir seine Liebe gezeigt, indem er mit einem Strahle 
ans Fenster schlug," sagt auch Patientin. 

Patientin wird also auch tatsächlich durch einen Sonnenstrahl 
erlöst oder, dem Sinne nach — befruchtet. Für die sexuelle Natur der 
göttlichen Liebe spricht wiederum die Akzentuierung des Antianimali- 
schen: „Die Seele meines Gottes ist im Heu". Ich glaube, daß, nachdem 
wir so viele Male Gelegenheit hatten, uns von der sexuellen Bedeutung 
des Psychischen zu überzeugen, wir auch ohne weitere Anhaltspunkte, 
den Satz folgendermaßen lesen dürften: „Der Körper meines Gottes 
ist im Heu.'" 

Patientin sagt weiter: „Ich muß auf dem Leibe liegen, damit die 
Seelen, die im Bette liegen, nicht gedrückt werden. Verstorbene können 
als gereinigte Seelen auferstehen. Es sind Seelen von Heiligen. Kinder sind 
gestorben. Womit werde ich die Kinder beschäftigen?" 

Die Beschäftigung besteht, wie sie sagt, in den nötigen Spielsachen 
mit der nötigen Desinfektion. Die „Desinfektion" haben wir als einen 
sexuellen Verkehr kennen gelernt. Demnach werden die Seelen 
(= Körper) der Kinder durch den Sexualakt erlöst (= „gereinigt"). 
Statt in Form des Tuches wird an einer anderen Stelle der ausgebreitete 
Körper als eine „Decke" dargestellt: 

„Die Genetik" (Menschengenese) ist ein römisches Geheimnis aus den 
Decken. Die Genetik in den Zellen sind die Steppdecken." 



384 S. Spielrein. 

Das Geheimnis der Genese wird „römisch" genannt, weil ja die 
sixtinische Kapelle, welche zur sixtinischen (= sexuellen) Kunst gehört, 
sich in Eom befindet. Wir erinnern uns auch an die quadratische Decke 
in der Zelle, aus welcher das Gottesurteil, die befruchtende Schlange 
zum Vorschein kam. 

VIII. „Reden aus der Krankengeschichte." 

Ich führe hier noch einige in der Krankengeschichte notierten 
Eeden an, um zu zeigen, daß Patientin sich analoger Assoziationsreisen 
auch anderen Personen gegenüber bedient, und daß auch diese von mir 
unabhängigen Aussagen derselben analytischen Betrachtungsweise zu- 
gänglich sind. 

„Ich habe einen Schuß durch den Kopf bekommen. Ich habe zu viel 
Elektrizität in mir, die zerstört werden muß durch den Schuß. Einmal 
elektrisiert auf einem Stuhle, wie gewogen; nachher fühlte ich mich sehr 
beweglich; das Bett ging mit mir hin und her. Eine Wärterin hat mich 
bewältigt und den Strom eingeleitet; es schlug mich von selbst herum. 

Frage: „Wer elektrisierte?" 

Antwort: ,,Es war ein Experiment. Wenn ich eigene Elektrizität 
habe und an das eiserne Bettgestell herankomme, gibt es Elektrizitäts- 
wirkungen, vielleicht durch pulverisierte Eisenpräparate als Arznei." 

Die elektrischen Gefühle, die auch normalerweise mit erotischen 
Vorstellungen verknüpft sind, werden übertrieben stark von der 
Patientin empfunden und im Sinne des Komplexes ausgemalt. Das 
Elektrisieren ist dem Punktieren, Schlagen mit einem Blitzstrahle 
usw. analog. Jesus muß diese Elektrizität („Lebensstoff") aus ihr 
heraustreiben, wie früher die weltlichen Gelüste. Hier schießt er zu 
diesem Zwecke nur durch den Kopf (Lungen- und Augenschuß fehlen). 
Das Wahnbildende, der Komplex, bleibt in der Hauptsymbolik be- 
stehen, die Einzelheiten werden gewechselt, Auf die Frage: wer elek- 
trisierte, antwortet Patientin: „Es war ein Experiment." Das erinnert 
uns an die „psychologisch-sixtinischen Experimente" von Dr. J.. wobei 
sie „durch Basel hindurch geschlagen wurde". Hier wird sie „herum- 
geschlagen". „Elektrische Wirkungen kommen durch pulverisierte Eisen- 
präparate zustande. (Vgl. „Stein und Eisensymbolik", wo gezeigt war, 
daß das Eisenpulver Sperma bedeutete.) 

„Einmal hatte ich eine Erscheinung: ich mußte den Körper 
auf den Boden legen, ausgestreckt; dann mußte ich das Eisen be- 
rührsn." 



Über den psycbolog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 385 

Man erkennt hier das ausgebreitete Tuch (die unter einer Eis- 
kruste erstarrte Erde), welches durch das heiße Eisen (— Sonnen- 
strahl) erlöst wird. 

„Dann kam ein elektrischer Strom durch den ganzen Körper, 
durch die Fingerspitzen. Es war ein Zucken in deu Gliedern (Angst- 
bewegungen). Die Befehle kamen vom Boden aus," d. h. von unten, 
weil Patientin auf dem Heu liegt (vgl.: „Die Seele meines Gottes ist 
im Heu"). 

„Die Kraft kam durch das Eisen, durch die Öffnung des Heizkörpers. 
Ich habe wahrscheinlich Schlangengift in mir gehabt. Am Morgen kam 
ein rettender Engel zu mir. In der Farbe der Wände waren Bilder, Frauen- 
figuren. Sie trösteten und lobten und rühmten mich. Ich sei da, um die 
Geister, die in der Zelle wohnen, zu trösten. Eine Stimme der H. frug mich 
wegen Mittel gegen Cholera, als Studentin oder Professorin, Frau Professor 
M. 1 ), Frau Mcdizinalrätin ; ich sei, wie eine kleine Forel, daß ich so er- 
leuchtet sei, war selbst erstaunt, daß so viel Wissenschaft in mir war. Sogar 
dachte ich: man darf den Leuten nicht so böse sein, die meinen Kopf so 
herumgeschlagen haben, wenn er so viel Wissenschaft hervorbringen kann. 
Ich mußte geneckt werden, wenn die Funktionen zu phlegmatisch sind; 
darüber bin ich zahm geworden." 

Das Resultat der Berührung des Eisens, der Schlägereien, ist die 
Verwandlung in eine kleine Forel. Erinnern wir uns, wie der Sohn von 
Professor Kocher sie schlägt, um „etwas zu provozieren". Auch mir 
sagte Patientin, ihre Funktionen seien zu phlegmatisch, und zwar wegen 
Onanie. Die Onanie führt, wie Patientin sich ausdrückt, „zur Erschlaffung 
der Denknerven 2 ), der sexuellen Nerven" (wieder die Nebeneinander- 
stellung der zwei Gegensätze: des Psychischen: „Denknerven" und des 
Animalischen: „sexuelle Nerven"). Ferner führt die Onanie zu Stuhl- 
trägheit. (Sie und ihre Kinder leiden ja an Stuhlverstopfung = „Fem- 
stopf ung".) Ihre Krankheit wird auch in diesem Falle durch den Sexual- 
verkehr geheilt: sie wird elektrisiert, und zwar „auf dem Stuhle". 
Letzteres bezieht sich wohl auf Sexualgefühle beim Stuhlgang. In 
der Zelle hat sie eine Matratze und einen Nachtstuhl. Sie wird über 
Mittel gegen Cholera gefragt. Cholera, als Diarrhöe, wäre der Gegen- 
satz zu Verstopfung, die Patientin, wie bekannt, von der Kälte beim 
sexuellen Verkehre und der daraus erfolgenden Onanie herleitet. Die 
Diarrhöe sollte demnach als Folge des Überflusses an Liebe auftreten. 
„Die kleine Forel" erfüllt sowohl den Wunsch ein Kind (von „Professor 



1 ) Name der Patientin. 

2 ) Vgl. Schreber: Denkwürdigkeiten, S. 227. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. 111. &<> 



386 S. Spielrein. 

Forel") zu haben, als auch so intelligent zu sein wie er. Das gleiche 
kann man von „Studentin", „Frau Professor M.", „Frau Medizinalrätin" 
sagen. Sie beginnt mit einem bescheideneren Titel und steigt sukzessive 
zu höheren auf. „Wissenschaft", insbesondere „Medizin" treiben be- 
deutet zugleich auch sexuell verkehren. (Wir sehen die „Gewebe Wissen- 
schaft", Histologie, auch „Krankheit" genannt.) Wie viele Male konnten 
wir uns überzeugen, daß der Arzt die Eolle des Mannes bei der Patientin 
spielt, daß seine Behandlung im Koitus mit der Patientin besteht, daß 
die „Medizin", welche „das Keine der Gesundheit gibt" — ein „spermati- 
sches Wasser" ist! 

IX. Kindhsitseindrücke, Verwandlungsgedanken, Träume. 

Es ist von besonderem Interesse, zu erfahren, inwiefern die Er- 
krankung bereits in den Kinderjahren determiniert ist, und welche Rolle 
dabei die nächsten Angehörigen spielen. Patientin erzählt, sie habe als 
Kind die „träumerische Fähigkeit" gehabt, z. B. in einem beliebigen Stücke 
Papier sich jedes Spielzeug vorzustellen. Sie habe nicht viel Spielzeug 
gehabt, da ihr Vater nicht reich war. Als junger Mann sei ihr Vater sehr 
gut gewesen: er war lustig, trank nie, beschäftigte sich mit Singen und 
Guitarrenspielen. Mit der Mutter sei er gut gewesen, die Kinder aber habe 
er geschlagen. Patientin habe ihn zuerst sehr lieb gehabt, dann mochte 
sie ihn nicht mehr, weil er sie schlug. In der Kindheit habe sie Gott gesehen 
oder sie habe „gottähnliehe Träume" gehabt. (Gleichstellung von Traum 
und Wirklichkeit !) Mit 8 Jahren sei sie einmal ungerecht geschlagen 
worden und da zeigte sich ihr Gott. Er „sah wie ein Riesenspielzeug aus". 
„Das Riesenspielzeug wäre z. B. die Schweiz, als Riesenspielzeug scheine 
sie in einer Höhe, die man nicht erklimmen kann." „Er stand auf seines 
Daches Zinnen." Im Traume sah sie in ein Tal hinab; „da gab es kleine 
herzige Mädchen ; die durften nicht geschlagen werden. Alles war verkleinert, 
herzig und lieblich: kleine Pferdehen. Kühe. Wagen." 

(Aus der Krankengeschichte.) .,Der Vater starb an einer Religions- 
krankheit, er wurde unrein", sagt Patientin. „Während der Krankheit 
der Mutter besuchte er das Bordell." Nach der Kremation der Mutter 
nahm sie einige Knochenfragmente nach Hause; sie war in einer exaltierten 
Stimmung, habe dem Vater vorgeworfen, er habe sie durch sein schlechtes 
Benehmen zum Sterben gebracht. Zuletzt waren Streitigkeiten entstanden 
zu Hause wegen des Verkaufes eines Hauses und Übernahme einer Wirt- 
schaft. Ein Teil des Vermögens wurde zu dieser Zeit verlorer". — Zu der 
Z»it als Patientin sich als eine „kleine Forel" sah,hörte sie, wie die Kranken- 
geschichte berichtet, Liebesstimmen, Versueherstimmen. Es folgte ihr Dr. S., 
ein Freund ihres Bruders; ein anderes Mal hörte sie die „Vaterstimme": 
„Sie sind wohl stark, Frauengarten !", habe ihn häufig gesehen in allen 
Situationen, freundlich und grob. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 387 

..Der Vater war Alkoholiker," sagt sie mir, „der Vater war ein Pferde- 
freund; die Pferde hatten seine Reinlichkeit gern." Das ist ungefähr alles, 
was wir vom Vater erfahren. 

Der Vater hat getrunken; brutale Handlungsweise ist eine ge- 
wöhnliche Folge des Alkoholismus. Obgleich Patientin sagt, daß Bett- 
nässen (Onanie) die Folge der erkälteten oder geschlagenen Blase ist, 
obgleich wir Fälle kennen, daß Kinder durch Schlagen zur Onanie 
gebracht wurden und deshalb die ätiologische Vermutung der Patientin 
nicht ohne Grund ist. so läßt sich mit Sicherheit neben der Onanie 
doch nur eine starke masochistische Komponente konstatieren, die, 
wie immer, in der Krankheit, durch einen dem Wartepersonal recht 
fühlbaren Sadismus kompensiert ist. Patientin sucht Schuld und Sühne, 
vor welchen sie gleichzeitig flieht. Sie wird von denen, die sie liebt und 
haßt, geschlagen, und das Schlagen hat bei ihr eine sexuelle Färbung. 
Bei dem Worte gerät sie immer in den heftigsten Affekt. Manchmal leugnet 
sie, daß der Vater sie geschlagen hat (diese Unsicherheit haben wir ja 
öfters beim Auftreten des Komplexes gesehen), ein anderes Mal erinnert 
sie sich dessen ganz genau, sie weiß auch, wie sie sich in Wunschträume 
rettete, wie z. B. als sie in ein Tal mit „Meinen herzigen Mädchen" 
sah. die nicht geschlagen werden durften. Der Alkoholismus, das Übel 
des Vaters wurde ebenfalls in ein Sexualsymbol umgewandelt; aus 
Alkohol wurde der „Geist des Weines" beziehungsweise „des Blutes"; 
demnach sollte der Alkohol neues Leben geben, er wurde zum Befruchten- 
den, zur Samenflüssigkeit 1 ). Der Mann der Patientin, dem Typus „Vater" 
entsprechend, trinkt auch, ist „übergewaltig". Die Übertragung auf 
Dr. J. berücksichtigt, daß er Abstinent ist und macht daraus das Gegen- 
teil, den Alkoholiker. Ihr Vater war musikalisch, Dr. J. „hat Freude an 
der vollendeten Musik". Ihr Vater soll der Prostitution verfallen sein, 
der habe Zeus aquiriert, Dr. J. sei ein „Mormonenfreund, der jedes 
Jahr eine neue Ehe eingehen möchte". Einmal erscheint ihr auch direkt 
der Vater als Versucher. Der Vater imponiert ihr durch seinen „Pferde- 
geist": groß, stark, reinlich; das gleiche schätzt sie an den Personen, 
auf die sie „überträgt". Sie sieht Gott, Jesus Christus und Forel zu 
ihr in Gestalt von Pferden kommen. 

Den Vater sieht sie einmal in einer Vision von drei Herren über- 
wältigt. Im Sinne der obigen Symbolik („Pferdegeist") würde die Er- 
klärung dieser Vision wohl lauten, daß Patientin darin das Bedürfnis 



l ) Ganz entsprechend der mythologischen Definition des Somatrankes. 

25* 



388 S. Spielrein. 

äußert, die Macht des Vaters gebrochen zu sehen durch drei Herren" 1 ). 
Patientin hatte eine Zeit, wo sie sich nach Befreiung von den Eltern 
sehnte. 

Vor dem Eintritt in die Anstalt (die Zeit gibt sie jetzt an) träumte sie, 
daß das elterliche Häuschen „im Rauch aufging". Bald darauf hatte sie 
einen Traum: die Gegend war in eine Sandwüste verwandelt; sie sah keinen 
Ausgang mehr. Da kam sie durch eine Blumenpforte; da fand sie einen 
silbernen Löffel. 

Frage: „Was bedeutet , Sandwüste'?" 

Antwort: „Schlimme Situation." 

Frage: „Was bedeutet die Blumenpforte?" 

Antwort: „Triumphbogen." 

Frage: „Und der silberne Löffel?" 

Antwort: „Dessen ich weit war, das Recht eine Küche zu regieren." 

Was „Küche" bedeutet, brauchen wir nicht zu fragen: wir wissen, 
daß er Symbol der Menschenschaffung ist; um „Kochen" = neue 
Menschen schaffen zu können, braucht man etwas, das dem männ- 
lichen Organ entspricht: das ist der Löffel. Der Deutung entspricht, 
daß Patientin sofort von ihrem Mann erzählt und sich auskleidet, weil 
sie Müdigkeit spürt und zu Bett möchte. Die eben erwähnten Träume 
bringen sie nach \V., wo sie sich als IG — 17jähriges Mädchen „nach 
Liebe sehnte". Sie habe sich von den Eltern befreien wollen. Der Wunsch 
sei so stark gewesen, daß sie eine Heiratsannonce in die Zeitimg ge- 
schrieben habe. Es habe sich ein Leutnant gemeldet, der sie nach der 
Mitgift fragte und den Brief mit den Worten schloß: „Drum prüfe, 
wer sich ewig bindet". Patientin habe damals heftige Angst bekommen, 
es könnte jemand von den Eltern etwas erfahren. „Oder kannte ich 
damals schon meinen Freund?" fragt sie plötzlich. Unter „Freund" 
versteht sie den jetzigen Mann ihrer Schwester, den sie geliebt haben 
will; er soll 2 Jahre älter gewesen sein als Patientin, und ihre Liebe 
nicht erwidert haben; später habe er sich in ihre Schwester verliebt. 

Wir erfahren über ihn folgendes: ..Der junge Mann war ein Freund 
meines Bruders. Er war bei meiner Großmutter auf Besuch; der Bruder 
ließ ihn auf einem Kasten schlafen; beim Einpacken packte er die Jacke 
der Großmutter mit ein. Es gab dann eine Histologie, den Auswuchs der 
Melancholie bei dem jungen Manne, weil es Anlaß zu unreinen Vermutungen 
gab; das Geschwätz kam durch die Magd, weil der junge Mann mich heim- 
begleitete. Jetzt verleumdet man mich wegen dieses Verkehrs: man sact 



*) Die Dreizahl ist bedeutsam, historisch hat sie männliche Bedeutung 
(Penis und zwei Testikel). 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 389 

mir Hure. Ich habe mich mit dem jungen Manne im Bade getroffen. Das 
ist die Mystik der heiligen Wasser der Verstorbenen im Geiste der Pflicht, 
die mit den Bädern zusammenhängt, die mythologisch . ." (Zuerst Ver- 
sprechung: „Bällen", dann korrigiert sich Patientin : „Bädern".) „Ich war da- 
mals 16 Jahre alt," fährt sie fort, „die Bekanntschaft dauerte 2 Jahre, 
solange er in Zürich war. Es war eine reine Freundschaft. Das Frauenzimmer 
darf nicht was dahinter suchen 1 )." 

Als ich Patientin frage, wie lange die Schwester mit dem jungen 
Manne verheiratet ist, erzählt sie mir, daß sie ihre Schwester in einem 
Moseskorbe schwimmen sah. Wie wir im Abschnitt über „Wasser- 
symbolik" erfahren haben, erklärt Patientin diese Erscheinung als eine 
Gefahr für die Schwester. Nun verstehen wir auch, warum Patientin 
daraufkommt, in ihren Visionen die Schwester zu vernichten und gleich- 
zeitig in die eigene Wunschpersönlichkeit zu verwandeln 2 ). Wenn sie 
den jungen Mann heiratet, muß sie ja an die Stelle der eliminierten 
Schwester treten. Ebenso zweckmäßig erscheint die Beseitigung der 
Eltern. Patientin sieht den Vater von drei Herren überwältigt. Als einen 
dieser drei Herren nennt sie ,,Dr. W., Freund meines Mannes, Lehrer 
meiner Schwester". Der Mann der Patientin war Lehrer (Professor). 
Der Lehrer hat aber auch die Bedeutung von „Arzt", wie auch um- 
gekehrt. In der „ Schul wegpoesie" mit „Karl dem Großen" haben wir 
gesehen, daß letzterer der Lehrer ist, welcher mit der Schwester der 
Patientin sexuell verkehren möchte. Zugleich erwies sich dieser Lehrer 
als Doktor J. Der „junge Mann" spielt der Schwester gegenüber die 
gleiche Eolle wie der Lehrer (Mann der Patientin) und Dr. J. in den 
Phantasien der Patientin. Statt den jungen Mann, von dem sie eben 
sprach, als Sieger zu nennen, nennt Patientin einen Lehrer = Arzt, 
unter welchen wir Dr. J. vermuten. Und tatsächlich haben wir noch 
Assoziationsverbindungen zwischen dem „jungen Manne" (auch „Freund" 
genannt) und Dr. J. Ich machte auf die Versprechung „Bällen" statt 
„Bädern" aufmerksam. Was zeigt die Fortsetzung? 

„Die Stimmen bezweifeln meine Bravheit noch in den Jahren . ., 
als ich in der welschen Schweiz war. Da war ein Jugendfest. Ich war in 
einer Schusterfamilie. Es gab Tanz bis 9 Uhr nachts. Am Tage gab's Karussell 
und Schaubuden. Man sah mich von einem Bekannten zum Tanz engagiert. 
Die Familie verkehrte mit Dr. J." (Patientin kniet nieder.) „Es gefiel mir 
dort nicht, ich war immer so müde." 



x ) Es ist wohl kaum mehr nötig zu bemerken, daß „Vermutungen" des 
Frauenzimmers geheime Wünsche der Patientin sind. 
2 ) Siehe „Wassersymbolik". 



390 S. Spielrein. 

Die Versprechung „Bällen" deutete uns auf eine im Unbewußten 
bestehende Verbindung. Die sich aus der Tiefe nach oben drängende 
Vorstellung wird zuerst vom Bewußtsein als unpassend zurück- 
gewiesen; Patientin korrigiert sich: „Bädern", fährt fort vom „jungen 
Manne" zu sprechen, jedoch dauert es nicht lange und die unterdrückte 
Vorstellung gewinnt die Oberhand. Patientin kommt auf Karussell, 
Schaubuden zu sprechen, welche zu den Karnevalphantasien überleiten. 
Wie uns das Kapitel „Psychologisch-sixtinische Experimente" zeigte, 
wird sie zur Karnevalszeit von Dr. J. „gerichtet", „geschlagen", was 
bei ihr eine Sexualhandlung ist. Hier denkt sie zuletzt ebenfalls an 
Dr. J. Dabei kniet sie nieder, wie wenn sie zu einem himmlischen 
Richter beten würde. Worin besteht nun das Gemeinsame, die Ver- 
bindungsbrücke zwischen dem Vorstellungsinhalte „Bädern" und 
„Bällen", die dem Unbewußten die Berechtigung gab, ein Wort durch 
das andere zu ersetzen? Sowohl die mythologischen (d. h. mit der 
Menschenentstehung zusammenhängenden) Bäder, wie auch die 
Karnevalspiele sind bei der Patientin Symbole, welche ihren Wunsch, 
mit Dr. J. sexuell zu verkehren, realisieren. Interessant ist, daß das neue 
Liebesobjekt, Dr. J., durch die gemeinsame Symbolik vollkommen mit 
dem alten verdichtet wird; das neue Erlebnis wird in die Bahn des 
alten Komplexes hineingezwungen, so daß Patientin mit den gleichen 
Widerständen kämpft, welche sie früher beschäftigten: der neue Ge- 
liebte wie der alte kämpft gegen die Macht der Eltern, beide verkehren 
mit der Schwester der Patientin. 

Wir haben noch mehrere einschlägige Beispiele: Schon in frühester 
Kindheit hatte Patientin zwei Pferde des Vaters sehr lieb gehabt. Das 
braune — Dory — verglich sie mit sich, das weiße — Fritz — mit ihrem 
Bruder. Was macht nun das Unbewußte aus diesen Geliebten? Alle 
Personen, die Patientin gern hat, werden mit Pferden verglichen. 

,,Es wäre gut," meint Patientin, „wenn man im Menschen das Tier 
finden könnte, welches sein Schutzgeist ist. Ich hatte immer Pferde 
sehr lieb. Ein Pferd hat bei mir in der Wohnung alle Mäuse gefressen." 
(Weiß nicht, ob Wirklichkeit oder Traum.) ..Aber wenn man den Geist 
eines solchen Tieres, die Liebe, in sich hat, muß man schwer leiden: mir 
wurde der Kopf gespalten, der Geist kam in mich herein und wütete in mir. 
Wenn man die Knochen von den Toten verbrennt, dann zermahlt, im 
Wasser löst und damit die Erde düngt, so verbreitet es sich in der Luft." 

Frage: „Wieso denn?" 

Antwort: „Durch Ausdünstung. Dann kann man z. B. auf dem Baume 
den Kopf des betreffenden Tieres sehen." 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 391 

Zunächst hebt Patientin das Geistige hervor: Das Tier wird 
Schutzgeist genannt. Die Liebe ist der Geist, welcher in Patientin 
durch den gespaltenen Kopf (Sitz der Seele) hineinkommt. Dann folgt 
das Körperliche: „die Knochen von den Toten". Bei der Besprechung 
des Novozoon belehrte ims Patientin, es sei ein Totenstoff, der „vom 
Kopfe und den spermatischen Erzeugnissen im Tiere" stammt. Im 
Kapitel „Histologie und deren Behandlung" sahen wir, daß Patientin 
wegen der Onanie an mangelnder Milchsekretion litt. Die künstliche 
Milch, welche viel Kalk enthält, beschuldigte sie der „Knochenver- 
kalkung". Letztere „Krankheit", welche von einer unreinen Ursache 
stammt, wird ebenfalls als unreine, also als „sexuelle Diszentrie" auf- 
gefaßt (da Patientin ja nur eine Art von Unreinheit — die sexuelle — 
kennt). Der verunreinigte Gegenstand, die Knochen erhalten die Be- 
deutung eines schmutzigen und zugleich befruchtenden sexuellen 
Produktes. Dieses muß verbrannt werden (Feuer der Liebe, weil die Kälte 
zur Onanie verführt), es muß im Wasser gelöst werden (wie die im 
spermatischen Wasser Jesu gelöste Kindlichkeit) und wird zum 
„Düngen" — Befruchtung der Erde verwendet 1 ). Wie bekannt, versteht 
Patientin unter der Erde eine Frau. Patientin hat uns früher den Vorgang 
der Menschengenese beschrieben : das aus den Geschlechtsteilen der Frau 
kommende Fruchtwasser hat sie in Form der „italienischen Seen" dar- 
gestellt, die „durch eine Spaltung der Erde" (Körper) zutage treten. 
Hier geht aus den toten Knochen (Totenstoff = Sperma) das neue 
Tier hervor, es kommt durch Ausdünstung seiner wässerigen Lösung 
(aus dem Körper der Frau = Erde, welche diese Lösung „düngte") auf 
die Welt. Wie wir früher sahen, daß Jesus durch „die reine Luft seiner 
Erde" (— Körper) „erlöst" (= befruchtet), wobei die „Luft" (das 
Psychische) zum „spermatischen Wasser" (das Physische) wird, so 
haben wir hier den umgekehrten Vorgang. Das Wasser, welches von 
Tierelementen „durchtränkt" ist, dünstet aus, und die Tierelemente 
kristallisieren gleichsam in der Luft zum neuen Tiere aus. Man sieht 
entsprechend dem Übergange vom Physischen ins Psychische, den 
„Kopf" des Tieres. Die befruchtende geistige Liebe kam in die Patientin 
durch den Kopf. Dazu mußte ihr der Kopf „gespalten" werden, wie 
wenn etwas Körperliches, das räumliche Ausdehnung hat, in sie hinein- 
gekommen wäre. Ich will hier bemerken, daß Patientin diese Kopf- 

*) Wir sahen, daß die Erde beim Düngen neben dem Samen auch andere 
Produkte erhält. Das heißt also, daß Patientin das Düngen bereits als eine 
Befruchtung auffaßt. 



392 S. Spielrein. 

Spaltung „Phrenologie" nennt. Als Wissenschaft, die sich mit den 
Kopfformen beschäftigt, ist die Phrenologie der Gegensatz zur 
„Anatomielehre", welch letztere, wie wir wissen, sich mit weiblichen 
Sexualorganen abgibt. Im Kapitel „Psychologisch-sixtinische Experi- 
mente" sprach Patientin von einer „Seelensektion, anatomische Prüfung 
oder Phrenologie". Die beiden ersten Ausdrücke haben wir, dort als 
Symbole der sexuellen Aggression (seitens Dr. J.) der Patientin gegen- 
über kennen gelernt. Nach dem oben Gesagten dürfen wir auch für die 
„Phrenologie" die gleiche Bedeutung annehmen. 

Ebenso wie Patientin zu einer kleinen Forel wird, so wurde sie, wie 
sie einmal erzählte, durch die mythologische (=sexuelle) Behandlung zu einem 
Pferde, „zum Studium der Wissenschaft" 1 ). „Ich wurde narkotisiert und 
erwachte als Pferd." Ein anderes Mal wurde sie getötet und erwachte als 
Pferd. 

„Die Pferdephyse wird in Menschenphyse verwandelt," sagt Patientin; 
„das Tier wird getötet und daraus entsteht ein Mensch. Das gehört zur 
Mythologie der Kriegsereignisse. Professor Forel hat auch die Pferdestufe 
durchgemacht?" 

Frage: „Was ist in dem Falle der Tod?" 

Antwort: „Der Tod ist nur dann Erlösimg, wenn er physisch auf- 
gelöst wird. Ich wurde narkotisiert 2 ) und beim Erwachen hatte ich das 
Gefühl, daß ich ein Tier sei; es ist die Wissenschaft von Professor Häckel, 
die Erforschung der Darwinschen Theorie." 

Der Tod ist auch hier mit sexuellen Vorstellungen verknüpft. 
Die Verwandlungsgedanken (welche in der Mythologie jedes Volkes 
vorhanden sind) suchen auf eine für das Unbewußte sehr logische Art 
eine Stütze in der Darwinschen Theorie. 

Patientin sieht einmal nachts Pferde köpfe (das Geistige!) zu ihr 
kommen, die ihr sagen, in Züricher Oberland sei Gefahr, sie seien verloren, 
sie müßten mythologisch behandelt werden für die Genese, sie gingen zu- 
grunde, wenn sie nicht benutzt würden für die Wissenschaft. 

Das Züricher Oberland ist die Gegend, wo Patientin ihre erste Liebes- 
geschichte erlebt hat. „Das braune Pferd symbolisierte mich, das weiße 
hieß Fritz," meint Patientin. „Fritz" hieß das weiße Pferd, welches, wie 
oben erwähnt, Patientin mit ihrem Bruder verglich. Daraus folgt, daß sie 
und ihr Bruder beziehimgsweise die späteren Geliebten, welche die Stelle 
des Bruders einnehmen, „mythologisch" behandelt werden müssen oder, 
in unsere Sprache übersetzt, sexuellen Verkehr haben müssen. 

J ) „Wissenschaft" ist bekanntlich die sexuelle Wissenschaft, die mit der 
Ausführung der „Funktion" verknüpft ist. 
2 ) Bei der Geburt. 



Über den psycholog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 393 

„Als ich verheiratet war, stand ein großes Pferd vor der Wohnung 
und fraß alle Mäuse," erzählt Patientin; „es war ein prächtiger Kopf, langer 
Hals, schwerer Körper." „In der Anstalt hatte ich eine Vision; es war eine 
Art Pferderennen. Das Pferd hatte einen großen Bauch." 

Frage: „Wann hat man einen großen Bauch?" 

Antwort (mit lächelnder Miene) : „Vielleicht trug die Stute." 

Es folgen Fragen über ihre Kinder. 

Wie in der zweiten Vision das Pferd mit dem großen Bauche die 
Schwangerschaft symbolisiert, so wird wohl bei der ersten Vision der 
„schwere Körper" das gleiche bedeuten. Patientin läßt das Pferd Mäuse 
fressen. Bis jetzt hat sich das Essen der Patientin immer als Sexualakt 
herausgesteUt, und wahrscheinlich wird es auch hier die Befruchtung 
bedeuten, nach welcher man schwer, d. h. gravid wird 1 ). 

Ein weiterer Traum: „In den Bergen stürzten Pferde. Sie hatten die 
Geistesgegenwart im Fallen Menschen totzubeißen, die sie leiteten." 

Patientin erklärt: „Die Historik; es hat mit dem Kriege was zu tun. 
Die Kriege werden ausgefochten in den Gegenden, in welchen viele Pferde 
sind, damit das Pferd den Reiter trage. Es sind Kriege aus dem Jahre 1870." 
(Kriege mit Türken.) „Die Türken sind Asiaten. Bei uns sagt man einem 
Gerichte „Türken". Mais wird „Türken" genannt. Es ist ein Krieg wegen 
der Frucht. Die Türken werden auch Samen haben, wie andere Tiere; es 
sind spermatische Früchte. Die Samen gehen in die Erde, daraus kommt die 
Frucht hervor. Diese kann nicht befruchten, aber gesund machen, wenn 
sie gesund ist." 

Ein Sturz in den Bergen erinnert an den Abortuskomplex. Der 
Sturz der Pferde ruft die Vorstellung vom Kriege hervor (von welchem 
Patientin während der Narkose bei Einleitung des Abortus träumte), 
und zwar vom türkischen Kriege. Es ist unzweifelhaft, daß „Türken" 
Sexualsymbole sind, denn Patientin sagt ja, daß „Türken" Mais bedeuten 
und daß die Kriege wegen den „spermatischen Früchten" geführt werden. 
Sie führt auch die Phantasie der Erdbefruchtung an. Die Türken 
imponieren der Patientin durch ihre Überschwänglichkeit im sexuellen 
Verkehre, weshalb sie Patientin zu Symbolen wählt. Patientin sagte 
einmal, sie wäre keine Türkei, kein mormonenireundliches *Land 
(vgl.: „Dr. J. ist ein Mormonenfreund, der jedes Jahr eine neue 
Ehe eingehen möchte"). Sonderbar ist der Satz: „Die Kriege werden 
ausgefochten, damit das Pferd den Keiter trage". Ich erinnere an die 



x ) In der griechischen und germanischen Mythologie kennen wir die Maus 
als Symbol der Seele. Dies kann das Unbewußte der Patientin als Negativ 
zum Körperlichen, zum Symbole des befruchtenden Organs gewählt haben. 



394 S. Spielrein. 

Arbeit von Jung „Über Konflikte der kindlichen Seele" 1 ), wo die 
kleine Anna ihre Wünsche dem Vater gegenüber im Traume auf die 
Art realisiert, daß sie auf dem Magen des Onkels reitet. Auch bei der 
Patientin scheinen die Reiter in ähnlicher Beziehung zu den Pferden 
zu stehen. Hören wir weiter: 

„Die gefallenen Pferde werden dann aufgesucht. Im Zusammenhange 
damit steht das Tal Mariazell. Pferde — das gehört zur Mythologie. Die 
Pferde, welche Menschenköpfe gefressen haben, werden für die Wissenschaft 
verwendet." 

Die Pferde fressen Menschenköpfe, und das gehört zur „Mytho- 
logie", welche ja, wie wir wissen, mit der Menschengenese zusammen- 
hängt. Das wundert uns nicht, wenn wir im Auge behalten, daß der 
Kopf das Geistige ist, welches Patientin statt des Physischen braucht 
„Aus dem Kopfe und der spermatischen Entwicklung im Tiere entsteht 
die neue Generation," sagte sie. Somit haben wir tatsächlich eine 
sexuelle Beziehung zwischen den „Pferden" und deren „Leitern": 

„Die Pferde hatten die Geistesgegenwart im Fallen Menschen tot- 
zubeißen, die sie leiteten." 

Frage: „Wie verstehen Sie das Kopffressen?" 

Antwort: „Es sind Experimente: man hat den Pferden ausgegrabene 
Leichen zum Futter gegeben." 

Die „Psychologisch-sixtinischen Experimente" von Dr. J. haben 
wir im entsprechenden Kapitel kennen gelernt; das Kopf fressen ver- 
gleicht Patientin mit Leichenfressen, da ja das aus dem Kopfe stam- 
mende „Novozoon" (= Sperma) ein „Totenstoff" ist. 

Patientin fährt fort: „Die Erlösung vom Katholizismus kann durch 
die Mythologie geschehen, weil der Wahnsinn durch die Mythologie ent- 
standen ist. Das hängt mit der Industrie zusammen." „Industrie" hängt 
mit den arbeitenden Klassen zusammen, welche arm sind. Der katholische 
Mann, welcher Patientin zum Wahnsinn brachte, zog ihr ein reiches Mädchen 
vor. „Totbeißen — heißt erlösen vom Leben oder den Charakter des 
Menschen prüfen," „d. h. Übertragung der Menschlichkeit in das Tier. 
Es gibt frohe Pferde, die in den Himmel kommen; diese sind dann Schutz- 
geister. Wenn das Tier einen Menschen beißt, wird die Menschlichkeit in 
das Tier übertragen. Das Totbeißen ist ein grauenhaftes Gericht Gottes. 
Es halten es nur diejenigen aus, welche ein reines Gewissen haben." 

Die Symbolik des Totbeißens ist uns nicht fremd. Im Kapitel 
., Tropenpoesie" haben wir gesehen, daß Patientin sich den Tieren vor- 
wirft, und haben das Gefressenwerden als einen Sexualakt in Todes- 



a ) Dieses Jahrbuch. 1910. 



Über den psycliolog. Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw. 395 

Symbolik ausgedrückt kennen gelernt. Das „Totbeißen" nennt Patientin 
^Gericht Gottes". Auch diese Bedeutung des Gerichtes (sexuelle Über- 
wältigung) ist uns geläufig. Beim Sexualakte mi